Kapitel 8: Der Denker

Während der Fahrt zu ihrem Elternhaus waren beide Männer still und offenbar in Gedanken.

Tim dachte wieder einmal über seine Vergangenheit nach. Als er vor 9 Jahren ohne ein Ziel auf seine Ducati gestiegen war, hatte er nicht vorgehabt, jemals wieder nach Syracuse zurück zu kommen. Er hatte damals das Notwendigste zusammengepackt und war Hals über Kopf verschwunden, ohne sich von seinen Eltern zu verabschieden. Bei ihnen hatte er sich erst ein Jahr später wieder gemeldet, als er in Miami bei Ginas Onkel angekommen war.

Allerdings musste er zugeben, dass er sich auch vor knapp zwei Jahren nicht träumen hätte lassen, dass er so rasch verheiratet und auch schon Vater sein würde. Genau genommen, hatte er sich nach Ginas Tod vorgenommen, nie wieder jemanden so nahe an sich heran zu lassen, damit er nicht wieder verletzt werden könnte. Das war ihm auch nicht schwer erschienen, da er damals davon überzeugt war, mit Gina seine Traumfrau verloren zu haben.

Er überlegte sich, wie sein Leben jetzt wohl aussehen würde, wenn Gina nicht gestorben wäre. Würde er jetzt in einem Labor einer Pharmafirma sitzen und versuchen, Medikamente zu entwickeln, die Menschenleben retteten? Oder hätte er damals ohne Ginas Unfall überhaupt begonnen Biologie zu studieren? Hätte er die Restaurants seines Vaters übernommen? Er konnte sich einfach nicht vorstellen, was er jetzt beruflich tun würde. Er sah sich immer nur als CSI-Ermittler. Er würde es zwar nie jemandem gegenüber zugeben und auch wenn er es mehrfach abgestritten hatte, war dieser Job für ihn nicht nur ein Job, sondern eine Berufung.

Im Innersten wunderte er sich noch immer, warum er und Andie sich eigentlich gefunden hatten. Er konnte es sich nur mit Schicksal erklären. Zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein konnten, genauso, wie ihre früheren Partner. Gina war das genaue Gegenteil von Andie gewesen und genauso verhielt es sich mit Christian und ihm.

Gina, die kleine, blonde, freche, junge Frau mit den kurzen Röcken, die sich nie darum scherte, was andere über sie dachten. Die von einem Tag in den nächsten lebte, ohne ihre Zukunft auch nur irgendwie zu planen. Die ständig auf Partys unterwegs war und am liebsten alles machte, was irgendwie illegal war und Nervenkitzel verursachte. Und vor der er so viele Geheimnisse gehabt hatte, vor allem, was seine Gefühle ihr gegenüber anging, da sie ihn jahrelang nur als ihren besten Freund angesehen hatte. Die Frau, die er in seiner jugendlichen Gutgläubigkeit durch sein Biologiestudium hatte retten wollen und die den Kampf verloren hatte.

Und im Gegensatz dazu Andie, die dunkelhaarige, zwar nicht wirklich größere – nicht ohne Grund nannte sie Eric immer "Kleine" - aber erwachsene Frau, die auf ihre liebevolle Art alles - inklusive ihm - unter Kontrolle hatte und sich als Ausgleich dafür von ihm hin und wieder zu spontanen Aktionen hinreißen lies. Die im einen Moment total zurückhaltend und im nächsten Moment unglaublich selbstbewusst war. Die Frau, die er kennen gelernt und gewusst hatte, dass sie sein Leben umkrempeln würde. Damals, als er in ihre strahlend blauen Augen gesehen hatte, die ihn bis heute nicht mehr losließen. Die Frau, die für ihn und ihre Familie kämpfen würde wie eine Löwin. Die sein Fels in der Brandung war. Und die Frau, die er unwahrscheinlich verletzt hatte, als sie ihn wirklich gebraucht hatte.

