Kapitel 17: Einfach fesselnd

Tim hatte gerade erst eine Stunde geschlafen, als er plötzlich aufwachte.

Maeve schlief bei seinen Eltern im Zimmer und er hatte das eigenartige Gefühl, dass außer ihm und Andie noch jemand im Zimmer war. Er starrte ins dunkle Zimmer und überlegte, was er tun sollte. Als er sich schließlich umdrehte, fühlte er, dass jemand zwischen ihm und Andie im Bett kniete. Vor Schreck schrie er auf, was wiederum den Eindringling derart erschreckte, dass er ebenfalls schrie. Er erkannte Lindas Stimme und drehte die Nachttischlampe auf.

Stirnrunzelnd sah er seine erschrockene Schwägerin an: "Verdammt, Linda! Was tust du in unserem Bett?!"

Linda wurde rot und sah Andie an, die die Schreie aus dem Schlaf gerissen hatten und die mit zersausten Haaren im Bett saß und vor Schreck keuchte. "Ähm… ich wollte eigentlich Andie wecken… Aber das Bett steht ja so toll in der Ecke, dass ich zwischen euch durch musste…"

Andie sah sie an: "Was ist denn los? Ist irgendetwas mit Ben?"

Linda nickte: "Das könnte man schon so sagen…"

Tim mischte sich wieder ein: "Was ist mit ihm? Spuck es aus Linda, dann können wir wieder schlafen."

Linda sah ihn an: "Eigentlich solltest du das nicht erfahren, aber nachdem ich dich geweckt habe ist es jetzt ja schon egal…"

Mit hochrotem Kopf sprach sie weiter: "Hast du zufällig Schüssel für Handschellen dabei?"

Tim traute seinen Ohren nicht: "Habe ich was?"

Linda wusste nicht, ob Tim sie jetzt nicht verstanden hatte, oder ob er sich blöd stellte, daher wiederholte sie ihre letzten Worte nochmals langsam und untermalte ihre Ausführungen mit Zeichensprache: "Schlüssel für Handschellen. Du weißt schon, diese Dinger, mit denen ihr immer Leute verhaftet, die man an den Handgelenken befestigt…"

Tim, der noch zersauster als normalerweise aussah, hatte einen Gesichtausdruck, der irgendwo zwischen skeptisch, verärgert und verwirrt anzusiedeln war: "Hältst du mich für blöd?"

Linda zuckte mit den Schultern und grinste: "Also wenn du mich so fragst… Also manchmal…"

Er unterbrach sie und funkelte sie böse an: "Spiel nicht mit deinem Leben! Danke, ich weiß, was Handschellen sind, aber wozu brauchst du dafür jetzt einen Schlüssel?"

Er rieb sich mit den Händen über das Gesicht, bevor er weiter sprach: "Warum soll ich in New York einen Handschellenschlüssel mithaben? Und was hat das Ganze überhaupt mit Ben zu tun? Ich verstehe absolut gar nichts…" Er drehte sich zu Andie, die neben ihm mittlerweile zu lachen begonnen hatte.

Andie kicherte: "Also wenn das eingetreten ist, was ich denke, dann sollten wir den armen Ben mal befreien…" Als sie sah, dass Linda nickte, fügte sie an Tim gewandt hinzu: "Habt ihr hier irgendwo einen Werkzeugkasten mit einer Zange?"

Tim verstand immer noch nichts und gerade als er dazu ansetzte, nochmals nachzufragen, ging ihm ein Licht auf. Erstaunt sah er Linda an: "Wo hast DU Handschellen her?"

"Ich war doch heute mit Andie einkaufen…"

Tim musste grinsen und hob eine Augenbraue, während er seine Frau ansah: "Du bist aber kein guter Umgang…"

Andie boxte ihm ebenfalls grinsend gegen den Oberarm: "Da redet genau der Richtige, Detective Speedle…", wobei die Betonung auf Detective lag.

"Okay, okay… überredet... Ich bin schon auf dem Weg in den Keller." Er versuchte, vom Thema abzulenken: "Ich hoffe nur, ich finde die Werkzeugkiste, bevor das ganze Haus wach ist." Tim stand auf und zog sich ein T-Shirt an.

Als Tim ein paar Minuten später mit der Werkzeugkiste im Zimmer stand, hatte sich auch Andie etwas übergezogen und gemeinsam gingen sie hinüber in Bens Zimmer.

Als Tim Ben mit ans Bettgestell gefesselten Armen daliegen sah, musste er lachen. Freundlicherweise hatte Linda Ben wenigstens noch zugedeckt, bevor sie "geflohen" war.

Ben sah ihn mit rotem Kopf und ziemlich verärgert an: "Du bist echt ein netter Bruder und es freut mich ungemein, dass ich für deine Unterhaltung sorge… Wenn du fertig gelacht hast, kannst du mir vielleicht mal helfen?"

