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Schattenprinz
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Kapitel 27
Schattenprinz
SSSSSSS
„Komm wieder runter, Junge!", raunzte Avery ihn an.
Severus nahm die Worte wie durch zähen, farbigen Nebel wahr. Seine Sinneseindrücke schienen sich verkehrt zu haben. Er sah Töne, hörte Farben ... Und immer noch hielt dieses unglaubliche Glücksgefühl an.
Der Heiler packte und schüttelte ihn, doch Severus konnte einfach nicht aufhören zu lachen.
„Lass ihn, Avery", erklang die Stimme des Dunklen Lords ganz aus der Nähe. Sie war weiß und glitzerte wie verharschter Schnee. Doch das Weiß war nur oberflächlich, darunter schienen beunruhigend viele Farben zu lauern.
„Es war das erste Mal für ihn. Soll er es ruhig genießen."
Severus brauchte einige Minuten, um sich wieder in den Griff zu bekommen. Nur langsam normalisierte sich seine Wahrnehmung, fanden die Dinge ihren vertrauten Platz im Gefüge der Wirklichkeit. Doch selbst als die Farben verblassten, die verrückten Empfindungen verebbten, fühlte Severus sich nach wie vor großartig. Sein ganzer Körper vibrierte vor Energie und Wohlbehagen.
Dann fiel sein Blick auf ein verkrumpeltes Bündel, nur wenige Schritte von ihm entfernt. Davids Leichnam. Das Glücksgefühl verschwand wie Wasser aus einer Wanne, nachdem jemand den Stöpsel herausgezogen hat. In rasenden Wirbeln zog sich die Euphorie aus seinem Geist und seinem Körper zurück.
Dennoch fühlte Severus sich weiterhin stark und energiegeladen – aber jetzt verursachte dieses Gefühl ihm Unbehagen. Wie paralysiert starrte er die Leiche an, minutenlang. Der Tote lag auf der Seite. Severus wusste nicht, was ihn dazu trieb, aber er trat auf sein Opfer zu und stupste es mit dem Fuß an. Der Körper rollte auf den Rücken, schlaff und tot. Alles, was an Leben in ihm gewesen war, pulste jetzt durch Severus selbst. Er hatte nicht den Tod gegessen, sondern das Leben. Ein fremdes Leben. Ein Schauer lief über seinen Rücken.
Severus beugte sich herab, sah halb verschreckt, halb forschend in das starre Gesicht. Die grauen Augen waren leer.
Wo ist er hingegangen?, fragte Severus sich plötzlich. Ist er weg – für immer? Oder ist ein Teil von ihm jetzt in mir?
Er hatte Davids Persönlichkeit, sein innerstes Wesen gespürt, als er seine Lebensenergie in sich aufgenommen hatte.
Bedeutet das ...?
Minutiös tastete Severus seinen eigenen Geist nach Unregelmäßigkeiten ab.
Da war etwas ... eine winzige, kaum wahrnehmbare Veränderung, sehr nah am Kern seines Selbst.
Wie ein Sandkorn in einer Auster ...
Bedeutete diese Anomalie, dass David tatsächlich ein Teil von ihm geworden war? Beklommen sah Severus in die glasigen grauen Augen. Oder kam die Veränderung dadurch, dass er zum ersten Mal getötet hatte? Sicher, er hatte nicht aus niedrigen Beweggründen gehandelt, hatte David letztlich von dessen Leiden erlöst – aber es war dennoch ein Mord gewesen.
Sein erster wirklicher Mord. Diesmal würde sein Opfer nicht wieder aufwachen.
Severus kamen plötzlich Geschichten in den Sinn, die er vor langer Zeit gehört hatte, nicht von Zauberern, sondern von Muggeln – Sagen und Märchen von Geistern, die ihren Mörder verfolgten, ihn nicht in Frieden ließen, bis er seinem Leben selbst ein Ende setzte.
Severus schauderte. War so etwas möglich? Würde er vielleicht bis ans Ende seines Lebens einen bleichen Schatten an seiner Seite haben, einen unheimlichen Begleiter, der ihn nie zur Ruhe kommen lassen, ihn immer und immer wieder an seine Schuld erinnern würde?
