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SSSSSSS

Schattenprinz

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Kapitel 12

Verschwörung

SSSSSSS

Severus und Lucius saßen bereits beim Abendessen, als Aemilius zurückkehrte. Mühsam hatte Severus sich durch den Unterricht gequält, von den Erläuterungen seiner Lehrer aber kaum ein Wort mitbekommen. Nun saß er über seinen Teller gebeugt und stocherte nervös in seinem Gemüse herum – ihm war schlecht vor Aufregung und Angst. Lucius hatte sich besser im Griff, er aß mit Appetit und wirkte so arrogant und unnahbar wie immer.

„Guten Abend allerseits!" Aemilius erschien in der Tür zum Speisezimmer. Er trug eine prächtige amethystfarbene Robe mit Goldstickerei. Sein langes weißblondes Haar hatte er mit einem violetten Samtband im Nacken zusammengebunden. Nicht zum ersten Mal dachte Severus, dass Vater und Sohn sich auf fast unheimliche Weise ähnlich sahen.

Aemilius wirkte, als ob nichts ihm seine prächtige Laune verderben könnte. Selbst für Lucius hatte er heute ein winziges Lächeln übrig. „Und guten Appetit."

Mit einem zufriedenen Seufzen ließ der Hausherr sich am Esstisch nieder. Sofort eilte einer der Hauselfen herbei. „Guten Abend, Master Malfoy, Sir. Sie wünschen zu speisen, Sir?" Aemilius teilte dem kleinen Wesen seine Wahl mit und wandte sich dann an Severus. „Wie war dein Tag?"

Severus würgte hektisch einen Löffel Erbsen hinunter, verschluckte sich und begann zu husten. „Ganz gut", keuchte er schließlich mühsam. Sein Lehrmeister sah ihn erwartungsvoll an und Severus wurde klar, dass eine ausführlichere Antwort verlangt war. „Avery und ich waren im Wald. Er hat mir Sammelstellen für einige seltene Heilpflanzen gezeigt und mir ihre Anforderungen an den Standort erklärt."

„Sehr schön. Und was hast du bei Rabastan gelernt?"

Severus zauderte. Die Wahrheit war, dass er in seiner ersten Stunde bei Rabastan Lestrange absolut gar nichts gelernt hatte, weil er viel zu sehr mit seinen Gedanken an Miguel beschäftigt gewesen war. „Die Besonderheiten isländischer Runen. Und Fenrir hat versucht", fuhr er rasch fort, ehe Aemilius nachhaken konnte, „mir die Unterschiede im Sozialverhalten von Menschen und Werwölfen zu erläutern."

Sein Lehrer schmunzelte. „Deiner Formulierung glaube ich entnehmen zu können, dass ihm dieses Unterfangen nicht geglückt ist."

Severus sah beschämt auf seinen Teller.

„Warum nicht?"

„Ich ... war ein bisschen abgelenkt."

„Und wieso, wenn ich fragen darf?"

„Weil ... wegen dem Unterricht heute Abend."

Aemilius hob die Augenbrauen. „Wegen unseres Unterrichts? Folterkunst?"

Severus nickte.

„Die Sache beschäftigt dich?"

„Ja", gab er widerwillig zu.

„Das ist normal. Und es ist gut so. Ich wäre nicht erfreut, wenn es dir nichts ausmachen würde, zu foltern – selbst, wenn es sich nur um einen Muggel handelt."

Ein brennendes Gefühl stieg von Severus' Solarplexus auf, erfasste sein Herz. „Er heißt" –

„Vater, ich bin fertig. Darf ich mich entfernen?", fiel ihm Lucius ins Wort.

Aemilius runzelte die Stirn. „Hättest du die Güte, unseren Gast ausreden zu lassen, Lucius?"

„Verzeihen Sie, Vater. Bitte entschuldige, Severus. Ich sollte wirklich mehr auf das achten, was ich sage – und darauf, wann ich es sage." Lucius warf Severus einen warnenden Blick zu – und ihm wurde siedendheiß bewusst, dass er beinahe Partei für Miguel ergriffen und sich damit verraten hätte.

„Ich akzeptiere deine Entschuldigung, Sohn. Du darfst dich entfernen", sagte Aemilius kühl.

„Danke, Vater."

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Eine Viertelstunde später stand Severus mit seinem Lehrer in Miguels Zelle. Miguel lag da, wie Severus und Lucius ihn am Morgen verlassen hatten – zusammengerollt auf seinem Strohsack, scheinbar schlafend, doch seltsam still dabei.

Merlin, mach, dass es funktioniert hat, flehte Severus stumm.

„Miguel?" Aemilius kniete nieder und legte dem Gefangenen die Hand auf die Schulter. Auch er schien sofort erkannt zu haben, dass etwas nicht stimmte. „Miguel!" Er schüttelte die reglose Gestalt. Keine Reaktion. Aemilius zog den Zauberstab und ließ ihn über den zusammengekauerten Körper gleiten – einmal, zweimal. Dann sah er zu Severus auf. „Er ist tot."

