Kapitel 11: Schöner Shoppen

Andie und Linda hatten beschlossen, in die Carousel Center Mall zu fahren, um letzte Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Linda hatte Andie heimlich gestanden, dass sie bis jetzt kein Geschenk für Ben hatte.

Da Ron und Curtis Lasky, zwei der Kinder, die Allison im Rahmen des Sozialprojekts unter der Woche betreute, wenn ihre allein erziehende Mutter Emily arbeiten musste, heute kommen würden und sie daher keine Zeit hatte, machten sie sich alleine auf den Weg. Allerdings versprach Allison, mit ihnen nach den Feiertagen nach New York zu fahren und shoppen zu gehen.

Die Beiden nützten die kinder- und mannlose Zeit und flitzten von einem Shop in den nächsten. Mit Andies Hilfe hatte Linda auch schon nach kurzer Zeit ein Geschenk für Ben gefunden. Bepackt mit diversen Tüten mit "Jagdtrophäen" standen die beiden irgendwann vor einem Laden mit dem interessanten Namen "Hot Topic".

Andie und Linda sahen sich an: "Willst du hineingehen?"

Linda nickte grinsend: "Wenn du auch willst? Mal sehen, was die so anzubieten haben…"

Mit großen Augen sah sich Linda im Laden um. Sie war zwar kein Kind von Traurigkeit, aber in einem Sex-Shop war sie noch nie gewesen. Sowohl sie als auch Andie hatten kein Problem damit, über Sexualität zu reden, was an ihrer Mutter, die Gynäkologin war, lag.

Bei ihnen zu Hause hatte es sich nie um ein Tabuthema gehandelt und aufgrund ihres Altersunterschiedes wurde irgendwann Andie - was Sex, Liebe und Leidenschaft anging - die Ansprechperson für Linda. Sie waren nicht nur Schwestern, sondern auch noch beste Freundinnen, sodass es nicht viel gab, was ihnen voreinander peinlich war.

Während es Andie zur Spitzenwäsche zog, war Linda neugierig im ganzen Geschäft unterwegs und kam irgendwann mit einer Schachtel auf Andie zu. Diese war gerade in der Umkleidekabine und probierte die Wäsche, die sie sich ausgesucht hatte, als Linda zu ihr hineinschlüpfte.

Linda sah Andie von oben bis unten an: "Wow, das passt dir echt gut!" Sie begann zu grinsen: "Darüber wird sich einer aber freuen…"

Andie grinste ebenfalls: "Danke… das glaube ich auch." Sie deutete mit dem Kopf auf die Schachtel in Lindas Hand: "Was hast du denn da?"

Linda hielt die Schachtel hoch, sodass Andie die Aufschrift sah.

"Handschellen? Der arme Ben…"

Linda zuckte mit den Schultern: "Ich dachte, ich überrasche ihn damit… Willst du auch welche mitnehmen?"

Andie schüttelte lachend den Kopf, während sie sich wieder anzog: "Nicht nötig… das haben wir schon hinter uns…"

"Wirklich?!" Lindas Augen wurden groß.

"Na was denkst du, auf welche Ideen man kommt, wenn man mit einem Polizisten verheiratet ist? Da gehören Handschellen zur Grundausstattung und die nimmt man manchmal eben auch mit nach Hause…"

Linda grinste: "Tztztz, ich bin jetzt echt schockiert…"

Sie nahm Linda an der Schulter und schob sie vor sich aus der Umkleidekabine: "Ja, das glaube ich dir jetzt sofort."

Zur selben Zeit saßen Calleigh und Eric in Miami im Pausenraum und langsam begann Calleigh sich zu langweilen. Eric weniger, denn der war damit beschäftigt, Playstation zu spielen.

Es war die letzten Tage verhältnismäßig ruhig gewesen und es sah aus, als wären auch die Verbrecher in Feiertagslaune. Nicht, dass die beiden ein Problem damit gehabt hätten, da Tim auf Urlaub war, aber eigentlich hatten sie damit gerechnet, dass – wie immer, wenn einer weniger im Team da war – mehr zu tun wäre.

Calleighs Handy läutete und sie grinste erwartungsvoll, als sie den Anruf annahm: "Hey, Horatio, hast du endlich wieder etwas für uns zu tun?"

Eric verzog das Gesicht und warf Calleigh einen grimmigen Blick zu, da er nicht allzu wild darauf war, sein Spiel jetzt zu beenden.