Ich muss Aemilius danach fragen ...
Behutsam drückte Severus seinem Opfer die Augen zu. Dabei fragte er sich zum ersten Mal, wer dieser Mann eigentlich gewesen war, was er getan hatte, um den vernichtenden Zorn des Dunklen Lords auf sich zu ziehen. War es ein schweres Vergehen gewesen? Ein Verrat vielleicht? Oder hatte er nur einen falschen Schritt gemacht, eine schlichte und nicht einmal gegen ihren Herrn gerichtete Verfehlung begangen, wie Severus selbst es getan hatte?
Aber es wird mehr werden als ein Fehler. Weit mehr, wenn der Dunkle Lord von mir verlangt, Miguel zu opfern.
Von Unruhe und Furcht getrieben, hob Severus erstmals in mehr als zehn Minuten, in denen seine ganze Aufmerksamkeit auf den toten David gerichtet gewesen war, den Blick und sah sich hastig um.
Er stellte fest, dass der Raum sich verändert hatte. Drei lange Tische, beladen mit Speisen und Getränken, waren erschienen, und fast alle Anwesenden hatten daran Platz genommen. Nur einige wenige Todesser standen noch in kleinen Grüppchen zusammen, vertieft in Gespräche. Augenscheinlich war der offizielle Teil des Treffens vorbei.
Severus schickte nervös suchende Blicke durch die Höhle. Wo waren Aemilius und Avery? Wo war der Dunkle Lord?
„Severus?"
Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Severus zuckte zusammen, drehte sich eilig um – und sah in das müde und angespannte Gesicht Jim Averys.
„Du sollst zum Dunklen Lord kommen. – Hier entlang." Der Heiler führte ihn zu einer Tür rechts hinter dem Podest. „Viel Glück", raunte Avery und drückte seinen Arm, als sie sich vor Severus öffnete, noch ehe er sich irgendwie bemerkbar machen konnte. „Du wirst es brauchen."
Unsicher betrat Severus den Raum, eine im Verhältnis zum Versammlungssaal kleine und niedrige Seitenkammer des Höhlensystems. Auch hier gab es Tropfsteine, die von der Decke herabhingen und aus dem Boden emporwuchsen. Ihre Farben changierten im Licht der Fackeln zwischen grau und violett. In der Mitte des Raumes stand ein Tisch, ebenso wie die Tafeln im Saal bedeckt mit erlesenen Speisen und Weinen. Rings um den Tisch saßen der Dunkle Lord, Aemilius und – Lucius.
Severus' Hände ballten sich unwillkürlich zu Fäusten. Der Zorn schnürte ihm die Kehle zu.
„Severus", grüßte der Dunkle Lord in neutralem Ton. „Setz dich zu uns."
Severus nahm den freien Platz neben seinem Lehrer ein – gegenüber von Lucius, der an der Seite des Dunklen Lords saß und den Neuankömmling mit einem spöttisch herablassenden Lächeln bedachte.
Doch so kühl und überlegen, wie er sich gab, war Lucius nicht. Severus konnte deutlich die Unruhe und einen Hauch von Furcht, sogar von Schuldbewusstsein, in seinen Augen erkennen, auch wenn Lucius diese Gefühle sorgsam zu verbergen suchte.
„Wein?", fragte der Dunkle Lord unvermittelt und schenkte Severus ein, ohne seine Antwort abzuwarten.
„Danke, Herr", sagte Severus überrascht.
„Da nun alle Beteiligten versammelt sind, komme ich gleich zum Wesentlichen." Der Ton des Dunklen Lords war geschäftsmäßig. Doch unter der ruhigen Oberfläche brodelte es, das spürte Severus deutlich.
