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Schattenprinz

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Kapitel 19

Glück und Glas

SSSSSSS

„Erzähl mir von dir."

Im ersten Moment war Miguel so überrascht, dass er kein Wort herausbrachte. Sein Kopf war plötzlich wie leergefegt.

Erzähl mir von dir.'

„Was ... was willst du wissen?", brachte er schließlich mühsam hervor.

„Alles."

Miguel holte tief Luft. „Alles ..."

Wo sollte er anfangen? Ich wurde geboren, ich wuchs auf ... Nein, das war nicht das Richtige. Vielleicht sollte er an dem Punkt anfangen, der ihn letztlich hierher gebracht hatte, in dieses merkwürdige Haus und an die Seite dieses seltsamen Jungen.

„Ich hab' angefangen Drogen zu nehmen, als ich vierzehn war. Meine Eltern hatten sich getrennt ... Na ja, war sowieso 'ne scheiß Ehe, haben sich immer gestritten, sogar geprügelt, die beiden."

Er schwieg einen Moment lang.

„Meine Mutter ist Spanierin, hat als Putzfrau gearbeitet, mein Vater kommt aus Liverpool, er ist Bauarbeiter. Ich hab' noch zwei kleine Schwestern, die sind jetzt ... also, Annie müsste sechzehn sein inzwischen und Grace vierzehn – nein, stopp, die hat im Oktober Geburtstag, dreizehn also. Oh, und ich bin übrigens neunzehn."

Pause.

„Also, mit den Drogen hab' ich angefangen, als ich vierzehn war. Zuerst hab' ich nur gekifft und, na ja, ziemlich heftig gesoffen ..." Er lächelte verlegen. „Ich bin dann oft auch nicht in die Schule, aber meine Mum hat das gar nicht mitgekriegt. Taschengeld gab's nicht viel, ich hab ein paar Jobs gemacht, aber als ich dann so richtig auf Heroin war, da hat die Kohle natürlich nicht mehr gereicht. Na ja, und da meinte mein Dealer halt, da am Piccadilly Circus, da kannste dich hinstellen und ziemlich schnell ziemlich viel Geld verdienen. Und das hab ich dann auch gemacht. Da war ich fünfzehn – na, fast."

Miguel sah den Schock in Severus' Augen und lächelte leicht. „So übel war das gar nicht – zumindest am Anfang. Du machst nirgendwo so viel Kohle für so wenig Einsatz wie auf dem Strich – das heißt, wenn du jung bist. So dreizehn, vierzehn, das ist das beste Alter für Jungs. Sechzehn ist die Grenze, ab da fallen die Preise. Und viele Freier wollen auch gar keinen richtigen Sex, nur ein bisschen schmusen und so. Das ist echt leicht verdientes Geld."

Solange man noch in einer Position ist, in der man Freier auch ablehnen kann.

Miguel fühlte sich plötzlich elend, als er sich an die letzten zwei Jahre erinnerte.

„Wenn man dir allerdings ansieht, dass du an der Nadel hängst ... Die wissen dann natürlich, dass du unbedingt Geld brauchst, und nutzen das aus. Manche lassen dich arbeiten und zahlen dann nicht. Einer hat mich mal mitten in der Nacht in irgendnem Vorort aus dem Auto geworfen, und ich kam da nicht mehr weg, bis sechs Stunden später der erste Bus fuhr – im Winter, bei minus fünf Grad. Und wenn man richtig unten ist ... Zuletzt hab ich's manchmal bloß für'n Schlafplatz gemacht, oder für was zu essen."

Severus sah ihn an. Sah ihn einfach nur an mit seinen durchdringenden schwarzen Augen. Lange.

„Und deine Eltern?", fragte Severus schließlich leise. „Haben die dich nicht gesucht?"

