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Schattenprinz

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Warnung: Dies ist eines der Kapitel, denen die Geschichte ihr Rating verdankt.

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Kapitel 15

Tortur

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Während Rabastan und Severus sich mit den Gefangenen unterhalten hatten, war der Wortwechsel zwischen Avery und Moody weitergegangen, aber offensichtlich ergebnislos geblieben.

„Okay, Moody, wie du willst!", rief Avery gerade. Eine Sekunde später schoss ein roter Lichtblitz auf ihn zu, der ihn nur um wenige Zentimeter verfehlte. „Dreckskerl!", fluchte der Todesser, während er sich mit einem Hechtsprung hinter dem nächsten Felsen in Sicherheit brachte.

Avery rappelte sich auf und klopfte seine Robe ab. Dann trat er zu Severus und Rabastan. Avery warf einen bedauernden Blick auf die Gefangenen. „Tut mir leid. Ehrlich."

Er musterte die beiden einen Moment lang, dann kniete er sich vor dem Blonden ins Moos und löste dessen Fesseln. „Wie heißt du?", fragte er leise.

„Joris", erwiderte der Angesprochene heiser.

„Joris, steh auf. – Du kommst mit", befahl Avery an Rabastan gewandt.

Dann drehte Avery sich zu Severus um. „Und du bleibst bei – ?" Er sah den zweiten Gefangenen fragend an.

„Ruben", flüsterte der.

„Bei Ruben also."

Rabastan und Avery zogen den zitternden Joris auf die Füße und führten ihn ein Stück weiter in Richtung der Auroren-Stellung, achteten dabei aber sorgfältig darauf, in Deckung zu bleiben.

„Wie alt bist du?", wollte Avery von seinem Opfer wissen.

„Achtzehn", antwortete Joris. Seine Stimme bebte, und sein Gesicht hatte die Farbe kalter Asche.

„Okay, Moody", rief Avery zu den Auroren herüber, „neben mir steht jetzt Joris. Du weißt vielleicht, dass Joris erst achtzehn ist, ja? Ich bin sicher, er hat keine Lust, heute zu sterben, und schon gar nicht auf so extrem unappetitliche Weise. – Joris, hast du deinem Vorgesetzten vielleicht was zu sagen?"

Er gab dem jungen Mann einen aufmunternden Schubs. „Na los, das ist deine letzte Chance."

„Alastor?!", schrie Joris heiser. „Alastor, verdammt, hol mich hier raus, ja?!" Seine Stimme kippte. „Mich und Ruben. Ist doch scheißegal, ob ihr Malfoy habt oder nicht, der wird doch eh nie verurteilt. – Verflucht, sag doch was, Moody! Godo? Marty?"

Es blieb vollkommen still.

„Wo seid ihr, ihr verdammten Wichser?!" Joris' Stimme wurde schrill. „Ihr könnt uns doch nicht hier krepieren lassen! Nicht so ..."

„Okay, Moody", rief Avery schließlich, als nach einer Minute immer noch keine Antwort gekommen war. „Das, was jetzt hier geschehen wird, liegt allein in deiner Verantwortung, verstanden? Ich habe dir ein faires Angebot gemacht: zwei von deinen Leuten gegen einen von unseren. Ich will das hier nicht, klar?! Dir scheint ja nicht viel an den Jungen zu liegen – aber du wirst sie trotzdem zurückkriegen. Und zwar Körperteil für Körperteil."

Severus hörte ein Würgen und sah rasch auf Ruben herunter. Der junge Auror erbrach sich zitternd, besudelte dabei seine Kleidung. Severus wartete, bis er fertig war, dann ließ er das Erbrochene verschwinden, ehe ihm ebenfalls schlecht wurde.

„Wie alt bist du?", fragte er aus einem Impuls heraus.

Ruben starrte zu ihm hoch. „Neunzehn." Pause. „Ich hatte gestern Geburtstag", setzte er dann hinzu.

„Scheiß Geburtstagsgeschenk", stellte Severus sachlich fest.

