.
SSSSSSS
Schattenprinz
SSSSSSS
Kapitel 26
Den Tod essen
SSSSSSS
Lucius ging nervös in seinem Wohnzimmer auf und ab.
Noch eine halbe Stunde bis zum Ordenstreffen.
Er trank einen Schluck Wein und verzog angewidert das Gesicht. Achtlos kippte er das halbvolle Glas in den Kübel der Madagaskarpalme aus, die sofort zu schlürfen und zu schmatzen begann.
Albernes Ding.
War es richtig, was er getan hatte?
Wenn einer es verdient hat, dann mein Vater!
Aber was war mit Severus? Mit Miguel?
Du wirst dir doch nicht etwa Sorgen um ein schwules Halbblut und einen Muggel-Stricher machen?
Doch es stand keine Überzeugung hinter dem zornig verächtlichen Gedanken.
„Ach Scheiße!"
Er nahm sich ein neues Glas und füllte es bis zum Rand mit flämischem Feuerwhiskey. Schon mit dem ersten Schluck leerte er es fast zur Hälfte.
Ein Klopfen. Lucius drehte sich um sah den Umriss einer Eule am Fenster.
„Alohomora!"
Eine prächtige Schleiereule kam ins Zimmer geflattert und ließ sich auf der Lehne von Lucius' Lieblingssessel nieder.
Styx. Von meinem Vater also.
„Komm her, Styx."
Vorsichtig löste er das Pergament von dem dünnen gefiederten Beinchen. In Ermangelung von Eulenkeksen versuchte er, den Vogel mit gerösteten Kürbiskernen zu füttern, die das Tier indigniert ausspuckte. Wie zum Zeichen seiner Verachtung ließ Styx einen großen Klecks auf den Lederbezug des Sessels fallen.
„Verfluchte Scheiße!", fauchte Lucius und scheuchte die Eule händefuchtelnd zum Fenster hinaus. „Sollte das ein spezieller Gruß von meinem hochverehrten Herrn Vater sein?!", brüllte er ihr wütend hinterher. „Unterstes Niveau, was?!"
Verärgert entfernte er den Vogeldreck. Dann setzte er sich, um den Brief zu öffnen und zu lesen.
Doch plötzlich entschied er sich anders. „Zur Hölle mit meinem Vater!" Zornig pfefferte er das Pergament auf den Couchtisch. „Er wird schon sehen, was er davon hat, wenn er sich mit mir anlegt ..."
Hastig kippte Lucius den restlichen Whiskey hinunter, warf seinen Umhang über und stürmte aus dem Haus.
SSSSSSS
Prüfend umrundete Aemilius seinen Schüler, zupfte ihm Robe und Umhang zurecht. Severus trat derweil unruhig von einem Bein aufs andere. Bald, viel zu bald, würde er dem Dunklen Lord gegenüberstehen.
Sein Herr würde ihn prüfen. Severus hoffte, dass sich diese Prüfung auf heilerische Aufgaben beschränken würde. Während der vergangenen Wochen hatte er hart gearbeitet. Er fürchtete nicht, vor seinem Gebieter zu versagen. Avery hatte ihn gelehrt, seine starken Heilkräfte zu fokussieren und gezielter anzuwenden, als Severus es damals bei Lucius getan hatte. Tränke und Salben, Sprüche und Berührungen – Severus hatte vieles gelernt. Natürlich war er nicht perfekt, noch lange nicht, aber er verfügte über solide Grundlagen, die er später würde ausbauen können.
In den anderen Bereichen, in denen der Dunkle Lord eine Demonstration seiner Fähigkeiten verlangen könnte – Schwarze Flüche, Geistmagie und Duellkunst etwa –, hatte er ebenfalls gute Fortschritte gemacht. Selbst in der von ihm so ungeliebten Kunst der Folter war Severus zu seiner eigenen Beunruhigung überraschend talentiert, bat jedoch im Stillen darum, von einer derartigen Prüfung verschont zu bleiben.
Severus sorgte sich nicht darum, in seinen Fächern zu versagen. Er wusste, dass er gut war. Was ihn zu Eis erstarren ließ, war die Befürchtung, der Dunkle Lord könnte Miguel in seinem Geist entdecken – und Severus' verbotene Liebe zu dem jungen Nichtmagier.
