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Schattenprinz
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Warnung: Dies ist eines der Kapitel, denen „Schattenprinz" das hohe Rating verdankt.
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Kapitel 8
Folterkunst
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Rasch ließ Severus seine Finger über die Seiten von Leitfaden zur Herstellung nicht nachweisbarer Gifte wandern. Er hatte bisher wenig Zeit gehabt, sich seinem neuen Buch zu widmen, da er zahlreiche Texte für den Unterricht durcharbeiten musste. Über drei Wochen war er jetzt zu Gast in Aemilius' Haus und hatte kaum vierzig Seiten geschafft.
Severus seufzte leise und strich mit den Fingerspitzen über einen filigranen Kupferstich, der eine schlanke Pflanze mit gefiederten Blättern und breiten Blütendolden zeigte. Conium maculatum stand darunter. Gefleckter Schierling. Natürlich kannte er die verschiedenen Schierlingsarten aus Kräuterkunde und Zaubertränke und wusste um ihre tödliche Giftigkeit. Schon vor mehr als zweitausend Jahren war die Pflanze selbst von Muggeln für Hinrichtungen und Giftmorde verwendet worden. Aber noch nie hatte er ihre Wirkweise so faszinierend geschildert gefunden wie in diesem wundervollen kleinen Buch.
Leider konnte er sich nicht richtig konzentrieren, weil das erst eine halbe Stunde zurückliegende Abendessen ihn irgendwie schläfrig machte. Aemilius wachte sehr sorgsam darüber, dass sein Gast ausreichend aß, und Severus war sicher, in den vergangenen Wochen mindestens drei Kilo zugenommen zu haben. Dösig sah er zu, wie das Licht der untergehenden Sonne rotgoldene Bahnen über Buch und Schreibtisch zog. Darüber tanzten blaue Schatten, die die windbewegten Bäume vor seinem Fenster warfen ...
Ein Klopfen ließ Severus hochschrecken. Auf sein „Herein!" betrat Aemilius das Zimmer.
„Guten Abend, Severus. Bist du bereit, ein neues Fach kennenzulernen?"
Severus nickte erfreut. „Klar."
Ein neues Fach? Das wird bestimmt interessant ...
„Heute wirst du Gelegenheit haben, einen weiteren Grenzbereich zu erforschen. Der Dunkle Lord ist der Ansicht, wir sollten allmählich mit etwas ... Handfestem beginnen." Der kaum wahrnehmbare Hauch von Missbilligung, mit dem Aemilius sprach, teilte Severus mit, dass sein Gastgeber anderer Auffassung war. „Also werden wir uns für deinen Unterricht in die Kerker begeben."
„Ihr habt Kerker? Hier, in eurem Landhaus?!", entfuhr es Severus.
Aemilius zuckte die Achseln. „Sicher."
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Eine Weile war Severus seinem Lehrer schweigend durch lange Korridore und über breite Steintreppen gefolgt, bis sie schließlich in den Eingeweiden von Malfoy Manor angekommen waren. Die Wände des Kellers bestanden aus hellem Stein, doch als sie die letzten Stufen in die Kerker hinabstiegen, wurden die Mauern grau und feucht. Eine dunkle, mit verwirrenden keltischen Knotenmustern verzierte Tür versperrte den Zugang. Aemilius legte die Hand auf eine abgenutzt wirkende Stelle in ihrer Mitte und die Tür schwang auf.
Ein langer dunkler Gang lag vor ihnen. Aemilius sorgte mit seinem Zauberstab für ausreichendes Licht. Die Luft roch nach feuchtem Stein und altem Lehm. Rechts und links zweigten weitere Gänge ab, hungrige schwarze Löcher, in denen die Stille auf der Lauer lag.
Schließlich stoppten sie vor einer ähnlichen Tür wie der, die den Eingang zu den Kerkern bewachte. Hier hielt Aemilius ein letztes Mal inne. „Heute", wandte er sich mit gedämpfter Stimme an Severus, „wirst du deine erste Lektion in der Kunst der Folter erhalten."
Folter. Severus hatte es geahnt, aber doch gehofft, dass ... Er wusste nicht, was er fühlen oder denken sollte, nur, dass er plötzlich fror.
