Kapitel 31: Seine Frauen
Allison sah Tim an, als er sich abermals unter dem Absperrband durchduckte: "Geht es dir jetzt besser?"
Tim nickte: "Ein bisschen zumindest."
"Bekommst du keine Schwierigkeiten?"
Er zuckte mit den Schultern: "Keine Ahnung… Und wenn, ist es mir momentan auch egal. Das war das Mindeste, was das Schwein verdient hat. Wer meinen Frauen etwas antut, der hat keine Überlebensberechtigung."
Tim nahm seiner Mutter Maeve wieder ab, drückte sie an sich und gab ihr einen Kuss. Maeve strahlte ihn an und giggelte vor sich hin. Er lächelte: "Habe ich recht, meine Süße?"
Linda war zu Tim gegangen und hatte gehört, was er gesagt hatte. Sie lächelte ihn an: "Es tut mir leid… Trotzdem danke."
Als Sy Parrish sie überfallen hatte, hatte sie festgestellt, wie der sonst so friedliebende Tim reagierte, wenn man jemandem, der ihm nahe stand, etwas antat. Auch wenn sie damals halb weggetreten war, hatte sie mitbekommen, wie Tim immer und immer wieder auf den Mann eingeschlagen hatte, bevor ihn Horatio überwältigen konnte. Sie wunderte sich insgeheim bis heute darüber, wo diese Aggressivität herkam, aber spätestens seitdem war ihr klar, dass der coole und ewig grummelnde Speed, den er nach außen hin immer darstellte, eigentlich der liebe und herzensgute Tim war, den Andie nicht umsonst immer ihren Bären nannte und der für seine Familie über Leichen gehen würde.
Seit er ihr das Leben gerettet hatte, hatte Linda eine spezielle Beziehung zu Tim. Sie war ihm unendlich dankbar dafür. Und auch wenn sie ihn mit ihrer aufgedrehten Art immer wieder in den Wahnsinn trieb, sie eine gewisse Hassliebe verband und sie – manchmal auch nur aus Spaß - aneinander gerieten, wusste sie, dass sie doch eine "seiner Frauen" war.
Kaum, dass die beiden Ärzte und die Schwester, die bei der Untersuchung anwesend gewesen war, Zimmer 526 des Mount Sinai Krankenhauses verlassen hatten, klopfte es erneut an der Türe. Noch bevor Andie etwas sagen konnte, öffnete sich die Türe einen Spalt und eine Frau steckte ihren dunklen Lockenkopf hinein: "Mrs. Speedle?"
Andie nickte, sodass die Frau eintrat und die Türe hinter sich schloss. Als Andie den silbernen Koffer sah, den die Frau in der rechten Hand hielt, war Andie klar, was jetzt auf sie zukommen würde.
Die Frau lächelte Andie an: "Guten Abend, Mrs. Speedle. Mein Name ist Stella Bonasera. Ich komme…"
Andie versuchte ebenfalls zu lächeln und führte den Satz zu Ende: "…vom CSI."
Stella stand mittlerweile neben Andies Bett und sah sie fragend an: "Woher wissen Sie das?"
Andie deutete auf den Koffer, den Stella auf den Boden gestellt und geöffnet hatte: "Der Koffer. Mein Mann hat denselben und er arbeitet beim CSI in Miami. Ich sehe diese Koffer oft genug, ich bin dort Gerichtsmedizinerin."
Stella nickte erstaunt: "Oh, okay…" Sie deutete auf den Sessel neben Andies Bett: "Darf ich mich setzen? Ich muss Ihnen leider ein paar Fragen stellen und Fotos von Ihren Verletzungen machen." Als sie sah, dass Andie nickte, sprach sie weiter: "Mrs. Speedle, haben Sie den Mann zufällig gekratzt?"
Andie sah auf ihre Finger, bevor sie zaghaft den Kopf schüttelte: "Ich wollte ihm nicht die Genugtuung geben, mich zu wehren… Keine DNA unter meinen Fingernägeln…"
Stella musste lächeln, weil Andie wusste, worauf sie hinauswollte: "Können Sie mir den Mann beschreiben?"
Sie schüttelte den Kopf: "Er hatte eine Maske auf. Ich weiß nur, dass er groß war, breite Schultern hatte und die kältesten stahlblauen Augen, die ich jemals gesehen habe."
"Kein Problem. Es tut mir leid, dass ich Sie das fragen muss, aber könnten Sie mir den Ablauf schildern?"
Andie seufzte und begann zu erzählen, während sich Stella Notizen machte.
Als Andie fertig erzählt hatte, nahm Stella die Kamera und sah Andie fragend an: "Können wir?"
Andie nickte und streifte den Krankenhauskittel mühevoll nach vorne über die Schultern und drehte Stella den Rücken zu, die Bilder von den Blutergüssen und Schürfwunden auf Andies Rücken machte.
Danach fotografierte sie Andies Gesichtsverletzungen. Als Andie Stella ansah, nickte sie, sodass sich Andie daran machte, sich wieder anzuziehen. Sie versuchte, den Kittel wieder über die Schultern zu bekommen, was ihr jedoch mit dem mit einer Plastikbandage fixierten Handgelenk und dem Infusionsschlauch, der in ihrem Handrücken angeschlossen war, schwer fiel. Stella legte rasch die Kamera zur Seite: "Warten Sie, ich helfe Ihnen…" Sie half Andie und band den Kittel auf der Rückseite zu.
"Danke…"
Stella überlegte kurz, was noch zu tun wäre: "Den Abstrich hat der Arzt bereits gemacht und die Schwester hat mir Ihre Kleidung gegeben. Ich muss sie leider mitnehmen, ich hoffe, das ist kein Problem?"
Andie schüttelte den Kopf: "Nein…" Sie räusperte sich: "Ähm… eine Frage hätte ich noch…" Stella sah sie fragend an, sodass Andie weiter sprach: "Können Sie einen Aidstest bei dem Kerl machen?"
"Der Verdächtige wird automatisch untersucht, noch dazu hat ihn jemand ziemlich zugerichtet. Gleich morgen früh machen wir einen Schnelltest, aber Sie müssen sich zusätzlich noch in ca. fünf Wochen testen lassen. Ich rufe Sie an, sobald wir ein Ergebnis haben."
"Mein Handy ist kaputt, Sie müssten am Handy meines Mannes anrufen."
"Kein Problem." Stella notierte sich Tims Nummer und blätterte den Akt mit den Notizen nochmals durch: "Das wäre es dann, wir sind fertig." Stella räumte ihren Koffer ein und stand auf: "Es tut mir leid… Sie haben sich Ihren Urlaub sicher auch anders vorgestellt."
Andie nickte: "Schon…" Sie sah zu Stella hoch: "Eine Bitte hätte ich noch…"
"Und zwar?"
"Die Schwester hat gesagt, dass mein Mann zu mir darf, sobald Sie fertig sind. Könnten Sie nachsehen, ob er draußen sitzt?" Sie musste lächeln: "Ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass er draußen sitzt."
Stella lächelte ebenfalls: "Ja, natürlich. Wie sieht der Kollege denn aus?"
"Dunkle Haare und Augen, 185 groß, Dreitagebart… Am besten suchen Sie nach einem Mann, der aussieht, als wäre er gerade erst aus dem Bett aufgestanden."
Stella war froh, dass Andie jetzt wenigstens lächelte: "Ich sehe mal nach, ob ich ihn finde. Ich wünsche Ihnen alles Gute und melde mich dann morgen bei Ihnen."
