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Schattenprinz

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Anmerkungen: Hier kommt es also – das letzte Kapitel.

An dieser Stelle möchte ich mich bei allen bedanken, die diese Geschichte begleitet und mit ihren Fragen, ihren Kommentaren, ihrer Kritik bereichert haben. Manche Szenen wären ohne euch nie geschrieben worden.

Ein ganz besonderes Dankeschön geht an meine Betaleserin Kathrina CH, die mutig genug war, energisch Einspruch zu erheben, wann immer sie Widersprüche, Ungereimtheiten oder stilistische Mängel entdeckte. Ohne sie wäre „Schattenprinz" nur halb so gut geworden.

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Kapitel 29

Abschiede

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„Master Pryde, Sir?"

Hraban knurrte verärgert und richtete sich halb im Bett auf, als die quäkende Stimme seiner Hauselfe Poky durch die Tür des Schlafzimmers drang.

„Habe ich nicht ausdrücklich gesagt, dass ich heute Nacht auf gar keinen Fall gestört werden will, Po- ... hmm ..."

Hraban verstummte gezwungenermaßen, als sich die Lippen seines Liebhabers auf die seinen senkten, eine vorwitzige Zunge ihren Weg in seinen Mund fand.

„Nun warte doch mal ... fünf Sekunden, Giton, ... bis ich das geklärt habe", keuchte er, sobald er wieder etwas zu Atem gekommen war.

„Wieso sollte ich?"

Giton platzierte einen frechen Kuss auf Hrabans Nasenspitze, und strich sich anschließend mit lässiger Geste die langen braunen Haare zurück. Seine grünen Augen blitzten schelmisch und herausfordernd, als er sich lasziv auf den Laken räkelte und Hraban somit eine hervorragende Sicht auf seinen nackten Körper bot.

„Master Pryde, Sir?", drängte die Elfe von jenseits der Tür. Sie klang nervös und etwas eingeschüchtert.

„Was gibt's denn, verdammt noch mal?!", fauchte Hraban zornig, während er versuchte, Gitons aufdringliche Finger beiseite zu schieben.

„Lass mich raten", murmelte Giton an seinem Ohr, während er Hrabans Hals mit federleichten Küssen bedeckte und die Hände zwischen dessen Beine gleiten ließ. „Es ist fast Mitternacht, du liegst mit mir im Bett, wir nähern uns dem interessantesten Teil des Abends, wir wollen auf gar keinen Fall gestört werden, und deine blöde Elfe hat das mit Sicherheit jedem unwillkommenen Gast mitgeteilt, so dass jeder durchschnittlich intelligente Mensch sich höflich entschuldigt und seinen Besuch auf einen anderen Tag verlegt hätte ... Das heißt, wer auch immer da gerade vor deiner Tür steht, ist dämlich, unhöflich, unsensibel und aufdringlich – das kann eigentlich nur Lucius Malfoy sein, oder?"

„Entschuldigung, Master Pryde, Sir, aber Master Malfoy, der junge Master Malfoy, möchte Sie sprechen, Sir", quiekte die Hauselfe unglücklich.

Hraban stöhnte genervt und zog sich die Bettdecke über den Kopf.

„Ignorier' ihn", schlug Giton vor. „Du hast auch ein Recht auf dein Privatleben. Du hast dich jetzt eine Woche lang ausschließlich um diesen wehleidigen Schnösel gekümmert, bist sogar vorübergehend zu ihm gezogen ... Eine Woche, in der wir uns insgesamt nicht mehr als drei Stunden gesehen haben, weil Lucius Lackarsch Malfoy ein Problem mit Schwulen hat und wir natürlich Rücksicht nehmen müssen auf seine sensiblen ... hmpf."

Der Rest des Satzes ging leider unter, weil Hraban Gitons Mund mit einem Kuss verschlossen hatte.

„Ich komme, Poky!", rief Hraban schließlich, als er sich nach einer ziemlich langen Weile von Giton gelöst hatte, und kletterte über seinen Liebhaber hinweg aus dem Bett.

