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SSSSSSS
Schattenprinz
SSSSSSS
Kapitel 4
Dämmerstunde
SSSSSSS
Kaum zwei Stunden nach seiner Aufnahme in den Dunklen Orden lag Severus in seinem Bett im Jungenschlafraum der Slytherin-Fünftklässler, als ob nichts Ungewöhnliches geschehen wäre. Aemilius hatte ihn nicht etwa nur zu den Toren Hogwarts' gebracht, der Todesser hatte ihn höchstpersönlich beim Hausmeister am Haupteingang der Schule abgegeben.
Aemilius Malfoy war ein einflussreicher Mann in der britischen Zaubererwelt. Noch bevor Severus im Eberkopf auf den Werwolf Greyback getroffen war, hatte den Schulleiter Albus Dumbledore eine Eule erreicht, mit der Aemilius ihm knapp mitteilte, er habe seinen Sohn Lucius und dessen früheren Hausgenossen Severus Snape für diesen Abend zu einer Familienfeier eingeladen und würde sie höchstpersönlich in den frühen Morgenstunden wieder in Hogwarts abliefern. Punkt. Mehr Erklärungen hatte ein Malfoy nicht nötig.
Severus war trunken von den Erlebnissen dieser Nacht. Bilder flackerten in seinem Geist auf: Fackelschein und schwarze Gestalten ... rote Augen ... ein totenbleiches Gesicht hinter einer schwarzen Maske ...
Irgendwann musste er eingenickt sein. Die Sonne ging bereits auf, magisch in die künstlichen Fenster der Slytherin-Kerker gespiegelt, als ihn ein ungewohntes Geräusch hochschrecken ließ. Severus lauschte angespannt. Da war es wieder. Es klang wie das leise Wimmern eines verletzten und verängstigten Tieres. Das Geräusch schien aus dem Gemeinschaftsraum zu kommen. Eine der Katzen vielleicht?
Rasch schlüpfte Severus unter den Decken hervor und schlich auf Zehenspitzen aus dem Zimmer. Er folgte dem Gang, von dem die Jungenschlafräume abgingen und schob die schwere Eichentür zum Gemeinschaftsraum auf.
Finsternis. Nur ein paar Kohlen im Kamin verbreiteten ein mattes orangerotes Glimmen.
„Lumos!", befahl Severus, indem er seinen Zauberstab hob.
Im Raum herrschte gespannte Stille. Der Slytherin wartete minutenlang auf das nächste Geräusch. Wenn es sich um eine verletzte Katze handelte, konnte sie praktisch überall stecken. Sicher hatte sie sich zu Tode verängstigt hinter irgendeinem Möbelstück verkrochen. Wenn er das Tier finden wollte, musste er warten, bis es sich durch einen neuerlichen Laut verriet.
Schließlich wurde der Junge für seine Geduld belohnt. Ein unterdrücktes Stöhnen ertönte hinter einem der Sofas.
Severus erstarrte. Das war definitiv keine Katze gewesen, sondern ein Mensch. Mit wachsam erhobenem Zauberstab näherte er sich dem Möbelstück. Vorsichtig spähte er dahinter –
„Oh Scheiße!", entfuhr es Severus.
Hinter dem Sofa lag jemand, zusammengekrümmt in einer Blutlache. Zerrissene schwarze Roben, rotverschmiertes silberblondes Haar ...
„Lucius?", fragte Severus mit bebender Stimme.
Rasch ließ er sich neben seinem ehemaligen Hausgenossen zu Boden sinken. Zögernd streckte er seine Hände nach dem Verletzten aus, hielt aber inne, ehe er ihn berührte. Er spürte, wie seine Knie feucht wurden. Lucius' Blut hatte in Sekundenschnelle seinen Schlafanzug durchweicht.
„Scheiße ... Lucius ...", stammelte Severus hilflos.
Er stand regelrecht unter Schock. Obwohl Lucius noch vor wenigen Stunden versucht hatte, ihn umzubringen, kam keine Sekunde der Gedanke an Rache in ihm auf.
Lucius schien bewusstlos zu sein, er lag halb auf der Seite. Sein Gesicht war Severus zugekehrt, aber verdeckt von den langen, vom Blut rot verfärbten Haaren.
Was soll ich jetzt machen?, dachte Severus panisch. Wieso muss ausgerechnet ich ihn finden? Warum stolpert er in seiner Todesserkluft hier rein? Und woher kennt er überhaupt das Passwort?
Dann begann sein Gehirn wieder in geordneten Bahnen zu arbeiten. Madam Pomfrey. Ich muss sofort Madam Pomfrey holen ...
