Kapitel 26: Verstärkung

Andie erschrak, als neben ihr in ihrer Tasche das Handy läutete. Sie vermutete, dass Tim anrief und griff schnell in die Tasche und tastete nach dem Handy. Sie klappte es auf, sodass der Anruf angenommen wurde und der Anrufer mithören konnte. Sie wusste nicht genau, was sie sich davon erhoffte, aber sie wusste, wenn es Tim war, dann würde er nichts unversucht lassen, um ihr zu helfen. Plötzlich stürmte auch schon einer der Männer mit gezogener Waffe auf sie zu: "Verdammt, wessen Handy hat da gerade geläutet?" Er sah Allison und Linda an, die beide sofort den Kopf schüttelten.

Als Andie nicht reagierte und nur mit großen Augen auf die Pistole vor ihrer Nase starrte, schrie er nochmals: "Wo ist das Handy?! Gib mir das verdammte Handy!"

Er riss die Tasche vom Boden hoch und begann, darin herum zu wühlen. Er fand das Handy und erkannte, dass eine Verbindung hergestellt wordenwar. Abermals sah er Andie an, während er ihr die Waffe an den Kopf hielt: "Wer ist da dran!? Wer ist Tim?" Andie wimmerte vor Angst: "Mein Mann!" Er schleuderte das Handy auf die Fliesen und es zersprang in mehrere Teile. Andie zuckte zusammen.

Der Mann wandte sich an die Geiseln: "Ihr nehmt jetzt sofort alle eure Handys und dreht sie ab und dann gebt ihr sie mir. Der nächste, dessen Handy läutet, ist tot!"

Rasch zückten alle ihre Handys und auch Allison und Linda kramten in ihren Taschen und schalteten ihre Handys aus.

Etwa eine halbe Stunde nachdem Fred telefoniert hatte, hielt ein Polizeiwagen in der Nähe des Gebäudes und eine junge Frau stieg aus. Sie trug eine hellblaue Jeans, eine dicke schwarze Daunenjacke und dunkelblaue feste Schuhe. Ihre langen brünetten Haare hatte sie zu einem hohen Pferdeschwanz zusammengebunden und es waren darin deutlich blonde und rote Strähnen zu erkennen. Sie nahm eine große Sporttasche vom Rücksitz des Wagens und bahnte sich mit Hilfe ihrer Polizeimarke einen Weg durch die Einsatzkräfte.

Fred eilte ihr zusammen mit Will entgegen. "Caroline! Tut mir leid, dass ich dich in deinem Urlaub stören muss", meinte er.

Caroline lächelte ihn leicht an und schüttelte Fred die Hand. "Kein Problem, du hast nur Glück, dass ich doch nicht fortgefahren bin. Worum geht es denn?"

"Ein paar Männer konnten den Tresor im Büro von Macy´s ausrauben. Sicherheitsbeamte haben das noch rechtzeitig bemerkt und konnten verhindern, dass sie das Gebäude verlassen. Allerdings haben die Räuber Geiseln genommen und sich mit ihnen im siebten Stockwerk verschanzt", erklärte Fred und stellte dann seinen Begleiter vor. "Das hier ist Will Benson, der Leiter der Spezialeinheit, die für diesen Fall zuständig ist." Dann deutete er auf Caroline. "Das ist Caroline Chandler. Sie ist im polizeilichen Personenschutz tätig, allerdings hat sie erst vor kurzem einige Kurse absolviert, die sie für den Einsatz in Fällen von Geiselnahmen oder Entführungen qualifizieren. Außerdem ist sie ein sehr guter Scharfschütze", erzählte er und grinste Will dabei breit an. Für Will war es leicht zu erkennen, dass es für Caroline unangenehm war, vor ihm von Fred gelobt zu werden.

