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Schattenprinz

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Kapitel 22

Wandlungen

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Severus starrte ungläubig auf Miguel, der mit entrücktem Gesichtsausdruck über den Rasen streichelte, die Augen halb geschlossen.

Der muss sich ja wirklich beschissen gefühlt haben, immer eingesperrt, anderthalb Wochen lang ...

„Was ist denn das da hinten?", fragte Miguel plötzlich aufgeregt. „Das Gebäude hinter den Bäumen?"

„Ställe", erwiderte Severus knapp.

„Ställe? Es gibt Tiere hier? Warum hast du mir das nie erzählt?" Miguels Augen weilten mit sehnsüchtigem Ausdruck auf dem bisschen Dach und Mauer, das hinter den mächtigen alten Bäumen zu sehen war. „Können wir hingehen? Severus, bitte ..."

Severus nickte und stand umständlich auf.

„Was sind das für Tiere?" Miguels Stimme zitterte vor Begeisterung.

„Pferde, Jagdhunde ... und Thestrale."

„Thestrale?"

„Das sind magische Tierwesen. Flügelpferde – aber nicht so hübsch wie Pegasus. Man kann sie nur sehen, wenn man dem Tod begegnet ist."

„Dem Tod begegnet?"

„Du musst dabei gewesen sein, als jemand starb."

„Oh. Dann kann ich sie auch sehen. – Einen Freund von mir hat's erwischt. Überdosis", setzte Miguel erklärend hinzu.

Wie er das sagt – als ob gar nichts dabei wäre, wenn jemand stirbt, der ihm wichtig ist.

Als sie bei den Ställen angekommen waren, schlüpfte Miguel sofort durch die halb offen stehende Tür ins Innere des Gebäudes.

„He, warte mal!"

Severus eilte hinterher. Er war noch nie ohne Lucius oder Aemilius in den Ställen gewesen, und er war sich sicher, dass sie für seinen Gastgeber zum Allerheiligsten zählten.

Miguel stand vor dem einzigen Pferd, das weit und breit zu sehen war, einem Grauschimmel mit edel geschnittenem Kopf, geblähten Nüstern und nervös rollenden Augen, in denen deutlich das Weiße zu erkennen war. Das Tier machte nicht eben einen friedfertigen Eindruck, aber Miguel schien begeistert zu sein.

„Er heißt Rih", flüsterte er andächtig, indem er auf das Boxenschild zeigte. „Ich hab' mal ein Buch gelesen, in dem ein schwarzer Hengst vorkam, der auch so hieß."

Vorsichtig hielt er dem Pferd die flache Hand hin. Das Tier beugte den Hals und schnoberte über Miguels Finger. Miguel kicherte und begann, Rih sacht über den Nasenrücken zu streicheln.

„Miguel!", warnte Severus nervös. Er hatte überhaupt keine Erfahrung im Umgang mit Pferden, und das große Tier machte ihm fast schon Angst. „Sei vorsichtig."

Miguel lachte glücklich, packte einen auf dem Gang liegenden Strohballen und zerrte ihn in die leere Nachbarbox.

„Miguel, was zum Henker hast du vor?!"

Miguel strahlte ihn an. „Reiten."

„Bist du verrückt geworden?! Du kannst doch nicht –."

Doch da war Miguel schon auf den Strohballen gestiegen und von dort weiter auf die Trennwand der Boxen geklettert.

„Oh Scheiße, Miguel, das meinst du doch nicht ernst ..."

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Das Pferd stand in einer für Miguels Vorhaben ziemlich günstigen Position, parallel zur Boxenwand und höchstens einen halben Meter von ihr entfernt. Miguel holte ein letztes Mal tief Luft, dann streckte er das rechte Bein aus und ließ sich vorsichtig auf den grauen Rücken gleiten. Rih schnaubte und warf den Kopf zurück.

„Miguel!", jammerte Severus und machte zwei Schritte rückwärts, als ob das Pferd aus der Box springen und ihn anfallen könnte. „Spinnst du?! Komm sofort wieder runter!"

