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Schattenprinz

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Kapitel 14

Lebensnaher Unterricht

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„Das wird heute eine ausgesprochene Praxiseinheit", verkündete Rodolphus Lestrange vergnügt, während er sich noch einmal aus der Kaffeekanne bediente. „Tarnen, Täuschen, Taktik und Abstimmung in der Gruppe ... lebensnaher Unterricht, sozusagen."

Severus blinzelte verschlafen. Hraban hatte ihn um halb sieben geweckt, als er in ihr Versteck gekommen war, um die versprochenen Heiltränke abzuliefern und einen raschen Blick auf seinen Patienten zu werfen. Nur ihm war es zu verdanken, dass Severus nach einer eiligen Dusche gerade noch rechtzeitig zum gemeinsamen Frühstück gekommen war.

Der Heileranwärter hatte ihn einer ziemlich peinlichen Befragung unterzogen, um sicherzugehen, dass er wirklich nur neben Miguel geschlafen hatte, aber es war immer noch besser gewesen, als von Lucius ertappt zu werden.

Miguel hatte in so tiefem Schlaf gelegen, dass er noch nicht einmal richtig aufgewacht war, als Hraban ihm die Decke weggezogen und ihn auf den Rücken gedreht hatte, um ihm ein paar Tropfen des Heroinsubstitutes auf die Zunge zu träufeln. Nachdem er mit leichtem Stirnrunzeln seine Medizin geschluckt hatte, hatte Miguel sich mit einem vernehmlichen Protestgrunzen auf die Seite gerollt und mit geschlossenen Augen nach der Decke zu tasten begonnen. Hraban hatte ihn grinsend wieder zugedeckt und verkündet, dass es wohl das Beste wäre, ihn einfach weiterschlafen zu lassen, bis er von selbst aufwachte.

Dann hatte Hraban Severus durch den Kamin gescheucht, damit dieser noch Zeit genug hatte, sich zu duschen und ordentlich anzuziehen und kein Verdacht aufkam. Hraban selbst war zunächst in ihrem Versteck geblieben war, um dort auf Lucius zu warten, hatte sich aber pünktlich zum Frühstück im Haus eingefunden.

Nun saß Severus mit einer unüblich großen Gruppe im Speisezimmer und rührte ohne Appetit in seinen Cornflakes herum. Der Gedanke an Miguel machte ihn ausgesprochen nervös, und dass Lucius während seines Unterrichts die Krankenwache übernehmen sollte, trug nicht gerade zu seiner Beruhigung bei. Er konnte nur hoffen, dass Miguel nicht aufwachen würde, bevor er selbst oder zumindest Hraban wieder bei ihm waren.

Und dann war da ja auch noch die Sache mit Aemilius. Mehr als alles andere fürchtete Severus den Moment, in dem er seinem Lehrer würde gegenübertreten müssen, als sei nichts geschehen.

„Du kannst stolz sein, dass du in unserer Einheit bist, Severus." Rabastan zupfte seine Todesserrobe zurecht. „Wir sind die Besten. Mit Aemilius als Anführer ... Und dazu haben wir noch Avery dabei, unsern unübertroffenen" –

„Ach, halt die Klappe, Rabastan", grinste Avery. „Lob' lieber Hraban und Severus, unsere talentierten Nachwuchs-Todesser."

Die Männer lachten. Hraban lächelte zu Severus hinüber, der verlegen den Blick abwandte.

Aemilius betrat den Raum. Er hatte einen Stapel verzauberter Spiegel dabei, durch die man auf weite Distanzen kommunizieren konnte, und verteilte sie an alle Mitglieder seiner Einheit. Als er Severus erreichte, hatte dieser das Gefühl, sein Schuldgefühl müsste Aemilius geradezu anspringen, so offensichtlich schien es ihm auf sein Gesicht geschrieben, in seine Augen gebrannt zu sein. Doch sein Lehrer lächelte ihm nur freundlich zu, drückte ihm einen Spiegel in die Hand und ging dann weiter zu Hraban.

„Alle fertig?", fragte Aemilius schließlich gut gelaunt. „Dann auf ins Grüne."

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Es war spannend, keine Frage. Unter Rabastans Anleitung lernte Severus, sich nahezu lautlos und unsichtbar durch den Wald zu bewegen, sich mit Hilfe von Unhörbarkeits- und Desillusionierungszaubern vollkommen an seine Umgebung anzupassen. Aber er übte auch, das Gleiche ohne Magie zu erreichen, denn diese war von anderen Zauberern zu orten und konnte ausgesprochen verräterisch wirken.

