12. Einsam in London

Ein Geräusch ließ Lily aufschrecken. Instinktiv griff sie in ihrer Jackentasche nach ihrem Zauberstab. Da war es schon wieder. Ängstlich presste sich Lily noch dichter in die Türnische. Wildes fauchen und kreischen hallte durch die Straße. Eine weiße Katze rannte, gefolgt von einer rot-getiegerten Katze, davon. ‚Blöde Katzen', dachte Lily und entspannte sich langsam. Eine dichte Wolkendecke hing neblig trübe am Himmel und lies das aufkommende Tageslicht nur schwer durchdringen. Lily vermutete, dass es noch ganz früh am Morgen sein musste, denn auf den Straßen war kaum ein Mensch zu sehen. Habe ich die ganze Nacht in dieser Nische geschlafen, fragte sie sich. Ihr schmerzender Rücken verrieten ihr, dass es wohl so gewesen sein musste. Müde streckte sie sich erst einmal. Was sollte sie nun machen? Hier in London kannte sie sich gar nicht aus, und die Winkelgasse finden erschien ihr wie ein Glücksspiel.

Sie wollte auf dem schnellsten Weg zurück nach Hogwarts, doch wenn sie dahin wollte musste sie zum Bahnhof. Da würde aber sicher dieser Mr. Smith auf sie warten, zumindest würde sie es an seiner Stelle so machen. Doch diesen Gefallen wollte Lily ihm nicht machen. Ein schadenfrohes Grinsen huschte über ihr Gesicht, als sie sich vorstellte, wie er hektisch den Bahnhof nach ihr absucht, um seine entlaufene Beute wieder einzufangen. Pech für ihn, denn eine Potter zu fangen ist nicht einfach. Sie beschloss erst einmal zurück in die Stadt zu gehen. Mühsam rappelte sie sich hoch. Vorsichtig lugte sie aus ihrem Versteck rechts und links die Straße hinunter. Alles war ruhig. Aus der einen Richtung hörte sie Straßenlärm, da musste sie hin. Möglichst unauffällig aber immer noch wachsam lief sie auf den Lärm zu. Am Ende der Straße blieb sie dicht an die Hauswand gedrängt stehen und blickte vorsichtig um die Ecke. Eine gut belebte Straße mit vielen Menschen boten ihr genügend Schutz um sich unauffällig zu bewegen.

„Mama, ich will nicht einkaufen."

„Sei still und komm jetzt!", hörte sie einen kleinen Jungen mit seiner Mutter streiten. Von Gegenüber drang laute Musik aus einem Geschäft, und direkt vor ihr klingelte ein Radfahrer, welcher seinen Hund Gassi führte, damit die Passanten schnell genug das Weite suchen konnten. Als „Landei" hätte Lily nicht gedacht, dass sie sich einmal so über den Lärm einer Großstadt freuen würde. Sie schlenderte ein wenig die Straße entlang, als sie plötzlich gerade aus vor sich einen Mann mit einem schwarzen Umhang, wie ihn auch Zauberer trugen sah, der sich mit einem anderen Mann stritt. Hastig wollte sie die Straßenseite wechseln, als ein Hupen sie erschreckte.

„Kannst du nicht Aufpassen? Die Straße ist doch kein Spielplatz!", wurde Lily von einem Autofahrer angebrüllt, der wild aus dem offenen Seitenfenster mit der Faust drohte. Doch Lily beachtete ihn nicht. Ihr Blick blieb starr auf den Mann im schwarzen Umhang gerichtet, doch schien dieser keinerlei Notiz von ihr zu nehmen. Er wandte sich ab und verließ schnellen Schrittes den Platz, so dass Lily ihn bald aus den Augen verlor. Langsam beruhigte sich das Mädchen wieder.

Lautstark machte sich plötzlich ihr Magen bemerkbar, sie hatte seit gestern Vormittag nichts mehr gegessen. Ihr fiel plötzlich ein, dass sie bei einer Wette von einem Jungen im Zug Muggelgeld gewonnen hatte. Sie zog ein paar zerknitterte Pfundnoten heraus, die sie gestern achtlos in ihre Tasche stopfte. Diese Wette verlangte nicht gerade viel Aufmerksamkeit, deshalb war ihr der Gewinn auch nicht so wichtig. Sie wollte dem Großmaul nur eine kleine Lektion erteilen. Wenn er jetzt wüsste, wie dankbar sie ihm in dem Moment war, dass er sie provoziert hatte. Sie blickte sich nach einem Schnellimbiss um. Ihre Mutter war immer strikt dagegen, sie mochte das ‚ungesunde Essen' nicht. Aber wenn sie ihren Vater einmal in die Stadt begleitete war sie oft mit ihm bei einem der großen Imbissketten essen. Lily musste nicht lange suchen und so saß sie bald an einem kleinen Tisch mit einem Tablett vor sich auf dem ein paar Brötchen und Rührei mit Speck lagen.

Sie überlegte was sie jetzt anfangen sollte. Sie würde erst einmal nach der Winkelgasse suchen, dort kannte sie genug Zauberer, welche ihr weiter helfen konnten. Doch das sollte sich schwieriger herausstellen als zuerst angenommen. Da sie bisher immer mit Flohpulver in die Winkelgasse gereist waren und sie London ansonsten kaum kannte, wusste sie nicht in welche Richtung sie zu Suchen anfangen sollte. Darum beschloss sie einfach drauf los zu laufen und dem Zufall zu vertrauen. Dieser hatte ihr schon oft aus aussichtslosen Situationen geholfen. Sie verließ den Imbiss und lief die Newgate Street entlang Richtung Stadtzentrum. Der Himmel hatte sich weiter zugezogen und dunkle Wolken kündigten baldigen Regen an. „Typisch London!", schimpfte Lily vor sich her und zog den Reiseumhang enger. Es fröstelte sie, und ihre Nackenhaare stellten sich auf.

