.
SSSSSSS
Schattenprinz
SSSSSSS
Kapitel 24
Zeit und Ewigkeit
SSSSSSS
Miguel erwachte vor Sonnenaufgang. Eine Weile blieb er mit geschlossenen Augen liegen und lauschte den ruhigen Atemzügen von Severus, der sich neben ihm zusammengerollt hatte wie eine Katze, das Gesicht zum Bettrand gekehrt.
Schließlich blinzelte Miguel, rieb sich den Schlaf aus den Augen, dehnte und streckte sich und rutschte aus dem Bett. Auf leisen Sohlen schlich er zu einem der Fenster und zog die Vorhänge auf.
Der Mond hing als blasse Sichel über dem Park. Der Morgenstern blitzte im verwischenden Tintenblau. Am Horizont zogen helle Streifen auf, schwefelgelb und mintgrün.
Miguel öffnete das Fenster und atmete in tiefen Zügen die kalte, klare Morgenluft. Obwohl er in seinem dünnen Seidenpyjama fror, blieb er reglos zwischen den sacht wehenden Vorhängen stehen und sah zu, wie die Sonne aufging. Träge kroch sie über die Hügel, kippte ihr glühendes Orange, Rosa und Rotgold über die Ebene aus, ließ die Spitzen der Bäume in Flammen aufgehen.
So schön, dachte Miguel.
Und dann: Wie lange noch?
‚Ich werde dich eines Tages töten, Miguel.'
Aemilius Malfoys Worte begleiteten ihn unablässig. Er atmete sie. Sein Herz schlug in ihrem Rhythmus. Der Tod hatte Wohnung genommen in Miguel.
Wie lange noch?
Vielleicht hätte Severus ihm diese Frage beantworten können, doch Miguel hatte bewusst darauf verzichtet, sie zu stellen. Wenn der Tod kam, würde er es früh genug erfahren. Malfoy hatte ihm sein Wort gegeben, und Miguel hatte keinen Anlass, an seiner Aufrichtigkeit zu zweifeln.
Es schien absurd, aber er hatte das Gefühl, aus der Auseinandersetzung mit dem Tod Kraft zu gewinnen. Noch nie hatte er so intensiv gelebt wie in diesen Tagen.
Zwar war der Tod auch früher Bestandteil seiner Welt gewesen, nicht zuletzt als Ausweg, als Fluchtmöglichkeit aus seinem elenden Fixerdasein. Aber jetzt war Miguel nicht mehr krank. Er verspürte kein Verlangen nach der Droge, wollte sich nicht mehr betäuben, nicht länger der Welt entfliehen. Im Gegenteil: Er wollte leben. Jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde. Leben mit allen Sinnen, mit jeder Faser seines Seins.
Dennoch akzeptierte er seinen bevorstehenden Tod. Es kam ihm sogar auf seltsame Weise angemessen vor, dass er sterben sollte, jetzt, wo er endlich gelernt hatte, wirklich zu leben.
Ein bisschen Angst hatte er schon. Aber sie war bei weitem nicht so schlimm wie erwartet. Man würde ihn nicht quälen dieses Mal, da war er sicher. Vielleicht würde Aemilius ihn einfach einschlafen lassen, so wie Lucius es schon einmal getan hatte. Doch diesmal würde es ihm erlaubt sein, in den dunklen Strom hinabzusinken, tiefer und tiefer, den Frieden auszukosten, den er schon einmal empfunden hatte. Wenn der Tod wirklich das war, was er unter Einfluss des Trankes erfahren hatte, dann gab es keinen Grund, sich vor ihm zu fürchten.
Die Sonne hatte sich inzwischen ihren Platz am Himmel erobert. Die zarten Federwölkchen loderten in Goldorange und Rosa, und der ganze Park war von warmem Licht überglänzt.
Miguel ging zum Kleiderschrank hinüber und zog sich an. Dann trat er ans Bett und strich Severus sacht über den Kopf.
„Severus – aufstehen", sagte er leise.
Ein missmutiges Brummen erklang aus den Kissen.
„He, Severus, wach auf. Du kommst sonst noch zu spät zum Frühstück."
„Hmpf." Severus wühlte sich erst noch tiefer ins Bettzeug, doch dann rollte er sich stöhnend auf den Rücken und schlug die Augen auf. „Tyrann", knurrte er. Es klang fast liebevoll. „Komm wieder ins Bett. Wir haben noch ewig Zeit."
Ewig, dachte Miguel. Du vielleicht. Ich sicher nicht.
Dennoch folgte er Severus' Aufforderung und schlüpfte zu ihm unter die Bettdecke.
„Näher", flüsterte Severus rau.
Miguel gehorchte und schmiegte sich an ihn, Rücken an Brust. Die Zeit, in der Severus' Berührungen ihn in Angst versetzt hatten, war endgültig vorbei. Davon abgesehen wurden die Hände des Jungen immer geschickter, es war durchaus nicht unangenehm, sich von ihm liebkosen zu lassen. Und gerade jetzt sehnte Miguel sich sehr nach Nähe und Zärtlichkeit. In den letzten Tagen wagte Severus sich zunehmend weiter vor, ließ seine Hände immer öfter unter Miguels Kleidung und auf seine nackte Haut wandern. Es störte Miguel nicht. Er war an jede Art von Berührungen gewöhnt. Tatsächlich hatte er es immer als Vorteil seiner Tätigkeit als Stricher empfunden, dass bei ihr auch sein Bedürfnis nach körperlicher Zuwendung befriedigt wurde.