Während Severus sich bemühte, kein verdächtiges Geräusch zu verursachen und wie ein Chamäleon mit dem jeweils aktuellen Hintergrund zu verschmelzen, musste er zusätzlich nach Hraban und Rodolphus Ausschau halten, die irgendwo in der Nähe dasselbe Spiel trieben – und sich vor Aemilius und Avery in Acht nehmen, die jederzeit aus dem Nichts auftauchen und sie angreifen konnten.

„Ich glaube, da ist wer", hauchte Severus, berührte Rabastan leicht am Arm und lenkte so seine Aufmerksamkeit auf ein dichtes Brombeergestrüpp etwa fünfzehn Meter zu ihrer Linken.

Sorgfältig die Deckung mehrerer großer Felsbrocken nutzend, pirschten er und sein Lehrer sich näher an das Gebüsch heran.

„Psst", zischte es plötzlich hinter ihnen.

Severus wirbelte herum. Rodolphus und Hraban, beide wie sie selbst fast unsichtbar durch einen Desillusionierungszauber.

„Was haltet ihr davon, wenn wir uns verbünden und uns gemeinsam über Aemilius und Avery hermachen?" Das unterdrückte Lachen in Rodolphus' Stimme war nicht zu überhören.

„Ist das nicht gegen die Regeln?", fragte Severus unsicher.

„Ach was, Regeln", brummte Rabastan. „Wer interessiert sich hier für Regeln."

„Also, wenn wir vier hier sind, dann müssten das im Brombeergebüsch Aemilius und Avery sein", stellte Severus fest.

„Also, ich stecke bestimmt nicht zwischen den Dornen", raunte Avery neben ihm. Alle zuckten heftig zusammen. Der Heiler hob den Desillusionierungszauber auf, mit dem er sich vor ihren Augen verborgen hatte. „Und Aemilius war eben noch hinter mir."

„Korrekt", ertönte Aemilius' körperloses Flüstern hinter einem der Felsbrocken.

„Aber – wer steckt dann –." Hraban brach mit einem überraschten Schrei ab, als plötzlich mehrere grelle Lichtblitze auf sie zu schossen.

„Kopf runter!", brüllte Rabastan, und zur Sicherheit packte er Severus bei den Schultern und warf ihn zu Boden. Er prellte sich empfindlich die Hüfte und gab ein halb erschrockenes, halb ärgerliches Grunzen von sich. Doch sofort war er wieder in Hab-Acht-Stellung, jetzt gedeckt durch einen moosbewachsenen Felsen, den Zauberstab in Richtung der Angreifer erhoben.

„Wie viele sind es?", zischte Rodolphus.

„Wo ist Aemilius?", fragte Hraban im selben Moment.

Sie sahen sich hektisch nach allen Seiten um. Severus' Blick huschte über ihre Gruppe, über Jim Avery, die Lestrange-Brüder und Hraban, die ebenso wie er selbst wieder vollkommen sichtbar waren – sie befanden sich in Deckung und hätten bei Verwendung von Desillusionierungszaubern nur riskiert, sich gegenseitig mit ihren Flüchen zu treffen –, dann weiter, über Baumstämme und Felsbrocken, doch nirgends konnte er eine Spur von Aemilius entdecken.

„Scheiße!", knurrte Rabastan. „Wie kann er so plötzlich verschwunden sein? Er hat immerhin die Leitung dieser Aktion!"

„Vielleicht ist er disappariert?", fragte Hraban hoffnungsvoll. „Um ihnen in den Rücken zu fallen?"

„Ohne das mit uns abzusprechen? Bestimmt nicht." Avery zog einen der verzauberten Spiegel hervor. „Aemilius? Kannst du mich hören?"

Die anderen Todesser drängten sich gespannt um ihn. Ein Zittern lief über die Oberfläche des Spiegels, dann erschien ein Gesicht. Aber es war nicht das von Aemilius Malfoy.

„Wünsche einen schönen guten Abend, die Herren", brummte eine spöttische Stimme. Durchdringende Augen musterten sie unter einer wilden Mähne schwarzen Haars, in das sich schon einige graue Strähnen mischten. Das Gesicht des Mannes war von zwei langen Narben verunstaltet.

