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SSSSSSS
Schattenprinz
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Kapitel 7
Schmerz
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„Schmerz", sagte Aemilius ruhig, „sowohl seelischer als auch körperlicher, ist etwas, womit wir alle lernen müssen umzugehen. Auch als Todesser wirst du nicht immer nur austeilen. Der Dunkle Lord kann sehr streng sein. Du könntest in einem Gefecht verletzt werden. Im schlimmsten Fall gerätst du einigen Auroren der unangenehmeren Sorte in die Hände. Außerdem bin ich der Ansicht, dass jeder von uns wissen sollte, was er einem anderen unter Umständen zumutet – in Grenzen natürlich. Aber du wirst bei mir nicht darum herum kommen, sowohl den Cruciatus als auch einige andere Flüche am eigenen Leib zu erfahren."
Es ist schon komisch irgendwie, dachte Severus, wie wenig das, was er sagt, hierher zu passen scheint.
Aemilius, Avery und Severus standen in der lichtdurchfluteten Bibliothek Malfoy Manors. Tausende von kostbaren Büchern waren in bis unter die Decke reichenden Regalen aufgereiht. Einige auf Schienen bewegliche Leitern standen davor. Die dominanten Farben im Raum waren das Blau und Türkis des Fußbodens, der aus unglaublich fein und detailliert gearbeiteten Mosaiken bestand, und das dunkle Braun der Regale, Lesepulte und Stühle aus Kirschholz. Auf allem lag die Morgensonne und tauchte die Bibliothek in ein fast überirdisch wirkendes Licht.
So beunruhigend Aemilius' Worte auch waren, Severus empfand keine Angst – höchstens eine leichte Nervosität. Der Raum mit seiner kühlen und gleichzeitig lichten Atmosphäre trug sicher zu seiner gelösten Stimmung bei.
Und die Bücher. Severus liebte Bücher und hatte während der vergangenen zweieinhalb Wochen einen Großteil seiner knapp bemessenen Freizeit in der malfoyschen Bibliothek verbracht. Seine Vorliebe für diesen Ort war wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass diese besondere Stunde zwischen bedrucktem Papier und Lesepulten stattfinden sollte.
Schon der Raum an sich gab ihm ein Gefühl der Sicherheit. Außerdem waren Aemilius und Avery bei ihm, die beiden Lehrer, die er inzwischen am meisten schätzte und denen er fast schon vertraute – und Severus war nicht der Typ, der anderen leichtfertig sein Vertrauen schenkte.
„Zu Beginn deines Aufenthaltes in meinem Haus habe ich dir gesagt, dass du in diesem Sommer deine Grenzen kennenlernen wirst. Heute ist so ein Tag der Grenzerforschung." Aemilius lächelte dieses spezielle leichte und wohlwollende Lächeln, das er nur für Severus reserviert zu haben schien. „Aber vergiss nicht: Du wirst vollkommen sicher sein. Sobald es dir zuviel wird, brauchst du nur ein Zeichen zu geben, dann brechen wir sofort ab. Falls irgendetwas schiefgehen sollte, ist Avery zur Stelle."
Avery rutschte von dem Lesepult herunter, auf dem er bis jetzt schweigend gesessen hatte, und kam auf Severus zu. „Bevor wir anfangen, möchte ich dich sicherheitshalber noch einmal untersuchen." Der Heiler ließ seinen Zauberstab über Severus' Körper wandern. Schließlich nickte er und trat zurück.
Aemilius nahm gegenüber von seinem Schüler Aufstellung.
„Bereit?"
Severus nickte und Aemilius hob den Zauberstab. „Dermatomyiasis!"
Zuerst war es gar nicht so schlimm. Ein ziemlich unangenehmes, aber durchaus noch erträgliches Kribbeln auf der gesamten Hautoberfläche.
Wenn das alles ist ...
Doch dann kam die erste Schmerzwelle. Severus keuchte erschrocken auf, als es sich plötzlich anfühlte, als würden sich unzählige winzige Maden durch seine Haut fressen. Krampfhaft biss er die Zähne zusammen und versuchte verzweifelt, nicht zu schreien.
Durchhalten ... Enttäusch ihn nicht ...
