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SSSSSSS
Schattenprinz
SSSSSSS
Kapitel 16
Janus
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Lucius lehnte sich in seinem Sessel zurück und dehnte die steif gewordenen Glieder. Dann warf er einen Blick auf die magere, unter dicken Decken zusammengerollte Gestalt an seiner Seite. Es hatte Stunden gedauert, bis der Muggel es gewagt hatte, in seiner Gegenwart die Augen zu schließen, aber jetzt schlief er endlich. Ein Zipfel seines kupferfarbenen Pyjamas lugte unter der Decke hervor.
Als Lucius seine Wache an Miguels Seite begonnen hatte, war der Muggel immer noch unbekleidet gewesen. Seine erste Tat als Krankenpfleger hatte darin bestanden, den verängstigten Miguel in einen Schlafanzug zu stecken. Lucius hatte nicht vor, es irgendjemandem zu verraten, aber es waren seine eigenen Sachen, die er magisch auf die richtige Größe für den dürren Stricherkörper gebracht hatte – Muggelkleidung in verschiedenen Preisklassen, die er für seine Streifzüge durch die nichtmagische Welt angeschafft hatte und die jetzt in einem der staubigen Schränke ihres Versteckes aufgestapelt lag.
Lucius ließ seinen Blick durch den kleinen und vollgestellten Raum schweifen. Neben dem Bett befanden sich darin noch ein Esstisch mit vier Stühlen, zwei mächtige alte Kleiderschränke, zwei moosgrüne Ohrensessel und ein halbes Dutzend gut gefüllter Bücherregale. Sämtliche Möbel waren aus dunklem Holz, der steinerne Fußboden mit einigen abgenutzten Läufern in Grün- und Brauntönen bedeckt. An den grob gemauerten Wänden befanden sich einige schon ziemlich angelaufene Ölgemälde. Es gab keine Fenster. Eine Tür führte in ein kleines Bad, eine zweite, sicher versiegelte in ein schon lange nicht mehr benutztes Tränkelabor.
Zugänglich waren die unterirdischen Räume nur über eine gut im Waldgestrüpp versteckte Falltür und über das Flohnetzwerk – allerdings nicht für jeden.
Seit fast zehn Jahren nutzte Lucius diesen Ort als Unterschlupf. Genauer gesagt, er hatte ihn genutzt. Seit er für das Zaubereiministerium arbeitete und ein eigenes Haus in London besaß, waren seine Besuche an dieser geheimen Zufluchtsstätte immer seltener geworden, bis sie vor zwei Jahren schließlich ganz aufgehört hatten. Soweit er wusste, war Hraban mindestens ebenso lange nicht mehr hier gewesen.
Er dachte zurück an den Tag, an dem er und sein bester Freund das Versteck entdeckt hatten. Damals waren sie dreizehn Jahre alt gewesen, unterwegs auf einem ausgedehnten, übermütigen Streifzug durch die Malfoy'schen Wälder ...
Ein warmer, sonniger Oktobertag. Der weiche Waldboden federte unter ihren Schritten, mit denen sie ein Meer von raschelnden Blättern aufwirbelten. Die Luft war gesättigt vom Duft der Eicheln und Kastanien. Sie schlugen sich lachend und herumalbernd durchs Unterholz, auf der Suche nach magischen Pilzen und Kräutern für ihre privaten Experimente.
Lucius kletterte über einen umgestürzten Baum, hörte Hraban hinter sich durchs Gebüsch brechen. Plötzlich ein Schrei. Lucius wirbelte herum – Hraban war verschwunden.
„Hraban?!"
Erschrocken flog Lucius' Blick über den Waldboden, bis er an einem dunklen Loch hängenblieb, etwa einen Meter im Durchmesser, das vor einer Minute noch nicht dagewesen war. Hastig stürzte er darauf zu.
„Hraban?!"
Aus der Tiefe antwortete ihm ein dumpfes Stöhnen.
„Was ist mit dir, Mann? Alles okay?!"
„Scheiße ...", tönte es aus dem Loch herauf. „Ich glaub', ich hab' mir den Knöchel gebrochen ... Kann überhaupt nichts erkennen ... Stockduster hier."
„Warte, ich mach dir Licht. – Lumos!"