„Severus, du hast eine hervorragende Leistung erbracht heute Nacht. Du beherrschst die Unverzeihlichen Flüche, was die meisten Zauberer deines Alters hoffnungslos überfordern würde. Du bist in der Lage, auch ernsthafte Verletzungen zu heilen. Dass du wirksame Tränke brauen und dich gekonnt duellieren kannst, hast du bereits zu einem früheren Zeitpunkt unter Beweis gestellt. Deine Lehrer sind des Lobes voll, sowohl was dein Talent, als auch was deinen Arbeitseifer betrifft. In dieser Hinsicht hast du das Lernziel des Sommers erreicht und meine Erwartungen erfüllt."
Der Dunkle Lord stützte die Ellenbogen auf den Tisch und musterte Severus über seine zusammengelegten Hände hinweg. Die roten Augen wurden dabei schmal und ihr Blick so intensiv, dass Severus ihn kaum mehr ertragen konnte.
„Du hast kein Vergnügen daran, andere zu quälen. Es kostet dich Überwindung, zu töten."
Eine kleine, bedeutungsschwangere Pause. In Severus' Magen begann es, unangenehm zu kribbeln.
„Damit kann ich leben, Severus. Mir ist bewusst, dass du noch sehr jung bist, und dass es einige Zeit dauern wird, bis du dich an die harten Realitäten des Ordens gewöhnt haben wirst."
Wieder schwieg ihr Herr einen Moment lang.
„Es gibt verzeihliche Schwächen, Severus – und es gibt unverzeihliche. Alle haben ihre wunden Punkte, ihre kleinen Geheimnisse. Aber es gibt Grenzen."
Die Stimme des Dunklen Lords war in scharfem Kontrast zu seinen verständnisvollen Worten von Satz zu Satz härter und kälter geworden. Severus verstärkte hastig seine mentalen Barrieren, versuchte, die aufsteigende Furcht fest in seinem Geist zu verschließen.
„Diese Grenzen sind unter anderem dann erreicht, wenn ein Todesser privat Dinge tut, die in eklatantem Widerspruch zu den Prinzipien meines Ordens stehen. Ich spreche hier nicht von deiner Homosexualität, Severus. Die sexuelle Orientierung meiner Leute ist mir gleich."
Severus schluckte und spürte, wie er feuerrot wurde – Okklumentik hin oder her.
„Nein, es geht mir darum, mit wem du diese Neigungen auslebst. Und was das betrifft, muss ich in deinem Fall Einspruch erheben."
Severus war es plötzlich eiskalt.
„Du bist sechzehn, Severus, ein Alter, in dem die Triebe begreiflicherweise manchmal mit einem durchgehen."
Die roten Augen bohrten sich tief in seinen Geist. Severus hatte solche Angst, dass er kaum zu atmen wagte.
„Allerdings denke ich nicht", zischte der Dunkle Lord drohend, „dass du so naiv bist, zu glauben, ich würde es tolerieren, wenn meine Todesser Liebesbeziehungen zu Muggeln eingehen. Noch einmal: Ich spreche hier nicht von Sex. Du kannst so viele Stricher vögeln, wie du willst, du kannst meinetwegen jeden Muggel bespringen, der deinen Weg kreuzt – aber es ist absolut inakzeptabel, sich einen Muggel zum Geliebten zu nehmen. Habe ich mich verständlich ausgedrückt, Severus?!"
„Ja, Herr", murmelte Severus geschlagen.
Das war's dann wohl ... Für mich, für Miguel, für Aemilius ...
Der Dunkle Lord taxierte ihn mit kaltem, kalkulierendem Blick. „Ich könnte dir befehlen, ihn zu töten, Severus, das weißt du", stellte er mit bedrohlich sanfter Stimme fest.
„Ja, Herr", hauchte Severus.
„Ich könnte dich sogar dazu zwingen, ihn vor den Augen des gesamten Ordens bei lebendigem Leib in Stücke zu schneiden. Und du würdest es tun, nicht wahr?" Der Dunkle Lord klang erregt, auf eine obszöne, abstoßende Weise. „Es würde dir das Herz brechen, du würdest dich dafür hassen, aber du würdest es tun."
„Ja." Severus' Lippen formten das Wort, ohne dass ihnen ein Laut entkam.
Stille.
