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Schattenprinz

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Kapitel 5

Sommergast

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Unruhig wippte Severus auf den Fußballen auf und ab. Rings um ihn ratterten und kreischten die Züge durch den Bahnhof von King's Cross, schnatterten und lachten seine Mitschüler und ihre Eltern.

Er hatte Sommerferien, und zum ersten Mal in seinem Leben würde er sie nicht in dem dreckigen, heruntergekommenen Muggelhaus seines widerwärtigen, ewig betrunkenen Muggelvaters verbringen. Nein, diesen Sommer würde er auf Malfoy Manor wohnen. Aemilius hatte ihn eingeladen, und Tobias Snape, froh, seinen ungeliebten Sohn diese Ferien nicht ertragen zu müssen, hatte nur einen einzigen Brief auf teurem Papier mit Siegel und Unterschrift des Malfoy-Patriarchen gebraucht, um seinen Sprössling freudig ziehen zu lassen. Aemilius hätte ein Mafioso, ein Mörder oder ein Kinderschänder sein können – wobei Ersteres nicht sehr weit von der Realität entfernt war –, das alles scherte Severus' Vater nicht. Hauptsache, er war den Jungen los.

Severus trug das Dunkle Mal jetzt seit zwei Wochen. Erst hatte er Angst gehabt, Dumbledore oder einer der anderen Lehrer könnte es bemerken. Doch offensichtlich war der Schutzzauber, den der Dunkle Lord über das Zeichen gelegt hatte, außerordentlich wirksam.

Die ganze Zeit hatte Severus darauf gefiebert, seinen Herrn erneut sehen zu dürfen. Aber natürlich war ihm klar gewesen, dass das äußerst unwahrscheinlich war. Sein Lord würde ihn nicht rufen, solange er sich in Hogwarts befand. Schon sein erstes Fernbleiben für die Initiationszeremonie war riskant gewesen, und Dumbledore durfte unter keinen Umständen misstrauisch werden.

Nicht, dass der Direktor es begrüßt hätte, dass sein Sorgenkind sich nun in der Einflusssphäre Aemilius Malfoys befand. Der Direktor hatte eine ziemlich genaue Vorstellung davon, mit welchen Leuten der reiche Reinblüter verkehrte und welcher Art seine Ideale und politischen Ziele waren. Aber Severus' Mutter war mit den Malfoys verwandt, der Vater des Jungen hatte seine schriftliche Einwilligung gegeben und Dumbledore hatte schlicht keine Handhabe, Severus diesen Ferienaufenthalt zu verbieten.

„Severus?"

Aemilius Malfoy tauchte aus der Menge auf. Er trug eine mitternachtsblaue Robe und einen schwarzen Umhang, beides mit silbernen Ornamenten bestickt, und sein weißblondes Haar floss ihm offen über die Schultern.

„Ah, Severus, da bist du ja. Schön, dich zu sehen." Aemilius lächelte breit und streckte ihm die Hand entgegen.

„Hallo ...", grüßte Severus etwas unsicher zurück, indem er die dargebotene Hand eher zaghaft ergriff und schüttelte. Er konnte nur mühsam ein „Guten Tag, Sir" unterdrücken.

Ringsum klappten einige Unterkiefer herab, als seine Mitschüler den unbeliebten Außenseiter Severus Snape so vertraut mit einer der bekanntesten Größen der Zaubererwelt sahen. Besonders erfreulich war der dumme Gesichtsausdruck Blacks.

„Komm", sagte Aemilius mit einem mitleidigen Blick auf die Umstehenden, der deutlich ausdrückte, was er von ihnen hielt – wenig bis gar nichts. „Lass uns von hier verschwinden."

Er führte Severus schnellen Schrittes durch die Menge. Überall wichen die Leute respektvoll vor ihm zurück, grüßten ehrerbietig, manche verbeugten sich sogar. Selbstverständlich ließ der Wächter ihnen den Vorzug bei der Durchquerung der magischen Schranke von Gleis neundreiviertel in die Muggelwelt.

„Bist du schon einmal appariert?", fragte Aemilius beiläufig.

„Nein – ich ..." Wieder stieg beklemmende Unsicherheit in ihm auf.