Ich denke gar nicht dran.

Zwischen seinen Beinen bebte der warme Pferdekörper. Er spürte jeden Atemzug, jeden Herzschlag des Tieres. Sein Hintern protestierte heftig gegen die harte Unterlage, aber Miguel wischte den Schmerz einfach beiseite. Verzaubert ließ er seine Finger über das seidige Fell gleiten, zwirbelte einige silberweiße Strähnen. Schüchtern klopfte er den muskulösen Hals. Es war lange her, dass er das letzte Mal auf einem Pferd gesessen hatte, zwölf Jahre war er damals alt gewesen, seine Familie noch zusammen, ein Sommer auf dem Land ...

Miguel zitterte vor Glück. Nie, nie wieder würde er freiwillig von diesem Pferd heruntersteigen.

Da ertönte Hufschlag.

„Oh Scheiße, Miguel, das ist bestimmt Aemilius!", zischte Severus. Seine Gesichtsfarbe ähnelte der der gekalkten Stallwand. „Komm sofort da runter, oder wir kriegen beide mächtig Ärger!"

Miguel ging seine Optionen durch, als ob er alle Zeit der Welt hätte.

Nein, dachte er schließlich. Soll er mich doch sehen auf einem seiner Pferde. Soll er doch.

Es war nicht so, dass Miguel sich nach einer Konfrontation mit seinem „Herrn" sehnte, und noch weniger wollte er, dass Severus seinetwegen Ärger bekam. Aber er wusste mit einem Mal, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen war. Jetzt war er dazu in der Lage, Aemilius in die Augen zu sehen – und wenn es seinen Tod bedeuten sollte. Diese wenigen Momente des Glücks, erst im Garten, dann auf dem Pferderücken, hatten ihm die Kraft dazu gegeben.

Doch Angst hatte er trotzdem.

Die Flügel der Stalltür schwangen auf. Aemilius Malfoy stand im Gegenlicht. Sein weißblondes Haar leuchtete wie ein Strahlenkranz um seinen Kopf. Am Zügel führte er ein tänzelndes, nervös schnaubendes Pferd.

„Severus", sagte er überrascht. „Was machst du denn hier?"

Dann bemerkte er Miguel.

„Runter da – sofort!", fauchte Malfoy, ließ die Zügel fallen und war mit wenigen weit ausholenden Schritten bei Miguel angekommen. „Bist du taub?! Runter da!"

Miguel rührte sich nicht, blieb stolz und hoch aufgerichtet auf dem Pferd sitzen.

Malfoy kniff die Augen zusammen und musterte ihn so durchdringend, dass er den Blick in seinen Eingeweiden prickeln spürte.

„Aha", sagte Malfoy schließlich. Nichts weiter.

Dann: „Du sitzt da gerade auf meinem wertvollsten Pferd, einem Shagya-Araber-Deckhengst, der mich fast eine Viertelmillion Pfund gekostet hat."

Miguel wurde beinah schwindlig bei dem Gedanken. Er hatte nicht gewusst, dass man für ein Pferd solche Summen ausgeben konnte.

„Ganz abgesehen davon hat Rih ein ziemlich unleidliches Temperament. Letzte Woche hat er meinem Stallburschen drei Rippen gebrochen, als der ihn aus der Box holen wollte. Also: Es wäre nur in deinem eigenen Interesse, wenn du jetzt sehr vorsichtig absteigen würdest."

Oh Scheiße ...

Mit einem Mal wurde ihm heiß und er begann, am ganzen Körper zu beben. Der Hengst spürte seine Angst und warf nervös den Kopf hin und her, scharrte unruhig mit den Hufen.

„Miguel", sagte Malfoy leise. „Keine Panik. Ruhig atmen. Keine heftigen Bewegungen."

Dann zückte er seinen Zauberstab und richtete ihn auf das Pferd, murmelte Worte, die Miguel nicht verstand, die Rih aber augenblicklich friedlich werden ließen.

