Der Spiegel der Rache

Colin sah sie mit Schock geweiteten Augen an.

„Bist du sicher?", fragte Lily ihre Cousine, doch diese nickte nur traurig.

Bevor irgendjemand ein weiteres Wort sagen konnte, ertönte vom Lehrertisch aus ein lautes Klirren.

„Ich bitte alle Schüler sich zurück auf ihre Plätze zu setzen", sprach Professor Wennell ruhig, der aufrecht zwischen Tisch und Stuhl stand und erwartungsvoll auf die aufgeregt in der Großen Halle herumstehenden Schüler und Lehrer hinabsah.

„Ihr könnt gerade nichts tun. Es ist nicht einmal sicher, ob es sich nicht einfach wieder um einen Scherz handelt. Deshalb bewahrt bitte Ruhe. Esst Frühstück und geht dann wie gewohnt in den Unterricht. Ich bin mir sicher, die beiden verloren gegangenen Schüler werden bei Zeiten wieder auftauchen."

„Das ist doch nicht sein Ernst!", stieß Colin verzweifelt aus.

„Doch leider", sagte Ascella und verdrehte die Augen, gehorchte Wennells Worten jedoch und ließ sich am Gryffindortisch nieder.

„Er denkt, es handelt sich jetzt noch um einen Scherz?", fragte Colin mit unterdrückter Wut.

Lily warf ihm einen mitleidigen Blick zu.

Da sich nach und nach immer mehr Schüler an ihre Tische setzten, folgten Lily, Colin und Eric dem Beispiel jedoch gehorsam. Der Lehrertisch blieb allerdings weitestgehend leer. Lediglich Professor Baddock frühstückte mit einem selbstgefälligen Grinsen seinen Haferschleim. Wahrscheinlich war er überglücklich, dass es immer noch niemanden aus seinem Haus getroffen hatte, sondern dieses Mal wieder zwei Gryffindors. Professor Longbottom, Professor Thomas, Cauldwell und Crouch hatten die Große Halle verlassen.

Lily tat sich ebenfalls auf ihren Teller auf, aber nur, weil sie wirklich hungrig war, bekam dabei jedoch ein schlechtes Gewissen Colin gegenüber, der sonst so viel essen konnte, wie er wollte, ohne zu platzen. Nun allerdings kauerte er wie ein Häufchen Elend auf seinem Platz und starrte ein Loch in seinen Teller, während sein Haustierdrache Dormy, der sich von selbst aus Colins Tasche befreit hatte, auf dem Tisch saß und nach jeglichem Essen schnappte, das er kriegen konnte.

„Erst Emma, jetzt Oliver und Wennell tut einfach gar nichts", beschwerte er sich wütend, als die drei die Große Halle verließen und hinauf in den Turm liefen.

Vor Verteidigung gegen die dunklen Künste hatten sie noch eine Freistunde.

„Kaum ist der Zauberkunstkorridor von den ganzen Stinkbomben befreit, passieren wieder neue Anschläge. Es gibt hier wirklich nichts als Ärger in Hogwarts."

„Warte mal. Was hast du gerade gesagt?", fragte Lily und sah ihn an, als wäre er der wiederauferstandene Dunkle Lord höchstpersönlich.

„Dass es nur noch Ärger in Hogwarts gibt", wiederholte Eric Colins Worte.

„Nein, das davor!"

„Dass der Zauberkunstkorridor wieder frei ist?", fragte Eric.

Lily hielt inne.

„Ich habe es!", rief sie und sah Eric und Colin fassungslos an.

Die beiden sahen sie nur an, als hätte sie nicht mehr alle Tassen im Schrank.

„Ich glaube, ich weiß, wo der Spiegel der Rache ist!", sagte sie aufgeregt, „Wir kennen ihn sogar seit unserer ersten Woche hier auf Hogwarts!"

„Was?", fragte Colin.

„Überlegt mal, wo der erste Anschlag passiert ist", sagte sie und sah die beiden wissend an.

„Im dritten Stock", antwortete Eric.

„Ja, und wo haben wir den Hufflepuff-Vertrauensschüler bewusstlos gefunden?", fragte Lily weiter.

„Im dritten Stock", sagte Colin nun wesentlich langsamer und mit gerunzelter Stirn.

„Und wie viele Anschläge sind passiert, während der dritte Stock wegen Max' Stinkbomben nicht mehr betretbar war?"

Eric und Colin starrten sie an.

„Du meinst das Porträt?", fragte Eric.

„Das sich in einen Spiegel verwandelt oder unsichtbar wird?", fragte Colin.

Lily nickte.