„Kein Problem", beschwichtigte sein Gastgeber freundlich, dem seine Nervosität nicht entgangen war. „Ich nehme dich einfach mit."

Aemilius packte Severus am Arm, zog ihn hinter ein Wartehäuschen ... dann wurde alles schwarz.

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Der Landsitz der Malfoys war überwältigend. Severus stand in der riesigen Eingangshalle und wagte nicht, irgendetwas anzufassen. Der Boden war aus feinstem Marmor, schwarz mit grünen und weiß mit grauen Einschlüssen, ausgelegt im Schachbrettmuster. Tapisserien, vor allem mit Jagdszenen, bedeckten den oberen Teil der Wände, während die unteren zwei Drittel holzvertäfelt waren – ein dunkles, von zierlichen Schnitzereien durchbrochenes und auf Hochglanz poliertes Holz, das so lebendig und warm wie das Fell eines Tieres wirkte. Einige ungeheuer teuer aussehende antike Möbelstücke standen dekorativ im Raum verteilt.

Aemilius führte Severus in einen nicht weniger prächtig eingerichteten Salon und nötigte ihn auf ein mit golddurchwirkten Brokatstoff bezogenes Sofa. Nach ein oder zwei Minuten riss er seinen Gast schließlich aus der stummen Versunkenheit, mit der Severus die kostbaren Möbel, orientalischen Teppiche und bewegten Ölgemälde betrachtete.

„Der Dunkle Lord wünscht, dass wir keine Zeit verlieren und noch heute mit deiner Ausbildung beginnen", sagte Aemilius ohne Einleitung.

Severus nickte zustimmend. Ganz seine Meinung. Er brannte darauf, etwas Neues zu lernen, besonders, wenn es irgendwie mit den Dunklen Künsten zusammenhing.

„Was du vor allen Dingen lernen wirst in diesem Sommer", fuhr Aemilius ernst fort, „ist, deine Grenzen zu erkennen. Die meisten Menschen lernen ihre Grenzen nie kennen. Sie halten sich selbst klein, trauen sich nicht, bis an den Rand ihrer Fähigkeiten zu gehen. Niemals erfahren sie, was sie hätten leisten können, wären sie bereit gewesen, sich wirklich zu erproben. Du dagegen wirst das Privileg haben, dich selbst kennen zu lernen – deinen Geist, deinen Körper, deine Seele. Danach wirst du weiser sein als viele, aber du wirst auch Dinge erfahren haben, die dich für immer verändern und von anderen Menschen trennen werden."

Aemilius machte eine Pause, um seinem Gast Gelegenheit zu geben, über das Gesagte nachzudenken. Severus fragte sich unruhig, ob er dieses „Privileg", von dem Aemilius gesprochen hatte, tatsächlich ersehnte. Wollte er wissend werden? Was würde er in diesen Sommerwochen über sich erfahren?

„Ich werde die Aufsicht über deinen Unterricht inne haben", erläuterte Aemilius, „aber ich werde bei Weitem nicht dein einziger Lehrer sein. Der Dunkle Lord hat seine fähigsten Leute ausgewählt. Jeder und jede von ihnen wird dich in seinem oder ihrem speziellen Fachgebiet unterrichten. Das Spektrum reicht von Heilkunst über Dunkle Flüche bis zu Werwolfkunde. – Du wirst einen ziemlich vollen Stundenplan haben in diesen Sommerferien, fürchte ich", setzte er lächelnd hinzu.

„Das macht nichts", erwiderte Severus rasch. Er glühte förmlich vor Wissbegier. „Ich will gern alles lernen, was der Dunkle Lord für wichtig hält."

Sein Lehrer nickte zufrieden. „Ich habe nichts anderes von dir erwartet." Er zögerte einen Augenblick. Etwas wie Besorgnis oder Mitgefühl hatte sich in seine Augen geschlichen. „Ich spreche dieses Thema nur ungern an, aber vielleicht wird dir nicht alles gefallen, was auf deinem Stundenplan steht – ob es der Dunkle Lord nun für wichtig und richtig hält oder nicht." Severus glaubte, einen Hauch von Spott in der kultivierten Stimme zu hören, aber er konnte sich auch täuschen. „Manches wirst du vielleicht abstoßend finden, und einiges mag dich zunächst überfordern."