Malfoy öffnete die Boxentür, trat neben den Hengst und streckte Miguel beide Hände entgegen. „Los, runter jetzt. Schnell."

Zitternd rutschte Miguel von Rihs Rücken. Malfoy fing ihn auf, zog ihn aus der Box und verriegelte eilig die Tür hinter ihnen.

„So", sagte er und drückte Miguel auf einen Strohballen. „Und jetzt will ich wissen, was das hier zu bedeuten hat. – Severus?"

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Severus starrte in die kalten blaugrauen Augen seines Lehrers.

Ich habe ihn schon wieder enttäuscht, dachte er bitter.

„Ich warte, Severus."

„Ich ... ich wollte Miguel eine Freude machen. Er wollte so gerne mal in den Garten ... Und als er das Pferd gesehen hat ... Er ist einfach draufgeklettert, ehe ich ihn stoppen konnte. – Aber es war meine Schuld! Ich hätte es verhindern müssen!", setzte er hastig hinzu.

Aemilius musterte ihn nachdenklich, sagte aber nichts. Dann wandte er sich Miguel zu, der schniefend auf dem Strohballen saß, jede Spur von Stolz und Selbstbewusstsein wie weggewischt.

„Sieh mich an."

Miguel gehorchte hastig.

„Wir hatten eine Abmachung, du und ich. Wie lautete sie?"

„Ich ... dass ich nicht ohne Ihre Erlaubnis aus meinem Zimmer darf."

„Und weiter?"

„Dass ich ... dass ich nichts machen darf, was Severus weh tut", flüsterte Miguel.

„Und meinst du, er hätte sich gefreut, wenn mein Hengst dich zu Brei zerstampft hätte?"

„Ich ... ich glaub' nicht, Sir", sagte Miguel unglücklich.

„Siehst du ein, dass du falsch gehandelt hast?"

„Ja, Sir", hauchte Miguel.

Aemilius atmete hörbar tief durch. „Na, immerhin etwas. – Weiter im Text. Was war das, was ich da in deinen Augen gelesen habe, als du auf dem Pferd saßst?"

Miguel sah ihn verunsichert an. „Ich ... weiß nicht, Sir?"

„Oh doch, du weißt es", beharrte Aemilius unnachgiebig. „Ich habe ich zweimal aufgefordert, von meinem Pferd herunterzukommen, und du bist einfach oben geblieben. Du hast dich bewusst widersetzt. Warum?"

„Ich ... es tut mir leid."

Warum?", wiederholte Aemilius nachdrücklich.

Miguel holte tief Luft.

„Weil ich so nicht leben kann!", brach es endlich aus ihm heraus. „Ich ... ich bin doch weniger wert für Sie als irgendeins Ihrer Tiere! Sie foltern mich, Sie brandmarken mich wie ein Stück Vieh, Sie sperren mich ein, Sie verlangen von mir, Ihnen zu gehorchen ... Ich sitze den ganzen Tag in diesem Zimmer und starre an die Decke. Und so, wie ich die Sache sehe, wird mein Leben bei Ihnen immer so aussehen. Ein Tag wie der andere, ohne Sinn, ohne Zweck. Sie wollen mich aufbewahren wie einen Gegenstand in einer Vitrine ... Und wozu? Als Spielzeug für Severus! Aber ich weiß, dass Sie mich töten werden, sobald er sich nicht mehr für mich interessiert. Sie werden eines Tages in mein Zimmer kommen, mich aus Ihren kalten grauen Augen ansehen, Ihren Zauberstab heben und mich umbringen, als ob Sie einem Huhn den Hals umdrehen würden, weil es nicht mehr genug Eier legt. Und bevor das passiert – ."

Er brach ab.

„Ja?", hakte Aemilius nach.

„Bevor ich wochen- und monatelang in einem goldenen Käfig auf den Tod warten muss, immer in Angst, dass Sie plötzlich in mein Zimmer stürmen, um mich umzubringen, da – da will ich lieber gleich sterben!", rief Miguel trotzig und sah dann hastig zu Boden.