„Ach, Severus." Die Stimme des Dunklen Lords wurde wieder sanfter, und für einen kurzen, surrealen Moment war alle Kälte, alle Bedrohlichkeit aus ihr gewichen. „Ich will dir nicht das Herz brechen. Ich will dich zu nichts zwingen. Ich will, dass du aus freien Stücken für mich lebst und, wenn es nötig sein sollte, stirbst."
Fast glaubte Severus, eine Spur von Sehnsucht in den Worten zu hören.
„Deshalb werde ich dir auch nicht befehlen, deinen Muggel zu töten – oder auch nur, ihn zu vergessen. Du wirst selbst wählen dürfen, was du tust. So, wie die Dinge stehen, wirst du nächste Woche nach Hogwarts zurückkehren und die Schule bis zu deinem Abschluss mit vollem Engagement absolvieren. Deine Ferien – alle Ferien – wirst du weiterhin auf Malfoy Manor verbringen, damit deine Ausbildung in den Dunklen Künsten fortgesetzt werden kann. Nach deinem Schulabschluss wirst du zur Tarnung ein Heiler- oder Tränkestudium aufnehmen, doch in Wirklichkeit wirst du als Heiler für den Orden tätig sein."
Severus verschlug es die Sprache. Er hatte sich schon auf das Schlimmste gefasst gemacht, auf Todesdrohungen, auf den Befehl, Miguel zu foltern und zu ermorden – stattdessen bot der Dunkle Lord ihm ein Leben im Orden an, versprach eine Fortsetzung seiner Ausbildung ...
„Das ist es, was du haben wirst, wenn du deine Beziehung zu diesem Muggel fortsetzt: einen Platz in meiner Familie, als einer unter vielen. Doch das ist nicht, was ich ursprünglich für dich im Sinn hatte."
Beim plötzlich veränderten Klang der Stimme ihres Herrn stellten sich sämtliche Härchen auf Severus' Körper auf.
„Du könntest mehr haben, Severus, weit mehr." Der Dunkle Lord sprach jetzt in einem tiefen, fast warmen und lockenden Tonfall. „Du bist ein außerordentlich talentierter junger Mann – und du gefällst mir auf vielerlei Weise. Du könntest ganz nach oben kommen. Du könntest an meiner Seite herrschen."
Severus fühlte sich wie betäubt.
„Dieser Weg steht dir immer noch offen, Severus", schnurrte der Dunkle Lord. Auf Severus wirkte er in diesem Moment tatsächlich wie eine große schwarze Katze, ein Panther, der Zähne und Klauen für kurze Zeit verborgen hielt und stattdessen seinen betörenden Raubtier-Charme spielen ließ.
„Ich stelle nur eine Bedingung, nur eine einzige: Bring mir Miguel und töte ihn vor meinen Augen."
„Ihr ... Ihr lasst mich wählen, Herr?", flüsterte Severus verstört.
„Ja", bestätigte der Dunkle Lord. „Und ich werde deine Entscheidung akzeptieren, wie immer sie lauten wird."
Die Versuchung war groß.
Gefährlich groß.
An seiner Seite herrschen ...
Severus sah sich neben dem Dunklen Lord stehen, fühlte, wie ihn die Macht durchströmte ... Niemand würde ihn mehr verletzen können, er würde stark sein, unbezwingbar ... Er würde sich endlich rächen können an allen, die ihn gequält und erniedrigt hatten: an seinem Vater ... an Potter, Black, Lupin, Pettigrew ... an den Lehrern in Hogwarts ... an Lucius ...
Doch dann schob sich Miguels Gesicht vor das seines Herrn. Es war ein lachendes Gesicht mit vor Begeisterung funkelnden Augen – Miguel, wie er war, wenn das Glück ihn überwältigte. Miguel, der mit halb geschlossenen Augen über den Rasen streichelte. Miguel, der Severus strahlend vom Pferderücken herab zuwinkte. Miguel, der –
‚Es ist okay, Severus. Ich hab' keine Angst vorm Tod. Du musst nicht' –
Ich will aber nicht, dass du stirbst! Ich will dich nicht verlieren, verdammt noch mal!