Nach ein paar Minuten begann er zu wimmern. Erst als er Blut schmeckte, merkte Severus, dass er sich auf die Zunge gebissen hatte. Schließlich wurde der Schmerz unerträglich.
„Stopp!", krächzte er mühsam.
Sofort senkte sein Lehrer den Zauberstab.
„Sieben Minuten", verkündete Avery.
„Erstaunlich." Aemilius nickte seinem Schüler anerkennend zu. „Du hast deinen Körper schon sehr gut im Griff."
Der Stolz und die Wärme, die Severus bei diesen Worten durchfluteten, machten die Qual der vergangenen Minuten locker wett.
„Du hast gegen den Schmerz angekämpft, versucht, ihn mit deiner Willenskraft zu unterdrücken."
Severus machte eine bestätigende Geste.
„Das ist eine Möglichkeit. Körperbeherrschung kann dich weit bringen – aber in diesem Fall wirst du bald an die Grenze deiner Möglichkeiten stoßen. Weit effektiver ist es, wenn du dich nicht gegen den Schmerz wehrst, sondern ihn zu einem Teil deiner selbst machst. Lass dich in ihn hineinfallen, akzeptiere ihn und schau, was passiert. Bist du bereit für einen zweiten Versuch?"
Severus schluckte und nickte.
„Dermatomyiasis!"
Jetzt, wo er das Kribbeln schon kannte und wusste, dass gleich der Schmerz kommen würde, war Severus nicht mehr so locker. Alle Sinne zum Zerreißen gespannt, wartete er auf die erste Welle. Und sie kam mit Wucht, stärker als beim letzten Mal, brachte ihn zum Schwanken und ließ ihn zischend die Luft einsaugen.
Fallen lassen ... Akzeptieren ...
Er holte tief Luft und konzentrierte sich ganz auf den Schmerz, der rot war und warm und leuchtete wie eine brennende Fackel.
Atmen ... Fallen lassen ...
Severus atmete in den Schmerz und spürte, wie das Feuer von ihm Besitz ergriff. Die Flammen loderten hoch, leckten an seinem Geist und fraßen sich in seinen Körper hinein. Und plötzlich war er das Feuer, war eins mit dem Schmerz und war dennoch da, konnte denken und handeln, sah Aemilius und Avery durch den roten Schleier hindurch und entschied sich bewusst, nicht niederzusinken, auf den Füßen zu bleiben.
Diesmal dauerte es erheblich länger, bis die Grenze des Erträglichen überschritten war.
„Stopp!", sagte Severus schließlich, als er das Gefühl hatte, nicht mehr lange bei Verstand bleiben zu können.
Das Feuer verlosch und ließ eine Leere zurück, die ihn sekundenlang taumeln ließ.
„Fast sechzehn Minuten", stellte Avery fest. Durch seine tränenverschleierten Augen sah Severus, dass der Heiler breit lächelte.
„Hervorragend", kommentierte Aemilius strahlend und winkte Severus einen Stuhl herbei. „Jetzt machst du erst einmal Pause."
Sein Lehrer drückte ihn auf den Stuhl und gab ihm ein großes Glas Wasser in die Hand, das Severus dankbar akzeptierte.
Die nächsten anderthalb Stunden trainierten sie mit verschiedenen Flüchen weiter. Severus stellte erstaunt fest, dass er weit mehr Schmerzen ertragen konnte, als er für möglich gehalten hätte. Wenn es ihm gelang, den Schmerz als Teil seiner selbst zu akzeptieren, sich bewusst von ihm durchdringen zu lassen, war er in der Lage, dennoch bei wachem Verstand zu bleiben und sich beispielsweise Textpassagen aus einem Buch zu merken oder verschiedene Zauber durchzuführen.
Seine Lehrer waren außerordentlich angetan von seinen Fähigkeiten. Severus badete geradezu in ihrem Lob, sog es in sich auf und nahm es zum Ansporn, seine Leistungen stetig zu steigern.