Aemilius' Haltung und Ton wurden plötzlich förmlich und feierlich. Er legte Severus eine Hand auf die Schulter. Obwohl Severus eine Abneigung gegen Berührungen hatte, wich er nicht zurück.

„Du sollst wissen", sagte Aemilius fest, „dass du immer zu mir kommen kannst, wenn du Fragen hast oder dich etwas bedrückt. Egal, ob es sich um deinen Unterricht oder um ein persönliches Problem handelt."

Severus nickte stumm, dachte dabei jedoch, dass er dieses Angebot mit Sicherheit nicht in Anspruch nehmen würde. Er teilte seine Probleme mit niemandem. Und selbst wenn: Er konnte einen Mann wie Aemilius Malfoy wohl kaum mit seinen lächerlichen Schülersorgen behelligen.

Aemilius lächelte wissend. „Ich mache ein solches Angebot niemals leichtfertig oder aus bloßer Höflichkeit. Daher würde ich es als Beleidigung ansehen, wenn du meine Hilfe nicht in Anspruch nähmest." Er sagte das sehr ruhig und freundlich, dennoch war der warnende Unterton nicht zu überhören.

„Du bist mehr als mein Gast oder Schüler, Severus, du bist mein Adept. Ich werde dein Lehrmeister sein in den kommenden Wochen, und das nicht nur im Hinblick auf deine Ausbildung zum Todesser. Eine solche Beziehung erfordert Vertrauen – auf beiden Seiten. Bist du bereit, mir zu vertrauen, Severus?"

Zum ersten Mal wagte es Severus, Aemilius direkt anzusehen. Sein Lehrer erwiderte den Blick ruhig und erlaubte dem Jungen, im kalten Blaugrau seiner Augen zu lesen. Was Severus dort fand, waren Entschlossenheit, Aufrichtigkeit – und, er schluckte, Sympathie. Für ihn.

Sein Herz krampfte sich zusammen. „Ja", sagte er leise.

„Sehr gut". Aemilius nickte ihm lächelnd zu. „Aber bevor wir mit der Arbeit beginnen, wird Lucius dir erst einmal alles zeigen."

Er trat zur Tür und rief in die Halle hinaus: „Lucius? Lucius, wo steckst du?" Seine Stimme klang mit einem Mal völlig anders – verdrossen, gereizt.

Lucius.

Ein heißkalter Schauer lief über Severus' Rücken. Er hatte Lucius seit jener Nacht nicht mehr gesehen, wusste nicht, wie der junge Mann es letztlich aus den Slytherin-Kerkern ins Gästezimmer geschafft hatte. Nur über den üblichen Schülertratsch hatte Severus erfahren, dass Lucius am nächsten Nachmittag verfrüht aus Hogwarts abgereist war.

Lucius.

Die Gefühle, die ihn beim Gedanken an den Sohn seines Gastgebers überkamen, konnte Severus nicht einordnen. War es Zorn, Hass, Enttäuschung, Scham? Oder etwas ganz anderes, etwas Fremdes, Beunruhigendes? Das Blut pochte bedrohlich in seinen Lenden.

Nach einigen Minuten tauchte ein äußerst gelangweilt aussehender Lucius Malfoy in der Tür auf. Das gefährliche Pochen verstärkte sich.

„Ja, Vater? Sie wünschen?"

Er siezt seinen Vater, fragte Severus sich verblüfft. Er wusste zwar, dass eine ausgesprochen höfliche Anrede der Eltern in einigen Reinblüterfamilien die Regel war, aber bei Aemilius, der ihm selbst so rasch das Du angeboten hatte, ihm, einem sechzehnjährigen Schüler?

„Zeig Severus das Haus und sein Zimmer und führe ihn durch den Garten und die Ställe, damit er sich einigermaßen auf dem Gelände zurechtfindet."

Es war keine Bitte, es war ein Befehl.

„Wie Sie wünschen, Vater", entgegnete Lucius kalt. „Komm mit, Severus. Um dein Gepäck werden sich die Hauselfen kümmern", fuhr er im gleichen Tonfall fort.

