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Schattenprinz
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Kapitel 18
Berührungen
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Lucius saß an seinem Schreibtisch und wartete. Die von seinem Vater angekündigte Stunde Stunde war fast verstrichen.
Teilnahmslos starrte er aus dem Fenster. Es war jetzt Ende August, und obwohl es bereits auf den Abend zuging, lag der Park in der warmen Sommersonne wie ein sattes und zufriedenes Tier. Einer seiner Lieblingsbäume, eine riesige, uralte Eibe, schien seinen Blick zu spüren und hob in Andeutung eines Grußes ihre Zweige. Manche der Pflanzen in diesem ausgedehnten Zaubergarten waren fast so lebendig wie Tiere.
„Lucius."
Er hatte die Tür nicht gehört. Aber das war nicht ungewöhnlich. Sein Vater konnte hier kommen und gehen, wie es ihm beliebte. Kein Zauber der Welt war in der Lage, Lucius' Räume vor dem ungebetenen Eindringen des Hausherrn zu schützen.
Langsam drehte Lucius sich um.
„Vater", sagte er leise.
Er fühlte sich mit einem Mal unendlich müde.
„Setz dich dort hin." Sein Vater deutete auf einen hohen und unbequemen Stuhl, der für Lucius eher Dekoration als Sitzmöbel war.
Widerspruchslos erhob Lucius sich, um den ihm angewiesenen Platz einzunehmen. Seine Bewegungen waren eckig, mechanisch.
Sein Vater winkte sich einen der Sessel herbei und setzte sich ihm gegenüber.
„Sieh mir in die Augen."
Resigniert gehorchte Lucius. Er unternahm keinen Versuch, seinen Geist zu schützen. Widerstand machte es noch schlimmer; das hatte sein Erzeuger ihn von frühester Kindheit an gelehrt. Unbarmherzige Kälte strahlte ihm aus den Augen seines Vaters entgegen. Nie war für Lucius etwas anderes in ihnen zu lesen gewesen als Kälte, Verachtung, und oft sogar Hass.
Wie selbstverständlich drang Lucius' Vater in seinen Geist ein. Die unsichtbaren Hände, die Lucius zugleich hasste und liebte, durchkämmten akribisch seine Gefühle und Erinnerungen. Sie waren wie ein metallener Rechen, präzise und unnachgiebig, ein feindseliger Fremdkörper, der ihn verletzte, ihm Schmerzen zufügte.
Früher hatte sein Vater häufig Legilimentik angewandt, um ihn zu disziplinieren, ihm „das Lügen abzugewöhnen", aber seit Lucius' Volljährigkeit war es nur noch zwei- oder dreimal jährlich zu solchen mentalen Vergewaltigungen gekommen. Jedes Mal stand er dabei nackt und hilflos vor seinem Vater, ein zitterndes Kind, das nichts anderes wollte, als getröstet und endlich einmal in den Arm genommen zu werden. Doch Aemilius war blind für ihn, sah nur, was er sehen wollte: Verfehlungen, Lügen, Regelverletzungen, für die er seinen Sohn bestrafen konnte.
Lucius hatte gelernt, beides widerspruchslos hinzunehmen, sowohl die geistige Vergewaltigung als auch die unweigerlich folgende, ausnahmslos harte und schmerzhafte Strafe. Danach hatte er sich jedesmal beschmutzt und gedemütigt gefühlt, doch diese Gefühle waren mit Alkohol oder anderen Rauschmitteln zu betäuben gewesen. Ja, er hatte sie sogar umwandeln können in Hass und Verachtung gegen seinen Vater. Aber unterschwellig hatten sie weiter an ihm genagt, waren wie ein schleichendes Gift in seinen Geist getropft und hatten ganz allmählich seine Persönlichkeit unterminiert.
Im Stillen sah Lucius sich selbst und seinen Charakter klar und ungeschönt. Er wusste, dass er feige war. Er wusste, dass er niederträchtig sein konnte. Aber er wusste auch, dass er nicht auf die Anerkennung seines Vaters verzichten konnte. Irgendwie musste er sie sich erkämpfen, egal mit welchen Mitteln. Sonst würde er über kurz oder lang zu Grunde gehen.
Die kalten Finger zogen sich aus seinem Geist zurück.
Lucius zwinkerte die Feuchtigkeit aus seinen Augen und sah seinen Vater nun wieder bewusst an. Doch der zornige, von Verachtung erfüllte Blick, mit dem er fest gerechnet hatte, war nicht da. Stattdessen erwartete ihn ein verwirrter, fast erschütterter Ausdruck auf dem Gesicht seines Vaters, und die grauen Augen, die ihn stets so kalt und feindselig sezierten, standen voller Fragen.
