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SSSSSSS
Schattenprinz
SSSSSSS
Kapitel 13
In Sicherheit?
SSSSSSS
Er schwebte. Federleicht.
Ein warmer Strom trug ihn mit sich, und Miguel ließ sich treiben, bestaunte fremde Formen und Farben, die an ihm vorbeizogen, ihn durchdrangen ... Er war Treibgut auf einem unendlich breiten Fluss, der sich durch einen Ort jenseits von Zeit und Raum erstreckte.
Schön.
Ewig wollte er so weiterschweben, aufgehen in dieser Welt aus Licht und Farbe ...
Da zupfte etwas an ihm – ganz leicht erst, aber als er der Aufforderung nicht Folge leistete, deutlich energischer.
Ich mag nicht, dachte Miguel träge.
Doch das Zupfen verstärkte sich, wurde zu einem Zerren.
Nein!
Er stemmte sich mit aller Kraft gegen den aggressiven Zug.
ICH WILL NICHT!
Plötzlich war es, als ob eine große Hand sich um ihn schlösse. Er wurde gepackt und mit einem schmerzhaften Ruck aus dem Strom herausgerissen.
Nein ..., bettelte er, doch die Hand war unerbittlich.
Für einen Moment hatte er das Gefühl, zu ersticken, schnappte verzweifelt nach Luft wie ein Fisch, der brutal aus seinem vertrauten Element herausgeschleudert worden war.
Die Welt wurde schwarz und feindselig.
Die Angst war zurück.
Wimmernd schlug Miguel die Augen auf.
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„Dornröschen ist aufgewacht", stellte Lucius spöttisch fest. Der dürre Stricherkörper wand sich unter seinen Händen. Ein leiser Klagelaut ertönte, als der Muggel die Augen öffnete und ihn verständnislos anstarrte. Irgendwie berührte ihn die Angst des Jungen. „Schhh", machte er besänftigend und drückte ihn in die Kissen zurück. „Beruhige dich. Du bist in Sicherheit."
Severus drängte sich neben ihn. „Ist er okay?" Seine Stimme bebte.
„Ja, klar. Ich habe dir doch gesagt, wenn er wieder aufwacht, ist alles in Ordnung."
Doch er konnte in den schreckgeweiteten braunen Augen lesen, dass nichts mehr in Ordnung war in der Welt dieses Jungen. Severus hingegen schien viel zu erleichtert, um zu registrieren, wie schlecht es ihrem ... – Ja, was? Ist er unser Schützling? Unser Patient? Oder unser Opfer? – ... dem Muggel ging. Panisch flackerte sein Blick durch den Raum, blieb erst an Severus, dann an Lucius kleben.
Er hat Angst vor uns. Zu Recht.
„Schhh ... Dir passiert nichts. Gleich kommt ein Heiler, der wird sich um dich kümmern."
Warum tat er das? Warum stand er nicht einfach auf und ging wieder an seine Arbeit? Hraban und Severus würden sicher auch ohne seine Hilfe zurechtkommen – schließlich war der verstörte kleine Gegenstand im Bett nur ein Muggel.
Lucius, pass auf, was du tust. Du begibst dich auf ganz dünnes Eis ...
Ein Wusch! ertönte hinter ihnen: Hraban. Er trat aus dem Kamin und klopfte sich mit lässiger Geste die Asche ab. Mit einem heimlichen Lächeln stellte Lucius fest, dass der junge Mann seit ihrem kurzen Gespräch die Kleidung gewechselt hatte und jetzt in ausgesprochen elegantem Schwarz und Dunkelrot vor ihnen stand.
Er hat sich hübsch gemacht für Severus ...
„Hallo Lucius, hallo Severus." Hraban schenkte ihnen ein strahlendes Lächeln.
Vielleicht sollte ich ihn bei der Hexenwoche vorschlagen ... zum Preis für das charmanteste Lächeln ... Ach nein, das wäre irgendwie unpassend. Obwohl – Schwule sollen ja angeblich auf Frauenzeitschriften stehen ...