Tim sah ihn mit vor Lachen tränenden Augen an: "Tut mir leid… bin schon unterwegs… aber so etwas sieht man nicht so oft, nicht einmal als Ermittler…"

Er kramte in der Kiste und marschierte mit einer Zange auf Ben zu. Während Tim am Bett kniete und sich abmühte, die Kette zwischen den beiden Handschellenteilen durchzuzwicken, standen Andie und Linda im Zimmer und versuchten ernst zu bleiben.

Ben funkelte Linda böse an: "Fang jetzt ja nicht zu lachen an! Das war deine Idee!"

Linda schnaufte: "Ja klar, und DU wolltest ja überhaupt nicht mitmachen, oder wie? Du kannst mich ja gleich wegen Nötigung und Freiheitsberaubung bei deinem Bruder anzeigen."

"Gutes Thema: Kannst du eigentlich zwischen DEINER Schwester und MEINEM Bruder unterscheiden? Habe ich Andie oder Tim gesagt? Wen solltest du holen?!"

Linda blaffte wiederum Ben an: "Versuch du mal zwischen den beiden durchzukommen ohne IHN aufzuwecken!" Sie deutete auf Tim: "Der macht sich breit wie ich weiß nicht was!"

Andie mischte sich ein: "Hey, könntet ihr beiden jetzt bitte aufhören zu streiten? Davon wird es auch nicht besser."

Gleichzeitig sah Tim Linda an: "Entschuldigung, Madame! Darf ich in MEINEM Bett vielleicht so liegen, wie ICH will? Hätte ich dich in meinem Bett haben wollen, hätte ich DICH geheiratet und nicht deine Schwester!"

Andie sah Tim an: "Und du halte jetzt bitte auch mal deine Klappe. Du darfst liegen wie du willst oder habe ICH mich schon mal beschwert?" Sie sah ihn eindringlich an und fügte hinzu: "Ich bin mir sicher, dass du niemandem davon erzählen wirst, oder?"

Tim, dem die Tränen schon die Wangen hinab liefen und der krampfhaft versuchte, nicht wieder laut loszulachen, meinte nur leise schniefend: "Nein, würde ich nie tun…"

Ben sah auf Tims Knie, das sich neben seinem Kopf befand: "Kannst du freundlicherweise aufpassen, dass du dich nicht in mein Gesicht kniest? Und hör endlich auf zu lachen, ich bin nicht total bescheuert, ich merke das!"

"Also wenn ich du wäre, wäre mein Gesicht jetzt gerade meine geringste Sorge… Ich würde an deiner Stelle mal über meine Frauenwahl nachdenken." Er schnaufte mit hochrotem Kopf: "Also mit einer Zange habe ich auch noch nie versucht so ein Ding aufzubekommen. Herrgott noch mal, ist das stabil!"

Als er endlich die Kette durchgezwickt hatte, wischte er sich die Tränen weg und versuchte ernst zu werden, bevor er Ben ansah: "Das einzige Problem ist, dass ich die beiden Teile nicht von deinen Handgelenken herunterkriege, dazu brauchen wir einen Schlüssel…" Ben rieb sich die schmerzenden Handgelenke und seufzte.

Andie seufzte ebenfalls: "Dann fahre ich eben morgen früh gleich noch einmal zu "Hot Topic" und kaufe Handschellen mit Schlüssel…" Sie sah sich suchend um: "Aber der Schlüssel muss doch irgendwo sein…"

Linda schnaufte und verzog das Gesicht: "Denkst du wirklich, ich tue mir DAS hier an, wenn ich den Schlüssel nicht schon überall gesucht hätte?"

"Okay… das Argument leuchtet mir ein…"

Als Andie und Tim endlich wieder im Bett lagen, begannen sie beide herzhaft zu lachen.

"Wenn wir das erzählen würden, glaubt uns das keiner… Mit euch Speedles wird einem echt nie langweilig."

"Na mit den Delektorskys aber auch nicht… Außerdem, was soll ich sagen? Du warst früher eine Delektorsky und bist jetzt eine Speedle… das ist noch doppelt so schlimm."

Als Tim am nächsten Morgen nach unten ging, um zu frühstücken, saß Ben bereits beim Tisch und trank seinen Kaffee.

Abgesehen davon, dass er ziemlich unausgeschlafen aussah, hatte er seinen Kapuzensweater beinahe bis über die Fingerspitzen herabgezogen, um die Handschellen zu verdecken, was Tim grinsend registrierte.

Allison war gerade dabei Maeve zu füttern und sah Tim fragend an: "Andie ist noch nicht wach?"

"Doch, sie kommt gleich…"

Ein paar Minuten später kamen schließlich auch Linda und Andie ins Wohnzimmer. Tim hatte nur kurz von seinem Kaffee aufgesehen, riss dann aber den Kopf herum und warf einen genaueren Blick auf seine Frau und seine Schwägerin. Dieser Blick endete in einem Lachkrampf. Ben sah ihn kurz fragend an, bevor er ebenfalls die Frauen betrachtete, die bis über beide Ohren grinsten. Und auch Ben begann jetzt zu lachen.

Tim schniefte und er hatte Tränen in den Augen: "Danke für das Kompliment! Soll ich mir jetzt ein Shirt mit "Austrians also" kaufen?"

