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Schattenprinz

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Kapitel 9

Realitätsverlust

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Lange lag Severus wach und wälzte sich unruhig von einer Seite auf die andere. Aemilius hatte ihn schweigend aus den Kerkern bis hoch zu seinem Gästezimmer geleitet, ihm in leicht ironischem Tonfall eine angenehme Nachtruhe gewünscht und war dann in Richtung Eingangshalle davongeeilt.

Severus hätte gerne mit jemandem über die Stunden in den Kerkern gesprochen, ein Wunsch, der ihn selbst überraschte. Aber da war niemand, mit dem er das Erlebte hätte teilen können.

Niemand außer ...

Severus setzte sich auf. Der Gedanke war absurd. Mehr als das, er war geradezu –

Krank. Das ist krank. Das kannst du nicht machen.

Und trotzdem ließ die Idee ihn nicht mehr los. Sie zog und zerrte an ihm, minutenlang – und endlich schwang Severus die Beine über die Bettkante und stand auf. Hastig suchte er im Kleiderschrank, zerrte Jeans und einen dunkelblauen Sweater hervor und schlüpfte hinein. Im Gehen sah er flüchtig in den Spiegel und stockte.

Wie anders.

Vorhin hatte er mit Aemilius' Erlaubnis die Ordenskluft anbehalten und mit hoch genommen, war mit Robe, Umhang und Maske vor dem Spiegel auf und ab gegangen. Er hatte sich stark gefühlt in dieser Kleidung, mächtig und überlegen. Und während er sich im Spiegel betrachtet hatte, war ihm die Erkenntnis gekommen, dass er sich auch in den Kerkern so gefühlt hatte. Als er Miguel mit dem Imperius belegte ... Als er ihn zwang, sich selbst zu verletzten ... Als er selbst ihn verletzte, buchstäblich mit eigenen Händen. Immer wieder war da zwar auch Ekel und Mitleid gewesen, aber das Machtgefühl hatte doch überwogen.

Severus zog Jeans und Pullover wieder aus und legte die Ordenskluft an. Zuletzt band er sich die Maske vors Gesicht. Dann trat er vor den Spiegel.

Ein Fremder sah ihm entgegen.

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Severus legte den Weg in die Kerker mit so schlafwandlerischer Sicherheit zurück, als sei er ihn schon viele Male gegangen. Vor der schwarzen Tür hielt er kurz inne. Dann legte er vorsichtig eine Hand auf das Holz. Es fühlte sich warm an unter seinen Fingern, warm und lebendig. Einen Moment lang hatte er das Gefühl, geprüft und abgewogen zu werden. Schließlich schwang die Tür auf. Wie vor einigen Stunden Aemilius, so entzündete nun Severus die Fackeln. Er öffnete die Tür zur Folterkammer auf die gleiche Weise wie die vorangegangene, durchquerte den Raum raschen Schrittes und trat durch die Seitentür auf den Zellengang. Auch Miguels Gefängnis öffnete sich lautlos für ihn.

Miguel lag nicht auf dem Strohsack, den Severus und Aemilius ihm hergerichtet hatten. Nein, er kauerte direkt vor der Tür, nackt, wie seine Peiniger ihn verlassen hatten, als hätte er stundenlang auf den Moment gewartet, in dem sie sich öffnen und ihm eine Möglichkeit zur Flucht bieten würde. Sobald das Licht aufflammte, stürzte er blindlings in Richtung Ausgang.

Severus reagierte automatisch. „Crucio!", bellte er und Miguel stürzte kreischend zu Boden. Als ihm nach einigen Augenblicken klar wurde, dass von seinem Gegenüber keine Gefahr ausging, hob Severus zögernd den Zauberstab und brach den Fluch ab. Miguel blieb einen Moment lang regungslos liegen. Dann raffte er sich auf und kroch weinend zu seinem Strohsack, ohne Severus anzusehen.

Severus blickte eine Weile schweigend zu seinem Opfer hinüber. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, ihm alleine gegenüberzutreten. Miguel lag nackt auf seinem improvisierten Lager in einer Ecke des Raumes zusammengerollt, zitternd und wimmernd wie ein verängstigter Welpe. Das erhebende Gefühl von Macht und Überlegenheit, das Severus eben noch empfunden hatte, wurde zunehmend von Verunsicherung überlagert.

„Miguel?", fragte Severus leise und vorsichtig. Als keine Antwort kam, zögerte er kurz, dann überbrückte er mit einigen zögernden Schritten die Distanz zwischen sich und der zusammengekauerten Gestalt am anderen Ende des Raumes.