„Ja, kann man wohl sagen." Ruben grinste zittrig. „Wie heißt du?", fragte er zaghaft.

„Ist das wichtig?"

Der Auror öffnete den Mund zu einer Antwort, doch da ertönte der erste Schrei.

„Scheiße ...", flüsterte Ruben und starrte wie von einer unheimlichen Macht gezwungen zu Joris, Avery und Rabastan hinüber.

Joris kniete am Boden und wand sich unter dem Griff Rabastans, der seinen linken Arm umklammert hielt. Avery brachte etwas Kleines zum Schweben und schickte es mit einem Zauber in Richtung Aurorenlager.

Das, Moody, war Joris' linker kleiner Finger. Zur Erinnerung: Er hat, wie die meisten Menschen, zehn Finger, zehn Zehen, zwei Hände, zwei Füße, und so weiter, und wenn du sturer Bock nicht nachgibst, dann werden wir ihm eins nach dem anderen abhacken, verstanden?!"

Keine Antwort.

„Dieser Scheißkerl!", heulte Joris plötzlich auf. „Dieser verdammte Arsch ..."

Avery beugte sich wieder über ihn, und der Auror verstummte abrupt. Sekunden später hallte ein zweiter gellender Schrei über die Lichtung.

Severus wurde es plötzlich kalt.

„Oh, verflucht, verflucht noch mal", stammelte Ruben zu seinen Füßen. Er hob die gefesselten Hände, als wollte er sich die Ohren zuhalten, erkannte, dass das unmöglich war, und ließ sie wieder sinken.

Gebannt starrten Severus und der Gefangene zu der Dreiergruppe hinüber. Avery verschickte eben den zweiten Finger, und Rabastan schien seine ganze Kraft zu brauchen, um Joris festzuhalten, der begonnen hatte, sich heftig zu wehren.

„Ihr Scheißkerle!", brüllte er mit sich überschlagender Stimme, und diesmal meinte er damit offensichtlich die Todesser. „Wofür haltet ihr euch eigentlich? Ihr – AHHH!"

Rabastan hatte seine Hand für ein paar Sekunden ruhig halten können, und Avery hatte die Gelegenheit genutzt, den Zauberstab geschwungen und mit einem Strahl weißblauen Lichts einen dritten Finger abgetrennt.

„Oh Gott, das darf doch nicht ... Das kann nicht ... Joris ...", stöhnte Ruben, ehe er erneut zu würgen begann.

Severus biss sich auf die Lippen. Sein Magen revoltierte ebenfalls. Doch er konnte es nicht mit seiner Vorstellung von Würde vereinbaren, sich vor den Augen ihrer Geisel und der anderen Todesser zu erbrechen, und so zwang er seinen protestierenden Körper mit aller Macht zum Gehorsam.

Ist das wirklich nötig?, fragte er sich. Wenn Aemilius wahrscheinlich sowieso nicht zur Verantwortung gezogen werden würde? Vielleicht käme er nicht mal vor Gericht. Vielleicht würde es schon reichen, wenn er einfach behauptet, er hätte unter dem Imperius gestanden ... Schließlich können sie ihm keine Beteiligung an irgendwelchen Verbrechen nachweisen, sonst hätten sie's schon längst getan ...

Wieder ein Schrei, mehr ein Jaulen diesmal.

Ruben hatte ernsthaft zu weinen begonnen.

Severus betrachtete nachdenklich seine eigenen Hände, seine langen, schlanken Finger, und stellte sich vor, wie ... Er schauderte.

Avery weiß schon, was er tut. Er steht nicht auf unnötige Grausamkeiten, das hat er selbst gesagt. Wenn es irgendeinen anderen Weg gäbe –

„AHHHAHHH!"

Ich meine, er würde das sicher nicht machen, wenn es anders ginge, oder?

„Hör mal!", keuchte es zu seinen Füßen. Ruben sah flehend zu ihm auf. „Du ... hilf mir. Ich halt das nicht aus, ich hab solche Angst, bitte. Bitte, Mann!"