Plötzlich hatte sie das Gefühl beobachtet zu werden. So als wenn sich stechende Blicke in ihren Rücken bohrten. Sie lief schneller und zwängte sich durch eine Gruppe Passanten durch, die nur mürrisch den Kopf schüttelten. Lily blickte sich um, doch es war niemand auffälliges zu sehen. Das unangenehme Gefühl wollte sich trotzdem nicht legen. Sie hatte ja keine bestimmte Richtung in die sie wollte und so mischte sie sich unter ein paar Schulkinder die in die nächste Querstraße, der St. Martin's Le Grande einbogen. Sie ging noch ein wenig mit den anderen Kindern, bevor sie nach rechts dem Schild Zentrum in die Gresham Street folgte.

Lily entspannte sich langsam wieder. So lief sie weiter Richtung Zentrum. Doch wo sollte sie suchen? Der tropfende Kessel war eine Kneipe mit einem schäbigen unscheinbaren Eingang in einer Seitenstraße. Es wäre reiner Zufall den zu finden. Doch Lily hatte gelernt, das ihr gerade in ausweglosen Situationen oft der Zufall zu Hilfe kam. Und so begann sie mehr planlos in London herumzulaufen. Sie muss dabei wohl sehr orientierungslos gewirkt haben, denn sie wurde von einem Polizist angehalten und gefragt, ob sie denn nicht in der Schule sein müsste. Doch konnte sie ihm glaubhaft machen, dass sie auf einem Internat zur Schule gehe und sie gerade ihre Ferien bei ihrer Oma hier in London verbringen würde. Insgeheim dachte sie, dass sie den Polizist nicht einmal angelogen hatte, zumindest was die Ferien anbelangte. Sie erblickte auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine alte Frau, welche Kopfschüttelnd in ein Schaufenster blickte. „Hallo Oma, hier bin ich!" rief Lily und ließ den Polizisten einfach stehen. Der blickte ihr nur noch kurz hinterher bevor er weiter ging. Puh, das war knapp, dachte sich Lily. Was hätte sie ihm nur erzählen sollen, wenn er sie hätte nach Hause bringen wollen.

Sie irrte weiter durch die vollen Straßen und wurde immer unruhiger. Wo war eigentlich ihre Urgroßmutter, welche ihr im letzten Jahr so geholfen hatte. Lilys Urgroßmutter war eine Wächterin und hatte im letzen Schuljahr bei Lilys Abenteuer schützend ihre Hand über Lily gehalten. Doch diesmal war nichts von ihr zu sehen. Lily wurde beinahe schon ärgerlich. Sie fluchte leise vor sich her und schimpfte über die Unzuverlässigkeit der Wächter und ihre misslich Lage. Sie achtete gar nicht mehr darauf wohin sie lief. Sie bemerkte nicht, dass die Straße immer enger und die Häuser immer schäbiger wurden.

Ein lautes Scheppern erregte auf einmal ihre Aufmerksamkeit. Sie ergriff ihren Zauberstab wieder fester. Das war eindeutig eine Person, welche dort in den Mülleimern kramte. Eigentlich war das nichts ungewöhnliches, denn in London, so hatte es ihr ihre Mutter erzählt, gibt es viele Bettler noch dazu in dieser heruntergekommenen Gegend. Doch dieser Landstreicher war sehr auffällig. Er trug einen Reiseumhang, wie ihn nur Zauberer tragen und hatte wohl wegen des schlechten Wetters die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, so dass Lily das Gesicht des Fremden nicht erkennen konnte. Dieser schien Lily nicht gesehen zu haben, was ihr gerade recht war. Dann bemerkte sie, das sich der Mann auf einen Gehstock stützte welcher mit einem silbernen Knauf verziert war. Entweder hatte er den Stock gestohlen, oder er war nicht so arm, wie er hier vorgab. Egal was es war, es weckte Lilys Neugierde. Langsam, immer dicht an die Wand gepresst und hinter geparkten Autos Deckung suchend, folgte sie der Gestalt die sich langsam von ihr fort bewegte. Er ging langsam, schien aber ein bestimmtes Ziel vor Augen zu haben. Lily hielt Abstand und versteckte sich so gut sie konnte, doch der Fremde schien seine Umgebung gar nicht wahr zu nehmen. Sie hatte den Eindruck, dass dieser Mann eher betrunken war, denn er torkelte und schwankte stark beim gehen und stieß immer wieder an parkende Autos, welche er dann lautstark lallend beschimpfte. Lily musste fast lachen bei dem Anblick, verkniff es sich aber, um nicht die Aufmerksamkeit des Fremden zu erregen. Plötzlich verschwand der Fremde durch eine Tür. Zuerst hatte Lily das große Schild gar nicht bemerkt, welches quietschend über der Tür schwang. Doch dann erhellte sich ihre Miene. Auf dem Schild war ein verbeulter Kupferner Kessel abgebildet. Sie hatte den tropfenden Kessel, welcher der Eingang zur Winkelgasse war, gefunden. Den Fremden hatte sicher ihre Urgroßmutter geschickt. „Danke, Agnes", flüsterte Lily und eilte auf die Tür des Tropfenden Kessels zu.