Schockiert starrte Lucius in dieses fremde Gesicht – und der irritierende Ausdruck verschwand im Bruchteil einer Sekunde. Die Züge seines Vaters waren plötzlich neutral wie die einer griechischen Statue. Mit einer fließenden Bewegung erhob er sich.
„Für dieses eine Mal, Lucius, verzichte ich darauf, dich zu bestrafen", verkündete er in gleichmütigem Tonfall. „Ich denke, dir ist selbst bewusst, wie würdelos dein Verhalten war. Severus erst zu helfen, um ihn dann zu verraten – eine so niederträchtige Handlungsweise hätte ich nicht einmal dir zugetraut. Aber wie ich sehe, bist du inzwischen noch tiefer gesunken, als ich für möglich gehalten hätte. Ich glaube nicht, dass du es wert bist, dass ich meine Zeit und Energie mit dir vergeude."
Er senkte die Stimme, bis sie fast ein Flüstern war – ein ausgesprochen drohendes Flüstern. „Aber sei gewarnt, Lucius: ein einziger Schritt weiter in die von dir eingeschlagene Richtung, nur eine Intrige mehr gegen Severus, und dieses Haus wird dir für sehr lange Zeit verschlossen sein. Haben wir uns verstanden, Sohn?"
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Severus' Tage waren ausgefüllt mit Unterricht in allen nur denkbaren magischen Fächern. Manche liebte er, vor allem Legilimentik, Zaubertränke und Heilkunst. Andere waren eher eine Pflichtübung, wie Astronomie oder Werwolfkunde. Und es gab nach wie vor Stunden, auf die er lieber verzichtet hätte. Das betraf vor allem die regelmäßigen Lektionen in der Kunst der Folter. Da Miguel nun nicht mehr als Übungsobjekt zur Verfügung stand, arbeiteten sie mit wechselnden Opfern, die Aemilius in der Muggelwelt von der Straße geklaubt hatte – Obdachlose, Drogensüchtige, Elendsprostituierte. Severus bemühte sich zwar, auch Folterkunst schlicht als eine Disziplin anzusehen, in der es galt, der Perfektion möglichst nahe zu kommen, aber ganz gelang ihm das nicht.
Drei Tage nach Miguels offiziellem Einzug im Hause Malfoy hatte Severus wieder foltern müssen. Aemilius hatte dieses Mal allerdings sorgfältig darauf geachtet, ein Opfer auszuwählen, das keinerlei erotische Begierden in seinem Schüler wecken würde. In jener Nacht war es ein betrunkener, übel riechender Obdachloser gewesen, der sich unter Schmerzensschreien auf dem Tisch gewunden hatte. Severus hatte sich zwar regelrecht vor dem Mann geekelt, aber seine Schreie hatten ihm dennoch ins Herz geschnitten. Obwohl er jeder von Aemilius' Anweisungen gefolgt war, hatten seine Hände dabei nicht aufgehört zu zittern.
Doch den Avada Kedavra zumindest schien sein Lehrer fürs Erste vom Stundenplan gestrichen zu haben. Nach Ende der Unterrichtsstunde hatte er die Verletzungen des Muggels geheilt, ihm einen Vergessenstrank in den Hals gekippt und Severus versichert, dass er den Mann exakt da absetzen würde, wo er ihn vor sechs Stunden aufgesammelt hatte. Severus hatte es vorgezogen, Aemilius' Worten Glauben zu schenken.
Seine knappe Freizeit verbrachte Severus mit Miguel. Aemilius hatte ihrem „Gast" ein Zimmer auf demselben Flur zugewiesen, auf dem auch Severus wohnte. Avery, der ein wesentlich kompetenterer Heiler als der noch in Ausbildung befindliche Hraban war, stattete Miguel täglich seinen Besuch ab. Ein Drogenentzug war keine erfreuliche Sache, auch mit magischer Unterstützung nicht. Zudem war Miguels Körper durch Mangelernährung und verschiedene Krankheiten geschwächt. Doch der Heiler tat sein Möglichstes, um den jungen Mann mit Tränken und Kräutern aufzupäppeln.
Severus war dankbar dafür, dass Aemilius sich nicht weiter in die merkwürdige Beziehung einmischte, die Severus mit Miguel führte. Täglich verbrachte er Stunden in Miguels Zimmer, und er schlief jede Nacht bei ihm im Bett. Bei ihm, nicht mit ihm. Severus nahm Hrabans Warnung bezüglich Miguels schwacher körperlicher Konstitution sehr ernst. Und außerdem: Selbst wenn Severus anderes gewollt hätte, er war sich nicht sicher, ob er noch einmal den Mut dazu finden würde ...