„Schmeiß ihn möglichst schnell raus, ja?", rief Giton ihm missmutig hinterher. „Ich habe noch so einiges vor mit dir heute Nacht. Und ich kann dabei gut auf die Gesellschaft von Lucius Lästig verzichten."

Hraban schüttelte lachend den Kopf, angelte nach seinem ultramarinblauen Seidenkimono, der zerknüllt auf dem Bettvorleger lag, warf ihn hastig über und verließ das Schlafzimmer.

Aber ich schmeiß ihn wirklich so schnell wie möglich raus, schwor er sich, während er barfuß die Wendeltreppe ins Erdgeschoss hinuntertappte.

Poky erwartete ihn im Hausflur. „Er ist im Salon, Master Pryde, Sir", fiepte die Elfe mit einer unterwürfigen Verbeugung.

Die Tür zum Salon stand einen Spalt breit offen. Warmes Licht flutete über das Eichenparkett, und das muntere Prasseln eines Kaminfeuers drang an Hrabans Ohren.

„Na, hast du dich schon häuslich eingerichtet?", fragte er spöttisch freundlich, als er die Tür ganz aufstieß und zu Lucius ins Zimmer trat.

„Hallo Hraban. Tut mir leid, dass ich dich aus dem Bett geholt habe."

Besonders schuldbewusst siehst du aber nicht aus, dachte Hraban verstimmt.

Lucius hatte sich auf ein niedriges Sofa gefläzt, vor ihm auf dem Tisch standen ein Glas Rotwein –

Mein teuerster Spätburgunder, seufzte Hraban stumm, als er die dazugehörige Flasche erblickte.

– und ein Spankorb mit Kiefernzapfen. Gerade griff er wieder zu, warf einen Zapfen ins Feuer und lauschte versonnen dem Knacken und Knistern, bis der Spaß in einer kleinen violetten Explosion endete, die winzige rote und blaue Sternchen auf das abgetretene Nundu-Fell vor dem Kamin regnen ließ.

„Hab' sie ein bisschen interessanter gemacht", erklärte Lucius mit einer vagen Geste in Richtung Spankorb. „Wie geht's Richie?"

„Giton", verbesserte Hraban und verdrehte die Augen. „Richie war vor einem Jahr."

„Oh", machte Lucius halbherzig. „Sorry."

„Giton geht's gut, falls die Frage wirklich ernst gemeint war – allerdings liegt er gerade oben in meinem Bett und ist nicht eben glücklich, dass wir unterbrochen wurden."

„Oh", wiederholte Lucius, wobei ein Hauch von Röte über seine Wangen huschte. „Ich wusste nicht ..."

„Schon okay." Hraban raffte den Kimono zusammen und ließ sich neben Lucius auf dem Sofa nieder. Prüfend sah er seinem Freund ins Gesicht. „Alles klar bei dir, Kumpel?"

Lucius nickte und warf einen weiteren Kiefernzapfen ins Feuer. „Ich war bei ihm. Gestern Abend."

„Bei wem?"

„Bei meinem Vater."

Hraban starrte ihn überrascht an. „Wie denn das?"

„Er ... er hatte mir einen Brief geschrieben. Vorgestern schon. Ich habe ihn vor dem Ordenstreffen gekriegt ... habe ihn aber nicht gelesen. Ich war zu wütend ... Na, und nach dem Treffen ..."

Lucius riss seinen Blick mit sichtlicher Mühe von den silbernen Schneeflocken los, die gerade aus dem Kaminfeuer stoben, um Hraban in die Augen zu sehen.

„Hat geschrieben, er hätte einen Fehler gemacht. Ich glaube, das war das erste Mal in seinem scheißverdammten Leben, dass er einen Fehler zugegeben hat – ohne dass ihm jemand den Zauberstab auf die Brust gesetzt hat, meine ich. – Ich war zum Dinner da ... Er hat sich bei mir entschuldigt, Hraban. Kannst du dir das vorstellen? Er hat sich echt entschuldigt ..."