„Ich kann ihn nicht töten, Herr."
Für einen Moment herrschte Stille.
Severus spürte, dass Aemilius neben ihm vor Anspannung zitterte. Er sah, wie Lucius ungläubig den Kopf schüttelte.
Der Dunkle Lord atmete hörbar tief durch. Einen Lidschlag lang glaubte Severus, so etwas wie Enttäuschung in den roten Augen zu sehen, Enttäuschung, Kränkung – vielleicht sogar eine Spur von Verletztheit. Doch der Eindruck verflog so rasch, dass Severus ihn seiner Einbildungskraft zuschrieb.
Als sein Herr sprach, hatte seine hohe Stimme einen schneidend kalten, metallischen Klang. „Wie du willst. In diesem Fall muss ich dich darüber informieren, dass ich es nicht schätze, von meinen Gefolgsleuten hintergangen zu werden. Das gilt auch für dich, Aemilius. Ich weiß, dass du gern eigene Wege gehst und habe mich bisher nicht in deine privaten Machtspielchen eingemischt, aber damit ist jetzt Schluss! Ich kann nicht akzeptieren, dass mein Stellvertreter mich belügt, aus welchen Motiven auch immer. Daher wirst du den Posten als meine Rechte Hand verlieren."
Aemilius wurde leichenblass.
„Es wird keine weiteren Strafen für dich geben. Du wirst auch zukünftig eine Beraterfunktion für mich ausüben, aber ich werde mir einen neuen Stellvertreter wählen. Um präzise zu sein: Ich habe ihn bereits gewählt. – Lucius."
Lucius erhob sich von seinem Platz und verneigte sich leicht. „Zu Euren Diensten, mein Lord."
„Ich habe es allein Lucius zu verdanken, dass ich von euren Heimlichkeiten gegen mich erfahren habe."
Also haben meine Barrieren doch gehalten! Und es war wieder Lucius! Immer und immer wieder Lucius ...
Der Hass nahm Severus fast die Luft zum Atmen.
Die Stimme des Dunklen Lords wurde wieder weicher, flüssig wie Quecksilber – und genauso giftig. „Lucius ist noch sehr jung und unerfahren. Ich bin mir nicht sicher, ob er diesen Posten auf Dauer angemessen ausfüllen kann."
Nun war es an Lucius, zu erbleichen.
In den Augen des Dunklen Lords tobte jetzt ein roter Sturm, und seine Stimme war so tödlich süß wie die Beeren des bittersüßen Nachtschattens. „Daher mache ich euch, Aemilius, Severus, folgendes Angebot: Solltest du jemals deine Meinung ändern, Severus, und bereit sein, deinen Muggel vor meinen Augen zu töten, dann wirst du die versprochene Position an meiner Seite erhalten. Gleichzeitig wird Aemilius in seine alte Funktion als mein Stellvertreter wiedereingesetzt."
Der Dunkle Lord lehnte sich in siegessicherer Pose zurück und bedachte Severus mit einem schneidend kalten Blick. „Alles hängt also von dir ab, Severus", zischte er höhnisch. „Mit einer einzigen Entscheidung kannst du dich an Lucius rächen, dich gegenüber Aemilius erkenntlich zeigen und selbst zu Macht und Einfluss gelangen. Eine einzige Entscheidung holt dich ins Licht – mein Schattenprinz."
Fassungslos starrte Severus den Dunklen Lord an. Sein Herr lächelte süffisant und erhob sich mit einer raubtierhaften, geschmeidigen Bewegung.
Lucius sprang dermaßen hastig auf, dass er sein Weinglas umstieß. Mit bebenden Fingern stellte er es wieder hin und ließ den Fleck vom Tischtuch verschwinden.
Aemilius' Atem ging so rasch, dass Severus fürchtete, sein Lehrer könnte kollabieren.
Mit einer ironischen Handbewegung winkte der Dunkle Lord sie alle aus dem Raum.
„Ihr dürft euch entfernen. Ich wünsche noch einen angenehmen Tag, die Herren."
