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Schattenprinz
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Anmerkungen: Danke an Kathrina CH, die sich spontan dazu bereit erklärt hat, als Betaleserin einzuspringen. Sie hat die ganze Geschichte, soweit sie bis jetzt geschrieben ist, in Rekordzeit gelesen und mit ihrer konstruktiven Kritik bereichert. :-)
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Kapitel 6
Einkäufe
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Nach seinem ersten Unterricht bei Avery, der vor allem aus einem Ausblick auf den Stoff der kommenden Wochen und einigen theoretischen Erläuterungen über die Grundlagen des Heilerberufs bestanden hatte, verbrachte Severus eine etwas unruhige Nacht in Seidenbettwäsche und Kamelhaarsteppdecken. Die Stille, die in dem großen Zimmer herrschte, war ungewohnt für ihn, und sein Geist war noch lange mit der Verarbeitung der ersten Eindrücke von Malfoy Manor, mit Aemilius, Lucius und Avery beschäftigt.
Am nächsten Morgen wurde Severus von einem sehr unterwürfigen Dumby geweckt, der ihn, nachdem er sich rasch gewaschen und angezogen hatte, hinunter ins Speisezimmer führte. Dort erwarteten ihn ein prachtvolles Frühstück, ein ausgesprochen gut gelaunter Hausherr – und Lucius, der aussah, als hätte sein Vater ihn gerade gezwungen, Regenwürmer zu essen.
Schon nach wenigen Minuten wurde der Grund für Lucius' Verstimmung offenbar.
„Ich dachte mir", sagte Aemilius mit einem nachsichtigen Blick auf Severus' ausgewaschene und geflickte Muggelkleidung – Bluejeans mit Schlag und ein ehemals schwarzes, jetzt dunkelgraues Hemd – „dass du vielleicht ein paar neue Sachen zum Anziehen brauchen könntest. Leider habe ich heute Vormittag einige Termine, aber ich bin sicher, Lucius wird dich gerne zum Einkaufen begleiten."
Severus' erschrockene Proteste – er war beschämt darüber, dass Aemilius die Kosten für seine neue Kleidung übernehmen wollte, auch wenn Severus selbst sich von seinem mageren Taschengeld kaum etwas hätte kaufen können – wurden nachdrücklich abgewehrt, und so fand Severus sich eine halbe Stunde später gemeinsam mit Lucius in seinem Gästezimmer wieder.
„Bevor ich mit dir irgendwo hingehe", verkündete Lucius mit einem angewiderten Naserümpfen, „wirst du dir gefälligst die Haare waschen." Er knallte Severus eine Shampooflasche in die Hand. „Falls du, wie ich annehme, nichts zum Thema Hygiene dabei hast ..."
Severus verspürte das heftige Bedürfnis, diesem arroganten Arschloch mit der Glasflasche die Zähne einzuschlagen.
„Herzlichen Dank", presste er wütend hervor. „Ich hoffe, du hast nichts von dem Bleichmittel reingemischt, das du für deine Haare verwendest."
Lucius lächelte herablassend. „Du warst auch schon mal witziger, Schniefelus. Vor der großen Treppe in der Eingangshalle. In einer halben Stunde." Damit ließ er Severus stehen.
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Als Erstes schleppte Lucius Severus zu „Twilfitt und Tatting's", einem teuren Herrenausstatter in der Winkelgasse. Arrogant stolzierte der Sohn seines Gastgebers um ihn und den Ladeninhaber herum, prüfte Stoffqualitäten, bekrittelte minimale Fehler in der Verarbeitung von Roben und Umhängen und verdrehte bei jedem neuen Kleidungsstück, das er Severus anprobieren ließ, in gespieltem Entsetzen die Augen. Nach zwei Stunden war Severus von der Socke bis zum Festumhang mit einer komplett neuen Garderobe versehen – und sein Geduldsfaden hing nur noch mit hauchdünnen Fasern zusammen.
„Ich denke, in den Sachen hier würdest du nicht allzu garstig aussehen", bemerkte Lucius, indem er Severus eine Robe und einen Umhang hinhielt. „Nun komm schon, zieh das an. Oder meinst du, ich gehe mit dir Einkaufen, solange du deine Muggellumpen trägst?"