Lucius geleitete ihn durch das riesige Haus – im Grunde war es fast schon ein kleines Schloss –, von Raum zu Raum, von Stockwerk zu Stockwerk, und die ganze Zeit über fühlte Severus sich von diesem verfluchten Pochen in seinem Unterleib begleitet. Lucius' kühle Stimme, mit der er gleichgültig wie ein gelangweilter Fremdenführer die Geschichte des Gebäudes und die Funktion der verschiedenen Räume erläuterte, brachte ihn ins Schwitzen. Severus hatte Mühe, seinen Worten zu folgen.

Dennoch konnte er sich der bezaubernden Atmosphäre des Hauses nicht entziehen. Alles war ausgesprochen geschmackvoll und teuer eingerichtet, aber nichts wirkte protzig oder übertrieben. Diese Familie hatte es nicht nötig, ihren Reichtum zur Schau zu stellen, er war über die Jahrhunderte zu einer Selbstverständlichkeit für sie geworden.

Das Gästezimmer, in dem Severus die Sommerferien über wohnen würde, war für seine Verhältnisse riesig, vielleicht sechzig Quadratmeter groß, lichtdurchflutet, mit kostbaren Möbeln aus dem achtzehnten Jahrhundert ausgestattet und mit einem eigenen Bad versehen.

„Das ist Dumby, dein persönlicher Hauself", bemerkte Lucius beiläufig und wies mit einem Kopfnicken auf ein zerknittert aussehendes kleines Wesen hinter dem Sofa, das Severus bis dahin überhaupt nicht wahrgenommen hatte.

„Zu Ihren Diensten, Severus Snape, Sir", quäkte der Hauself unterwürfig.

Anschließend zeigte Lucius ihm den Garten, der eigentlich eher ein Landschaftspark war, voller botanischer Kostbarkeiten, von denen einige sichtbar magischen Ursprungs waren. Mitten zwischen prächtigen Trauerweiden, die im Wind seufzten und stöhnten, und uralten Blutbuchen, von deren Blättern dunkelrote Tropfen perlten, lagen die Stallungen, in denen sich ein Dutzend wertvoller und atemberaubend schöner Vollblutpferde, mehr als zwanzig Jagdhunde sowie vier Thestrale befanden.

Severus konnte die unheimlichen Geschöpfe sehen, da er dabei gewesen war, als seine Mutter starb. Wieso sie auch für Lucius sichtbar waren, brauchte er nicht zu fragen. Sicher hatte Aemilius' Sohn mehr als einmal im Auftrag des Dunklen Lords getötet.

An die Führung schloss sich nach einer kurzen Pause, in der Severus seine wenigen Habseligkeiten auspackte und seine schwarze, abgescheuerte Cord-Schlaghose und das gleichfarbige Shirt rasch gegen seine beste, in dieser Umgebung immer noch erbärmlich wirkende Robe eintauschte, ein hervorragendes viergängiges Abendessen an. Während des Essens unterhielt Aemilius sich ausgesprochen freundlich und interessiert mit seinem Gast, wohingegen Lucius missmutig auf seinem Teller herumstocherte. Schließlich entschuldigte sich der junge Mann und zog sich in seine Räume zurück.

„Darf ich dich etwas über Lucius fragen?", erkundigte Severus sich vorsichtig, kaum dass besagte Person den Raum verlassen hatte.

„Sicher."

„Wieso wohnt er noch hier? Er ist doch über zwanzig, arbeitet er nicht irgendwo?"

„Oh doch, er ist für das Zaubereiministerium tätig – diplomatischer Dienst, internationale Beziehungen. Lucius ist ziemlich viel im Ausland unterwegs und besitzt auch ein Stadthaus in London. Aber er verfügt über eigene Räume im Ostflügel und hält sich recht häufig hier auf – einerseits, weil ich es wünsche, andererseits, weil in unserem Haus regelmäßig Treffen des Ordens abgehalten werden."

Aemilius warf einen raschen Blick auf die Standuhr am anderen Ende des Raumes.

„Ich denke, es wird Zeit, dass wir mit deinem Unterricht beginnen. Mach dich noch ein bisschen frisch. Wir treffen uns in fünfzehn Minuten an der großen Treppe in der Eingangshalle."

