Kapitel 28: Hilflos

Caroline hatte eine Stelle erreicht, an der die Röhre eine Öffnung nach unten hatte, die mit einem engmaschigen Gitter versehen war, das nicht sonderlich stabil aussah. Sie schob sich ein Stück weiter nach vorne und warf einen Blick in die Verkaufsebene, konnte aber weder die Geiseln noch einen der Geiselnehmer sehen. Doch dann zog sie ihren Kopf schnell wieder zurück, als ein Mann, von dem sie vermutete, dass es sich um einen der Geiselnehmer handelte, unter der Öffnung vorbeikam und eine Frau am Handgelenk hinter sich herzerrte. Caroline hatte ein ungutes Gefühl in der Magengegend und hätte gerne etwas unternommen, aber damit hätte sie nur die Geiseln gefährdet. Sie blieb noch einen Moment ruhig liegen, dann prüfte sie die Festigkeit des Gitters und schob sich vorsichtig über die Öffnung und verlagerte dabei nur so wenig Gewicht wie möglich auf das Gitter.

Der Mann zerrte Andie in den Nebenraum zu den Umkleidekabinen und stieß sie brutal zu Boden. Er hielt sie fest, indem er sich mit seiner Hand an ihrem Hals abstützte und als sie verzweifelt nach Luft rang, lockerte er seinen Griff ein wenig.

Er zerrte an ihrem Gürtel und zog ihr ihre Jeans bis unter die Knie. Er machte sich nicht die Mühe, ihre Bluse zu öffnen, sondern riss sie einfach auf, sodass die Knöpfe herumflogen. Andie zuckte zusammen, als er grob ihre Brüste berührte. Sie roch seinen Schweiß und ihr wurde übel, ihr Magen rebellierte. Um den Brechreiz zu unterdrücken versuchte sie, nur durch den Mund zu atmen.

Andie musste die Zähne zusammen beißen. Ihr Unterleib fühlte sich an, als wäre ein Messer in sie gefahren. Unwillkürlich verkrampfte sie sich noch mehr.

Sie atmete tief durch, um sich – soweit das in so einer Situation möglich war - zu entspannen und die Sache weniger schmerzvoll zu machen. Sie hatte sich vorgenommen, dem Schwein nicht die Genugtuung zu geben und zu weinen oder sich zu wehren.

Ihr Peiniger versuchte Andie zu küssen. Auch wenn sie den Rest durchstehen würde, das würde sie nicht zu lassen. Sie drehte den Kopf zur Seite: "NEIN!"

Er schlug ihr links und rechts hart ins Gesicht, sodass ihre Lippe aufplatzte und schrie: "Du Schlampe! Hier entscheide ich, was getan wird!"

Andie schmeckte Blut und sah ihn an. Sie blickte ihm tief in seine kalten stahlblauen Augen und wiederholte eindringlich das, was sie bereits gesagt hatte. Keiner außer ihrem Mann würde sie küssen. Offensichtlich war er von ihrer Sturheit beeindruckt und ließ, zumindest was das küssen anging, von ihr ab.

Andie griff nach der Halskette mit dem Anhänger in Form eines Babyfüßchens, die sie immer trug, seit Tim sie ihr geschenkt hatte. Die Kette war nicht an ihrem angestammten Platz, sie war abgerissen, als ihr der Mann die Bluse aufgerissen hatte und lag nun neben Andies Hals. Sie tastete panisch danach und fand sie schließlich.

Noch immer sah sie dem Mann tief in die Augen, als seine kalten blauen Augen plötzlich dunkelbraun, fast schwarz, und liebevoll wurden. Sie zweifelte kurz an ihrem Verstand, doch als sie begriff, was gerade mit ihr passierte, schloss sie die Augen und sah Tim vor sich. Wie ein Film lief ihr gemeinsames Leben mit ihm vor ihren Augen ab.

Sie sah Tim vor sich, wie er in Wien das erste Mal vor ihr gestanden hatte. Wie er damals im Wald gelegen und sie gedacht hatte, dass er tot wäre. Ihr darauf folgender erster richtiger Kuss. Sie sah seine wässrigen Augen bei ihrer Hochzeit. Sah ihn vor sich, wie er schuldbewusst vor ihr gestanden hatte, nach dem Vorfall mit Ben und die Freude und Liebe in seinen Augen, als er Maeve das erste Mal im Arm gehalten hatte.

Für ihn und für Maeve würde sie das hier durchstehen. Sie fühlte unbändige Liebe für die beiden, die ihr die Kraft gab, durchzuhalten.

Als ihr Peiniger – nach scheinbar endlosen Minuten - von ihr abließ, versuchte sie langsam aufzustehen. Ihre Beine waren zittrig und sie sah, dass ihr Blut die Beine hinab lief. Sie versuchte mit zitternden Händen, ihre Hose hinaufzuziehen. Die Knöpfe ihrer Bluse waren abgerissen und sie bemühte sich, ihre Blöße zu bedecken, indem sie die Bluse um sich wickelte.