Severus starrte ihn fassungslos an.

Das ist jetzt nicht sein Ernst, oder?! Merlin, wie kann er sowas zu Aemilius sagen!

Aemilius fasste Miguel am Kinn und zwang ihn, ihm wieder in die Augen zu sehen. Lange blickten sie sich an.

„Gut", sagte Aemilius schließlich. „Dann komm mit."

Severus blieb fast das Herz stehen.

„Aemilius!", rief er entsetzt.

Sein Lehrer warf ihm nur einen flüchtigen Blick zu.

„Du hast Miguel gehört. Er ist der Auffassung, dass er so nicht leben kann. Also soll er bekommen, was er sich wünscht."

Damit fasste er Miguel am Arm, zog ihn hoch und führte ihn aus dem Stall hinaus.

Severus stolperte betäubt hinter ihnen her. Draußen im Schatten stand immer noch das Pferd, das Aemilius vorhin geführt hatte, eine grazile Araberstute mit dunkelbraunem Fell, Mähne und Schweif gelbrot wie loderndes Feuer. Aemilius legte ihr die Zügel über den Hals. Dann schnalzte er mit der Zunge und das Tier trottete ihm wie ein Hund hinterher.

Warum nimmt er das verdammte Pferd mit?, fragte Severus sich benommen, während er Aemilius und Miguel einen schmalen Pfad zwischen dichten Sträuchern und mannshohen Schierlingsdolden entlang folgte.

Dann standen sie vor einem großen eingezäunten Sandplatz, der von mächtigen Wildhecken umsäumt war. Sein Lehrer stieß das Gatter auf, schob Miguel vor sich her und rief das Pferd zu sich.

„Severus, mach das Tor zu."

Aemilius tätschelte der Stute den Hals. „Das ist Alisha. Sie ist für den Anfang sicher besser geeignet als Rih", bemerkte er mit leiser Ironie in der Stimme.

Severus blinzelte verblüfft.

Für den Anfang?

Miguel strich scheu über das glänzende braune Fell und betrachtete das Pferd mit fast schon ehrfürchtigem Blick.

„Oh Mann!", murmelte Severus, als ihm endlich klar wurde, dass er Aemilius' Worte die ganze Zeit falsch interpretiert hatte. „Oh Mann, das gibt's doch nicht!"

Fassungslos beobachtete er, wie Aemilius Miguel Hilfestellung gab, damit dieser die Stute mit seiner Ungeschicklichkeit nicht nervös machte. Schon thronte der junge Mann auf Alisha und winkte Severus überschwänglich zu.

Severus ließ sich auf die niedrige Umzäunung fallen, weiterhin damit beschäftigt, seinen Schock zu verarbeiten.

Und ich hab' gedacht, er bringt ihn um ...

Aemilius unterrichtete Miguel auf die gleiche ruhige, freundliche und mit positiver Verstärkung arbeitende Weise, die er auch bei Severus anwandte. Allerdings richtete er seine Kommandos abwechselnd an Miguel und an das Pferd, und Severus konnte dabei keinen Unterschied in seinem Ton feststellen.

Severus selbst saß stumm auf der Bande und beobachtete die beiden. Er hatte Miguel noch nie so glücklich gesehen. Konzentriert folgte der junge Mann Aemilius' Anweisungen. Für den Moment schien jede Furcht vor seinem Herrn ausgelöscht zu sein – ebenso wie die Schmerzen, die er zweifellos empfinden musste, selbst wenn Aemilius ihn nur Schritt reiten ließ.

Nach einer Weile fiel Severus eine subtile Veränderung im Tonfall seines Lehrers auf. Seine Stimme verlor den „Ich-spreche-mit-einem-Tier-das-mich-ohnehin-nicht-wirklich-versteht"-Klang. Aus den Kommandos wurden Erklärungen. Fast glaubte Severus, eine Spur von Anerkennung in Aemilius' Stimme zu hören.