„Miguel?", wiederholte er sanft und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

Miguel zuckte erschrocken zusammen, drehte hastig den Kopf und starrte ihn aus tränenblinden Augen an. Verstört, voll Furcht vor dem, was ihm als Nächstes bevorstehen mochte.

Irgendetwas in Severus wollte sein Opfer beruhigen, es trösten, ja, es sogar belohnen für das Gefühl von Überlegenheit und Macht, das es ihm vorhin während der Folter geschenkt hatte.

„Möchtest du etwas trinken?"

Miguel klappte die Kinnlade herunter. Severus biss sich auf die Lippen, um nicht laut loszulachen, aber ein spöttisches Grinsen konnte er nicht unterdrücken. Doch dieses Grinsen wurde von seinem Opfer offenbar als Drohung empfunden. Hastig hob Miguel die Hände vors Gesicht, wie um einen Schlag abzuwehren. Severus' Fröhlichkeit erstarb. Stumm zauberte er ein Glas Wasser, schob behutsam Miguels Hände beiseite und hielt ihm das Gefäß an die blutigen Lippen.

„Nun komm schon, es ist nicht vergiftet oder so."

Miguel wirkte vollkommen verunsichert. Erst machte er eine leichte Bewegung, als wollte er das Glas ergreifen. Dann aber ließ er die Hände wieder sinken, als hätte er Angst, so viel Eigeninitiative sei ihm nicht erlaubt.

„Nimm es ruhig."

Miguel griff mit zitternden Händen nach dem Glas, warf noch einen scheuen Blick auf seinen Peiniger und leerte es dann hastig. Merlin, er sah dermaßen verängstigt aus ... Das leere Glas hielt er fest umklammert, als ob es eine unbezahlbare Kostbarkeit wäre.

„Willst du noch Wasser?"

Miguel sah ihn aus großen Augen an.

„Ob du noch Wasser willst, hab ich gefragt!", zischte Severus leicht gereizt. Er war noch nie für seine Geduld berühmt gewesen, zumindest dann nicht, wenn es ein menschliches Wesen war, das sie auf die Probe stellte. Mit Zaubertränken sah es anders aus. „Was ist? Ja oder nein?!"

Miguel schluckte nervös, offenbar unsicher, welche Antwort von ihm erwartet wurde. Angst stand in seinen dunklen Augen.

Severus fühlte sich plötzlich sehr unbehaglich in seiner Haut. Statt weiter zu fragen, füllte er das Glas schlicht mit einem Wisch seines Zauberstabes. Miguel starrte fasziniert auf das Wasser.

„Du kannst es ruhig trinken, wenn du Durst hast", sagte Severus spöttisch.

Eilig führte Miguel das Glas zum Mund, doch diesmal bebten seine Hände so sehr, dass es ihm aus den Fingern glitt und klirrend auf den Steinen zerschellte.

„Na toll", kommentierte Severus bissig, verstummte aber sofort, als er Miguels nahezu panischen Gesichtsausdruck wahrnahm. „Ist schon gut", murmelte er betreten. „Reparo."

Die Scherben fügten sich wieder zu ihrer ursprünglichen Gestalt zusammen. Severus füllte das Glas erneut und wollte es eben dem Gefangenen reichen, als er verblüfft feststellte, dass dieser erneut in Tränen ausgebrochen war. Der magere Körper wurde von Schluchzern geschüttelt, und doch blieb Miguel gespenstisch stumm dabei.

Severus schluckte und stellte das Glas zu Boden.

„Miguel", sagte er leise und unsicher.

Sofort schoss Miguels Kopf in die Höhe, doch in seinen Augen stand nichts als Furcht und Verzweiflung. Das war der Moment, in dem Severus endgültig die Kontrolle über die Situation verlor. Er sank neben Miguel auf den Strohsack und nahm ihn unbeholfen in die Arme.

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Angst.

Er fühlte die fremden Hände auf seinem nackten Rücken, den bedrohlichen Körper an seinem eigenen.

Angst.

Miguel blieb vollkommen reglos in der Umarmung seines Feindes. Die Hände, die ihn jetzt ungeschickt zu streicheln begannen, hatten ihm noch vor wenigen Stunden eine Hölle des Schmerzes bereitet.

Nicht atmen. Nicht bewegen.

Oh Gott, mach, dass er mir nicht weh tut ...