Völlig überrumpelt starrte Severus ihn an.

„Deine Leute ... die ziehen das bis zum Letzten durch, oder? Ich meine , die ... die machen das wirklich, oder?" In Rubens Stimme schwang die verzweifelte Hoffnung mit, dass es anders sein könnte.

„STOPP! BITTE! HÖRT – AHHH!"

„Ja", sagte Severus heiser. „Ja, die ziehen das durch."

„Gott, Mann, bitte ... Sag ihnen einfach, ich hätte dich angegriffen, zu fliehen versucht, was weiß ich ...", bettelte Ruben.

Severus brauchte einen Moment, um zu begreifen, um was der andere ihn da gerade gebeten hatte. Es überlief ihn eiskalt.

„Nein", erwiderte er leise und schüttelte energisch den Kopf.

„Warum nicht?", drängte der Auror. „Die werden's nicht rauskriegen ..."

„NEIN! LASST MICH LOS! NEIIIN! AHHH!"

„Nein ... Ich habe dem Dunklen Lord Treue geschworen", flüsterte Severus. „Treue und bedingungslosen Gehorsam."

„Severus?", rief Avery plötzlich herüber.

„Ich komme! – Tut mir leid", sagte er leise zu Ruben, ehe er zu seinen Kameraden eilte.

„Ich brauche deine Hilfe, Severus", nahm ihn Avery in Empfang. „Rabastan kriegt keinen vernünftigen Blutstillzauber hin. Ich will nicht, dass unsere Geisel verreckt, ehe wir fertig sind mit ihr." Averys Gesicht wirkte versteinert und seine Stimme klang kalt und fremd.

Severus starrte auf Joris hinunter, auf den blutigen, fingerlosen Klumpen, der seine linke Hand war, auf die drei in Rot gebadeten Finger, die ihm rechts noch geblieben waren.

„Severus? Blutstillzauber?"

„Ja, sicher", murmelte Severus und wandte den verlangten Spruch an.

Joris' Augen waren dunkel vor Schmerz, die Pupillen unnatürlich geweitet. Sein hageres Gesicht war zu einer Grimasse gefroren.

Severus leckte sich unsicher über die trockenen Lippen.

„Er schreit nicht mehr so überzeugend, findet ihr nicht?", bemerkte Rabastan plötzlich.

Severus sah rasch auf. Er hatte sich nicht getäuscht. Das breite Grinsen, das er in der Stimme des Todessers zu hören geglaubt hatte, war tatsächlich da.

„Vielleicht sollten wir mal eine andere Methode anwenden? Man könnte die Finger auch aus den Gelenken drehen und dann abreißen ..."

Joris gab einen erstickten kleinen Laut von sich, und Severus' Magen machte einen nervösen Hüpfer.

„Nein", sagte Avery barsch. „Halt ihn fest, Rabastan, und du, Severus, halt den Zauber bereit."

Severus umklammerte seinen Zauberstab und sah gebannt auf Joris' blutbedeckte Hand. Undeutlich registrierte er, dass Avery ihr Opfer inzwischen teilweise gelähmt haben musste, denn es hing vollkommen widerstandslos in Rabastans eisernem Griff, der eigentlich nur noch dazu diente, die verstümmelte Hand in die richtige Position zu bringen. Aber vielleicht hatte der Auror auch einfach keine Kraft mehr, sich zu wehren.

Dann glitt das weißblaue Licht durch Fleisch und Knochen wie ein heißes Messer durch weiche Butter, und Joris' rechter Mittelfinger fiel zuckend in Averys ausgestreckte Hand. Der Schrei kam etwas verzögert und wirkte schon recht müde.

„Acht!", rief Avery heiser zu Moody hinüber. „Noch zwei, dann machen wir mit den Zehen weiter!"

„Stopp!", schrie es plötzlich zurück. „Hört auf!" Die Stimme des Rufers überschlug sich fast – und es war nicht die von Moody. „Wir schicken euch Malfoy rüber."