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Severus konnte eine Ewigkeit dasitzen und ihn einfach nur anschauen. Anfangs hatten seine Blicke Miguel furchtbar nervös gemacht. Doch inzwischen hatte er sich daran gewöhnt. Ihm war allmählich klar geworden, dass Severus ihm nichts tun würde. Seit jener Nacht im Keller hatte der Junge ihm nie wieder weh getan. So saß Miguel ruhig auf dem Bett oder am Schreibtisch und ließ sich von Severus betrachten.
Zwei- oder dreimal hatte er sich für seinen schweigsamen Besucher ausziehen wollen – immer im Bewusstsein, dass er vollkommen von Severus' Wohlwollen abhängig war und ihm daher so weit wie möglich entgegenkommen musste –, doch das war immer mit einem leisen Nein abgewehrt worden.
Manchmal setzte Severus sich neben ihn und berührte seine Hände, sein Gesicht, sein Haar, mit zitternden, federleichten Fingern.
Miguel wusste, dass er hübscher wurde, jetzt, wo sein Körper die Möglichkeit hatte, sich vom jahrelangen Missbrauch zu erholen. Er hatte schon zwei Kilo zugenommen, seit Aemilius Malfoy ihn als seinen „Besitz" deklariert hatte, und die letzten Spuren des Heroins verschwanden langsam aus seinem Körper.
Dennoch war er nicht schön zu nennen. Nicht alle Narben auf seiner Haut hatten geheilt werden können, manche waren schon zu alt gewesen – von den Narben auf seiner Seele ganz zu schweigen. Er wog immer noch mindestens zehn Kilo zu wenig für seine Größe, seine Knochen stachen überdeutlich hervor. Drogen und Prostitution hatten seinen Körper vor der Zeit altern lassen.
Trotzdem: Miguel hatte das verrückte Gefühl, in Severus' Augen der schönste Mann der Welt zu sein.
In der ersten Woche redeten sie kaum miteinander. Severus trat ein, schloss die Tür hinter sich, suchte sich einen Platz, von dem aus er einen guten Blick auf Miguel hatte und sah ihn an. Es gab eine alte Wanduhr im Zimmer, und so hatte Miguel feststellen können, dass der Rekord bei einer Stunde lag.
Wenn er sich an ihm sattgesehen hatte, kam Severus zu ihm und begann, ihn zu berühren. Es war nicht so, dass er Miguel jemals um Erlaubnis gefragt hätte, und die ersten Male hatten diese Annäherungsversuche ihn immer in Angst versetzt – auch wenn Miguel sich hütete, Severus diese Angst merken zu lassen. Doch irgendwann hatte er sich auch an die Berührungen gewöhnt. Vorsichtig hatte er erprobt, inwieweit er sich dabei bewegen durfte. Severus erlaubte ihm nicht, ihn seinerseits anzufassen, aber Miguel konnte sich beispielsweise hinlegen, wenn ihm der Sinn danach stand. Und das war eindeutig von Vorteil, denn auch mit Berühren konnte Severus sich stundenlang beschäftigen.
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„Das sieht doch schon viel besser aus", stellte Avery zufrieden fest, während er seinen Zauberstab über Miguels Körper wandern ließ. „Zwei Kilo mehr in einer Woche ... kaum noch Heroinrückstände im Körper ... Blut- und Leberwerte fast normal."
Der Heiler zog eine kleine Glasflasche aus seinem Koffer, die mit einer rubinroten Flüssigkeit gefüllt war. Er gab einige Tropfen davon in ein Wasserglas und reichte es Miguel. „Trink das."
Gehorsam schluckte Miguel seine Medizin.
Er freute sich auf die Besuche des Heilers, denn sie bedeuteten Abwechslung. Miguel hatte nicht viel zu tun. Die meiste Zeit des Tages verbrachte er im Bett, wie von Avery verordnet. Irgendwann mittags tauchte der schweigsame Severus für eine Stunde auf, verschwand wieder, um abends zurückzukehren, ohne Erklärung erneut zu verschwinden und schließlich gegen zehn Uhr im Pyjama zu ihm ins Bett zu schlüpfen.
Anfangs hatte Miguel nicht schlafen können vor Angst, wenn Severus neben ihm lag, ihn sacht streichelte und sich an ihn schmiegte – jeden Moment hatte er mit einer aggressiven sexuellen Attacke gerechnet. Doch diese war bisher ausgeblieben. Offenbar suchte Severus tatsächlich nur Nähe und jemanden, an dem er sich nachts festhalten konnte. Nach einer Woche Gewöhnungszeit schlief Miguel inzwischen ganz gut mit diesem seltsamen Bettgenossen an seiner Seite. Aber das änderte nichts daran, dass seine Tage entsetzlich langweilig verliefen.
