Kapitel 20: Weihnachtsüberraschungen

Die Speedles waren am Weihnachtsmorgen alle relativ früh wach und einige von ihnen aus bestimmten Gründen aufgeregter als andere.

Als sie es sich vor dem Weihnachtsbaum gemütlich gemacht hatten, verteilten sie die Geschenke. Zuerst war Maeve dran, die mit strahlenden Augen und der Hilfe ihrer Eltern ihre Päckchen öffnete. Als erstes beförderte sie eine gelbe Spielzeug-Ducati zutage, die sie verwundert ansah. Offenbar kam ihr das Spielzeug bis auf die Farbe von irgendwoher bekannt vor.

Tim, der am Boden lag, schnappte sich mit begeistertem Gesichtsausdruck die Ducati: "Du hast sie sogar in Gelb bekommen?! Toll!"

Andie seufzte: "Ja, jetzt ist sie wenigstens Original… Sie gehört aber trotzdem deiner Tochter. Und tu mir bitte den Gefallen und fall nicht wieder drauf…"

"Ich werde mich anstrengen."

Linda gab Ben sein Geschenk, und als er es geöffnet hatte, hielt er freudestrahlend eine Fossil-Uhr in der Hand. Es war beinahe dieselbe Uhr, die Tim trug. Ben hatte sich bei Andie einmal erkundigt, was das denn für eine Uhr sei, die Tim trug und als Linda Andie gestanden hatte, dass sie nicht wusste, was sie Ben schenken sollte, war Andie Bens Frage wieder eingefallen. Ben freute sich und Andie zwinkerte Linda zu, die sie angegrinst hatte.

Ben gab Linda ein kleines Päckchen. Ungläubig hielt sie den Inhalt in der Hand. Sie hatte einen wunderschönen Ring mit drei Diamanten und einen kleinen Zettel mit den Worten "Willst Du?" gefunden. Ben saß auf der Couch und sah Linda, die am Boden saß, erwartungsvoll und nervös an.

Linda versuchte, auf allen Vieren so schnell wie möglich zu Ben zu kommen und fiel ihm um den Hals. Sie schmiss ihn regelrecht um und küsste ihn ab: "Ja, ja, ja!!!"

Tim lag noch immer am Boden und hatte nichts mitbekommen, weil er mit Maeve gespielt hatte. Er sah sich erschrocken und verwirrt um: "Was ja?"

Andie ignorierte Tims Frage und grinste Ben an, der Linda um den Hals hängen hatte: "Ich habe dir doch gesagt, dass sie ja sagt, oder?"

Tim sah Andie fragend an: "Wer hat ja gesagt?"

"Linda!"

Er runzelte die Stirn: "Und wozu?"

Andie verlor die Geduld: "Tiiiiiiiim, heiraten! Ben hat Linda gerade einen Heiratsantrag gemacht und die beiden werden heiraten!"

"Okay, kein Grund sich aufzuregen, ich kenne mich ja schon aus…"

Sie seufzte, während sie ihren Kopf auf ihre Hände stützte und Tim verzweifelt ansah: "Also, wenn das jetzt Horatio mitbekommen hätte, dann wärst du auf der Stelle deinen Job los…"

Linda hatte sich umgedreht und sah zu ihrer am Boden sitzenden Schwester hinunter. Beleidigt funkelte sie sie an: "Du hast davon gewusst?! Warum sagst du mir das nicht, dann hätte ich Ben doch nicht so eine stinkige Uhr gekauft…"

Bevor Andie antworten konnte, meldete sich Tim zu Wort: "Hey, meine Uhr ist nicht stinkig! Das ist eine gute Uhr…" Er grummelte beleidigt vor sich hin, während er Andie sein Geschenk gab.

Als Andie das Papier entfernt hatte, hielt sie eine Schmuckschatulle in der Hand. Skeptisch sah sie Tim an: "Du machst mir jetzt aber keinen Heiratsantrag, oder?"

"Wäre das nicht ein bisschen spät?"

Andie runzelte die Stirn: "Besser jetzt als nie, würde ich mal sagen…"

Tim grübelte kurz darüber nach, was Andie damit meinte. Ihm fiel wieder ein, dass er Andie nie einen Heiratsantrag gemacht hatte. Es war eigentlich klar gewesen, dass sie heiraten würden, da war der Antrag sozusagen "untergegangen".

Während Andie die Schatulle öffnete und einen breiten silbernen Armreifen herausnahm, auf dem ein bunt glitzernder Schmetterling aufgebracht war, rutschte Tim auf den Knien auf sie zu.