Was würde die Strafe für eine solche Verfehlung sein? Der Tod? Severus fürchtete ihn nicht mehr, seitdem er ihm auf so intensive Weise begegnet war. Die Folter? Er hatte gelernt, mit Schmerzen umzugehen – und jede Folter endete irgendwann, selbst, wenn es durch den Tod war. Nicht diese ihn selbst, seinen Körper, sein Leben bedrohenden Strafen waren es, die Severus ängstigten, es war der mögliche Verlust Miguels, der ihm als bleicher Schrecken im Nacken saß. Miguel zu verlieren, vielleicht zusehen zu müssen, wie er gequält und getötet wurde – das war Severus' kaum beherrschbare, quälende Angst.
„Heute ist dein großer Tag", verkündete Aemilius plötzlich. Seine Stimme schwankte zwischen Stolz und Nervosität. „Unser großer Tag, denn ich war dein Lehrmeister in den letzten sechs Wochen, und dein Erfolg oder Misserfolg wird auf mich zurückfallen." Er lachte leise und angespannt, als er Severus' beunruhigten Blick bemerkte. „Keine Sorge, Severus, ich bin sicher, dass du unseren Lord nicht enttäuschen wirst."
Aemilius ließ endlich von ihm ab und warf sich seinen Todesser-Umhang über. „Bist du sicher, dass deine mentalen Barrieren unsichtbar sind? Der Dunkle Lord darf auf keinen Fall merken, dass du etwas vor ihm verbirgst!"
Noch hatte Severus nicht den Mut gefunden, sich seinem Gastgeber in Bezug auf die geplante Tötung Miguels entgegenzustellen. Aemilius hatte ohnehin vor, sich erst nach der Abreise seines Schülers um den Muggel zu ... kümmern. Solange würde Miguel also sicher sein.
Wenn der Dunkle Lord nicht ...
„Sie sind unsichtbar", erwiderte Severus mit mehr Überzeugung, als er im Moment verspürte. „Er wird Miguel nicht finden in meinem Geist."
SSSSSSS
Diesmal war es keine Waldlichtung, sondern eine Höhle, in der Severus sich nach dem Apparieren wiederfand. Obwohl der Begriff „Höhle" den Ort nur sehr unzureichend beschrieb: Eigentlich war es eine unterirdische Kathedrale, geschmückt von einem bizarren Säulen- und Figurenwald aus Tropfsteinen, die im unruhigen Fackelschein glitzerten, als wären sie von Eiskristallen überzogen.
Der weite Raum war voll von schwarzen Gestalten, die wie ein unruhiger Krähenschwarm hin und her wogten. Es waren sicher an die hundert Personen versammelt, und Severus hielt sich unwillkürlich dicht neben Aemilius, als sie das flüsternde Menschenmeer durchschritten. Zielstrebig steuerte sein Lehrer ein steinernes Podest an, auf dem ein Thronsessel aus dunklem Holz stand. Noch war er leer.
Aemilius berührte Severus leicht am Arm. „Such dir einen Platz in der ersten Reihe", wies er seinen Schüler an. „Da, wo unser Lord dich sofort sehen kann."
Dann eilte er die Stufen des Podestes empor und stellte sich auf die – aus Severus' Sicht – linke Seite des Thrones. Severus hatte sich derweil zwischen zwei ihm unbekannte Todesser gedrängt, ließ seinen Lehrer aber nicht aus den Augen.
Einige Minuten verharrte Aemilius schweigend und unbeweglich wie eine Statue. Dann bemerkte Severus ein winziges Zusammenzucken.
Aemilius trat vor und hob die Arme. „Ruhe!", donnerte seine magisch verstärkte Stimme über die Todesser hinweg. „Unser Lord wird gleich hier sein. Macht euch bereit, ihn würdig zu empfangen." Damit trat er auf seinen Platz neben dem Thronsessel zurück.
Ein Raunen und Rascheln erhob sich, als alle Anwesenden eilig niederknieten.
Dann wurde es völlig still in der Höhle.
Der Dunkle Lord erschien diesmal völlig ohne Theatereffekte, saß einfach von einer Sekunde auf die andere auf seinem Thron.
„Meine Todesser", grüßte er mit spöttischer Freundlichkeit in die Runde.
„Unser Lord!", kam es als vielstimmiges Echo zurück.
„Erhebt euch."
Diesmal wurde nicht geflüstert. Alle standen schweigend auf, die Blicke erwartungsvoll auf ihren Herrn gerichtet.