Manchmal tauchte eines dieser merkwürdigen, fledermausohrigen Geschöpfe auf, um sauber zu machen. Nachdem Miguel herausgefunden hatte, dass diese Wesen tatsächlich sprechen konnten, unterhielt er sich gerne mit ihnen. Hauselfen schienen furchtbar unterwürfige und verschreckte Kreaturen zu sein. Miguel konnte sich im Moment gut mit ihnen identifizieren. Er hatte rasch festgestellt, dass sie sehr gesprächig wurden, wenn man nur nett zu ihnen war – Freundlichkeit schienen sie nicht gewöhnt zu sein. Von den Hauselfen stammten fast alle Informationen, die er über den Ort, an dem er gefangengehalten wurde, und die Personen, die hier lebten, hatte herausbekommen können.
Die einzigen Menschen, die sein Zimmer während der letzten Woche betreten hatten, waren Severus, Avery und Hraban gewesen. Severus sprach so gut wie gar nicht mit ihm. Die beiden Heiler waren entgegenkommender – obwohl Miguel nicht übersehen konnte, dass sie ihn in etwa wie einen zahmen Schimpansen behandelten.
Avery war mittlerweile dabei, seine Tasche zu packen.
„Sir?", fragte Miguel vorsichtig.
„Ja?"
„Ich ... darf ich Sie etwas fragen, Sir?"
Avery lächelte nachsichtig. „Du bist doch schon dabei. Na los, frag."
„Ich ... ich verstehe nicht, was ... was man ... die Leute hier ... also, was die von mir wollen."
Der Heiler seufzte leise, stellte die Tasche ab und setzte sich neben ihn auf die Bettkante.
„Du bist für Severus hier", sagte er sanft. „Das hat Aemilius dir doch gesagt, oder etwa nicht?"
„Ja, schon, aber Severus ... Er kommt jeden Tag her, er schläft jede Nacht bei mir im Bett, aber er ... er macht irgendwie nichts. Er sieht mich an – stundenlang manchmal –, er streichelt mich, er kuschelt sich an mich – und das war's. Ich meine, nicht, dass ich damit unzufrieden wäre oder so, es ist nur ... ich versteh' ihn nicht. Er redet nicht mit mir, er sagt mir nicht, was er von mir will. Das ist irgendwie ... das macht mir Angst. Ich habe immer das Gefühl, dass er eigentlich mehr will, aber er traut sich nicht, und dann denke ich, irgendwann macht's peng!, und er fällt über mich her ..."
„Möglich. Aber ist das wirklich ein Problem für dich? Du hast das schließlich jahrelang gewissermaßen beruflich gemacht."
„Ja, schon, aber da hab' ich wenigstens gewusst, was die Freier von mir wollten – das hab' ich immer geklärt, bevor ich mitgegangen bin. Und manchmal bin ich dann eben auch nicht mitgegangen. Okay, wenn ich dringend Stoff brauchte, dann konnte ich natürlich nicht so wählerisch sein ..."
„Und die haben sich immer an die Abmachungen gehalten? Dir ist nie was passiert?"
Miguel schwieg einen Moment.
Nichts passiert? Und ob ...
„Doch ... schon", gab er schließlich zu. „Und nicht nur einmal. Aber das heißt doch nicht, dass es mir nichts mehr ausmachen würde, wenn Severus" –
„Da kann ich dir auch nicht helfen", unterbrach Avery brüsk. „Du bist nun mal so etwas wie sein Eigentum. Entweder du ordnest dich unter und passt dich seinen Bedürfnissen an, oder du riskierst eine entsprechende Strafe."
Miguel schluckte. Das war deutlich gewesen.
„Und wenn ... wenn Severus eines Tages ... wenn er keinen Bock mehr hat auf mich? Was wird dann mit mir? Muss ich dann wieder ..." Seine Eingeweide verknoteten sich vor Angst. „Muss ich dann wieder zurück in den Keller? Damit ... damit sie mich quälen können ..." Seine Stimme brach.
„Merlin, nein!" Avery schüttelte energisch den Kopf. „Das wird ganz sicher nicht passieren."
Avery sah Miguel intensiv an. Miguel war erleichtert, als er die Aufrichtigkeit im Blick des Heilers las. Also würde er wirklich nicht mehr zurück müssen in diesen scheußlichen unterirdischen Alptraum.