Severus riss ihm wortlos die Kleider aus der Hand und verschwand wieder in der Umkleidekabine. Die Robe war von einem so tiefen Rotton, dass sie fast schon Schwarz wirkte. An den Ärmelaufschlägen und rechts und links der Knopfleiste war sie dezent mit floralen Ornamenten bestickt, die man aber erst auf den zweiten Blick sah, da sie in Schwarz und Bordeaux gehalten waren. Sacht ließ Severus seine Fingerspitzen über den kühlen Leinenstoff gleiten. Noch nie hatte er so teure – und so schöne – Kleidung getragen. Man konnte sicher viel Negatives über Lucius Malfoy sagen, aber Geschmack hatte er, das musste man ihm lassen.
Der Stoff der von Lucius ausgewählten Robe war seidig und glatt.
Seidig und glatt wie –
„Salazar, Severus, was treibst du bloß in dieser verdammten Kabine?! So lange kann das doch nicht dauern mit dem Umziehen ... Oder musst du dir erst noch einen runterholen hinter dem Vorhang?"
Severus zuckte zusammen und lief feuerrot an, als Lucius' kalte Stimme durch seine in der Tat nicht ganz so harmlosen Gedanken schnitt. Automatisch setzte er zu einer scharfen Erwiderung an – und stellte entsetzt fest, dass ihm absolut nichts Gemeines einfiel, das er zu Lucius hätte sagen können. Mit einem verwirrten Kopfschütteln legte er eilig die Robe und den dazu gehörigen Umhang an, raffte Jeans und Hemd zusammen und stolperte, immer noch mit glühenden Wangen, aus der Umkleide heraus.
Lucius musterte ihn mit einem seltsamen Blick. Spott lag darin, Herablassung – aber auch etwas fast Nachdenkliches. Er sagte nichts zu Severus, der sich schon auf einen weiteren verletzenden Kommentar gefasst gemacht hatte, und gestikulierte ihn stumm aus dem Laden heraus.
Lucius überließ es Severus, die riesigen Einkaufstaschen durch das Menschengewimmel der Winkelgasse zu dirigieren. Immer wieder trafen sie auf Bekannte der Malfoys, was jedes Mal dazu führte, dass Lucius in ein ausgiebiges Gespräch verwickelt wurde und Severus wie ein Idiot daneben stand. Seine Stimmung sank von Minute zu Minute.
„Nokturngasse", kommandierte Lucius plötzlich und zog ihn in die düstere Seitenstraße hinein.
Die Einkaufszeile für schwarzmagische Bedarfsartikel war kaum weniger belebt als die Winkelgasse. Dieser Tage brauchte sich niemand zu schämen, der hier sein Geld ausgab. Dummerweise schien Lucius in der Nokturngasse sogar noch mehr Menschen zu kennen. Nach wenigen Minuten wurden sie von drei elegant gekleideten jungen Frauen gestoppt – Bella und Narcissa Black mit einer brünetten Schönheit im Schlepptau, an die Severus sich ebenfalls vage von Hogwarts her zu erinnern glaubte. Die Black-Schwestern hatten ihre Schulausbildung bereits beendet und waren jetzt offenbar auf Männerfang, um sich eine gemütliche, wohlfinanzierte Zukunft zu sichern.
„Lucius", trällerte Narcissa und stürzte sich auf den blonden jungen Mann. Küsschen rechts, Küsschen links – dann waren die anderen beiden Frauen an der Reihe. Ein angeregtes, inhaltsleeres Geplauder hob an. Severus stand ein paar Meter von dem Grüppchen entfernt und beobachtete das Ganze äußerst missmutig.
Es dauerte eine Weile, bis Lucius sich wieder an ihn erinnerte. „Ah, Severus ... Was hältst du davon, wenn du den Rest der Einkäufe alleine erledigst?" Lucius drückte ihm einen Zettel und einen Geldbeutel aus Schlangenleder in die Hand. „Besorg den Kram, der auf der Liste steht, und dann kauf dir noch was Schönes. Zwanzig Galleonen sind für dich, okay?"