Auch Miguel schien diesen Wandel zu bemerken. Er strahlte über das ganze Gesicht. Stolz und glücklich sah er aus. Severus fand ihn schöner denn je.

Ich wünschte, er könnte öfter so sein, dachte er wehmütig.

Und dann: Ich glaube, ich liebe ihn wirklich.

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„So, genug für heute", verkündete Aemilius Malfoy und winkte Miguel zu sich in die Mitte des Reitplatzes.

„Nein, bleib ruhig noch einen Moment oben", sagte er rasch, als Miguel absteigen wollte. „Da du dich auf dem Pferderücken so wohl zu fühlen scheinst, hörst du dir vielleicht lieber von dort an, was ich jetzt zu sagen habe."

Miguel nickte beklommen.

Malfoy nahm ihm die Zügel aus der Hand und klopfte Alisha den Hals. Eine seiner Hände blieb dort liegen, als er aus ernsten Augen zu seinem Reitschüler aufsah.

„Du hast Recht. Ich werde dich eines Tages töten, Miguel."

Stählerne Finger wanden sich um Miguels Magen, als er wie gebannt in die kalten grauen Augen hinabsah.

Malfoys' Hand wanderte vom Hals des Pferdes zu Miguels linkem Bein und blieb auf seinem Oberschenkel liegen.

„Aber ich verspreche dir, dass es so geschehen wird, dass du keine Angst davor haben musst."

Miguel lächelte schief. Fast fühlte er sich erleichtert, jetzt, wo seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt worden waren. Seine Finger suchten und fanden eine der lohroten Strähnen Alishas, zwirbelten sie zu einem unordentlichen Strang.

„Sagen Sie ... sagen Sie's mir vorher, Sir? Damit ich weiß ..."

„Wenn du das so möchtest, ja." Auf Miguels zaghaftes Nicken hin setzte Malfoy leise hinzu: „Du hast mein Ehrenwort."

Dann klopfte er Miguel leicht auf den Oberschenkel.

„Und jetzt sollten wir unser Gespräch beenden. Ich glaube, Severus wird schon eifersüchtig."

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Aemilius hatte seinen Stallburschen gerufen, damit dieser Miguel zeigte, wie man ein Pferd ordentlich absattelte, putzte und versorgte.

Dann hatte er Severus beiseite genommen und in den hinteren Bereich der Ställe geführt.

„Du hast mir solche Angst gemacht vorhin", hauchte Severus, während er seinem Lehrer durch die Hundezwinger folgte.

Aemilius, der gerade prüfend über den Bauch einer hochtragenden Setter-Hündin strich, drehte den Kopf und sah ihn überrascht an. „Wann?", fragte er.

„Als du gesagt hast, Miguel sollte haben, was er sich wünscht ..." Severus stockte und schluckte mühsam. „Ich dachte, du willst ihn töten. – Jetzt gleich töten, meine ich", ergänzte er flüsternd.

Aemilius zog die Brauen zusammen. „Wie bist du denn auf die Idee gekommen?"

„Aber er hat doch gesagt, dass er lieber sofort sterben will, als" –

„Ach, Severus, das hat er vielleicht gesagt, aber gewünscht hat er sich etwas ganz anderes! Miguel hängt am Leben, das kann ich dir versichern. Es gibt keinen Grund für ihn, sterben zu wollen. Was ihn verständlicherweise quält, ist die Ungewissheit, wie lange sein Leben hier dauern wird – eine Angst, die ich ihm nicht nehmen kann, weil sie berechtigt ist."

Severus' Hals wurde eng. Es war das erste Mal, dass Aemilius offen davon sprach, Miguel eines Tages töten zu wollen.