Andie sah sich den Armreifen genauer an und bemerkte Tim deswegen nicht. Sie musste grinsen. Auf der Innenseite des Armreifens war ein Teil des Textes eines Liedes eingraviert, das sie in Wien oft gehört hatten. Tim hatte damals gemeint, dass der Text gut zu ihnen passen würde. Das Lied hieß "Butterfly" und so nannte Tim sie oft, wenn keiner dabei war.

I was lost, now I'm found
Ever since you've been around
You're the women that I want

So butterfly, here is a song and

it's sealed with a kiss and a thank you miss

Tim kniete bereits neben Andie, als sie auf ihn aufmerksam wurde.

Er sah sie an und nahm ihre Hand: "Würdest du mich noch einmal heiraten, Butterfly?"

Andie sah ihn zuerst verwirrt an, bevor sie lächelte: "Natürlich! Immer wieder!"

"Auch, nachdem du jetzt meine dunklen Seiten und meine Geheimnisse kennst?"

Sie lachte, während sie ihn umarmte und küsste: "Ja, mein Darth Vader, jetzt erst recht…"

Sie ließ Tim wieder los und gab ihm sein Geschenk. Tim öffnete es und nachdem er es betrachtet hatte, sah er sie sprachlos an und blickte dann wieder auf sein Geschenk.

Allison war neugierig geworden: "Was hast du denn Schönes bekommen?"

Tim sah Andie fragend an: "Darf ich sie herzeigen?"

Andie nickte, während sie errötete: "Man sieht eh nichts…"

Stolz hob Tim die gerahmten Fotos, die er in der Hand hielt, hoch. Andie hatte Bilder von sich und Maeve machen lassen. Schwarzweiß-Fotos, unter anderem Andie nackt auf dem Rücken liegend, nur bedeckt von der auf ihr liegenden, schlafenden Maeve. Auf einem Bild hatte Andie Maeve am Arm und es war so aufgenommen, dass man zwar Maeve in Großaufnahme sah, jedoch nur am Tattoo, das Andie oberhalb des rechten Beckenknochens trug, erkannte, dass es sich um sie handelte. Andie hatte sich das Tattoo nach ihrer Hochzeit machen lassen und es bestand aus den chinesischen Schriftzeichen für die Worte "Geschwindigkeit" und "Schmetterling".

"Wann hast du die Bilder machen lassen? Ich habe das gar nicht mitbekommen."

Andie grinste: "Das ist der Vorteil, wenn man sich mit seinem Boss gut versteht. Ich habe Horatio eingeweiht und der hat dafür gesorgt, dass ich für dich offiziell an einem Tatort war und hat dich zu einem anderen geschickt."

Tim grinste ebenfalls: "Man sollte seine Frau nie zu engen Kontakt mit dem Chef haben lassen… Wer weiß, was euch noch einfällt."

Am Nachmittag sollten Allisons Eltern, Ailis und Moan Donovan, zu Besuch kommen. Allison und James standen seit Stunden in der Küche, um irische Spezialitäten aufzutischen und nachdem Andie und Linda den beiden nicht helfen konnten bzw. durften, saßen sie mit ihren Männern im Wohnzimmer herum und wurden mit jeder Minute nervöser.

Andie ging irgendwann dazu über, Tim über die Familienverhältnisse zu interviewen.

"Und das sind die Eltern deiner Mom?"

"Ja, meine andere Oma wohnt bei meinem Onkel in Irland. Die sind zurück in die Heimat gezogen, nachdem mein Opa vor ca. 20 Jahren gestorben ist…"

"Okay… Und du hast noch eine Tante väterlicherseits, die in Vegas wohnt? Deine Mom hat einen Bruder, der in New York City wohnt… Habe ich mir das richtig gemerkt?"

Tim grinste sie an: "Ja, hast du… Willst du dich nicht mal ein bisschen beruhigen? Du musst nicht so nervös sein, ich habe deine Oma schließlich auch kennen gelernt und es überlebt."

"Ja, du hattest aber Glück, dass sie dich gleich als ihren zweiten Enkelsohn angesehen hat. Und meine russischen Großeltern sind dir erspart geblieben. Du kannst dich bei meinem Dad bedanken, dass er und Pavel mit ihnen zerstritten sind, sonst wärst du der Russenmafia gegenüber getreten…" Sie sah ihn verzweifelt an: "Tim, ich werde kein Wort verstehen."

"Andie, meine Großeltern wohnen seit Ewigkeiten in Amerika, die sprechen Englisch! Und sie werden dich mögen, mach dir keine Sorgen!"