Avery schloss einen Moment die Augen. „Merlin sei Dank", hörte Severus ihn hauchen – und stimmte ihm aus vollem Herzen zu.

„Hört mal!", rief Avery in Richtung der verschanzten Auroren. „Wir schicken die Geiseln gleichzeitig los. Ihr bekommt Joris von uns, Ruben behalten wir vorerst, als Pfand für einen sicheren Rückzug."

„Aber" –

„Ihm wird nichts geschehen, ihr habt mein Wort. Wir lassen ihn laufen, sobald wir in Sicherheit sind. Okay?"

„Okay", kam es nach kurzem Zögern zurück.

„Passt auf, schickt mir mal Joris' Finger rüber ..."

„WAS?!"

„Na, ich bin Heiler, ich werde sie wieder anwachsen lassen. Das könnt ihr zwar auch im St. Mungo's machen lassen, aber ich denke, er hätte sie lieber gleich zurück."

„Okay ..." Die Stimme klang verwirrt.

Avery drehte sich mit einem gezwungenen Lächeln zu Rabastan und Severus um. „Du kannst Joris loslassen, Rabastan."

Der Todesser gehorchte, sah aber irgendwie enttäuscht aus. Joris sackte kraftlos am Boden zusammen.

„Immer, wenn's am Schönsten ist ...", knurrte Rabastan verärgert.

„Halt dein dummes Maul!", fauchte Avery unerwartet harsch und wandte sich dann brüsk an Severus. „Du assistierst mir."

Gemeinsam legten sie Joris auf den Rücken und lagerten seinen Kopf auf Averys zusammengefaltetem Umhang. Nach vielleicht zwei Minuten kam ein blutiges Bündel in ihr Lager geschwebt, das Avery wortlos aufknüpfte. Severus gruselte es beim Anblick der abgeschnittenen Finger. Immer noch schweigend ergriff der Heiler etwas, das vage nach einem Daumen aussah, und drückte es Severus in die Hand, der schaudernd das Gesicht verzog.

Die nächste Viertelstunde arbeiteten sie konzentriert an Joris' Wiederherstellung. Severus hielt die abgetrennten Finger an die entsprechenden Wunden und Avery sprach einen komplizierten Zauber nach dem anderen, um sie wieder anwachsen zu lassen. Komplett heilen konnte er Joris allerdings nicht. Es war mehr ein provisorisches Zusammenflicken, und selbst wenn der junge Mann von seinen Kollegen sofort ins St. Mungo's gebracht wurde, würde er seine Hände nie wieder so gebrauchen können wie vor diesem Tag. Gebrochene Knochen ließen sich verhältnismäßig leicht mit Magie heilen, aber bei zerschnittenen Nervensträngen sah die Sache anders aus.

Zu Beginn der Behandlung hatte der Heiler seinem Opfer und Patienten einen schmerzstillenden Trank verabreicht, und so lag Joris nun mit halb geschlossenen Augen da und gab nur ab und zu ein schwaches Wimmern von sich.

Schließlich war der letzte Finger notdürftig fixiert, und Avery blickte Severus das erste Mal, seit er mit der Folterung von Joris begonnen hatte, direkt in die Augen. Er sah furchtbar müde aus.

„Das war wirklich unerfreulich", sagte Avery so leise, dass niemand außer Severus ihn verstehen konnte. „Ich hoffe, dass ich so was nie wieder machen muss."

Dann räumte er schweigend seine Tasche ein.

„Macht euch fertig", sagte er endlich laut. „Hraban, du bist mir für Ruben verantwortlich."

Avery richtete seinen Zauberstab auf Joris, der immer noch halb weggetreten am Boden lag. „Enervate."

Der Auror blinzelte verwirrt, ehe er sie erkannte und entsetzt aufschrie.

„Ist gut", sagte Avery sanft. „Du hast nur schlecht geträumt."

Er ergriff eine von Joris' Händen, die dieser vergeblich zu befreien versuchte, und hielt sie ihm vor die Augen. Jeder wieder angehexte Finger war an der Basis von einem schmalen roten Band umringt.