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Der Kies knirschte unter ihren Stiefeln, als Severus, Aemilius und Avery schweigend durch den Park von Malfoy Manor schritten. Es war bereits hell, und die aufgehende Sonne malte bunte Streifen an den Horizont.
„Es tut mir so leid, Aemilius", brach Severus schließlich mit leiser und bedrückter Stimme das Schweigen. „Aber ich kann ihn nicht töten. Ich ..."
„Ich verlange ja auch gar nicht, dass du ihn tötest", entgegnete Aemilius müde.
„Aber du hast deine Position im Orden verloren – meinetwegen."
„Vielleicht ist es ganz gut so", seufzte sein Lehrer matt. „Vieles hat mir schon lange nicht mehr gefallen ... Vielleicht sollte ich es als Befreiung betrachten, dass ich einen Teil der Verantwortung für die Politik des Ordens los bin."
„Aber du musst mich doch hassen! Wie kannst du es ertragen, mich weiter zu unterrichten, mich in deinem Haus zu haben ... Du warst so mächtig, so einflussreich ... Ich habe dir alles kaputt gemacht!"
Aemilius blieb stehen und sah Severus direkt in die Augen. „Für dich wird es immer einen Platz geben auf Malfoy Manor. Solange ich lebe, wirst du hier jederzeit willkommen sein. Davon abgesehen" – er zwinkerte Severus zu – „beschränken sich meine Macht und mein Einfluss zum Glück nicht auf meine Rolle im Orden. – Du hast nichts kaputt gemacht, Severus. Mir war das Risiko sehr wohl bewusst, als ich dir gestattet habe, Miguel für den Rest der Ferien zu behalten."
Eisige Knoten bildeten sich in Severus' Eingeweiden. „Aber ... Aemilius ... ich ... Was wird nach den Ferien mit Miguel? Du darfst ihn nicht töten! Niemals! Bitte ..." Severus war überrascht, wie flehend seine eigene Stimme plötzlich klang.
„Und warum nicht?", fragte sein Lehrer leise.
„Weil ..." Severus stockte und schluckte.
Aemilius sah ihn aufmerksam an.
„Weil ... weil ich ... ihn liebe", würgte Severus schließlich mühsam hervor. "Ich ... ich bin nicht nur verliebt in ihn. Ich liebe in wirklich."
Aemilius sah ihn weiterhin an, so lange, bis Severus glaubte, es nicht mehr ertragen zu können. Sein Gesicht wurde immer wärmer. Er wusste, dass er komplett rot angelaufen war vor Scham. Aber er hielt dem Blick stand.
Schließlich war es sein Gastgeber, der die Augen abwandte – lächelnd. „Mach dir um Miguel keine Sorgen. Ich verspreche dir, dass er sein Leben hier verbringen kann, gut beschützt vor allen, die ihm schaden wollen – und zwar ganz gleich, wie lange deine Liebe zu ihm anhält."
Severus spürte, wie seine Knie weich wurden vor Erleichterung. „Danke", hauchte er.
Doch dann regten sich Zweifel in ihm. Meinte Aemilius sein Angebot wirklich ernst? Oder wollte er Severus nur beruhigen, um dann, sobald sein Schüler abgereist war ...
„Warum?", fragte Severus misstrauisch.
Aemilius lachte leise, sah dabei allerdings ein bisschen gekränkt aus. „Du kannst meinem Wort vertrauen, Severus. Wenn ich dir sage, dass ich Miguel schützen werde, dann meine ich das auch so. – Warum? Ich möchte, dass du glücklich bist. Und Miguel ... Nun, irgendwie wird er sich schon nützlich machen können, in den Ställen, im Garten, vielleicht auch im Haus ... Er ist nicht dumm für einen Muggel und –." Aemilius verstummte abrupt und lächelte schief. „Ganz abgesehen davon: Ich werde mich nicht von meinem eigenen Sohn erpressen lassen."
„Es musste eines Tages so kommen", warf Avery mit ernster Stimme ein. „Du warst ein schlechter Vater für Lucius, und jetzt gibt er dir zurück, was er all die Jahre von dir bekommen hat."