Der Dunkle Lord neigte sich zu Aemilius hinüber. „Aemilius, ich denke, der Zeitpunkt ist gekommen, uns deinen talentierten Schüler zu präsentieren."
Aemilius trat einige Schritte vor, drehte sich zum Dunklen Lord und verneigte sich leicht. Dann wandte er sich seinem Schüler zu. „Severus, komm herauf zu uns." Ein fast unmerkliches Zittern schwang in seiner Stimme. Aemilius war nervös, das war für Severus, der ihn in den letzten Wochen gut kennengelernt hatte, deutlich zu hören.
‚Dein Erfolg oder Misserfolg wird auf mich zurückfallen.'
Severus fühlte die Blicke aller Anwesenden in seinem Rücken wie feine Nadelstiche. Plötzlich verlangte der simple Vorgang, einen Fuß vor den anderen zu setzen, seine ganze Konzentration. Dennoch stolperte er über die vierte Stufe, fing sich im letzten Moment mit einem ziemlich würdelosen Satz und stürzte fünf Meter weiter nicht ganz freiwillig seinem Herrn zu Füßen, um dessen Robensaum zu küssen.
„Mein Lord", hauchte er. Dabei konnte auch er ein leichtes Zittern nicht unterdrücken.
Was war das nur? Bei seiner ersten Begegnung mit dem Dunklen Lord hatte er sich so sicher, so willkommen gefühlt ... Jetzt dagegen schien eine eisige, geradezu vernichtende Kälte von seinem Herrn auszugehen.
Der Dunkle Lord lachte leise, ein helles, metallisches Klirren, das in Severus' Knochen vibrierte. „Steh auf, mein Junge. Steh auf, und sieh mir in die Augen."
Unsicher rappelte Severus sich hoch und richtete den Blick auf die Augen seines Herrn. Auch sie waren verändert. In jener Sommernacht im Verbotenen Wald hatten sie menschlich ausgesehen. Nur ein rötliches Glimmen war in ihnen gewesen, das auf Severus leicht irritierend, aber nicht bedrohlich gewirkt hatte. Jetzt glühte die Iris dunkelrot, ein Rot, das sich permanent veränderte, unruhig flackerte, als brenne ein Feuer hinter den Augäpfeln. Der Blick war körperlich zu spüren, auf eine fast schmerzhafte Weise, die Severus das Gefühl gab, an Metall festzufrieren.
Dann waren da plötzlich geisterhafte Finger, die durch sein Bewusstsein strichen, eine feine Eisschicht auf seinen Gefühlen und Erinnerungen hinterließen.
„Du hast Geheimnisse vor mir, Severus."
Die Eisschicht bildete nadelspitze Ausläufer, die durch Severus' Nervenbahnen schossen und ihn noch heftiger zittern ließen.
Der Dunkle Lord entließ ihn nicht aus seinem durchbohrenden Blick. „Und du auch, Aemilius", zischte er, ohne diesen anzusehen, so leise, dass nur die beiden Angesprochenen ihn verstehen konnten. „Aber euren kleinen Heimlichkeiten werden wir uns später widmen. Ihr werdet mir nicht die Schau verderben heute Nacht, verstanden?! Andernfalls werdet ihr bitter bereuen, dass unsere Wege sich jemals gekreuzt haben."
Severus war starr vor Angst.
Er hat Miguel gesehen in meinem Geist. Ganz sicher. Scheiße, verdammt ...
Der Dunkle Lord sprang plötzlich auf und packte ihn an den Schultern. Sein Lächeln ließ Severus' Seele gefrieren. Er konnte nichts anderes denken als: Er bringt mich um ... Er bringt mich um ..., im Rhythmus seines panisch klopfenden Herzens. Dann wurde er mit einem Ruck herumgedreht, der Menge der wartenden Todesser entgegen.
„Wie ihr alle wisst, hat unser Heiler seit einiger Zeit unter zunehmender Arbeitsbelastung zu leiden. Die vielen Verhöre, die Hinrichtungen ...", begann der Dunkle Lord in lässiger Manier.
Einige der Anwesenden lachten.
„Daher habe ich beschlossen, ihm einen Assistenten an die Seite zu stellen. – Nun, dies ist er. Severus hat in nur sechs Wochen die Grundlagen des Heilerberufes und, nebenbei gesagt, die wichtigsten Fähigkeiten eines Todessers erlernt, und jetzt werden wir sehen, ob er seiner künftigen Aufgabe im Orden gewachsen sein wird."