Lucius leuchtete mit seinem Zauberstab in die Schwärze hinunter.
„Mensch, Lucius, das musst du dir anschauen!", klang es aufgeregt empor. „Das sieht aus wie ein alter Keller oder so ... Vielleicht ein Geheimgang?"
„Keiner, von dem ich wüsste."
Lucius verwandelte mit einiger Mühe eine stabil wirkende Baumwurzel, die in das Loch hineinragte, in ein langes und dickes Seil. Eine Strickleiter wäre ihm lieber gewesen, aber sie waren gerade erst in die dritte Klasse gekommen, und falls sie jemals einen Spruch zum Erschaffen von Strickleitern im Unterricht behandelt hatten, dann hatte Lucius ihn vermutlich verschlafen oder verschwätzt. Er war kein besonders eifriger Schüler.
„Rutsch mal ein Stück zur Seite da unten!"
Rasch kletterte Lucius das Seil hinunter, den Zauberstab zwischen die Zähne geklemmt. Sportlich war er, keine Frage.
Nach wenigen Metern fand er sich in einem niedrigen Gewölbekeller wieder. Hraban kauerte am Boden und hielt seinen schmerzenden Knöchel umklammert, aber seine Augen leuchteten vor Begeisterung über ihre Entdeckung. Lucius kniete sich neben ihn.
„Zeig mal", forderte er, und Hraban schob mit zusammengebissenen Zähnen sein Hosenbein hoch.
Nicht eben sanft tastete Lucius den verletzten Knöchel ab. Hraban japste vor Schmerz.
„Ach, das ist doch nicht gebrochen, nur verstaucht", kommentierte Lucius abfällig. Als er aufblickte, sah er, dass seinem Freund Tränen in die Augen gestiegen waren.
„Mädchen!", spottete er freundlich, nahm sein schwarzes Piratenkopftuch ab und tränkte es mit Wasser aus seinem Zauberstab. Dann wickelte er es Hraban um den Knöchel. „Besser geht's jetzt nicht. Du musst dich halt ein bisschen zusammenreißen."
Aber Hraban lächelte schon wieder und sah ihn dabei fast versonnen an.
Lucius runzelte die Stirn. Es war nicht das erste Mal, dass sein Freund ihm solche Blicke zuwarf. Hraban war ein halbes Jahr älter als er, und während des vergangenen Sommers hatte er sich irgendwie verändert. Sie kannten sich seit ihrem ersten Lebensjahr und waren seit ewigen Zeiten beste Freunde. Doch jetzt war da etwas mit Hraban, das Lucius nicht verstand. Immer wieder bemerkte er, dass der Ältere ihn mit seltsamen Blicken bedachte, die Lucius nicht deuten konnte. Außerdem hatte er den Eindruck, dass Hraban ihn wesentlich häufiger berührte, als es nötig gewesen wäre.
Als sie sich gemeinsam an die Erforschung des geheimnisvollen Kellers machten – Lucius hatte auf Hrabans Drängen hin einen Arm um dessen Hüften gelegt, um ihn zu stützen –, stellten sie fest, dass hier definitiv etwas sehr ungewöhnlich war. Lucius bemühte sich, den Raum auf geheime Türen oder irgendwelche anderen Spuren von Magie zu untersuchen. Doch es gab dabei ein kleines Problem: Sämtliche Zauber schienen von den Mauern abzuprallen.
Irritiert probierten sie verschiedene Sprüche aus. Sowohl Lucius als auch Hraban konnten problemlos innerhalb des Raumes zaubern. Aber es gab keine Möglichkeit, die Mauern mit Magie zu durchdringen – zumindest nicht für zwei mäßig begabte Drittklässler.
Als Lucius Hraban mit Mühe aus dem Keller gehievt hatte und sie sich daran machten, den Raum von außen zu erkunden, stellten sie verblüfft fest, dass er schlicht nicht existierte. Da war nichts unter dem Waldboden, was sie mit ihren Zauberstäben hätten analysieren können. Sie hatten einen Unortbaren Ort gefunden.
In den folgenden Jahren hatte der von ihnen auf den Namen „Schlangengrube" getaufte Keller ihm und Hraban als Versteck vor ihren strengen Eltern, als Labor für ihre nicht ganz legalen Experimente mit berauschenden Substanzen und schließlich auch als Liebesnest gedient.