„Siehst du? Alles noch dran."

Dann zog er den fassungslos auf seine verkrümmten Hände starrenden jungen Mann halb in die Höhe. Gemeinsam mit Severus gelang es ihm endlich, den Auror auf die Füße zu stellen.

„So, und jetzt bringen wir dich zu deinen Freunden."

Wie ein Schlafwandler ließ Joris sich von ihnen führen, im Gesicht einen Ausdruck absoluten Unglaubens. Gut möglich, dass er in seinem Schockzustand tatsächlich glaubte, nur geträumt zu haben – oder immernoch zu träumen.

Mann, ich möchte echt nicht an seiner Stelle sein, wenn er kapiert, dass das alles wirklich passiert ist ...

„Wir sind soweit!", rief Avery zur anderen Seite hinüber, indem er ihre Geisel ein Stück vorwärts und aus der Deckung schob.

„Joris! Mensch, Joris!", klang eine vor Aufregung zitternde Stimme zu ihnen herüber.

Sie hörten einen gedämpften Wortwechsel. Unmittelbar danach trat Aemilius Malfoy zwischen zwei Felsen hervor, ein schiefes Lächeln im Gesicht.

„Los, geh", flüsterte Avery Joris zu, der sich mit einem verwirrten Kopfschütteln in Richtung Aemilius in Bewegung setzte. In der Mitte der Strecke trafen sich die beiden, und der Todesser nickte dem jungen Mann ernst zu. Dann hatte Aemilius ihre Stellung erreicht und ging rasch hinter den Felsbrocken in Deckung, während auf der anderen Seite der verstörte Joris ebenfalls hastig in Sicherheit gezogen wurde.

„Verdammt, Jim, ich hätte nicht gedacht, dass du das wirklich durchziehst", bemerkte Aemilius kopfschüttelnd, während er sich schwer auf einen Stein sinken ließ.

„Ich hab's nicht gerne getan", erwiderte Avery leise. „Aber was hätte ich machen sollen? Es ging schließlich um dich."

„Jim ...", begann Aemilius zögernd. Dann legte er plötzlich die Hände vors Gesicht und atmete hörbar tief durch, ehe er Avery direkt in die Augen sah. „Moody ... er konnte dir nicht antworten. Ein Fluch hat seine Lunge erwischt. Er ist zusammengeklappt, keine zehn Sekunden, nachdem du mit deiner Fahne hinter den Felsen gehechtet warst."

Avery wurde blass. „Aber ..." Er starrte Aemilius ungläubig an.

„Es waren nur noch diese Kinder da, siebzehn, achtzehn Jahre alt, zwei davon selbst schwer verletzt ... Die sind rumgerannt wie kopflose Hühner, waren völlig hilflos ... Ich konnte nichts machen, Moody hatte mich gleich zu Beginn mit einem Fesselzauber belegt, und als ich versucht habe, mit ihm zu diskutieren, hat er noch einen Silencio draufgepackt ... Nachdem er bewusstlos wurde, hat sich die Magie der Fesseln allmählich abgeschwächt, und ich konnte mich befreien, während sie alle verzweifelt damit beschäftigt waren, Moody wiederzubeleben. Als ich mich bemerkbar gemacht habe, hätten sie mich in ihrer Panik fast umgelegt. Aber irgendwie konnte ich ihnen schließlich klarmachen, dass sie euch ein Zeichen geben müssen, um diesen Wahnsinn zu beenden."

Aemilius machte eine hilflose Geste. „Verdammt, Jim, die hätten mich sicher mit Feuden ausgetauscht, aber sie waren einfach total überfordert mit der Situation."

Severus spürte, wie ihm die Kälte ins Herz kroch.

Umsonst. Wir haben das völlig umsonst gemacht. Sie hätten Aemilius freiwillig ausgetauscht. Und Joris ...

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Nachdem beide Seiten den Schutzzauber aufgehoben hatten, disapparierten die Todesser sofort zurück nach Malfoy Manor.