Lucius konnte ihn zwar wahrscheinlich nicht hören, aber ...
„Lucius, ich bin sofort wieder da. Ich hole Hilfe. Ich hole Madam Pomfrey ... Es kommt alles wieder in" –
„Nein!" Ein erstickter Schrei entrang sich Lucius' Kehle.
Severus, der schon im Begriff gewesen war, sich zu erheben, gefror mitten in der Bewegung und starrte auf den vermeintlich Bewusstlosen. „Was?!", fragte er verblüfft.
Lucius hob mühsam den Kopf und sah ihn an. Die eisgrauen Augen leuchteten unheimlich aus dem rotverschmierten Gesicht. „Bitte ...", flüsterte Lucius. „Du darfst niemanden holen, bitte, Severus ..."
Severus schüttelte abwehrend den Kopf. „Was soll der Quatsch? Du bist verletzt, ziemlich schlimm, wie's aussieht, du brauchst" –
„Nein!", krächzte Lucius mühsam. „Er bringt mich um, wenn Dumbledore es erfährt. Bitte ..."
Severus wurde ganz kalt bei dem Gedanken, dass er in seiner Aufregung beinah losgerannt wäre, ohne Lucius zuvor von den verräterischen Kleidungsstücken zu befreien.
Hastig kniete er sich wieder neben den Verletzten.
„Lucius, ich muss jemanden holen. Du verblutest sonst. – Ich werde dir einfach die Robe und den Umhang ausziehen. Darunter trägst du doch normale Kleidung, sie werden's nicht merken ..."
Und was, wenn sie ihn ganz ausziehen auf der Krankenstation? Madam Pomfrey wird ihn in einen von ihren lächerlichen Schlafanzügen stecken ... Was, wenn sie sein Mal sieht? Sie werden ihn nach Askaban schicken. Mindestens. – Aber ich kann ihn doch nicht selbst verarzten. Das pack ich nicht ...
„Es ist ... nicht so schlimm ... wie's aussieht", würgte Lucius mit hörbarer Anstrengung hervor. „Es tut nur ... so verdammt weh ..." Er hob eine zitternde Hand an sein Gesicht, zog sie langsam zurück und betrachtete gebannt seine blutigen Fingerspitzen.
„Lucius", drängte Severus nervös.
Verdammt, ich muss irgendwas machen ...
„Jaaa ..."
Entsetzt beobachtete Severus, wie Lucius' Gesicht einen verträumten Ausdruck annahm, seine Augenlider zu sinken begannen. Täuschte er sich, oder war der andere während ihres kurzen Gespräches immer bleicher geworden?
Verzweifelt durchkämmte er sein Gedächtnis nach Heilzaubern. Es musste doch etwas geben, irgendetwas, um die Blutung zu stoppen ... Langsam formten sich vor seinem inneren Auge die magischen Worte. Severus zögerte kurz. Dann streckte er die Hände aus und schob Lucius' Robe ein Stück weit hoch, entblößte seine Beine, von denen das meiste Blut zu kommen schien.
Tiefe Schnitte überzogen Lucius' Unterschenkel. Der Stoff, den Severus soeben fortgeschoben hatte, tropfte von warmer, roter Nässe.
Severus hielt den Atem an, als er beide Hände nur Zentimeter über Lucius' Haut in der Schwebe hielt und begann, den Heilzauber zu sprechen. Gebannt starrte er auf die klaffende Wunde, die sich unter seinen fortgesetzten Beschwörungen tatsächlich zu schließen begann. Hastig fuhr er in seinen Bemühungen fort, schob den nassen schwarzen Stoff beiseite, bewegte seine Hände weiter Lucius' Beine hoch.
Lucius protestierte nicht. Ein abwesender Ausdruck lag auf seinem Gesicht. Nur wenn Severus ihn bewegen musste oder seinen Wunden zu nahe kam, sog er scharf die Luft ein.
Mit den Beinen war Severus bald fertig. Die Schnitte an den Armen schienen eher harmlos zu sein, aber im Brustbereich war Lucius' Kleidung von Blut durchtränkt. Severus knöpfte rasch die Todesserrobe auf und wischte die traurigen Reste eines teuren schwarzen Hemdes aus dem Weg. Die Verletzungen auf der Brust waren mindestens genauso schlimm wie die an den Beinen.
Konzentriert sprach er seinen Zauber und beobachtete fasziniert, wie die tiefen Schnitte sich nach und nach schlossen und endlich ganz verschwanden. Nur dünne weiße Linien blieben auf der hellen Haut zurück. Es sah aus, als wären Lucius' Brust und Oberkörper von einem feinmaschigen Netz überzogen.