Severus' Hände glitten unter Miguels Hemd und strichen mit sanftem Druck über seine Schultern, seine Brust, seinen Bauch. Miguel räkelte sich behaglich und schnurrte. Er konnte tatsächlich schnurren – zumindest klang das tiefe Brummen, das seiner Kehle entstieg, sehr nach einem zufriedenen Kater.
Ein fast unschuldiger Kuss traf seine rechte Wange. Er schnurrte lauter und presste seinen Hintern an Severus' Becken. Sofort wich der Junge zurück. Seine Hände erstarrten irgendwo neben Miguels Bauchnabel.
Miguel verdrehte frustriert die Augen. Es war nun nicht gerade so, dass er sich nach Sex verzehrte, dazu lag die Sache mit Lucius und seinen Kumpanen zu kurz zurück, aber Severus' Sprödigkeit ging ihm allmählich etwas auf die Nerven. Fast fühlte er sich in seiner Berufsehre gekränkt. Es musste doch möglich sein, diesen Jungen irgendwie aus der Reserve zu locken. Schließlich konnte Miguel sich nicht für den Rest seines Lebens wie ein asexuelles Kuscheltier verhalten.
Na ja. Der Rest meines Lebens ist vermutlich ein sehr kleiner. Vielleicht ist die Kuscheltier-Nummer in dem Fall nicht ganz so dramatisch ...
„'tschuldigung", murmelte Miguel.
Severus entkrampfte sich und nahm seine Liebkosungen wieder auf. Mit einem schicksalsergebenen Seufzen schloss Miguel die Augen und gab sich der Berührung hin.
Es kann ja auch ganz schön sein, mal nichts tun zu müssen ...
Fast eine Viertelstunde lang ließ er sich von Severus streicheln, kraulen und küssen, ohne dabei noch einmal eine Spur von Eigeninitiative zu zeigen. Im Grunde seines Herzens war er sogar erleichtert, dass Severus nicht mehr von ihm wollte. Miguel war derzeit wirklich nicht nach Sex zumute.
Endlich schob Severus ihn sanft von sich und schwang stöhnend die Beine über die Bettkante. In den letzten Tagen wirkte er längst nicht mehr so motiviert wie früher, wenn er sich auf den Weg zum Unterricht machte.
Nachdem Severus sich angezogen und den Raum verlassen hatte, um gemeinsam mit dem Hausherrn das Frühstück einzunehmen, setzte Miguel sich an den Schreibtisch und wartete. Er aß nach wie vor alleine auf seinem Zimmer, umsorgt von den Hauselfen, die in der Hierarchie noch eine Stufe tiefer standen als er selbst. Über das Essen konnte Miguel sich nicht beklagen, es war ausnahmslos hervorragend. Doch die Zurücksetzung, die darin lag, nicht mit den Zauberern speisen zu dürfen, war ihm sehr wohl bewusst.
Im Anschluss ans Frühstück machte er sich auf den Weg zu den Ställen. Seit vier Tagen, seit er es gewagt hatte, Aemilius Malfoy in die Augen zu sehen und ihn herauszufordern, genoss Miguel fast völlige Bewegungsfreiheit auf dem gesamten Besitz.
„Alle Orte, an denen du nicht erwünscht bist, werden sich von selbst vor dir verschließen", hatte sein „Herr" ihm erklärt. Und so war es tatsächlich: Viele Türen im Haus standen Miguel offen, andere aber ließen ihn nicht passieren. Offensichtlich hatten sie es nicht einmal nötig, sich vor ihm zu verschließen, aber wenn er hindurch wollte, dann stieß er auf eine zwar unsichtbare, aber undurchdringliche Kraft, die ihn am Betreten des Raumes hinderte.
Doch das Haus interessierte Miguel lange nicht so sehr wie der Park, der Wald und die Wiesen und Weiden, in die es eingebettet lag. Zwar gab es innerhalb der Mauern Malfoy Manors unendlich viel zu entdecken – und das bezog sich nicht nur auf sprechende Portraits, Farben wechselnde Räume und flüsternde Bücher. Auch die schiere Pracht, mit der der Landsitz eingerichtet war, überwältigte Miguel jeden Tag aufs Neue.
Allerdings war das auch einer der Gründe, aus denen er sich lieber im Freien aufhielt. Hier fühlte er sich unbeschwerter – und unbeobachteter. Sein erstes morgendliches Ziel waren stets die Ställe, wobei sich dort momentan nur wenige Pferde befanden, denn im Sommer standen die Zuchttiere Tag und Nacht auf der Weide. Nur zwei oder drei junge Pferde warteten einige Stunden täglich in der Box, bis der Stallmeister Zeit fand, sich ihrer Ausbildung zu widmen. Gelegentlich kam noch ein Tier hinzu, das Aemilius Malfoy sich für seine Ausritte hatte bereitstellen lassen. Im Gegensatz dazu waren die Hunde eigentlich immer in ihren Zwingern. Der Begriff „Zwinger" traf es allerdings nicht ganz, denn an die Innenräume schlossen sich riesige bepflanzte Ausläufe an, in denen die Tiere – Irish Setter und Afghanische Windhunde – rudelweise lebten.
