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SSSSSSS

Schattenprinz

SSSSSSS

Kapitel 2

Jeden? Jederzeit?

SSSSSSS

Der Dunkle Lord entließ Severus mit einem Nicken.

Einer der Todesser winkte den Jungen aus dem Fackelkreis heraus.

„Sag mir, was du brauchst, und ich werde sehen, was ich für dich tun kann", verkündete der Mann, indem er auf eine schwere, eisenbeschlagene Truhe deutete. „Wir sind ziemlich gut ausgestattet mit Tränkezutaten."

Severus nickte nur. Er war geistig schon völlig von der vor ihm liegenden Aufgabe eingenommen. Zunächst befahl er herabgefallenes Holz aus dem Wald zu sich, schichtete es unter Zuhilfenahme von Magie vor sich auf und entzündete es mit einem Schwenk seines Zauberstabes zu einem prasselnden Feuer.

„Ein stummer Feuerzauber ... Nicht schlecht für einen Fünftklässler", sagte der Todesser mit einem anerkennenden Lächeln. Sein Lächeln wurde breiter, als Severus ebenso wortlos einen Stein in einen Kessel und einen Ast in einen Dreifuß verwandelte.

Severus vermutete, dass der andere nicht viel älter war als er selbst. Zumindest klang seine Stimme ziemlich jung, und seine Freundlichkeit und sein Lob schienen Severus ein Versuch zu sein, eine darunterliegende Unsicherheit zu überdecken.

„Ich heiße übrigens Hraban."

Severus nickte knapp. Unsicherheit, eindeutig. „Ich brauche Wolligen Fingerhut, Schwarze Wolfsmilch, Seidelbastsaft, Sumpfnatternblut und Katzengold. Habt ihr das da?"

„Bei Katzengold bin ich mir nicht so sicher ..." Hraban beugte sich über die Truhe und hob verschiedene Phiolen und Gläser in den Feuerschein. „Ah, doch, du hast Glück. Hier." Er reichte Severus die Zutaten.

„Danke. – Engorgio!" Die Holztruhe wuchs und verwandelte sich auf diese Weise in eine nützliche Arbeitsfläche. Hraban übergab Severus verschiedene Gerätschaften, Messer, Schneidebretter, eine Waage und alles, was er sonst noch für die Zubereitung seines Trankes brauchte, und Severus machte sich konzentriert an die Vorbereitung der Zutaten. Ab und an schielte er zum Kreis hinüber, wo der Dunkle Lord immer noch Hof hielt. Einige Todesser wurden zum zweiten Mal nach vorne gerufen und von ihrem Herrn befragt. Gelegentlich wurde einer von ihnen bestraft und Severus beobachtete halb neugierig, halb abgestoßen, wie sich die Unglücklichen unter dem Cruciatus oder anderen, kaum weniger schmerzhaften Folterflüchen wanden.

Doch dann konzentrierte er sich ganz auf seine Aufgabe, schürte das Feuer, rührte den Trank, fügte Zutaten hinzu, zählte die Sekunden, beruhigte das Feuer, fügte andere Zutaten hinzu, rührte ...

Es dauerte nur etwas über eine Stunde, bis Severus seinen Trank fertig gebraut hatte. Die Flüssigkeit war von einem durchaus unverdächtig wirkenden transparenten Goldgelb, kaum anders als Kräutertee, und der Geruch war direkt angenehm zu nennen.

Hraban, der die ganze Zeit über bei ihm geblieben war und seine Arbeit beobachtet hatte, beugte sich interessiert über den Kessel. „Das sieht nicht schlecht aus", stellte er anerkennend fest. „Wie wirkt er?"

„Das werden wir gleich gemeinsam herausfinden", ertönte eine kalte Stimme in ihrem Rücken.

Severus fuhr herum. Keiner von ihnen hatte den Dunklen Lord kommen hören. „Herr", flüsterte Severus und verbeugte sich hastig, „der Trank ist fertig." Eine Spur von Stolz schwang in seinen knappen Worten mit.