„Moody!", grollte Rodolphus über Averys Schulter hinweg.

„Sehr richtig", kommentierte der Auror. „In Person – aber nicht alleine. Und ich glaube, wir haben da eben etwas im Wald gefunden, das euch gehört." Sein triumphierendes Grinsen verschwand aus dem Bild. Verschwommen huschten Waldboden, Wurzeln und Brombeergestrüpp über den Spiegel. Dann zeigte er ihnen eine zusammengekrümmte Gestalt, gehüllt in einen zerrissenen Umhang, das bleiche und jetzt maskenlose Gesicht blutverschmiert.

Aemilius. Offensichtlich verletzt und bewusstlos. Severus biss sich auf die Lippen.

„Was machen wir denn jetzt?", drängte Hraban nervös.

„Halt die Klappe!", fauchte Rodolphus und tippte über Averys Schulter hinweg den Spiegel mit seinem Zauberstab an. Das Bild verschwand. „Wir müssen" –

Krach!

Sie wirbelten herum, gerade noch rechtzeitig, um die ersten Flüche der hinter ihnen apparierten Auroren abzuwehren. Severus war so überrumpelt, dass er völlig automatisch handelte, aber er kämpfte deswegen nicht weniger effektiv. Jetzt zahlten sich die drei Wochen Duellierunterricht bei Lucius aus. Mit dem ersten Fluch lenkte Severus den Stupor eines der Angreifer ab, mit dem zweiten traf er den Auror mitten in die Brust. Severus hatte den Cruciatus angewandt, das Erste, was ihm in den Sinn gekommen war, und sein Gegner, ein hagerer blonder Mann von vielleicht achtzehn Jahren, ging heulend vor Schmerz zu Boden.

In der kurzen Atempause, die ihm dadurch entstand, versuchte Severus, sich einen Überblick über ihre Lage zu verschaffen. Die drei Auroren, die ihnen in den Rücken gefallen waren, hatten mittlerweile Verstärkung von allen Seiten bekommen. Insgesamt hatten die fünf Todesser es mit sieben Angreifern zu tun. Zwei der Auroren lagen allerdings bereits am Boden und rührten sich nicht mehr, und mit einem geflüsterten Stupor! schickte Severus auch seinen eigenen Gegner, der sich eben vom Cruciatus erholte und wieder auf die Beine zu kommen versuchte, in die Bewusstlosigkeit.

Ziemliche Stümper, diese Auroreneinheit, dachte Severus voll Verachtung.

Soweit er das in der Hektik erkennen konnte, schienen die meisten ihrer Angreifer noch recht jung zu sein. Doch trotz ihrer vermutlichen Unerfahrenheit hatten sie Hraban sofort als Schwächsten der Gruppe ausgemacht und es war ihnen gelungen, ihn mit der ersten Fluchwelle auszuschalten.

Rodolphus und Rabastan duellierten sich in der Hauptsache verbissenen mit Moody und schleuderten nur gelegentlich einen Fluch auf die beiden jungen Männer, die sie ebenfalls angegriffen hatten, aber mit ihren Zaubern nicht einmal die magischen Schutzschilde der Brüder durchdringen konnten. Ein paar Meter weiter hielt Avery mit lässiger Eleganz eine drahtige rothaarige Frau in Schach.

„Rückzug!", rief Moody plötzlich mit schwankender Stimme, und die vier, die noch standen, ebenso wie einer von denen, die Severus für tot oder ohnmächtig gehalten hatte, disapparierten vom Kampfplatz.

Sofort zog Avery einen weiten Bannkreis um ihre Stellung, der sie rechtzeitig vor jeder weiteren Annäherung warnen würde. „Idiotisch, dass ich daran nicht früher gedacht habe", keuchte er.

Rodolphus schüttelte den Kopf. „Zu sehr ... mit Aemilius beschäftigt...", stieß er hervor, während er beide Hände auf den Unterleib gepresst hielt. „Kann vorkommen ..." Zwischen seinen Fingern quoll Blut hervor, was Avery in seiner Aufregung jedoch nicht zu bemerken schien.

„Okay", schnaufte der Heiler. „Verluste? Verletzungen?"

Severus kniete sich neben Hraban und fühlte seinen Puls. „Nur bewusstlos." Er ließ seinen Zauberstab über die schlanke Gestalt gleiten. „Keine inneren Blutungen, keine gebrochenen Knochen."

„Und du?", fragte Avery.