Aemilius sah in ernst an. „Du sollst wissen, dass ich derartige Rohheiten nicht schätze. Es gibt andere, elegantere Wege, zum Ziel zu kommen, Legilimentik oder geschickte Täuschung zum Beispiel. Diese Wege werde ich dich bevorzugt lehren. Doch der Dunkle Lord wünscht, dass du alles lernst, was es zu lernen gibt, und wer bin ich, mich seinen Wünschen zu widersetzen ..." Seine Mundwinkel zuckten verräterisch.
Die Tür öffnete sich, sobald Aemilius seine Hand auf das Holz legte. Hinter ihr gähnte ein dunkles Loch. Der Hausherr winkte nachlässig und mehrere Fackeln flammten auf. Sie erhellten einen quadratischen Raum mit niedriger Decke und rauen Steinwänden, an denen mehrere alte Truhen standen. In der rechten Wand befand sich eine weitere Tür und in der Mitte des Raumes ein langgestreckter Tisch. In einer Ecke an der ihnen gegenüberliegenden Wand kauerte eine schmale Gestalt, den Kopf auf die Knie gesenkt. Bei ihrem Eintreten blickte sie nicht auf und gab auch sonst kein Lebenszeichen von sich.
„Miguel!", rief Aemilius scharf, in etwa dem Ton, den man einem unaufmerksamen Hund gegenüber anwenden würde.
Der Kopf des Angesprochenen fuhr abrupt in die Höhe. Ein hageres, von schwarzen Locken umrahmtes Gesicht mit dunklen Augen und bronzefarbener Haut. Spanischstämmig, dem Namen und dem Aussehen nach zu urteilen. Der junge Mann, fast noch ein Junge, sah verhungert aus, viel zu mager für seine Körpergröße. Auch seine Kleidung, hautenge Bluejeans und ein schmutzig weißes, kurzärmeliges Hemd, hatte schon bessere Tage gesehen.
„Lass mich gehen!", forderte Miguel in trotzigem Ton. „Das war nicht vereinbart. Keine Sado-Maso-Spielchen!"
„Halt den Mund!", sagte Aemilius ruhig.
„Halt den Mund? Halt den Mund?!", fauchte Miguel zurück. Unter der Aggression war deutlich die Angst zu hören. „Du bist mir ein paar Antworten schuldig, Mann, findest du nicht? Was zum Teufel hast du mir in den Drink gemischt? Wo bin ich? Und was hast du mit mir vor?"
„Silencio!", befahl Aemilius gelassen.
Der Junge klappte noch ein paar Mal den Mund auf und zu, ehe ihm klar wurde, dass er stumm war. Jetzt war nur noch Furcht in seinen Augen zu lesen. Aemilius machte einen Schritt auf sein Opfer zu. Miguel sprang auf, mit katzenhafter Eleganz und Schnelligkeit, und floh auf die andere Seite des Raumes. Sein Blick irrte panisch zwischen den beiden Todessern hin und her. Severus wurde klar, dass allein schon ihre Aufmachung, und noch dazu in dieser Umgebung, für einen Muggel höchst irritierend, ja beängstigend sein musste. Er selbst war wie meistens ganz in Schwarz, Aemilius in Mitternachtsblau gekleidet, sie trugen Roben und Umhänge und wirkten wahrscheinlich wie aus einem mittelmäßigen Vampirfilm entsprungen.
„Severus", riss ihn Aemilius' Stimme aus seinen Gedanken. „Stell ihn ruhig."
„Impedimenta!", befahl Severus prompt. Es schien ihm der in dieser Situation geeignetste Zauber zu sein, da er das Opfer nicht steif werden ließ wie der Petrificus und es auch nicht bewusstlos machte wie der Stupor-Fluch. Impedimenta verlangsamte schlicht jede Bewegung auf Zeitlupengeschwindigkeit. Dementsprechend stand Miguel nun mit verwirrtem Blick und sehr langsam blinzelnd wie eingefroren im Raum.
Aemilius trat an die Seite ihres Opfers und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Gegenwehr ist zwecklos", raunte er dem jungen Mann ins Ohr. „Hier gelten andere Regeln als in deiner Welt. Ich rate dir dringend, unseren Befehlen Folge zu leisten. – Severus, heb den Fluch auf. – Halt, warte."
Severus sah ihn fragend an.
„Probier mal ein wortloses Finite Incantatem."
Severus hob schweigend den Fluch auf.
„Sehr gut", lobte Aemilius. „Und jetzt sorg dafür, dass er sich auf den Tisch legt."