Nicht als gemeinsames Liebesnest, natürlich. Lucius hatte nicht allzu lange gebraucht, um zu begreifen, was anders war mit Hraban. Ein halbes Jahr nach ihrer unterirdischen Entdeckung war sein Freund bei einem heimlichen nächtlichen Ausflug an den Hogwarts-See ziemlich zudringlich geworden. Als Lucius' erstes Nein nicht ernst genommen worden war, hatte er sich energisch zur Wehr gesetzt und Hraban ins Gesicht geschlagen.
Nach diesem Vorfall hatten sie fast einen Monat lang nicht miteinander geredet. Schließlich hatte Hraban um eine Aussprache gebeten, in der sie die Fronten ein für alle Mal geklärt hatten. Hraban war schwul, Lucius war hetero.
Keine Chance, Kumpel, definitiv nicht. Jetzt nicht und auch nicht in Zukunft.
Danach waren sie wieder Freunde gewesen, auch wenn sie ein Weilchen gebraucht hatten, um zu ihrem früheren Zustand entspannter Vertrautheit zurückzufinden. Aber sie hatten es geschafft. Hraban war bis auf den heutigen Tag der einzige Homosexuelle, den Lucius in seinem elitären Freundeskreis duldete.
Als sie älter wurden, hatte auch ihr Versteck einige Veränderungen erfahren. Nach und nach hatten sie es mit Möbeln an Stelle von Decken, Kisten und Kissen ausgestattet, mit Bildern, Büchern und Vorräten versehen. Ihre magischen Fähigkeiten wuchsen, und sie passten den Raum ihren wechselnden Bedürfnissen an. Unter anderem erfanden sie ein Zeichensystem, damit keiner dem anderen in seine amourösen Abenteuer hineinstolperte.
Als Hraban und Lucius nach ihrem Schulabschluss dem Dunklen Orden beitraten, verwandelte der Keller sich in einen Arbeitsraum, ein Laboratorium, eine Bibliothek. Hraban begann sein Heilerstudium, Lucius seine Karriere im diplomatischen Dienst. Irgendwann fand er eine Möglichkeit, die „Schlangengrube" illegal ans Flohnetzwerk anschließen zu lassen. Für die Flohnetzwerk-Aufsicht blieb der Kamin samt dazugehörigem Kellergewölbe unauffindbar. Kleinere magische Turbulenzen waren alles, was sie an der Anschlussstelle wahrnehmen konnten.
Um das Versteck durch die Kamine erreichen zu können, musste man es vorher betreten haben oder aber von einer Person mitgenommen werden, die den Ort kannte. Wenn Hraban einen Jungen oder Lucius ein Mädchen mitbrachte, verbanden sie ihm oder ihr vorher die Augen, so dass der oder die Betreffende keine Ahnung hatte, wo das Versteck sich befand. Bei einer Reise durch das Flohnetzwerk kam ein vorübergehender Taubheitszauber hinzu. So war die „Schlangengrube" in all den Jahren unentdeckt geblieben.
Ein leises Seufzen holte Lucius in die Gegenwart zurück. Miguel hatte sich auf die andere Seite gedreht.
Lucius' Hand näherte sich dem Schlafenden, fuhr die Konturen seines Körpers nach, ohne ihn zu berühren. Worauf hatte er sich da bloß eingelassen? Er zog die Hand zurück und griff nach seinem Buch. Doch er konnte sich nicht konzentrieren und legte es nach wenigen Minuten wieder zur Seite.
Severus. Diese kleine Blindschleiche brachte sein ganzes Leben durcheinander. Jahrelang war Lucius klug genug gewesen, nie etwas zu unternehmen, das seinen Vater zur Überzeugung hätte bringen können, er sei ein ungeeigneter Erbe. Sicher, er war ein unwürdiger Erbe in Aemilius' Augen, aber er war immer noch ein Erbe. Und Lucius hatte nicht vor, sich vom sagenhaften Reichtum seiner Familie zu trennen. Nicht, wenn er es irgendwie verhindern konnte.
Der Muggel rollte sich erneut herum und murmelte etwas, das wie eine Bitte klang. Jetzt war sein Gesicht Lucius zugekehrt.