Andie, die sich nicht von seiner "Die Welt kann mich mal"-Fassade hatte abschrecken lassen und für ihn und eine ungewisse Zukunft mit ihm ihre Familie zurückgelassen und ihren Job aufgegeben hatte. Die es geschafft hatte, dass er sich mit seinem kleinen Bruder verstand und er ihm das erste Mal in seinem Leben wirklich ein Bruder war. Die ihm zu liebe auf sein Motorrad aufgestiegen war, obwohl sie fürchterliche Angst hatte und die seitdem am liebsten gar nicht mehr absteigen wollte.

Früher hatte er Nächte wach gelegen, um an Gina zu denken oder ihr nachzutrauern. Heute lag er ebenfalls Nächte wach, diesmal aber, um Andie – und seit sie auf der Welt war, auch Maeve - beim Schlafen zuzusehen, immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, wie schnell es gehen konnte, das man einen Menschen, den man über alles liebt, verliert.

Er hatte Fotos von Christian gesehen. Andie hatte sich überwinden müssen, sie ihm zu zeigen und er hatte sie dazu überredet. Die Fotos, die sie in einer Schachtel in der letzten Ecke ihres Schrankes versteckt hatte. Das was er gesehen hatte, hatte ihn innerlich zusammenzucken lassen. Ein großer, blonder, braungebrannter Mann mit breiten Schultern und einem gewinnenden Lächeln. Ein Arzt, den Andie während des Studiums kennen gelernt hatte und mit dem sie eigentlich den Rest ihres Lebens hatte verbringen wollen. Und im Gegensatz dazu er. Der unverbesserliche Skeptiker in ihm hatte noch immer unheimliche Angst davor, dass Andie irgendwann einmal feststellen könnte, dass er einfach nicht der Richtige für sie war.

Und doch fragte er sich, ob Christian Andie jemals so lächeln gesehen hatte, wie sie ihn bei ihrer Hochzeit angelächelt hatte. Und ob sie auch für Christian diese liebevollen Blicke gehabt hatte, mit denen sie ihn bedachte, wenn sie der Meinung war, er würde es nicht bemerken.

Seine Gefühle für Andie konnte er nicht mit denen für Gina vergleichen. Gina war seine erste Liebe gewesen, die er kennen gelernt hatte, als er 14 Jahre alt war und Andie war einfach sein Lebensmensch. Er hätte nicht schwören können, dass er Gina genauso geliebt hatte, wie er Andie liebte. Und er hatte das Gefühl, dass er sie jeden Tag ein bisschen mehr liebte, jeden Morgen, wenn sie ihn ansah und mit ihrer guten Laune ansteckte.

Sobald er ihr Haus betrat, wurde er zum Waschlappen und es gefiel ihm sogar. Er genoss es, dass ihn seine beiden Frauen um den Finger wickeln konnten und sobald sie ihn mit ihren strahlend blauen Augen ansehen, konnten sie alles von ihm haben. Und hin und wieder funktionierte das sogar bei Linda.

Er musste daran denken, was Eric dazu sagen würde, wenn er das jemals erfahren würde und prustete los.

Ben der ebenfalls in Gedanken versunkenwar, zuckte zusammen und sah Tim erschrocken an: "Was ist los? Alles in Ordnung?"

Tim nickte: "Ja, alles bestens. Ich habe nur nachgedacht…"

"Du hast die ganze Zeit gelächelt. Du musst ja witzige Gedanken haben…"

Tim war nicht aufgefallen, dass er die ganze Zeit über gelächelt hatte, hielt es aber für ein gutes Zeichen. Vor allem, nachdem er mit seiner Vergangenheit endgültig aufräumen wollte und sich vorgenommen hatte, seinen Eltern seine frühere Drogenabhängigkeit zu beichten. Auch in dem Punkt hatte ihn Andie unterstützt bzw. ihn mehr oder weniger dazu überredet.