Eine ausgesprochen attraktive Brust, und ...
Irritiert schüttelte Severus den Kopf. Seit wann interessierte er sich für Lucius' halbnackten Körper? Er zwang seine verwirrten Gedanken zurück in geordnete Bahnen.
Er war verletzt. Ich habe ihn geheilt. Dafür musste ich ihn teilweise entkleiden. Punkt.
Als er schließlich fertig war mit Lucius' Heilung, befand Severus sich in einem Zustand zwischen totaler Erschöpfung und absolutem Hochgefühl. Er hatte nicht gewusst, dass er über dermaßen starke Heilkräfte verfügte. Der von ihm verwendete Zauber war nur schwach gewesen, um solch ernste Verletzungen zu heilen, hatte er auf seine ureigenen magischen Fähigkeiten zurückgreifen müssen. Und er hatte, wie ihm erst jetzt richtig bewusst wurde, dazu noch nicht einmal seinen Stab gebraucht. Fasziniert starrte er seine Hände an, als sähe er sie zum ersten Mal.
Die Hände eines Heilers.
Severus riss seinen Blick mühsam von seinen schlanken Fingern los, die ein schwaches violettes Licht auszuströmen schienen, und musterte stattdessen kritisch seinen Patienten. Die ernsteren – sichtbaren – Verletzungen waren verschwunden. Er konnte nur hoffen, dass Lucius keine inneren Blutungen hatte.
Severus richtete den Zauberstab auf Lucius' zerschnittene Robe.
„Reparo!"
Nichts geschah. Irritiert untersuchte Severus seinen Stab. Versuchsweise richtete er ihn auf ein seit Äonen bestehendes Loch in seinem Schlafanzugoberteil und wiederholte den Spruch. Das Loch verschwand. Severus probierte es nochmals mit Lucius' Kleidung, wieder ohne Ergebnis. Das Gleiche geschah, als er einen Reinigungszauber auf den blutbeschmierten jungen Mann anwenden wollte.
Schließlich kam Severus zu dem Ergebnis, dass, wer immer Lucius so zugerichtet hatte, ihn nicht nur hatte verletzen, sondern ihn auch hatte demütigen wollen. Offensichtlich war ein Fluch über Lucius verhängt worden, der es ihm unmöglich machte, sein Äußeres auf magische Weise in Ordnung zu bringen, ehe er Schutz suchend ins Schloss stolperte. Lucius würde bitten müssen – um die Hilfe eines Heilers, um andere Kleidung, darum, dass ihm jemand half, sich zu säubern. Letzteres in Handarbeit, ohne Einsatz von Magie – eine zusätzliche Erniedrigung. Und das alles unter der Gefahr, als Todesser enttarnt und in der Folge nach Askaban geschickt zu werden.
Nachdenklich richtete Severus Lucius' Kleidung, schob erst das zerfetzte Hemd, dann die Robe zurecht und knöpfte sie zu. Vage fragte er sich, warum er das tat, denn Lucius würde seine zerrissenen und blutgetränkten Kleider wohl kaum länger anbehalten wollen als unbedingt nötig. Schließlich entschied Severus, dass es schlicht eine Frage der Höflichkeit, des – er schüttelte sich leicht, als er das Wort dachte – Anstands war, Lucius nicht halb nackt im Gemeinschaftsraum liegen zu lassen. Und irgendwie hoffte er auch, dass diese Vorkehrungen dazu führen würden, dass Lucius nicht so genau darüber nachdachte, wie Severus ihn geheilt hatte. Und warum.
Denn schließlich hasste Lucius ihn ja. Und er hasste Lucius.
Oder?
Severus wischte den Gedanken beiseite. Jetzt, wo die unmittelbare Gefahr für Lucius vorbei war, tat sich ein neues Problem auf. Es war glücklicherweise Sonntag und immer noch recht früher Morgen, es würde wahrscheinlich noch ein bis zwei Stunden dauern, ehe die ersten Slytherins aus den Federn krochen, aber dennoch: Lucius war nach wie vor klebrig von angetrocknetem Blut und trug außerdem immer noch die verräterische Kluft der Todesser. Auf keinen Fall durfte man ihn so finden.
„Lucius." Severus schüttelte ihn vorsichtig an der Schulter.
„Was ist?", fragte Lucius leise, ohne die Augen zu öffnen.
„Du bist voller Blut. Außerdem hast du immer noch die Ordenskluft an."
„Scheiße", fluchte Lucius matt. „Ich glaub nicht, dass ich es unbemerkt ins Gästezimmer schaffe. Kannst du mir Kleidung leihen?"