Wieder streckte er die Hand aus, verharrte unschlüssig über der bronzenen Haut und entschied sich schließlich, lieber die verrutschten Decken zu ordnen. Flüchtig streifte er dabei Miguels Schulter – der Junge schlug die Augen auf und blinzelte ihn schlaftrunken an.
„Alles okay", versicherte Lucius leise und in einem beruhigenden Tonfall, von dem er gar nicht gewusst hatte, dass er ihn beherrschte. „Schlaf weiter."
Miguels Lider flatterten und schlossen sich. Sekunden später war er wieder eingeschlafen.
Lucius setzte sich und nahm erneut das Buch zur Hand. Während er auf die verschwimmenden schwarzen Zeilen starrte, sah er Severus vor sich, wie er mühelos die Türen zu den Kerkern öffnete.
Er hat Potential, kein Zweifel. Aber er ist viel zu weich. Wenn er so weitermacht, kommt er nie nach oben.
Nicht zum ersten Mal fragte er sich, was Aemilius in dem jungen Halbblut sah. Severus war noch nicht einmal vier Wochen in ihrem Haus, und schon jetzt hatte Lucius das Gefühl, der Junge gehöre viel eher hierher als er selbst. Es war nicht nur Aemilius, das ganze Haus schien sich Severus entgegenzuneigen und ihm bereitwillig seine hellen und dunklen Geheimnisse zu offenbaren.
Obwohl Lucius sich hier nie wirklich willkommen gefühlt hatte, schmerzte es zu sehen, wie ein anderer so selbstverständlich den Platz einnahm, der eigentlich ihm gebührte. All die Aufmerksamkeit, das Interesse, das Aemilius dem Halbblutjungen entgegenbrachte, Wärme und Zuneigung, die so unverkennbar waren, wenn er mit Severus sprach – all das wäre von Rechts wegen ihm als Sohn zugekommen. Aemilius ließ sich sogar duzen von seinem Gast, ein Privileg, von dem Lucius nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Jede dieser Tatsachen brannte in seinem Herzen und schürte das Feuer seines Hasses.
Lucius hatte Severus in Bezug auf Miguel geholfen, weil er sich ihm verpflichtet gefühlt hatte – unter hohem Risiko für seine eigenen Interessen, unter Umständen sogar für seine körperliche Unversehrtheit. Sein Vater konnte grausam werden, wenn er in Wut geriet, das hatte Lucius oft genug am eigenen Leib erfahren müssen. Und nach wie vor betrachtete Aemilius seinen mittlerweile zweiundzwanzigjährigen Sohn eher als seinen Besitz denn als einen eigenständigen Menschen.
Doch das Gefühl der Verpflichtung war nur ein und nicht der wichtigste Grund für Lucius' Handeln gewesen. Dass sein Vater Severus vertraute, so sehr, dass er ihn eigenständig in den Kerkern schalten und walten ließ, hatte Lucius so wütend gemacht, dass er nicht mehr hatte klar denken können. Aemilius zu hintergehen, ihm eins auszuwischen – das war die stärkste Motivation in Lucius gewesen. Dass Severus so selbstverständlich erlaubt war, was für ihn selbst undenkbar gewesen wäre, tat einfach nur weh. Es war ein gemeiner, bohrender Schmerz, der sich tief in Lucius' Herz fraß.
Lucius biss sich auf die Lippen. Er konnte nicht länger zusehen, wie Severus sich in seinem Leben breitmachte. Schlimmstenfalls kam sein Vater auf die Idee, ihn zu enterben und als Ersatz das Halbblut zu adoptieren. Aemilius war schon immer etwas unkonventionell gewesen, eine derartige Handlungsweise lag durchaus im Rahmen des Möglichen. Auf irgendeine eindrucksvolle Art und Weise musste Severus auf seinen Platz verwiesen werden.
Immerhin war ich intelligent genug, meine Lebensschuld von ihm lösen zu lassen. Das macht die Sache wesentlich einfacher ...
Lucius' Blick wanderte wieder zu Miguel hinüber. Diesmal jedoch sah er ihn anders an, musterte ihn auf kalte, kalkulierende Weise.
