Kapitel 32: Kann es schlimmer werden?

Tim hatte Andie vor dem Kaufhaus nur kurz von weitem gesehen, da die Sanitäter gleich mit ihr ins Krankenhaus gefahren waren.

Er hatte seine Eltern überzeugen können, mit Ben, Linda und Maeve nach Syracuse zurück zu fahren und Tim saß bereits seit mehr als zwei Stunden am Krankenhausflur und wartete, dass er endlich zu seiner Frau konnte. Er hatte in Miami angerufen und Entwarnung gegeben und Horatio hatte ihm versprochen, auch den anderen Bescheid zu geben, damit sie sich keine Sorgen machten. Mittlerweile war es nach 21.00 Uhr und jedes Mal, wenn ein Arzt oder eine Schwester aus dem Zimmer gekommen war, war Tim aufgesprungen.

Schließlich sah er eine Frau mit dunklen Locken aus Andies Zimmer kommen, die sich suchend am Gang umsah und dann auf ihn zukam. Tim wunderte sich kurz, als er jedoch den silbernen Koffer sah, wusste er Bescheid. Als die Frau vor ihm stand, begann sie zu grinsen: "Tim Speedle?"

Tim nickte und Stella hielt ihm die rechte Hand hin: "Mein Name ist Stella Bonasera vom CSI. Ihre Frau hat Sie wirklich gut beschrieben." Als sie sich die Hände schüttelten, fiel ihr Blick auf seine Fingerknöchel. Tim hatte das bemerkt und steckte die Hände rasch in die Hosentaschen.

"Eigentlich freut es mich, einen Kollegen aus Miami kennen zu lernen, aber die Umstände könnten andere sein." Tim seufzte: "Stimmt… Wie geht es meiner Frau? Kann ich zu ihr?" Stella nickte: "Kommen Sie mit, ich bringe Sie zu ihr."

Als Tim leise Andies Zimmer betrat, erschrak er. Andie saß im Bett und starrte ins Leere. Ihre Gesichtsfarbe unterschied sich nicht viel von dem weißen Kissen, auf dem ihr Kopf lag und nur das blaue Auge, der Bluterguss auf ihrer Wange und ihre geplatzte Oberlippe hoben sich farblich ab. Ihre Augen waren leer und Tränen liefen ihre Wangen hinab. Sie hatte versucht, sich während Stellas Anwesenheit zusammen zu reißen, was ihr jetzt aber nicht mehr gelang.

Er trat leise an ihr Bett und setzte sich auf die Bettkante. Andie sah ihn an.

Wortlos nahm er ihre Hand und küsste sie, bevor er leise zu sprechen begann: "Wie geht es dir, Süße?"

Sie versuchte zu lächeln, begann dann aber zu weinen: "Gut…"

Tim nahm sie in den Arm und als Andie an seiner Schulter schluchzte, stiegen auch ihm wieder Tränen in die Augen.

Als sie sich nach ein paar Minuten von einander lösten, sah er sie an. Sie biss auf ihrer Unterlippe herum und bevor er etwas sagen konnte, begann Andie schließlich zu sprechen.

"Ich habe eine Jochbeinprellung und ein verstauchtes Handgelenk. Wahrscheinlich muss ich nur über Nacht hier bleiben." Sie deutete auf die Infusionsflasche neben ihrem Bett: "Das ist eine krampflösende Infusion, wenn die wirkt, und die Blutungen aufhören, dann kann ich morgen heimgehen."

Tim sah sie erschrocken an: "Blutungen?"

Andie nickte: "Ich habe einen Scheidenriss, der genäht wurde und…" Sie sah auf die Bettdecke und begann wieder auf ihrer Unterlippe herum zu beißen. Es fiel ihr schwer, weiter zu sprechen. Sie begann zu stottern: "Ähm… Tim, ich… ich war… ich hab es wieder nicht bemerkt…"

Tim legte seine Finger unter ihr Kinn und hob zärtlich ihren Kopf. Leise fragte er: "Was hast du nicht bemerkt?"

Ihre Augen füllten sich wieder mit Tränen: "Ich war schwanger und habe das Baby verloren. Es tut mir so leid, Tim."

Tim seufzte und nahm sie wieder in den Arm: "Oh Gott… das ist doch nicht deine Schuld."

Andie schluchzte: "Ich war in der achten Woche und ich hatte doch meine Blutungen. Ich habe es nicht einmal bemerkt. Warum spüre ich das nicht? Ich bin Ärztin, ich sollte doch merken, dass ich schwanger bin, oder?"

Sie klammerte sich an Tim fest, der verzweifelt versuchte, nicht wieder mit Andie mitzuweinen. Er konnte es nicht sehen, dass Andie weinte und der Gedanke daran, dass er wieder Vater hätte werden sollen, zerriss ihm das Herz. Bilder schlichen sich in seinen Kopf. Er sah die lachende Andie mit großem Bauch vor sich. Sah sich ein Neugeborenes im Arm halten. Sah Maeve mit einem zweiten Kind im Sandkasten sitzen und spielen. Auch wenn er bisher nicht gewusst hatte, dass Andie schwanger gewesen war, fühlte er momentan nur eine unendliche Leere.

Er versuchte, sich für Andie zusammen zu reißen: "Süße, Maeve wird sicher noch ihr Geschwisterchen bekommen. Jetzt müssen wir zuerst mal schauen, dass es dir wieder gut geht, das ist das Wichtigste."

Der Arzt betrat das Zimmer und als er Andie und Tim sah, räusperte er sich: "Ich störe Sie gar nicht lange. Mr. Speedle, wenn Sie möchten, können Sie heute Nacht hier bleiben, ich lasse Ihnen ein Klappbett bringen."