„Keine Ahnung." Miguel zuckte die Achseln. „Mein Vater bestimmt nicht. Der hat sich 'ne Neue geangelt und interessiert sich 'nen Dreck für uns. Meine Mutter hatte, glaub' ich, selber zu viele Probleme, um sich groß um mich zu kümmern ... Depressionen und Alkohol und so. Irgendwann hat sie dann auch das Sorgerecht verloren und wir sind alle ins Heim gekommen. Ich wär' gern mit meinen Schwestern zusammengeblieben, aber bei der Behörde fanden die wohl, ich bräuchte 'ne Spezialbehandlung – drogenabhängig, geht auf'n Strich, geklaut hab ich auch schon mal was ... Na, auf jeden Fall kam ich dann in so'n Heim für schwererziehbare Jungs. Das war aber nicht viel besser als auf'm Strich, was da teilweise abging ... Mann." Er lachte, leise und bitter. „Da bin ich dann halt immer wieder abgehauen. Wenn ich mich schon meinen Arsch hinhalten muss, dann kann ich auch Kohle dafür nehmen, oder? Das ist doch irgendwie fairer."

Miguel hielt erschrocken inne.

Was, wenn er das jetzt als Angriff versteht? Oder als Beleidigung? Scheiße ...

„Red' doch weiter."

In den schwarzen Augen war keine Gefühlsregung zu erkennen.

Scheiße.

„Severus ... Ich wollte damit nicht sagen, dass du ... dass du mich" –

„Schon gut. Red' einfach weiter."

Miguel schluckte mühsam seine Angst hinunter, ehe er mit gedämpfter Stimme fortfuhr: „Na ja, da gibt's eigentlich nicht mehr viel zu erzählen. Im Heim haben sie mich drei Mal gezwungen, einen Entzug zu machen, aber ich hab' nie mehr als eine Woche gebraucht, bis ich wieder an der Nadel hing. Du sagst dir halt jedesmal, dass es der letzte Schuss ist, du brauchst nur noch diesen einen, und dann bist du clean für die Ewigkeit ... Funktioniert nie. Bei keinem."

Er fuhr nachdenklich mit den Fingerspitzen über seinen linken Unterarm. Nach der magischen Behandlung mit Hrabans Salbe waren die Narben stark zurückgegangen, aber man konnte sie immer noch fühlen, stecknadelkopfgroße Knötchen auf der Haut. Sie sahen aus wie eine Schnur kleiner blassroter Perlen, die entlang seiner Venen verlief.

„Als ich volljährig wurde, da haben's die Behörden natürlich aufgegeben, mir hinterherzurennen. Das letzte Jahr hab' ich fast komplett auf der Straße verbracht. Manchmal konnte ich für ein paar Tage oder Wochen bei einem Freier unterkriechen, oder in 'ner Notunterkunft, aber meist hab' ich wirklich unter der Brücke gepennt oder in irgendnem Abbruchhaus."

Er atmete tief durch. Sein Blick wanderte zum Fenster, in den vom Mondlicht überglänzten Park hinaus.

„Zuletzt war's für mich fast unmöglich, einen Freier zu kriegen. Ich sah aus wie ein Gespenst. Wenn ich keinen Stoff auftreiben konnte, dann war ich halb verrückt und hab' bei den Kunden eher Angst erregt als irgendwelche entscheidenden Körperteile." Er grinste schwach. „Man hat mir angesehen, dass ich krank war. Ich hab' gestunken, weil ich mich nirgendwo richtig waschen konnte, und meine Klamotten schon gar nicht. Es gibt zwar auch ein paar Männer, die auf sowas stehen, aber leider nicht genug für die vielen Fixer im Endstadium, die auf ihre Kohle angewiesen sind ..."

Miguel zuckte überrascht zusammen, als er plötzlich Severus' Hand auf der seinen spürte. Unsicher sah er den Jungen an.

Doch Severus nickte ihm nur ernst zu, eine stumme Bitte, mit seiner Erzählung fortzufahren.

„Ich hab' wirklich gedacht, ich mach's nicht mehr lang. Und wahrscheinlich hätt' ich echt kein halbes Jahr mehr durchgehalten."

Miguel begann, ein imaginäres Muster auf die Bettdecke zu malen.

„In der Nacht, als er ... als Aemilius mich angequatscht hat ... Also, ich konnt's kaum fassen, dass er mich angesprochen hat auf der Straße, so mies, wie ich aussah. Und da hab' ich plötzlich gedacht: Das ist das letzte Mal. Wenn er mich bezahlt hat, dann kauf ich mir richtig gutes H – und dann bin ich weg."

Er blickte rasch auf, als er fühlte, wie Severus sacht über seine Hand strich.

Severus sah ihn an, und der Schmerz in seinen schwarzen Augen spiegelte den in Miguels eigener Seele wider.

