Kapitel 27: Frauenpower
Eine weitere halbe Stunde später stand Caroline vor dem offenen Aufzugsschacht und blickte nach oben. Sie hatte sich umgezogen und war jetzt ähnlich gekleidet, wie die Männer des SWAT-Teams und trug eine kugelsichere Weste über einem schwarzen Overall und eine schwarze Skimaske. Will stand hinter ihr und erklärte ihr die weitere Vorgehensweise. "Der Aufzug würde zu viel Lärm machen, deswegen klettern wir den Aufzugsschacht bis zum siebten Stockwerk hinauf und entfernen die Abdeckung, die im Brandfall die Verbindung zu den Lüftungsrohren unterbricht. Von dort müssen Sie dann allerdings alleine weiter. Soweit alles klar?"
Caroline nickte und Will reichte ihr ein kleines Funkgerät, das sie sich ans Ohr steckte und eine Funkkamera. "Kommen Sie damit zurecht?"
Caroline nickte wieder. "Ja, klar"
"Okay, dann mal los", meinte er und kletterte vor ihr die Metallleiter nach oben. Als sie am vierten Stockwerk vorbeikamen, hielten sie kurz an, da sich Fred über das Funkgerät meldete. "Die Geiselnehmer haben ihre Forderungen gerade gestellt. Sie wollen ein Fluchtauto und ungehinderte Fluchtmöglichkeit, dann lassen sie alle bis auf zwei Geiseln gehen."
Will antwortete ihm leise. "Wie lange haben wir Zeit?"
Fred klang nervös. "Ich konnte eine Stunde herausschinden. Aber ich habe das Gefühl, die Räuber werden langsam nervös, also beeilt euch!"
"Was glaubst du was wir hier machen? Ein Picknick?", schaltete sich Caroline in das Gespräch ein und Will musste grinsen.
Es vergingen noch einige Minuten ehe sie im entsprechenden Stockwerk angelangt waren. Will nahm einen Schraubenzieher aus der Hosentasche und fing an, die Schrauben aus der Abdeckung zu entfernen. "Na toll, noch mehr Schrauben hätten die nicht verwenden können", murrte er leise.
"Haben Sie noch einen zweiten Schraubenzieher dabei?", frage Caroline und zwängte sich ein Stück weiter nach oben halb neben Will, wobei sie sich mit einem Bein auf den kleinen Mauervorsprung bei den Aufzugstüren abstützte.
Will reichte ihr wortlos einen Schraubenzieher, als er bemerkte was sie vorhatte. Er sah bewusst nicht nach unten, aber was Caroline hier tat, wirkte, als befände sie sich nicht im siebten Stock sondern im Erdgeschoß. Gemeinsam hatten sie die Abdeckung bald entfernt und Caroline blickte in das große Lüftungsrohr. "Putzen hättet ihr das aber schon können", scherzte sie, bevor sie sich hinein zog.
"Beim nächsten Mal werde ich das veranlassen", erwiderte Will, während er ihr nachsah, bis sie um die nächste Ecke bog. Dann machte er sich an den Abstieg, um sich zu Fred zu gesellen, der im Erdgeschoss vor einem Monitor wartete, dass Caroline an ihrem Ziel angelangt war und ihnen Bilder der Geiseln und Geiselnehmer übermittelte.
Die Röhre war eng und Caroline konnte sich nur auf dem Bauch liegend fortbewegen. Die Oberfläche war mit einer Staubschicht bedeckt und obwohl ein leichter Zug zu spüren war, roch die Luft staubig und abgestanden. Noch bevor Caroline am Kaufhaus angekommen war, hatte man angefangen das Lüftungssystem langsam herunterzufahren, damit die Geiselnehmer keinen Verdacht schöpften und jetzt arbeitete es nur mehr auf der niedrigsten Stufe.
Caroline hatte sich das Röhrennetz so gut es ging eingeprägt und kroch bei der nächsten Abzweigung nach links. Sie kam nur sehr langsam vorwärts, da sie keinen Lärm verursachen durfte und konnte plötzlich leise und gedämpft einen Schrei hören und dann mehrere aufgebrachte Stimmen.
Andie, Linda und Allison saßen nebeneinander an eine Kassentheke gelehnt und beobachteten die drei Männer. Der Anführer hatte, seit er seine Forderungen an die Polizei durchgegeben hatte, vermehrt in ihre Richtung gesehen und nachdem er seinen Komplizen etwas zugeflüstert hatte, kam er plötzlich auf sie zu.
Er steuerte direkt auf Linda zu und nahm ihr Handgelenk. Brutal riss er sie hoch und Linda schrie erschrocken auf. Andie und Allison sprangen auf und Andie sah den Mann an: "Lassen Sie meine Schwester in Ruhe!"
Er grinste Andie teuflisch an: "Du setzt dich hin und verhältst dich ruhig! Deine Schwester und ich werden schon unseren Spaß haben…"
Andie schüttelte flehend den Kopf: "Lassen Sie sie in Ruhe… bitte…"
Der Mann grinste noch immer: "Wenn du mich lange nervst, nehme ich euch beide mit."
Sie ließ nicht locker: "Bitte lassen Sie meine Schwester in Ruhe, sie ist doch noch so jung…"
Der Mann überlegte und meinte dann: "Ich lasse deine Schwester nur dann in Ruhe, wenn du an ihrer Stelle mitkommst."
Andie traten Tränen in die Augen und sie dachte nach, welche Möglichkeiten sie hatte. Entweder würde der Mann ihre kleine Schwester missbrauchen oder sie selbst. Aber sie war die Ältere und sie konnte nicht zulassen, dass er Linda etwas antat. Seit Maeve auf der Welt war, war ihr Beschützerinstinkt noch eine Spur größer geworden.
Sie konnte den Mann nicht ansehen, als sie "Okay…" sagte.
Linda sah Andie erschrocken an: "Nein, das kannst du nicht tun!" Sie schnappte sich Andies Hand und versuchte sie festzuhalten.
Allison stand daneben und wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie war schockiert und wollte, dass keiner ihrer beiden "Töchter" irgendetwas angetan wurde.
Andie sah Linda nicht an und schüttelte nur den Kopf: "Ich muss…" Sie versuchte, ihr ihren Arm zu entwenden.
Der Mann ließ schließlichLindas Handgelenk los. Während Linda zu weinen begann und in Allisons Arme flüchtete, die ebenfalls weinte, schnappte er sich Andies Handgelenk und zerrte sie hinter sich her. Andie stolperte mehr, als sie ging. Sie fand die ganze Situation mehr als surreal.
