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Schattenprinz
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Kapitel 10
Geständnisse
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Am nächsten Morgen hatte Aemilius einen zeitigen Termin im Ministerium, und so saßen Severus und Lucius ohne ihn am Frühstückstisch. Während Severus sich einen Toast mit Orangenmarmelade bestrich, musterte er sein Gegenüber unauffällig. Lucius sah noch ziemlich verschlafen aus. Er trug einen petrolfarbenen Samtbademantel und hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, sein langes Haar zu bürsten, das ihm in wirren Strähnen ins Gesicht fiel. Wäre Aemilius dagewesen, da war Severus sich sicher, hätte Lucius es nicht gewagt, so zum Frühstück zu erscheinen.
Severus selbst war bereits seit zwei Stunden auf den Beinen, geduscht und ordentlich angezogen – was vielleicht auch daran lag, dass er die letzte Nacht überhaupt nicht geschlafen und sich erst in den frühen Morgenstunden zurück auf sein Zimmer geschlichen hatte. Dennoch war er hellwach. Er fühlte sich unangenehm kribbelig und dachte ununterbrochen an Miguel und ihre auf so widersprüchliche Weise gemeinsam verbrachte Nacht.
Ganz nebenbei beschäftigte ihn auch noch das wissenschaftliche Problem, wieso Miguel so schlecht auf das Schlafmittel angesprochen hatte. Der Forschergeist in Severus wollte unbedingt wissen, was Aemilius seinem Opfer zuvor für ein Betäubungsmittel verabreicht hatte und wie dieses mit dem Traumlosen Schlaf reagiert haben könnte.
Aber bevor er in dieser faszinierenden Frage zu irgendeinem Ergebnis kommen konnte, schob sich wieder die drängende Notwendigkeit in sein Bewusstsein, einen Plan zur Rettung Miguels auszuarbeiten. Und jetzt kam auch noch Lucius dazu, dessen von seiner ungewohnten Schlampigkeit noch verstärkte, irritierende Attraktivität es Severus unmöglich machte, irgendwelche kohärenten Gedanken zu fassen. Es war zum aus der Haut fahren!
Während Severus gegen das Chaos in seinem Kopf ankämpfte, rührte Lucius missmutig in seinem Kaffee herum. Dann schien er plötzlich Severus' Blick zu spüren und sah auf.
„Was ist?", fragte er gereizt und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Er musterte Severus ausgesprochen feindselig, und als dieser nicht antwortete, fuhr er in näselndem, leicht gelangweiltem Tonfall fort: „Du gehst mir auf die Nerven, Snape, weißt du das? Machst dich hier breit wie ein stinkender Bundimun" –
Etwas in Severus sprang klickend aus seinem Platz. Er hatte sie einfach satt, die ständigen Beleidigungen und Sticheleien. Zwar hatten Lucius und er in den vergangenen Wochen während des Duellierunterrichts recht gut zusammengearbeitet, aber selbst da hatte der Ältere es nicht lassen können, regelmäßig seinen Spott über Severus auszukippen.
Es reicht. Es reicht endgültig.
„Warum, Lucius?", unterbrach Severus scharf. „Warum hasst du mich?"
In Lucius' eisgraue Augen schlich sich eine Spur von Unsicherheit. „Warum ...?", fragte er gedehnt und sah eine Weile schweigend aus dem Fenster. „Ich schätze mal, dass ich ein ziemlich schlechter Verlierer bin, Snape, und es gefällt mir nicht, wie du dich auf deiner Schleimspur durch mein Leben windest. Ich kapier' nicht, was unser Lord an dir findet, und was meinen Vater angeht – es ist mir ein Rätsel, wieso er sich mit dir abgibt. Ich kann die Halbblüter, die dieses Haus betreten haben, an den Fingern einer Hand abzählen, und bei jedem von ihnen fallen mir ein paar gute Gründe ein, warum mein Vater diesen Dreck zu sich eingeladen hat. Geld und Macht, zum Beispiel. Aber warum er dich mickrige Vogelscheuche hier rumstolzieren lässt wie einen kleinen Prinzen ... Ich begreif es nicht."
„Es kann nicht jeder so gut aussehen wie du, Lucius", entfuhr es Severus bitter, ehe er die Worte zurückhalten konnte. Unterm Tisch ballte er die Hände zu Fäusten. „Und ich habe mir meine Familie nicht ausgesucht, verstehst du? Ich könnte gerne auf meinen nutzlosen Muggel-Vater verzichten."