„Doch er wird lernen, mit dieser Angst zu leben. Und egal, wie lange es dauert, es wird kein schlechtes Leben sein in meiner Obhut. Miguel mag es nicht besonders, in meinem Haus eingesperrt zu sein. Es kränkt ihn, dass er uns gegenüber immer in einer untergeordneten Stellung sein wird. Und natürlich hat die Folter ihn fürs Leben gezeichnet. Aber dafür ist er seine Drogenabhängigkeit los, sein armseliges Stricherdasein und einen ganzen Strauß quälender körperlicher Beschwerden. Die Sache mit Lucius und seinen Freunden war schlimm, ja, und natürlich hat sie Miguel tief getroffen. Aber der Junge ist hart im Nehmen, sonst hätte er nicht jahrelang auf der Straße überlebt. Er wird auch in meinem Haus überleben – solange er irgend kann."

Severus hob in einer schwachen Geste des Protestes die Hände, nur um sie Sekunden später hilflos wieder sinken zu lassen. „Aber – warum willst du ihn töten? Ich verstehe nicht ..."

„Miguel ist für dich hier, Severus, und für dich allein. Ich habe keine Verwendung für ihn. Soll ich ihn wieder in der Muggelwelt aussetzten, wenn deine Begeisterung für ihn abgekühlt ist? Er würde in ein paar Monaten am gleichen Punkt stehen, wo er vor anderthalb Wochen war, als ich ihn von der Straße geklaubt habe. Willst du das für ihn?"

Severus schüttelte stumm den Kopf.

Nein, natürlich nicht.

„Wenn ich ihn für längere Zeit hier in meinem Haus behalte, dann stellt er eine permanente Gefahr dar – nicht nur für mich, auch für dich. Was, meinst du wohl, würde der Dunkle Lord zu deiner Beziehung mit Miguel sagen, wenn ihm Lucius oder einer seiner feinen Freunde darüber berichtete? Ich habe die jungen Herren zwar einen nach dem anderen aufgesucht – niemand betritt mein Haus, ohne dass ich seine Identität erfahre – und ihnen auf eindringliche Weise nahegelegt, dass sie in ihrem eigenen Interesse lieber den Mund halten sollten. Doch der Dunkle Lord kann weit überzeugender sein als ich."

Ein eisiger Klumpen machte sich in Severus' Magengegend breit.

Der Dunkle Lord darf es nie erfahren. Nie!

„Und ... wenn du Miguel bei einem anderen Magier unterbrächtest?", fragte er verunsichert.

Aemilius lachte leise. „Und bei wem? Was soll eine reinblütige Familie mit einem Sklaven, der nicht einmal zu einfachster Magie fähig ist? Wenn Miguel eine Schönheit wäre, gut, vielleicht würde sich dann eine entsprechende Verwendung für ihn finden lassen. Aber in diesem Fall wäre er noch weniger wert als ein Hauself, ein Nichts, seinem neuen Herrn vollkommen ausgeliefert. Und sei versichert, die in Frage kommenden Männer – und Frauen – sind weit davon entfernt, auch nur ein Minimum an Rücksicht auf einen solchen Sklaven zu nehmen. Möchtest du Miguel in den Händen von Antonin Dolohow oder Rabastan Lestrange wissen?"

Severus verneinte entsetzt.

Merlin, ganz sicher nicht!

„Siehst du", sagte Aemilius ruhig. „So hart es klingen mag, der Tod wird eines Tages die gnädigste Lösung sein für Miguel. Selbst wenn du ihn jetzt aufrichtig lieben solltest, eine Beziehung, die man mit sechzehn Jahren eingeht, ist sicher keine fürs Leben – besonders dann nicht, wenn sie zwischen zwei so ungleichen Partnern besteht. Ich persönlich glaube nicht, dass deine Schwärmerei die ersten Monate des neuen Schuljahres in Hogwarts überleben wird."

Betroffen senkte Severus den Blick. Zu nahe lag Aemilius' Feststellung an seinen eigenen Befürchtungen.

„Aber ... aber dann wäre ich schuld an seinem Tod!"