Der Mann hatte inzwischen seine Hose wieder angezogen und sah Andie an, die panisch auf den Boden um sich blickte, weil sie ihre Halskette wieder verloren hatte. Sie fand sie und versuchte sie aufzuheben. Als sie sich bückte, gab es ihr wieder einen Stich im Unterleib, der sie zusammenzucken ließ.

Der Mann stand hinter ihr und haute ihr auf den Hintern. Andie fuhr erschrocken herum und stand dann wieder aufrecht vor ihm. Wieder grinste er: "Ich hoffe, du hattest genauso viel Spaß wie ich? Du bist wirklich gut!" Er deutete auf Andies Ehering und lachte sadistisch: "Dein Mann hat sicher viel Spaß mit dir… Vielleicht sollte ich mit ihm mal Tipps austauschen?"

Sie war furchtbar wütend, doch sie konnte nicht abschätzen, was die Konsequenz dafür wäre, wenn sie ihm jetzt die Meinung sagen würde. Noch war keine Hilfe in Sicht und er hätte noch genug Möglichkeiten gehabt, ihr oder Linda Leid zuzufügen. Deshalb hielt sie sich zurück und meinte nur: "Kann ich jetzt wieder zu den anderen gehen?"

Er nickte noch immer lachend und Andie beeilte sich, zurück zu Linda und Allison zu kommen. Jeder Schritt, den sie tat, schmerzte fürchterlich und sie war froh, sich endlich hinsetzen zu können.

Linda und Allison waren beide aufgesprungen, als sie Andie auf sich zukommen sahen.

Beide hatten verweinte Augen und Allison schloss Andie in die Arme: "Schätzchen, es tut mir so leid. Ich wusste nicht, wie ich dir hätte helfen können…" Sie hatte wieder zu weinen begonnen und Andie spürte eine Last von sich abfallen, als sie ihren Tränen an Allisons Schulter endlich freien Lauf lassen konnte. Auch Linda schloss sich den beiden an und stand weinend daneben.

Linda schluchzte: "Es tut mir so leid, dass du das wegen mir durchmachen musstest…"

Andie sah sie an und schüttelte den Kopf: "Es ist nicht deine Schuld, du kannst nichts dafür…"

Dann sah sie Allison an: "Al, du trägst auch keine Schuld daran. Du weißt genau, dass du mir nicht hättest helfen können… Aber du kannst mir vielleicht dabei helfen, das Ganze deinem Sohn beizubringen."

Allison nickte: "Was auch immer ich tun kann…"

Caroline hatte mittlerweile eine weitere Öffnung erreicht und befand sich direkt über den Geiseln. Kurz bevor sie die Kamera einschaltete, sah sie, wie die beiden Personen, die sich vorhin von der Gruppe entfernt hatten, zurückkamen. Es war nicht schwer zu erkennen, was passiert war. Dieses Schwein , dachte Caroline und Wut stieg in ihr auf. Sie versuchte sich wieder so gut es ging zu beruhigen und schaltete dann die Kamera ein, damit Fred und Will beobachten konnten, was in der Verkaufsebene passierte.

Die beiden standen im Erdgeschoss vor dem Monitor und besprachen die weitere Vorgehensweise. "Ich sehe 10 Geiseln und drei Geiselnehmer", meinte Will, nachdem er die Szene einige Minuten aufmerksam beobachtet hatte.

"Wir haben nur mehr 20 Minuten, dann wollen die Geiselnehmer das Gebäude verlassen. Was machen wir jetzt?", fragte Fred.

"Wir können im Moment nur abwarten. Die Geiselnehmer sind bewaffnet und wenn wir eingreifen, gefährden wir die Geiseln", erklärte Will.

Es vergingen einige Minuten dann meldete sich Caroline im Flüsterton. "Hier Caroline, ich bin jetzt im Nebenraum, in einer Umkleidekabine."

"Was?!", Will hatte angenommen, dass sie sich noch im Lüftungsrohr neben der Kamera befand.

Fred nahm Will das Funkgerät aus der Hand. "Spinnst du! Du solltest doch im Lüftungsrohr bleiben!", blaffte er leise.

"Hast du wirklich geglaubt, ich bleib dort, wo ich nichts unternehmen kann?", erwiderte Caroline. "Ich muss Schluss machen, sonst bemerkt man mich noch."

Caroline schlich leise aus der Umkleidekabine und versteckte sich hinter einem vollen Kleiderständer, der beim Eingang zum Nebenraum stand. Von ihrer Position aus konnte sie das weitere Geschehen unbemerkt beobachten und durch die dunkle Kleidung sah sie niemand.