„Nichts. Alles okay."

„Gut. Rodolphus? Wie sieht's mit dir aus?"

„Der Mistkerl hat mich mit einem Gladius-Zauber erwischt. Schätze, er hat ein paar wichtige Organe getroffen, aber Rabastan hat das Schlimmste" –

„Bist du verrückt?!", fauchte Avery und eilte an Rodolphus' Seite. „Das muss behandelt werden, und zwar professionell." Er winkte seinen Koffer herbei. „Hinlegen."

Rodolphus brummte einen undeutlichen Protest.

„Sofort!"

Immer noch grummelnd ließ der Verletzte sich ins Moos sinken.

„Du bist so widerwärtig leichtsinnig, was deine eigene Gesundheit betrifft", kommentierte Avery in ätzendem Ton, der seine Besorgnis nur mühsam kaschierte. „Es lohnt kaum, dich zusammenzuflicken. Fünf Minuten später muss man ja schon wieder ran."

Rodolphus lachte, was bei seinen Verletzungen offensichtlich keine gute Idee war, denn sofort verzog er das Gesicht zur Grimasse. „Scheiße, Bruderherz, dein Schmerzstillzauber scheint schon nachzulassen."

„Was ist mit dir, Rabastan?", fragte Avery, während er einige Tropfen einer blau schillernden Flüssigkeit über Rodolphus' böse aussehende Wunde verteilte.

„Nichts Ernsthaftes. Nur'n paar Kratzer."

„Ich werd's mir trotzdem gleich ansehen", erwiderte der Heiler.

Dann führte er seinen Zauberstab mehrmals über Rodolphus' Unterleib hin und her und murmelte dabei einige Heilzauber. „Gut", sagte er schließlich.

Rodolphus wollte sofort wieder aufspringen.

„Stopp! Du bleibst liegen, solange es die Umstände zulassen."

„Aber" –

„Ich diskutiere nicht mit dir! Aemilius ist gefangengenommen worden, damit fällt mir das Kommando zu. – Was ist mit denen?", fragte er Severus, der sich inzwischen den beiden reglosen Auroren zugewandt hatte.

„Meiner ist bloß bewusstlos", stellte Severus fest. „Der andere ..." Er ließ irritiert den Zauberstab über die verkrümmte Gestalt gleiten. „Das ist irgendwie komisch. In ihm ist immer noch Magie am Werk, und" –

„Neue Erfindung von Dolohow", verkündete Rabastan fröhlich vom Boden aus, während Avery einige tiefe Schnittwunden in seinen Beinen heilte. „Er nennt das Ding Ornamentum-Zauber."

Ornamentum? Schmuck? Wieso?", erkundigte sich Severus neugierig.

„Oh, er stattet den menschlichen Körper mit einigen zusätzlichen Elementen aus, die allerdings" –

„Rabastan!" Avery sprang auf und hastete zu Severus und den Auroren hinüber. „Spinnst du?! Jeder Gefangene ist wichtig für den Dunklen Lord!"

„Na ja, also sterben wird er wohl nicht dran ..."

Finite incantatem!"

Nervös untersuchte Avery den Bewusstlosen. „Bei Salazar, Rabastan, ihr seid wirklich krank", stellte er bitter fest. „Kannst du mir mal erklären, warum du so einen Schwachsinn ohne Befehl anwendest?"

„Befehle sind nicht alles im Leben, Jim. Ab und zu muss man auch seinen Spaß haben."

„Spaß nennst du das? Spaß?! Ich habe keine Ahnung, was in dem Typen vor sich geht, aber es scheint etwas höchst Beunruhigendes zu sein, gemessen an Puls- und Herzfrequenz. Ich bin mir nicht sicher, ob ich diesen Mist rechtzeitig stoppen konnte, und wenn ich deinetwegen" –

„Was war das?!", unterbrach ihn Severus alarmiert. Er hatte ein verdächtiges Prickeln in der Luft gespürt.

„Sie haben einen Disapparierschutz gelegt!", rief Rabastan fassungslos. „Aber das waren doch noch Grünschnäbel, irgendein Ausbildungstrupp, wie können die in der Lage sein –. Was machst du da, Jim?!"

Avery hatte die Augen geschlossen und den Zauberstab gen Himmel gerichtet. Seine Lippen bewegten sich unablässig. Für einen Moment unterbrach er seine lautlose Litanei. „Los, kommt, wir speisen unsere Magie in den Disapparierschutz ein."