Ehrlich gesagt, nein, dachte Hraban verblüfft. Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Nicht nach zweiundzwanzig Jahren, in denen Aemilius nie auch nur ein freundliches Wort für Lucius gehabt hat ...

„Glaubst du, er hat das ernst gemeint?", fragte er zweifelnd.

„Oh ja!" Der Nachdruck in Lucius' Stimme überraschte ihn. „Ganz sicher."

Lucius verstummte abrupt und begann, einen Kiefernzapfen zu zerpflücken, scheinbar völlig in Anspruch genommen von dieser Tätigkeit. Es verging eine ziemlich lange Zeit, ehe er wieder sprach, aber er sah nicht auf dabei.

„Er war so anders, Hraban ... so total anders."

Mit Schwung warf Lucius die Holzstückchen ins Feuer. Die Flammen zischten und wechselten die Farbe, von Orange zu Rot zu Violett zu Blau ...

„Er hat mit Miguel an einem Tisch gesessen und gegessen. Mein Vater hat mit einem Muggel am Tisch gesessen. Kapierst du das?"

Nein. Eigentlich nicht, nein.

„Und das Beste kommt erst noch. Severus und mein Vater haben Miguel den Homagium-Schwur geleistet – und vice versa. Ich musste das Ganze bezeugen. Verrückt, was?"

Lucius' Lachen klang verwirrt und unsicher.

„Ja. Allerdings."

Hier versagte Hrabans Vorstellungsvermögen endgültig.

Ich hoffe, Aemilius weiß, was er tut.

„Und jetzt?", fragte er nach einigen Minuten des Schweigens. „Was hast du jetzt vor? Gehst du zu ihm zurück?"

Lucius schüttelte langsam den Kopf. „Er hat das Hausverbot nicht aufgehoben", sagte er leise. „Und außerdem ... Er meinte, es wäre wohl besser, wenn wir eine Zeit lang etwas Abstand voneinander hielten."

„Schätze, da hat er Recht."

Schweigen.

„Ich hab gestern den ganzen Tag darüber nachgedacht, wie's jetzt weitergehen soll", fuhr Lucius endlich fort. „Komisch, was? Seit Jahren wünsche ich mir, dass er mich endlich in Ruhe lässt. Und jetzt ist es irgendwie so, als hätte er mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich glaube, ich habe die letzten Jahre tatsächlich nur für meinen Hass gelebt. Alles, was ich gemacht habe, hatte mit ihm zu tun: der Job im Ministerium, meine Spekulationen an der Kobold-Börse, mein ... Engagement bei den Todessern ... Ich wollte immer besser sein als mein Vater, ihn auf allen Gebieten übertreffen, die ihm wichtig waren."

Ja. Das ist mir nicht entgangen. Obwohl du bisher nirgendwo besonders erfolgreich warst ...

„Und jetzt?", wiederholte Hraban nach einiger Zeit erneuter Stille. „Hast du schon irgendwelche Pläne – jetzt, wo du frei bist?"

Wie in Antwort auf Hrabans Frage schwirrte ein Schwarm winziger gelber und roter Kolibris aus dem Feuer, als der vorletzte Kiefernzapfen knallend explodierte.

„Na, ich werde ganz nach London gehen", entgegnete Lucius achselzuckend. „Die Villa gehört schließlich mir ... Intensiver für das Ministerium arbeiten, meinen neuen Posten im Orden so gut wie möglich ausfüllen ..."

„Da hast du dich ganz schön in was reingeritten ...", unterbrach Hraban beklommen.

Als Lucius nach der Ordenszusammenkunft zu ihm gekommen war, um das Ergebnis seiner bis dahin von ihm vor Hraban geheimgehaltenen Verhandlungen mit dem Dunklen Lord mitzuteilen, war Hraban fast das Herz stehengeblieben vor Schreck. Rechte Hand des Dunklen Lords ... Wie sollte sein Freund diesen Posten jemals angemessen ausfüllen können? Lucius war viel zu jung, zu unerfahren, zu impulsiv ...