Während die Männer nachdachten, nutzten die Damen die rund zwanzig Minuten lange Fahrt zum Haus der Speedles, um die Neuigkeiten der letzten Monate auszutauschen. Allison war ganz begeistert, wie groß Maeve schon geworden war und man merkte ihr an, dass sie stolz auf ihren Sohn war, der so eine Tochter "zustande" gebracht hatte.

"Und? War Maeve im Flugzeug brav, oder hattet ihr Probleme?"

Andie, die mit Linda auf dem Rücksitz saß, schüttelte den Kopf: "Nein, unser Baby war im Gegensatz zu euren Söhnen der reinste Engel."

Als Allison sie fragend ansah und Linda neben ihr nur seufzend nickte, sprach Andie weiter: "Die Männer waren das Problem… Zuerst hatten sie Hunger, obwohl wir daheim noch gefrühstückt hatten, nach dem Essen war ihnen dann langweilig und zu guter Letzt haben sie sich in die Haare gekriegt, weil sie beide dieselbe Zeitschrift lesen wollten…"

Linda stimmte ihr zu: "Dabei hat Andie im Shop am Flughafen noch um teures Geld sämtliche wissenschaftlichen Zeitungen aufgekauft, die sie gefunden hat… Aber nein, sie müssen beide "National Geographic" lesen… Dafür, dass Tim dann eine halbe Stunde vor der Landung bemerkt, dass er "Forensic Science" mit hat. Ich bin ja nur froh, dass Andie und ich uns wenigstens unsere Frauenzeitschriften ohne zu streiten geteilt haben…"

Allison sah noch immer ungläubig drein: "Redet ihr beide wirklich von meinen Söhnen? Von meinen beiden ruhigen, zurückhaltenden Babys?"

Andie musste lachen: "Deine ruhigen Babys sind schon lange nicht mehr so ruhig, wie du denkst. Die tun immer nur so zurückhaltend…" Sie sah zu Linda, die während Andie erzählte, ständig nickte.

"Nachdem mir die Streiterei über zwei Sitzreihen zu blöd wurde, habe ich dann kurzerhand mit Ben Platz getauscht und die beiden Jungs nebeneinander sitzend auf Maeve aufpassen lassen. Damit hatten Linda und ich unsere Ruhe und die Männer waren beschäftigt."

Linda kicherte: "Wir haben die beiden dann noch ein bisschen geärgert und uns nur mehr auf Deutsch unterhalten. Das können sie nämlich überhaupt nicht leiden…"

Allison grinste: "Aber ich bin froh, dass sich die beiden wenigstens endlich miteinander angefreundet haben…"

"Na so kann man das auch nennen, wenn man will." Linda hatte aus dem Fenster gesehen, als sie plötzlich stutzte: "Habe ich eine Sehstörung oder sind bei euch die Ampeln verkehrt herum montiert?!" Hektisch deutete sie auf eine Ampel.

Andie sah schnell aus dem Fenster um zu sehen, was Linda meinte. Mit verwirrtem Gesichtsausdruck stimmte sie ihrer Schwester zu: "Stimmt! Da ist das rote Licht unten…"

James und Allison grinsten sich an, bevor James zu erklären begann: "Die Ampeln an der Ecke Tompkins Street und Milton Avenue sind deshalb verkehrt herum montiert, weil – als in den 20er Jahren die ersten Ampeln in Tipperary Hill montiert wurden – irische Jugendliche diese immer wieder durch Steinewerfen zerstört haben. Sie waren dagegen, dass das für die Briten stehende Rot über dem irischen Grün stand und irgendwann hat die Stadt klein beigegeben und die Ampeln verkehrt herum aufgehängt. Und so hängen sie noch immer."

Allison fügte hinzu: "Ich habe mich schon so an diese Ampeln gewöhnt, dass sie mir schon gar nicht mehr auffallen… Aber sie sind eine richtige Touristenattraktion."