Während seiner kurzen Ansprache hatte der Dunkle Lord seine Hände nicht von Severus' Schultern genommen. Sein Herr stand so dicht hinter ihm, dass Severus jede seiner Bewegungen spüren konnte.
Und er spürte noch etwas anderes: Die ungeheure Wut des Dunklen Lords, sorgsam verborgen vor den anderen Todessern, aber so dicht bei ihm fühlbar wie giftiger Nebel, der aus seinem Körper quoll.
Er bringt mich um, dachte Severus wieder. Mich, und Miguel, und Aemilius vielleicht auch ...
Da teilte sich die Menge der Ordensmitglieder. Sie bildeten eine Gasse, durch die zwei von ihnen eine zerlumpte und leblose Gestalt schleiften – eine sehr magere Gestalt mit schwarzem Haar ...
Ein stummer Schrei explodierte in Severus' Kopf.
Nein. Nein! NEIN!
Dann hatten die Männer den Platz vor dem Podest erreicht und ließen ihre Last unsanft zu Boden fallen. Ein dumpfes Stöhnen entrang sich dem gequälten Körper.
„Nun, Severus?", fragte der Dunkle Lord leise. „Bist du gar nicht neugierig? Willst du dir deinen Patienten nicht ansehen?"
Er gab Severus einen auffordernden Schubs, und Severus stolperte die Stufen hinab, sank neben der reglosen Gestalt auf die Knie. Bebend verharrten seine Hände über Schultern und Hüften des Mannes, ehe er ihn endlich packte und herumdrehte.
Ein fremdes Gesicht. Nicht Miguel.
Oh Merlin ... danke ... Danke!
Sekundenlang war er zu keinem klaren Gedanken fähig. Doch dann riss er sich mit gewaltiger Kraftanstrengung aus seiner Starre, richtete sich auf und suchte den Blick des Dunklen Lords. Ein höhnisches Lächeln umspielte die Lippen seines Herrn.
„Nun, Severus? Wie lautet deine Diagnose?"
Hastig zog Severus seinen Stab und führte verschiedene Zauber durch. Die Beine des Mannes waren mehrfach gebrochen, ebenso seine Hände. Eine Nierenbeckenentzündung. Hämatome am ganzen Körper. Vier ausgeschlagene Zähne. Austrocknung. Unterkühlung. Herzrhythmusstörungen.
Plötzlich fühlte Severus sich auf beunruhigende Weise beobachtet. Ihm war natürlich klar, dass die Blicke aller Anwesenden auf ihm ruhten und ganz besonders der des Dunklen Lords, aber das hier war ... anders.
Severus drehte den Kopf – und war rettungslos gefangen. Der Verletzte sah ihn an. Er hatte graue Augen. In ihnen lag nur ein einziger Gedanke: ‚Lass mich sterben.'
„Deine Diagnose, Severus?", wiederholte der Dunkle Lord. Seine Stimme klang schärfer als beim ersten Mal.
Monoton zählte Severus die Verletzungen und Erkrankungen auf. Doch der Wunsch seines „Patienten" hatte sich unauslöschlich in sein Herz gebrannt.
„Nun, dann bietet er dir ja eine hervorragende Gelegenheit, uns dein ganzes Können zu zeigen."
„Ich soll ihn heilen, Herr?"
„Später ... vielleicht. Aber zunächst hätte ich gerne eine Demonstration der Unverzeihlichen. Von zweien der Unverzeihlichen, um präzise zu sein. Zuerst den Imperius."
Den Imperius ...
Zu was um alles in der Welt sollte er dieses zerbrochene Menschenwesen denn bringen? Es konnte nicht laufen, es konnte nichts greifen –
„Lass ihn eine Runde durch den Saal kriechen, Severus."
Severus sah auf den zerschlagenen Mann zu seinen Füßen herab.
„Herr ...", begann er zögernd, „er ist sehr schwach. Sein Herz" –
„Lass ihn eine Runde durch den Saal kriechen!" Die Drohung in der kalten Stimme war unüberhörbar.
Severus biss sich auf die Zunge. „Wie Ihr befehlt, Herr."
Dann richtete er seinen Zauberstab auf den Mann. „Imperio!"
Wenigstens würde sein Opfer keine Schmerzen verspüren – zumindest nicht, solange der Fluch anhielt.
Aber ob er das überhaupt schafft?