„Der da?", fragte Hraban, und das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. Er trat ans Bett und beugte sich über den Muggel, der angstvoll vor ihm zurückwich. „Was habt ihr denn mit dem angestellt? Der ist ja völlig durch den Wind!"
„Er heißt Miguel", warf Severus ein. Es klang gereizt.
„Das da", erläuterte Lucius mit einer abfälligen Geste in Richtung Bett, „ist Severus' Unterrichtsmaterial in Folterkunst gewesen."
Er stellte mit Befriedigung fest, dass Hrabans Augen sich erschrocken weiteten. Lucius liebte es, andere zu schockieren.
„Unglücklicherweise hat Klein-Severus hier" – Der Genannte biss wütend die Zähne zusammen, dass Lucius es knirschen hörte. Er grinste in sich hinein. Andere in Wut zu versetzen, war eine weitere Spezialität von ihm. – „sich unsterblich in den kleinen Gegenstand verliebt. Und ihn gevögelt – nachdem er ihn vorher lehrplangerecht gefoltert hatte. Und da unser süßer kleiner Severus" – Gleich explodiert er, dachte Lucius mit diebischer Freude. – „so ausgesprochen dämlich war, sich dabei nicht zu schützen, hat er sich vermutlich mit Hepatitis infiziert. Ganz abgesehen von den niedlichen kleinen Krabbeltierchen, die wohl gerade zwischen seinen Beinen Sackhüpfen spielen."
Hraban kicherte, während Severus langsam dunkelrot wurde vor Scham und Wut.
Herrlich.
„Salazar, Lucius", gluckste Hraban, „du kannst so ein fieses altes Ekel sein ..."
„Willst du mich beleidigen?", fragte Lucius gespielt empört. „Also, alt muss ich mir energisch verbitten."
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Miguel lauschte den Frotzeleien der jungen Männer mit stetig steigender Angst. Formulierungen wie „Unterrichtsmaterial in Folterkunst" und „kleiner Gegenstand" trugen nicht gerade zu seiner Beruhigung bei.
Miguel begriff nicht wirklich, was während der letzten Stunden mit ihm geschehen war. War er tot gewesen? Aber das konnte doch nicht sein, oder? Schließlich lebte er noch ...
Und was wollten diese Typen von ihm? Wozu hatten sie ihn hergebracht? Als Spielzeug für den hakennasigen Jungen namens Severus, der in offenkundiger Wut neben seinem Bett stand und tödliche Blicke auf die andern beiden abschoss?
Komischer Name, Severus, dachte Miguel.
Severus und der Blonde – er durchkämmte seine löchrigen Erinnerungen an den vergangenen Tag, bis er auf den gleichfalls merkwürdigen Namen Lucius stieß – hatten gesagt, sie wollten ihn „hier" rausholen. Offensichtlich hatten sie das auch getan, aber ob der staubige, fensterlose Raum wirklich besser war als die feuchte Kerkerzelle? Zumindest sah es nicht so aus, als ob sie ihn freilassen wollten.
Erschöpft und resigniert schloss Miguel die Augen.
Warum haben sie mich nicht sterben lassen, verdammt noch mal?!
Wütende Schmerzen tobten in seinem Kopf, und auch sein Magen verkrampfte sich heftig in Reaktion auf das lange Ausbleiben von irgendetwas Essbarem. Zu allem Überfluss fühlte Miguel die widerlich vertrauten Stiche in seiner Haut, die bei ihm jeden kalten Heroinentzug begleiteten. Es war ohnehin ein Wunder, dass sein Körper so lange ohne die Droge durchgehalten hatte.
Vielleicht das Adrenalin, dachte Miguel. Oder der ganze Dreck, den sie mir zu trinken gegeben haben.
Was immer es gewesen sein mochte, das die Entzugserscheinungen bisher verhindert hatte, jetzt hatte es seine Wirkung verloren. Migräne, Magenkrämpfe, Muskelzittern – und dazu die lähmende, alles überlagernde Angst.
Es ist echt zum Kotzen.
Wie in Antwort auf seine Gedanken wurde er von einer Welle der Übelkeit überspült. Die Stiche wurden stärker.
Verdammte Scheiße.