„Nun, er sieht interessant aus." Der Dunkle Lord neigte sich über den Kessel und schnupperte. „Hmmm ... Hast du Wolfsmilch verwendet?"

„Ja, Herr."

„Natternblut?"

„Ja, Herr."

„Eine interessante Kombination. Deine eigene Entwicklung?"

Severus nickte stumm.

„Nun gut. Dann wollen wir uns an den Praxistest machen. Du hast den Trank erfunden, also gebührt dir auch die Ehre, ihn an einem Menschen zu erproben."

„Wie ihr befehlt, Herr." Severus' Stimme klang beherrscht, aber in seinem Inneren kündigte sich ein beachtlicher Tumult an.

Du bist bereit zu töten?'

„Hraban, komm her", sagte der Dunkle Lord sanft.

Severus erstarrte. Es fühlte sich an, als rinne plötzlich Eiswasser durch seine Adern.

Jeden? Jederzeit?'

Hraban war mit einem Schlag kalkweiß geworden, doch er trat gehorsam vor seinen Herrn. Gleichzeitig mit ihm kamen auch die anderen Todesser näher, formten einen lockeren Kreis um ihn, Severus und den Dunklen Lord.

„Hraban", begann der Dunkle Lord im Plauderton, „du bist leider ein kaum mehr als durchschnittlich begabter Tränkebrauer. Was ich aber brauche, ist jemand mit Kreativität und Eigeninitiative. Ich hoffe, in Severus einen solchen Menschen gefunden zu haben. Damit allerdings wirst du leider überflüssig."

„Aber, mein Lord, ich" –

„Schweig! Du gehörst mir, mit Körper, Geist und Seele. Hast du das vergessen?!"

Hraban schüttelte mühsam den Kopf.

„Gut. Dann gehorche, ohne zu widersprechen. – Severus, gib ihm dein Gebräu zu trinken und hoffe, dass es wirkt, denn andernfalls wirst du an seiner Stelle sterben."

Severus schluckte und beugte sich über seinen Kessel. Er schöpfte eine Kelle der goldgelben Flüssigkeit und ging damit auf Hraban zu, der ihm zitternd und totenbleich entgegenstarrte. Severus beglückwünschte sich im Stillen dazu, einen rasch wirkenden Trank gewählt zu haben, der dem Opfer kaum Schmerzen verursachen würde. Aber trotzdem ... Warum musste es ausgerechnet jemand sein, den er sympathisch fand und der nett zu ihm gewesen war? Wo es doch so viele Menschen gab, die er aus tiefstem Herzen verabscheute?

Ach was! Du kennst den Typen ja gar nicht. Er ist bestimmt genau so ein Arschloch wie die anderen auch. Gib ihm zwei oder drei Tage und er wird dich enttäuschen und wie Dreck behandeln ...

Severus schloss die Hand fester um den Griff der Kelle. Dann stand er vor Hraban. Ihre Blicke trafen sich. Angst stand in den Augen des anderen, nackte Todesangst und ein inständiges Flehen.

Was soll ich denn für dich tun, verdammt?! Du bist ein Todesser, du kennst die Regeln sicher besser als ich ...

„Trink!", sagte Severus. Seine Stimme war plötzlich brüchig und rau geworden. Er hielt Hraban auffordernd die Kelle hin. Doch der machte keine Anstalten, sie zu ergreifen. Allerdings versuchte er auch nicht, sich zu wehren oder wenigstens vor seinem Mörder zurückzuweichen.

Severus zögerte kurz, dann hob er die Kelle an Hrabans Lippen. „Trink", wiederholte er leise und bittend. „Es wird nicht weh tun", fügte er noch leiser hinzu.

Hraban schloss die Augen und öffnete den Mund. Severus' Hand zitterte leicht, als er seinem Opfer den tödlichen Trank einflößte. Der junge Todesser schluckte gehorsam, dann öffnete er die Augen wieder und sah Severus durchdringend an.