„Ja", erwiderte Lucius leise. „Ich weiß, dass ich Mist gebaut habe, das brauchst du mir nicht zu sagen. Aber im Moment möchte ich nicht darüber reden. Es gibt andere Dinge ... Du kennst Narcissa Black?"

Hraban grinste breit, abrupt aus seinen düsteren Gedanken gerissen. „Klar, wer kennt die nicht?"

„Wir waren öfter aus in den letzten Wochen ..." Lucius lächelte versonnen und beförderte den letzten Kiefernzapfen ins Feuer. „Ich habe mir überlegt ... vielleicht sollten wir uns verloben."

„Was – wir?!" Hraban zog in gespielter Begeisterung die Augenbrauen hoch. „Liebling, wie lange habe ich darauf gewartet ..." Doch er hörte selbst, wie seine Stimme kippte, als sein Herz sich schmerzhaft zusammenkrampfte.

„Spinner!" Lucius lachte unsicher und hob abwehrend die Hände, als Hraban sich mit übertriebener Geste über ihn neigte, um ihm einen Theaterkuss auf die Lippen zu drücken.

Aber die aufgesetzte Albernheit half Hraban nicht, die Tränen niederzukämpfen, die ihm ungerufen in die Augen stiegen. Sanft umfasste er Lucius' Hände, die ihn auf Abstand halten wollten. Er fühlte, dass die Finger seines Freundes zitterten. Stumm suchte er in den grauen Augen nach einer Antwort auf seine unausgesprochene Bitte. Schließlich senkte Lucius die Lider und nickte leicht, kaum wahrnehmbar. Hraban ließ seine Hände los und umfasste stattdessen das Gesicht seines besten Freundes. Dann neigte er sich vor, berührte Lucius' Lippen mit den seinen, spürte, wie sie sich für ihn öffneten.

In Hrabans Rücken explodierte der letzte Kiefernzapfen in einem kalten, blauen Funkenwirbel, als er und Lucius sich zum ersten und letzten Mal in ihrer langen Freundschaft zärtlich küssten.

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Severus ließ einen Finger über das glatte Holz der Tür zu Miguels Zimmer wandern. Im oberen Bereich war eine Intarsienarbeit eingelassen, zwei Schlangen, die Körper ineinander verwoben, die Köpfe wachsam erhoben. Ihre Reptilienaugen fixierten ihn unentwegt, während ihre schlanken Leiber sich umeinander wanden.

„Heute ist mein letzter Abend auf Malfoy Manor", sagte er leise, indem er die eine Schlange berührte. Sie zischte und legte den Kopf schief, wie ein Hund, der seinem Herrn lauscht. „Morgen muss ich zurück nach Hogwarts."

Verrückt, dachte er kopfschüttelnd. Früher habe ich mich immer gefreut, wenn die Ferien zu Ende waren und ich wieder zur Schule durfte – weg von meinem Vater, weg vom Rest meiner Muggelverwandtschaft.

Zu Beginn der Ferien hatte Aemilius ihm angekündigt, dass er sich selbst kennenlernen würde im Verlauf dieses Sommers – sich selbst und seine Grenzen. Severus war ganz sicher bis an den Rand seiner Möglichkeiten gebracht worden, sowohl was die Belastbarkeit seines Körpers, als auch was die seines Geistes anbelangte. Doch als die größte Herausforderung hatte sich seine Seele, hatten sich seine Gefühle erwiesen.

Im Rahmen seines Unterrichts hatte Severus Schmerzen ertragen und zugefügt, hatte geheilt und gefoltert, hatte getötet und war selbst fast gestorben. Er wusste jetzt Bescheid über Werwölfe, Vampire und andere Kreaturen der Finsternis, hatte sich weit auf das verbotene Terrain der Dunklen Künste hinausgewagt und schließlich sogar gelernt, den Tod zu essen. Was nicht auf seinem Stundenplan gestanden hatte, war seine Liebe zu Miguel. Und dennoch gingen von ihr die wichtigsten Erkenntnisse dieses Sommers aus.