Das wäre eine Möglichkeit, Schniefelus wirklich zu verletzen. Und gleichzeitig würde es meinen Vater kränken und ihn gegen das Halbblut aufbringen. Oh ja ...
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Mit unsicheren, eckigen Bewegungen klopfte Severus sich die Asche ab. Seine Augen hatte er bereits auf das Bett geheftet, in dem Miguel, hoffentlich friedlich, schlief.
„Hallo Severus." Lucius erhob sich aus seinem Sessel.
„Hallo. Alles okay mit ihm?", fragte Severus sofort.
Lucius lachte sein leises, spöttisch-herablassendes Malfoy-Lachen. „Sicher. Hraban hat deinem Betthäschen heute früh noch zwei Spritzen gegeben. Außerdem hat er einige Tränke und seine Fütterungsvorschläge hiergelassen. Ich habe mich noch kurz mit ihm abgesprochen, bevor er los musste, um an deiner Ausbildung zum perfekten kleinen Todesser mitzuwirken. Ich hoffe, dein Unterricht war nicht zu langweilig?"
„Bestimmt nicht." Severus schüttelte sich innerlich. „Nicht im Geringsten."
Lucius schien fast enttäuscht. „Wie schön für dich."
Severus zögerte einen Moment lang. Sollte er Lucius erzählen, was ihnen an diesem Morgen widerfahren war? Schließlich entschied er sich dagegen.
Es wäre Aemilius sicher nicht Recht, wenn sein Sohn die Geschichte von mir erfährt.
Lucius erklärte Severus, welche Tränke Miguel wann und in welcher Dosierung bekommen sollte.
„Essen ist schon fertig, steht unter dem Tuch auf dem Tisch. Ich hab's in meiner Küche von meinem Hauselfen zubereiten lassen."
Neugierig hob Severus das karierte Geschirrtuch an. Eine Schale Nudelsuppe, Reis und Gemüse, Obst.
„Sieht lecker aus", stellte er überrascht fest.
„Ja, und nicht ein winziges Tröpfchen Gift ist drin."
Severus blickte überrascht auf. Lucius lächelte. Ein bisschen ironisch, ein bisschen abfällig, aber alles in allem nicht unfreundlich.
Vielleicht hatte Severus sich doch in ihm getäuscht. Abgesehen davon, dass er Lucius immer noch verdammt attraktiv fand, kam dieser ihm mittlerweile fast sympathisch vor. Was seine verletzenden Bemerkungen betraf ... Severus selbst war schließlich auch nicht für seine übergroße Rücksichtnahme berühmt.
„Danke, Lucius."
„Dafür nicht, Severus. Dafür nicht."
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Er fühlte sich wohl. Zum ersten Mal in wer weiß wie vielen Wochen wachte er auf und fühlte sich wohl. Keine Schmerzen im Kopf, keine Schmerzen in tieferen Regionen – und das, obwohl er einen warmen Körper neben sich spürte, die regelmäßigen Atemzüge eines Schlafenden ihm sacht über den Rücken strichen.
Miguel schlug die Augen auf. Kein Hotelzimmer, stellte er fest. Ein bisschen vernachlässigt sah der Raum aus, aber er war nach getaner Arbeit schon an weit gruseligeren Orten aufgewacht.
In seinem Kopf herrschte eine angenehme, wattige Benommenheit. Nun, da hatte er wohl ausnahmsweise mal guten Stoff erwischt. Obwohl ... etwas in seinem beduselten Bewusstsein schien sich an einen hässlichen Horrortrip zu erinnern.
Miguel schob das Etwas beiseite. Er fühlte sich viel zu entspannt und zufrieden, um sich von Dingen belästigen zu lassen, die er längst hinter sich hatte.
Vielleicht hab ich ja wirklich Glück heute und wenn ich mich gleich umdrehe, dann liegt kein hässlicher alter Sack neben mir ...
Obwohl Miguel zugeben musste, dass es auch nette hässliche alte Säcke gab. Meist waren seine bereits angegrauten und eher unattraktiven Kunden sogar erstaunlich freundlich und rücksichtsvoll. Es gab einige, die ihn allen Ernstes mit „mein Sohn" oder „mein Junge" ansprachen.
