Kapitel 24: Der Überfall
"Darin würde Maeve doch süß aussehen." Linda stand in der Nähe des Notausganges und hielt gerade Andie und Allison ein buntes Mädchenkleid entgegen, als die Sirene losging. Die drei Frauen sahen sich erschrocken um, hatten aber keine Zeit mehr zu reagieren. Die drei Männer stürmten in die Verkaufsebene und einer direkt auf Linda zu. Er riss Linda an sich und umfasste sie unsanft mit einem Arm um die Taille. Bevor er ihr die Waffe gegen den Kopf hielt, schoss er auf die nächstgelegene Überwachungskamera. Die Besucher des Kaufhauses zuckten zusammen und eine Vielzahl von Schreien hallte dem Schuss nach. Dann schrie er Andie und Allison an. "Hey, ihr beiden! Hier rüber!"
Einen Moment lang waren Andie und Allison starr vor Angst und Schreck, bevor sie reagierten und taten, was der Mann von ihnen verlangte. Die anderen Männer hatten inzwischen unter lautem Geschrei und mit vorgehaltenen Waffen acht weitere Personen in die Ecke getrieben. Sie hielten die Geiseln in Schach, während die anderen Besucher des Kaufhauses in Panik zu den Aufzügen und Rolltreppen eilten und die Verkaufsebene verließen.
Linda liefen die Tränen über die Wangen und sie wimmerte leise, während sie Andie und Allison aus angsterfüllten Augen ansah. Der Mann, der sie in seiner Gewalt hatte, zog sie mit sich. "Los, komm schon!", brüllte er und Linda zuckte zusammen. Er eilte zu einem der internen Telefone und nahm den Hörer in die Hand, wodurch er automatisch mit der Sicherheitszentrale des Gebäudes verbunden wurde. "Sicherheitszentrale?"
"Hören Sie! Ich habe hier Geiseln in meiner Gewalt! Rufen Sie Ihre Sicherheitsleute zurück oder sie sind tot!", fauchte er in den Telefonhörer.
Am anderen Ende der Leitung war es kurz still, dann meldete sich eine andere Stimme. "Tun Sie nichts unüberlegtes, die Sicherheitsbeamten werden nicht eingreifen!"
"Wenn ich auch nur einen Schatten sehe, stirbt eine der Geiseln! Ich melde mich wieder!" Er legte auf, bevor die Gegenseite noch etwas sagen konnte und stieß Linda in die Richtung der anderen Geiseln. Linda zitterte am ganzen Körper und konnte sich kaum auf den Beinen halten. Andie und Allison nahmen sie in den Arm und versuchten sie zu beruhigen.
Der Mann wandte sich an die Geiseln, die verängstigt in einer Ecke des Kaufhauses standen und deutete mit der Waffe nach rechts. "Ich möchte, dass alle dort hinüber gehen und sich auf den Boden setzen. Sollte jemand auf dumme Ideen kommen, habe ich kein Problem damit ihn zu erschießen!"
Seine zwei Komplizen verliehen seinen Worten Nachdruck, indem sie ihre Waffen höher hoben und auf die Geiseln zielten.
"Na los, bewegt euch!", brüllte einer der Männer und stieß einen Mann aus der Gruppe der Geiseln unsanft an. Widerwillig und verängstigt kamen die Geiseln der Aufforderung nach und nahmen in der ihnen angewiesenen Ecke Platz. Andie vermutete, dass der Geiselnehmer, bei dem es sich offensichtlich um den Anführer der Bande handelte, diesen Bereich bewusst ausgewählt hatte. Er lag am weitesten von den Fenstern und sämtlichen Ausgängen entfernt und war aus der Entfernung schlecht einsehbar. Außerdem schien keine weitere Überwachungskamera diesen Bereich zu erfassen.
"Was machen wir jetzt?", flüsterte einer seiner Männer dem Anführer zu und stieg nervös von einem Fuß auf den anderen. Die anderen beiden Geiselnehmer schienen weniger aufgebracht zu sein, aber konnten mit der Ruhe, die der Anführer zumindest nach außen hin ausstrahlte, nicht mithalten. Es schien, als wäre er nicht zum ersten Mal in dieser Situation.
"Immer mit der Ruhe, lass mich erst einmal nachdenken. So war das Ganze ja nicht geplant", erwiderte er leise und ging dann langsam vor den Geiseln auf und ab, während die anderen Männer die verängstigte Gruppe nicht aus den Augen ließen.
Auf der Straße vor dem großen Gebäude, in dem sich das Kaufhaus befand, ging es inzwischen hektisch zu. Die umliegenden Straßen waren abgesperrt und eine große Anzahl an Feuerwehr-, Polizei- und Rettungsfahrzeugen eingetroffen.