Eine wirkliche Aufgabe im Sinne von Arbeit hatte Miguel in den Ställen eigentlich nicht. Alles, was Kraft erforderte oder potentiell dreckig sein könnte, erledigten Raimond und Rob mit Hilfe von Magie. Miguel konnte ihnen höchstens bei der Versorgung der Tiere zur Hand gehen, die Hunde füttern, die Pferde striegeln. Meistens allerdings war er den beiden Zauberern schlicht zu langsam, und so hatte der Stallmeister schon am ersten Tag gebrummt, Miguel solle sich zwei von den Hunden schnappen und einen schönen langen Spaziergang mit ihnen machen, statt den Männern ständig vor die Füße zu laufen und sie an der Arbeit zu hindern.
Miguel war nicht unglücklich über diese Regelung, hatte er doch den Eindruck, dass Raimond und Rob ihn ziemlich feindselig beäugten. Auch heute huschte er daher nur kurz in die Sattelkammer, um Halsbänder und Leinen für die Hunde zu holen. Dort stieß er auf den Burschen Rob, der gerade eine Armada aus Schwämmen, Tüchern und Bürsten befehligte, die Sättel und Zaumzeuge so eilig einseiften, abwuschen und fetteten, dass Miguel schon vom Zusehen schwindelig wurde.
„Afra und Ferra", knurrte Rob. „Linker und mittlerer Zwinger. Die kleine Setterhündin mit der hellen Nase. Die alte Afghanin mit dem cremefarbenen Fell."
Miguel nickte nur, schlüpfte rasch an dem missgelaunten Magier vorbei und zurück auf die Stallgasse. In der Futterkammer füllte er sämtliche Hosen- und Hemdtaschen mit Hundekeksen.
Als er die Tür zum lniken Zwinger aufschloss, kamen ihm die Tiere schon entgegengesprungen. Ferra, eine junge, kupferrote Setterhündin, sprang sofort an Miguel hoch, legte ihm die Pfoten auf die Schultern und fuhr mit ihrer feuchten Zunge leidenschaftlich durch sein Gesicht.
„Igitt", lachte Miguel und steckte ihr einen Keks ins Maul.
Das ganze Rudel begann zu betteln und zu fiepen. Miguel verteilte Leckerli an alle, wobei er sich sorgfältig an die Rangfolge hielt. Raimond würde nicht begeistert sein, wenn sich die wertvollen Tiere aus Futterneid gegenseitig verletzten.
Miguel leinte Ferra an und bugsierte sie mühsam an den anderen vorbei aus dem Zwinger heraus. Dann sammelte er Afra ein, die ähnlich begeistert auf seinen Besuch reagierte.
Lachend ließ Miguel sich von den beiden Hündinnen durch die Stallgasse ziehen.
Rob steckte den Kopf aus der Sattelkammer. „Setz dich durch!", knurrte er missbilligend. „Und lass sie ja nicht von der Leine, klar?!"
„Klar!", rief Miguel, während die Hunde ihn auf den Hof hinaus zerrten.
Er hörte Rob lästerlich fluchen und grinste in sich hinein.
„Auf geht's, meine Hübschen." Zärtlich fuhr er den Tieren über Kopf und Rücken. „Wir machen uns einen schönen Vormittag, wir drei."
Miguel schlug einen schmalen Pfad in Richtung Wald ein.
Nach etwa fünfhundert Metern tauchten sie aus dem grellen Sommersonnenlicht in die kühle Dunkelheit der Bäume ab. Der weiche, federnde Boden verschluckte den Klang ihrer Tritte. Ein kleiner Bach wand sich parallel zum Weg entlang, die Ufer überwuchert von Farnkraut und Sternmoos.
Miguel hockte sich hin und strich über die weichen Polster. Er schnupperte an seinen Fingern; sie rochen erdig und dumpf. Ferra drängte sich zu ihm heran und stieß ihm ihre nasse Nase ins Gesicht.
Wie lange noch?
Während er durch den Wald lief, kam es Miguel vor, als ginge er durch einen Traum. An seiner Seite raschelten die Hunde durchs Unterholz. Alles war so klar, so überdeutlich, dass es nicht wirklich sein konnte.
Es ist nicht schlecht hier. Wenn ich das machen dürfte bis ans Ende meines Lebens ... Die Hunde, die Pferde, Severus ... Der Park, die Wiesen, der Wald ... Ich glaube fast, ich könnte hier glücklich sein. Irgendwie.
Doch da war dieser Satz, in dessen Rhythmus sein Herz schlug.
‚Ich werde dich eines Tages töten, Miguel.'