„Ich meine, habt ihr je ein ähnliches Porträt gesehen?", fragte sie, „Eins, das sich genauso verhält?"

Colin und Eric schüttelten den Kopf.

„Das ist genial, Lily!", rief Eric begeistert und auch Colin war beeindruckt.

„Sogar für die Zaubererwelt ist das seltsam", sagte Colin, „Es ist normal, dass die gemalten Personen durch die Porträts in Hogwarts durchlaufen können, dass sie hin und wieder verschwinden, dann wieder auftauchen, aber das Porträt, das wir damals gesehen haben, war komisch und habt ihr je irgendjemanden darüber reden hören?"

Lily und Eric schüttelten die Köpfe.

„Wahrscheinlich ist es noch niemand anderem aufgefallen und wir hatten einfach Glück", vermutete Eric.

„Glück?", fragte Colin und sah ihn ungläubig an, „Glück, dass es uns nicht damals als Erstklässler schon verspeist und dem Morungoren vorgeworfen hat."

„Was machen wir jetzt?", fragte Lily und sah ihre beiden Freunde ratlos an.

„Oliver ist in Gefahr! Wir müssen ihn retten!", sagte Eric, „Kommt! Wir dürfen keine Zeit verlieren!"

Und bevor noch irgendjemand etwas einwenden konnte, war Eric schon losgelaufen.

Lily und Colin folgten ihm so schnell sie konnten in den dritten Stock, bis sie an jenem Ort standen, an dem sie vor gut zwei Jahren das Porträt gesehen hatten, das hin und wieder verschwunden war.

Augenscheinlich unschuldig hing es zwischen all den anderen normalen Porträts an der Wand des Zauberkunstkorridors.

Als Lilys Blick dabei über den Fußboden streifte, wurde ihr klar, dass sie genau an dieser Stelle vor Weihnachten den Hufflepuff-Vertrauensschüler gefunden hatte.

„Meint ihr, dass man aus dem Spiegel der Rache heraus Leute angreifen kann?", wisperte Lily Colin und Eric zu, während sie das gerade leerstehende Bild an der Wand betrachteten.

Gerade wollte Colin den Mund aufmachen, um etwas zu erwidern, als sie plötzlich sich selbst im Porträt wiedererkannten. Ein klein geratenes Spiegelbild zeigte Lily, Colin und Eric, die zu dritt im Korridor standen und den Spiegel der Rache mit aufgerissenen Mündern anstarrten.

„Das ist er wirklich!", flüsterte Colin ehrfürchtig.

Ohne zu zögern streckte Lily die Hand aus und machte einen Schritt auf den Spiegel zu. Genau wie die echte Lily im Korridor handelte auch ihr Spiegelbild und ging geradewegs auf sich selbst zu. Nur noch Zentimeter trennten sie davon, die Fingerspitzen ihrer selbst im Spiegel zu berühren, und, als sie schließlich direkt davor stand und den Spiegel berührte, sich selbst berührte, wurde sie urplötzlich in blaues Licht getaucht und kurz darauf spürte sie, wie sie von einer unsichtbaren Kraft eingesogen wurde.

„Lily!"

Die panischen Schreie von Colin und Eric vernahm sie nur noch ganz leise, so als wären sie aus einer anderen Welt, einer Welt, die sie durch eine Scheibe Glas trennte.

Sekunden später tauchte Lily an einem neuen Ort wieder auf. Überrascht spürte sie weiches Gras unter sich, wie auf dem Quidditchfeld im Raum der Wünsche. Verwundert stand sie auf und klopfte sich den Umhang ab, während sie sich umsah. Nichts als weite Ferne lag vor ihr, der Boden war frisches hellgrünes Gras und es hätte alles wie eine schöne Naturszene gewirkt, wenn nicht eine Sache ganz klar überhaupt nicht in die Natur gepasst hätte. Der Himmel über ihr war weiß und sie hätte nicht sagen können, ob es eine Decke gab.

Über die Große Halle wusste sie, dass diese so verzaubert war, dass man das jeweilige Wetter draußen sehen konnte. Es war jedoch klar, dass, auch wenn man in den unendlichen Himmel schauen konnte, es in der Großen Halle eine Decke gab. Aber das hier war anders. Über ihr hing einfach ein ewiges weites weißes Nichts. Sie hätte nicht einmal sagen können, ob sie sich in einem realen Raum befand, oder nicht.

„Lily!", drangen die gedämpften Schreie von Colin und Eric zu ihr vor und Lily wandte sich ab von der grünen Graslandschaft und drehte sich um.