Narcissa rümpfte leicht die Nase, während sie Severus musterte. „Meine Güte, Lucius", seufzte sie missbilligend, „dass dein Vater dich mit sowas zum Einkaufen schickt ..."
„Ähm ...", machte Lucius verlegen. Severus hatte fast den Eindruck, dass im Blick des Älteren eine Entschuldigung lag – eine Entschuldigung, die an ihn gerichtet war. „Severus, wir treffen uns in zwei ... nein, besser drei Stunden im tropfenden Kessel. Verlier das Geld nicht, pass auf deine Einkäufe auf und vergiss nichts von den Sachen, die auf der Liste stehen. Bis nachher."
Dann war er mit den kichernden Frauen in der Menge untergetaucht.
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Damit begann der angenehme Teil des Vormittags. Die nächsten Stunden verbrachte Severus mit einer ausgiebigen Erkundung der Nokturngasse. Er kaufte verbotene Trankzutaten in einem winzigen Laden ein, in dem ihm schon der bloße Geruch giftiger Kräuter und getrockneter Organe, der in einer fast sichtbaren Wolke den Raum füllte, die Fußnägel aufrollte. Seine nächste Station stellte ein Antiquariat dar, wo er ein Buch für Aemilius abholen sollte. Der Inhaber, ein hagerer alter Mann mit Katzenaugen und einer Haut wie das Pergament tausendjähriger Bücher betrachtete ihn äußerst misstrauisch. Schließlich händigte er Severus aber doch das gewünschte Werk aus und hinderte ihn auch nicht daran, in den im vorderen Teil des Geschäftes ausgestellten Büchern zu stöbern.
Severus kaufte von Lucius' Geld ein Buch mit dem vielversprechenden Titel Leitfaden zur Herstellung nicht nachweisbarer Gifte von Amanita Toxin aus dem achtzehnten Jahrhundert. Vermutlich waren die Gifte inzwischen nicht mehr ganz so unmöglich nachzuweisen, aber es war ohnehin mehr wissenschaftliches Interesse, das Severus zum Erwerb des Leitfadens trieb. Obwohl, wenn er so an Black und Potter dachte ... Vielleicht konnte er ja irgendwo einen aktualisierten Ergänzungsband auftreiben.
Er verließ das Antiquariat und schlenderte weiter zu einer äußerst verdächtig wirkenden Kneipe, vor der ein verbeultes Blechschild baumelte, das einen Wolf mit blutbeflecktem Fell und drohend entblößtem Gebiss zeigte. Darunter stand in verblassenden Lettern: Lux Lykanthropia.
Neugierig legte Severus die Hand auf die Türklinke, als sein Blick auf ein kleines Schild im Fenster fiel. Darauf waren zwei Menschen abgebildet und daneben stand der Satz: Wir müssen leider draußen bleiben. Severus zog irritiert die Hand zurück, gerade als die Tür aufging und ein hagerer, streng riechender Mann in abgerissener grauer Robe heraustrat.
„Nein, sowas", knurrte der Mann erfreut. „Was für'n Zufall: Severus Snape!"
Severus brauchte ein paar Sekunden, bis er sein Gegenüber wiedererkannte: Fenrir Greyback.
„Hallo ...", grüßte er angespannt zurück. Alle Instinkte schlugen Alarm und sein Körper hätte es vorgezogen, sich möglichst schnell möglichst weit von dem Werwolf zu entfernen. Der Rest von Severus war der gleichen Ansicht.
„Severus Snape", wiederholte Greyback grinsend, wobei er seine spitzen gelben Zähne bleckte. „Wenn das nicht ein Grund ist, noch einen zu heben ..." Der Werwolf packte ihn am Arm und zog ihn in die Kneipe hinein.
„Aber ...", protestierte Severus schwach, indem er auf das Verbotsschild deutete.
Greyback lachte grollend. „Ach, das geht schon in Ordnung. Wenn ich dich mitbringe, machen die schon mal 'ne Ausnahme."
Na klasse, dachte Severus, während er dem Mann mit weichen Knien folgte. Eine Kneipe voller Werwölfe – und ich mitten drin. Wollte ich schon immer mal erleben ...