Rabastan, der geschickt war im Umgang mit Gedächtniszaubern, bedachte Ruben mit einem selektiven Obliviate und schickte ihn ganz unzeremoniell durch den Kamin nach Hause.

Aemilius ließ von den Hauselfen Tee und Whiskey in den Salon bringen. Avery, bleich und unkonzentriert, wie Severus ihn noch nie erlebt hatte, untersuchte alle erneut auf Fluchschäden und behandelte Rodolphus' Verletzungen ein zweites Mal.

„Du hast wirklich unverschämtes Glück gehabt", bemerkte der Heiler kopfschüttelnd, während er einen mit Alraunensud getränkten Verband anlegte.

Auf einem der Sessel kauerte Hraban und nippte mit kaum merklich zitternden Händen an seinem Tee. Er unterhielt sich gedämpft mit Rabastan, der neben ihm saß und völlig unbekümmert wirkte. Eben füllte er sein rasch geleertes Whiskeyglas mit lässiger Geste wieder auf.

Severus begriff nicht, wie die anderen so gelassen sein konnten. Die einzigen, die überhaupt Anzeichen von Erregung zeigten, waren die beiden Heiler. Ganz abgesehen davon, dass Severus das Entsetzen über Joris' sinnlose Folterung in den Knochen steckte und ihm fast schon körperliche Schmerzen bereitete, war da ja auch noch eine andere und ganz unmittelbare Bedrohung.

Schließlich konnte er sich nicht länger beherrschen. „Wie könnt ihr so ruhig sein?!", platzte er heraus. „Die Auroren können doch jede Minute hier auftauchen!"

Aemilius zuckte die Achseln. „Ich bin nicht in Gefahr, und die anderen sind es auch nicht. Im Ministerium würde sich keiner trauen, ohne Beweise öffentlich gegen einen von uns vorzugehen. Wir sind alle Mitglieder angesehener alter Zaubererfamilien. Wir haben Einfluss, auch im Ministerium. Und die Leute haben Angst. Du hast ja selbst gesehen, was für Kinder gegen uns ins Rennen geschickt werden. Wer seine fünf Sinne beisammen hat, stellt sich nicht offen gegen den Dunklen Lord. Er ist schon viel zu mächtig geworden."

Avery nickte zustimmend und nahm einen großen Schluck aus seinem Whiskeyglas.

„Nein, ich bin nicht in Gefahr", fuhr Aemilius gelassen fort. „Niemand wird mir die Auroren ins Haus schicken. Ich bekomme höchstens eine höfliche Vorladung vor den Zauberergamot. Und auch dort haben wir den ein oder anderen Verbündeten."

Mit einem verächtlichen Schnauben fügte er an: „Moody ist ein Außenseiter, ein Spinner – und das sehen beide Seiten so."

Rabastan feixte und Rodolphus vollführte eine unanständige Geste mit seinen Händen. Aemilius hob halb amüsiert, halb tadelnd die Augenbrauen. Er nippte an seinem Tee, stellte die Tasse zurück auf den Tisch und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ich bin ein angesehener Mann – der reichste Zauberer Großbritanniens, nebenbei bemerkt. Wir werden heute noch ein paar Männer zu den jungen Leuten schicken, die an Moodys Seite gekämpft haben. Danach wird keiner von ihnen mehr gegen mich aussagen wollen. Und dass Moody überall Todesser sieht, ist bekannt. Wenn ich ein bisschen was springen lasse, werden sie ihn vielleicht sogar rauswerfen."

Severus starrte ihn ungläubig an. „Aber ... wieso ... Joris ..."

Das kann nicht sein. Dann wäre ja alles von Anfang an vollkommen sinnlos gewesen ... Selbst, wenn sie Aemilius nicht ausgetauscht hätten ... Ihm wäre nichts passiert ... gar nichts ...

