Kapitel 22: Schwiegertöchter und Schwiegermütter
Die Feiertage verliefen bei den Speedles ausnahmsweise einmal ruhig und den 27. Dezember nutzten die Damen, um endlich den ersehnten Shoppingbummel in New York City zu machen.
Sie hatten eine vier Stunden Fahrt vor sich und machten sich daher schon gegen 5.00 Uhr auf den Weg, während die Männer und Maeve noch friedlich schlummerten.
Allison saß am Steuer und neben ihr Andie. Linda hatte es sich am Rücksitz bequem gemacht und versuchte angestrengt, nicht wieder einzuschlafen. Sie wollte hören, was Allison erzählte, die sich freute, einen ganzen Tag mit Andie und Linda zu verbringen. Außerdem wollten sie und Andie Allison ein paar Geschichten über ihre Söhne entlocken.
Kaum, dass sie losgefahren waren, begann Allison auch schon zu plaudern: "Wisst ihr, ich bin ja so froh, dass die beiden euch kennen gelernt haben. Tim kann ich gar nicht mehr mit früher vergleichen, er war immer so ruhig und ein Einzelgänger. Ständig hat er sich in seinem Zimmer eingeschlossen und gelesen."
Sie seufzte: "Es gab nur zwei Dinge, die ihn außer seinen Büchern wirklich interessiert haben: Gina und sein Motorrad. Und beide haben ihn dann ständig in Schwierigkeiten gebracht. Als er Gina mit 14 kennen gelernt und sich in sie verliebt hat, wollte er sie beeindrucken. Über sie hat er die Typen kennen gelernt, die diese Motorradrennen gefahren sind. Zuerst hat er sich deren Motorräder geliehen und dann ist er mit seinem eigenen gefahren. Nicht nur einmal stand die Polizei mitten in der Nacht mit ihm vor unserer Türe."
Andie schüttelte den Kopf: "Ich hoffe ja nur, dass die Kleine den Geschwindigkeitsrausch nicht von ihm geerbt hat. Als ich nach Miami gekommen bin, hatte er ja nicht einmal einen Helm. Den habe ich ihm dann eingeredet. Jetzt ist er zwar vielleicht nicht mehr so cool, aber dafür hat er größere Chancen, lebend wieder heimzukommen."
"Stimmt… Er hat sich von uns nie etwas sagen lassen und war immer so stur." Allison grinste Andie an: "Darum bewundere ich dich dafür, dass du ihn so handzahm bekommen hast."
Sie zuckte mit den Schultern: "Dabei habe ich doch gar nichts Bestimmtes gemacht… Keine Ahnung, woran das liegt. Aber wenn Maeve in seiner Nähe ist, dann ist es ja überhaupt vorbei mit ihm. Die Kleine muss ihn nur anschauen und er zerfließt. Das war schon so, als er sie das erste Mal im Arm gehalten hat. Er liebt sie einfach abgöttisch."
"Wenn Tim uns anruft, redet er ständig nur von dir und Maeve. Wenn wir etwas über Tim wissen wollen, dann muss ich dich oder Ben anrufen."
Linda war kurz eingedöst und gerade bei Allisons letztem Satz wieder aufgewacht: "Unsere Mutter ruft auch immer mich an, wenn sie wissen will, wie es Andie geht. Die erzählt ihr immer nur von Tim und Maeve."
Andie lächelte nachdenklich: "Ich kann nichts dafür, er geistert ständig in meinem Kopf herum. Ich dachte eigentlich, dass das mit der Zeit nachlassen würde, aber ich habe das Gefühl, als würde ich mich jeden Tag mehr in ihn verlieben. Ich weiß nicht, was mit mir los ist, ich fange sogar schon an, eifersüchtig zu werden. Erst vor zwei Wochen habe ich ihm unterstellt, dass er etwas mit Calleigh haben würde. Dabei weiß ich doch, dass er mich liebt."
Allison lächelte sie verschmitzt von der Seite an, denn ihr gefiel, wie Andie von ihrem Sohn schwärmte.
"Als ich ihn das erste Mal gesehen habe, habe ich irgendwie gespürt, dass er der Mann ist, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen will und auch werde. Eigentlich war er der erste Mann, für den ich nach Christians Tod überhaupt wieder irgendetwas gefühlt habe. Als ich in seine Augen gesehen habe, bin ich darin versunken…" Als Andie sah, dass Allison vor sich hin schmunzelte wurde sie rot und schüttelte lachend den Kopf: "Oh mein Gott, bin ich kitschig…"
"Nein, schon okay.", Allison bekam einen glasigen Blick, "Das sind einfach die Speedle-Augen, wem sagst du das? Was denkst du, warum ich mit James seit 33 Jahren verheiratet bin? Die beiden haben seine Augen geerbt…"
Linda sah nickend ins Leere und begann zu schwärmen: "Als ich Ben bei eurer Hochzeit die Hand geschüttelt habe, hat er mich elektrisiert. Ich wollte seine Hand dann gar nicht mehr loslassen und habe ihm nur in die Augen gestarrt. Und der Anzug noch dazu… puh…"
Allison nickte: "Stimmt, euer Bruder hat brav gewartet, dass er Ben begrüßen kann und hat dich dann schließlich unsanft zur Seite geschoben, als du Bens Hand nicht auslassen wolltest."