Als Miguel weitersprach, blickte er Severus dabei unverwandt an.

„Ich wollte mir den goldenen Schuss setzen, damals."

Damals. Dabei ist das erst eine Woche her.

Es war so viel geschehen in diesen wenigen Tagen, dass Miguel seine eigene Vergangenheit ganz unwirklich erschien.

„Aemilius ... Er kam mir echt wie ein Engel vor, als er so plötzlich vor mir stand. Ich hab' ihn nicht kommen sehen. Es ging mir so dreckig, dass ich kaum mitkriegte, was ringsum passierte. Und plötzlich fasst er mich am Arm, fragt mich, wie viel ... Er hatte diesen teuren schwarzen Anzug an, Krawatte und Aktentasche, und sein Haar war zum Zopf gebunden. Er sah aus wie ein stinkreicher Typ, der direkt von der Börse kommt oder aus irgendner riesen Firma. Freundlich war er, hat mich gar nicht so von oben herab behandelt, wie das viele Freier tun. Nur ... nur seine Augen, die haben mir Angst gemacht. Die waren so kalt ..."

Miguel schluckte, als er sich an den eisig taxierenden Blick erinnerte, mit dem Aemilius ihn auf der Straße gemustert hatte.

„Aber ich bin natürlich trotzdem mitgegangen. Ich brauchte das Geld – unbedingt. Er hat mich zu seinem Auto geführt, ein schwarzer Bentley mit Chauffeur, und dann ging's in ein Wahnsinns-Hotel mit Liftboys, Palmen, Brunnen und Orientteppichen ... Er hat mich in eine mordsmäßig teuer eingerichtete Suite gebracht, so'n Raum, in dem man sich nicht traut, irgendwas anzufassen, weil man Angst hat, man könnt's kaputt machen und müsste es dann den Rest seines Lebens abbezahlen."

Miguel lachte halbherzig.

„Logischerweise wollte er, dass ich bade. Na, ich war natürlich überglücklich, mal wieder mit Wasser in Berührung zu kommen, das kein Regen und keine Pisse war. Ich glaub', ich bin ziemlich lange in der Wanne geblieben ... Als ich aus dem Bad kam, saß er nebenan auf dem Sofa, ohne Jackett. Ich war nackt, natürlich, aber er hat gesagt, ich soll mich wieder anziehen. Meine Klamotten lagen da über 'nem Stuhl, und sie waren irgendwie verdammt sauber. Damals wusste ich noch nicht, wie er den ganzen Dreck in so kurzer Zeit da rausgekriegt hat, aber ich denke mal, er wird's weggezaubert haben. Na, ich hab' mich angezogen, und da stand ein Imbiss auf dem Tisch, Zeugs, das ich noch nie gesehen hatte, und er hat gesagt, ich soll erst mal was essen. Das hab' ich auch getan. Ich kam mir wirklich vor wie im Paradies."

Miguel wandte mit einem melancholisch versonnenen Lächeln den Blick ab und begann wieder auf die Bettdecke zu zeichnen.

„Na ja, und als ich fertig war mit essen, da hat er mir 'nen Drink in die Hand gedrückt. Ich soll's auf Ex trinken, hat er gesagt, und da dachte ich mir schon, dass er da irgendwas reingemischt hat, aber ich hab's trotzdem getrunken. Hab's halt für irgend'n Aufputschmittel gehalten."

Wieder strich ihm Severus über die Hand.

„Ja ...", sagte Miguel leise. „Und dann war ich erst mal weg. Und als ich wieder aufgewacht bin ... da war ich in diesem Keller. Er war auch da. Und du."

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Am folgenden Morgen erschien Severus ziemlich verschlafen zum Frühstück.

„Na, Severus?", begrüßte Aemilius ihn mit gutmütigem Spott in der Stimme. Seit einer Woche frühstückten sie nur noch zu zweit. „Was hast du denn getrieben letzte Nacht? Du kannst ja kaum die Augen offenhalten."

Severus errötete leicht. „Wir haben geredet."

„Geredet, soso." Aemilius lächelte wissend.

„Wirklich!"