Andie seufzte, dann sah sie Tim an: "Was hältst du eigentlich davon, wenn du dich mal wieder rasierst?"

"Was soll ich? Ich habe mich erst vor zwei Tagen rasiert…"

"Entschuldigung, ich wusste nicht, dass da ein strikter Zeitplan dahinter steckt. Du bist irgendwie immer gleich bärtig…"

Tim verdrehte die Augen, dachte aber nicht daran, Andies Ratschlag zu befolgen.

Als James schließlich losfuhr, verschwanden Linda und Andie mit Maeve, um sich herzurichten.

Als die drei Damen nach einer halben Stunde wieder zurückkamen, schüttelte Tim nur entsetzt den Kopf. Sie hatten sich umgezogen und Maeve trug jetzt ein moosgrünes Samtkleid und hatte eine Schleife in derselben Farbe im Haar. Außerdem trug sie kleine schwarze Lackschuhe.

Er sah Andie skeptisch an: "Muss das sein?"

"Was denn?" Andie sah ihn fragend an.

"Na das." Tim deutete auf Maeve.

Linda ahnte, worum es ging und verschwand rasch zu Allison in die Küche.

"Deine Tochter? Tim, was meinst du?!"

Tim verdrehte die Augen: "Du weißt genau, was ich meine. Warum sieht sie aus wie eine Schaufensterpuppe?"

Jetzt schüttelte Andie den Kopf: "Erstens weiß ich nicht, was du meinst, wenn du in Rätseln sprichst. Und zweitens sieht sie nicht aus wie eine Schaufensterpuppe. Sie hat ein Kleid an, das ist alles."

"Du musst sie nicht quälen, nur, weil meine Großeltern zu Besuch kommen…"

Maeve streckte Tim ihre Ärmchen entgegen und lachte. Andie sah zuerst Maeve an und dann Tim: "Sie sieht total gequält aus, oder? Also ich finde schon…" Sie hielt Tim Maeve entgegen: "Hier hast du deine Tochter, bevor du mich wegen Kinderquälerei verhaftest… Mach, was du willst…"

Tim nahm ihr Maeve ab und sah Andie nach, die beleidigt zu Allison in die Küche rauschte. Kaum, dass Andie weg war, versuchte Tim auch schon die Schleife aus Maeves Haaren zu bekommen und unterhielt sich mit ihr: "Hab ich dir eigentlich schon mal gesagt, dass deine Mama eine ganz schöne Zicke sein kann?"

Als er die Schleife endlich entfernt hatte, begann Maeve bitterlich zu weinen, sodass Tim rasch eine von Maeves Locken nahm und die Schleife wieder befestigte. Damit war Maeve wieder ruhig gestellt und Tim sah sie skeptisch an: "Erzähl mir jetzt nicht, dass dir das gefällt…"

Maeve lachte ihn an und Tim schüttelte den Kopf: "Frauen…"

Andie und Linda standen bei Allison in der Küche und versuchten, zwei gälische Sätze, nämlich "Nollaig Shona Duit – Frohe Weihnachten" und " Tá an-athás orm bualadh leat. – Es freut mich, Sie kennen zu lernen." auswendig zu lernen, die ihnen Allison immer wieder vorsagte.

Als Allison die verzweifelten Gesichter der beiden sah, musste sie lachen: "Versucht es noch einmal, das ist nicht so schwer, wie ihr meint: null-ig hun-a dit. Würde ich es euch aufschreiben, hättet ihr sicher größere Probleme."

Als Andie schließlich meinte, einen der beiden Sätze korrekt aussprechen zu können, ging sie zu Tim und Ben ins Wohnzimmer: " Tá an-athás orm bualadh leat."

Tim war kurz überrascht, antwortete ihr dann aber: "Tá áthas orm féin freisin. Cad is ainm duit?"

"Bitte was?!" Sie hatte nicht mit einer Antwort gerechnet und sah Tim verwirrt an.

Er begann zu grinsen: "Ich habe gesagt, dass es mich ebenfalls freut, dich kennen zu lernen und wollte noch von dir wissen, wie du heißt."

"Warum fragst du mich das, das weißt du doch… Du bist mein Mann, du musst wissen, wie ich heiße…"

Andie murmelte den gälischen Satz vor sich hin, während sie abwesend wieder in die Küche zurückging. Ben und Tim sahen sich kopfschüttelnd an und Ben begann zu lachen: "Also, wenn deine Frau nicht hypernervös und verwirrt ist, dann weiß ich nicht…"

"Na denkst du, deine ist weniger nervös?"