„Was? Bist du verrückt?!", bellte Rodolphus. „Willst du uns hier einsperren?"

„Wir ziehen einen Ring um unsere beiden Gruppen! Sie können sich nicht abschließen, wenn sie verhindern wollen, dass wir disapparieren. Das heißt, auch sie werden sich schwächen müssen, um den Disapparierschutz aufrechtzuerhalten. Wir machen das Ganze dicht, so dass keiner mehr rauskommt, weder mit Magie noch zu Fuß. Dann sitzen wir alle hier fest. Und anschließend wird verhandelt. Ich will Aemilius zurück."

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Severus hielt den Kopf des jungen Aurors – seines Aurors, des ersten Menschen, den er in einem ernstgemeinten Kampf besiegt hatte, einmal abgesehen von Lucius Malfoy – und Avery versuchte, dessen fest zusammengebissene Zähne aufzuzwängen, um ihm eine Portion Veritaserum einzuflößen.

Rodolphus stand daneben und amüsierte sich prächtig. „Herrjeh, Avery, brich ihm doch einfach den Kiefer", schlug er grinsend vor. „Ist die effizienteste Methode, die ich kenne."

Avery verdrehte die Augen. „Zu dumm nur, dass ein gebrochener Kiefer ihn am Sprechen hindern könnte."

„Na, wozu bist du Heiler ... Du kannst ihn doch anschließend wieder zusammenflicken."

Avery seufzte und richtete seinen Zauberstab auf den Unterkiefer des Aurors. „Omitteo."

Der Mund des Gefangenen klappte auf. Ebenso der von Severus.

„Hast du tatsächlich –?!"

„Natürlich nicht!", fauchte Avery verärgert. „Ich bin Heiler, verdammt noch mal, auch wenn die ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes hier immer wieder in Vergessenheit zu geraten scheint. Ich halte nichts von unnötigen Grausamkeiten." Er tröpfelte das Veritaserum auf die Zunge seines „Patienten" und strich ihm sacht über die Kehle, um den Schluckreflex auszulösen. „Warum sollte ich jemanden quälen, wenn ich das gleiche Ergebnis mit wesentlich weniger Aufwand durch Magie oder Zaubertränke erreichen kann?"

„Weil Foltern mehr Spaß macht?", schlug Rodolphus grinsend vor.

Diesmal enthielt Avery sich jeglichen Kommentars.

„Am Liebsten wär's mir ja, wenn Aemilius die beiden verhören könnte. Er hat einfach die meiste Erfahrung", sagte der Heiler. „Oder wenn wir unsere Gefangenen mit ins Hauptquartier nehmen könnten. Aber da wir hier festsitzen und sie hoffentlich bald gegen Aemilius austauschen werden ..."

Das Verhör der beiden jungen Männer dauerte kaum zehn Minuten. Wie sie bereits vermutet hatten, handelte es sich bei der Gruppe um Auroren in Ausbildung, die unter Leitung von Moody einen Übungseinsatz in diesem Wald gehabt hatten und aus reinem Zufall mit ihnen zusammengestoßen waren.

„Dämlicher Zufall", knurrte Rabastan. Er und Severus wohnten der Befragung bei, während Rodolphus und der von Avery aus der Bewusstlosigkeit geholte Hraban Wache standen.

Viel war nicht zu erfahren von den Gefangenen. In irgendwelche Geheimnisse waren sie natürlich nicht eingeweiht, wo sie noch nicht einmal ihre endgültige Zulassung als Auroren hatten. Schließlich winkte Avery seufzend seine selbstschreibende Feder und den Pergamentbogen zu sich und verstaute beides in der Tasche.

„So. Jetzt wird's ernst", stellte er grimmig fest.

Er zauberte sich eine weiße Fahne, trat ein Stück aus der Deckung und rief in Richtung der Auroren-Stellung: „Moody, hörst du mich?!"

„Klar und deutlich, Todesser. Was willst du?" Moodys Stimme klang seltsam brüchig und rau.

„Verhandeln. Wir schlagen einen Gefangenenaustausch vor. Eure beiden Jungs gegen unseren Mann."