Glücklicherweise erwies sich die Schankstube als ziemlich leer – nur fünf Gestalten hockten verteilt am Tresen und an den Tischen. In der hintersten Ecke saß ein knutschendes Pärchen, etwas weiter vorne ein junger Mann, der in ein Buch vertieft war, und auf den Barhockern thronten zwei Frauen, die Severus auf Mitte vierzig schätzte. Alle waren wesentlich besser gekleidet als Greyback und machten einen ziemlich normalen – das hieß in diesem Fall, menschlichen – Eindruck.
„Nicht viel los heute", brummte Greyback entschuldigend. „Hallo Euphorbia, hallo Lycosida", grüßte er die beiden Frauen.
„Du schon wieder, Fenrir?", spottete die eine der beiden, kräftig und mit aschblondem schulterlangen Haar. Ihre Stimme klang scharf und hell. „Kriegst wohl nicht genug von uns ... Und wer ist das?" Sie taxierte Severus mit durchdringenden bernsteingelben Augen.
„Von dir krieg ich nie genug, Phorbia", brummte Greyback und lächelte sein zähnestarrendes Wolfslächeln. Severus schauderte unwillkürlich. „Das hier", Greyback klopfte ihm kumpelhaft auf die Schulter, „ist Severus Snape, ein talentierter junger Zauberer, der unter besonderem Schutz einer uns allen wohlbekannten Persönlichkeit steht. Seid nett zu ihm, Mädels."
Die zweite Frau, hager wie Greyback und mit nicht weniger stechendem Blick als Euphorbia, beugte sich leicht zu Severus hinüber und musterte ihn interessiert. In ihren grellblauen Huskyaugen funkelte der Spott. Nach wenigen Sekunden wandte sie sich kommentarlos wieder ihrem Glas zu.
Greyback begann, Severus in umständlichen Worten und mit großer Gebärde von seinem wilden Werwolfsleben („Ich mag es, wenn das Blut so richtig spritzt und ihre Knochen unter meinen Zähnen brechen."), seinen politischen Ansichten („Wir sollten alle Zauberer zu Werwölfen machen, dann könnten wir die Muggel endlich auf eine erträgliche Zahl reduzieren.") und dem hohen Ansehen, das er unter seinesgleichen genoss („Sie sehen alle zu mir auf.") zu erzählen. Severus sah aus den Augenwinkeln, dass die beiden Frauen sich hinter Greybacks Rücken prächtig amüsierten. Als der Todesser von seiner herausgehobenen Position unter den Werwölfen berichtete, gelang es Lycosida nur mit viel Glück, ihre Freundin davor zu bewahren, vor Lachen vom Stuhl zu fallen.
Severus war erleichtert, als er sich nach einer Stunde endlich loseisen konnte. Mit großen Schritten machte er sich auf den Weg zum letzten Geschäft auf seiner Liste, Borgin und Burke's. Er tauchte durch die Tür in einen dämmrigen und vollgestellten Verkaufsraum ein. Fasziniert ließ er seinen Blick über die verdächtigen Objekte wandern, die Regale und Vitrinen füllten. Nach wenigen Sekunden erschien der Ladeninhaber, ein gebeugter, ungepflegter Mann mit listigen kleinen Augen.
„Was kann ich für dich tun, mein Junge?", fragte er mit öliger Stimme.
„Aemilius Malfoy schickt mich. Ich soll etwas für ihn abholen." Genaueres stand leider nicht auf der Liste und Severus konnte nur hoffen, dass der Name Malfoy hier ebenso wirksam sein würde wie vorhin im Antiquariat.
„Ah jaaa ..." Borgin nickte dienstfertig. „Dann musst du Severus Snape sein, nicht wahr?"
Severus starrte ihn verblüfft an.
Woher –?