„Wahrscheinlich hast du Recht. Es ist meine Schuld", gab Aemilius widerwillig zu. Er schwieg einige Sekunden lang.
„Ich habe mich wirklich bemüht, Lucius zu lieben, das weißt du, Jim. Aber es ging einfach nicht. Jedes Mal, wenn ich den Jungen gesehen habe, musste ich an Agra denken, daran, wie sie sich wohl bei seiner Geburt abgequält hat ... daran, wie ich sie gefunden habe im Wald, tot und kalt und in Blut gebadet, und dieses Ding lag neben ihr und kreischte und war so ekelhaft lebendig ..."
Aemilius' Stimme war so voll Hass und Abscheu, dass Severus unwillkürlich einen Schritt zurückwich.
„Es hat sie umgebracht, Jim! Lucius hat Agra umgebracht!"
Avery legte Aemilius eine Hand auf die Schulter. „Er kann nichts dafür, Aemilius. Merlin, er war ein Baby! Er kann nichts dafür."
„Das weiß ich doch, verflucht noch mal!" Aemilius schlug plötzlich die Hände vors Gesicht und sank auf die Knie. „Verdammte Scheiße!"
Avery trat hinter ihn und berührte ihn wieder an den Schultern. Halt suchend lehnte Aemilius sich gegen ihn.
Severus stand hilflos daneben. Er hatte seinen Gastgeber noch nie so schwach und verletzlich gesehen.
„Geh ins Haus, Severus", wies Avery ihn leise an.
Aber Aemilius schüttelte den Kopf. „Nein, lass ihn. Komm her, mein Junge."
Zaghaft trat Severus zu den beiden Männern.
Aemilius sah mit einem kläglichen Lächeln zu ihm auf. In seinen Augen glitzerte es.
„Ich war ein absolut miserabler Vater. In gewisser Weise bin ich Schuld an allem, was Lucius diesen Sommer getan hat – daran, dass er dich und Miguel an mich verraten hat, dass er und seine Freunde Miguel verletzt und vergewaltigt haben und dass er zuletzt uns alle drei an den Dunklen Lord ausgeliefert hat. Ich habe Lucius dazu getrieben. Er hat mit allen Mitteln um meine Liebe gekämpft, aber er hatte nie eine Chance. Es war klar, dass er sich eines Tages gegen mich wenden würde."
Aemilius wischte sich mit dem Handrücken über die Augen.
„Es ist zu spät. Ich werde das nicht mehr an ihm gutmachen können. Gestern habe ich ... Aber wozu darüber reden. Es ist viel zu spät. Lucius hat kein Interesse mehr daran, sich mit mir auszusöhnen, das hat er vorhin deutlich gezeigt. Aber du, Severus ... Du bist noch hier. Wenn du ... falls du mich als eine Art von Vater akzeptieren würdest ... Du könntest der Sohn sein, den ich mir immer gewünscht habe."
Severus stockte der Atem.
„Aemilius – ich ..."
Er sah die Enttäuschung in den Augen seines Lehrers.
„Aber sicher!", rief Severus hastig. „Aemilius, ich ... ich würde mich geehrt fühlen. Wirklich!"
Ein Lächeln wanderte über Aemilius' Gesicht. Wie ein Schleier legte sich sein vertrauter, selbstsicherer Habitus über die Risse und Brüche seiner Persönlichkeit, auf die Severus soeben einen flüchtigen Blick erhascht hatte.
Aemilius sprang auf und klopfte den Dreck von seiner Kleidung. „Wie spät ist es, Jim?"
„Gleich sieben Uhr." Inzwischen war die Sonne weiter den Horizont heraufgeklettert und tauchte den Park in rötlichen Glanz.
„Zeit fürs Frühstück", stellte Aemilius fest. „Ich würde vorschlagen: duschen, umziehen, und in einer Viertelstunde treffen wir uns im Speisezimmer. Oh, und Severus, meinst du, Miguel ist schon wach? Falls ja, dann bring ihn doch bitte zum Frühstück mit."
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