Während der letzten acht Tage hatte Severus sich so intensiv um Miguel gekümmert, wie es ihm möglich gewesen war. Natürlich hatte der Unterricht nach wie vor an erster Stelle gestanden, aber er hatte deutlich mehr Freizeit gehabt als in den vorausgegangenen Wochen. Statt wie anfangs stundenlang bei Miguel auf dem Zimmer zu sitzen, hatte er ihn nunmehr im Garten oder bei den Ställen getroffen.

Dass Miguel inzwischen eine Aufgabe hatte, hatte ihr Zusammensein ebenfalls stark verändert. Wenn Severus nach dem Unterricht zu ihm gegangen war, dann hatte Miguel stets etwas zu erzählen und zu zeigen gehabt. Einmal war es ein Wurf neugeborener Hundewelpen, den er Severus mit vor Aufregung zitternder Stimme präsentierte. Das nächste Mal schleppte Miguel ihn zu den Weiden am Waldrand, um voll überschäumender Begeisterung sein neu erworbenenes Pferdewissen zu demonstrieren.

Dass Miguel ihn nicht liebte, war Severus klar. Auch er liebte den jungen Mann nicht so, wie man einen Ebenbürtigen liebt. Die Machtverhältnisse in ihrer Beziehung waren ungleich verteilt und würden es immer bleiben, Homagium-Schwur hin oder her. Dennoch hatte er das Gefühl, dass Miguel inzwischen eine gewisse Sympathie für ihn hegte.

Die Nächte verbrachte Severus nach wie vor im Bett des jungen Mannes – ohne dabei jemals mehr getan zu haben, als ihn zu streicheln, zu küssen und zu umarmen. Und ohne sich seinerseits von Miguel in intimer Weise berühren zu lassen, soweit sich das verhindern ließ. Severus fürchtete sich viel zu sehr vor den Konsequenzen, hatte Angst, dass seine Maske reißen würde, seine Mauern bröckeln könnten, scheute vor dem zu erwartenden Kontrollverlust zurück.

Severus' Hand legte sich auf das kalte Metall des Türklinke. Er zögerte und entschied sich schließlich, das erste und einzige Mal in drei Wochen anzuklopfen.

Einen Moment war es still.

„Herein", ertönte endlich eine unsichere Stimme.

Severus drückte die Klinke herunter und öffnete die Tür.

Miguel stand mit dem Rücken zum Schreibtisch und starrte ihm verblüfft entgegen.

„Du ... du hast angeklopft", flüsterte er rau.

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Er hat angeklopft, dachte Miguel benommen. Mein Gott, er beginnt tatsächlich, mich wie einen Menschen zu behandeln.

Er versuchte, die aufsteigenden Tränen wegzublinzeln.

Severus stand immer noch in der offenen Tür und sah ihn an, aber auf eine fremde, neue Weise. Miguel hatte das Gefühl, dass der Zauberer ihn tatsächlich zum ersten Mal als einen Menschen wahrnahm – als ein eigenständiges Wesen mit Gefühlen, als jemanden, der das Recht hatte, nein zu sagen, wenn er etwas nicht wollte.

„Darf ich ... darf ich reinkommen?"

Miguel schluckte hart und nickte.

Severus schloss die Tür hinter sich und kam zögernd auf ihn zu. Heute trug er Jeans und T-Shirt und sah wie ein ganz normaler Junge aus, nicht wie das seltsame, bedrohliche Wesen mit Zauberkräften, als das er sich Miguel oft genug gezeigt hatte.

„Ich hab' dir was mitgebracht."

Da zog er doch tatsächlich ein kleines Päckchen aus der Hosentasche, ein richtiges Geschenk, komplett mit buntem Papier und Schleife.

„Hier, nimm."

Miguel streckte eine zitternde Hand aus. Das Päckchen war ganz leicht. Er öffnete es mit unsicheren Fingern.