„Sehr, sehr gut", sagte Aemilius schließlich, nachdem Severus über zehn Minuten lang einem Fluch widerstanden hatte, der ihm das scheußliche Gefühl gab, seine Därme würden zum Leben erwachen und sich wie Schlangen durch seinen Körper winden, sich durch Nerven- und Blutbahnen quetschen und sie zur Explosion bringen. Keuchend hockte Severus auf dem kühlen Mosaikboden und ließ sich von Avery Wasser einflößen.
„Damit wären wir fast durch für heute."
Ein Glück, dachte Severus benommen. Er fühlte sich, als wäre er von einer Herde hysterischer Hippogreife überrannt worden. Doch gleichzeitig glühte er förmlich vor Stolz auf die erbrachten Leistungen und vor Freude über die Anerkennung durch seine Lehrer.
„Einen letzten Fluch habe ich allerdings noch für dich. Den Cruciatus."
Severus' Herz sackte unaufhaltsam abwärts.
„Eigentlich bin ich der Meinung, man sollte eine Stunde immer mit einem Erfolgserlebnis beenden. Deshalb lass dir gesagt sein, dass der Cruciatus sehr anders wirkt als alle Flüche, die du heute kennengelernt hast. Beim ersten Mal wird er dein Bewusstsein komplett wegfegen. Außerdem nimmt er dir jede Kontrolle über deinen Körper. Ich sage das, damit du vorbereitet ist. Gegen den Cruciatus kommt niemand an – und trotzdem kann man lernen, ihn zu ertragen. Die ersten Male sind traumatisch, aber mit der Zeit lernt dein Körper diesen speziellen Schmerz kennen, und irgendwann weiß er dann, dass er ihn überleben wird. Das macht den Schmerz nicht weniger schlimm, aber es hilft gegen die Panik. Und die ist weit schlimmer als die körperliche Qual."
Verärgert stellte Severus fest, dass seine Hände zitterten, als er sich zögernd erhob und auf seinen Lehrer zu trat. Auch seine Knie fühlten sich ungewohnt weich an. Es trug nicht gerade zu seiner Beruhigung bei, dass Avery noch einmal den Zauberstab über seinen Körper gleiten ließ und dabei ausgesprochen ernst aussah.
„Bereit?"
Severus atmete tief durch, ehe er langsam nickte.
„Crucio!"
Aus. Vorbei. Nichts als Schmerz, ein irrsinniger, alles zerreißender Schmerz, der sofort die Kontrolle über jede Faser seines Körpers ergriff. Seine eigenen Schreie gellten in seinen Ohren, sein Geist löste sich einfach auf und ließ nichts zurück als zuckendes Fleisch.
Dann war es vorbei, ebenso überraschend, wie es begonnen hatte. Severus lag wimmernd auf dem Boden. Weiße Blitze zuckten vor seinen Augen und jeder Muskel in seinem Körper bebte unkontrollierbar. Als er die Feuchtigkeit wahrnahm, dachte er im ersten Moment, dass er sich beim Sturz auf den Steinfußboden verletzt hätte, ehe er entsetzt erkannte, dass er sich in die Hose gemacht hatte. Die Scham brachte ihn fast um und er zuckte heftig zurück, als Aemilius ihn behutsam an den Schultern fasste.
„Das ist normal", sagte sein Lehrer leise, indem er rasch einen Reinigungszauber über Severus sprach. „Kontrollverlust sämtlicher Muskeln. Glaub mir, ich habe das mehr als einmal am eigenen Leib erfahren müssen."
Als Severus stumm blieb – bis auf ein unterdrücktes Schluchzen, das sich in seiner Kehle verfangen hatte – und dabei immer noch heftig zitterte, setzte Aemilius sich neben ihn und nahm ihn vorsichtig in die Arme. Das war das Ende von Severus' Selbstkontrolle. Er umklammerte seinen Lehrer und fing hemmungslos zu weinen an.
„Vielleicht war es doch noch zu früh", sagte Avery leise, indem er neben ihnen niederkniete und Severus tröstend über den Rücken strich. "Oder zu viel auf einmal."
„Nein", entgegnete Aemilius entschieden. „Wir wissen nicht, wann der Dunkle Lord ihn das erste Mal rufen wird und vor welche Aufgaben er Severus dann stellt. Er muss auf alles vorbereitet sein, und je eher er mit den Gepflogenheiten des Ordens vertraut wird, desto besser für ihn."