Severus starrte ihn an. Er musste Schock und Überraschung nicht heucheln, zu groß war die Angst, dass Aemilius Recht haben könnte mit seiner Feststellung. „Aber er ... Wie kann das sein?"

Sein Lehrer führte den Zauberstab erneut über Miguels Körper. „Herzversagen oder Kreislaufkollaps – es läuft aufs Gleiche hinaus. Er war einfach nicht kräftig genug." Mit einer beiläufigen Bewegung zog Aemilius die Decke über Miguels starres Gesicht. „Nun, ich fürchte, unser Unterricht wird sich heute auf die Theorie beschränken müssen. – Komm mit nach nebenan."

Und jetzt?

„Ich ... darf ich den ... den Körper haben?"

Na toll. Das war ja eine rhetorische Glanzleistung.

Aemilius drehte sich abrupt um und sah ihn irritiert an. „Wozu brauchst du eine Leiche?"

„Damit ... Ich möchte einen Verwandlungszauber ausprobieren."

„So?", fragte sein Lehrer misstrauisch. „Und in was willst du das da" – er stieß den leblosen Körper mit der Stiefelspitze an – „verwandeln?"

„Ich ... in einen Stein."

„In einen Stein", wiederholte Aemilius kopfschüttelnd. „Und dann? Willst du ihn dir um den Hals hängen? Verwandlungszauber können sich mit der Zeit abschwächen, und ich brauche dir wohl nicht zu erläutern, was in diesem Fall Unappetitliches mit deinem Schmuckstück geschehen würde."

Merlin, Merlin, Merlin ...

Severus' Gedanken rasten. „Ich möchte ihn begraben", stieß er endlich hervor.

Aemilius schwieg einen Moment lang. „Die Sache ist dir wohl noch näher gegangen, als ich dachte, hm?", fragte er schließlich und legte Severus eine Hand auf die Schulter. Severus nickte, den Blick auf seine Schuhspitzen gerichtet.

„Na schön", seufzte sein Lehrer ergeben. „Du kannst ihn haben. Aber sieh zu, dass du das Loch groß genug machst – falls er sich zurückverwandeln sollte."

Ein warmes Gefühl der Erleichterung durchflutete Severus. „Danke", hauchte er.

„Schon gut. Aber mit der Entsorgungsproblematik wirst du dich morgen früh beschäftigen müssen – jetzt ist Unterricht angesagt."

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Zwei Stunden. Zwei Stunden haben einhundertundzwanzig Minuten. Einhundertundzwanzig Minuten haben siebentausendzweihundert Sekunden. Siebentausendzweihundert Sekunden, in denen Severus sich mit Gewalt zwingen musste, nicht ständig von einem Bein aufs andere zu treten. Siebentausendzweihundert Sekunden, in denen er all seine Selbstbeherrschung brauchte, um Aemilius einigermaßen aufmerksam zuzuhören und halbwegs intelligente Zwischenfragen zu stellen.

Endlich, endlich war es vorbei. Sobald sein Lehrer außer Sicht war, rannte Severus zu Lucius' Räumen und hämmerte wild an die erstbeste Tür.

„Schhht!", zischte es hinter ihm. Lucius kam aus dem gegenüberliegenden Zimmer gestürzt. „Ich verstecke mich bestimmt nicht in der Besenkammer."

Severus errötete.

„Und – hat es geklappt?"

Er nickte. „Miguel ist noch unten. Aber ich habe gefragt – ich darf ihn haben!" Severus merkte nicht, dass er wie ein aufgeregter kleiner Junge klang, dem eben sein Lieblingsspielzeug versprochen worden war.

Lucius schüttelte amüsiert schnaubend den Kopf. „Na, dann wollen wir mal keine Zeit verlieren."

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„Und du bist sicher, dass Aemilius diesen Ort nicht kennt?"

„Absolut sicher."

Sie hatten Miguel aus den Kerkern geholt und waren mit ihm durch einen Kamin im Tränkelabor gereist. Nun standen sie in einem düsteren, verstaubten Raum, der aussah, als ob ihn seit Jahren niemand mehr benutzt hätte. Lucius levitierte Miguel in Richtung Bett, das im Gegensatz zum Rest des Raumes erstaunlich sauber wirkte.

„Ich war heute schon mal hier und habe ein bisschen Ordnung gemacht", erklärte Lucius, als er Severus' erstaunten Blick registrierte. „Aber ich hatte nicht viel Zeit, deshalb habe ich nur ein paar Vorräte und einiges an Kleidung rübergeschafft. Alles andere musst du selbst erledigen."