Bei der nächsten Welle ließ der Schmerz ihn zischend die Luft einsaugen.
„Miguel?", flüsterte es neben ihm, und eine kühle Hand strich über seine Stirn. Er blinzelte gegen den Schmerz an und sah Severus über sich gebeugt.
„Hast du Schmerzen?"
Miguel biss die Zähne zusammen und nickte. Das reichte, um seinem Magen den Rest zu geben. Severus sprang zurück, als er unter heftigem Würgen Gallenflüssigkeit auf das Kissen erbrach.
„Hoppla!"
Eine andere Stimme – die des Fremden. Miguel fühlte sich an den Schultern gepackt und hochgezogen. Jemand stützte ihn, während er weiterkotzte. Die Übelkeit ließ nicht nach, auch dann nicht, als er längst nichts mehr hochwürgen konnte.
„Lucius, bring mir feuchte Tücher. Severus, mach den Dreck weg."
Sein Kinn wurde hochgehoben, etwas Nasses fuhr ihm über die Lippen.
„Versuch, ob du das schlucken kannst." Eine Hand zwang ihn, den Mund zu öffnen. Bittere Flüssigkeit tropfte auf seine Zunge. „Schlucken!", mahnte die Stimme. Miguel bemühte sich redlich, dem Befehl nachzukommen, und mit einigem Würgen gelang es ihm endlich.
Er wurde zurück auf die Kissen gebettet. Jemand fuhr ihm mit einem feuchten Tuch übers Gesicht. Langsam verebbte die Übelkeit, doch der stechende Schmerz wurde immer stärker.
„Geht's wieder?"
Unter Auferbietung aller Kräfte gelang es ihm, die Lider zu öffnen. Er blickte in ein Paar besorgter blauer Augen unter skeptisch zusammengezogen schwarzen Brauen.
Miguel schaffte es, ein winziges Nicken zu Stande zu bringen. „Turkey ...", krächzte er undeutlich.
„Was sagt er?!" Severus tauchte in seinem Gesichtsfeld auf, bleich vor Nervosität.
„Er hat Entzugserscheinungen", erklärte sein Helfer. Die blauen Augen sahen ihn forschend an, als wollten sie alle Geheimnisse seiner Seele ergründen. Dann wurde ihr Blick weicher. „Heroin?"
Miguel bestätigte mit einem schwachen Nicken. Die freundlichen Augen verschwanden. Stattdessen stand da Severus mit starrem Blick und zitternden Lippen.
Dann waren die blauen Augen zurück. Sie lächelten. „Keine Angst, das kriegen wir in den Griff." Abermals wurde sein Kopf angehoben. „Mach den Mund auf." Eine kühle, süßliche Flüssigkeit kroch über seine Zunge.
Miguel schloss die Lider wieder.
„Was hast du ihm da gerade gegeben?"
Lucius ...
„Grob gesagt, so etwas wie ein Heroinäquivalent. Es wird die Entzugserscheinungen abmildern. Aber das ist nur eine Notlösung. Er müsste einen richtigen Entzug machen. Dafür sollte er aber wesentlich kräftiger sein."
Miguel fühlte einen kühlen Luftzug über seine Haut streichen.
Haben sie mir die Decke weggezogen?
Dann wanderte ein irritierendes Kribbeln über seinen Körper. Zwischendurch glaubte er auch, Hände zu spüren, die ihn behutsam abtasteten, aber er war sich nicht sicher und zu erschöpft, um die Augen zu öffnen und seine Vermutung zu überprüfen. Endlich wurde es wieder wärmer. Diesmal fühlte er deutlich den Stoff der Decke über seinen nackten Körper gleiten.
„Er ist total unter- und mangelernährt. Außerdem hat er alle möglichen Krankheiten, die man selbst mit Magie und Zaubertränken nicht so eben mal heilen kann. Ich fürchte, das übersteigt meine Fähigkeiten. Ich werde seine Hepatitis behandeln und ihm ein allgemeines Stärkungsmittel geben, aber er braucht vor allen Dingen anständiges Essen – in seinem Fall wäre das eine spezielle Diät – und das Heroin muss raus aus seinem Körper."