„Ist ja gut. Ich glaube dir ja. Abgesehen davon ist es mir relativ egal, was du mit ihm anstellst, solange du anschließend noch in der Lage bist, deinem Unterricht zu folgen. – Ich möchte dich heute Abend auf eine kleine Feier mitnehmen. Nichts Großartiges, aber du wirst dort einige einflussreiche Leute kennenlernen. Manche von ihnen haben hohe Positionen im Ministerium inne und sind noch nicht als Unterstützer des Dunklen Lords bekannt. Daher möchte ich sicherheitshalber deine geistigen Barrieren überprüfen, bevor wir uns gemeinsam ins gesellschaftliche Leben stürzen. Und ein Schnellkurs in Etikette dürfte auch nicht schaden – obwohl sich deine Manieren schon sehr verbessert haben, seit du hier bist."

Severus senkte verlegen den Blick. Er wusste, dass seine gesellschaftlichen Umgangsformen in Aemilius' Augen deutlich zu wünschen übrig ließen. Severus war im Arbeitermilieu aufgewachsen, und die Jahre in Hogwarts mit ihrem Rudelleben hatten auch nicht gerade zur Verfeinerung seiner Tischsitten oder zur Perfektionierung seiner Fähigkeiten in Smalltalk beigetragen.

Da er ein scharfer Beobachter war, hatte Severus sich während der Ferien bemüht, alles, was ihm bei Aemilius, Lucius oder Avery an „Etikette" auffiel, so gut wie möglich zu kopieren. Sein Umgang mit Messer und Gabel beispielsweise war schon viel virtuoser geworden. Außerdem achtete er zum ersten Mal in seinem Leben auf sein Äußeres, wusch sich mehrmals in der Woche die Haare und stellte seine von Aemilius' finanzierte Kleidung mit Sorgfalt zusammen.

Dennoch lagen weiterhin Welten zwischen Severus und dem, was man als „High Society der Zaubererwelt" bezeichnen konnte. Bei dem Gedanken, in viel zu wenigen Stunden einer Partygesellschaft aus Leuten wie den Malfoys und den Blacks gegenüberzustehen, brach ihm der kalte Schweiß aus.

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Der Abend kam viel zu schnell. Ehe er sich versah, fand Severus sich im weitläufigen Garten eines einsam gelegenen Landhauses wieder. Zwischen den Bäumen waren zahlreiche Lampions aufgehängt, Fackeln staken im Erdreich und einige Feen verbreiteten ein spährisches Glühen. Etwa dreißig bis vierzig Personen schlenderten plaudernd über die verschlungenen Kieswege oder saßen an den kerzenbeleuchteten Tischen unweit des mit Köstlichkeiten beladenen Buffets.

Severus' Knie fühlten sich immer noch ein bisschen wacklig an. Um seine Okklumentik-Fähigkeiten zu testen, hatte Avery ihn mit einigen höchst schmerzhaften Flüchen belegt, während Aemilius versuchte, seine geistigen Barrieren zu durchbrechen. Doch Severus hatte standgehalten, und so blieb ihm nun nichts anderes übrig, als an dieser grässlichen Party teilzunehmen.

Er wurde einer Anzahl teuer gekleideter, eleganter und eloquenter Hexen und Zauberer vorgestellt und war ausgesprochen dankbar dafür, dass sein Lehrmeister ihm Hraban zur Seite gestellt hatte, der ihn relativ sicher über das glatte gesellschaftliche Parkett geleitete. Endlich gelang es ihnen, sich an einen Tisch mit den Lestrange-Brüdern und einigen anderen Todessern zurückzuziehen, während Aemilius in seiner jovialen Art weiter von Gruppe zu Gruppe schritt, sich unterhielt, lachte und trank.

Unter den Todessern herrschte bereits eine ziemlich lockere Stimmung. Anfangs war Severus misstrauisch und zurückhaltend wie immer, doch der Wein war gut und es gab reichlich davon. Schließlich wagte er sich weiter hervor, als er es seit langem getan hatte, und war überrascht, dass sein scharfer und treffender Witz unter den Gästen auf allgemeine Zustimmung stieß. Die Atmosphäre wurde immer gelöster und übermütiger, und zuletzt wurden unter lautem Gelächter und zahlreichen mehr oder weniger intelligenten Kommentaren Anekdoten aller Art zum Besten gegeben.

„Erinnert ihr euch noch an die Muggeljagd in Surrey vor zwei Jahren?", fragte Rodolphus grinsend.