„Severus, es ist eine Sache, ob man mich höflich per Eule vor den Zauberergamot lädt, oder ob man mich im Wald aufsammelt – mit dem Corpus Delicti in Form unserer Ordenskluft am Körper. Falls ich jemals, was ich für extrem unwahrscheinlich halte, in meinem Haus oder irgendwo in der Öffentlichkeit arrestiert werden sollte, dann benötigt das Ministerium dafür einen Haftbefehl. Dutzende von Leuten würden davon wissen, noch ehe die Auroren einen Fuß auf mein Grundstück gesetzt hätten, und dank unserer Mittelsmänner wäre ich einer davon und könnte mich entsprechend vorbereiten. Vorhin im Wald dagegen ... da gab es keine Zeugen, nur uns und die Auroren."

Aemilius schwieg einen Moment lang, rührte nachdenklich in seinem Tee.

„Moody ist ein fairer Gegner. Er tötet nur, wenn er es nicht vermeiden kann, und Folter würde er allerhöchstens dann anwenden, wenn wirklich Menschenleben auf dem Spiel stünden. Er ist ein Mann, der sich weitgehend an die Spielregeln hält – aber er hat keinen Einfluss darauf, was mit den Gefangenen geschieht, die er bei seinen Vorgesetzten abgeliefert hat."

Aemilius lächelte reuevoll.

„Meine ... Unvorsichtigkeit vorhin hätte mich leicht das Leben kosten können. Es gibt mittlerweile einen Haufen Leute, die völlig ohne Gerichtsverfahren in Askaban gelandet sind – und fast genauso viele, von denen bis auf den heutigen Tag jede Spur fehlt."

„Wir haben Kontaktmänner unter dem menschlichen Bewachungspersonal in Askaban", schaltete sich Avery ein. „Uns sind Fotos zugespielt worden, von lebenden wie von toten Ordensmitgliedern – wobei der Unterschied da manchmal nur minimal war. Die Gefangenen werden verrückt, nach wenigen Wochen schon, verweigern das Essen, rennen mit dem Kopf gegen die Wände ..."

„Es gibt zahlreiche Hardliner im Ministerium", nahm Aemilius seine Erläuterungen wieder auf, „die zum Beispiel eine Legalisierung der Unverzeihlichen gegen als Todesser verdächtigte Personen fordern. Gegen Verdächtige wohlgemerkt, nicht gegen Überführte. Und ich bin sicher, dass sie sich auf lange Sicht durchsetzen werden – zumindest dann, wenn der Orden seine Politik nicht radikal ändert."

Ein Klirren ertönte, als Hraban seine Teetasse etwas zu schwungvoll abstellte. „Aemilius!", warnte Avery und verzog das Gesicht. Die Lestrange-Brüder saßen plötzlich kerzengerade in ihren Sesseln.

„Unser Lord kennt meine Meinung zu diesem Thema. Mit Terror werden wir nicht weit kommen. Wir werden die Gesellschaft nur gegen uns aufbringen."

„Tut mir leid, aber ich muss jetzt gehen", sagte Avery entschieden und stand abrupt auf. Gleichzeitig erhoben sich auch Rodolphus, Rabastan und Hraban.

Aemilius nickte ihnen zu. „Wie du meinst, Jim. Rodolphus, Rabastan ..."

Hraban warf erst ihm, dann Severus einen entschuldigenden Blick zu. Mit einem leisen und durchaus nicht gekränkten Lächeln winkte der Hausherr auch ihn hinaus.

Dann wandte er sich wieder an Severus. „Was heute geschehen ist, war schlimm. Aber im Krieg gelten andere Regeln. Wenn ich eine Forderung stelle, muss ich bereit sein, sie mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln durchzusetzen. Sonst nimmt mich beim nächsten Mal keiner mehr Ernst. Verstehst du?"

Severus nickte. Er fühlte sich seltsam betäubt.

„Der Krieg hat kein schönes Gesicht, Severus, er hat eine hässliche Fratze. Und es trifft oft die Falschen, die verhältnismäßig Unschuldigen. Du wirst lernen müssen, auch damit zu leben."

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