Übel war es dagegen, wenn man an einen abgedrehten Sado geriet. Das merkte man meistens leider erst dann, wenn es zu spät war und man sich in irgendwelchen unmöglichen Positionen im besten Fall ans Bett, im schlimmsten an die Wasserrohre in einem Kellerraum gekettet wiederfand.
Unerfreulich waren auch die Typen, die einen zu sich nach Hause schleppten, mit Plüschhandschellen sicherten und dann ihre drei Freunde aus dem Nebenzimmer holten, nach dem Motto „vier zum Preis für einen".
Nein, da waren ihm die braven Ehemänner und Familienväter schon lieber, die „das nur mal ausprobieren" wollten. Natürlich waren sie nicht schwul, oh nein, auf gar keinen Fall ... auch wenn sie schon das zehnte Mal zu ihm kamen.
Miguel seufzte. Sollte er es wirklich wagen, einen Blick auf seinen Freier zu riskieren? Wenn er sich beim Aufwachen nicht mehr erinnern konnte, mit wem er ins Bett gegangen war, dann bedeutete das meistens nichts Gutes.
Ach, was soll's, dachte er träge. Wird schon kein Monster sein.
Er rollte sich herum. Neben ihm lag ein magerer Junge von vielleicht sechzehn oder siebzehn Jahren. Die Decke war ihm ein Stück heruntergerutscht, so dass man die knochigen Schultern sehen konnte. Schwarzes schulterlanges Haar fiel ihm in fettigen Strähnen übers Gesicht, von dem Miguel wenig mehr als eine prominente Hakennase und ein paar Streifen bleicher Haut erkennen konnte.
Ein ungutes Gefühl schlich sich auf krallenbewehrten Pfoten in sein Herz. Dunkel wusste er, dass dieser Junge eine herausragende Rolle in seinem Horrortrip gespielt hatte.
Zögernd streckte er eine Hand aus und strich die schwarzen Strähnen beiseite. Der Junge schlug die Augen auf und blinzelte schläfrig. Ihre Blicke trafen sich.
Miguel prallte entsetzt zurück und kollidierte heftig mit der Wand in seinem Rücken.
Das war kein Trip! Das war echt! Er ... er war da ... Wie kommt der in mein Bett?! Mein Bett? Sein Bett! Oh Gott ...
Der Junge schien genauso erschrocken wie er selbst. Hastig sprang er auf und starrte Miguel mit panischem Gesichtsausdruck an – wie ein in die Enge getriebenes Tier.
Angstbeißer, zuckte es durch Miguels Gehirn.
Er starrte gebannt auf den nackten, knochigen Körper. Der Junge folgte seinem Blick – und errötete. Ungeschickt zerrte er ein schwarzes Kleidungsstück von einem Sessel, der neben dem Bett stand, und warf es sich über.
Dann stand er wieder still. Nur sein magerer Brustkorb bewegte sich unter heftigen Atemzügen, und seine schwarzen Augen ließen nicht von Miguel ab, schienen sich in die seinen zu bohren, als suchten sie etwas. In diesem Blick lag so viel – Scham, Trotz, Angst, Verteidigungsbereitschaft. Ein Kind, das bei etwas furchtbar Verbotenem erwischt worden war.
Und da erinnerte Miguel sich wieder.
Nervöse, ungeschickte Hände. Ein hastiger, scheuer Kuss. Ein Schattenlächeln.
Ein bleiches Gesicht. Eine zitternde Stimme. Angstvoll besorgte Blicke.
„Severus", flüsterte Miguel rau.
Der Junge nickte.
Miguel setzte sich auf. „Du hast ... du hast mich wirklich da rausgeholt", hauchte er ungläubig.
Erneutes Nicken.
„Da waren andere ... Ein ... Arzt?"
„Hraban. Er ist Heiler in Ausbildung."
„Ein Blonder, der aussah wie ... wie der andere. Der andere, unten in ..."
„Lucius. Er ist sein Sohn. Aemilius' Sohn, meine ich."
So viele Fragen, die er stellen wollte. So viele Antworten, vor denen er sich fürchtete.
Severus zog das Kleidungsstück – Miguel erkannte, dass es sich um einen Umhang handelte – vor seiner Brust zusammen und machte einen unsicheren Schritt in seine Richtung.
„Du ... möchtest du etwas essen?"