Vor zwei Wochen, da wär' ich gern gegangen. Auch vor zwei Monaten oder zwei Jahren. Da war alles kalt und grau und leer. Aber jetzt ...
Plötzlich war es ganz still im Wald. Es war, als hätte jemand einen Schleier über die Welt geworfen, der alle Geräusche verschluckte und einen Teil der Wirklichkeit überdeckte.
Miguel erstarrte mitten in der Bewegung.
Nach einiger Zeit begannen die Hunde zu winseln und vorwärts zu zerren. Obwohl Miguel Angst hatte, folgte er ihnen, als sie ihn geradewegs auf ein ausgedehntes, dunkles Eibendickicht zu zogen, das wie eine undurchdringliche Mauer vor ihnen aufragte.
Miguel streckte zögernd eine Hand nach den weichen Nadeln aus. Ferra fiepte und steckte den Kopf ins Gebüsch, Afra immer an ihrer Seite.
Plötzlich gab es einen Ruck – Miguel hatte nur noch die Leinen in der Hand. Kein Widerstand mehr. Die Hunde waren verschwunden.
„Afra?! Ferra?!", rief er bang.
Kein Laut. Nur sein Herzschlag dröhnte ihm in den Ohren und das Echo seiner Stimme – klein und verloren.
Zitternd kniete Miguel sich vor die Stelle des Gebüsches, an der die Hunde sich buchstäblich in Luft aufgelöst hatten.
Die Zweige bewegten sich. Nicht wie vom Wind oder von einer Berührung, sondern wie die Finger eines lebendigen Wesens.
Oh Gott ...
Miguel schluckte und streckte die Hand aus. Ein Zweig wand sich seinen bebenden Fingern entgegen. Sekundenlang verharrten sie so. Dann entschied das fremde Wesen für Miguel: Der Zweig berührte seine Haut.
Es war wie ein Stromschlag – nein, wie eine Hand, die ihn packte und in einen dunklen Tunnel hineinriss. Miguel schrie, aber er wehrte sich nicht, als er durch die Finsternis gewirbelt wurde.
Dann lag er auf dem Rücken und sah in den Himmel hinauf. Zweige wiegten sich über ihm im Wind. Weiß-rosa Blütenblätter regneten auf ihn hinab.
Benommen rollte Miguel sich auf die Seite und rappelte sich hoch.
Er kniete auf einem Teppich aus dunklem Moos. Rings um ihn bildeten die Eiben eine schwarze, scheinbar undurchdringliche Mauer von mehr als fünf Metern Höhe. Der Kreis, den sie beschützten, hatte einen Durchmesser von etwa zwanzig Metern. In der Mitte stand ein einzelner Baum, eine junge Kirsche in voller Blüte, unter deren äußersten Zweigen Miguel gelandet war. Neben ihr entsprang eine kleine Quelle. Vor dem Kirschbaum befand sich ein weißes, steinernes Podest, auf dem eine Gestalt in einem ebenfalls weißen Gewand lag und zu schlafen schien. An der Miguel gegenüberliegenden Seite des Rundes stand ein Pferd, ein hochblütiger Grauschimmel, der genüsslich graste.
„Rih!", hauchte Miguel.
„Korrekt", bestätigte ein Flüstern hinter ihm.
Miguel wirbelte herum – und blickte in die grauen Augen Aemilius Malfoys. Doch diesmal waren sie nicht kalt und abweisend: Sie wirkten offen und verletzlich. Und sie waren gerötet. Rot geweint.
Sprachlos starrte Miguel den Mann, der sich seinen Herrn nannte, an. Aemilius Malfoy lächelte gezwungen und brach den Blickkontakt, als er sich auf ein Knie sinken ließ. Miguels Blick folgte der Bewegung – Afra und Ferra lagen zufrieden hechelnd zu Malfoys Füßen, und dieser begann, sie zu streicheln, jede mit einer Hand.
„Meine Frau", sagte Malfoy leise, indem er mit einem Kopfnicken in Richtung der reglosen Gestalt auf dem Podest wies, ohne den Blick zu heben. „Geh ruhig zu ihr und sieh sie an. Sie ist sehr schön."
Obwohl ihn dabei ein merkwürdiges Gefühl beschlich, folgte Miguel der Aufforderung und schritt zögernd über den Moosteppich zu dem steinernen Podest hinüber.
Die Frau hatte goldblondes Haar, dichte Locken, die ihr offen über die Schultern fielen. Kleid und Schleier waren weiß.
Wie eine Braut, dachte Miguel.
Sie trug weder Schuhe noch Strümpfe. Ihr Gesicht war sehr schmal, die Züge im Tod kantig und scharf geworden, als hätte sie jemand in die bleiche Haut eingemeißelt. Zerbrechlich wie ein Kind sah sie aus, sehr jung und verletzlich. Miguel wusste nicht, warum, aber er hatte das bestimmte Gefühl, dass sie schon sehr lange tot sein musste.
„Sie heißt Agra", hauchte Malfoy. „Agrimonia." Er sprach so leise und ehrfurchtsvoll, wie Miguels Mutter es immer in der Kirche getan hatte. „Sie ist ... war erst neunzehn."
Neunzehn. Wie ich.
