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Schattenprinz
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Kapitel 23
Reue?
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„Schwachsinn!"
Mit einem verächtlichen Schnauben klappte Hraban sein Buch zu. Dem Bösen begegnen. Zur Behandlung schwarzmagischer Fluchschäden stand auf dem Titel.
Müde rieb Hraban sich über die Augen und warf einen Blick auf die Standuhr. Kurz vor Mitternacht.
Höchste Zeit, mal wieder nach Lucius zu sehen.
Hraban erhob sich und machte sich auf den Weg ins Erdgeschoss. Seit vier Tagen wohnte er bei Lucius in London. Nur vorübergehend, natürlich. Lucius hatte ihn zu sich gebeten, weil er sich – nun, er hatte es nicht ausgesprochen, aber, ja, weil er sich davor fürchtete, alleine zu bleiben.
Sein Vater hat ihm diesmal wirklich einen heftigen Knacks verpasst, dachte Hraban bitter, während er die knarrende Holztreppe hinabstieg.
Er kannte Lucius seit einer Ewigkeit und hatte mit seinem besten Freund alle Höhen und Tiefen dieses schwierigen Vater-Sohn-Verhältnisses durchlebt.
Aber diesmal ist Aemilius echt zu weit gegangen.
Seit vier Tagen befand Lucius sich in einem hysterischen Zustand irgendwo zwischen tiefster Depression und gefährlicher Aggression. Und er war während dieser Zeit noch keine einzige Stunde nüchtern gewesen.
Das muss aufhören. Ich muss was unternehmen, sonst macht er sich kaputt.
Hraban stieß die Tür zum Salon auf. Lucius lag im Bademantel auf dem braunen Ledersofa, die Augen geschlossen. Er hielt ein Whiskeyglas in der Hand. Vor ihm auf dem Couchtisch stand eine halb leere Flasche.
„Lucius?"
Hraban neigte sich über den Tisch und berührte seinen Freund leicht am Arm.
Lucius zuckte so heftig zusammen, dass er den Whiskey verschüttete. Halbherzig tastete er nach seinem Zauberstab, der vor ihm auf dem Tisch lag, um die Flecken vom sündhaft teuren, cremefarbenen Seidenteppich zu entfernen, doch auf halbem Wege ließ er die Hand sinken.
„Scheiße", fluchte er kraftlos.
Dann stemmte er sich mühsam in die Höhe, griff zur Whiskeyflasche und füllte das Glas wieder auf.
„Lucius", versuchte Hraban es erneut.
„Was willst du denn?", fragte Lucius. Er klang müde und gereizt. Für die Menge an Alkohol, die er vermutlich bereits intus hatte, war seine Stimme erstaunlich kontrolliert. „Lass mich in Ruhe, Hraban. Ich will mich betrinken, okay?"
„Nein", erwiderte Hraban entschieden. „Das ist nicht okay, Lucius."
„Verpiss dich, Mann. Ich will nicht mit dir reden. Hau ab!"
„Auf gar keinen Fall."
Jetzt ist Schluss. Sonst säuft er sich noch um sein letztes bisschen Verstand.
Hraban richtete seinen Zauberstab auf die Whiskeyflasche. „Evanesco!"
Die Flasche verschwand.
„He, du Arschloch, spinnst du?! Das Zeug ist fünfzig Jahre alt, praktisch unbezahlbar!"
Mit unsicheren Bewegungen angelte Lucius erneut nach seinem Zauberstab.
Doch Hraban war schneller: „Accio Lucius' Zauberstab!"
„Hraban, du verdammter Wichser ..." Lucius' Augen wurden schmal vor Wut.
„Accio Whiskeyglas!" Mit einer Hand fing Hraban den Kristallbecher auf, drehte sich auf dem Absatz um und kippte das teure Getränk mit Schwung in den Rattankübel von Lucius' Magischer Madagaskarpalme. Sie schlürfte genüsslich und rülpste laut.
„Das finde ich nicht lustig, weißt du das?!", fauchte Lucius vom Sofa aus. In seiner Stimme schwang unterschwellige Mordlust mit. „Das hier ist mein Haus, Arschficker, und du –"
So nicht, mein Freund!
„Silencio!"
Hraban machte zwei Schritte in Richtung Sofa. Lucius starrte ihm aus zornfunkelnden Augen entgegen.