Ist es das, was mich in Zukunft erwartet? Was mich den Rest meines Lebens verfolgen wird? Die Blicke meiner Opfer?

Ein Zittern lief über Hrabans Körper. Er blinzelte benommen und schwankte leicht. Ohne darüber nachzudenken, packte Severus ihn am Arm und hielt ihn fest. Doch nur Sekunden später knickten seinem Opfer die Beine weg und Hraban sackte zu Boden. Severus ließ sich mit hinunterziehen. Hraban blieb einen Moment auf Knien, dann kauerte er sich zusammen und sank seitwärts ins Gras.

Unsicher starrte Severus seinem Opfer ins Gesicht. Die Augen des Sterbenden waren weit geöffnet und erwiderten den Blick voll Furcht.

„Tut es weh?", fragte Severus heiser. Hraban schüttelte schwach den Kopf. Zögernd streckte Severus eine Hand nach dem Hals seines Opfers aus, überwand sich und fühlte den Puls, der raste und flatterte.

Er wollte seine Hand rasch zurückziehen, doch Hrabans kalte Finger schlossen sich hastig um die seinen und hielten ihn fest. Ein bittender Blick aus angsterfüllten blauen Augen. Severus versuchte nicht, seine Hand aus dem Griff zu lösen.

Dann kippte Hrabans Kopf zur Seite. Er war noch nicht tot, aber bewusstlos. Jetzt erst würde der Trank seine eigentliche Arbeit beginnen, nach den Muskeln des Bewegungsapparates auch die der inneren Organe lähmen, das Herz und die Lunge zum Stillstand bringen. Aber Hraban schlief, er würde den Tod nicht spüren ...

Severus tastete erneut nach dem Puls. Er war kaum noch vorhanden. Auch die Atemzüge wurden flacher und kamen in immer größeren Abständen. Dann hörten sie ganz auf.

Kein Puls mehr. Herzstillstand. Atemstillstand. Tod.

Severus strich betäubt und beklommen über das bleiche Gesicht, auf das der Fackelschein unruhige Muster malte, berührte den weichen Stoff der schwarzen Halbmaske, die in merkwürdigem Kontrast zu der jetzt bleichen, fast weißen Haut stand. Die Haut fühlte sich kühl an. Kalt und leblos. Severus' Hände zitterten.

Du hast es besser als ich, versuchte er sich zu überzeugen und den stummen Schrei in seinem Kopf zum Schweigen zu bringen. Ich muss leben, um mich zu rächen ... Ich wünschte, ich könnte schlafen wie du ...

„Er ist tot, Herr", flüsterte er heiser.

Der Dunkle Lord beugte sich über Hraban. „Du hast Recht. Das hast du gut gemacht, Severus."

Severus erschauerte unter der emotionslosen Stimme, aber gleichzeitig war er ungeheuer stolz auf das Lob. Er durfte nur nicht auf die zusammengekauerte, erstarrte Gestalt sehen, die neben ihm im Gras lag ...

„So ... Nun sieh her. Sieh her, habe ich gesagt!"

Widerstrebend blickte Severus auf den Toten.

„Gut." Der Dunkle Lord richtete seinen Zauberstab auf die reglose Gestalt Hrabans. „Aber glaub ja nicht, dass das die Regel ist ..." Seine Stimme wurde zu einem unverständlichen Zischen und Fauchen. Es waren eindeutig Worte, aber in einer Sprache, die nicht menschlich klang und Severus volkommen unbekannt war.

Ein Zittern lief über Hrabans Körper. Starr vor Staunen beobachtete Severus, wie sich die Brust des jungen Mannes hektisch zu heben und zu senken begann. Mit einem leisen Entsetzensschrei schlug Hraban die Augen auf. Einen Moment schien er völlig orientierungslos, dann erkannte er den Dunklen Lord und schrie erneut, diesmal lauter.