Miguel blickte auf das erstarrte Gesicht hinunter. Es wirkte abweisend und friedlich zugleich.
„Wir hatten nur ein Jahr ... ein einziges Jahr, bevor dieses Monster sie umgebracht hat ..." Der Hass und die Bitterkeit in Malfoys Stimme schnitten Miguel ins Herz.
„Monster, Sir?", fragte er beklommen.
„Manchmal ... manche Menschen werden böse geboren. Sie bringen anderen nichts als Unglück und Schmerz. Alles, was sie können, ist zu verletzen und zu zerstören."
Miguel hatte mit einem Mal eine sehr präzise Vorstellung, von wem Malfoy da sprach. „Lucius", hauchte er.
„Lucius", bestätigte Malfoy in ätzendem Tonfall. „Mein ... Sohn."
„Du stehst also drauf, dich ficken zu lassen?! Vielleicht hat mein Vater dich deshalb ins Haus geholt. Ja, ich glaube, er hat sich in deinen schwulen Arsch verliebt ... Bei Frauen kriegt er doch keinen mehr hoch, seit meine Mutter ..."
„Sollen wir deinen mickrigen kleinen Tuntenschwanz abschneiden? Wir könnten ihn zerhacken und meinem Vater ins Abendessen mischen ... Männlichkeit, Härte ... das war ihm ja immer so wichtig ..."
„Weißt du, dass er dich besser behandelt als mich?! Du bist nichts als ein dreckiges kleines Muggelflittchen, und mein Vater behandelt dich besser als mich!" – „Lucius, stopp, hör auf! Du bringst ihn um!" – „Aemilius macht uns fertig, wenn du ihn abmurkst! Komm, Mann, lass ihn jetzt ..."
Miguel rang mühsam die Erinnerungsfetzen nieder, die Worte, die Bilder, den Schmerz. Gerade als er glaubte, es endlich geschafft zu haben, stieg etwas Neues aus den Tiefen seines Gedächtnisses hoch.
„Dornröschen ist aufgewacht." Eine spöttische Stimme. Kräftige Hände, die ihn unnachgiebig niederhielten, so sehr er auch gegen sie ankämpfte. „Schhh." Die Stimme war jetzt weich und leise, der Griff weniger grob. „Beruhige dich. Du bist in Sicherheit." Ein blasses, von hellen Haaren umrahmtes Gesicht. Ernste, quecksilbrige Augen, die seinen Blick erwiderten und ihm etwas gaben, an dem er sich festhalten konnte. „Schhh ... Dir passiert nichts. Gleich kommt ein Heiler, der wird sich um dich kümmern."
Dasselbe Gesicht, das sich über ihn neigte. Der Blick der grauen Augen war streng, aber nicht unfreundlich. „Alles okay." Die Stimme klang kühl und beruhigend – wie kaltes Wasser auf verbrannter Haut. Hände, die seine Decken ordneten. „Schlaf weiter."
„Scheiße. Ich glaub', das war zu viel für ihn." – „Lass uns machen, dass wir hier wegkommen!" – „Nein, warte." – „Warten?! Spinnst du, Lucius? Dein Alter kann jeden Moment hier auftauchen!" – „Ich ... ich wollte ihn nicht töten ..." – „Hast du aber. Los, lass uns endlich abhauen." – „Ich ... geht schon mal vor. Ich komm' gleich." Hände. Hände auf seiner Haut. Angst. Schmerz. „Das wollte ich nicht. Das wollte ich wirklich nicht." Hände, die ihn hastig auf die Seite rollten. Das Atmen wurde leichter. Der Schmerz brüllte in seinem Körper. „Ich ... ich bring' dich runter, ja? Sie werden dich finden ... Es wird nicht lange dauern." Hände, die ihn hochhoben. Er schrie, aber der Schrei verließ seinen Kopf nicht. „Schhh, Miguel, nicht weinen ... Es tut mir so leid ..."
Miguel rang nach Luft. Die Bilder verblassten nur langsam. Es dauerte einige Zeit, bis er sich so weit unter Kontrolle hatte, dass er wieder sprechen konnte.
„Ich ... ich glaube nicht, dass Lucius böse geboren ist, Sir. Ich ... vielleicht ist er überhaupt nicht böse."
Malfoy sah überrascht zu ihm auf. „Und das sagst du? Nach all dem, was er dir angetan hat? Er hätte dich beinah umgebracht – zweimal schon. Ich hatte vor, dich zu töten, als ich vor vierzehn Tagen mit Lucius in euer Versteck kam. Und vor einer Woche ... Hätte ich dich auch nur eine halbe Stunde später gefunden, dann wärst du mit Sicherheit verblutet."
Miguel schlug die Augen nieder. „Aber ohne ihn ... Sir, ohne Lucius wäre ich schon vor zweieinhalb Wochen gestorben. Im ... im Keller. Und ich weiß nicht, ob mir das lieber gewesen wäre, als ... zu verbluten. Es hätte sicher länger gedauert da unten, und weher getan – oder?"
Schweigen. Räuspern. Schließlich eine leise, betretene Stimme: „Ja, das hätte es wohl."