„Du wirst mir jetzt zuhören, Lucius", befahl Hraban ruhig.
Doch sein Freund war bereits aufgesprungen, schwankend zwar, aber mit kampfbereit erhobenen Fäusten.
„Sei vernünftig, Lucius, ja?", bat Hraban eindringlich. „Andernfalls sehe ich mich leider gezwungen, dir einen Lähmzauber auf den Hals zu jagen." Langsam ging er auf Lucius zu. „Komm, setz dich wieder."
Behutsam legte Hraban Lucius die Hand auf den Arm. Lucius beantwortete die beruhigend gedachte Geste mit einem Faustschlag in Hrabans Gesicht. Glücklicherweise hemmte der hohe Alkoholpegel Lucius' Reaktionsgeschwindigkeit und schränkte seine Treffsicherheit ein, so dass Hraban nur am Wangenknochen gestreift wurde. Hastig wich er zurück.
Dann hob er erneut den Zauberstab. „Du lässt mir leider keine Wahl. – Immobilia!"
Lucius, der ungeschickt versucht hatte, dem Fluch auszuweichen, sackte rückwärts auf die Couch. Hraban zog seinen schlaffen Körper in eine sitzende Position und ließ sich dann neben ihm nieder.
„Ich bin auch nur ein Mensch, weißt du?", sagte er leise. „Ich habe auch Gefühle. Du tust mir weh, wenn du solche Sachen zu mir sagst wie vorhin. Hast du dir da schon mal Gedanken drüber gemacht, hm?"
Er strich Lucius leicht mit den Fingerspitzen über das durch den Fluch unbeweglich gewordene Gesicht. Die grauen Augen waren weit geöffnet und starrten ihn furchtsam an.
„Schhh, Lucius. Ich würde dir nie wehtun. Das weißt du doch, oder?"
Hraban zögerte kurz, dann hauchte er einen Kuss auf die stummen Lippen.
„Dir ist schon klar, was ich für dich empfinde, oder, Lucius?", flüsterte er rau. „Und trotzdem verspottest du mich, immer und immer wieder ... Hraban tu dies, Hraban tu das ... Seit unserer Schulzeit geht das schon so. Ich habe jederzeit auf dem Sprung zu sein für dich, selbstverständlich, klar. Aber wenn ich mal Hilfe brauche, dann muss ich betteln. Und anschließend hältst du mir monatelang vor, wie viel du für mich getan hast ... Schließlich bin ich nur eine degenerierte Schwuchtel, nicht? Ich muss wirklich dankbar sein, dass du dich überhaupt mit mir abgibst." Jedes Wort schmeckte bitter auf seiner Zunge.
Aufmerksam sah er in Lucius' Augen. Hraban war kein Legilimentiker, wenn Lucius ihm nicht wiederholt erzählt hätte, wie sein Vater diese Form der Mentalmagie nutzte, um ihn zu schikanieren, hätte Hraban nicht einmal von ihrer Existenz gewusst. Aber er kannte Lucius sehr genau und konnte ihm zumindest starke Gefühle in der Regel von den Augen ablesen. Und jetzt sah er vor allem Angst in ihnen. Angst, die sich allmählich zur Panik auswuchs.
„Schhh, Lucius", flüsterte Hraban besänftigend und streichelte das blasse Gesicht. „Ich habe dir doch versprochen, dass ich dir nicht wehtun werde. Ich will nur, dass du mir zuhörst – ein einziges Mal in deinem Leben zuhörst, ohne dich über mich lustig zu machen und ohne mich zu unterbrechen. Und ohne mich zu schlagen, natürlich. Du hast mich heute nicht das erste Mal geschlagen, mein Freund, aber ich hoffe doch sehr, dass es das letzte Mal war. So. Und jetzt komm her."
Hraban beugte sich vor und zog Lucius in seine Arme.
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Lucius spürte den warmen Körper Hrabans unter seinem eigenen. Die schmalen Hände, die er immer als lächerlich feminin empfunden hatte, strichen sacht über sein Gesicht.