Doch hinter Averys Beteuerung schien noch etwas zu lauern, versteckt und tückisch.
„Wenn ich ... wenn ich also nicht in den Keller zurück muss, was wird dann passieren mit mir?"
Der Heiler straffte die Schultern. Dann ließ er den Blick über die Zimmerdecke wandern. „Aha, wusst ich's doch. Die Hauselfen übersehen immer irgendwas." Avery deutete auf eine Ecke über dem Schreibtisch. „Siehst du die dicke schwarze Spinne da oben?" Miguel bejahte. „Accio Spinne!"
Das kleine Geschöpf sauste in Averys offene Hand. Er setzte es zwischen sich und Miguel auf die Bettdecke. Sofort begann das Tier, emsig davonzukrabbeln.
Der Heiler richtete erneut seinen Zauberstab auf die Spinne. „Avada Kedavra!" Ein grüner Blitz, dann lag das Tier still auf dem Rücken – unverkennbar tot.
Mit einem melancholischen Lächeln wandte Avery sich wieder Miguel zu. „Beantwortet das deine Frage?", sagte er sanft.
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An diesem Abend wartete Miguel zum ersten Mal auf Severus. Sonst hatte er immer versucht, sich irgendwie zu beschäftigen, sich abzulenken. Hraban, der ihn in der letzten Woche ebenfalls beinah täglich besucht hatte, hatte ihm einige Bücher mitgebracht: Krimis und Abenteuerromane, druckfrisch und noch mit einem Preiseintrag versehen, aus einer Buchhandlung in London, die Miguel sogar kannte. Es versetzte ihm jedes Mal einen Stich, wenn er die Adresse auf dem eingelegten Werbezettel sah.
Lesen half ein bisschen gegen die innere Leere – und gegen die Angst, die immer noch Miguels vorherrschendes Gefühl war. Zunehmend quälte ihn auch das Verlangen nach Heroin, machte ihn kribbelig, unaufmerksam und gereizt, was in seiner Lage ausgesprochen gefährlich werden konnte. Der Stoff hätte es so einfach gemacht, alle Ängste zu betäuben – zumindest eine Zeit lang.
Doch natürlich bestand für ihn an diesem Ort keine Aussicht, an ein noch so winziges Krümelchen Heroin zu gelangen, und so mussten die Bücher zur Ablenkung genügen. Wider Erwarten halfen sie sogar recht gut gegen Langeweile und Angst, wenn sie ihn in ihre fremden Welten entführten, doch die wohltuende Wirkung ließ meist ebenso rasch nach wie bei jeder anderen Droge.
So gerne Miguel sich auch von den Büchern verführen ließ, an diesem Abend war es ihm völlig unmöglich gewesen, sich auf den verschlungenen Pfad aus Buchstaben einzulassen, der ihn ins Italien der Renaissance locken wollte.
Die Welt, in die er selbst gegen seinen Willen hineingestoßen worden war, war viel fremder und faszinierender, aber auch weit verstörender als jedes Buch, das Miguel jemals gelesen hatte. Ständig schwebte die Drohung seines eigenen Todes über ihm – eine Vorstellung, mit der er früher oft gespielt hatte. Mit vierzehn hatte er seinen ersten, halbherzigen Selbstmordversuch mittels einer Rasierklinge unternommen. Zwei Jahre später hatte er geplant, sich mit einer Überdosis Heroin umzubringen, doch der Stoff war so stark gestreckt gewesen, dass auch dieser Versuch gescheitert war. Vor einem halben Jahr hatte er sich schließlich noch einmal die Pulsadern aufgeschnitten, diesmal weit professioneller, war aber von einem der anderen Stricher gefunden und ins Krankenhaus gebracht worden.
Jetzt, wo sein Tod so ausgesprochen real im Raum stand, hatte Miguel plötzlich nicht mehr den Wunsch, zu sterben. Im Gegenteil: Er hing mit einem Mal so verzweifelt an seinem Leben wie nie zuvor.
Nervös ging er in seinem Zimmer auf und ab. Es war ein schönes Zimmer, das schönste, das Miguel je betreten hatte. Selbst, als er noch sehr jung gewesen war und deshalb bessere, großzügigere Freier gehabt hatte als in den letzten zwei, drei Jahren, hatte er nie eine Nacht in einem auch nur annähernd so prachtvollen Raum verbracht. Manche seiner Kunden hatten ihn mit zu sich nach Hause genommen, andere waren mit ihm in ein Hotel gegangen, aber keine Villa und kein Hotel seiner Erinnerung reichte an den finanziellen Aufwand und den ausgesuchten Geschmack heran, mit dem dieses Zimmer eingerichtet worden war.