Sein Lehrer legte ihm zwei Finger unters Kinn und hob es behutsam an, bis Severus ihm in die Augen sah. „Nein, Severus, das wärst du nicht. Eigentlich sollte Miguel schon seit einer Woche tot sein, und ein Großteil von ihm wäre längst in irgendwelche schwarzmagischen Zaubertränke gewandert – menschliche Organe sind, wie du weißt, viel wirkmächtiger als tierische."

Severus schluckte hart.

„Du hast ihm Zeit geschenkt, Severus. Jeden Tag, den Miguel leben darf, lebt er dank dir."

Aemilius schwieg einen Moment lang, ehe er mit sanfter Stimme fortfuhr: „Wenn du einen Rat von mir möchtest, dann empfehle ich dir Folgendes: Sorge dafür, dass die letzte Ferienwoche für Miguel – und für dich – eine wunderbare und erfüllte Zeit wird. Du hast so eifrig gelernt, dass wir deinen Stundenplan guten Gewissens lockern können. Schenke Miguel ein paar schöne Tage. Das wird es leichter machen für euch beide. Und wenn du nach Hogwarts zurückgehst, behalte ihn in guter Erinnerung. Alles andere überlasse mir."

Severus spürte, wie das Blut aus seinen Wangen wich.

„Severus", sagte Aemilius eindringlich. „Ich verspreche dir jetzt das, was ich vorhin auch schon Miguel versprochen habe: Es wird ein sanfter Tod sein, vor dem er sich nicht zu fürchten braucht."

„Du hast ... du hast mit ihm darüber gesprochen?", fragte Severus heiser.

„Ja. Und er hat es akzeptiert. Für einen Muggel ist Miguel ein sehr verständiger junger Mann."

„Er hat dich beeindruckt", flüsterte Severus ungläubig.

Sein Lehrer nickte knapp. „Miguel hat Mut. Es gehört viel dazu, einem Menschen, der absolute Gewalt über dich hat, so in die Augen zu sehen, wie er es vorhin bei mir gewagt hat. Was Miguel mir gesagt hat, Severus, war keine Bitte um den Tod, es war eine Herausforderung. Er wollte mir zeigen, dass er keine Angst vor mir hat – was nicht zutrifft," – Aemilius schmunzelte – „und er wollte mich zu einer Stellungnahme zwingen. Miguel wollte wissen, woran er ist, womit er zu rechnen hat. Ein riskanter Versuch, aber er hat sich gelohnt für ihn."

Mit leicht geistesabwesendem Blick kraulte Aemilius die Hündin hinter den Ohren. „Ja, Miguel hat mich tatsächlich beeindruckt", sagte er nach einer Weile. „So sehr sogar, dass ich ihn auf einem Pferd habe reiten lassen, dessen materieller Wert in etwa dem eines siebenjährigen Stipendiums für Hogwarts entspricht."

Severus' Lehrer verstummte nachdenklich und widmete sich eine Zeit lang ganz der vor Behagen brummenden Setter-Hündin.

„Ich schätze, es wird das Beste sein, wenn ich Miguel für seine verbleibende Zeit in meinem Haus eine Aufgabe zuteile", fuhr er schließlich fort. „Dadurch wird er sich besser fühlen, sicherer. Er scheint ein gutes Gespür für Tiere zu haben. Wenn ich ihm vorhin nicht solche Angst eingejagt hätte, dann hätte er sicher stundenlang auf Rih sitzen und vollkommen ungefährdet seine Box verlassen können. Tiere merken ganz genau, wenn man sich vor ihnen fürchtet, und entsprechend verhalten sie sich dann auch. Miguel könnte Raimond – das ist mein Stallmeister – und meinem Burschen Rob zur Hand gehen. Dann wäre er zumindest beschäftigt und müsste keine Löcher mehr in die Decke starren, während du deinen Unterricht absolvierst. Die Pausen könnt ihr ja weiterhin zusammen verbringen. Und die Nächte auch."

Severus' Wangen begannen zu brennen, als er ein fast schelmisches Funkeln in den Augen seines Lehrers aufblitzen sah.

Aemilius lachte leise und wandte sich rücksichtsvollerweise wieder seinem Hund zu.

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