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Eine Viertelstunde später führte Aemilus seinen Gast in die Kellergewölbe des Landhauses.

„Hier unten befindet sich unser Tränkelabor, außerdem Vorratsräume sowohl für Lebensmittel als auch für Zaubertrankzutaten und andere magische Utensilien. Getrennt natürlich und letztere immer verschlossen, um unerfreuliche Zwischenfälle zu vermeiden, die durch die Dummheit der Hauselfen hervorgerufen werden könnten. Darüber hinaus gibt es hier noch einige andere Arbeitsräume, die du zu einem späteren Zeitpunkt deiner Ausbildung kennenlernen wirst."

Aemilius öffnete eine Tür und winkte Severus hindurch. Der Raum, den er jetzt betrat, war groß und gut beleuchtet. Eine Reihe von hohen Schränken säumte die Wände, in denen die wertvollen Zutaten sicher vor Staub, Licht und Feuchtigkeit verwahrt waren. Auf verschiedenen Tischen standen Destillierapparate, Reagenzgläser und Glaskolben. Mehrere Feuerstellen mit Kesseln von verschiedenster Größe und aus unterschiedlichen Materialien warteten darauf, in Betrieb genommen zu werden.

Auf einem der Tische saß in lässiger Pose ein schwarz gekleideter Mann in mittleren Jahren, der sich bei ihrem Eintritt erhob. Er und Aemilius nickten sich grüßend zu.

„Severus, das ist Jim Avery, unser Heiler."

Jim Avery ...

Severus hatte einen Slytherin-Mitschüler gleichen Namens, der eine Klasse höher war als er. Ob dieser Mann sein Vater war?

„Hallo", sagte Avery lächelnd. Er hatte dunkles, bereits grau meliertes Haar, freundliche braune Augen und war von kräftiger Statur.

„Hallo ..."

„Ich glaube, wir sind uns schon einmal bei deiner Weihe begegnet – flüchtig."

„Ja", erwiderte Severus zurückhaltend.

Avery hatte sich damals um Hraban gekümmert.

"Mein Sohn ist in deinem Haus."

Volltreffer ...

Severus mochte Jim Avery junior nicht besonders. Der Kerl war fast so versnobt wie Lucius.

Hoffentlich hat er seine Arroganz nicht von seinem Vater geerbt ...

„Ich werde euch jetzt alleine lassen", verkündete Aemilius. „Viel Vergnügen bei eurer ersten Unterrichtsstunde."

Er lächelte Severus kurz zu und verließ den Raum.

Was macht ein Heiler bei den Todessern?, fragte Severus sich.

„Was hat ein Heiler bei den Todessern zu suchen? Das ist es doch bestimmt, was du dich jetzt fragst", sprach Avery seinen Gedanken aus.

„Meine wichtigste Aufgabe besteht natürlich darin, mich um verletzte oder erkrankte Ordensmitglieder zu kümmern. Es gibt Situationen, in denen wir nicht zu einem niedergelassenen Heiler oder nach St. Mungo's gehen können, beispielsweise bei Fluchschäden, die aus einem Kampf mit Auroren resultieren, oder bei Erkrankungen, die durch leichtsinnigen Umgang mit Schwarzer Magie entstanden sind. Wer auf den Fahndungslisten des Ministeriums steht, sollte sich ebenfalls einer gewissen Vorsicht befleißigen. In solchen Fällen werde dann ich gerufen. Das hat allerdings auch dazu geführt, dass ich praktisch zum Hausheiler für viele Todesser und ihre Familien geworden bin – die Arbeit geht mir also so schnell nicht aus." Sein Gesichtsausdruck zeigte deutlich, dass diese Art von Arbeit ihm behagte und er nichts gegen einen vollen Terminkalender einzuwenden hatte.

„Mein zweiter Aufgabenbereich ist die Betreuung von Gefangenen. Nicht ganz mit meinem Berufsethos in Einklang zu bringen, aber ... na ja." Averys Lachen wirkte etwas gezwungen. „Dazu gehört auch, dass ich häufig bei Folterungen oder Hinrichtungen anwesend sein muss, um den, hm, ordnungsgemäßen Ablauf sicherzustellen." Er bemerkte Severus' fragenden Blick. „Das heißt, sie sollen möglichst nicht vor der Zeit krepieren."