Sein Zimmer. Sein Gefängnis. Im Ganzen vielleicht dreißig Quadratmeter groß.
Der Boden war wohl aus Marmor, soweit Miguel das beurteilen konnte, große Steinplatten in Schwarz und warmem Rotbraun, im Schachbrettmuster ausgelegt, an zwei Stellen von weichen Teppichen aus heller Wolle bedeckt. Die Wände waren glatt verputzt und in einem erdigen Ockerton gestrichen, die Decke holzvertäfelt im selben Braunrot, das auch im Fußboden vorkam. Vor den raumhohen Flügelfenstern hingen Vorhänge aus schwerem, hellen Leinenstoff. Einige große Kübelpflanzen standen vor der Fensterfront. Der Blick ging auf einen weitläufigen Landschaftspark hinaus. Eingerichtet war der Raum mit zierlich wirkenden, verschnörkelten Möbeln – Himmelbett, Kleiderschrank, Kommode, Schreibtisch, zwei Bücherregale – aus einem rötlichen Holz, das Miguel für Mahagoni hielt. Eine Tür führte in ein türkisgrün und schwarz gekacheltes Badezimmer, eine andere wohl auf den Flur. Doch diese letzte Tür blieb für ihn immer verschlossen.
Unter anderen Umständen hätte Miguel sich hier durchaus wohlgefühlt. Das Zimmer war hell, groß und freundlich und hatte eine irgendwie beruhigende Atmosphäre. Manchmal schien es ihm fast so, als ob die Wände ihm sanfte Worte zuraunten, in einer fremden, freundlichen Zaubersprache. Er verfügte über ein eigenes Bad – für jemanden, der die letzten sechs Monate auf der Straße, in Notunterkünften und billigen Absteigen verbracht hatte, ein nahezu unerhörter Luxus. Die Hauselfen brachten ihm regelmäßig und reichlich zu essen, und dieses Essen war so gut, dass er tatsächlich langsam an Gewicht zulegte, nachdem er jahrelang klapprig wie eine Vogelscheuche gewesen war. Außerdem versorgten die kleinen Wesen ihn mit Kleidung, die von Miguel bisher unbekannter Qualität war, Samt, Seide, Kaschmir, Angora, in prachtvollen Farben und mit kunstvollen Stickereien verziert.
Tatsächlich war er untergebracht, gekleidet und umsorgt wie ein orientalischer Prinz aus einem seiner Abenteuerromane. Und doch war er ein Gefangener.
Miguel musste seine rastlose Wanderung unterbrechen, weil ihm wieder schwindelig wurde. Zwar war der körperliche Entzug so gut wie abgeschlossen, aber gesund war er trotzdem nicht. Avery hatte ihm mitgeteilt, dass seine Hepatitis zwar nicht mehr ansteckend war, dass jedoch bis zu ihrer Ausheilung noch mindestens ein Monat vergehen würde. Außerdem musste er sich irgendwann Würmer eingefangen haben, die seinem Herzen ziemlich zugesetzt hatten. Laut Avery würde zwar auch das mit der Zeit in Ordnung kommen, aber noch schwächte es Miguel spürbar. Dazu kam die ewige innere Unruhe, die Unsicherheit, die Angst. Er war ihnen so vollkommen ausgeliefert, diesen merkwürdigen Menschen, die er nicht verstand, und er wusste, dass er für sie kaum einen höheren Stellenwert als irgendein Tier hatte.
Es frustrierte Miguel, dass er so wenig tun konnte, um auf seine Situation Einfluss zu nehmen. Seine einzige Hoffnung war Severus – doch der stellte gleichzeitig auch die größte Bedrohung dar.
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Müde tapste Severus die Treppen in den zweiten Stock hoch. Er hatte eine ausgesprochen anstrengende Doppelstunde Duellierkunst hinter sich – nun nicht mehr bei Lucius, den er seit dessen Verrat kein einziges Mal zu Gesicht bekommen hatte, sondern bei Rabastan, was auch die späte Uhrzeit erklärte, da sein neuer Lehrer tagsüber arbeiten musste. Nachdem Severus fast fünf Wochen lang immer nur mit einem Gegner geübt hatte, war heute erstmals ein weiterer Kombattant dabei gewesen – Hraban. Die Zahl von Severus' Lehrern war begrenzt, da jede zusätzliche Person, die von seiner Mitgliedschaft im Orden wusste, eine Erhöhung des Sicherheitsrisikos bedeutete – und andersherum galt natürlich das Gleiche. Sich gegen zwei Angreifer auf einmal zu verteidigen, auch wenn diese sich noch zurückhielten, hatte ein Höchstmaß an Konzentration verlangt.