Andie musste lachen: "Ja, die Speedle-Männer im Anzug… Wenn ihr heiratet, sehe ich Tim endlich wieder einmal im Anzug. Das hat echt Seltenheitswert, aber der Anblick lohnt die Mühe, dass man ständig verhindern muss, dass er sich mit der Krawatte stranguliert. Und, dass man sich zurückhalten muss, ihm nicht auf die Finger zu klopfen, weil er ständig am Kragen herumnestelt. Kommt man von einem Speedle eigentlich jemals wieder los?"
Allison schüttelte nur lachend den Kopf: "Keine Chance."
"Warum habe ich das jetzt geahnt?"
"Ich bin so froh, dass ich jetzt bei euch in Miami leben kann", meinte Linda. „Das eine Jahr war echt schwer, darum haben wir ja auch niemandem etwas davon gesagt, weil wir nicht wussten, ob es mit uns funktionieren würde."
Andie wusste nicht, ob Linda eigentlich von der Sache mit Khandra Meyers wusste und während sie noch darüber nachdachte, sprach Linda weiter.
"Ich war damals noch irgendwie mit Max zusammen und Ben hat dann diese Khandra kennen gelernt, aber offensichtlich hat es mit uns beiden einfach sein sollen."
Andie grinste: "Und jetzt seid ihr verlobt… Habt ihr eigentlich schon darüber gesprochen, wann ihr heiraten wollt?"
Linda spielte mit ihrem Verlobungsring, während sie überlegte: "Wir haben noch kein genaues Datum im Kopf, vielleicht im kommenden August. Wichtig ist, dass wir zusammen sind, so ein Ehering ist ja nicht so wichtig."
Andie sah auf ihren Ehering: "Stimmt, aber irgendwie ist es schon ganz nett, behaupten zu können "Das ist MEIN MANN". Irgendwie ist es ein Zeichen von Verbundenheit, auch wenn es sich vielleicht kitschig anhört."
Allison nickte: "Finde ich auch. Habt ihr eigentlich noch mehr Nachwuchs geplant?"
Andie grinste: "Ja, wir arbeiten daran, dass du noch einmal Oma wirst."
Linda prustete los: "Also das kann ich bestätigen. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass euer Haus ziemlich dünne Wände hat?"
Allison grinste und Andie schüttelte lachend den Kopf: "Nein, hast du nicht. Aber das haben Tim und ich auch schon festgestellt."
Linda kicherte.
"Ich würde gerne noch einmal Oma werden." Allison drehte sich kurz zu Linda um und grinste sie an: "Wenn es nach mir geht, könnte ich gar nicht genug Enkelkinder haben."
"Lass uns bitte noch ein bisschen Zeit. Jetzt sind mal die beiden Alten dran." Linda grinste Andie an, die ihr einen bösen Blick zuwarf und dann ebenfalls grinste: "Hey, junges Gemüse. Ich zeig dir gleich, wer hier alt ist. So eine Frechheit." Dann seufzte sie: "Ich möchte es auf jeden Fall vermeiden, dass die Altersabstände zwischen unseren Kindern so riesig sind, wie bei uns. Meine Schwester Ella ist ja überhaupt 17 Jahre jünger als ich."
"War das eigentlich geplant von deinen Eltern? Oder so wie bei uns mit Ben?"
Andie schüttelte lachend den Kopf: "Nein, das war nicht geplant. So etwas kommt dabei raus, wenn eine Gynäkologin meint, sie wäre schon in den Wechseljahren und sich irrt."
Linda mischte sich ein: "Dabei war ich ja schon nicht mal mehr geplant."
"Ohne dich wäre mir ja langweilig. Wenn es dich nicht gäbe, hätte ich niemanden aus unserer Familie in Miami. Okay… mal abgesehen von den Delkos."
"Hattet ihr eigentlich immer Kontakt zu den Delkos?"
Andie nickte: "Wir waren regelmäßig im Sommer auf Urlaub in Miami. Mit Eric bin ich die ersten Jahre ja aufgewachsen, nachdem er ein Jahr jünger ist als ich. Und er ist für mich noch immer mehr Bruder als Cousin."