Doch der Mann kroch, obwohl er sich nur mit Hilfe der Ellenbogen über den rauen Steinboden ziehen konnte. Der Befehl war unwiderstehlich – das war die Natur des Imperius. Wenn man ihm aus welchen Gründen auch immer nicht gehorchen konnte, dann verursachte der Fluch Schmerzen, die durchaus an den Cruciatus heranreichten. Aemilius hatte ihn das am eigenen Leib erfahren lassen.
Einige Minuten schaute der Dunkle Lord schweigend zu, wie der Verletzte sich vorwärts quälte. Endlich wandte er sich wieder an Severus. „Lass ihn eine schöne große Runde durch den Saal drehen."
Dann befahl der Dunkle Lord Avery zu sich, besprach sich leise mit ihm, winkte nach und nach weitere Todesser auf das Podest.
Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis der Verletzte die Versammelten umrundet hatte. Einmal ausgesprochen, erforderte der Imperius eigentlich nicht, dass man die Aufmerksamkeit ständig auf sein Opfer richtete. Aber Severus fokussierte seine Konzentration völlig auf den Mann, der seinen zerschlagenen Körper Zentimeter für Zentimeter durch die Höhle schleifte. Der Imperius öffnete einen permanenten geistigen Kanal zwischen Fluchwerfer und -empfänger, und so hatte Severus durch vorsichtiges Tasten in dem fremden Bewusstsein inzwischen dessen Namen erfahren: David.
Severus konnte David von seinem Standpunkt aus nicht sehen, aber er spürte, wie der Mann sich abmühte, seinem Befehl Folge zu leisten, obwohl sein Körper kaum die Kraft dazu hatte.
Dann, nach langer Zeit, sah er ihn. David robbte um einige der schwarzen Gestalten herum, quälte seinen kaputten und nutzlosen Körper über die Steine.
Ohne Übergang war Severus wieder am See von Hogwarts, hatte den Mund voll Seifenschaum, kroch vor seinen Feinden durchs Gras ...
Er schüttelte sich, um die ungerufene Erinnerung loszuwerden. Jetzt sah er wieder David vor sich, der ihm in der Zwischenzeit kaum einen halben Meter näher gekommen war, ihn aber fixierte, als wäre Severus sein Rettungsanker. Eine Blutspur bezeichnete den Weg, den der Mann bereits zurückgelegt hatte.
Du schaffst das!, sandte Severus eine sorgfältig abgeschirmte Botschaft zu ihm hinüber. Nur noch zehn Meter.
Eigentlich war der durch den Imperius geschaffene Kanal eine Einbahnstraße. Er diente lediglich dazu, Befehle zu übermitteln. Aber natürlich musste der dominierende Geist in der Lage sein, Warnsignale, wie etwa ein Aufbegehren gegen den Fluch, rechtzeitig zu erkennen, und so ließ der Imperius auch eine sehr eingeschränkte Form des geistigen Dialogs zu. Im Grunde ermöglichte er nicht viel mehr, als die Gefühle des Opfer zu empfangen. Und so spürte Severus am anderen Ende der Verbindung unter der fluchbedingten Betäubung ein schwaches Echo von Angst, Schmerz und unendlicher Erschöpfung.
Komm, David. Komm her zu mir, lockte er.
Im Schneckentempo legte David die letzten Meter zurück. Sein Körper war am Ende seiner Leistungsfähigkeit angelangt. Endlich hatte er Severus erreicht und blieb keuchend zu seinen Füßen liegen.
Rasch warf Severus einen Blick zum Thron hinüber. Sein Herr stand in ein Gespräch mit mehreren Todessern vertieft und beachtete ihn nicht.
Severus kniete sich neben sein Opfer und rollte es auf den Rücken. David starrte ihn ausdruckslos an. Vorsichtig untersuchte Severus seine Arme. Die Haut an den Ellenbogen war bis auf die Knochen abgeschürft. Allein das, ganz abgesehen von all den anderen Verletzungen, war Grund genug, ihn unter dem Imperius zu lassen, solange der Dunkle Lord es irgend gestattete. Der Fluch würde verhindern, dass die Schmerzen in Davids Bewusstsein drangen.
„Das sieht übel aus", erklang eine vertraute Stimme hinter ihm. Avery hatte sich unbemerkt zu ihnen vorgearbeitet.
