Kapitel 2: Zickenalarm
Er hatte gerade mal eine Stunde gearbeitet und sich wieder ein bisschen beruhigt, als sein Handy läutete. Tim sah Horatios Nummer auf dem Display und meldete sich.
"Speed, schnapp dir Calleigh und fahrt zum Tamiami Kanal. Angler haben einen Toten gefunden. Yelina meinte, es wären viele Blutspuren zu sichern und es soll heute regnen, also macht euch gleich auf den Weg."
"Okay, H. Wir fahren gleich los."
Er machte sich auf die Suche nach Calleigh und fand sie schließlich in der Ballistik, wo sie wieder einmal Schießübungen machte. Während er mit ihr zum Labor ging, um ihren Arbeitskoffer zu holen, gab er ihr die wenigen von Horatio erhaltenen Informationen weiter.
Auf der Fahrt zum Tatort hatte Tim das Gefühl, dass Calleigh ziemlich gereizt war. Auf jede Frage, die er ihr stellte, antwortete sie nur kurz angebunden und sah die meiste Zeit still zum Fenster hinaus.
Er vermutete, dass ihre miese Stimmung damit zusammenhing, dass sie den Morgen über mit Eric zusammengearbeitet hatte. Seit Calleigh bei Lindas Geburtstagsfeier herausgerutscht war, dass sie Gefühle für Eric hegte, hatte er sich vorgenommen, mit ihr darüber zu sprechen. Leider hatte er bis jetzt aber nie den passenden Zeitpunkt gefunden.
Am Tatort angekommen, gingen sie zu Yelina und ließen sich von ihr kurz erläutern, was sie bis jetzt über das Opfer und den Tathergang herausgefunden hatte.
"Ich habe Eric schon Bescheid gesagt. Es führen Reifenspuren zum Wasser und es sieht so aus, als hätte jemand einen Wagen versenkt." Tim und Calleigh nickten und gingen hinüber zu Andie, die gerade den Toten untersuchte.
Tim ging neben ihr in die Knie und gab ihr einen Kuss: "Na Süße, hat er dir schon etwas erzählt?"
Andie lächelte ihn an und schilderte ihnen dann die bisherigen Ergebnisse der Untersuchung: "Der Blutlache nach ist er hier verblutet." Sie deutete auf eine Blutspur: "Offensichtlich wurde er aber dort drüben verletzt, die Blutspur zieht sich bis hier her. Er dürfte noch versucht haben, sich in Sicherheit zu bringen. Seine Verletzungen deuten darauf hin, dass ihn ein Auto angefahren hat, aber sie sind im Bauchbereich, also zu hoch für einen normalen Wagen."
Calleigh, die hinter Tim stand, beobachtete den liebenvollen Umgang der beiden miteinander und wieder einmal stieg Eifersucht in ihr auf. Sie beneidete die beiden um ihre glückliche Beziehung, denn die letzten Wochen waren nicht einfach für sie gewesen. Sie hatte viel zu oft über ihre Gefühle für Eric nachgedacht und versucht, Pro und Contra abzuwiegen. Es frustrierte und verärgerte sie, dass sie nicht professionell damit umgehen konnte und ihre Gefühle nicht unter Kontrolle hatte. Bereits auf der Polizeischule hatte sie sich geschworen, sich nie mit einem Kollegen einzulassen und das war ihr bis jetzt auch gelungen. Und jetzt das.
Andie war Calleighs abwesender Blick, mit dem sie sie musterte, aufgefallen. In den letzten Wochen hatte sie immer wieder bemerkt, dass Calleigh sie und Tim komisch ansah und da sie nichts von Calleighs Gefühlen für Eric wusste, missdeutete sie ihre Blicke.
Sie sah sie fragend an: "Calleigh? Alles okay?"
Calleigh erschrak und fühlte sich ertappt. Schnell nickte sie: "Ja… alles in Ordnung. Ich nehme mir mal die Blutspuren vor…" Sie drehte sich um und ging rasch davon.
Andie schüttelte den Kopf, während sie Calleigh nachsah: "Was ist nur in letzter Zeit mit ihr los?"
"Keine Ahnung…", schwindelte Tim Andie an und bevor er sich versprechen konnte, stand er schnell auf: "Ich mache mich auch mal an die Arbeit." Er ging rasch zu Calleigh, ohne seine Frau eines weiteren Blickes zu würdigen.
Andie seufzte verärgert bevor sie sich daran machte, den Toten weiter zu untersuchen. Sie wusste, dass Tim und Calleigh sehr eng befreundet waren und sie hatte eigentlich gedacht, dass Calleigh auch für sie mittlerweile eine gute Freundin geworden war. Aber sie spürte, dass Tim und Calleigh ihr etwas verheimlichten und das verursachte ein flaues Gefühl in ihrem Magen, sodass sie momentan ihre Zweifel hatte.
Calleigh und Tim hatten ein paar Minuten schweigend nebeneinander gearbeitet, als er Calleigh von der Seite ansah und leise fragte: "Willst du mir erzählen, was mit dir los ist?"
Calleigh antwortete ihm nicht, sodass Tim nachhakte: "Geht es um Eric?"