Ein Armband. Ein Armband aus kleinen Bernsteinen in allen erdenklichen Farbvarianten von Creme bis Ebenholz. Vorsichtig nahm er es in die Hand und ließ die Fingerspitzen über die glatten Steine gleiten.

„Danke", hauchte er.

„Dieser Abend ist mein letzter auf Malfoy Manor. Morgen muss ich zurück nach Hogwarts – so heißt meine Schule."

Er geht noch zur Schule?!

Das war ja abartig ... In den Ferien Folterunterricht – und während des restlichen Jahres? Mathe und Englisch vielleicht? Oder Gifte mischen und Menschen in Mäuse verwandeln?

Gruselig.

Wieder einmal dachte Miguel, dass er nichts, absolut gar nichts über diesen Jungen wusste. Severus hatte nie von sich gesprochen, nicht einmal in drei Wochen. Tatsächlich bestand die einzige persönliche Information, die Miguel von ihm hatte, darin, dass er der Erste gewesen war, mit dem Severus geschlafen hatte. Und auch dies hatte ihm der andere nicht verbal, sondern schlicht durch seine Ungeschicklichkeit mitgeteilt.

Nein, er wusste kaum etwas von Severus, das ihm mit Worten mitgeteilt worden wäre. Aber er hatte trotzdem viel über ihn erfahren in den vergangenen Wochen. Dass er einsam war, zum Beispiel. Dass er sich nach Berührungen sehnte, sie aber nicht zulassen konnte. Dass er sich hässlich fand. Dass er voller Ängste steckte, die sein ganzes Handeln bestimmten. Und dass er sehr liebevoll und ungeheuer mutig sein konnte, wenn ihm ein anderer Mensch etwas bedeutete.

Miguel sah Severus an, der immer noch vor ihm stand, die Augen unverwandt auf ihn gerichtet hielt.

„Komm ...", sagte Miguel und nahm ihn bei der Hand. „Komm."

Widerstandslos ließ der Junge sich von ihm zum Bett ziehen, setzte sich, ohne den Blick für eine Sekunde von ihm zu lassen. Diesmal kam kein Protest, als Miguel sich auszuziehen begann. Nackt beugte er sich über Severus, nahm sein Gesicht in beide Hände und küsste ihn. Der Junge schloss die Augen. Miguel liebkoste mit den Fingerspitzen seine Wangen, seine Lider, seine Lippen. Als er Severus über die Nase streichelte, fuhr dieser zurück und riss die Augen auf.

„Du hast eine sehr schöne Nase", flüsterte Miguel und küsste sie.

Severus entzog sich und sah ihn durchdringend an. Miguel hielt dem Blick stand. Schließlich atmete Severus tief durch und schloss die Lider wieder – was er in den Augen des anderen gesehen hatte, hatte ihn offenbar überzeugt. Miguel küsste ihn erneut, diesmal auf den Mund, und ließ die Hände dabei unter Severus' T-Shirt gleiten. Er spürte, wie der Atem des Jungen sich beschleunigte.

Behutsam streifte er Severus das Shirt über den Kopf, streichelte seine magere Brust. Dann wanderten seine Finger tiefer, huschten über Jeansstoff hinab zu den Schuhen. Er begann, die Schnürsenkel aufzuknüpfen, merkte aber, wie Severus sich verspannte und hielt inne.

Miguel wollte die Atmosphäre nicht zerstören, trotzdem entschlüpfte ihm ein geflüstertes: „Meinst du, meine Füße müffeln nicht, wenn sie den ganzen Tag in Turnschuhen gesteckt haben?"

Severus gab ein leises Schnauben von sich. Miguel blickte rasch zu ihm auf und sah noch den Schatten eines Lächelns davonhuschen.

Er zog Severus Schuhe und Strümpfe aus, massierte ihm ein bisschen die Füße, ehe er die Hände wieder höher gleiten ließ. Ganz langsam fuhren sie an den Beinen hinauf und wandten sich schließlich den Hosenknöpfen zu.