Lucius fürchtete sich. Nie zuvor hatte er Angst gehabt vor Hraban Pryde, dem immer sanften, unbegrenzt verständnisvollen Hraban – dem albernen, lächerlichen, schwulen Hraban. Freunde waren sie, seit Lucius denken konnte, und es gab keinen Menschen, der ihm näher stand oder ihn besser kannte als Hraban. Und doch hatte Lucius immer auf ihn herabgesehen. Das hatte schon begonnen, als sie fünf oder sechs Jahre alt gewesen waren, und es hatte sich immer weiter verstärkt, erst recht, nachdem Lucius erfahren hatte, dass Hraban homosexuell war.
Natürlich wusste er, dass Hraban ihn liebte. Es war eine Liebe bis zur Selbstaufgabe. Sein bester Freund wäre für ihn in den Tod gegangen, ohne Widerworte. Immer hatte Lucius diese Ergebenheit für selbstverständlich gehalten, für seine Zwecke ausgenutzt und dabei wenig Rücksicht auf Hraban genommen. Nie hatte sein Freund sich verweigert oder auch nur protestiert.
Doch jetzt lag Lucius stumm und gelähmt in Hrabans Schoß, unfähig, sich zu wehren, auf Wohl und Wehe den Launen und der Gnade des anderen ausgeliefert. Hraban konnte alles mit ihm tun – bis hin zu Vergewaltigung und Mord. So schlecht, wie Lucius sich derzeit mit seinem Vater stand, hätte Hraban wohl nicht einmal dessen Rache zu fürchten gehabt.
Die Angst bildete glutheiße Knoten in Lucius' Körper.
Hraban neigte sich über ihn, so dass sie sich in die Augen sahen. „Hörst du mir zu, Lucius?"
Ja, sicher. Was bleibt mir denn anderes übrig?
Der Immobilia erlaubte es ihm kaum, vernünftig zu atmen, geschweige denn, einen Finger zu rühren.
Ein verstörendes Gefühl der Schwäche und Hilflosigkeit überspülte ihn. Es kam in warmen Wellen und schien ihn von innen her aufzulösen.
„Ich weiß, dass du dich für hundert Prozent hetero hältst, und das ist okay so. Ich verlange nicht von dir, dass du mit mir schläfst, mein Freund. Aber ich verlange Respekt. Ich hab's gründlich satt, von dir verhöhnt zu werden, weil ich auf Männer stehe. Ich mach mich schließlich auch nicht lustig darüber, dass du auf Frauen abfährst. Also keine dummen Sprüche, keine dämlichen Schwulenwitze mehr, Lucius, hast du das kapiert?!"
Ein drohender Unterton war in Hrabans Stimme getreten. Lucius starrte zwangsweise geradeaus und damit direkt in die sehr blauen Augen seines besten Freundes, die jetzt vor jahrelang unterdrücktem Zorn glitzerten.
Warum hat er nie was gesagt?, fragte Lucius sich verwirrt. Wieso hat er sich nie gewehrt, wenn ihn das alles so sehr verletzt hat? Ich dachte immer, es macht ihm nichts aus ...
Aber die Antwort auf seine Frage stand deutlich in den Augen seines Gegenübers zu lesen.
Weil er dich liebt, du Idiot, schalt sich Lucius in Gedanken. Und so, wie du dich benommen hast, konnte er gar nicht anders, als zu glauben, dass er dich verliert, wenn er den Mund aufmacht ... und wahrscheinlich hat er damit sogar Recht gehabt.
Langsam verschwand die Wut aus Hrabans Blick. Er seufzte leise und strich Lucius wieder übers Gesicht, dehnte seine Liebkosungen nach und nach weiter aus, fuhr ihm über den Oberkörper, die Arme ...
Lucius erwartete halb, jeden Moment in Panik auszubrechen. Doch die sanften Berührungen Hrabans, denen er jahrelang mit Bedacht ausgewichen war, hatten nichts mit den groben Handgreiflichkeiten Dolohows oder Macnairs zu tun. Es lag keine Bedrohung in ihnen.
Obwohl Lucius sich sehr danach sehnte, dass Hraban den Immobilia endlich aufhob und er wieder Herr seines Körpers wurde, verflüchtigte sich die Angst allmählich. Hraban hatte sich gut unter Kontrolle und würde ganz sicher nichts tun, was Lucius ablehnte. Und wenn er ehrlich mit sich selbst war, dann musste Lucius sogar zugeben, dass ihm diese zärtlichen Berührungen guttaten, dass sie genau das waren, was seine zerrüttete Psyche im Moment brauchte.