Sein Bruder Rabastan prustete und spuckte eine beachtliche Menge Rotwein über Mulciber. „Verdammt, ja! Mann, dieser Idiot, den wir damals dabei hatten – wie hieß er noch gleich?"

„Lowood", sagte Avery.

„Richtig, Lowood", bestätigte Rabastan. „So was von unfähig und blasiert hab' ich noch nicht erlebt. Da hat er diese Muggel, dieses blonde Flittchen, mit einem Stichzauber erwischt, aber so schlecht gezielt, bei der kurzen Entfernung ..."

„Und dieser riesige, haarige Kerl, wie der gebrüllt hat, als ich ihn mit dem Eingeweide-Ausweide-Fluch belegt habe ... Wahnsinn." Rodolphus hob sein Glas und nahm einen tiefen Zug. „Wirklich erstaunlich, wie zäh diese Muggel sind ... Hätte nicht gedacht, dass man noch so lange leben kann, wenn einem die Hälfte aller Organe fehlt."

„Oh ja, zäh sind sie ... Das merke ich immer wieder bei meinen Versuchen. Klammern sich mit einer Energie am Leben fest, dass es fast schon lächerlich ist", warf Dolohow ein. „Als ich letzte Woche mit Cutter den neuen Verbrennungszauber und die Heiltränke dazu getestet habe ... Man sollte nicht glauben, wie lange diese Muggel durchhalten. Verbrennungen dritten Grades auf siebzig Prozent der Körperoberfläche, und die leben und leben immer weiter ... Die Heiltränke waren so gut, dass wir nur zehn Prozent Verlust unter den Versuchsobjekten hatten. Fünfzig Prozent konnten wir vollständig heilen, den Rest zumindest eingeschränkt für die nächsten Experimente wieder flott machen. Ich meine, sie müssen schließlich keine Augen haben, wenn ich sie nur zum Testen von ein paar Knochenbiegezaubern brauche, oder?"

Die anderen lachten lauthals. Nur Avery und Hraban wirkten etwas zurückhaltender, signalisierten aber trotzdem ihre Zustimmung.

Severus fühlte sich zunehmend unwohl, zwang sich aber, eine zumindest neutrale Maske aufrechtzuerhalten.

„Diese Muggel, die ihr da für eure Experimente nehmt ...", begann er zögernd, sorgfältig darauf bedacht, den Eindruck wissenschaftlichen Interesses zu vermitteln. „Ist das nicht schwierig, wenn man die so gut kennt mit der Zeit? Ich meine, vielleicht mag man ja doch den ein oder anderen ..."

Dolohow grinste breit. „Mich interessiert nur ihr Nutzwert. Sie sind Rohmaterial, Messinstrumente, nichts weiter."

Severus nickte, scheinbar einverstanden mit Dolohows Aussage. Aber er musste dabei an Miguel denken, an sein Rabenhaar, seine Bronzehaut ...

„Verbrennungen dritten Grades auf siebzig Prozent der Körperoberfläche" – das war es doch, was er mit Miguel gemacht hatte in jener ersten Nacht, oder? Hatte er deshalb jemals Bedauern empfunden? Sich schuldig gefühlt?

Nein. Er hatte noch nicht einmal richtig darüber nachgedacht.

Ob Miguel sich oft daran erinnerte? Ob er wohl bei jeder von Severus' Berührungen daran denken musste, was diese Hände vor wenig mehr als einer Woche mit ihm getan hatten?

„Hraban?", fragte Severus leise. „Könnten wir ... könnten wir vielleicht ein Stückchen gehen? Mir ist nicht gut irgendwie ..."

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Lucius' Lachen hallte durch den Ostflügel, orchestriert von drei anderen Männerstimmen, die ebenfalls lachten, grölten, riefen.

„Ein Hoch auf meinen alten Herrn!", brüllte Lucius, die Stimme voll Spott und Aggression, während er eine Flasche Belladonna-Bier schwenkte. „Trinken wir auf sein Geld, seinen Einfluss, seine ... Liebenswürdigkeit!"

„Hoch!", grölten seine drei Gäste.

Über den antiken, in dunklen Grün- und hellen Brauntönen gehaltenen Täbris-Teppich lagen bereits zahlreiche Flaschen verteilt, neben dreckigen Schuhen, einem ultramarinblauen Seidenumhang und den Scherben eines zerbrochenen Tellers.