Nach kurzem Zögern hob Severus wieder seinen Zauberstab. Bisher hatte er die Unverzeihlichen nur an Tieren geübt. Imperio!, dachte er konzentriert. Ein leiser Schauder lief über Miguels Körper, und seine Augen bekamen einen abwesenden, irgendwie nach innen gerichteten Ausdruck.
Geh zum Tisch und leg dich drauf.
Miguel gehorchte, kaum dass Severus den Gedanken zu Ende geführt hatte, doch seine raubtiergleiche Geschmeidigkeit war durch eckige und plumpe Bewegungen ersetzt worden, die irgendwie falsch aussahen.
Noch nicht perfekt.
Severus versuchte, sein Opfer auf subtilere Weise zu lenken. Er ließ Miguel vom Tisch aufstehen und einige Runden durch den Raum schlendern, sich hinknien, drehen, schneller und langsamer werden, ehe er mit dem Ergebnis zufrieden war. Zum Schluss bewegte der junge Mann sich ganz natürlich. Selbst der glasige Blick war verschwunden. Miguel wirkte vollkommen wach und normal.
Severus sah stolz auf sein Werk.
„Beeindruckend", kommentierte eine sanfte Stimme aus dem Hintergrund.
Severus schrak zusammen. Aemilius. Er hatte vollkommen vergessen, dass er nicht alleine war mit Miguel, schlimmer noch, dass seine einzige Aufgabe gewesen war, ihr Opfer auf den Tisch zu befördern.
Zerknirscht drehte er sich zu seinem Lehrer um. „Entschuldige bitte, Aemilius. Ich war irgendwie so vertieft in" –
„Entschuldigung wofür? Du hast mir gerade eine hervorragende Demonstration deiner Fähigkeiten geliefert. Ich hätte den Imperius nicht besser hinbekommen. Und ich bin nicht der Dunkle Lord. Bei mir darfst du durchaus noch selbstständig handeln. Ich wünschte, Lucius hätte ein bisschen was von deiner ... Eigenverantwortlichkeit. – Nun, mach weiter. Auf den Tisch mit ihm und sorg dafür, dass er sich nicht bewegt."
Wie eine Marionette ging Miguel an Severus' Gedankenfäden zurück zum Tisch, setzte sich, streckte sich auf dem Holz aus.
Reicht der Imperius, um ihn ruhig zu halten?, fragte Severus sich nervös. Das hing wohl vor allem von dem ab, was Aemilius mit Miguel vorhatte. „Und jetzt?", fragte er etwas unsicher.
„Kostet es dich sehr viel Konzentration, den Imperius aufrechtzuerhalten?"
Severus lauschte in seinen Geist hinein. Behutsam tastete er nach den feinen Fäden, die sein Bewusstsein mit dem Miguels verbanden. Ein leises Zupfen, und der junge Mann drehte ihm den Kopf zu. Ein kräftigerer Zug, und Miguel schlug hart mit der Faust auf die Tischplatte.
Severus schob den Imperius und alles, was dazu gehörte, in eine Ecke seines Geistes. Er versuchte, an etwas anderes zu denken, wiederholte stumm einige Zaubertrankrezepte. Miguel blieb genau so auf dem Rücken liegen, wie er es ihm befohlen hatte. Der junge Todesser drehte sich von ihm weg, ging durch den Raum, legte seinen Umhang ab, wandte sich wieder seinem Opfer zu. Keine Veränderung.
Severus sah Aemilius an und nickte. „Ich denke, ich habe ihn im Griff."
„Gut." Aemilius lächelte anerkennend. „Es ist wirklich eine Freude, mit dir zu arbeiten. Du hast das nötige Fingerspitzengefühl für solche Sachen."
Dann schnitt er eine angeekelte Grimasse. „Wahrscheinlich werden die Dinge, die jetzt auf deinem Stundenplan stehen, dir weniger gefallen. Ich bin zumindest abgehärtet ..." Er schnaubte abfällig. „Na, lass uns anfangen, damit wir's möglichst schnell hinter uns bringen."
Aemilius beugte sich über eine der Truhen und hob erst einen flachen Holzkasten heraus, dann eine etwas größere Kiste. Beide waren mit feinsten Intarsienarbeiten belegt, die verschiedene magische Zeichen formten. Severus strich neugierig mit den Fingern über das alte Holz der Kiste.
„Öffne sie. Das Pentagramm in der Mitte."