"Danke Doktor, das wäre nett."

Der Arzt nickte und ging wieder.

Tim sah Andie an: "Es tut mir so leid, dass ich nicht da war, um dir zu helfen."

Sie lächelte ihn an: "Du warst da… Ich kann dir das zwar nicht logisch erklären, aber du warst bei mir."

Andie legte ihre Hand auf seine, die auf ihrer Wange lag. Tim sog Luft durch die Zähne ein und verzog das Gesicht vor Schmerzen, sodass sich Andie seine Hände ansah. Seine Knöchel waren blutunterlaufen und geschwollen.

"Was ist mit deinen Händen passiert?!"

Tim schüttelte den Kopf: "Nichts… Mir ist nur jemand in die Faust gelaufen… ein paar Mal…"

Andie musste nicht weiter nachfragen, sie wusste, was passiert war und konnte jetzt auch Stellas Bemerkung, dass jemand den Verdächtigen zugerichtet hätte, zuordnen. Es bereitete ihr eine gewisse Genugtuung, da sie an Tims Fingerknöcheln erkannte, dass er nicht leicht zugeschlagen hatte.

Es klopfte an der Türe und eine mollige schwarze Krankenschwester und ein Pfleger, der das Klappbett brachte, betraten das Zimmer. Während der Pfleger das Bett aufstellte, untersuchte die Schwester Andie. Sie maß ihre Temperatur und steckte die Infusion, die mittlerweile fertig durchgelaufen war, ab.

Die Schwester lächelte Andie an: "Sie haben kein Fieber, das ist sehr gut. Den Butterfly lassen wir zur Sicherheit noch in Ihrem Arm, falls Sie noch eine Infusion brauchen. Aber Sie wissen ja, wie so etwas funktioniert, Frau Doktor." Sie zwinkerte Andie zu und nahm ein neues Stück Klebeband, mit dem sie die Infusionsnadel in Andies Handrücken fixierte. "Wenn Sie möchten, können Sie duschen gehen, aber passen Sie auf, dass Sie uns nicht zusammenklappen." Sie sah Tim an: "Vielleicht sollte Ihr Mann mitgehen, nur zur Sicherheit."

Tim nickte.

Als die Schwester und der Pfleger das Zimmer verlassen hatten, sah Tim Andie an: "Möchtest du duschen?"

Andie nickte: "Ich fühle mich so dreckig und mir tut alles weh… Ähm… gehst du mit und passt auf mich auf?"

Tim stand wortlos auf und half Andie vorsichtig aus dem Bett. Er bemerkte, dass sie sich kaum auf den Beinen halten konnte, sodass er sie stützte und nach ein paar Schritten waren sie zum Glück im Badezimmer.

Als sich Andie, die ihm den Rücken zugewandt hatte, den Krankenhauskittel auszog, beobachtete Tim sie verstohlen. Sie hatte am ganzen Körper, aber vor allem am Rücken, blaue Flecken und Schürfwunden und Tim wurde schmerzlich bewusst, wodurch diese Verletzungen entstanden waren. Er selbst hatte schon oft genug Fotos von durch die Reibung auf Teppichböden hervorgerufenen Verletzungen gemacht.

Als Andie bemerkte, dass er sie beobachtete und ihr sein erschrockener Blick auffiel, wurde sie rot. Es war ihr unangenehm, dass er sie so sah.

Während sie sich ausgezogen hatte, war Andie immer wieder getorkelt und Tim befürchtete, dass sie ihm umkippen würde. Er war kein Arzt und er hoffte, dass Andie rechtzeitig merken würde, dass ihr Kreislauf streikte.

Er sah sie fragend an: "Wenn das für dich in Ordnung ist, dann komme ich mit unter die Dusche. Ich kann dich von außerhalb nicht festhalten und du kippst mir vielleicht um. Ich will nicht, dass du dich noch mehr verletzt."

"Ich hätte dich gerne in meiner Nähe, aber…", sie verstummte.

"Was aber? Ich will nur mit dir unter die Dusche, sonst nichts." Tim musste grinsen: "Keine Sorge, ich bin anständig…"

Andie verdrehte die Augen: "Davon bin ich ausgegangen…" Sie machte eine Pause und sprach dann leise weiter, wobei sie Tim nicht ansah: "Es ist mir einfach unangenehm, dass du mich so siehst…"

"Warum?" Er holte tief Luft, bevor er weiter sprach: "Süße, du kannst für das, was passiert ist, nichts. Außerdem hieß es doch bei unserer Hochzeit "In guten wie in schlechten Tagen", oder? Und wenn das jetzt kein schlechter Tag ist, wann soll ich dir dann sonst helfen? Ich liebe dich jetzt nicht mehr oder weniger als noch heute früh." Er lächelte Andie an: "Okay, MEHR vermutlich schon."

Tim neigte seinen Kopf und schnüffelte an seinem Hemd bevor er die Augen verdrehte und das Gesicht verzog: "Außerdem könnte mir eine Dusche auch nicht schaden."

Er hatte das erreicht, was er bezwecken wollte, nämlich, dass Andie lachen musste: "Okay…"

Tim zog sich aus und half Andie vorsichtig in die Dusche und stieg dann selbst in die Kabine. Als Andie sich einseifen wollte, gaben ihre Knie wieder nach und Tim konnte sie gerade noch festhalten. Sie hob ihre Arme vor ihrer Brust, lehnte sich gegen Tim, legte ihre Stirn auf Tims Brust und begann lautlos zu weinen. Tim seufzte, gab Andie einen Kuss auf den Kopf und hielt sie einfach nur fest.

Als die beiden schließlich in ihre Betten kamen, war es Mitternacht.