„Hat sich rumgesprochen, dass Aemilius Malfoy einen Gast beherbergt diesen Sommer." Er bemerkte Severus' nervösen Blick. „Oh nein, nein, keine Sorge, natürlich wissen nur die richtigen Leute davon." Borgin verschwand in einem Nebenraum und kehrte mit einem sorgfältig eingewickelten großen Paket zurück. „Gute Qualität, wenn ich das sagen darf. Und sehr schwer zu beschaffen. Aber Mr Malfoy hatte schon immer eine Vorliebe für gewisse ... Spezialitäten."
Severus nahm das Paket entgegen. Es war ziemlich schwer. Gerne hätte er sich noch etwas im Laden umgesehen, aber inzwischen war es schon reichlich spät. Hastig murmelte er einen Abschiedsgruß und eilte in Richtung Winkelgasse davon.
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Seinen nachmittäglichen Unterricht trat Severus in einer nagelneuen schwarzen Robe mit tannengrünen Aufschlägen und silbernen Stickereien an. Aemilius nickte zufrieden und geleitete seinen Schüler in den Severus schon bekannten Salon.
„Setz dich", bat Aemilius und bot ihm etwas zu trinken an. „Hast du schon einmal von Legilimentik oder Okklumentik gehört?"
Severus nickte. „Legilimentik ist die Fähigkeit, Erinnerungen und Emotionen aus einem anderen Geist herauszuziehen. Okklumentik nennt man die Kunst, seinen Geist vor eben solchen Angriffen zu verschließen."
Aemilius lächelte anerkennend. „Korrekt. Zwei sehr nützliche Fähigkeiten, speziell in unserem Metier. – Du wirst in diesem Sommer zahlreiche Dinge erfahren, die für unsere Gegner von höchstem Wert wären. Das fängt schon mit den Namen deiner Lehrer an und endet noch lange nicht bei den Organisationsstrukturen des Ordens. Wenn du unvorsichtig bist – oder uns verraten willst –, wären die Folgen für den Orden katastrophal."
Über diesen Punkt hatte Severus noch gar nicht nachgedacht. Er hatte sich geehrt gefühlt, von Aemilius eingeladen zu werden und war fast unangenehm überrascht gewesen, wie viel Aufwand auf Geheiß des Dunklen Lords mit seiner Ausbildung verbunden war. Dass er auch ein enormes Sicherheitsrisiko für die Todesser darstellte, wurde ihm erst jetzt bewusst.
„Aber ... Dumbledore ...", stammelte Severus erschrocken. „Ich werde nie fähig sein, ihn zu täuschen ..."
Aemilius machte eine beschwichtigende Geste. „Der Dunkle Lord ist fest davon überzeugt, dass du es schaffen wirst. Bei deiner Weihe hat er deinen Geist ergründet und gute Ansätze für Legilimentik und Okklumentik gefunden. Sonst wäre er nie auf die Idee gekommen, dich persönlich mit deinen Lehrern bekannt zu machen. Normalerweise dauert es Jahre, bis neue Ordensmitglieder Klarnamen erfahren und Einblicke in die Struktur unseres Bundes bekommen. Die Masken sind nicht nur für unsere Gegner gedacht, sie dienen auch zum Schutz der Todesser voreinander. Nicht jeder ist in der Lage, der Folter zu widerstehen – abgesehen davon, dass sich auch in unsere Reihen immer wieder Spione und Verräter einschleichen."
„Der Folter?", fragte Severus verblüfft.
„Offiziell wird natürlich nicht gefoltert, weder im Feld durch Auroren, noch bei Verhören im Ministerium oder in Askaban. Das ist die saubere Fassade. Was hinter geschlossenen Türen vor sich geht, unterscheidet sich nicht wesentlich von unserer eigenen Praxis. Das Zaubereiministerium beschäftigt sogar einen Trupp von Profikillern. Wir haben bereits leidvolle Erfahrungen mit dieser Spezialeinheit machen müssen. Und obwohl wir Todesser das Image einer folternden, vergewaltigenden und mordenden Terrororganisation haben", Aemilius' Mundwinkel zuckten amüsiert, „neunzig Prozent unserer Aktivitäten laufen vollkommen unblutig, oft sogar ganz ohne Zwang und in beiderseitigem Einvernehmen ab."
Severus starrte ihn verständnislos an.