Rasch huschte Severus in sein Zimmer, nahm eine eilige Dusche und schlüpfte in seinen Schlafanzug, um sich anschließend auf den Weg zu Miguel zu machen. Behutsam öffnete er die Tür. Es war fast Mitternacht, vielleicht schlief der junge Mann schon.
Miguel lag tatsächlich bereits im Bett, doch bei Severus' Eintreten setzte er sich hastig auf und sah ihm entgegen.
„Hallo", sagte Miguel leise.
Severus nickte nur. Wie selbstverständlich steuerte er das Bett an, lüpfte die Decke und ließ sich neben dem anderen auf die Matratze fallen. Dabei hielt er Miguel permanent mit seinem Blick gefangen. Aemilius hatte begonnen, Severus zusätzlich in Hypnose zu unterrichten, und er nutzte jede Gelegenheit, um zu üben. Mit Rabastan hatte er wenig Erfolg gehabt, aber bei Hraban ...
Nun ja, Hypnose erforderte Mitarbeit oder zumindest Duldung durch den zu Hypnotisierenden, wie Aemilius ihm erklärt hatte, und bei Rabastan stand es natürlich völlig außer Frage, dass er sich freiwillig einem fremden Willen überantworten würde.
Im Gegensatz zur Hypnose konnte Legilimentik auch als Zwangsmaßnahme angewandt werden. Der erforderliche Augenkontakt war notfalls mit Hilfe eines Zauberspruches herzustellen. In Kombination jedoch waren die beiden Disziplinen am Effizientesten: Der geistige Widerstand des Opfers wurde mittels Legilimentik gebrochen, seine Gefühle und Erinnerungen freigelegt, um ihm anschließend in Hypnose zusätzliche „Erinnerungen", eine ideologische Überzeugung oder auch einen Befehl einzupflanzen. Was immer man auf diese Weise in das fremde Bewusstsein implantierte, wurde vom Betroffenen nach seinem Erwachen aus der Trance nicht als geistiger Fremdkörper, sondern als Teil seines Selbst empfunden. Gehirnwäsche in Vollendung, wesentlich präziser und nebenwirkungsärmer als der Imperius. Die Möglichkeiten, die diese Methode bot, waren faszinierend, und dennoch ...
Der Gedanke, einen anderen Menschen auf diese Weise zu manipulieren, verursachte Severus eisiges Unbehagen und spornte ihn an, sich selbst durch verbissenes Trainieren seiner Okklumentik-Fähigkeiten vor einer derartigen mentalen Vergewaltigung zu schützen. Er empfand sie als das so ziemlich Erniedrigendste und Niederträchtigste, was man einem anderen Menschen antun konnte. Umso mehr hatte es ihn überrascht, dass Hraban vorhin fast bereitwillig auf dieses „Spiel" eingegangen war, dass er sich Severus' Suggestionen mit einem Lächeln auf den Lippen überantwortet hatte ...
„Ich ... muss mit dir reden", flüsterte Miguel.
Severus, so unerwartet aus seinen Gedanken gerissen, runzelte missbilligend die Stirn. Er hatte keine Lust, zu reden, grundsätzlich nicht. Außerdem war er müde.
Abwehrend schüttelte er den Kopf.
„Bitte ..." Miguel sah ihn scheu von der Seite an. „Es ist wichtig ..."
Severus verdrehte die Augen und nickte knapp. Was konnte so wichtig sein, dass es unbedingt heute Nacht noch besprochen werden musste?
„Avery war vorhin hier", begann Miguel, indem er auf den Saum der Bettdecke starrte und ein paar imaginäre Fusseln abzupfte.
Das ist nicht neu. Avery kontrolliert täglich seinen Zustand.
Miguel nahm etwas Kleines, Schwarzes vom Nachttisch und verbarg es in der geschlossenen Hand.
„Er ... er hat mir gesagt ..." Miguel verstummte.
Die Stille dehnte sich.
Nach ein oder zwei Minuten hakte Severus genervt nach: „Und?! Was hat er nun gesagt, dass du deswegen unbedingt mit mir sprechen wolltest?!"
Der Vorwurf war unüberhörbar. Miguel hatte kein Recht, Severus' kostbare Zeit zu stehlen. Schließlich war er nur ein Muggel und konnte froh sein, dass er überhaupt noch am Leben war, dass Aemilius ihn kleidete und ernährte, dass –
Miguel öffnete die Hand. In ihr lag eine tote Spinne.