„Meinst du, du hast dich jetzt beruhigt?", fragte Hraban schließlich und warf einen langen, prüfenden Blick in Lucius' Augen.
Lucius versuchte, ihm wortlos mitzuteilen, dass seine Wut in der Tat verraucht und er durchaus gesprächsbereit war.
„Finite Incantatem."
Offensichtlich war die Botschaft angekommen.
„Alles okay bei dir?", fragte Hraban leise.
Lucius nickte. Einen Moment blieb er noch benommen in Hrabans Armen liegen, ehe er sich zögernd aufrappelte und ein Stück von ihm abrückte.
„Hraban ... es tut mir leid", sagte er nach längerem Schweigen, tonlos und ohne seinen Freund anzusehen.
„Was genau?"
„Ich ... alles."
Lucius wischte sich fahrig ein paar blonde Strähnen aus dem Gesicht. Doch mitten in der Bewegung erstarrten seine Hände. Wie aus weiter Ferne stellte er fest, dass seine Finger heftig zitterten.
Der Immobilia war nicht folgenlos geblieben. Dieses erneute Gefühl der Hilflosigkeit, die lähmende Angst, einem anderen vollkommen ausgeliefert zu sein ... Die Panik hatte sich zunächst vornehm zurückgehalten, aber im Nachhinein packte sie unbarmherzig zu.
Ehe Lucius begriff, wie ihm geschah, schlug die Erinnerung über ihm zusammen.
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Die plötzliche Panik in Lucius' Augen war nicht zu verkennen.
„He!", rief Hraban erschrocken. „Was ist los mit dir, Mann?"
Lucius schüttelte stumm den Kopf, kauerte sich hastig auf dem Sofa zusammen, zog die Knie hoch und schlang die Arme darum. Sein Gesicht verschwand hinter seinen langen Haaren.
Verdammt. Ich hätte den Immobilia nicht benutzen dürfen! Klar, dass ihn das an die Sache mit Dolohow und Macnair erinnert hat ...
Schuldbewusst starrte Hraban auf die bebende Gestalt an seiner Seite.
Mach was! Du musst ihn irgendwie beruhigen.
„Lucius ...", sagte er gedämpft. „Ich nehme dich jetzt in den Arm, okay? Nur umarmen, nichts sonst."
Ihm war sehr wohl bewusst, dass Lucius sich unter normalen Umständen höchst ungern von ihm berühren ließ.
Lucius nickte ruckartig.
Hraban rutschte vorsichtig an ihn heran und legte einen Arm um seine Schultern. Er war sicher, dass Lucius wieder weinte. „Schhhh ...", machte er beschwichtigend und strich ihm über den Rücken. Lucius hasste es, vor anderen die Fassung zu verlieren, das wusste Hraban. „Heul ruhig", flüsterte er tröstend. „Vor mir brauchst du dich nicht zu schämen ..."
„Ich heul nicht!", schniefte Lucius irgendwo hinter dem Vorhang aus weißblondem Haar. „Ich ... ach Scheiße!" Er brach in wildes und wütendes Schluchzen aus. „Diese verdammten Wichser!... Aemilius! ..."
„Schhhh, Lucius ... Ist ja gut ..."
„Nichts ist gut!", schrie Lucius und warf den Kopf zurück. Seine Augen standen voller Tränen. Sein Gesicht war von Wut verzerrt. „Er hätte das nicht mit mir machen dürfen! Ich bin sein Sohn, verdammt!"
„Lucius ..." Hraban schob sich noch dichter an seinen Freund heran und legte nun auch den zweiten Arm um ihn. „Natürlich war das falsch! Aemilius hatte kein Recht dazu, dich auf diese Weise zu bestrafen."
Er zögerte.
Irgendwann müssen wir das klären. Und jetzt scheint ein guter Zeitpunkt dafür zu sein.
„Niemand hat das Recht, einen anderen auf diese Weise zu erniedrigen. Dein Vater nicht ... aber du auch nicht", setzte er nach einer kurzen Pause hinzu. „Und auch wenn ich es furchtbar finde, was Dolohow und Macnair mit dir gemacht haben, immerhin hast du zuerst –"
„Das war ein Muggel, Hraban! Ein Muggel! Und noch dazu einer, den mein Alter ursprünglich aufgesammelt hatte, um ihn zu Tode zu foltern. Und jetzt spielt er sich auf, als hätte ich ein scheißverdammtes Heiligtum entweiht!"