Aemilius lächelte spöttisch. „Bestechung, Severus. Jeder Mensch ist korrupt, es kommt nur darauf an, die richtige Summe zu finden. Der Orden verfügt über riesige Geldmittel. Doch das ist bei Weitem nicht alles, was wir zu bieten haben. Wir haben mehr zu vergeben als Geld: Macht. Wir sind dabei, die Schlüsselpositionen im Ministerium, im Zauberergamot, in der Presse und so weiter mit unseren Leuten zu besetzen. Bald werden wir an allen Schalthebeln der Macht sitzen und dieses Land völlig ohne Blutvergießen übernehmen. Nur natürlich, dass intelligente Zauberer und Hexen rechtzeitig auf die Seite der aufsteigenden Macht wechseln wollen."
Immernoch lächelnd nahm Aemilius einen Schluck aus seinem Cognacglas. „Soviel zur Politik. Jetzt zurück zu deinem Unterricht. Ich werde dich täglich in Legilimentik und, vor allem, Okklumentik unterrichten. Es ist von höchster Wichtigkeit, dass du lernst, deinen Geist zu verschließen."
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Die folgenden zwei Wochen vergingen wie im Flug. Severus hatte jeden Tag Unterricht von acht bis zwölf, von zwei bis sechs und von acht bis zehn Uhr abends. Auf seinem Stundenplan standen täglich Zaubertränke, Kräuterkunde und Heilkunst bei Avery, Okklumentik, Legilimentik und Zauberkunst bei Aemilius. Dazu kamen immer wieder einzelne Lektionen bei verschiedenen Todessern. So war Greyback zweimal zu Gast, um Severus Grundlegendes über Werwölfe zu vermitteln und eines Nachts hatten sie Besuch von einer bleichen Dame namens Henricia Oculata, die das Gleiche zum Thema Vampire übernahm. Außerdem erhielt Severus drei Mal wöchentlich Unterricht in der Kunst des Duells. Sein Lehrer dabei war niemand anders als Lucius Malfoy. Anfangs waren sie ziemlich misstrauisch umeinander herumgeschlichen und hatten vereinbart, sicherheitshalber nur harmlose Flüche zu verwenden. Doch bald hatten sie festgestellt, dass sie auf der Arbeitsebene recht gut miteinander klar kamen und waren in der Folge zu komplexeren Kampftechniken übergegangen.
Obwohl Severus sich also nicht über mangelnde Beschäftigung beklagen konnte, genoss er diesen Sommer wie keinen zuvor. Er lernte mit wirklicher Begeisterung. Vor allem Avery und Aemilius erwiesen sich als hervorragende Lehrer, und die Perspektive, als Heiler im Dunklen Orden zu arbeiten, erschien Severus bald nicht mehr fremd oder abwegig. Einige Male hatte er Avery auf Patientenbesuchen begleitet – vorerst allerdings nur bei kranken oder verletzten Todessern. Darüber hinaus beschäftigten sie sich vor allem mit der Herstellung hochwirksamer Heilmittel, die häufig offiziell verbotene Zutaten enthielten. Außerdem lernte Severus, seine angeborenen Heilkräfte gezielt einzusetzen, wie er es bereits einmal eher intuitiv für Lucius getan hatte.
In Okklumentik machte Severus rasche Fortschritte. Er lernte, eine Art durchlässigen Vorhang über seinen Geist zu legen, der einen potentiellen Eindringling nur ungefährliche Emotionen und Erinnerungen sehen ließ, ohne dass er wahrnehmen konnte, dass ihm etwas vorenthalten wurde.
Auch der bewusste Umgang mit Schwarzer Magie, den er von seinem Gastgeber lernte, fesselte Severus ungemein. Er hatte viel zu tun, aber er war zufrieden dabei. Zufrieden – und beinahe glücklich.
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Anmerkung: Die Idee mit den Profikillern im Dienste des Zaubereiministeriums stammt übrigens nicht von mir, sondern von Rowling. In Band 3, Kapitel 10, erwähnt Fudge im Zusammenhang mit der Jagd nach Sirius Black "trained Hit Wizards from the Magical Law Enforcement Squad" – ein "hit man" ist ein Auftragsmörder.
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