Severus nickte nur und eilte zurück auf sein Zimmer. Unendlich leise und vorsichtig öffnete er seinen Schrank und entnahm ihm eine Robe, ein Hemd und einen Satz Unterwäsche. Als sein Blick auf das verwaschene Grau von Unterhemd und -hose fiel, verzog er gequält das Gesicht. Sicher nicht ganz das, was Lucius von zu Hause gewohnt war.
Hastig murmelte er einen Färbezauber. Schwarz. Deutlich besser. Aber an der schlechten Qualität und dem mitgenommenen Zustand der Sachen konnte er nichts ändern – nicht auf die Schnelle zumindest. Verschönerungs- und Vertuschungszauber für Kleidung und derartiges nebensächliches Zeug hatten ihn nie interessiert.
Jetzt bedauerte er das. Es war ihm sogar ausgesprochen peinlich, dem verwöhnten Malfoy-Spross seine abgetragene Unterwäsche zu überreichen. Er fuhr mit den Fingern über den billigen Stoff – und plötzlich stieg Hass in ihm auf. Er wusste nicht genau, ob es Hass auf Lucius war, Lucius, der alles hatte, Freunde, gutes Aussehen, Geld, Einfluss, eine reinblütige Abstammung, oder Hass auf sich selbst und seine schäbige, erbärmliche Außenseiterexistenz.
Bei einem nervösen Seitenblick auf die Uhr bemerkte er überrascht, dass es bereits kurz vor Sieben war. Verdammt. Sie hatten nicht mehr viel Zeit.
Rasch modifizierte er magisch die Klamotten – Lucius war einen halben Kopf größer und deutlich kräftiger als er –, klemmte sie sich unter den Arm und hastete aus dem Schlafzimmer.
Zurück im Gemeinschaftsraum stellte Severus fest, dass Lucius sich in der Zwischenzeit mühsam hochgekämpft und auf dem Sofa niedergelassen hatte. Er war gerade dabei, sich mit halb schmerzverzerrtem, halb angeekeltem Gesicht aus seiner verdreckten und zerrissenen Robe zu befreien. Vor ihm auf dem Tisch lag sein Zauberstab.
Bei Severus' Eintreten blickte Lucius erschrocken zu ihm auf. Erleichterung huschte über seine noch immer blutverschmierten Züge, als er den Jungen erkannte.
„Ich bin zu erschöpft", flüsterte Lucius heiser. Scham flackerte in seinen eisgrauen Augen. „Ich krieg' nicht mal einen einfachen Reinigungszauber hin ... Und aus den verdammten Klamotten komm' ich auch nicht raus ..."
„Warte, ich helf' dir."
Severus verzichtete vorerst darauf, Lucius auf den Grund für das Versagen seines Reinigungszaubers hinzuweisen. Ein Teil von ihm genoss es, den arroganten Adelsspross so hilflos und beschämt zu sehen.
Schnell legte Severus seine Kleidung auf dem Tisch ab und kniete sich hin, um Lucius die Schuhe auszuziehen. Er befreite ihn von den blutgetränkten Socken, half ihm, die letzten Knöpfe der Robe zu öffnen und zog sie ihm vorsichtig aus. Lucius schnitt eine Grimasse, als er seine Arme aus dem nassen schwarzen Stoff wand – auch wenn die Schnittverletzungen geheilt waren, war die neu gebildete Haut noch schmerzempfindlich.
Severus hielt inne und sah Lucius fragend an. Unter der Robe trug der junge Mann ein elegantes schwarzes Seidenhemd, das jetzt allerdings in Streifen herunterhing, zerrissen von dem Fluch, der Lucius die schweren Schnittverletzungen im Brustbereich beigebracht hatte. Das Hemd hatte Severus vorhin schon gesehen, überhaupt alles, was er jetzt sah, und dennoch ...
Auf ein ungeduldiges Nicken seines Gegenübers hin half er Lucius, sich von den Resten des teuren Kleidungsstücks zu befreien. Auch Lucius' Unterhemd war aus Seide und nicht weniger zerfetzt als Hemd und Robe.
Schließlich saß der junge Mann fast nackt da, nur noch in fesche schwarze Boxershorts gekleidet, und sah trotz seiner unnatürlichen Blässe und des vielen Blutes einfach unverschämt gut aus. Die alabasterfarbene Haut, der muskulöse Körper, das silberblonde lange Haar ... Severus vergaß bei diesem Anblick tatsächlich einen Moment lang, zu atmen.
Das ist Lucius Malfoy. Er hasst dich. Du hasst ihn. Reiß dich gefälligst zusammen.