Sie musste lachen, als sie sich erinnerte: "Nachdem seine älteren Schwestern sich nicht von ihm beschützen lassen wollten, hat er sich damals mich ausgesucht. Immer wenn am Spielplatz andere Jungs kamen, hat er sich mit seinen fünf Jahren vor mir aufgebaut und verkündet, dass ich "seine Andie" wäre. Er und Mike hatten damals einen richtigen Konkurrenzkampf, wer mich beschützen darf. Und ich war mir damals so sicher, dass ich Eric mal heiraten werde, wenn wir erwachsen sind."
"Aha, sehr interessant. So etwas erzählst du mir natürlich nicht… Da hat Tim ja richtig Glück gehabt, dass Eric unser Cousin ist, sonst wärst du wahrscheinlich schon mit ihm durchgebrannt."
Andie verdrehte die Augen: "Und du wunderst dich, wenn ich dir so etwas nicht erzähle? Du verwendest das ja gleich gegen mich. Aber du brauchst dich gar nicht über mich lustig machen, du wolltest zuerst Mike und dann Papa heiraten. Aber um ehrlich zu sein, hat Tim auch schon mal gemeint, dass er froh wäre, dass Eric mein Cousin ist."
Allison grinste: "Eric ist so süß, der totale Charmeur. Bei Maeves Taufe habe ich mich länger mit ihm unterhalten und er hat mir erzählt, dass Tim sich komplett verändert hat, seit er aus Österreich zurück ist und überhaupt, seit Maeve geboren wurde. Ich glaube, Eric würde auch einen guten Vater abgeben, er ist ja auch in Maeve vernarrt und war so stolz, dass er ihr Pate sein durfte."
Andie seufzte: "Denke ich auch. Aber dazu müsste er erst mal eine Frau finden und häuslich werden. Er hat sich in den letzten Wochen ein paar Mal mit einer Frau getroffen, vielleicht wird da ja endlich mal etwas Fixes daraus. Ich würde es mir echt für ihn wünschen."
"Was tut sich eigentlich bei eurem Bruder?"
"Bei Mike? Der arbeitet brav, hat jetzt zu seiner Ausbildung als Physiotherapeut noch eine Zusatzausbildung zum Masseur gemacht. Das ist der Nächste, der endlich mal eine Frau kriegen sollte."
"Hat er doch eh."
Andie drehte sich schnell zu Linda um: "Was?! Warum weiß ich das nicht?"
"Keine Ahnung. Als ich das letzte Mal mit ihm telefoniert habe, hat er mir das erzählt. Sie heißt Rebekka."
Andie schüttelte den Kopf: "Sehr interessant. Naja, ich muss ja nicht alles wissen…"
"Ich habe letztens einen Film gesehen, der eine Hauptdarsteller sah aus wie Mike. Wie hieß der Film noch mal?" Allison überlegte. "Ach ja, "The Fast and the Furious", das war es. Kennt ihr den?"
Linda und Andie nickten: "Den haben wir auch erst gesehen. Der Typ, den du meinst, heißt Paul Walker. Die Ähnlichkeit ist uns auch aufgefallen."
"Ich finde es witzig, dass ihr beiden die dunklen Haare eures Vaters geerbt habt und eure beiden anderen Geschwister die blonden Haare eurer Mutter. Nur die blauen Augen habt ihr alle gemeinsam, oder?"
"Ja, nachdem sowohl Mom als auch Dad blaue Augen haben. Mike und mir hat nie jemand geglaubt, dass wir Geschwister sind. Das war teilweise ganz praktisch, wenn ich in Lindas Alter mit ihm unterwegs war. Wenn mir einer blöd gekommen ist, habe ich einfach behauptet, dass Mike mein Freund wäre."
Allison lachte: "Das ist wirklich praktisch. Andere Frage: Was hättest du eigentlich lieber? Noch eine Tochter oder einen Sohn?"
Andie überlegte: "Ich glaube, ich hätte lieber einen Sohn. Aber das Wichtigste ist eigentlich, dass das Baby gesund ist. Obwohl so ein kleiner Tim-Verschnitt sicher total niedlich wäre. Schon Maeve sieht ihm so ähnlich."
"Stimmt, die Gesundheit ist das Wichtigste. Am besten überraschen lassen und gar nicht zuviel darüber nachdenken." Allison schmunzelte: "Als ich jung war hat mir eine Wahrsagerin erzählt, ich würde zwei Töchter bekommen. Man sieht ja, was dabei herausgekommen ist."
Linda lehnte sich zwischen den Vordersitzen hindurch und grinste Allison an: "Dafür hast du ja jetzt uns, oder? Vielleicht hat die Wahrsagerin ja Andie und mich gemeint. Jetzt hast du deine Töchter."