Eine Hand strich über seinen Hals. Vorsichtig tastende Finger, die schließlich sacht zu klopfen begannen.
„Ich gebe ihm das Mittel gegen Hepatitis intravenös. – Nicht erschrecken", sagte die freundliche Stimme nah an seinem Ohr. „Das pikst ein bisschen."
Als ob ich ein Problem mit Nadeln hätte ..., dachte Miguel schläfrig.
Er spürte den Einstich kaum.
„Außerdem werde ich ..."
Den Rest hörte Miguel nicht mehr. Er war eingeschlafen.
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„Außerdem werde ich die Filzläuse eliminieren." In Hrabans Stimme hatte sich ein verdächtiges Glucksen eingeschlichen. „Bei euch beiden."
Severus wurde es unangenehm warm. Misstrauisch beobachtete er, wie Hraban den schlafenden Miguel erneut aufdeckte – er war immer noch unbekleidet – und den Zauberstab auf seinen Schritt richtete. „Evanesco Anoplura!"
„Es gibt einen Spruch gegen Filzläuse?", fragte Severus mit einem Gefühl irgendwo zwischen Ekel und Neugier.
„Klar", grinste Hraban. „Oder meinst du, das Problem wäre neu? – Jetzt bist du dran. Keine Angst, ich lass' wirklich nur die Viecher verschwinden. Der Rest bleibt dir erhalten."
Es war sterbenspeinlich – zumal Lucius es nicht für nötig hielt, den Blick abzuwenden, geschweige denn, den Raum zu verlassen –, aber wenigstens ging es schnell. Und hinterher war tatsächlich noch alles dran. Mit der bislang dunkelsten Rotschattierung des Tages im Gesicht zog Severus rasch seine Hosen wieder hoch.
Danach ließ Hraban den Stab über seinen Körper wandern. Nachdem er einige Diagnosezauber gesprochen hatte, begann der Heileranwärter in unerwartet professionellem Tonfall: „Du musst deine Bettwäsche desinfizieren und sämtliche Kleidungsstücke, die du seit dem Kontakt getragen hast."
Severus nickte hastig, immer noch schamrot.
„Was die Hepatitis angeht – du hast dich tatsächlich angesteckt –, werden wahrscheinlich vier bis sechs Injektionen nötig sein. Die erste Spritze gebe ich dir gleich, die anderen sollten im Abstand von jeweils zwei Tagen folgen."
Hraban sah Severus scharf an. „Und ich brauche dir hoffentlich nicht zu sagen, dass du die Finger von deinem Muggelchen lassen solltest, bis es wieder ganz gesund ist – nicht nur deshalb, weil du dich erneut anstecken könntest. Er ist zur Zeit schlicht zu schwach für solche Spielchen. – Das gilt natürlich nur, wenn dir was an ihm liegt. Aber ich nehme mal an, andernfalls hättet ihr mich gar nicht erst gerufen."
Severus verschluckte eine heftige Antwort.
Und ob mir was an ihm liegt!
Nur was genau, das hatte er noch nicht herausgefunden. War er wirklich in Miguel verliebt? In Miguel als Menschen? Er kannte ihn doch gar nicht. Vielleicht war es nur der Körper des Muggels, den er anziehend fand?
Hraban zog eine neue Spritze auf und setzte Severus die Injektion gegen Hepatitis.
„Ich werde noch eine Blutprobe von euch beiden nehmen, um sicher zu gehen, was eventuelle andere Krankheiten betrifft."
Hraban holte zwei weitere Spritzen aus seiner Tasche und nahm erst Severus, dann dem schlafenden Miguel einige Milliliter Blut ab.
„Außerdem stelle ich einen Diätplan für ... für den Muggel auf. Ich werde auch noch ein paar Tränke besorgen müssen. Ich bring' euch den Kram so bald wie möglich her – spätestens morgen früh. Aber ich weiß wirklich nicht, ob ich ihn wieder hinkriege. Nun ja, ich werde jedenfalls mein Möglichstes tun."
„Danke", sagte Severus leise.