Severus nickte irritiert. Lucius hatte sich Arbeit gemacht – für ihn? Und das, obwohl er noch nicht einmal hatte sicher sein können, dass ihr Plan funktionierte?

„Erst wollte ich Avery herrufen, aber das ist zu riskant. Er und mein Vater sind zu gut befreundet, als dass man sich auf Jims berufliche Schweigepflicht verlassen könnte. Abgesehen davon: Er nimmt's mit seinem Berufsethos ohnehin nicht so genau. Wir werden uns mit Hraban begnügen müssen."

„Hraban!" Leise schlich sich das Unbehagen in Severus' Herz. Von seinem ersten Opfer sollte er Hilfe erwarten – und akzeptieren – können?

„Hraban und ich sind Freunde. Wir sind praktisch zusammen aufgewachsen."

Severus wurde abwechselnd heiß und kalt. Plötzlich glaubte er, die Wut und den Hass, den Lucius bei ihrem vom Dunklen Lord angeordneten Duell auf der Lichtung auf ihn gerichtet hatte, zu begreifen. Wenn Lucius und Hraban Freunde waren, und Severus Hraban faktisch getötet hatte, dieser nur durch Eingreifen des Dunklen Lords im letzten Moment von der Schwelle zurückgerissen worden war ... Warum hatte Lucius in all den Wochen nie ein Wort über Hraban verloren, sich nie erklärt?

Lucius schien nicht zu bemerken, was in Severus vor sich ging, oder er zog es, wie so oft, vor, Severus und dessen Gefühle zu ignorieren. Scheinbar unbekümmert sprach er weiter. „Und er ist mir noch was schuldig. Ich habe ihm vor nicht allzu langer Zeit aus einer bösen Klemme geholfen. Außerdem ist er absolut zuverlässig – er würde sich eher die Zunge abbeißen, als seine Kameraden zu verraten. Und das gilt ganz besonders in Bezug auf mich."

Ein anzügliches Grinsen erschien auf Lucius' Lippen. „Oh, und er mag dich, Severus. Ich glaube, in Hraban hast du einen Bruder im – na, nicht im Geiste, mehr in ... sexuellen Präferenzen gefunden."

Irgendwann kriegt er das alles zurück – jede einzelne dämliche Anspielung ...

Aber nicht jetzt. Noch brauchte er Lucius. Auch wenn er das Gefühl hatte, in Gegenwart des Älteren nie ganz zu seiner normalen Gesichtsfarbe zurückzukehren.

Lucius warf eine Hand voll Flohpulver in den Kamin, ehe er niederkniete und den Kopf in die grünen Flammen steckte. „Ferndean House, Arbeitszimmer. – Hraban?"

„Lucius?", hörte Severus eine etwas dumpf klingende Stimme antworten.

„In Person."

„Was gibt's denn Wichtiges? Schmeißt du mal wieder 'ne Party?"

Lucius lachte. „Nein, bedauere, heute nicht. Ich brauch deine Heilkünste. Ich hoffe, du hast dein Heilerstudium noch nicht völlig verdrängt?"

„Was ist denn passiert?" Die körperlose Stimme klang nervös. „Du weißt, ich bin nicht besonders" –

„Nichts akut Lebensbedrohliches. Wir haben hier einen – ah – Gast mit ansteckender Hepatitis, eine zweite Person, die sich vermutlich bei ihm infiziert hat ... Außerdem weiß ich nicht, was unser Gast noch so an Geschlechtskrankheiten mit sich rumschleppt. Filzläuse auf alle Fälle ..."

„Iiih!", ertönte es aus dem Kamin. „Wen habt ihr denn da aus der Gosse gekratzt?"

„Die Geschichte ist zu lang – meine Knie tun jetzt schon weh. Außerdem bin ich noch nicht fertig. Besagter Patient ist zusätzlich drogenabhängig, seine Blutwerte sind auch nicht die besten ..."

„Mann, Lucius, was erwartest du von mir? Ich weiß echt nicht" –

„Komm einfach rüber und versuch dein Glück. Wenn's schiefgeht, ist's auch nicht weiter tragisch."

„Na schön." Man konnte förmlich hören, wie Hraban die Augen verdrehte. „Auf deine Verantwortung. Ich muss noch ein paar Sachen zusammensuchen ... In zehn Minuten bin ich bei euch."

„Danke, Kamerad. Die Adresse kennst du – ich sage nur: Schlangengrube."

„Okay. Bis gleich."

Lucius zog den Kopf aus dem Feuer und schüttelte sich. Mit einem genervten Blick zauberte er Asche und Ruß aus seinen Haaren. „Dann sollten wir Dornröschen wohl besser mal aufwecken."

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Anmerkung: Den Namen „Ferndean House" habe ich mir bei Charlotte Brontë ausgeliehen; er stammt aus ihrem sehr lesenswerten Buch Jane Eyre.

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