Vorsichtig legte Severus einen Finger auf das schwarz schimmernde Symbol. Der Deckel schwang lautlos auf. Im Inneren der Kiste befand sich ein Sortiment kleiner Flaschen und Tiegel, deren Inhalte in verschiedensten Farben schillerten. Einige davon sahen ausgesprochen ... falsch aus. Severus überlief ein eisiges Kribbeln, wenn er sie ansah.
Schwarzmagische Zaubertränke. Sie waren alle beschriftet, aber nicht mit lateinischen Buchstaben. „Germanische Runen?"
Aemilius nickte. „Versuch es mit einem Übersetzungszauber."
Severus kam der Aufforderung nach und vor seinen Augen verschwammen die Buchstaben, verwandelten sich und wurden für ihn lesbar. Die Namen der Tränke waren seltsam. Johannisfeuer ... Ewige Finsternis ... Schlangenhaut ... Von einigen hatte Severus bereits gelesen, andere waren ihm vollkommen fremd. Etwas in ihm brannte darauf, diese verbotenen Tränke in Aktion zu sehen, sie auszuprobieren.
„Jetzt die andere Kiste. Diesmal musst du das Rad berühren, rechts unten auf dem Deckel."
Als der Kasten aufklappte, gab er den Blick frei auf eine Reihe funkelnder, scharf und bösartig aussehender Instrumente. Severus schluckte.
„Ich glaube kaum, dass ich Mi- ... dass ich ihn ruhig halten kann, wenn wir die da benutzen", sagte er mit belegter Stimme.
Er fand es auf einmal gar nicht mehr gut, dass sein Opfer einen Namen hatte. Er fand die ganze Situation plötzlich ungemein abstoßend. Was hatte es für einen Sinn, jemanden zu quälen, wenn dabei überhaupt nichts herauskommen konnte? Der Muggel auf dem Tisch hatte keine Informationen, die sie aus ihm herausholen mussten, er hatte nichts getan, wodurch er Strafe verdient hätte ...
Oder? Vielleicht –
„Aemilius?"
„Was ist?", fragte Aemilius mit gedämpfter Stimme. Er war gerade dabei, seine Kleidung zu wechseln, tauschte seine elegante Robe gegen die schwarze Ordenskluft. Eben band er sich die Maske um.
„Gibt es irgendeinen speziellen Grund dafür, dass du gerade ihn gewählt hast?"
„Nein. Ich habe einfach einen Muggel genommen, bei dem ich ziemlich sicher war, dass ihn niemand vermissen würde. Dass es ausgerechnet ihn getroffen hat, ist Zufall gewesen."
„Was meinst du mit: ‚dass ihn niemand vermissen würde'? Wieso ... ?"
„Ich habe ihn gewissermaßen von der Straße geklaubt." Aemilius' Tonfall machte deutlich, dass es zu diesem Thema keine näheren Erläuterungen geben würde. „Es wird Zeit, dass wir anfangen. Aber erst ziehst du dir das hier über." Er warf seinem Schüler eine Garnitur Ordenskleidung zu.
Es war das erste Mal, dass Severus in die Kluft der Todesser schlüpfte. Kurz hielt er inne und ließ die Finger über den schweren und kühlen Stoff gleiten, ehe er sich hastig umzog.
„Es wird leichter dadurch. Glaub mir", sagte Aemilius, indem er seinem Schüler die Maske umband.
Dann traten sie an den Tisch. Severus sah auf Miguel hinunter.
Auf den Muggel.
Ihr Opfer blickte entspannt zu ihnen auf. Der Imperius-Fluch vernebelte seine Sinne und ließ kein Angstgefühl aufkommen. Dunkle Augen, die Severus fast vertrauensvoll ansahen.
Miguel.
Severus hatte nicht den Wunsch, ihm wehzutun. Da berührte etwas Kaltes seine Hand. Ein silbernes, unheildrohendes Funkeln blitzte am Rand seines Gesichtsfeldes auf.
„Du wirst seine Reaktionen mit dem Imperius kontrollieren. Lass ihn das Skalpell nehmen. Er soll sich damit in den Arm schneiden, nicht zu tief und nicht in die Nähe von irgendwelchen wichtigen Adern."