Erneutes Schweigen.
Endlich hob Miguel den Blick – und stellte verblüfft fest, dass Malfoy ihn höchst nachdenklich musterte. Und so, wie es aussah, tat er das schon seit einer geraumen Weile. Ein für Miguel völlig fremder Ausdruck war in die grauen Augen getreten: Interesse ... und Zweifel.
Waren es Selbstzweifel? Miguel wusste es nicht.
Nach mehreren Minuten zäher Stille fasste er sich schließlich ein Herz.
Wer weiß, ob ich je wieder Gelegenheit bekomme, ihm Fragen zu stellen.
„Sir, ich ... darf ich Sie etwas fragen?"
Malfoy hob beide Augenbrauen, nickte aber.
„Damals, als Sie mich ausgewählt haben – auf dem Straßenstrich, meine ich ... Warum haben Sie mich baden lassen im Hotel? Mir zu essen gegeben? Meine Kleidung gereinigt?"
Malfoy legte die Hände ineinander und blickte ihn ernst, aber durchaus wohlwollend an.
Das ist also sein Lehrergesicht, dachte Miguel. Das Gesicht, das Severus sieht, wenn er mit ihm spricht.
„Du fragst mich da nach einem sehr alten Brauch, Miguel."
Und meinen Namen betont er jetzt auch anders, irgendwie.
„Zumindest, was das Essen betrifft. Die Henkersmahlzeit, wenn du so willst." Malfoy lächelte, aber es wirkte gezwungen. „Selbst Muggel halten sich bis heute an diese Tradition. Ursprünglich diente sie dazu, den Geist des Opfers mit seinen Richtern und dem Henker zu versöhnen. Bis in die Gegenwart ist es vielerorts üblich, einen zum Tode Verurteilten vor seiner Hinrichtung wieder hochzupäppeln – unter Muggeln wie unter Magiern."
Er machte eine längere Pause, während der er Afra konzentriert unterm Kinn kraulte.
„Der Ursprung dieses heute ein wenig ... absurd wirkenden Brauches liegt darin, dass jede Hinrichtung ursprünglich eine Art Gottesdienst war", fuhr er endlich fort. „Und selbstverständlich bringt man den Göttern ein möglichst unbeschädigtes Opfer dar. – Der Henker, Miguel," – der Blick der grauen Augen wurde hart – „war in erster Linie ein Priester. Und als solcher war er nicht nur für eine eventuelle rituelle Folterung und den Tötungsakt verantwortlich, sondern auch dafür, dass das Opfer auf eigenen Füßen zum Richtplatz gehen konnte. Und diese Aufgabe ist dem Scharfrichter zumindest zum Teil – je nach kulturellem Hintergrund – bis in die jüngste Vergangenheit erhalten geblieben. Er war immer auch Heiler, dem vom Volk große Zauberkräfte zugeschrieben wurden."
Henker und Heiler in einer Person – ist es das, was sie aus Severus machen wollen?, fragte Miguel sich entsetzt. Aber er ist doch erst sechzehn!
„Nehmen wir als Beispiel das europäische Mittelalter. Vor der Hinrichtung erfolgte in aller Regel eine gemeinsame letzte Mahlzeit, an der der Verurteilte, der Henker mit seinen Gehilfen und auch die Richter und Ratsleute teilnahmen. Häufig wurde das Opfer dabei sogar ausdrücklich gebeten, den für seinen Tod Verantwortlichen zu vergeben."
Das hast du nicht getan, dachte Miguel. Keiner von euch hat mich um Verzeihung gebeten – weder vorher, noch hinterher. Keiner ... außer Lucius.
„Und das Bad, Sir? Die Kleidung?", fragte er mit belegter Stimme.
„Nun, du hattest einen letzten Wunsch frei, nicht wahr? Ich glaube, das Luxushotel, in das ich dich mitgenommen habe, kam deiner damaligen Vorstellung vom Paradies sehr nahe."
„Ja ..."
„Und du hast dich geschämt für dein Erscheinungsbild, obwohl es dir schon sehr schlecht ging. Ich wollte, dass du dich noch einmal wohl fühlst in deinem Körper, bevor ..."
„Bevor Sie ihn zu meiner Hölle machen."
„Ja."
Noch immer stand Miguel, während Malfoy am Boden kniete und die Hunde streichelte. Wenn er seinem „Eigentum" in die Augen sehen wollte, musste er zu ihm aufblicken.
„In unserer Welt wird überwiegend nach mittelalterlichen Rechtstraditionen gelebt – und auch gestraft. Es gibt ein Zauberergefängnis auf einer Insel in der Nordsee, das der finstersten mittelalterlichen Zwingburg in nichts nachsteht. Die meisten Gefangenen überleben dort nur wenige Jahre. Die Todesstrafe ist zwar offiziell abgeschafft, aber dafür haben wir den ‚Kuss', der weit schlimmer ist als der Tod." Malfoy sah auf und bemerkte Miguels fragenden Blick. „Dem Verurteilten wird die Seele ausgesaugt. Sein Körper bleibt am Leben, als leere Hülle, aber seine Seele ist für immer verloren."