„Euer Mann ist zufällig Aemilius Malfoy, eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der europäischen Zauberergesellschaft. Falls der tatsächlich ein Todesser sein sollte ..." Ein heftiger Hustenanfall ließ Moody vorübergehend verstummen. „Falls der tatsächlich ein Todesser sein sollte", fuhr er mit angestrengter Stimme fort, „wovon ich überzeugt bin, wird es mir eine Freude sein, ihn dem Zauberergamot zu übergeben. Sollte er unter dem Imperius stehen, wovon das Ministerium wohl leider ausgehen wird ..." Wieder ein gequältes und lang andauerndes Husten. Als Moody weitersprach, wurden seine Worte von einem ungesund klingenden Pfeifgeräusch begleitet. „Also, in dem Fall müssen wir ihn selbstverständlich vor euch retten. Kurz gesagt, die Antwort lautet Nein."

„Das tut mir sehr leid, Moody!", rief Avery zurück, und Severus war klar, dass er es aufrichtig meinte. „Vor allem für eure beiden Jungs hier."

„Komm schon, Mann, du bluffst doch nur. Das sind doch noch Kinder ...", keuchte Moody mühsam. „Du klingst mir eigentlich nicht wie einer, der Spaß dran hat, Kinder zu quälen."

Avery schwieg sekundenlang. „Man kann nicht immer so, wie man möchte, Moody", sagte er schließlich gedämpft.

„Oh doch, Todesser, das kann man. Man hat immer eine Wahl. Jeder ..." Seine letzten Worte gingen in einem erneuten Hustenanfall unter.

„Das klingt ja rührend, Moody! Verdammt nobel, Arschloch!", brüllte Rodolphus plötzlich aus dem Hintergrund. „Frag deine Helden hier doch mal, ob sie bereit sind, sich Stück für Stück auseinanderschneiden zu lassen für die ‚gute Sache' – denn das ist es, was ich mit ihnen machen werde, wenn du nicht nachgibst, du Scheißkerl!"

Severus, der zusammen mit Rabastan die beiden Gefangenen bewachte, sah, wie die jungen Männer noch eine Schattierung bleicher wurden.

„Der droht doch nur, oder?", flüsterte der eine der beiden, Severus' Auror, ein hagerer, drahtiger Typ mit aschblondem Haar und blassblauen Augen. Der zweite, kräftiger, schwarzhaarig und dunkeläugig, zuckte kaum merklich mit den Schultern und warf ihren Wächtern einen nervösen Blick zu.

„Mein Bruder untertreibt gern ein bisschen", kommentierte Rabastan mit einem liebenswürdigen Lächeln. „Es wird noch viel schlimmer, als ihr's euch in euren hässlichsten Alpträumen vorstellen könnt."

„Hör auf, Rabastan", bat Severus, als er sah, wie die beiden Gefangenen regelrecht grau im Gesicht wurden. „Es bringt doch nichts, wenn du ihnen Angst machst. Wir müssen Moody überzeugen, nicht" –

„Du bist zu weich, Kleiner!", knurrte Rabastan ihn an. „Klar ist Moody unser Verhandlungspartner, aber ich kenne den Kerl, der gibt nicht so leicht nach. Dem müssen wir schon eine anständige Schau liefern, wenn wir Aemilius zurückhaben wollen. Und je lauter die beiden hier brüllen und heulen werden, umso eher wird er in den Austausch einwilligen. – Was meint ihr dazu, meine zwei Hübschen, hm?"

Er stieß den Blonden, der ihm am nächsten saß, mit der Stiefelspitze in die Seite. Der junge Mann zuckte erschrocken zusammen und starrte zu Rabastan hoch. Doch es war nicht er, der antwortete, sondern sein Kamerad.

„Ich glaub' nicht, dass es ... dass es nötig sein wird, uns zu foltern", brachte er mit schwacher Stimme hervor. „Alastor wird bestimmt nachgeben. Der ... der lässt uns nicht im Stich."

„Na, ich an deiner Stelle wäre mir da nicht so sicher", antwortete Rabastan grinsend. „Ich kenne Moody schon etwas länger, weißt du? Und egal, ob er nachgibt oder nicht: Ich halte es in jedem Fall für sehr sinnvoll, euch zu foltern. Schließlich wart ihr so dämlich, euch für eine Auroren-Ausbildung zu entscheiden. Und soviel Dummheit darf nicht ungestraft bleiben."

Rabastans Gesicht nahm einen seltsam lüsternen Ausdruck an, als er seinen Blick über die beiden Gefangenen gleiten ließ. „Ich bin sicher, wir werden viel Spaß miteinander haben – auf die eine oder andere Weise."

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