Severus hörte jedes Wort, obwohl er noch immer völlig aufgelöst war. Die Stunde war so gut gelaufen, er hatte solche Fortschritte gemacht ... Und jetzt – alles kaputt.
„Ich bin unfähig", flüsterte er rau. „Ihr verschwendet bloß eure Zeit mit mir."
Aemilius schob ihn ein Stück von sich und starrte ihn mit ehrlicher Verblüffung an. „Severus! Du warst hervorragend heute. Ich habe dir doch gesagt, dass niemand gegen den Cruciatus ankommt."
Das sagt er doch nur aus Nettigkeit. Ich bin ein Versager, ein –
„Du glaubst mir nicht", stellte sein Lehrer fest, indem er sich erhob.
Severus zögerte kurz, ehe er den Kopf schüttelte.
„Geht es dir besser? Kannst du aufstehen?"
Er versuchte es und kam wacklig auf die Beine.
„Dann nimm deinen Zauberstab und sprich einen Cruciatus gegen mich."
Severus starrte ihn aus großen Augen an. „Aber ... Aemilius ... Ich kann doch nicht ..."
„Ich bin dein Lehrer und halte diese Lektion für außerordentlich wichtig für deinen Lernerfolg. Und ich möchte einen richtigen Cruciatus von dir sehen. Ich bin sicher, dass du das kannst."
Severus starrte auf seinen Zauberstab, als sähe er ihn zum ersten Mal. Da trat Avery neben ihn. „Na los, Junge, so eine Gelegenheit bekommst du nur einmal. Aemilius Malfoy, der sich freiwillig vor dir am Boden windet ..." Er lächelte, doch er wirkte angespannt dabei. „Das Prinzip und die Stabbewegung sind dir vertraut?"
Severus bejahte knapp und hob langsam seinen Stab. Aemilius sah ihm ruhig in die Augen und nickte.
Konzentrier' dich. Er hat gesagt, er will einen richtigen Cruciatus ...
Severus benutzte seine Wut und seinen Hass auf die Rumtreiber, um die nötige Energie für den Schadzauber aufzubringen. Er fühlte, wie der Wunsch zu verletzen, Schmerz zuzufügen, aus seinem Innersten hervorquoll, sich in seiner Stabhand konzentrierte und –
„Crucio!"
Aemilius stürzte wie vom Blitz gefällt zu Boden. Schreiend und zuckend wand er sich auf den türkisblauen Mosaiken. Sein weinroter Umhang umgab ihn wie eine Blutpfütze.
Das Bild brannte sich in Severus' Augen. Wie hypnotisiert starrte er auf sein Opfer.
„Stopp!", sagte Avery und drückte Severus' Zauberstab zur Seite. Aemilius lag zitternd still und rang hörbar nach Atem. Als er sich mit Averys Hilfe vom Boden erhob, zeichnete sich deutlich ein feuchter Fleck auf seiner Robe ab. „So", keuchte sein Lehrer erschöpft und zog seinen Zauberstab. „Ratzeputz", sagte er leise und der Fleck verschwand. „Begriffen?"
Severus nickte verlegen.
Aemilius ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen. Rasch reichte Avery erst ihm, dann auch Severus einen Stärkungstrank.
Es dauerte ein paar Minuten, bis Aemilius sich wieder im Griff hatte. „Wir werden das in Zukunft zweimal die Woche üben – nicht nur den Cruciatus, auch die anderen Flüche." Als er Severus' besorgten Blick bemerkte, lächelte er leicht. „Nicht mit mir als Versuchsobjekt. Du wirst lernen, einerseits den Cruciatus zu ertragen, andererseits bei weniger heftigen Flüchen Körper und Geist auch unter Schmerzen zu kontrollieren. Vielleicht wirst du die Flüche gegen Ende der Ferien auch selbst anwenden. Wir werden sehen, was sich ergibt. Jetzt machen wir erst einmal Pause bis zum Mittagessen. Heute Nachmittag stehen dann wie gewohnt Heilkunst, Duellieren und Okklumentik auf deinem Stundenplan."
SSSSSSS