„Lucius", entgegnete Hraban scharf, „ich bin genauso sehr Todesser wie du, und mir ist vollkommen klar, dass Muggel uns Zauberern nicht das Wasser reichen können, in keiner Hinsicht. Aber das heißt noch lange nicht, dass man sie quälen und vergewaltigen darf, bloß weil einem gerade der Sinn danach steht. Wenn du dich über deinen Vater geärgert hast, dann lass deine Wut verdammt noch mal an ihm aus und nicht am schwächsten Menschen, den du im ganzen Haus auftreiben kannst! Sich mit drei anderen Idioten hinzustellen und ... Das ist definitiv einfach nur arm und abstoßend, Lucius!"
Lucius schnaubte verächtlich, aber Hraban merkte deutlich, wie unwohl sein Freund sich hinter seiner arroganten Fassade fühlte.
Hraban zog seinen letzten Trumpf aus dem Ärmel. „Weißt du", begann er sehr sanft, „dass unser Muggelchen gar nicht begeistert war, als er von mir erfahren hat, wie deine Strafe aussah? Ich glaube fast, du hast ihm leid getan, Lucius. Was sagst du dazu?"
Fassungslosigkeit malte sich auf Lucius' Zügen ab. „Du hast ihm ... Hraban, tickst du noch ganz richtig?! Du hast ihm gesagt, was mein Vater mit mir gemacht hat?!"
„Ja und?!", gab Hraban zurück. Allmählich wurde auch er wieder wütend. „Wo ist das Problem? Miguel kann sicher am besten nachempfinden, was dir passiert ist ... Und auch, wenn ich bezweifle, dass man bei Vergewaltigungen so etwas wie eine Bewertungsskala aufstellen kann, da vermutlich jede Vergewaltigung für das Opfer die Hölle ist: vielleicht wäre es ganz gut, wenn du dir mal vor Augen hältst, wie er die Sache erlebt haben muss. Und dann frag' dich nochmal, ob du wirklich das Recht hast, dich zu beschweren!"
Lucius hatte sich zornig aus Hrabans Armen gewunden und war schon halb vom Sofa aufgestanden, doch jetzt ließ er sich schwer atmend zurück in die Polster fallen.
„Stell dir nur einmal, ein einziges Mal, vor, in was für einer scheiß Situation Miguel schon ohne dich war!", sagte Hraban eindringlich. „Der Typ ist neunzehn, Lucius, und er hängt an der Nadel, seit er vierzehn ist. Kannst du dir vorstellen, wie es ist, seinen Körper mit vierzehn Jahren an irgendwelche notgeilen Arschlöcher verkaufen zu müssen, die dich auch noch verachten für das, was du da für sie tust? Du machst das fünf Jahre lang, bis du völlig am Ende bist und nur noch hoffst, dass du am nächsten Morgen nicht mehr aufwachst."
Hraban schwieg einen Moment und stellte sich vor, wie Miguel die Begegnung mit Aemilius empfunden haben musste. Muggellondon in einer warmen Sommernacht, irgendeine Straße am Piccadilly Circus, wo die Jungen sich in finsteren, verdreckten und nach Urin stinkenden Nischen und Hauseingängen herumdrückten, immer auf Ausguck nach einem Freier, immer in Angst vor der Polizei ...
„Jeden Tag auf der Straße, jeden Tag drei, vier Männer, um deine Sucht zu finanzieren – falls du Glück hast. Falls du Pech hast, dann kriegst du keinen ab und kannst sehen, wo du bleibst, wenn dich die Gier nach der Droge fast verrückt macht ... Gerade, als du glaubst, den absoluten Tiefpunkt erreicht zu haben, kommt ein scheinbarer Engel vorbei, gepflegt, gutaussehend und eindeutig wohlhabend. Er spricht dich an, nimmt dich mit ... Ein Glückstreffer, denkst du. Und dann befördert dich dieser Engel in die Hölle. Er sagt dir nicht, was er mit dir vorhat und warum, aber du begreifst sehr bald, dass er dich töten wird – und zwar auf eine gräßlich langsame, qualvolle Weise."
Lucius hatte sich auf der Couch zurückgelehnt, so weit wie möglich von Hraban entfernt, und die Arme abwehrend vor der Brust verschränkt.