Hraban nickte ernst. „Solltest du mich mal wieder töten müssen, wäre ich dir sehr verbunden, wenn du einen ähnlichen Trank wie beim letzten Mal wählen würdest."
Severus verschlug es für einen Moment die Sprache.
Dann brachte er mühsam hervor: „Es ... Hraban, es tut mir leid. Der Dunkle Lord" –
Hraban schüttelte abwehrend den Kopf. „Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Du sagst es selbst: der Dunkle Lord ... Er hat die Entscheidung getroffen und den Befehl gegeben. Das hat nichts mit dir und mir zu tun."
Sofort fühlte Severus sich besser. Außerdem sah er sich zu einer Frage ermutigt, die ihn seit jener Nacht immer wieder beschäftigt hatte: „Warst du ... warst du wirklich tot?"
„Ich ... bin mir nicht sicher", sagte Hraban nachdenklich. Da war ein Licht ... Aber ich hatte mich noch nicht vollständig von meinem Körper getrennt. Ich schätze, der Dunkle Lord hat mich von der Schwelle zurückgerissen, ehe ich sie überschreiten konnte."
Severus schluckte. „Du bist mir wirklich nicht böse?"
Abermals schüttelte Hraban den Kopf. „Befehl ist Befehl ...", erwiderte er. „Wir sind Soldaten. Wir tun, was man uns sagt."
Severus war sich nicht sicher, ob er diese Einstellung teilte, aber er war erleichtert, dass Hraban ihm offensichtlich nichts nachtrug.
„Danke", sagte Severus, und er meinte es ehrlich.
„Keine Ursache", entgegnete Hraban und gab ihm zum Abschied die Hand. Dabei lächelte er, und Severus spürte, wie ihm warm wurde.
Dann verabschiedeten Hraban und Lucius sich voneinander.
„Kein Wort zu niemandem!", hörte Severus Lucius sagen. „Besonders nicht zu meinem Vater."
„Sicher. Bis bald. – Auf Wiedersehen, Severus."
Sobald Hraban durch den Kamin verschwunden war, ließ Lucius sich in einen Sessel fallen – nicht, ohne vorher den Staub von den Polstern verschwinden zu lassen – und bedachte Severus mit einem langen, prüfenden Blick.
„Ich ... möchte dich um etwas bitten", brachte Lucius schließlich mit deutlichem Widerwillen hervor.
Bitten!, dachte Severus verblüfft. Ich hätt's nicht für möglich gehalten, dass er überhaupt in der Lage ist, das Wort ‚bitte' auszusprechen. – Es sei denn, Aemilius droht ihm, natürlich.
„Wir haben heute früh von meiner Lebensschuld dir gegenüber gesprochen. Es gibt zwei Arten, auf die eine solche Verpflichtung gelöst werden kann. Die erste und übliche ist, dass der Schuldner dem Gläubiger eines Tages ebenfalls das Leben rettet. Dann ist die Verpflichtung automatisch aufgehoben. Aber es gibt noch eine zweite, weniger bekannte und etwas aufwendiger zu praktizierende Methode. Sie besteht darin, dass der Schuldner einem anderen Menschen das Leben rettet, einem Menschen, an dem dem Gläubiger etwas liegt."
Severus sah unwillkürlich zu Miguel hinüber, der entspannt auf dem Rücken lag, den Mund leicht geöffnet, offensichtlich tief und friedlich schlafend.
„Ich habe deinem kleinen Muggel das Leben gerettet, Severus. Meinst du nicht, dass ich damit meine Schuld dir gegenüber abgetragen habe?", fragte Lucius leise.
Einer von Miguels Füßen schob sich unter der Bettdecke hervor, glitt über die Matratze, fand es offensichtlich zu kalt da draußen und trat den Rückzug an.
„Severus?"
Severus zuckte leicht zusammen. „Was?", fragte er geistesabwesend, ohne Lucius anzusehen.
„Wärst du bereit, meine Lebensschuld zu lösen?"
Oh.
Das war ein Thema, das vielleicht doch etwas mehr Aufmerksamkeit erforderte.
„Und ... was hätte das für Konsequenzen für mich?", erkundigte Severus sich vorsichtig.