"Freut mich Sie kennen zu lernen", meinte Will und schüttelte Caroline die Hand. Dabei fiel sein Blick auf den silbernen Armreifen, den sie am rechten Handgelenk trug. Er beachtete ihn aber nicht weiter, immerhin gab es wichtigere Dinge zu tun. Caroline nickte Will zu und wandte sich dann wieder an Fred. "Ich hab mir ja gedacht, dass es einen Grund haben wird, warum du mich zu diesen Kursen gedrängt hast."

Fred grinste sie wieder breit an. "So ein Potential muss man einfach ausnützen und …", meinte er.

"Ja, ja, jetzt wissen wir es schon. Sag mir lieber was ich machen soll!", unterbrach ihn Caroline und folgte den beiden Männern.

"Da die Räuber die Überwachungskameras in diesem Stockwerk ausgeschaltet haben, wissen wir über die Anzahl der Geisel und den genauen Aufenthaltsort der Personen nicht Bescheid", erklärte Will. Mittlerweile standen sie vor dem Plan des siebten Stockwerks und Will deutete auf die entsprechende Stelle. "Es gibt allerdings ein Lüftungssystem, über das man das Stockwerk überblicken kann."

"Na toll, soll ich da jetzt etwa hineinkriechen?", vermutete Caroline.

Fred und Will nickten. "Ja, das hatten wir uns so überlegt", meinte Fred.

"Ähm, nicht ganz – es war seine Idee", erwiderte Will und deutete auf Fred.

"Das hab ich mir fast gedacht", stelle Caroline fest.

Zur selben Zeit wählte Horatio in Miami Tims Nummer. Er hatte gerade eben einen eigenartigen Anruf von der New Yorker Polizei erhalten und wollte sich erkundigen, was bei ihnen los war.

Tim meldete sich und klang ziemlich gehetzt: "Hey H!"

"Hey Speed, ist bei euch alles in Ordnung? Mich hat eben die New Yorker Polizei angerufen. Die wollten von mir bestätigt haben, dass du Polizist bist."

Tim schrie mehr ins Telefon als dass er redete und Horatios Frage wurde schon alleine durch Tims Tonfall beantwortet. "Nein, es ist gar nichts in Ordnung! Die Frauen sind als Geiseln genommen worden und wir sind gerade auf dem Weg nach New York City. Die bei der Notrufzentrale wollten mir keine Auskunft geben und da habe ich ihnen gesagt, sie sollen dich anrufen."

"Speed, was heißt "Geiseln"? Wer? Andie?"

"Ja, und meine Mutter und Linda. Sie sind heute in die City gefahren, um zu shoppen und sind bei Macy´s von irgendwelchen Typen als Geiseln genommen worden, die offenbar einen Tresor ausräumen wollten. Verdammte Scheiße! Fahr schneller, du Idiot!!"

Horatio hörte Tim fluchen und hupen, da dieser einen – seiner Meinung nach – zu langsamen Verkehrsteilnehmer vor sich hatte, schließlich Reifen quietschen und dann James, der Tim dazu anhielt langsamer zu fahren und ihn darauf hinwies, dass er seine Tochter im Wagen hätte.

"Der Verkehr hier ist ein Wahnsinn. Die schleichen alle! Ich drehe noch durch!", fauchte Tim.

"Speed, fahr vorsichtig! Es lohnt sich nicht, dass euch auch noch etwas passiert", versuchte Horatio Tim ein wenig zu beruhigen. Dieser hatte in der linken Hand das Handy, während er mit seiner Rechten wild hin und her lenkte und ständig Spur wechselte, um rascher voran zu kommen. Er konnte es kaum erwarten, die Interstate zu erreichen.

"Wenn du irgendwelche Hilfe brauchst, ruf mich an. Und halte mich auf dem Laufenden! Es wird schon alles schief gehen, da bin ich mir sicher."

"Ist okay, danke H! Ich melde mich bei dir."

Als Horatio aufgelegt hatte, seufzte er. Dann stand er auf, steckte sein Handy ein und machte sich auf den Weg in den Pausenraum.

Tim hatte endlich die Auffahrt auf die Interstate erreicht und sein Vater und Ben waren nicht sicher, ob sie jetzt aufatmen sollten, da Tim noch mehr aufs Gas stieg, jetzt, wo der Weg frei war.