Ein tiefes Atemholen ließ ihn erneut innehalten. Wieder sah er Severus an, bis ein knappes Nicken ihm bedeutete, fortzufahren.

„Jetzt musst du mithelfen", flüsterte er.

Severus hob sein Becken an und Miguel befreite ihn vom Rest der Kleidung. Dann ließ er seinen Blick über den knochigen Körper wandern. Severus hatte die Augen wieder geschlossen, die Lippen fest aufeinandergepresst.

Er schämt sich für seinen Körper.

„Du bist schön", versicherte Miguel leise.

Diesmal klang das Schnauben geringschätzig.

„Ich hab' nicht behauptet, dass du aussiehst wie Alain Delon ... aber ich mag deine Haut ..." – er ließ seine Hände über Severus' Oberkörper gleiten – „ ... deinen Bauchnabel ..." – er küsste ihn – „ ... deine Halsbeuge ..." – er küsste ihn auch dort.

Severus stöhnte leise und bog sich ihm entgegen.

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Severus öffnete die Augen erst wieder, als er spürte, dass Miguel sich neben ihm aufs Bett sinken ließ.

Da war er wieder, dieser wundervolle Körper. Scheu streckte er die Hände danach aus. Er fuhr Miguel über Brust und Bauch, beugte sich vor und küsste ihn ungeschickt auf den Mund. Ehe er sich hastig zurückziehen konnte, fasste der andere ihn an den Schultern, zog ihn zu sich heran und erwiderte den Kuss leidenschaftlich. Eine Welle aus flüssigem Feuer brandete durch Severus' Körper.

Ihr erstes Mal war hastig und ungeschickt verlaufen. Beide waren sie voll Angst und Unsicherheit gewesen – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Diesmal war es anders. Diesmal hatten sie alle Zeit der Welt, und niemand würde sie stören.

Langsam wurde Severus mutiger. Er begann, den anderen zärtlich zu streicheln, wie er es in den letzten Wochen so oft getan hatte. Doch diesmal war keine Schutzschicht aus Kleidern zwischen ihren Körpern, und er wagte sich in Regionen vor, die er normalerweise nicht einmal hätte ansehen können, ohne zu erröten.

Nun, auch diesmal wurde er rot und wollte seine Finger rasch zurückziehen, als sich etwas unter ihnen zu regen begann. Doch Miguel hielt ihn fest, küsste ihn auf die Stirn und führte seine Hände wieder zwischen seine Beine.

Wann immer Severus unsicher wurde, war Miguel da, um ihn zu leiten und ihm die Scheu zu nehmen. Es war etwas Wunderbares, das ihm da zuteil wurde, ein kostbares Geschenk, das Miguel ihm bereitete, dessen war Severus sich bewusst. Endlich konnte er loslassen, sich fallen lassen in diese verzauberte Welt der sanften Berührungen und geflüsterten Worte.

Nach einer Weile rollte Miguel sich auf den Bauch. Wieder führte er Severus' Hände, zeigte ihm wortlos, was er tun musste. Und als sie sich schließlich vereinten, war es einfach nur schön.

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Severus blieb die ganze Nacht bei Miguel, schmiegte sich eng an ihn, badete in seinem Duft und genoss das Gefühl, die samtene Haut auf der seinen zu spüren. Sie schliefen bis weit in den Morgen hinein – bis ein leises Klopfen sie aufschrecken ließ.

„Severus?", drang Aemilius' Stimme gedämpft durch die Tür.

Severus fuhr hoch. Das Herz schlug ihm bis zum Hals.

„Severus, bist du da drin?"

„Ja", antwortete er mit kieksiger Stimme.

Oh Merlin, lass ihn bloß nicht reinkommen ...

„Es ist gleich neun Uhr. Um zehn müssen wir los. Beeil dich ein bisschen."

„Ich ... Ist gut, Aemilius. Ich komme gleich."

Er hörte sich entfernende Schritte.