„Was ist eigentlich mit deiner Mutter?", fragte Lucius in plötzlich freundlicherem Ton.
Severus stutzte. Dann erwiderte er brüsk: „Tot. Wie deine."
Lucius presste die Lippen aufeinander und schwieg.
„Ich wünschte ...", begann Severus zögernd.
„Was?" Lucius sah ihn aufmerksam an.
„Ich wünschte, sie wäre noch hier", sagte Severus leise. „Mein Vater hasst mich."
„Ja", erwiderte Lucius. Seine Augen hatten dabei einen seltsam abwesenden Ausdruck.
„Was ja?", hakte Severus irritiert nach.
„Ja, ich wünschte wie du, meine Mutter wäre noch hier, und ja, mein Vater hasst mich auch", erklärte Lucius in scheinbar gleichgültigem Tonfall.
„Aemilius hasst dich?! Das glaub ich nicht." Severus war ehrlich überrascht.
Lucius gab ein spöttisches Schnauben von sich. „Er lässt es nicht so raushängen vor anderen, schätze ich, aber ..." Er stockte und fuhr mit dem Finger eine feine Narbe auf seinem linken Unterarm nach. „Du hast es doch gesehen in der Nacht deiner Initiation ... Du hast mir doch geholfen, als ich in euren Aufenthaltsraum gestolpert kam."
Mit einem Mal sah Lucius ihm direkt in die Augen. „Schätze, ich sollte mich endlich mal bei dir bedanken, Severus. Du hast mir vermutlich das Leben gerettet."
Severus spürte plötzlich den verwirrenden Drang, Lucius dämlich und dankbar anzugrinsen. Er unterdrückte ihn und präsentierte seinem Gegenüber stattdessen ein leichtes, kontrolliertes Lächeln. „Schon okay ... Aber ich versteh immer noch nicht, was das mit Aemilius zu tun hat. Ich meine, der Dunkle Lord hat dich übel zugerichtet, aber" –
„Der Dunkle Lord?!", entfuhr es Lucius verblüfft. „Heißt das, du weißt nicht ...?"
„Was?" Ein stechendes Unbehagen stieg in Severus auf.
„Der Dunkle Lord ..." Lucius strich sich mit einem bitteren Lachen durchs Haar. „Der Dunkle Lord hat mir einen heftigen Cruciatus auf den Hals gejagt, und damit war die Angelegenheit für ihn erledigt, soweit es körperliche Strafen betraf. Er hat mich nach dem Treffen noch einmal zu sich gerufen, um mich zu verwarnen, und in letzter Zeit habe ich nicht gerade die Aufträge bekommen, die ich mir gewünscht hätte ... – Severus, das, was du in jener Nacht gesehen hast, war nicht die Folge seines Zorns. Es war mein Vater, der mich auf diese Weise bestraft hat."
Severus starrte ihn fassungslos an. Aemilius? Aemilius hatte seinem Sohn das angetan? Hatte sogar in Kauf genommen, dass Lucius an seinen Verletzungen sterben könnte?
„Aemilius? Aber ... ich verstehe nicht ..."
„Wer versteht das schon ...", murmelte Lucius in sich hinein. „Er hasst mich ..."
Dann sagte er lauter und mit einem irgendwie verloren wirkenden Blick zu Severus: „Hat er dir erzählt, wie meine Mutter Agrimonia gestorben ist?"
Severus schüttelte stumm den Kopf.
„Sie starb bei meiner Geburt. Mein Vater gibt mir die Schuld an ihrem Tod. Nicht etwa unbewusst, er hält mir das tatsächlich in regelmäßigen Abständen vor."
„Aber ... aber das ist doch absurd. Wie kann er" –
„Ich weiß es nicht!", fiel Lucius ihm unwirsch ins Wort. „Er muss sie wahnsinnig geliebt haben – und für mich war dann eben keine Liebe mehr übrig", stellte er in halb sachlichem, halb ironischem Tonfall fest. „Ich nehme einfach mal an, alle Liebe, die er für meine Mutter empfunden hat, hat sich in Hass gegen mich verkehrt."
Er nahm einen Schluck Kaffee und griff nach einem Brötchen. Offensichtlich war das Thema für ihn beendet. Aber nach ein paar Minuten sprach er doch noch einmal.