Eric und Calleigh hielten sich gerade im Pausenraum auf, als Horatio hereinkam und wortlos den Fernseher anschaltete. Er zappte die Kanäle auf der Suche nach einem News-Channel durch und als er endlich einen gefunden hatte, ließ er sich auf die Couch sinken und starrte auf den Bildschirm.

Calleigh und Eric hatten Horatio mehrfach angesprochen und da er nicht reagiert hatte, setzten sie sich neben ihn auf die Couch. Calleigh fasste Horatio an die Schulter: "Hey, Horatio? Alles in Ordnung?"

Horatio schüttelte wortlos den Kopf.

"… Wir berichten live von der Geiselnahme, die sich gerade im Herzen New Yorks abspielt. Wie wir gerade erfahren haben, wurde eine unbekannte Anzahl von Kunden des Kaufhauses Macy´s als Geiseln genommen. Genauere Umstände sind uns im Moment leider nicht bekannt. Bleiben Sie dran: WNBC 4 hält Sie auf dem Laufenden…"

Calleigh und Eric hatten den Bericht verfolgt, verstanden jedoch nicht, warum Horatio so entsetzt blickte.

Er murmelte vor sich hin: "Es stimmt wirklich, er hat Recht gehabt…"

Eric tippte ihm auf die Schulter: "H? Willst du uns sagen, was los ist? Wer hat recht gehabt?"

Horatio sah ihn an: "Ähm… ich habe gerade mit Speed telefoniert…"

"Ja?"

"Seine Mutter und deine Cousinen sind in New York shoppen. Die Geiselnahme… offensichtlich sind sie unter den Geiseln."

Eric sah Horatio erschrocken an: "Was? Du machst Scherze. Sag, dass das ein Scherz ist, H!"

Er schüttelte den Kopf: "Es tut mir leid, Eric."

Calleigh war genauso erschrocken wie Eric: "Und Speed? Was ist mit ihm? Und mit Maeve?! Oh Gott, sie haben hoffentlich Maeve nicht mit, oder?"

"Nein, die Kleine ist bei Speed. Die Männer sind gerade auf dem Weg nach New York City."

Eric stand auf und begann im Raum auf und ab zu gehen: "Können wir irgendetwas tun, Horatio? Wir können doch nicht einfach hier herumsitzen!"

"Eric, wir können nur abwarten. Ich habe Speed gesagt, er soll sich melden, sobald er etwas Näheres weiß."

Alexx betrat den Raum und grinste, als sie die Drei sah: "Na? Was ist hier los, ihr macht ja Gesichter?"

Eric lief auf sie zu: "Alexx! Andie, Linda und Speeds Mutter sind in New York als Geiseln genommen worden!"

Sie sah ihn ungläubig an: "Was? Du musst dich irren, Syracuse ist vier Stunden von New York entfernt."

"Nein, die drei sind nach New York shoppen gefahren."

Alexx schüttelte den Kopf: "Das kann nicht sein! Was ist mit Maeve? Ich muss sofort Timmy anrufen!" Sie suchte die Taschen ihrer OP-Kleidung panisch nach ihrem Handy ab.

Jetzt stand Horatio auf und nahm ihre Hand, um sie davon abzuhalten, Tim anzurufen: "Alexx, er ist auf dem Weg nach New York und fährt wie ein Verrückter. Maeve ist bei ihm, es geht ihr gut - bis jetzt jedenfalls. Ruf ihn nicht an, sonst verursacht er vielleicht noch einen Unfall. Ich mache mir auch Sorgen, aber wir müssen abwarten, bis er sich meldet."

Alexx seufzte und sah Horatio verzweifelt an: "Die Armen. Ich hoffe so sehr, dass ihnen nichts passiert."

Er lächelte sie an: "Alexx, das hoffen wir alle."

Sie setzten sich auf die Couch und begannen wieder die Kanäle auf der Suche nach weiteren Informationen durchzuzappen.