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Lange blieb Miguel vollkommen reglos. Severus war nicht einmal sicher, ob er überhaupt atmete. Seine Angst musste überwältigend sein.

„Ist gut, Miguel", murmelte er beruhigend. „Alles ist gut. Ich tu dir nichts ..."

Und plötzlich war es, als ob ein Damm bräche, und die Fluten fegten Severus einfach hinweg. Miguel schrie auf, ein Schrei äußerster Verzweiflung und Verlassenheit, und umklammerte seinen Peiniger, als ob dieser sein letzter Halt in seiner aus den Fugen geratenen Welt wäre. Er hörte überhaupt nicht mehr auf zu weinen und zu schreien und nichts, was Severus tat, konnte ihn beruhigen. Hilflos strich er durch das schweißverklebte schwarze Haar, streichelte über die mageren Schultern, den knochigen Rücken.

Erst als Miguel vollkommen heiser war, hörte er auf zu heulen. Aber er ließ Severus nicht los, lockerte seinen panischen Klammergriff nur ein kleines bisschen und rutschte dem überraschten Jungen auf den Schoß, um sich an ihn zu kuscheln wie ein verängstigtes Kind. Sein Gesicht hatte er in Severus' Halsbeuge geschmiegt und dieser spürte den fremden Atem warm über seine Haut streichen.

Mit einem Mal wurde ihm klar, dass er noch nie einem anderen Mann körperlich so nahe gewesen war. Auch Miguels Nacktheit wurde ihm plötzlich überdeutlich bewusst. Und er spürte, wie sich etwas in ihm regte. Da war es wieder, aufdringlich, penetrant, diese Wärme, dieses Prickeln ...

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Der Atem des Jungen beschleunigte sich und er verstärkte seinen Griff. Miguel spürte eine wohlvertraute Regung unter sich.

Oh nein, das nicht. Bitte, das nicht.

Aus den Augenwinkeln versuchte er, einen Blick auf das zu erhaschen, was unter der Maske vom Gesicht des anderen zu sehen war, doch es gelang ihm nicht. Aber er spürte das Zittern des fremden Körpers, hörte den nervösen Atem. Miguel presste die Lippen aufeinander und versuchte, sich für das Kommende zu wappnen.

Doch nichts geschah. Da war das erregte Luftholen, der schnelle Herzschlag, der feste Griff – und nichts geschah.

Ein Gedanke schaffte es durch den Nebel der Furcht.

Wenn er das will – warum tut er's dann nicht einfach?

Mühsam löste Miguel sich aus seiner Schreckstarre, kämpfte seine Angst und die daraus entstandene Übelkeit nieder. Vielleicht war das hier seine Chance – und wenn, dann war es mit Sicherheit die einzige Chance, die er bekommen würde.

Wenn er das von mir will, dann hätte er es längst haben können.

Miguel lauschte den unregelmäßigen Atemzügen, spürte den zaghaften, halb streichelnden Berührungen nach, die die fremden Hände auf seinem nackten Rücken vollführten.

Er hat Angst, erkannte Miguel plötzlich. Er hat Angst davor.

Wie alt mochte er sein, sein maskierter, schwarz verhüllter Peiniger? Es war schwer zu sagen, aber sicher nicht älter als er selbst. Also maximal neunzehn. Eher jünger. Deutlich jünger, wenn er seinem Instinkt trauen durfte. Wie viele Sechzehn-, Siebzehnjährige gab es, die sich offen eingestanden, dass sie schwul waren?

Wieder spürte er zu dem fremden Körper hinüber.

Er will. Aber er traut sich nicht.

Langsam formte sich eine Idee in Miguels Kopf.

Oh Gott, vielleicht ... Wenn ich ihn ermutige ... Vielleicht lässt er mich ja gehen, wenn ich mit ihm ...

Eine Chance. Die einzige.

Nur nicht zu heftig, nicht zu offensichtlich ... Wer weiß, wie er reagiert ...

Miguel zögerte nicht länger. Er hauchte einen Kuss in die Halsbeuge des Maskierten.

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Severus schämte sich. Er schämte sich für die Reaktion seines Körpers, für sein Begehren – und doch blieb er, wo er war, ließ Miguel nicht los.

Es ist falsch, sagte ein Teil von ihm. Er ist ein Muggel. Du hast ihn gefoltert. Es wäre eine Vergewaltigung. So etwas tut man nicht. Das wäre schlimmer als Foltern.

Alles egal, sagte ein anderer Teil.

Ich will!, brüllte das Tier in ihm. Ich will, ich will, ich will!