„Mann", hauchte Severus. „Ich dachte echt, gleich kommt er rein, und ..."

„Und was?", fragte Miguel lächelnd und küsste ihn auf die Nasenspitze.

Severus starrte ihn ungläubig an.

„Was meinst du wohl, wozu er mich hierbehalten hat – wenn nicht dazu?"

Er küsste Severus auf den Mund und erstickte damit gleichzeitig dessen Protest.

„Ich ...", murmelte Severus verlegen, als er wieder zu Atem gekommen war.

Es stimmte natürlich: Aemilius wusste sehr gut, welcher Art Severus' Interesse an Miguel war. Und vermutlich war er auch darüber informiert, dass Severus fast keine Nacht in den letzten drei Wochen in seinem eigenen Zimmer verbracht hatte. Allerdings konnte sein Gastgeber wohl kaum wissen, dass in diesen Nächten nichts, absolut gar nichts passiert war – abgesehen von der allerletzten, wundervollen, zauberhaften Nacht. Severus wurde schon rot, wenn er nur daran dachte, Aemilius beim Frühstück in die Augen zu sehen.

„Ich muss los", verkündete er widerwillig.

Er schlüpfte aus den Decken und zog sich eilig an.

Miguel beobachtete ihn schweigend vom Bett aus. „Du wirst mir fehlen", sagte er plötzlich.

Severus erstarrte mit einem Schuh in der Hand. Langsam hob er den Kopf und sah Miguel in die Augen. „Du mir auch", flüsterte er. Rasch zog er die Schuhe an, huschte zurück zum Bett und drückte seinem Freund einen Abschiedskuss auf die Lippen.

„Schreib mir mal", bat Miguel.

Severus nickte stumm. Er hatte plötzlich einen dicken Kloß im Hals.

Miguel lächelte gezwungen. „Na geh schon. So, wie die Sache aussieht, werde ich ja auf jeden Fall hier sein – egal, wann du wiederkommst."

Severus biss sich auf die Lippen. „Ich ... ich werde schreiben. Jede Woche. Ich versprech's."

Miguels Lächeln wurde bitter. „Du wirst mich bald vergessen."

Severus schüttelte den Kopf. „Nie", sagte er rau.

Dann drehte er sich um und stürzte aus dem Zimmer hinaus.

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Nachdem Severus gegangen war, stand Miguel auf und ging zur Fensterfront hinüber. Lange sah er in den sonnenüberfluteten Park hinaus. Die Pappeln vorm Haus rauschten im Septemberwind. Hoch im grellblauen Himmel jagten ein paar Schwalben nach Insekten.

Bald würde der Herbst kommen und die Schwalben mit sich nehmen.

Miguel fühlte sich mit einem Mal furchtbar wund und verlassen.

Nach dem Herbst würde es Winter werden, dunkel und einsam in diesem seltsamen Haus.

Aber schließlich, dachte Miguel mit einem wehmütigen Lächeln, kommen die Schwalben ja jedes Jahr wieder, oder?

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Ende.

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Anmerkungen: Hier endet „Schattenprinz". Ich habe jedoch weitere Geschichten geschrieben, die in diesem Universum spielen, und in denen euch zumindest einige der Charaktere wiederbegegnen werden. In allen spielt Severus, in manchen auch Lucius, eine zentrale Rolle. In unmittelbarer zeitlicher Nähe zu Schattenprinz" stehen:

- Schattenprinz-Outtakes"

- Kinderspiele"

- Briefe"

- Auf Wiedersehen im St. Mungo's"

- Winterliebe"

- Ein Stern"

Mit dem erwachsenen Severus befassen sich:

- Ein Totentanz"

- Vertrauen und Angst"

- Grenzen"

- Jenseits von Hogwarts"

- Herbst"

Wer möchte, findet hier also noch reichlich zu lesen. ;-)

Meine Fanart könnt ihr euch auf DeviantArt ansehen. Ich habe auch die meisten meiner OCs gezeichnet. Dort bin ich Black-Zora.

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