Hinter ihr war eine typische Korridorwand, wie man sie in Hogwarts überall vorfand. Der einzige Unterschied, den es gab, war, dass diese Wand fast leer war. Weder Fackeln hingen dort, noch Porträts. Es standen auch keine Rüstungen herum, wie sie es gewohnt war. Es gab nichts außer die kalte Steinwand und dem exakten Ebenbild des Spiegels der Rache, durch den sie wohl soeben hindurchgekommen sein musste.

Kaum hatte sich Lily versehen, tauchte ein weiteres helles blaues Licht auf, das auch sie eben in den Spiegel hineingesogen hatte, und wenig später lag ein verdatterter Colin neben ihr im Gras, bevor eine weitere Sekunde darauf Eric auf der anderen Seite auftauchte.

„Wow!", stieß Colin aus und sah sich ebenso wie Lily in der neuen Umgebung um, „Wo bei Merlin sind wir denn hier gelandet?"

„Im Spiegel der Rache vermutlich", antwortete Eric und rieb sich die Seite, auf die er im Gras aufgekommen war.

„Und jetzt?", fragte Colin und sah seine Freunde gespannt an, während er in seiner Tasche nachschaute, ob es Dormy gut ging.

Dieser gab ein gedämpftes Schnaufen von sich und flatterte mit den Flügeln.

Ja, das war eine gute Frage. Was jetzt? Bevor Lily oder Eric ihn jedoch irgendwie zurückhalten konnten, rief Colin laut durch die neue Umgebung: „Oliver! Oliver!"

„Nicht, Colin!", sagte Eric und hielt ihm den Mund zu, „Wir wissen doch gar nicht, was uns hier erwartet. Hältst du es wirklich für klug, hier einfach so laut herumzuschreien?"

„Hielt Lily es für klug einfach durch den Spiegel zu steigen, ohne vorher einen Plan zu haben?", fragte Colin ihn, „Wir haben keine Zeit. Wer weiß, wie lange Oliver und Steven schon verschwunden sind, bevor heute morgen jeder von der grünen Schrift bemerkt hat?"

Lily nickte. Colin hatte Recht. Sie hatten keine Zeit für einen guten Plan. Sie mussten weiterkommen.

„Aber hier ist nichts", sagte Lily frustriert und blickte erneut auf die vor ihr liegende Graslandschaft.

Weit in der Ferne erkannte man ein paar Bäume.

„Was wenn der Morungor kommt?", fragte Eric ängstlich und sah zwischen Lily und Colin hin und her.

„Siehst du hier einen Morungor?", fragte Colin.

Eric schüttelte den Kopf.

„Ich finde, wir sollten einfach erst einmal geradeaus gehen", schlug Colin vor und ging mit gutem Beispiel voran.

Lily und Eric folgten ihm und liefen geradeaus, weg von der Steinmauer und weg vom Spiegel der Rache machten sie sich auf die Spiegelwelt zu erkunden. Je weiter sie voranschritten jedoch, desto mehr erkannten sie. Zuvor hatte man nur ein paar Bäume sehen können, bevor dahinter alles in dichten weißen Nebel getaucht war. Der Raum schien so verzaubert zu sein, dass man nur einige Meter weit schauen konnte, dahinter aber absolut nichts mehr erkannte. Je weiter sie allerdings liefen, desto mehr tat sich vor ihnen auf.

Das erkannten sie gerade daran, dass plötzlich vor ihnen ein riesiger Steinbogen aufragte.

„Wow", stieß Eric aus, „Das kommt mir vor wie in einem echt guten Computerspiel."

„Was ist ein Computerspiel?", fragte Colin.

Lily glaubte zu wissen, was es sein konnte. Jedenfalls hatte sie bei Harold und Petunia im Zimmer einen Computer gesehen. Dennoch war ihr nicht klar, warum Eric so erstaunt und beeindruckt war. Ihr war eher mulmig zumute, und sie sah zurück zum Spiegel der Rache, oder dem Portal, durch das sie gekommen waren, doch als sie sich herumdrehte, war es verschwunden. Sie waren zu weit davon weg, um es noch erkennen zu können. Lily schluckte. Nun gab es kein zurück mehr. Alles, was sie tun konnte, war sich die Bäume in der Nähe einzuprägen, um am Schluss, falls sie hier heil herauskommen würden, den Weg zurückzufinden.

„Hey, schaut mal hier!", rief Eric plötzlich und deutete auf etwas auf der Rückseite eines Steinbogens.

Lily und Colin schritten zu ihm hinüber und blickten auf einen weiteren Bilderrahmen.

„Ein weiterer Spiegel der Rache?", fragte Colin.