Aber immerhin hört er mir zu, dachte Hraban. Und das ist schon viel für Lucius.
„Jetzt kommt ein naiver sechzehnjähriger Junge ins Spiel, der gerade beginnt, seine Sexualität zu entdecken, und der höchst beunruhigt ist, weil er da irgendwie nicht ganz ‚normal' zu sein scheint. Du siehst diesen Jungen, und dank deiner Erfahrung merkst du sofort, was mit ihm los ist. Du setzt alles ein, was du hast, um ihn für dich zu gewinnen. Es gelingt dir. Er rettet dich. Nun bist du von lauter seltsamen Menschen umgeben, die ständig irgendwelche verrückten Dinge tun, die du nicht begreifst, weil du noch nie mit echter Magie zu tun hattest. Aber du bist in Sicherheit, denkst du. Man behandelt dich zwar wie ein Haustier, aber wie ein geschätztes Haustier, immerhin."
Ein Haustier. Mehr war er auch für mich nicht, anfangs. Jetzt ist er Miguel. Ob er das gemerkt hat, als ich heute Morgen bei ihm war?
„Doch dann tritt ein junger Mann auf." Hraban lehnte sich nun seinerseits zurück, um Lucius besser ins Gesicht sehen zu können, während er in seiner Erzählung fortfuhr. „Ein junger Mann, der furchtbar eifersüchtig ist auf diesen sechzehnjährigen Jungen, weil er glaubt, dass dieser ihm die Liebe seines Vaters stiehlt."
Lucius schnaubte erneut, doch Hraban ignorierte die Unmutsbezeugung.
„Für dich interessiert sich dieser junge Mann eigentlich gar nicht", fuhr er in sachlichem Ton fort. „Er betrachtet dich eher wie ein lästiges Insekt, und hat keine Bedenken, dich ganz nebenbei zu zerquetschen, wenn dass seiner Rache an dem Jungen, den er für seinen Konkurrenten hält, irgendwie förderlich ist. Aber sein Plan misslingt."
Lucius betrachte interessiert seine Hände, spielte an seinem Siegelring herum.
„Wider Erwarten verbessert dieser Anschlag auf dein Leben deine Situation sogar. Du wirst in ein schönes Zimmer gesperrt, gut gefüttert, gekleidet und heilkundlich versorgt. Ab und zu taucht dieser sechzehnjährige Junge auf, um mit dir zu ... spielen. Du bist nicht glücklich, aber du könntest dich mit der Situation arrangieren, denkst du."
Hraban machte eine längere Pause.
„Ja, und dann ...", nahm er schließlich den Faden wieder auf, „dann kommt eine Nacht, in der dein junger Freund dich alleine lässt. Und in dieser Nacht stolpern plötzlich vier betrunkene Männer in dein Zimmer," – Hrabans Stimme wurde hart – „grölen, schreien, schlagen dich, reißen dir die Kleider vom Leib und vergewaltigen dich, einer nach dem anderen, so lange, bis sie keinen mehr hochkriegen. Dann zerfetzen sie dich mit ihren Zauberstäben, werfen dich in die Eingangshalle wie einen kaputten Gegenstand und lassen dich in deinem Blut liegen. Es ist ihnen egal, ob du lebst oder stirbst. Wie würdest du dich fühlen, Lucius?!"
Lucius schüttelte abwehrend den Kopf. Er sah mit einem Mal sehr jung und verunsichert aus.
„Nein, ich ... Hraban, so war es nicht", begann er mit brüchiger und seltsam fremd klingender Stimme. „Ich meine ... ich wollte ihn nicht töten. Zumindest ... zumindest nicht mehr, nachdem wir ..." Seine Stimme erstarb.
„Ich ...", setzte er erneut an, so leise, dass Hraban ihn kaum verstehen konnte. „Nachdem ich ... danach nicht mehr. Am Anfang, da war's mir egal, ob er stirbt, aber ... aber als er dann vor mir lag und die anderen haben gesagt, wir sollen abhauen ... Er hat gewimmert und so komisch geatmet ... Ich wollte, dass sie ihn finden. Deshalb habe ich ihn in die Eingangshalle gelegt. Es ... er hat mir plötzlich leid getan. Und ich ... dann wollte ich auf einmal nicht mehr, dass er stirbt. Wirklich nicht, Hraban."
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