„Oh."

„Da meine Arbeitsbelastung vor allem im zweiten Bereich in letzter Zeit erheblich zugenommen hat, teilt der Dunkle Lord meine Ansicht, dass ich einen Assistenten brauchen könnte. Du hast hervorragende Noten in Zaubertränke und Kräuterkunde, auch in Verteidigung gegen die Dunklen Künste – wichtige Voraussetzungen für einen guten Heiler."

Heiler.

Das war es definitiv nicht gewesen, was Severus sich als seine Aufgabe im Dunklen Orden vorgestellt hatte. Doch die Sache klang nicht uninteressant. Wenn seine Lieblingsfächer eine so große Rolle dabei spielten ...

„Und was werde ich bei Ihnen lernen, Sir?"

Avery lachte. „Ich bin dein Lehrer, nicht dein Vorgesetzter. Da wir beide im Orden sind, tut's der Vorname. Nenn' mich Jim oder meinetwegen Avery, aber den Sir lass stecken."

Die Sache wurde Severus nachgerade unheimlich. Zwar siezten sich in Hogwarts Lehrer und Schüler untereinander, so dass man den Eindruck bekommen konnte, sie gingen auf gleicher Ebene miteinander um, aber die Rangordnung war doch immer klar gewesen. Jetzt war er Mitglied des Dunklen Ordens, einer Organisation, die er immer für durch und durch autoritär und hierarchisch gehalten hatte – nicht, dass ihn das jemals gestört hätte – und plötzlich schien jeder Rangunterschied aufgehoben.

Avery war seine Verunsicherung nicht entgangen. „Es gibt sehr wohl eine Hierarchie innerhalb des Ordens. Normalerweise würdest du als Novize ganz unten stehen, auch wenn wir eine enge Gemeinschaft haben und Neulinge schnell eingebunden werden. Aber dein Fall liegt ... ungewöhnlich."

Er räusperte sich. „Ich kenne den Dunklen Lord schon sehr lange, länger als die meisten anderen Todesser. Ich war einer seiner ersten Anhänger. Noch nie hat er so einen Aufwand für ein neues Ordensmitglied veranstaltet."

Severus schluckte.

„Er hat seine zuverlässigsten und fähigsten Leute ausgewählt, um dich umfassend zu unterrichten. Natürlich erhält jeder neue Todesser eine Einweisung und auch eine Art von Ausbildung, aber normalerweise nicht in diesem Umfang. Ich weiß nicht, was unser Lord mit dir vorhat, Severus, aber ..." Avery zuckte ratlos die Achseln. „Es muss wohl was Großes sein."

Severus wurde es abwechselnd heiß und kalt.

Dein Fall liegt ungewöhnlich ... Noch nie solchen Aufwand veranstaltet ... Muss wohl was Großes sein ...' – Merlin, was hatte der Dunkle Lord mit ihm vor?!

Avery kehrte zum eigentlichen Thema der Unterhaltung zurück. „Was unseren gemeinsamen Unterricht angeht: Wir werden uns mit verschiedenen Fachgebieten beschäftigen. Tränkebrauen, Kräuterkunde, Abwehr Dunkler Flüche – alles im Hinblick auf Heilkunde, natürlich. Du wirst mich zu einigen Patientenbesuchen begleiten – zu meinen Todesser-Patienten und zu den weniger glücklichen behandlungsbedürftigen Gefangenen des Dunklen Lords. Am Ende deiner Ferien solltest du, wenn du aufmerksam bist und hart arbeitest, in der Lage sein, mir zu assistieren. Während des Schuljahres kannst du selbstständig an den theoretischen Grundlagen arbeiten, und in den nächsten Ferien werden wir deinen praktischen Unterricht fortsetzen. Ziel ist, dich zu einem vollständig ausgebildeten Heiler zu machen, mit Schwerpunkt auf den Dunklen Zweigen der Heilkunst, die sehr wirksam, sehr risikoreich und" – Avery grinste breit – „sehr verboten sind."

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