Severus schloss seine Finger um das kalte Metall. Er sah Miguel in die Augen und hielt ihm das Skalpell entgegen. Miguel streckte eine Hand aus und ergriff es. Severus sah konzentriert auf die bronzene Haut ihres Opfers hinab. Miguel fügte sich mehrere Schnitte in den Unterarm zu – auf der Oberseite, um den „wichtigen Adern" aus dem Weg zu gehen.
Fasziniert sah Severus auf das herunterrinnende Blut. Es war leicht gewesen, Miguel dazu zu bringen, sich selbst zu verletzen. So leicht ...
Er würde sich die Finger abhacken, wenn ich es ihm befehlen würde. Oder sich die Kehle aufschlitzen ...
„Er soll dir das Skalpell wiedergeben."
Miguel tat es.
„Jetzt nimm den Imperius von ihm."
Einen Moment lang starrte Miguel verständnislos auf seinen blutenden Arm. Dann drang der Schmerz in sein Bewusstsein und ließ ihn aufkeuchen. Verstört und Hilfe suchend sah er Severus an. Severus wandte den Blick ab.
„Schau ihn an. Sieh ihm in die Augen."
Severus gehorchte widerstrebend.
Schmerz. Schmerz und Angst. Verständnislosigkeit.
„Du musst hart werden. Hart und kalt. Es darf dir nichts ausmachen, sie anzusehen."
„Warum macht ihr das?", flüsterte Miguel mit bebender Stimme. Aemilius musste wortlos den Silencio aufgehoben haben. „Was hab ich euch denn getan?"
„Sei still", befahl Aemilius knapp und schlug ihn mit dem Handrücken ins Gesicht. „Du redest nur, wenn du gefragt wirst."
Miguel wich zurück und biss sich auf die Lippen. Severus sah, dass er zitterte.
„Immobilia!"
Der junge Mann sackte zusammen. Aemilius strich prüfend mit den Händen über den schlaffen Körper ihres Opfers. Miguel lag vollkommen reglos, nicht einmal seine Augen bewegten sich.
„Das ist der günstigste Spruch, wenn du jemanden für die Folter ruhigstellen willst. Immobilia entspannt alle Muskeln," – zur Demonstration hob Aemilius eins von Miguels Beinen an und ließ es fallen, es krachte schwer zurück auf die Tischplatte – „lässt dein ... Arbeitsobjekt aber bei vollem Bewusstsein. Sieh dir seine Augen an."
Mit trockener Kehle beugte Severus sich über Miguels Gesicht. Merlin, ja. Obwohl sie vollkommen unbeweglich waren, lag in den Augen so viel Angst, dass es Severus fast wehtat.
„Das hier", kommandierte sein Lehrer, „reibst du ihm auf die Haut." Er reichte Severus den kleinen Tiegel mit der Aufschrift Johannisfeuer. „Zieh dir vorher die hier über." Mit kaum merklich zitternden Fingern nahm Severus ein Paar Handschuhe aus allerfeinster Drachenhaut entgegen. „Wo wir gerade beim Thema Kleidung sind ..." Ein Schwenk mit dem Zauberstab und Miguel war nackt. Severus hörte, wie sich der Atem ihres Opfers rapide beschleunigte.
Zögernd begann er, die Paste auf Miguels Haut zu verteilen. Das hauchdünne Drachenleder der Handschuhe ließ seinen Tastsinn unbeeinträchtigt, und als er über Miguels Unterarme strich, fiel ihm flüchtig auf, dass diese von zahllosen, knotigen Narben bedeckt waren. Es war ein merkwürdiges Gefühl, diesen fremden Körper so intim zu berühren, mit dem einzigen Zweck, ihm Schmerzen zuzufügen. Ein entsetztes Keuchen, das bald in ein gequältes Stöhnen und Wimmern überging, war die Folge von Severus' Bemühungen.
„Wie wirkt das Zeug?", fragte er mit widerwilliger Faszination, während er beobachtete, wie Miguels Haut einen immer tieferen Rotton annahm und schließlich Blasen zu werfen begann.
„Nun, es fühlt sich in etwa so an, als würdest du lebendig verbrennen."
Severus schluckte mühsam und sah auf den keuchenden, aber absolut reglosen Körper hinab.