Severus nickte nur, die Lippen fest aufeinandergepresst. Er wünschte sich so sehr, die Sache hier und jetzt zu beenden, David von seinen Qualen zu befreien – auf die eine oder andere Weise. Der Avada Kedavra würde bestimmt kein Problem für ihn darstellen, auch wenn er ihn bis jetzt nur an Stechmücken und Stubenfliegen erprobt hatte. Man musste nicht hassen, um den Fluch erfolgreich anzuwenden. Der dringende Wunsch zu töten genügte. Die Motive dafür hatten keinen Einfluss auf das Ergebnis.
„Ah, da ist er ja wieder." Severus zuckte unter der mitleidlosen Stimme zusammen wie unter einem Peitschenhieb. „Dann können wir jetzt wohl zu Teil zwei deiner Prüfung übergehen. Dein Imperius war ja recht eindrucksvoll, aber ich wüsste doch zu gerne, ob du den Cruciatus genauso gut beherrschst."
Der Gedanke, die kümmerlichen Überreste Davids mit dem Folterfluch zu traktieren, drehte Severus buchstäblich den Magen um. Doch er hielt seine Emotionen sorgsam verborgen.
Als er aufstand und zum Dunklen Lord hinübersah, bemerkte er Aemilius an dessen Seite. Sein Lehrer war bleich und wirkte beunruhigt.
Severus biss die Zähne zusammen. „Sehr wohl, mein Lord."
Um den Cruciatus aussprechen zu können, musste er zunächst den Imperius von David nehmen. In derselben Sekunde, als Severus den Fluch aufhob, gab der Gefolterte einen entsetzten, heiseren Schmerzensschrei von sich.
Sofort belegte Severus ihn mit dem Cruciatus. Es kostete ihn seine ganze Selbstbeherrschung, das dafür notwendige Verlangen aufzubringen, seinem Opfer Qualen zuzufügen. Der Gedanke an seinen Vater half ihm dabei. Zu seinen Füßen wand David sich schreiend unter dem Folterfluch, krümmte sich in so absurden Verrenkungen, dass es Severus nicht gewundert hätte, wenn dabei weitere Knochen zu Bruch gegangen wären.
„Hervorragend", ertönte nach einer viel zu langen Zeit die Stimme des Dunklen Lords. „Das reicht mir für den Anfang."
Augenblicklich brach Severus den Fluch ab.
Er empfand einen ausgesprochenen Widerwillen davor, die zuckende Gestalt am Boden anzusehen. Doch er tat es trotzdem, blickte in die weit aufgerissenen grauen Augen.
Diesmal war es nicht der Imperius, der David betäubte, sondern der Schmerz. Er erfüllte das Bewusstsein des Gefolterten so vollkommen, dass Severus darunter nichts wahrnehmen konnte – nichts als den verzweifelten Wunsch, dass es aufhören sollte. Alles sollte aufhören. Jetzt sofort. Bitte.
„Und nun wirst du ihn heilen. Schließlich ist das deine eigentliche Aufgabe, nicht wahr, Severus?"
Der Spott war unverkennbar. Und in diesem Moment erkannte Severus, dass es sich nicht um eine Prüfung, sondern um eine Strafe handelte.
Er nahm seinen ganzen Mut zusammen.
„Mein Lord, ich bin mir nicht sicher, ob ich das kann. Er war schon vor dem Cruciatus sehr geschwächt, und sein Herz" –
„Avery!"
Severus drehte sich hastig zu dem Angesprochenen um. Seit dem Tag, an dem Avery Joris gefoltert hatte, hatte sein Gesicht nicht mehr so maskenhaft und kalt gewirkt.
Der Heiler sank kommentarlos neben Severus auf die Knie und sprach verschiedene Diagnosezauber über den wimmernden und bebenden David.
„Er hat Recht, Herr. Archer hat starke Herzrhythmusstörungen und lebensbedrohliche innere Blutungen."
Archer. Er kennt ihn also, dachte Severus flüchtig.
„Aber auch, wenn er auf die Dauer wahrscheinlich nicht zu retten sein wird, eine Stabilisierung seines Zustandes und eine Heilung zumindest der äußeren Verletzungen und der Knochenbrüche sollte möglich sein."
Der Dunkle Lord lächelte süffisant. „Mehr wollen wir ja auch gar nicht, oder? – Fang an, Severus."
Wortlos schob Avery seinem Schüler die rote Ledertasche zu.
Severus starrte auf den zitternden David.