Miguel starrte ihn schockiert an. „Und Sie ... Sie gehören zu dieser ... dieser Gruppe, die solche ... Strafen durchführt, Sir?"
Malfoy schüttelte den Kopf. „Nein. Das sind Strafen, die offiziell, in der Regel durch ein Gericht, verhängt und von der Regierung vertreten werden. Sie sind allgemein akzeptiert und werden nur von wenigen hinterfragt."
„Und die Folter? Ist die auch ... offiziell?"
„Nein. Aber sie kommt, wie in jeder Gesellschaft, auch da vor, wo es sie eigentlich nicht geben dürfte. Wir allerdings ..." Malfoy zögerte. „Miguel, die Menschen, die du hier auf Malfoy Manor kennengelernt hast, gehören einer Art ... Untergrundorganisation an. Manche würden uns als Terroristen bezeichnen, andere als Revolutionäre oder Freiheitskämpfer. Jim Avery, Hraban, Lucius – auch seine ... Freunde – , Severus und ich ... wir gehören zu einer Gruppe von Zauberern, die unsere Gesellschaft reformieren will, bevor sie sich selbst zerstört."
„Und dazu gehört, dass sie foltern? Und morden? Und einen Sechzehnjährigen zwingen, es auch zu tun?" Miguels Stimme klang schärfer, als er beabsichtigt hatte.
Malfoy sah ihn durchdringend an. „Ein bisschen mehr Respekt, Miguel!", warnte er leise.
„Entschuldigung, Sir", murmelte Miguel erschrocken und senkte den Blick.
„Ich zwinge Severus zu gar nichts. Er ist freiwillig hier. Sein Unterricht umfasst auch Folter und Mord, ja, aber das ist nur ein kleiner Teil von dem, was er hier lernt."
„Er leidet darunter", flüsterte Miguel.
„Natürlich leidet er darunter! Andernfalls wäre er nicht normal, und ich würde mich bei dem Gedanken, ihn in meinem Haus zu beherbergen, sehr unwohl fühlen."
„Aber warum" –
„Weil er dieses Dinge lernen muss, Miguel, wenn er in unserer Organisation überleben will. Und es ist besser, er lernt sie von mir, als von gewissen anderen Leuten, denen es Vergnügen bereiten würde, dir beispielsweise bei lebendigem Leibe die Haut abzuziehen!"
Oh Gott ...
Miguel erinnerte sich plötzlich an etwas, das Lucius vor nicht allzu langer Zeit zu ihm gesagt hatte, als er zusammen mit Severus bei ihm im Keller aufgetaucht war.
‚Reiß dich zusammen! Du hast ein scheißverdammtes Glück. Ich an Severus' Stelle hätte dir bei lebendigem Leib die Haut abgezogen.'
„Lucius ... er ...", stammelte Miguel verstört. „Würde er ... sowas tun?"
Sein „Herr" schnaubte verächtlich. „Gut möglich. Lucius gehört zu der Sorte von Menschen, denen es Spaß macht, andere zu quälen und zu erniedrigen. Er braucht das" – Malfoys Lippen verzogen sich zu einem höhnischen Lächeln – „für sein Selbstwertgefühl."
Aber warum? Wie kann man so wenig Selbstachtung haben, dass man andere quälen muss, um sich gut zu fühlen?
Miguel sah nachdenklich in die nun wieder harten und mitleidlosen Augen seines Gegenübers.
Wenn mein Vater allerdings so gewesen wäre wie der von Lucius ...
„Sir ...", begann Miguel zögernd. „Hraban ... er hat mir gesagt, dass Sie ... dass Ihr Sohn vergewaltigt wurde auf ... auf Ihren Befehl hin."
Ein Schatten legte sich über Malfoys Gesicht. „Ja", bestätigte er grimmig.
„Sir ... war es, weil er mich ..."
„Auch. Aber nicht nur deswegen", erwiderte Malfoy entschieden. „Ich bin das Haupt dieses Hauses. Das heißt, mein Wort ist Gesetz für alle Familienmitglieder – und das gilt ebenso sehr für meinen Sohn wie für dich oder die Hauselfen. Wenn er mein Eigentum absichtlich beschädigt, dann fordert er mich damit bewusst heraus. Und das dulde ich nicht."
‚Niemand fordert mich ungestraft heraus', dachte Miguel und strich beklommen über das Zeichen auf seiner Haut. Oh Mann, ich sollte mich wirklich niemals mit einem Mitglied dieser Familie anlegen.
„Ich habe Lucius nach dem Talionsprinzip bestraft. Auch das ist ein alter – unter anderem mittelalterlicher – Rechtsbrauch, der bis heute in vielen Kulturen lebendig geblieben ist", setzte Malfoy seine Erläuterungen mit wahrheitsgewisser Stimme fort.
Jetzt hat er genau den gleichen Ton drauf wie mein Relilehrer in der Achten ...
„‚Talionsprinzip' bedeutet, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Der Missetäter soll am eigenen Leib erfahren, was er angerichtet hat. Seine Tat wird gewissermaßen in seinen Körper eingeschrieben."
Miguel schluckte.
Das klingt gerecht. Aber ...