Über das Gesicht des Schwarzmagiers huschte ein kaltes Lächeln. „Meine Macht", sagte er leise zu Severus, „erstreckt sich über Leben und Tod. Diene mir treu, und du wirst, wie ich, Unsterblichkeit erringen. – Jim", rief er einem der umstehenden Todesser zu, „kümmere dich um Hraban!"

Der Angesprochene löste sich von den anderen Vermummten und kniete neben dem zitternden Jungen nieder. Der Dunkle Lord wandte sich wieder Severus zu.

„Severus."

„Ja, mein Lord?", hauchte Severus mit zitternder Stimme.

„Du willst also in meinen Orden aufgenommen werden?"

Severus zögerte keine Sekunde. „Ja, Herr."

„Nun, du scheinst nicht unbegabt zu sein. Aber täusche dich nicht – dies ist kein Spiel. Der Nächste, den ich dir zu töten befehle, wird nicht wieder aufwachen. Und es werden andere Dinge auf dich zukommen, Dinge, die du vielleicht nur schwer wirst ertragen können ... Du bist noch sehr jung, Severus. Ich habe bisher noch nie einen Zauberer vor seiner Volljährigkeit aufgenommen, und das aus gutem Grund. Ich kann keine Dilettanten gebrauchen. Du kannst Tränke brauen, das hast du mir bewiesen. Aber wie sieht es mit deinen Fähigkeiten in Zauberkunst aus? Hast du zumindest Grundkenntnisse in Schwarzer Magie? Kannst du die Unverzeihlichen anwenden? Nun?"

„Ich denke", erwiderte Severus vorsichtig, „die Antwort auf beide Fragen lautet ja." Er schluckte nervös und zwang sich, dem kalten Blick der roten Augen standzuhalten. „Wenn Ihr mich ... also prüfen wollt ..."

„Das werde ich, keine Sorge, das werde ich."

Aber bitte nicht an Hraban!, flehte Severus in Gedanken. Bitte nicht.

Der Dunkle Lord sah in durchdringend an. „Nicht an Hraban, meinst du? Warum nicht?"

Severus biss sich auf die Lippen.

Verdammt!‚Einige von uns können Gedanken lesen'... Kein Wunder, dass ER es auch kann.

„Herr, es würde mir nie in den Sinn kommen, Eure Befehle in Frage zu stellen" –

„Das will ich dir auch geraten haben!", fiel ihm der Dunkle Lord scharf ins Wort.

„Verzeiht, Herr, aber ..." Severus warf einen raschen Blick auf Hraban, der von dem Todesser namens Jim inzwischen in eine halb sitzende Position gebracht worden war. Hraban war weiß wie ein Laken und sprach hastig, aber mit fast unhörbarer Stimme auf den anderen ein.

Severus holte tief Luft. „Hraban ist zu schwach, Herr. Er wäre keine wirkliche Herausforderung für mich."

Der Dunkle Lord starrte ihn einige Sekunden lang durchdringend an. Ein spöttisches Zucken umspielte seine Mundwinkel.

Jetzt ist es vorbei, dachte Severus betäubt. Jetzt habe ich ihn so beleidigt, dass ich diesen Ort nicht als Todesser, sondern als Toter verlassen werde.

Das Gesicht des Dunklen Lords verzog sich zur Grimasse.

Vorbei.

Dann brach er in klirrendes Gelächter aus. Die Todesser wechselten unsichere Blicke, doch nach kurzem Zögern stimmten sie mit ein. Severus starrte sie irritiert an.

Als der Dunkle Lord sich wieder beruhigt hatte, packte er Severus an den Schultern und sah ihm direkt in die Augen.

„Du gefällst mir, Severus. Das war eine ausgesprochen schlaue Antwort. Ein wahrer Slytherin", sagte er mit einem schmalen Lächeln. „Gut, du sollst deinen Willen haben. Nicht Hraban also. Aber wen nehmen wir stattdessen?"

Der Dunkle Lord ließ seinen Blick über die versammelten Todesser schweifen.

„Lucius, tritt vor."

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