„Das ist eine tote Spinne", stellte Severus überflüssigerweise fest. „Was soll das?!", setzte er gereizt hinzu.
„Avada Kedavra", hauchte Miguel und sah Severus anklagend an. In seinen braunen Augen standen Tränen. „Avery hat gesagt, dass ... ihr werdet das mit mir machen. Wenn ich für euch nicht mehr interessant bin. Wenn du dich mit mir langweilst."
Severus starrte auf die tote Spinne. Er brachte kein Wort heraus.
Das Schlimme war, dass Miguel wahrscheinlich Recht hatte. Bis jetzt hatte Severus noch keinen Gedanken daran verschwendet, was werden sollte, wenn die Ferien zu Ende gingen und er wieder zur Schule musste. Immer noch war da dieses warme, zufriedene Gefühl, wenn er Miguel ansah, ihn berührte. Doch Aemilius hatte ihm klar gemacht, dass Liebe zwischen einem Zauberer und einem Muggel nicht möglich war.
Miguel war geduldet im Haus der Malfoys, als eine Art von Spielzeug für Severus – als etwas, an dem er sich ausprobieren, an dem er lernen konnte. Aemilius zweifelte nicht daran, dass Severus sich in den Muggel verliebt hatte, war aber unverkennbar der Meinung, dieses Gefühl würde sich rasch verlieren, wenn Severus häufiger mit dem jungen Mann zusammen war.
„Irgendwann", hatte sein Lehrer vorgestern während des Legilimentik-Unterrichts beiläufig bemerkt, „wirst du schlicht genug von ihm haben. Und dann wirst du dir ganz selbstverständlich einen gleichwertigen Partner suchen. Aber es kann ja nicht schaden, wenn du vorher ein bisschen übst. Immerhin hat der Junge Erfahrung. Er wird dir schon das eine oder andere beibringen können."
Dumm nur, dass Severus immer noch zu verkrampft war, um sich auf diese Art von Erfahrung einzulassen. Solange Miguel ruhig dasaß, sich anschauen und anfassen ließ – bekleidet, wohlgemerkt – war alles in Ordnung, konnte Severus seine Nähe genießen. Sobald Miguel jedoch irgendwie aktiv wurde, Severus seinerseits berührte oder sich gar auszuziehen begann, erfasste ihn sofort die Panik. Er fühlte sich angegriffen, unter Druck gesetzt, verletzlich. Zwar hatte er es genossen, Miguels nackten Körper zu erforschen, aber da hatte der junge Mann in tiefem Schlaf gelegen. Und als sie miteinander geschlafen hatten – nun, da hatte Severus schlicht die Kontrolle über sich verloren, etwas, das ihm immer noch ausgesprochen peinlich war. So sehr er sich auch nach einer Wiederholung dieser sexuellen Erfahrung sehnte, einen erneuten Kontrollverlust wollte er auf keinen Fall riskieren. Und so war alles, was er mit Miguel tat, von dieser unterschwelligen Furcht geprägt.
Dass die Situation für Miguel gleichfalls schwierig und mitunter beängstigend sein musste, war ihm schon irgendwie klar gewesen. Doch wie bedroht Miguel sich tatsächlich fühlen musste, wurde Severus erst jetzt bewusst.
Mühsam riss er sich vom Anblick der starren Spinnenbeine los und sah zögernd in Miguels Gesicht. Da war sie, die Angst – ein wildes Tier, unter Auferbietung aller Kräfte gefangengehalten, doch deutlich sichtbar in den braunen Augen.
„Miguel ...", begann Severus unsicher. „Ich ..." Er brach ab.
Was konnte er ihm schon versprechen? Sollte er Miguel anlügen, damit dieser seine Angst verlor?
Severus ließ seinen Blick über das schweifen, was unter und über der Decke von Miguels Körper zu sehen war. Diesen Körper liebte und begehrte er. Doch was war mit dem Rest von Miguel? Sollte er versuchen, ihn um seines Körpers Willen zu schützen? Würde Aemilius überhaupt bereit sein, Miguel während des Schuljahres in seinem Haus zu beherbergen, wenn ihm klar wurde – und das konnte seinem Lehrer als hervorragendem Legilimentiker nicht allzu schwerfallen – dass da keine Liebe, nur erotische Faszination und sexuelles Begehren in Severus war?
Wieder sah er Miguel in die angsterfüllten Augen. Wer war der Mensch, dem dieser Körper gehörte? Konnte er lernen, auch ihn zu lieben? Und wenn ja, würde er ihn dann retten können? Ihn retten wollen?
„Erzähl mir von dir", verlangte Severus leise.
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