Doch da gab es noch einen dritten Teil, und dessen Stimme war die lauteste von allen. Ich habe Angst, sagte sie.

Plötzlich spürte Severus eine zaghafte Berührung an seinem Hals.

Merlin, war das etwa ein Kuss gewesen? Hatte Miguel ihn gerade geküsst?

Severus saß vollkommen erstarrt und wagte kaum zu atmen. Aber er fühlte, wie Miguels Atem sich beschleunigte, ob aus Angst oder Erregung vermochte er nicht zu sagen, und nach einigen Augenblicken wiederholte sich die Berührung. Diesmal konnte kein Zweifel mehr bestehen: Miguel hatte ihn tatsächlich geküsst.

Hände strichen Severus' über den Rücken, wanderten seinen Nacken hinauf. Miguel legte den Kopf zurück, sah ihn, immer noch unsicher, an, und als er keinen Widerspruch in den schwarzen Augen las, senkte er seine Lippen behutsam auf die von Severus.

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Er konnte immer noch lügen, oh ja. Sein Körper, selbst seine Augen konnten Zuneigung, sogar Liebe heucheln, er hatte sie jahrelang darauf dressiert. Während er den Maskierten erneut küsste, ihm mit einer Hand über Gesicht und Schultern streichelte und die ungeschickten Hände auf seinem Rücken immer lebhafter wurden, nutzte Miguel seine freie Hand dafür, sich unauffällig vorzubereiten. Ihm war klar, dass sein Gegenüber so unerfahren war, wie man nur sein konnte, und er hatte sein Maß an Schmerzen für den heutigen Tag bereits deutlich überschritten.

Ja, der Junge war unerfahren. Unerfahren – und unbeherrscht. Nach kaum zwei Minuten wurde Miguel grob gepackt und herumgedreht. Nervöse Hände drückten ihn bäuchlings auf den Strohsack.

Entspann dich!, befahl Miguel seinem aufbegehrenden Körper. Du kennst das doch. Entspann dich!

Mit viel Mühe gelang es ihm, seinen Atem zur Ruhe zu zwingen, während ihm zitternde Hände über den Rücken fuhren, ein bebender Körper sich auf ihn schob.

Entspann dich!

Der Maskierte war ungeschickt, aber nicht grob. Er tat Miguel nicht absichtlich weh, er wusste es einfach nicht besser. Miguel versuchte, in den stechenden Schmerz hineinzuatmen statt die Zähne zusammenzubeißen, so ging es besser, das hatte ihn jahrelange Erfahrung gelehrt. Trotzdem war er froh, dass der Junge so unerfahren war. Die Sache war vorbei, noch ehe sie richtig begonnen hatte. Mit einem heiseren Schrei ergoss der Maskierte sich in seinen Körper. Sekunden später rutschte er zitternd von Miguel herunter.

Jetzt musste Miguel doch die Zähne zusammenbeißen. Er zwang sich ein erfülltes Lächeln ins Gesicht, setzte sich vorsichtig auf und küsste den neben ihm Hockenden auf die schweißnasse Stirn. Lächelnd streichelte er durch das fettige Haar, lächelnd drückte er einen Kuss auf den schmalen Mund. Er lächelte sich die Seele aus dem Leib – und dann, tatsächlich, endlich, huschte ein winziges Antwortlächeln über die Lippen des Maskierten. Miguels Herz machte einen Luftsprung. Vielleicht, möglicherweise, hatte er es tatsächlich geschafft.

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Severus wurde von einem Gefühl durchströmt, das er nie zuvor erfahren hatte. Euphorie vielleicht, versuchte er die Empfindung zu klassifizieren. Sein Körper fühlte sich schwer und warm und zufrieden an.

Mit unsicheren Fingern ordnete Severus seine Kleidung. Er durfte den anderen nicht ansehen, sonst würde sich sofort ein absolut dämliches Grinsen auf seine Lippen heften, da war er sich sicher. Schließlich wagte er doch einen Blick in das lächelnde Gesicht Miguels. Und obwohl er sich krampfhaft bemühte, gegenzusteuern, fühlte auch er den Schatten eines Lächelns über seine Lippen tanzen. Rasch beugte er sich vor und küsste Miguel ungeschickt auf den Mund. Ehe der andere den Kuss erwidern konnte, war Severus schon wieder zurückgewichen.

Er muss doch frieren, dachte er plötzlich, als er Miguel nackt auf dem Strohsack sitzen sah. Nur eine einzige Decke, dabei ist es hier unten so kalt wie im tiefsten Winter im schottischen Hochland ...