Lieutenant Fred Sorenson, der für diesen Einsatz zuständige Polizist, unterhielt sich gerade mit Detective Will Benson, dem Leiter einer Einheit des SWAT Teams, die speziell für Geiselnahmen ausgebildet war. Die beiden Polizeimitarbeiter kannten sich, denn sie hatten bereits zweimal zusammengearbeitet.
"Es dauert noch ein paar Minuten, dann ist das Gebäude vollständig geräumt. Anhand der Lage des Telefons, von dem aus sich der Geiselnehmer bei der Sicherheitszentrale gemeldet hat, wissen wir, dass sich die Geiseln im siebten Stockwerk befinden. Sie müssen sich gut auskennen, denn sie haben es mittlerweile geschafft, alle Überwachungskameras in diesem Stock auszuschalten. Die genaue Position ist daher unbekannt, aber der Apparat, von dem aus sie sich gemeldet haben, befindet sich hier." Er deutete auf einen Plan des Gebäudes, der auf der Motorhaube eines Polizeiwagens ausgebreitet war.
"Wissen Sie, wie viele Geiselnehmer und Geiseln sich im Gebäude befinden?", fragte Will.
"Laut Aussagen der Sicherheitsbeamten und so viel wir auf den Überwachungskameras sehen konnten, sind es zwei bis drei Geiselnehmer. Einer der Geiselnehmer hat sofortdie Überwachungskamera, die den Bereich abdeckt zerstört, deswegen ist die genaue Anzahl der Geiseln bis jetzt unbekannt", erklärte Fred.
"Haben die Geiselnehmer schon Forderungen gestellt?"
"Nein, bisher haben sie sich nicht wieder gemeldet. Die Sicherheitsbeamten haben zwei Aufzugstechniker festgenommen, die den Verbrechern geholfen haben, unbemerkt bis zum Tresorraum vorzudringen. Die beiden werden bereits von meinen Mitarbeitern verhört, aber bisher haben wir keine brauchbaren Informationen erhalten", berichtete Fred den bisherigen Ermittlungsstand.
"Okay. Ich postiere unauffällig ein paar meiner Männer im achten und sechsten Stockwerk und bis sich die Geiselnehmer melden, sollten wir versuchen, genauere Details über sie herauszufinden, um die Situation besser einschätzen zu können", überlegte Will. "Am idealsten wäre es, wenn wir jemanden in das Stockwerk einschleusen könnten, der sich die Situation aus der Nähe ansieht."
Fred war von diesem Vorschlag nicht begeistert. "Das ist viel zu gefährlich, die Geiselnehmer haben gedroht, Geiseln zu erschießen, wenn sich ihnen jemand nähert."
"Gibt es einen genauen Plan des siebten Stockwerks?", wollte Will wissen.
"Ja, den sollte es geben." Fred winkte einen Feuerwehrmann heran, der kurze Zeit später mit dem entsprechenden Plan zurückkam.
Nachdem Will den Plan eingehend studiert hatte, wandte er sich an den Feuerwehrmann. "Was ist das hier?"
"Das ist die Lüftungsanlage, die verläuft in jedem Stockwerk oberhalb der Zwischendecke. Und das hier ist die Verbindung der Lüftungsanlage zum Aufzugsschacht. Im Brandfall werden diese Klappen hier geschlossen, um einen Kamineffekt und das Ausbreiten des Rauches bzw. Feuers zu verhindern", erklärte der Mann die Details des Plans.
Will blickte nachdenklich auf das A2-große Stück Papier und fuhr eines der riesigen Lüftungsrohre mit dem Finger entlang. "Das würde ich mir gerne aus der Nähe ansehen", meinte er dann.
Der Feuerwehrmann nickte. "Gerne, der Aufbau ist in jedem Stockwerk gleich, ich kann Ihnen das also gleich im Erdgeschoss zeigen.
Kurze Zeit später standen Will und Fred zusammen mit dem Feuerwehrmann vor der offenen Türe des Aufzugschachtes. Die Aufzugskabine selbst befand sich ein paar Etagen höher und so hatten sie freien Blick auf die vorhin vom Feuerwehrmann erwähnten Lüftungsklappen.
"Theoretisch kann man über den Lüftungsschacht das ganze siebte Stockwerk überblicken und in diesen Nebenraum hier gelangen", meinte Will. "Aber keiner meiner Männer passt da hinein."
Fred dachte einen Moment nach. "Ich kenne jemanden, der geeignet dazu wäre diese Aktion durchzuführen und in den Schacht passt."
Will sah ihn erwartungsvoll an, aber Fred nahm wortlos sein Handy und wählte eine Nummer.