„Herr", fragte er beklommen, da er die Antwort bereits zu kennen glaubte, „darf ich ihm ein Schmerzmittel geben? Es würde meine Arbeit erheblich erleichtern."
Der Dunkle Lord hob in gespieltem Erstaunen die Augenbrauen. „Aber Severus – wozu gibt es Lähmflüche?"
„Wie Ihr befehlt, Herr."
Doch noch konnte Severus den Immobilia nicht anwenden, denn fürs Erste war er auf ein Minimum an Mitarbeit durch seinen Patienten angewiesen.
Zunächst belegte er den völlig erschöpften David mit einem Wärmezauber. Dann holte er einige Fläschchen aus Averys Tasche hervor.
„Soll ich dir assistieren?", fragte der Heiler gedämpft.
Severus nickte stumm.
Avery hob Davids Kopf an, damit Severus ihm die Tränke verabreichen konnte. David leistete zwar keinen aktiven Widerstand, aber sein zerstörter Körper verweigerte jede Form von Kooperation. Severus musste ihm den Mund öffnen und den Schluckreflex magisch auslösen. Nacheinander verabreichte er seinem Patienten Cœur de lion, um sein flatterndes Herz zu stärken, Sanguis Finis gegen die inneren Blutungen und einen dritten Trank gegen die Nierenbeckenentzündung – obwohl letzterer wohl kaum eine Chance haben würde, seine Wirkung zu entfalten, da er über mehrere Tage in Folge eingenommen werden musste. Zuletzt schickte Severus einige Schlucke Wasser hinterher.
Dann belegte er David mit dem Immobilia.
Severus sah die Panik in den Augen seines Patienten. Er durfte nichts tun, um ihm die körperlichen Qualen zu nehmen, aber vielleicht konnte er ihn zumindest etwas beruhigen. Doch er musste vorsichtig vorgehen. Allzu leicht konnte der Dunkle Lord den Versuch bemerken.
Severus sammelte seine Konzentration und sah David fest in die Augen. Hab keine Angst, versuchte er ihm wortlos mitzuteilen. Ich werde alles tun, um dir zu helfen. Hab keine Angst ...
Dass sie bereits einmal durch den Imperius-Fluch verbunden gewesen waren, erleichterte die Kommunikation ein bisschen. Nach einigen Sekunden sah Severus, wie sich etwas in Davids Augen veränderte: Er hatte begriffen.
„Ich werde jetzt die Knochen wiedereinrichten", bemerkte Severus zu niemandem im Speziellen. Alles, was er in Bezug auf die Frakturen tat, würde David weitere Schmerzen verursachen – auch wenn Magie das Richten der Brüche wesentlich beschleunigte.
Mit höchster Konzentration senkte Severus seinen Zauberstab nacheinander auf Hände und Beine seines Patienten. Zwischendurch warf er einen raschen Blick ins Gesicht des Mannes und sah den stummen Schrei in seinen Augen. Hastig wandte er sich wieder seiner Arbeit zu. Obwohl die Knochen teilweise zertrümmert waren, wuchsen sie problemlos und in Sekundenschnelle zusammen.
Anschließend heilte Severus die malträtierten Ellenbogen. Zuletzt führte er seinen Zauberstab über Davids Körper, um Prellungen und Hämatome zu beseitigen.
Dann löste er den Immobilia.
David musste sich mit Sicherheit völlig zerschlagen fühlen, aber die schlimmsten Schmerzen waren wohl verschwunden. Dennoch blieb er reglos auf dem Rücken liegen. Nur seine Augen bewegten sich, fixierten Severus.
‚Beende es. Bitte.'
„Komm hoch", murmelte Severus, stand auf und packte David unter den Achseln. Er lehnte den schlaffen Oberkörper des Mannes gegen seine eigenen Beine.
„Ich bin fertig, mein Lord."
„Ah ja." Der Dunkle Lord trat an den Rand des Podestes und blickte auf sie herab. „Avery?"
Der Heiler untersuchte Severus' Patienten systematisch und gründlich.
„Severus hat getan, was möglich war, mein Lord. Mehr hätte auch ich nicht erreichen können."
Der Dunkle Lord lächelte leicht. „Gut gemacht, Severus. – Und jetzt wirst du ihn töten."
Endlich.
Das war alles, was Severus denken konnte, und er sah seine eigene Erleichterung in Davids Augen reflektiert.
Endlich.