Abrupt sprang Severus auf und verließ die Zelle. Probeweise öffnete er eine der abgestoßenen Holztruhen auf dem Gang. Unzerbrechbares Geschirr. Stricke. Fußfesseln. Wolldecken.

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Ein Kuss. Erst ein Lächeln, und jetzt noch ein Kuss.

Hoffnung breitete sich in Miguel aus wie warme Honigmilch. Die Tür zu seiner Zelle stand offen und es dauerte kaum eine Minute, bis der Maskierte zurück war – er verschwand fast unter einem Berg zerschlissener Wolldecken.

Das glaub ich jetzt nicht, dachte Miguel verblüfft, während er auf einen stummen Befehl des anderen von seinem Lager aufstand und zur Seite trat. Fassungslos beobachtete er, wie der Junge den Strohsack zurechtklopfte, Miguels bislang einzige Decke ausschüttelte und begann, ihm ein richtiges Bett zu bauen. Sorgfältig breitete er eine Decke über den rauen Stoff des Strohsacks, faltete eine zweite zum Kissen zusammen. Dann kam er auf Miguel zu, der zitternd vor Kälte im Raum stand und ihm mit großen Augen entgegensah. Widerstandslos ließ er sich in eine weitere Decke wickeln – die weichste von allen, wie er wenig später feststellen konnte – und zurück auf sein Lager drücken. Gehorsam streckte er sich aus und wurde sorgfältig in zwei zusätzliche Wolldecken gehüllt.

Miguel musste plötzlich an seine Mutter denken, wie sie ihn umsorgt hatte, wenn er als kleines Kind krank gewesen war. Fast hätte er erneut zu weinen begonnen.

Der andere lächelte wieder sein flüchtiges Schattenlächeln, ehe er sich ebenfalls warm einpackte und an Miguels Seite niederließ.

Miguel schüttelte innerlich den Kopf. Was war das für ein seltsames Wesen, das sich da hinter der Maske und unter den wallenden schwarzen Gewändern verbarg? Jetzt kam der andere ihm fast wie ein ganz normaler Junge vor, so harmlos und zufrieden wirkte er in seinen blau- und rotkarierten Decken.

Miguel atmete tief durch. Er warf einen letzten Blick auf seinen rätselhaften Besucher. Momentan ungefährlich, entschied er.

Bleischwer kroch die Müdigkeit durch seine Glieder, und weil die Wolle und seine Erleichterung ihn wärmten, ließ er sich von ihr hinabziehen ins wirre Reich der Träume. Miguel wusste es nicht, aber als er einschlief, lag ein Lächeln auf seinem Gesicht.

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Severus saß mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt und beobachtete nachdenklich den schlafenden jungen Mann an seiner Seite. Er verdankte Miguel die erste sexuelle Erfahrung seines Lebens – wenn man den Begriff, wie Lucius es so treffend getan hatte, auf etwas bezog, das zusammen mit jemand anderem getan wurde. Was er mit Miguel getan hatte, war völlig neu gewesen für ihn – überwältigend, schön und auch ein bisschen beängstigend. Noch nie hatte er sich in seinem Körper so zuhause gefühlt wie jetzt. Noch nie hatte er sich so ... wertvoll gefühlt wie jetzt. Es war eine andere Art von Hochgefühl als jenes, das ihm die Zugehörigkeit zum Orden, ein Lob von Aemilius oder gar vom Dunklen Lord verschaffte. Es war irgendwie inniger, reichte tiefer.

Severus streckte eine Hand aus und strich Miguel sacht durchs Haar. Plötzlich hatte er das Bedürfnis, ihn zu küssen. Er beugte sich vor, drückte seine Lippen auf Miguels, der ruhig weiteratmete und nicht aufwachte. Severus betrachtete das schmale Gesicht, die leicht geöffneten Lippen, die fein geschwungenen Augenbrauen, die Lider, die Wimpern ... Das alles wollte er streicheln und küssen, immerzu ...

Ich bin verliebt, wurde es ihm mit einem Mal klar. Wirklich verliebt, stellte er zwischen Staunen und Schock fest.

Plötzlich wurde er ganz krank bei dem Gedanken, dass irgendjemand Miguel anrühren, ihm Schmerzen zufügen, ihn töten könnte.

Das darf nicht geschehen. Niemals!

Er musste etwas tun, um Miguel zu retten. Er brauchte einen Plan ...

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