„Was uns nicht umbringt, macht uns hart", bemerkte er mit bitterem Triumph in der Stimme. „Der Lieblingsspruch meines verehrten Herrn Vaters. Eines Tages kommt meine Stunde ... und dann ..."
Severus wandte sich schweigend seinem Toast zu. Eigentlich waren sie sich doch recht ähnlich – zumindest in ihren Verletzungen. Tobias Snape hasste seinen Sohn für seine magischen Fähigkeiten, so wie er seine Frau Eileen gehasst hatte, als er herausfand, dass sie eine Hexe war. Sein ganzes Leben lang hatte Severus um die Anerkennung seines Vaters gekämpft, und nie etwas anderes als Verachtung zurückbekommen. Severus litt furchtbar unter dem Verlust seiner Mutter. Sechs Jahre ohne ihre Liebe hatten den Schmerz nicht geringer werden lassen. Tobias hatte seine Frau eines Tages totgeschlagen in seinem uferlosen Zorn. Ein Unfall, wie es später hieß, die Treppe heruntergestürzt. Eine lahmere Ausrede hätte sich kaum finden lassen, aber sein Vater war damit durchgekommen.
Lucius dagegen hatte nicht einmal die Chance bekommen, seine Mutter kennenzulernen. Und Aemilius hatte seinen Sohn beinahe umgebracht in seinem absurden Hass ... Wie mochte es sich anfühlen, völlig ohne Liebe aufzuwachsen, nicht einmal die Erinnerung an einen liebevollen Menschen zu haben, an der man sich festhalten konnte?
Vielleicht war Lucius doch kein solches Arschloch, wie Severus immer gedacht hatte. Möglicherweise war er sogar genau der Mensch, den Severus jetzt brauchte.
„Lucius?"
„Was?"
Halt die Klappe. Du bringst dich nur in Schwierigkeiten.
„Ich ... hab ein Problem."
„Wir haben alle unsere Probleme", kommentierte Lucius, ohne vom Tagespropheten aufzusehen.
„Aber ... vielleicht könntest du mir helfen. Ich hatte gestern meine erste ... Unterrichtsstunde in euren Kerkern ..."
Der Tagesprophet fiel klatschend auf die Butter. „In den Kerkern? Jetzt schon?" Lucius musterte ihn mit einer Mischung aus Ärger und Mitgefühl. „Die müssen dich ja wirklich für was ganz Besonderes halten. Du hast also letzte Nacht das erste Mal gefoltert und jetzt willst du dich bei mir ausheulen, oder wie soll ich das verstehen?"
Severus schluckte. Lucius machte es ihm wirklich nicht leicht.
„Nein, das nicht ... Ich meine, ja, schon, ich ... ich habe letzte Nacht das erste Mal gefoltert, aber ... aber ausheulen will ich mich bestimmt nicht bei dir."
Lucius musterte ihn aufmerksam. „Nicht? Was dann?"
„Ich ... ich glaube ..." Severus verstummte mutlos.
Vielleicht ist Lucius doch nicht so ganz die richtige Adresse für dieses Problem ...
„Salazar, Severus, spuck's endlich aus!", zischte Lucius ihn an. „Ich bin nicht besonders geduldig, weißt du!"
Definitiv die falsche Adresse.
„Vergiss es einfach", sagte Severus knapp.
„Oh nein, so billig kommst du mir nicht davon!" Ehe Severus wusste, wie ihm geschah, hatte Lucius seinen Zauberstab gezogen. „Expelliarmus!"
Der Spruch fegte Severus vom Stuhl und warf ihn krachend auf den Parkettboden.
Im Bademantel, aber mit Zauberstab, dachte er benommen. Ich hätte es wissen müssen ...
Er tastete nach seinem schmerzenden Hinterkopf und zog seine Hände hastig zurück. Sie waren klebrig von Blut.
„Scheiße ... Tut mir leid, ich wollte dich nicht verletzen." Lucius kniete sich neben ihn auf den Fußboden.
„Ist nicht so schlimm ...", murmelte Severus. Das Zimmer schwankte vor seinen Augen und Lucius' Gesicht wirkte eigenartig verzerrt.
„Geht's dir gut, ja?"
„ ... bisschen schwindlig ...", war alles, was Severus noch flüstern konnte, ehe ihm schwarz vor Augen wurde.
