Kapitel 30: Schlagfertig
Allison nahm ihren verzweifelten Sohn, der mehr als einen Kopf größer war als sie, in den Arm und wiegte ihn wie ein Baby. Sie sprach ihm leise zu: "Schatz, beruhige dich… Nein, Andie ist noch drinnen und wird untersucht…"
Linda hatte sich weinend in Bens Arme geflüchtet und James hatte Maeve am Arm und stand hilflos neben Tim und Allison.
Tim sah seine Mutter an und schniefte: "Was ist passiert? Wurde sie angeschossen?" Er hatte Sanitäter mit Tragen in das Gebäude gehen sehen.
Allison schüttelte den Kopf: "Nein, Tim, sie… Andie wurde…" Sie wusste nicht, wie sie ihrem Sohn beibringen sollte, dass seine Frau vergewaltigt worden war.
Tim fand es eigenartig, dass seine Mutter ihm nicht sagen konnte, was mit seiner Frau passiert war. Er überlegte kurz, was so schlimm sein könnte, dass sie es ihm nicht erzählen konnte und plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Er sah sie entsetzt an: "Wurde sie vergewaltigt?!" Allison nickte schweigend.
Er wusste nicht, was er sagen sollte. Oft genug hatte er in seinem Beruf mit Vergewaltigungsopfern zu tun gehabt, aber er hatte nie daran gedacht, dass das einmal seiner eigenen Frau passieren könnte. Er nahm seinem Vater seine Tochter ab und seine Kehle war plötzlich staubtrocken. Seine Stimme war tonlos und er flüsterte: "Ich muss mal kurz alleine sein…"
Er drückte Maeve fest an sich ging mit ihr ein paar Schritte von seiner Familie weg. Maeve sah ihn mit großen Augen an und als er ihre blauen Augen sah, die dieselben wie Andies waren, liefen ihm wieder Tränen an den Wangen herunter. Unweigerlich sah er die am Boden liegende Andie vor sich und eine Gestalt, die sich keuchend und stöhnend auf ihr bewegte. Übelkeit und Wut stiegen in ihm auf und er schloss die Augen und versuchte das Bild aus seinem Kopf zu verdrängen. Maeve schlang ihre kleinen Ärmchen um seinen Hals und drückte ihren Kopf an seinen Hals. Tim hatte das Gefühl, als wolle sie ihn trösten und beruhigte sich ein bisschen.
Er wischte sich mit dem Handrücken über die Wange und flüsterte: "Jetzt müssen wir beide mal für deine Mom stark sein." Er ging wieder zu seiner Familie zurück. Allison kam auf ihn zu und stellte sich neben ihn. Wortlos legte Tim ihr den Arm um die Schulter und zog sie seitlich an sich. Während sie ihren Arm um seine Taille legte, sah sie zu ihm hoch: "Es tut mir so leid, Schatz."
"Mir auch, Mom. Ich bringe dieses Schwein um, wenn ich es in die Finger kriege."
Allison seufzte nur.
Gemeinsam wartete die Familie darauf, dass Andie endlich aus dem Gebäude kommen würde.
Nach ein paar Minuten sah Tim einen in Handschellen gelegten und von zwei Streifenpolizisten begleiteten Mann aus dem Gebäude kommen. Daraus, dass Linda blass wurde und leise aufstöhnte, als sie den Mann sah, schloss Tim, dass es sich dabei um Andies Vergewaltiger handeln musste.
Er reichte seiner Mutter rasch seine Tochter und bevor Allison noch reagieren und ihn aufhalten konnte, war Tim bereits losgerannt. Er duckte sich unter dem Absperrband durch und lief auf den Mann zu.
James konnte gerade noch Ben festhalten, der hinter Tim her wollte und Linda sah ihm erschrocken nach.
Die beiden Polizisten, die den Mann begleiteten, waren überrascht als Tim auf sie zustürmte, stießen den Mann reflexartig von sich und traten einen Schritt zurück. Bevor sie noch ihre Waffen gezogen hatten, hatte Tim den Mann auch schon zu Boden gestoßen und schlug auf ihn ein.
Dieser lag mit gefesselten Händen auf dem Rücken und konnte sich nicht gegen die Schläge wehren. Erschocken sah er Tim an und fragte keuchend: "Verdammt! Was willst du von mir?"
"Das war MEINE Frau, mit der du deinen Spaß hattest, du verdammtes Arschloch!" Tims Gesicht war wutverzerrt und seine Fingerknöchel schmerzten bereits nach wenigen Schlägen. Trotzdem schlug er immer weiter zu.
Die Polizisten wussten, dass der Mann, den sie auf das Polizeirevier überstellen sollten, während der Geiselnahme eine Frau vergewaltigt hatte, was beiden gegen den Strich ging, dennoch versuchte die blonde Polizistin, Tim von dem Mann wegzuzerren, hatte aber trotz ihrer massiven Statur keine Chance gegen den wütenden Tim. Ihr Kollege stand nur grinsend daneben und sah mit Genugtuung zu: "Yokas, lass ihm doch seinen Spaß…"
Sie wandte sich keuchend ihrem Kollegen zu: "Bosco! Verdammt, jetzt hilf mir doch mal! Wir können ihn den Kerl doch nicht einfach verdreschen lassen."
Bosco grinste noch mehr: "Und warum bitte nicht? Jedem das, was er verdient…" Als er den entsetzten Blick seiner Kollegin sah, seufzte er und versuchte - zumindest halbherzig - Tim zu überwältigen. Als er jedoch am Boden Tims Polizeimarke entdeckte, die dieser verloren hatte, ließ er sofort wieder von ihm ab. Er hob die Marke hoch und stieß seine Partnerin an: "Hey, Faith!". Sie ließ ebenfalls von Tim ab, als Bosco ihr die Marke vor die Nase hielt und mit dem Kopf auf Tim deutete: "Dade County, Florida".
Faith Yokas nickte, sah sich suchend um und – als sie keine Kameras sah, die auf sie gerichtet waren - wandte sie sich an Tim: "Ähm… Kollege? Hast du deine Dienstwaffe dabei?"
Tim ließ kurz von dem Mann ab und sah sie keuchend an: "Nein, warum?"
"Nur zur Sicherheit, damit du hier nichts anstellst, was dich deinen Job kostet."
Yokas und Boscorelli stellten sich so vor Tim und den Täter, dass die Umstehenden nichts sehen konnten und mit Genugtuung beobachteten sie Tim, der sich weiter an dem Mann abreagierte.
Als Tim schließlich von ihm abließ, war der Mann bewusstlos. Tim stand auf und sah die beiden Polizisten an, während er sich seine schmerzenden Hände rieb: "Danke."
Bosco schüttelte den Kopf: "Kein Problem. Ich wüsste nicht, was ich mit dem Scheißkerl anstellen würde, wenn das meine Frau wäre." Seine Partnerin verdrehte die Augen: "Du hast keine Frau."
"Aber du hast einen Mann und denkst du, Fred würde anders reagieren?" Faith schüttelte den Kopf und seufzte.
Bosco sah sich nochmals nach Kameras um, konnte aber keine entdecken, die auf sie gerichtet waren, da die Reporter bereits die Geiseln interviewten. Er hielt Tim die Marke entgegen: "Hier, deine Marke. Geh einfach wieder hinter die Absperrung."
Die beiden Polizisten schnappten sich den noch immer bewusstlosen Verbrecher und hievten ihn unsanft auf den Rücksitz des Streifenwagens, während Tim wieder zurück zu seiner Familie ging.