"Wenn du irgendwo eines findest, bestell mir bitte eines mit…", meinte Ben.

Auch James hatte von seiner Zeitung aufgesehen und die Ursache der Erheiterung entdeckt. Er grinste seine Frau an: "Al? Warum hast du nicht so ein Shirt? Muss ich mir jetzt Gedanken machen?"

Allison sah sich fragend um, da sie mit dem Rücken zur Treppe gesessen hatte und die beiden nicht herein kommen hatte sehen. Ihr Blick fiel auf die langärmligen Shirts, die Andie und Linda trugen. Sie hatten zwar verschiedene Farben, aber auf beiden Shirts prangte auf der Brust die Aufschrift "Irish do it better".

Auch Allison musste lachen: "Genial. Wo habt ihr denn bitte diese Shirts her?"

"Oh, in der Mall ist ein Laden, die haben Shirts mit diversen Aufschriften", Andie grinste Tim an, "und wir dachten uns, wir loben unsere Männer mal ein bisschen…"

Linda sah Andie fragend an: "Wofür eigentlich? Für die harte Arbeit, oder wofür?" Diese zweideutige Frage verursachte abermals allgemeines Gelächter.

Sie verdrehte die Augen: "Mein Gott, denkt ihr alle schweinisch… So war das jetzt ausnahmsweise gar nicht gemeint…"

"Naja, als Arbeit würde ich das nicht bezeichnen."

Tim stimmte Ben zu: "Also ich auch nicht."

"Na bin ich froh. Da haben wir ja noch einmal Glück gehabt.", grinste Andie, die sich nun neben Tim gesetzt hatte.

"Lass mich mal ausreden… Eher als Belohnung für ein schweres Eheleben…"

"Fällt dir auf, dass du dein Glück gerade überstrapazierst?" Sie funkelte Tim böse an: "Du kannst gerne ein schweres Eheleben haben, wenn du möchtest… Nur dann kann ich das Shirt gleich wieder ausziehen, weil es dann nämlich in unserem Schlafzimmer nichts mehr gibt, was Iren besser tun."

Tim sah sie erschrocken an: "Ich bin ja schon ruhig… Das sind ja richtige Foltermethoden, die du anwenden würdest…"

Andie grinste ihn an und nickte: "Ich weiß ja, womit man dich bestrafen kann."

"Da würdest du dich aber selbst bestrafen, Süße."

Andie seufzte: "Da muss ich dir leider recht geben…"

Maeve hatte mittlerweile fertig gegessen und zu plappern begonnen. Sie grinste und streckte ihre Ärmchen in Andies Richtung.

"Und? Habt ihr euch gestern Abendgut amüsiert?", erkundigte sich Allison, während sie Maeve an Andie weiterreichte.

Andie nickte: "Ja, sehr gut… Von Tanzen über Ärger und Action war alles vertreten…"

Ben und Linda warfen Andie einen flehenden Seitenblick zu und sie zwinkerte ihnen zu.

Als Andie Tim ansah, stellte sie fest, dass er schon wieder knapp dran war, einen Lachkrampf zu bekommen und verpasste ihm unter dem Tisch einen Tritt gegen das Schienbein.

"Umpf…"

Allison sah Tim an: "Was ist los?"

Tim grinste: "Nichts, ich habemir nur gerade das Handgelenk gestoßen…"

Daer das Wort Handgelenk extra betont hatte, erntete Tim diesmal einen bösen Seitenblick von Andie, Ben und Linda.

Nachdem Allison bemerkt hatte, das sich die Vier irgendwie merkwürdig verhielten, fragte sie nicht mehr weiter nach.

Als Tim dann Ben bat, ihm den Ahornsirup zu reichen, vergaß dieser kurz auf seine "Tarnung" und streckte sich über den Tisch, wobei ihm der Sweaterärmel hinaufrutschte.

Natürlich sah prompt in diesem Moment seine Mutter hin. Fragend sah sie Ben an: "Was hast du denn da am Arm?"

Ben lief rot an und verfluchte insgeheim Tim, der verzweifelt darum kämpfte, nicht zu lachen, da sein Plan funktioniert hatte. Ben begann zu stottern: "Oh… das… ähm… das ist ein Armreifen… ganz neu… sieht aus wie eine Handschelle. Den hat mir Linda geschenkt…

Seit ihre Kinder hier waren, wunderte sich Allison über überhaupt nichts mehr. Sie grinste: "Aha… cool. Brauchst du vielleicht einen Schlüssel zu deiner Handschelle?" In ihrer Hand baumelten zwei kleine Schlüssel: "Die hier habe ich heute morgen am Gang vor euren Zimmern gefunden…"

Gelächter brach aus, während sich Ben schnell den Schlüssel schnappte und sich von den Handschellen befreite.

Noch immer lachend fügte Allison hinzu: "Ach übrigens, euer Vater hätte gerne seine Werkzeugkiste zurück. Er hätte heute Nacht schon beinahe die Polizei gerufen, weil er gedacht hat, es wären Einbrecher im Keller…"