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Nur langsam driftete Severus wieder an die Oberfläche seines Bewusstseins. Gesichter trieben an ihm vorbei – Aemilius, Lucius, Miguel, plötzlich seine Mutter Eileen, alle verschwommen und in weißen Nebel gehüllt. Dann wurde sein Geist mit einem Mal klar, die Bilder verblassten und er schlug die Augen auf.
Er lag in einem Bett. In seinem Bett in seinem Gästezimmer, um präzise zu sein. Das Sonnenlicht fiel gedämpft durch die violetten Vorhänge, die seine Schlafstatt vom Rest des Raumes trennten. Neben ihm auf der Bettkante zeichnete sich eine dunkle Gestalt ab.
„Aemilius?", fragte er benommen.
„Bestimmt nicht", kam es spöttisch zurück.
Abrupt richtete Severus sich auf – um mit einem Stöhnen wieder in die Kissen zu sinken. „Lucius!"
„In Person." Lucius zog die Bettvorhänge ein Stückchen auseinander und Severus blinzelte geblendet. „Ich dachte mir, du würdest wahrscheinlich Kopfschmerzen haben, wenn du aufwachst. Deshalb hab ich lieber alles verdunkelt. Schätze, ich hab dir 'ne erstklassige Gehirnerschütterung verpasst."
Severus tastete vorsichtig nach seinem schmerzenden Kopf. „Es fühlt sich zumindest sehr danach an ...", stöhnte er.
„Hier, trink das."
Lucius hielt ihm eine Phiole entgegen. Er lachte leise, als Severus misstrauisch an der grünen Flüssigkeit schnupperte. Das Lachen traf irgendeinen Punkt in Severus' Magengegend und sandte einen heißen Schauer über seine Haut.
„Ich will dich bestimmt nicht vergiften. Wenn ich dich immer noch umbringen wollte, hätte ich das vorhin leichter haben können. Das ist bloß ein Kopfschmerz-Trank."
Severus leerte das Gefäß in einem Zug und reichte es Lucius zurück. Dabei berührten sich ihre Hände flüchtig – und wieder überlief es ihn heiß. Er wäre diesem beunruhigenden Phänomen gerne nachgegangen, fühlte sich momentan aber viel zu erschöpft dazu. Wenigstens wirkte der Trank rasch und befreite ihn von seinen pochenden Kopfschmerzen. Severus seufzte erleichtert.
„Besser?"
Er nickte stumm.
„Na, Merlin sei Dank. Mein Vater hätte mir bestimmt den Kopf abgerissen, wenn seinem kleinen Prinzen etwas Ernsthaftes zugestoßen wäre ..."
„Bitte nenn mich nicht so."
Lucius zuckte die Achseln. „Worüber wolltest du vorhin mit mir reden?"
„Was?!"
Der junge Mann verdrehte die Augen. „Seit wann bist du so begriffsstutzig?"
Severus schluckte nervös. „Lucius, ich weiß wirklich nicht ..."
Lucius seufzte genervt. „Hör zu, Snape: Ich gebe dir hiermit mein heiliges Malfoy-Ehrenwort, dass alles, was in diesem Raum zwischen uns gesprochen wird, niemandem sonst zu Ohren kommt, egal, was du mir sagen wirst. Okay?"
„Warum sollte ich dir glauben?", fragte Severus misstrauisch.
„Weil du mir das Leben gerettet hast, Severus. Ich gebe es höchst ungern zu, aber so ist es nun mal. Dadurch stehe ich in deiner Schuld. Einer Lebensschuld. Weißt du, was das bedeutet?"
„Ja ...", hauchte Severus.
„Ich muss diese Schuld auf gleiche Weise abtragen. Ich glaube zwar nicht, dass es bei deinem Kinderproblem um Leben und Tod geht ..."
„Doch."
Lucius sah ihn überrascht an. „Um Leben und Tod? Ernsthaft?"
Severus nickte.
„He, Snape, du willst uns doch nicht in Schwierigkeiten bringen, oder?", fragte Lucius alarmiert.
Severus schwieg.
Da sieht man mal wieder, was Versprechen wert sind, dachte er bitter.
Lucius schien zu erkennen, was in ihm vorging. „Severus", sagte er entschieden, „ich werde mein gegebenes Wort nicht brechen, okay? Bitte sag mir jetzt, was los ist."
Severus zögerte nur kurz. Ohne Hilfe würde er es nicht schaffen, und wer außer Lucius käme dafür in Frage? „Na schön ...", sagte er leise, während er mit dem Saum seiner Decke spielte. „Es geht um Miguel."
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