„Ja, Aemilius, der gute, alte Aemilius", höhnte Lucius zwischen zwei Schlucken. „Schutzheiliger der Muggel und Halbblüter, der Stricher und Fixer, der Arschficker und Schwanzlutscher ..."

„Ich kann kaum glauben, was du uns da erzählt hast, Lucius", warf einer der Gäste ein, ein verlebt wirkender Mittzwanziger in moosgrünem Samt und schwarzer Seide. Er trug ein Saphirarmband ums Handgelenk und zwei mit Diamanten besetzte Ringe an den dürren Fingern. „Aemilius gilt doch als Musterbeispiel eines Reinblüters, als Erster unter den Todessern ... Wieso sollte er all das riskieren für einen perversen kleinen Halbblutjungen?"

„Ja, Degrés, warum sollte er?", fragte Lucius zurück. „Ich kann nur sagen: Ich fürchte, sein Reichtum und seine Macht sind ihm irgendwie zu Kopf gestiegen. Gehirnerweichung im Endstadium, wenn ihr mich fragt. Findest du nicht auch, dass er in letzter Zeit ein bisschen seltsam war, hä, Rosier?" Er versetzte seinem Sitznachbarn einen Rippenstoß. „He, Alex, ich rede mit dir!"

Rosier blinzelte schläfrig und stemmte sich ein Stück aus den Kissen der Ottomane hoch. Mit einer nicht mehr ganz zielgenauen Bewegung strich er sich einige blonde Strähnen aus dem Gesicht und unternahm den ergebnislosen Versuch, Lucius in die Augen zu sehen – er schwankte zu sehr. „Klar, Mann, wenn du's sagst", nuschelte er und sank zurück auf sein Lager.

Verärgert zog Lucius den Zauberstab. „Aguamenti!"

Eine Fontäne eiskalten Wassers spritzte Rosier ins Gesicht und durchweichte sein helles Seidenhemd, ebenso wie den dunkelgrünen Samtstoff der Ottomane.

„Ah Scheiße, Lucius!", fluchte der plötzlich ziemlich wache Rosier und sprang auf. „Du versaust mir meine Klamotten, Mann!"

„Hör mir gefälligst zu, wenn ich mit dir rede!", zischte Lucius wütend. „Dann passiert dir auch nichts!"

Rosier kuschte. „Okay, okay, tut mir leid. Wird nicht wieder vorkommen."

Jetzt erst schaltete sich der dritte der Gäste ein, ein untersetzter junger Mann mit groben Gesichtszügen und kalten wasserblauen Augen. „Warum zeigst du uns das Muggel-Flittchen nicht mal?", schlug er mit rauer Stimme vor. Ihm war deutlich anzuhören, dass er mehr getrunken hatte, als gut für ihn war. „Dein Alter ist doch weg, und dieses Halbblut-Balg auch, oder habe ich da was falsch verstanden?"

Lucius zögerte.

Warum eigentlich nicht?

Je länger er über Mallorys Vorschlag nachdachte, desto besser gefiel er ihm.

„Jaaa ...", sagte Lucius leise, und ein eigentümlicher Hunger stieg in ihm auf. „Jaaa ... warum nicht?" Er leckte sich die Lippen. „Meine Herren ..."

Mit Schwung warf Lucius seine Bierflasche über die Schulter. Sie knallte mit einem dumpfen Geräusch an die Wand und hinterließ einen hässlichen Fleck auf einem der Ölgemälde. Gelbbraun rann die Flüssigkeit über graue Wolkenfetzen und sturmgepeitschte Wellen, tropfte weiter auf ein kleines Tischchen herab, auf dem einige Zauberfotos in silbernen Rahmen standen.

Ein Tropfen fiel auf das Bild eines vielleicht sechsjährigen blonden Jungen, der aus ernsten Augen in die Kamera sah. Der braune Fleck fraß sich in sein blasses, verschüchtert wirkendes Gesicht hinein. Erschrocken verschwand er aus dem Bild – im selben Moment, als hinter Lucius und seinen Freunden die Tür ins Schloss fiel.

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Anmerkung: Der vollständige Spruch (Titel) lautet:

Glück und Glas – wie leicht bricht das."

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