Horatio konnte sich am anderen Ende der Leitung ein Grinsen nicht verkneifen: "Ist euch schon langweilig? Das ist gut, dann habe ich ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk für euch. South Beach, eine Tote, erschossen."

"South Beach? Sag bitte nicht am Strand, so langweilig ist uns auch wieder nicht."

Eric sah erschrocken auf. Leichenfunde am Strand bedeuteten immer viel Arbeit, da die Beweise oft im Sand untergingen und mit Schäufelchen und Sieb im Sand zu spielen, war das Letzte, was Eric jetzt tun wollte. Er fand, dass das eher etwas für Tim war. Dessen Besessenheit, Spuren zu finden, lies ihn stundenlang herumbuddeln und auch darin, Menschen, die den Tatort kreuzen wollten, weg zu beißen war Tim besser.

Während Eric nachgedacht hatte, hatte sich Calleigh die Einzelheiten von Horatio erläutern lassen.

"Okay, wir fahren gleich los." Sie beendete das Telefonat und wandte sich an Eric, der konzentriert auf den Fernseher starrte und mit ganzem Körpereinsatz ein Motorradrennen fuhr: "Bist du fertig?"

"Gleich, gleich…"

Calleigh war schon beinahe bei der Türe draußen: "Eric? Kommst du?"

"Jaaaaa, ich komme ja schon…" Er seufzte als er den Controller weg legte und die Playstation abschaltete: "Ich war gerade dabei, Speeds Rekord zu brechen…"

"Das kannst du später auch noch tun. Und wenn nicht, dann wirst du es auch überleben, oder?"

"Schon okay, hilf du nur immer zu ihm." Er grinste sie an: "Ich wusste ja, dass du etwas mit ihm hast…"

Calleigh war froh, dass der Gang leer war und keiner Erics Meldung gehört hatte. Der Blick, den sie Eric zuwarf, lies ihm das Blut in den Adern gefrieren und sie griff an ihr Holster: "Willst du Weihnachten mit Kelly feiern oder nicht?"

Eric hob abwehrend die Hände: "Ich sag jaschon nichts mehr…"

Als sie eine halbe Stunde später am Tatort ankamen, sahen sie schon von weitem den abgesperrten Bereich der Strandpromenade. Frank und Hagen waren dabei, Befragungen durchzuführen und Personalien aufzunehmen. Auch Alexx war gerade erst zum Tatort gekommen und hatte eben erst mit der Untersuchung begonnen.

"Hey, Alexx. Du bist auch erst gekommen?"

Alexx sah zu Eric auf: "Ja, im Gegensatz zu euch ist mir nicht langweilig. Ich habe noch ein paar Rückstände, nachdem Andie nicht da ist. Wenn das so weitergeht, können sie mir die Leichen die Wand entlang aufstapeln." Sie musste bei der Vorstellung lachen: "Aber auf den ersten Blick kann ich euch schon mal sagen, dass das hier kein Tatort, sondern nur ein Fundort ist."

Die Beiden sahen sich um und erkannten, was Alexx meinte. Die tote Frau war vollständig bekleidet und hatte ein Einschussloch in der Brust, jedoch hatte sich zu wenig Blut gesammelt, als das dies der Tatort sein konnte.

Sie drehte die Frau, um einen Blick auf ihren Rücken werfen zu können: "Wir haben einen Steckschuss, die Kugel ist nicht wieder ausgetreten."

Eric seufzte: "Sehr toll. Also mehr Arbeit, weil wir jetzt den Tatort auch noch suchen müssen."

"Du kommst schon noch früh genug zu deiner Playstation zurück, mach dir keine Sorgen." Calleigh wandte sich an Alexx: "Hast du irgendwelche Dokumente bei ihr gefunden?"

"Nein, sie hat zwar eine Handtasche bei sich, aber die ID fehlt. Vielleicht erzählt uns der Ehering etwas." Alexx nahm die linke Hand der Toten in ihre und zog vorsichtig an ihrem Ringfinger um den Ehrering abzubekommen: "Schätzchen, sag mir wer das war."

Als sie schließlich den Ring abgezogen hatte, musterte sie ihn und las die Inschrift: "Robert - 23.6.1997" Sie sah Calleigh an, die ihr eine Tüte entgegenhielt und lies den Ring hineinfallen: "Das verflixte siebte Jahr."