Hastig sammelte er sich, atmete tief durch und zwang sich zur Ruhe. Dann richtete er sich auf und warf Lucius abermals einen fragenden Blick zu.
Lucius schnaubte abfällig. „Meinst du, ich möchte meine blutgetränkte Unterwäsche anbehalten? Das ist nicht besonders gemütlich, weißt du."
Als Severus immer noch wie erstarrt dastand, schüttelte Lucius genervt den Kopf und setzte drängend hinzu: „Nun mach schon, Severus! Ich will nicht, dass mich irgendjemand so sieht – zu schwach zum Aufstehen, eher ... unzureichend bekleidet und voller Blut. Wo liegt das Problem? Hast du noch nie einen nackten Mann gesehen?"
Severus biss sich auf die Lippen.
„Nun komm schon, du musst mir helfen." Lucius klopfte zur Verdeutlichung auf seinen Hosenbund. „Wenn ich jetzt versuche aufzustehen und auf einem Bein rumzuhüpfen, um die dämlichen Shorts auszuziehen, dann lande ich gleich wieder auf dem Fußboden."
Unsicher näherte Severus seine Hände Lucius' Hüften. Zögernd senkte er seine Finger auf die schwarze Seide herab. Er spürte die Wärme von Lucius' Haut durch die dünne Schicht Stoff ... Und plötzlich schoss eine Welle der Erregung durch seinen Körper, die ihn überrascht nach Luft schnappen ließ.
Erschrocken riss Severus die Hände zurück. Wieso reagierte er mit einem Mal so heftig auf diese körperliche Nähe? Er hatte Lucius eine Viertelstunde lang ständig berührt, als er seine Verletzungen geheilt hatte, und auch da war sein Gegenüber ziemlich spärlich bekleidet gewesen.
Aber nicht bei Bewusstsein. Keine irritierenden eisgrauen Augen, die ihn durchdringend anstarrten – anders als jetzt. Entsetzt spürte Severus, wie sich Hitze an zwei Punkten seines Körpers konzentrierte: in seinem Unterleib, und, oh Schande, in seinem Gesicht.
Lucius hatte ihn aufmerksam beobachtet. „Was ist denn das jetzt?", fragte er rau. Eine Sekunde lang schimmerte Unsicherheit in den kalten Augen. Unsicherheit ... und vielleicht noch etwas anderes. Doch dann verschwand der ungewohnte Ausdruck aus Lucius' Gesicht und wurde durch ein unangenehm anzügliches Lächeln ersetzt.
„Severus, Severus ..." Lucius schüttelte tadelnd den Kopf. „Du hast doch nicht etwa vor, meine Schwäche auszunutzen und mich auf diesem Sofa ... hmmm?" Er hob fragend die Brauen.
Severus wurde noch eine Spur röter. „Ich weiß nicht, was du meinst", entgegnete er kühl und scheinbar unbeteiligt.
„Aber Severus ... Sooo ahnungslos kannst selbst du nicht sein, oder? Ich meine ..." Lucius ließ seinen Blick geringschätzig über den mageren Körper schweifen, und Severus wusste, dass dem anderen absolut nichts entging: seine fettigen schwarzen Haare, seine hässliche Hakennase, sein ungesund bleiches, jetzt von einer fleckigen Röte überzogenes Gesicht, seine ausgemergelte, schwächliche Statur, der ausgeleierte graue Schlafanzug – und die verdächtige Wölbung, die sich unter seiner Hose abzeichnete.
Lucius ungutes Lächeln wurde breiter. „Natürlich ist mir klar, dass jemand wie du nicht allzuviel ... na, seien wir ehrlich, keine Gelegenheit hatte, irgendetwas in der Praxis auszuprobieren – zusammen mit jemand anderem, meine ich. Aber auch wenn diese Gelegenheit vielleicht ... wahrscheinlich nie kommen wird ..." Die kalten Augen wurden zu Stahl und das Gesicht zur feindseligen, von Abscheu erfüllten Maske. „Ich weiß, wann ich eine degenerierte kleine Schwuchtel vor mir habe, Severus."
Mit einem Schlag verwandelte sich das Feuer in seinem Körper zu Eis. Eiswasser, das zäh und tödlich durch seine Adern rann. Eine unerbittliche Faust, die sein Herz umklammerte, es zu einem kalten Klumpen gefrieren ließ, der in seinen Unterleib sackte. Er sah in die erbarmungslosen grauen Augen, in denen er sein Urteil las.
Severus drehte sich um und verließ wortlos den Raum.
SSSSSSS