„Den Avada Kedavra, Severus. Aber vorher werde ich dir noch etwas zeigen."
Gemächlich, geradezu lasziv stieg sein Herr die Stufen hinunter und tauchte ein in das Meer seiner Gefolgsleute, die sich tief vor ihm verneigten. Auch Severus senkte den Kopf, als der Dunkle Lord langsam auf ihn zukam.
„Sieh mich an, Severus."
Er gehorchte und stellte erleichtert fest, dass ein Großteil der Wut seines Herrn verflogen zu sein schien.
„Hast du dich jemals gefragt, woher der Name ‚Todesser' kommt?"
„Ja, Herr. Oft", entgegnete Severus leise.
„Und, hast du eine Antwort gefunden?"
Er schüttelte stumm den Kopf.
„Dann werde ich sie dir jetzt geben. – Archer, steh auf!", kommandierte der Dunkle Lord scharf.
Mühsam kam David auf die Füße. Doch er musste sich auf Severus stützen, um nicht zu fallen.
Die Lippen des Dunklen Lords kräuselten sich zu einem verächtlichen Lächeln. „Du hast dich mir verschrieben, Archer. Du hast mir deine Seele verkauft."
Severus spürte, wie David wieder zu zittern begann.
„Ach, beruhige dich, Archer. Ich will sie gar nicht, deine kostbare Seele. Ich will nur dein Leben."
„Es gehört euch bereits, mein Lord", krächzte David mühsam.
„Ich weiß, Archer!", fauchte der Dunkle Lord ihn an. „Unterbrich mich nicht, oder ich könnte mich entschließen, dich noch ein bisschen weiterleben zu lassen! – Severus", fuhr er in ruhigerem Ton fort, „du hast viel Energie in die ... Behandlung dieses Mannes investiert. Zum Dank dafür wird er dir ein machtvolles Geschenk machen: seine Lebensenergie. Es gibt eine Möglichkeit, diese Energie aufzufangen, wenn ein Mensch stirbt – vor allem dann, wenn sein Tod gewaltsam erfolgt. Der Spruch lautet Omitteo Animam. Er wurde bis ins achtzehnte Jahrhundert hinein legal genutzt – beispielsweise, um auf dem Schlachtfeld den Tod eines Gegners dafür zu nutzen, die eigene Kraft zu steigern. Dumme Menschen hielten ihn für unmoralisch, daher wurde er 1717 verboten."
Der Dunkle Lord sah Severus bedeutungsvoll an. „Dies wird dein erster wirklicher Mord sein. Du wirst den Avada Kedavra gegen Archer sprechen, unmittelbar danach den Omitteo Animam. Dadurch wird seine Lebensenergie auf dich übertragen, sobald sie seinen Körper verlässt."
Er ergriff Severus' rechte Hand, die immernoch seinen Zauberstab hielt, und führte sie in einer liegenden Acht durch die Luft. „Das ist die zugehörige Bewegung. Jetzt probiere es alleine."
Severus gehorchte und schwang seinen Stab. Zweimal wurde er vom Dunklen Lord korrigiert, dann saß die Bewegung.
„Gut. – Töte ihn."
Der Dunkle Lord trat zurück, ebenso die umstehenden Todesser.
David schwankte, als Severus seinen Arm losließ, doch es gelang dem Mann, auf den Füßen zu bleiben. Severus entfernte sich nicht mehr als zwei Meter von ihm und hielt dabei Augenkontakt – auch dann noch, als er den Zauberstab hob.
„AVADA KEDAVRA!"
Das grüne Licht schoss los und traf David mitten in die Brust. Er riss Mund und Augen auf und stolperte zurück.
„Omitteo Animam!"
Ein orangeroter Wirbel stieg aus Severus' Zauberstab auf und senkte sich blitzschnell auf den zusammensackenden Körper. Das warme Licht umschloss den Sterbenden wie eine zweite Haut. Dann veränderte sich die Farbe, wurde zu einem tiefen Rotviolett. In weiten Wirbeln löste es sich von der Leiche, driftete zurück zu Severus und floss in seinen Körper.
Die Empfindung war so machtvoll, dass sie ihn in die Knie zwang.
Severus spürte ein schwaches Echo von Davids Persönlichkeit – doch vor allem war es Energie. Prickelnde, sirrende Energie, die seinen Körper flutete.
Absolute Euphorie.
Severus lachte.
SSSSSSS