„Für dich – eigentlich keine. Ich meine, wenn man die Sache realistisch betrachtet, ist es sowieso nicht sehr wahrscheinlich, dass ich gerade ausgerechnet dann zur Stelle sein werde, wenn du einen Lebensretter brauchst, oder?"
Klingt einleuchtend ... Aber Lucius tut das sicher nicht aus Selbstlosigkeit ...
„Wieso willst du die Verpflichtung unbedingt lösen? Ich meine, für dich bedeutet sie doch auch keine Einschränkung – höchstens, dass du mich nicht einfach umbringen kannst, wenn dir gerade mal wieder danach sein sollte", setzte Severus leicht ironisch hinzu.
Lucius grinste. „Korrekt."
„Ich glaube, wir hatten bereits festgestellt, dass du mich momentan nicht umbringen willst ... Also, warum ist es dir dann so wichtig, deine Schuld loszuwerden?"
Lucius' Grinsen wurde breiter. In seinen Augen funkelte es.
„Mein Ego, Severus. Es dreht sich hier schlicht und ergreifend um mein Ego. Ich hasse es, irgendjemandem zu irgendetwas verpflichtet zu sein. Und ich verabscheue es, in jemandes Schuld zu stehen."
Nachvollziehbar. Ginge mir genauso.
Severus sandte einen vorsichtig sondierenden Blick in die grauen Augen. Allzu versiert war er noch nicht in Legilimentik, aber in der Regel konnte er erkennen, wenn jemand versuchte, ihn anzulügen. Und das schien bei Lucius, dessen Talent für Okklumentik, wie Aemilius mehrfach missbilligend erwähnt hatte, gegen Null ging, nicht der Fall zu sein.
Wieder sah Severus zu Miguel hinüber. Das Gesicht des Schlafenden war ihnen zugekehrt. Ein paar schwarze Strähnen ringelten sich über die dunkle Haut. Als Miguel den Kopf bewegte, kitzelten sie ihn wohl an der Wange, denn er hob fahrig die Hand und wischte sie beiseite, ohne aufzuwachen.
Eigentlich sollte ich Lucius noch ein bisschen schmoren lassen – nur ihn und sein beleidigtes Ego ...
Aber Severus wusste: Ohne Lucius' Hilfe hätte Miguel jetzt nicht in einem weichen Bett gelegen und friedlich geschlafen. Er hätte in einer kalten, nachtschwarzen Zelle auf einem Strohsack gekauert, verängstigt und gepeinigt von den Schmerzen, die Severus ihm hätte zufügen müssen. Miguel wäre gefangen gewesen in einem Alptraum ohne Hoffnung auf Erwachen. Das Einzige, was ihn hätte befreien können, wäre ein von Severus ausgeführter Avada Kedavra, ein ebenfalls von ihm gebrautes tödliches Gift – beides stand auf seinem Stundenplan, wie er sehr wohl wusste – oder die Kapitulation seines eigenen ausgelaugten Körpers gewesen.
„Was muss ich machen, um die Schuld zu lösen?", fragte Severus entschlossen.
Lucius zog ein Pergament aus der Tasche. „Das ist der Spruch – eine Art Wechselgesang. Lies ihn dir gut durch. Am Besten wirkt es immer, wenn man Zauberformeln auswendig spricht."
„Ich weiß!", knurrte Severus – das war schließlich Stoff der ersten Klasse.
Aufmerksam studierte er die Worte, konnte aber nichts Verdächtiges an ihnen finden. Als er wieder aufsah, hatte Lucius ein Lederband und ein kleines Messer in der Hand.
„Meine rechte und deine linke Hand werden zu Beginn des Rituals aneinandergefesselt", erklärte Lucius. „Deine linke, weil sie dem Herzen näher ist, meine rechte, weil ich Rechtshänder bin und dich im Fall der Fälle vermutlich mit ihrer Hilfe retten würde. Wir sagen gemeinsam – beziehungsweise abwechselnd – den Spruch, und du schneidest anschließend das Band durch. Damit ist die Schuld gelöst."
Severus nickte. „Ich fessele unsere Hände?", vermutete er.