„Ein weiteres Portal", antwortete Lily, „Die Frage ist nur, wo es hinführt."

„Oliver!", rief Colin und stellte sich direkt vor den Spiegel, „Oliver!"

Nichts geschah.

„Meint ihr, dass wir da hindurchgehen sollten?", fragte Colin.

„Ich weiß nicht", überlegte Lily, „Das könnte der Ausgang sein und vielleicht sind Oliver und Steven genau dahin entführt worden, aber vielleicht gibt es auch noch mehr Ausgänge. Ich meine, wir wissen nicht, wie groß diese Spiegelwelt hier wirklich ist. Was wenn sie mehrere Portale zusammenfasst, um gut von einem zum anderen Ort zu kommen?"

„Lasst es uns im Hinterkopf behalten und nochmal weiter schauen", stimmte Eric zu.

„Ich weiß nicht, ob das mit dem Hinterkopf wirklich genügt", sagte Colin und warf einen zweifelnden Blick auf das Portal, „Außerdem, wie wollen wir hier je wieder herausfinden?"

Eric nickte.

„Ich habe eine Idee", sagte er und fing plötzlich an, seinen Umhang auszuziehen.

Verwirrt warfen Lily und Colin ihm einen Blick zu, während er am Saum herumpulte.

„Ich brauche für nächstes Schuljahr sowieso einen neuen", erklärte er, als er einen Faden lose zog und begann, den Stoff aufzuribbeln.

Wortlos band er die Schnur um den nächsten Baum.

„Gut, dass du so optimistisch bist, dass es ein nächstes Schuljahr für uns gibt", sprach Colin Lilys Gedanken aus.

„Von dort sind wir gekommen", erklärte Eric und deutete mit dem Finger in Richtung Ausgang.

Colins Kommentar ignorierte er dabei beflissentlich.

„Den Rest finden wir sicher auch ohne die Schnur zurück. Kommt!"

Lily und Colin ließen es sich nicht zweimal sagen und folgten Eric in die Richtung, die er sich ausgesucht hatte.

„Das ist echt schlau", sagte Lily und warf ihm einen anerkennenden Blick zu.

„Danke, ich habe das mal in einem Film gesehen", erklärte er.

Lily nickte nur. Sie selbst hatte noch nie einen Film gesehen und überlegte, ob gewisse Muggeldinge nicht doch etwas an sich hatten, dass es lohnte sie auszuprobieren. Bei dem Gedanken an Petunias Gesicht jedoch, wie sie sie danach fragte, sich mit ihr einen Film anzusehen, musste sie sich ein Grinsen verkneifen.

Als nächstes gelangten sie an einen merkwürdigen Brunnen. War es normalerweise so, dass das Wasser von oben nach unten hinabfloss, floss es hier von unten nach oben. Lily betrachtete den Brunnen interessiert und überlegte, was er zu bedeuten haben könnte. Ein weiteres Spiegelportal fanden sie hier wenigstens nicht vor, weshalb sie sich nicht zu lange aufhalten wollten.

Einige Meter weiter trafen sie auf einen Jungle. Jedenfalls waren Bäume, die typischerweise im Urwald standen sehr dicht aneinander aufgereiht.

„Gehen wir da wirklich hinein?", fragte Eric, „Mit Sicherheit lebt dort der Morungor."

Auch Lily wurde ein wenig mulmig zumute, doch sie nickte.

„Wir haben keine andere Wahl oder? Wenn Oliver und Steven dem Morungor vorgeworfen wurden, dann sind sie wahrscheinlich dort drin."

Colin nickte und die drei begannen sich durch die dicht aneinander stehenden Bäume zu drängen. Eine ganze Weile dauerte es, bis sie die vermutete Mitte des Waldes erreicht hatten und Lily war froh, dass sie sich auf den Faden von Erics Umhang verlassen konnten, der sie sicher wieder hinausgeleiten würde.

Ganz entgegen ihrer Erwartungen jedoch, gab es keinen Morungor, sondern sie fanden erneut einen Spiegel vor, der auf Augenhöhe in einen Baum eingearbeitet war.

„Oliver!", rief Colin durch den Spiegel erneut, doch wie zuvor blieb eine Antwort aus.

„Wir könnten hindurchgehen und uns umsehen!", schlug Eric vor, doch Colin schüttelte den Kopf.

„Lasst uns weiterziehen", sagte er und klang dabei fast etwas niedergeschlagen.

„Bist du sicher?", fragte Lily, „Wir könnten es auch probieren."

Doch Colin schüttelte den Kopf.

„Nein!", sagte er, „Ich habe das Gefühl, er ist hier nicht."