Sie sah ihn nicht an, als sie schließlich zögernd antwortete: "Ja…"
"Cal, ich will dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen…"
Sie seufzte bevor es aus ihr heraussprudelte: "Okay… Ich weiß selbst nicht, was mit mir los ist. Ich habe viel darüber nachgedacht, ob aus mir und Eric etwas werden könnte. Aber es gibt ja nicht mal irgendwelche Anzeichen, dass er überhaupt Interesse an mir hat. Außerdem habe ich mir geschworen, dass ich nie etwas mit einem Kollegen anfangen werde, weil ich – wenn es mit uns nicht klappt – wahrscheinlich nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten könnte. Und so wie Eric immer mit seinen "Freundinnen" umgeht, würde das sicher nicht lange funktionieren…"
Tim nickte und bevor er etwas dazu sagen konnte, redete Calleigh auch schon weiter: "Ich kenne Eric jetzt schon ein paar Jahre und ich habe nie mehr als Freundschaft für ihn empfunden. Und wenn ich mir vorstelle, dass wir beide zusammen wären… das wäre irgendwie… ich weiß nicht… als wäre ich mit dir zusammen…" Sie sah ihn fragend an: "Könntest du dir vorstellen, mit mir zusammen zu sein?"
Bei der Vorstellung prustete Tim lachend los: "Cal, ich könnte mir echt nichts Abwegigeres vorstellen, als mit dir zusammen zu sein…" Als er Calleighs erschrockenes Gesicht sah, verstummte sein Lachen. Er hatte es absolut nicht böse gemeint, doch es war bei Calleigh offensichtlich anders angekommen.
Bevor Tim etwas sagen konnte, sprang sie auf und funkelte ihn böse an: "Danke… du bist ein echter Schatz… Prinz Charming!" Sie schnappte sich ihren Koffer: "Ich suche Hagen und fahre mit ihm zurück zum Labor, Eric hilft dir sicher liebend gerne bei der Spurensicherung." Wütend stapfte sie davon.
Andie hatte bemerkt, dass die beiden die ganze Zeit über die Köpfe zusammengesteckt hatten und tuschelten. Von Zeit zu Zeit hörte sie Wortfetzen, aus denen sich schließen ließ, dass es um eine Beziehung ging. Sie hatte die beiden immer wieder aus dem Augenwinkel beobachtet. Andie wollte gerade zu ihnen gehen, um ihnen zu sagen, dass sie zurück in die Gerichtsmedizin fahren würde, als plötzlich Calleigh an ihr vorbeistapfte. Sie sah wütend aus und Andie sah ihr erstaunt nach.
Tim wollte Calleigh aufhalten und lief ihr nach: "Cal, warte doch!"
Andie ging ein paar Schritte auf Tim zu um sich zu verabschieden, aber er beachtete sie gar nicht und lief an ihr vorbei hinter Calleigh her.
"Okay…", zischte Andie wütend, bevor sie ins Auto stieg und los fuhr.
Calleigh hatte Hagen gerade noch erwischt, der zurück zum Labor fahren wollte und bevor Tim mit ihr reden konnte, sah er Hagens Wagen davonfahren. Er fuhr sich durch die Haare und schnaufte, während er kehrt machte, um weiterzuarbeiten. Als er am Fundort des Toten vorbeikam, stutzte er. Er sah sich suchend nach Andie um, konnte sie aber nicht sehen und auch der Wagen der Gerichtsmedizin, mit dem sie unterwegs war, war verschwunden.
Eric war gerade angekommen und begrüßte ihn mit seiner Tauchausrüstung in der Hand: "Was ist los? Was suchst du?"
Tim sah ihn ratlos an: "Hast du Andie gesehen?"
Eric nickte: "Die ist mir gerade entgegen gekommen, sie fuhr ziemlich schnell und sah irgendwie wütend aus." Er überlegte kurz, bevor er grinsend weiter sprach: "Calleigh in Hagens Wagen auch, wenn ich es mir recht überlege… Was hast du denn schon wieder angestellt?"
Tim schüttelte seufzend den Kopf, während er sich zum Gehen wandte: "Nichts…" Er war sich keiner Schuld bewusst, da ihm gar nicht aufgefallen war, dass er Andie ignoriert hatte.
Eric sah ihm schmunzelnd nach: "Danach sieht es für mich aber gar nicht aus…"
Im Labor angekommen, ging Tim als erstes in die Gerichtsmedizin zu Andie. Er wollte wissen, weswegen sie so wütend war, dass sie sich gar nicht von ihm verabschiedet hatte, bevor er versuchen würde, die Sache mit Calleigh aus der Welt zu schaffen.
Andie stand gerade am Autopsietisch, als Tim von hinten die Arme um sie legte: "Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?"
Andie antwortete ihm nicht und untersuchte den Leichnam weiter.
Tim hielt sie noch immer umarmt, sodass sie sich nicht bewegen konnte. Ohne ihn anzusehen, meinte sie kühl: "Du hinderst mich an meiner Arbeit."
Er ließ sie augenblicklich los und sah sie erschrocken an, denn so kannte er seine Frau nicht: "Was ist heute bitte los? Welt-Perioden-Tag? Warum seid ihr Frauen heute alle so zickig?"
Andie sah ihn noch immer nicht an und arbeitete demonstrativ weiter: "ICH bin zickig, weil DU einfach an mir vorbei gerannt bist, als ich mich von dir verabschieden wollte, um hinter CALLEIGH, von der ich nicht weiß, warum sie zickig ist, herzulaufen. Du wirst ihr aber sicher einen guten Grund gegeben haben." Ihr Tonfall war schnippisch.
Tim versuchte, ruhig zu bleiben. Er musste zuerst die Sache mit Calleigh klären, um dann noch einmal mit Andie zu sprechen. Nachdem ihn Andie noch immer ignorierte, drehte er sich einfach um und ging.