Eric bemerkte im Augenwinkel einen Mann, der versuchte unter dem Absperrband durchzukommen: "Hey! Wo wollen Sie hin? Das ist ein Tatort!"

"Duschen? Was denken Sie?" Eric sah sich um und entdeckte, dass sich innerhalb des abgesperrten Bereichs Duschen befanden.

"Hier wird jetzt nicht geduscht! Das ist ein Tatort! Sehen Sie eigentlich, dass hier eine tote Frau liegt? Oder glauben Sie, die schläft hier nur so?! Sollen wir sie vielleicht ein Stückchen weiter nach links rücken, damit Sie in Ruhe duschen können? Nicht, dass sie Ihnen im Weg liegt." Er deutete zu den anderen Duschen: "Da drüben sind Duschen, da kommt sicher auch Wasser raus! Abmarsch, aber dalli!"

Der Mann hob ob Erics "Ansprache" abwehrend die Arme: "Ist ja schon gut, ich gehe ja schon!"

Eric schüttelte wütend und ungläubig den Kopf, während er dem Mann nachsah, der zu den anderen Duschen ging: "Fällt in Miami überhaupt noch jemandem auf, wenn irgendwo eine Leiche herumliegt? Die spinnen ja alle."

Alexx grinste ihn an: "Weißt du, dass du dich schon wie Timmy anhörst?"

Calleigh lachte und nickte zustimmend: "Also wenn ich das jetzt nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, dass das du warst, hätte ich gemeint, Tim wäre hier." Sie nahm Erics Kopf in ihre Hände und sah ihm in die Augen: "Tim? Komm sofort aus Eric raus!"

Eric verdrehte die Augen: "Haha, schon okay. Irgendwer muss hier schließlich für Ordnung sorgen. Sonst macht hier jeder, was er will."

Calleigh und Alexx sahen sich lachend an.

Frank kam zu ihnen: "Hagen hat die Liste der vermisst gemeldeten Personen gecheckt. Wir haben momentan 12 vermisste blonde Ehefrauen, auf die die Beschreibung zutrifft. Habt ihr irgendetwas, womit wir die Suche ein bisschen einschränken können?"

"Wie viele davon haben grüne Augen? Und ist auf eurer Liste eine Frau, deren Ehemann Robert heißt?"

Frank wandte sich zum Gehen: "Ich sehe noch einmal nach."

Alexx hatte inzwischen die Lebertemperatur gemessen: "Ungefährer Todeszeitpunkt gestern gegen 22.00 Uhr."

Eric hatte die Handtasche kurz durchsucht und hielt ein Streichholzbriefchen in die Höhe: "Ocean Breeze Motel, Collins Avenue. Was macht eine verheiratete Frau in einem Motel?"

Calleigh warf ihm einen Seitenblick zu und auch Alexx verdrehte die Augen: "Da gibt es sicher mehr Möglichkeiten als jene, die dir gerade wieder vorschwebt."

"Hey, ihr müsst mich nicht beißen. Ich wollte ja nur darauf hinweisen."

Alexx hatte bei einer oberflächlichen Untersuchung keine Spuren entdecken können und Eric hatte Fotos angefertigt: "Wenn ihr hier nichts mehr untersuchen wollt, dann nehme ich sie mit in die Gerichtsmedizin und untersuche sie dort genauer?"

Calleigh nickte: "Von mir aus ist das okay. Eric?"

"Ja, ist okay."

Frank stand wieder neben ihnen: "Mary Zager. Ihr Ehemann Robert hat sie heute Morgen als vermisst gemeldet. Sie wollte sich nach der Arbeit noch mit einer Kollegin auf einen Drink treffen, ist aber nicht heimgekommen. Von der Beschreibung her könnte sie es sein. Im Department liegt sicher ein Foto von ihr auf, das uns die Bestätigung bringt. Ich gebe euch dann Bescheid."

Calleigh lächelte ihn an: "Danke, Frank."

"Kein Problem."

Alexx hatte die Tote inzwischen transportfähig gemacht und sie wurde gerade in den Wagen der Gerichtsmedizin verladen. Sie zog sich die Handschuhe aus: "Ich piepe euch dann an, wenn ich etwas Näheres weiß."

"Ja, mach das. Wir sichern hier noch die Spuren, dann fahren wir auch zurück ins Labor."