„Ja. Es war deine Tat, die uns verbunden hat."
Lucius gab ihm das Band und streckte die rechte Hand aus. Severus zögerte kurz, ehe er sie ergriff und die dünne Fessel ums Handgelenk wand. Irgendwie gefiel es ihm zu sehr, Lucius zu berühren, und so ließ er ihn so rasch wie möglich wieder los. Dann knüpfte er das andere Ende des Bandes um sein eigenes Handgelenk.
„Gut so?"
Lucius nickte. „Bist du bereit?"
Severus machte eine bestätigende Geste und Lucius begann, den Spruch mit ruhiger, gleichmäßiger Stimme zu intonieren.
„Mein Leben war in deiner Hand."
„Ich gab es dir zurück – du stehst in meiner Schuld", entgegnete Severus.
„Ich brachte dir ein andres Leben dar."
„Das hat die Schuld getilgt. Ich geb' dich frei." Severus zog das Messer und durchtrennte das Lederband. „Die Schuld ist gelöst."
„Die Schuld ist gelöst", wiederholte Lucius. Auf seinen Lippen lag ein fast unanständig zufriedenes Lächeln.
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Severus sah auf den schlafenden Miguel hinab. Lucius hatte sie alleine gelassen – mit der in ironischem Ton vorgebrachten Bemerkung, auch er müsse gelegentlich arbeiten oder schlafen. Miguels Atem ging jetzt flach und unruhig, immer wieder warf er sich im Bett herum und murmelte im Schlaf vor sich hin.
Da waren sie wieder, die Dinge, die Severus so sehr faszinierten: die schwarzen Locken, die bleistiftdünnen, geschwungenen Augenbrauen, die weichen, blutig gebissenen Lippen ...
Verzaubert streckte er die Hand aus. Seine Fingerspitzen berührten die bronzene Haut, fuhren die scharfen Linien des hageren Gesichtes nach. Miguel seufzte leise und kuschelte seine Wange in die kosende Hand. Gleichzeitig wurden seine Atemzüge tiefer und ruhiger.
Eine eigentümliche Wärme breitete sich in Severus aus. Unentwegt sah er auf die magere Gestalt, die sich unter der Decke abzeichnete. Er hob nun auch die zweite Hand, um die Konturen dieses faszinierenden Körpers nachzuzeichnen. Er merkte nicht, wie sich ein leises Lächeln auf seine Lippen stahl, während er immer mehr aufging in dem, was seine Hände taten, die Welt zusammenschrumpfte auf das Gefühl, zu berühren, zu streicheln, zu liebkosen.
Schließlich stand er auf, berauscht und benommen.
‚Und ich brauche dir hoffentlich nicht zu sagen, dass du die Finger von deinem Muggelchen lassen solltest, bis es wieder ganz gesund ist ...'
Aber das bezog sich doch sicher nur auf den Austausch von Körperflüssigkeiten, oder?
Severus begann, sich auszuziehen – Schuhe, Strümpfe, Robe, Hemd. Bei der Unterwäsche stockte er kurz, doch dann legte er sie achselzuckend zu den anderen Kleidungsstücken auf den Stuhl.
Nackt schlüpfte er zu Miguel unter die Decke. Severus legte einen Arm um Miguel und kuschelte sich an seinen Rücken. Lange lag er einfach nur da, lauschte dem Atem des anderen, sog seinen Geruch ein, spürte seine Wärme.
Endlich begann er, Miguel sacht zu streicheln, behutsam seinen nackten Körper zu erkunden. Der junge Mann war so dünn, dass er jeden Knochen deutlich spüren konnte. Seine Haut war rissig und rau, und immer wieder stießen Severus' forschende Finger auf Narben aller Art. Dennoch fand er seine Entdeckungsreise absolut faszinierend. Er war unendlich vorsichtig dabei, um Miguel nicht aufzuschrecken oder ihm gar wehzutun.
Offensichtlich war er sanft genug – manchmal seufzte Miguel, gelegentlich murmelte er etwas in sich hinein, aber er wachte nicht auf.
Schließlich siegte Severus' Müdigkeit über seine Neugier. Er schlief ein.
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