„Schwarze Hexen und Hexer haben es erfunden, um sich an den Aktivisten der Inquisition zu rächen. Häufig haben sie das Zeug als Rheumasalbe verkauft ... Wenn es nicht rechtzeitig neutralisiert wird, zerstört es die Haut und frisst sich immer tiefer in den Körper. Je nachdem, wie stark Herz und Kreislauf des Opfers sind, tritt der Tod nach dreißig bis sechzig Minuten ein. Der Rekord liegt bei zwei Stunden, habe ich mir von berufener Seite sagen lassen. – Jetzt reibst du ihn hiermit ein. Schnell."
Es war eine kühle, flüssige Lotion von blauvioletter Farbe mit der Aufschrift Wassergeist, die Severus jetzt eilig über den geschundenen Körper verteilte. Miguels Haut fühlte sich heiß und klebrig an, und jede Berührung wurde mit einem unartikulierten Schrei beantwortet. Dann begann die Heilsalbe zu wirken und das Keuchen und Schreien wurde weniger, bis es schließlich ganz erstarb. Nur ein leises Wimmern blieb, ein konstantes Hintergrundgeräusch, das Severus fast als beruhigend empfand.
Interessiert betrachtete er die Haut seines Opfers. Sie war zwar noch leicht gerötet, aber ohne jede Spur von Blasen oder anderen Verletzungen. Allein die offensichtlich schon älteren Narben an den Armen und, wie Severus mit einem beinah scheuen Blick feststellte, in der Leistengegend waren unverändert geblieben.
Aemilius legte prüfend den Finger an Miguels Halsschlagader.
„Er hat keine sehr stabile körperliche Konstitution. Der Puls ist unregelmäßig und schon ziemlich schwach."
Severus umfasste das Handgelenk des jungen Mannes und zählte. Sein Lehrer hatte Recht.
„Vielleicht ein Stärkungstrank?", schlug er vor.
Aemilius nickte und entnahm seiner Kiste ein etwas größeres Fläschchen, dessen Inhalt rubinrot schimmerte.
„Cœur de lion. Der älteste schwarzmagische Stärkungstrank."
„Ist da Mantikor-Blut drin?"
Severus' Faszination hatte seinen Ekel endgültig überwunden.
„Mantikor-Blut – und menschliche Herzfasern."
Aemilius hob Miguels Kopf an und löste den Immobilia-Fluch. „Den Fluch aufzuheben ist wichtig, er könnte sonst an der Flüssigkeit ersticken."
Dann flößte er dem jungen Mann einige Tropfen des Trankes ein. Miguel hustete und setzte sich mühsam auf. Er machte einen abwesenden Eindruck und schien sie im ersten Moment gar nicht zu erkennen.
„Er ist noch ziemlich weit weg, aber er kommt zurück zu uns. Es bleibt ihm gar nichts anderes übrig."
Tatsächlich dauerte es kaum eine Minute, bis Miguel wieder da war. Er starrte sie sekundenlang mit einem Ausdruck äußersten Entsetzens an. Dann machte er einen fahrigen, halbherzigen Fluchtversuch, der sogleich von Aemilius vereitelt wurde, indem dieser schlicht seine Arme um die Brust ihres Opfers schlang und es an sich zog.
Miguel begann hilflos zu weinen. Wie Wellen lief das Schluchzen durch seinen Körper. Severus sah, wie sich etwas im Gesicht seines Lehrers veränderte. Als ihr Opfer sich endlich erschöpft und geschlagen gegen Aemilius sinken ließ, hielt dieser den jungen Mann mit einem Arm aufrecht, den anderen löste er und strich Miguel beruhigend durchs schweißnasse Haar.
„Severus", sagte er leise, „bring mir die Flasche mit Traumlosem Schlaf."
Aemilius flößte Miguel einige Tropfen des Tranks ein und hielt den jungen Mann fest, bis er eingeschlafen war. Dann trug er ihn durch die Seitentür auf einen weiteren Korridor, von dem insgesamt vier Räume abgingen. Es waren Kerkerzellen, wie Severus jetzt feststellte, drei mal vier Meter groß, stockfinster und kalt, gesichert durch schwere, eisenbeschlagene Eichentüren. Severus musste einen Strohsack aus einer Truhe holen, die im Korridor stand, und ihn am Boden ausbreiten. Sein Lehrer wickelte Miguel in eine Decke der gleichen Herkunft und legte ihn auf das spartanische Lager.
„Für heute reicht es", sagte Aemilius leise und dirigierte Severus aus der Zelle. „Morgen Abend machen wir weiter."
Mit einem dumpfen Klacken fiel die Tür hinter ihnen ins Schloss.
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