Überrascht nickte Miguel. Sein Magen fühlte sich in der Tat ziemlich leer an.
Severus nahm ein Tablett vom Tisch, setzte es auf dem Sessel neben dem Bett ab und lüpfte ein darauf befindliches blau kariertes Geschirrtuch. Zum Vorschein kam ein sorgfältig angerichtetes Essen, das Miguel schmerzlich daran erinnerte, wie lange er von Pommes Frites, Pizza und belegten Brötchen gelebt hatte.
„Oh! Alles für mich?" Der Duft von Nudelsuppe und gedünstetem Gemüse stieg in seine Nase und entlockte seinem Magen ein verlangendes Knurren.
Ein kleines Lächeln huschte über die schmalen Lippen des Jungen, als er bestätigend nickte.
„Aber erst musst du deine Medizin nehmen."
Severus nahm einen Holzstab vom Tisch und vollführte damit eine komplizierte Figur in der Luft. Ein Glas erschien auf dem Tablett. Fasziniert beobachtete Miguel, wie sich ein Strahl Wasser aus dem Stab ergoss.
„Accio Hepatocuratio!"
Ein bauchiges Fläschchen sauste in Severus' ausgestreckte Hand.
„Wie machst du das?", hauchte Miguel fassungslos.
Severus tropfte etwas aus dem Fläschchen ins Wasserglas und grinste spöttisch.
„Ich bin ein Zauberer. Wir alle hier sind Zauberer."
Er richtete den Stab auf Miguel.
„Zauberer?!"
Ein Ruck ging durch seinen Körper, und ehe er sich versah, fand Miguel sich zwei Meter über dem Bett in der Luft hängend wieder.
„Lass mich runter!", keuchte er erschrocken.
Seine Arme und Beine machten sich selbstständig, ruderten auf einer instinktiven Suche nach Halt durch die Luft. Es gab einen zweiten Ruck, und Severus ließ ihn sanft zurück auf die Matratze sinken.
Miguel rang nach Atem.
Das ist doch verrückt ...
„Aber ... ihr könnt doch nicht die einzigen sein. Wieso ... wieso weiß keiner ..."
„Weil wir sehr, sehr vorsichtig sind. Aber noch nicht vorsichtig genug. Erst, wenn der Dunkle Lord die Macht übernimmt, werden wir wirklich sicher sein."
„Der Dunkle Lord? Wer" –
„Trink jetzt!", kommandierte Severus barsch.
Miguel erschrak und gehorchte hastig.
„Und iss. Hraban sagt, du musst anständig essen, damit du wieder gesund wirst."
Oh Gott, jetzt klingt er wie meine Mutter ...
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Während Miguel sich mit offenkundigem Appetit über seine „Diät" hermachte, ließ Severus ihn keine Sekunde aus den Augen. Er stand einfach nur da, völlig versunken in den Anblick des eifrig löffelnden jungen Mannes.
Irgendwann bemerkte Miguel seinen Blick. Der junge Mann lächelte unsicher, rutschte ein Stück zur Seite und klopfte neben sich auf die Matratze.
Severus schluckte hart, ehe er wie in Trance auf das Bett zuging und sich neben Miguel sinken ließ.
„Isdrr –", krächzte er, und räusperte sich verlegen. „Ist dir nicht kalt?"
„Nein, wieso?", fragte Miguel.
Dieses Lächeln ...
„Ist dir denn kalt?", fuhr der junge Mann fort. „Dann komm doch wieder unter die Decke." Miguel stellte seinen Teller ab und hob die Bettdecke an.
Halb zornig, halb verunsichert spürte Severus, wie ihm wieder die Hitze ins Gesicht stieg. Ins Gesicht – und in andere Körperteile. Der Umhang rutschte von seinen Schultern, als er sich vorbeugte, um Miguel zu küssen.
Wusch!, erklang es aus der Richtung des Kamins.
Das darf doch nicht wahr sein!
„Lucius ...", stöhnte Severus frustriert. „Nicht du schon wieder ..."
„Guten Abend, Severus."
Severus fuhr herum.
Vor dem Kamin stand Lucius Malfoy.
Aber er war nicht allein.
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Anmerkung: Janus ist ein römischer Gott mit zwei Gesichtern.
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