„Aber, Sir ...", begann er unsicher. „Glauben Sie wirklich, dass Sie jemand auf diese Weise ändern können? Ich meine ... ich würde, denk' ich, noch wütender werden dadurch. Wenn ich jemand hasse und deshalb verletzte und dann werde ich auf solche Weise dafür bestraft ... Ich schätze, ich würde nach der Strafe noch mehr hassen als davor."
Malfoy schwieg eine Zeit lang, in der er sich ausgiebig der Liebkosung seiner Hunde widmete.
„Schmerz ist ein hervorragender Lehrmeister", entgegnete er endlich, ohne Miguel dabei anzusehen. „Seelischer Schmerz, körperlicher Schmerz ... Die wichtigsten Lektionen in meinem Leben waren äußerst schmerzhaft. Und ich bin kein schlechterer Mensch geworden dadurch."
Das glaub' ich dir nicht!, begehrte Miguel innerlich auf. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du immer schon so grausam warst!
Miguel sah zu der reglosen Gestalt unter dem Kirschbaum hinüber.
„Sir ...", sagte er leise. „Sie hassen Lucius, weil seine Mutter bei seiner Geburt gestorben ist. Aber ... ich hab' sie angesehen. Sie ist sehr schön, da haben Sie Recht ..." Miguel stockte. „Sie ... sie hat sich bestimmt sehr auf das Kind gefreut, oder?"
„Ja, hat sie", bestätigte Malfoy knapp. Seine Lippen waren gefährlich schmal geworden.
„Könnte es ...", fuhr Miguel unsicher fort, „ ... meinen Sie nicht, dass ... Na ja, also, wenn meine Mutter hätte wählen müssen zwischen ihrem eigenen Leben und dem von einem von uns ... von mir oder einer meiner beiden Schwestern ... ich glaub', sie wär' gern gestorben, wenn sie uns dadurch hätte retten können."
Malfoy starrte ihn an, sekundenlang, mit einem Blick, den Miguel nicht zu deuten wusste. Dann erhob der Magier sich abrupt. Wortlos schritt er zu dem Podest hinüber. Miguel beobachtete gespannt, wie er an der Seite seiner Frau niederkniete und seine Hand auf die ihre legte. Nach einer ziemlich langen Zeitspanne begann er, leise mit der Toten zu sprechen. Dann schwieg er wieder, minutenlang.
Endlich erhob Malfoy sich und kam mit raschen Schritten auf Miguel zu. „Genug für heute", verkündete er kategorisch. „Severus' Unterricht müsste in fünfzehn Minuten zu Ende sein, und du willst ihn doch nicht warten lassen. – Rih!"
Miguel drehte sich um und sah den Hengst auf sie zu trotten.
„Ich dachte, der ist so gefährlich ...", murmelte er.
„Manchmal. Aber nicht, wenn ich mit dir oben sitze."
Malfoy schwang sich mit einer eleganten Bewegung auf das ungesattelte Pferd. Dann beugte er sich zu Miguel hinab, reichte ihm beide Hände und half ihm hinter sich auf Rihs Rücken. Der Hengst grunzte missgelaunt.
„Sind wir nicht zu schwer für ihn, Sir?", fragte Miguel besorgt.
„Eigentlich schon, aber für die kurze Strecke bis zum Stall wird es ausnahmsweise gehen."
Malfoy schnalzte aufmunternd mit der Zunge. Rih setzte sich in Bewegung, nicht ohne ein weiteres Mal schnaubend sein Missfallen kundzutun.
Miguel wurde wieder von dieser unglaublichen Euphorie überflutet, als er den warmen Pferdeleib unter sich spürte.
Sie hielten direkt auf die schwarze Hecke zu. Wie in einem Märchen teilte sie sich vor ihnen, formte einen weiten Torbogen, unter dem Rih unbeeindruckt hindurchschritt. Afra und Ferra folgten mit offenkundiger Begeisterung.
Sobald sie auf einem festen Weg angekommen waren, wurde der Hengst schneller, seine Schritte raumgreifender. Automatisch legte Miguel die Arme um Malfoys Taille, erschrak Sekunden später darüber und wollte sie hastig zurückziehen.
„Halt dich lieber gut fest!", empfahl Malfoy. Ein unterdrücktes Lachen schwang in seiner Stimme mit.
Unmittelbar darauf fiel Rih in einen raschen Trab, dann in einen ruhigen und gleichmäßigen Galopp.
Miguel strahlte übers ganze Gesicht, während er sich eng an Aemilius Malfoy schmiegte. Für kurze Zeit war es, als wären sie zu einem einzigen Körper verschmolzen, das Pferd, Malfoy und er selbst. Jeder Galoppsprung übertrug sich auf seinen eigenen Körper, und die hellen Haare seines „Herrn" mischten sich mit seinen schwarzen Locken. Neben Rih rannten die beiden Hunde mit fliegenden Ohren durch Moos und Laub. Der Wald glitt an ihnen vorbei.
Und Miguel war glücklich.
So, dachte er, sollte die Ewigkeit sein. So sollte sich der Tod anfühlen.
SSSSSSS