Dormy gab dabei zustimmend ein leises Krächzen von sich und Lily sah Colin kurz an, nickte dann jedoch und folgte Colin, der den Wald offenbar wieder verlassen wollte.

„Was meint ihr, wie viele Portale hier sind?", fragte Eric.

„Keine Ahnung, ich kann mir nicht einmal wirklich vorstellen, was das hier für ein Raum ist und wo er ist", sagte Colin.

Sie gingen weiter und kamen irgendwann über einen kleinen hübschen Bach mit einer Brücke.

„Diese Idylle hier macht alles so gruselig", beschwerte sich Eric, „Ich warte immer noch darauf, dass uns der Morungor bald angreift."

„Vor allem, weil mich Brücken auch an das Märchen von den drei Brüdern erinnern."

„Das Märchen von den drei was?", fragte Eric.

„Das Märchen von den drei Brüdern", erklärte Colin.

Doch Eric schüttelte nur den Kopf, so als würde er glauben, Colin habe es sich nur ausgedacht.

Auch hier fanden sie ein weiteres Portal vor, das auf der anderen Seite der Brücke in einen Stein eingearbeitet war. Colin rief erneut nach seinem Bruder, doch nichts tat sich.

„Oh, seht mal!", sagte Eric plötzlich und deutete auf die Pflanzen, die auf ihrer Seite des Baches wuchsen.

Lily erkannte sie sofort. Es waren Puffknollen.

„Heißt das, wir sind auf dieser Seite des Baches sicher vor dem Morungor?", fragte Colin.

Lily zuckte die Schultern.

„Das würde voraussetzen, dass es zwei Seiten dieser Spiegelwelt gibt", sagte Eric, „aber wir wissen nicht, ob der Bach nicht irgendwann einfach aufhört, oder unterirdisch weitergeht. In jedem Fall ist es schlau, wenn wir hierher zurückfinden, sollte der Morungor kommen."

Mit diesen Worten wickelte Eric seinen Faden einmal um den Stein, in den der Spiegel eingearbeitet war. Dann zogen sie weiter.

Als nächstes erreichten sie wohl eine Ecke der Spiegelwelt, denn aus der Ferne erkannten sie ein hübsch eingerichtetes Wohnzimmer, in dem viele Bücherregale standen. Es war geschützt durch ein Hüttendach, wobei Lily sich fragte, ob es in der Spiegelwelt wirklich regnen konnte, oder ob das Dach nur zur Dekoration diente. Auch hier war ein Spiegel an der Wand hinter einem Sofa, aber kein Oliver, der auf Colins Rufen Reaktion gezeigt hätte.

So gingen sie weiter, während Erics Umhang immer kleiner wurde und sich immer mehr Faden abrubbelte, der nun überall in der Spiegelwelt verteilt sein musste.

„Schaut mal da!", rief Colin plötzlich und deutete auf eine graue Steinmauer, die in einem Dreieck aufgebaut war.

„Das sieht ja fast aus wie ein kleines Mini-Azkaban", sagte Lily, als sie näher kamen und sie runzelte die Stirn.

Die Steinmauer in Hogwarts, an der der Spiegel der Rache befestigt gewesen war, hatte genauso ausgesehen, wie die Steinmauer in dieser Spiegelwelt.

Wenn das hier vor ihnen nun so aussah wie Azkaban, war es dann möglich, dass das Portal auch nach Azkaban führte, genauso wie der Spiegel an der Korridorwand auch nach Hogwarts führte?

Bevor Lily jedoch etwas sagen konnte, hatte Colin erneut nach Oliver gerufen.

„Nein!", rief Lily, denn genau in dieser Sekunde war ihr klargeworden, mit wem sie es hier zu tun hatten.

„Was ist?", fragte Colin, „Ich werde ja wohl noch nach ihm rufen dürfen."

Lily schüttelte den Kopf und sah Colin mit vor Schreck geweiteten Augen an, als plötzlich vor ihnen ein hellblauer Lichtblitz erschien.

Lily zog ihren Zauberstab und richtete ihn auf die Person, die soeben durch den Spiegel vor ihnen erschienen war.

„Nein", flüsterte Eric und sah ungläubig auf sein Gegenüber.

Doch der junge Mann vor ihnen warf ihnen nur ein amüsiertes Lächeln zu.

„Sieh an, sieh an", sagte er, „Wenn das mal nicht unsere kleinen Gryffindor-Helden sind."

So Freunde, Endspurt. Sorry, für den Cliffhanger. In 10 Tagen gibt es aber das neue Kapitel und am 26.03.2023 hoffentlich das letzte.

LG