Kapitel 33: Schicksal

Zwei Stunden später drehte sich Ben in Syracuse im Bett um und wollte Linda umarmen, griff aber ins Leere. Er stand auf und machte sich leise auf die Suche nach ihr. Ben suchte das ganze Haus ab, konnte Linda aber nicht finden, bis er schließlich ratlos zum Fenster ging und sich suchend im Garten umsah. Sein Blick blieb auf der Terrasse hängen, wo Linda in Stiefeln, Pyjamahose, T-Shirt und ihren Daunenmantel eingewickelt auf einer Gartenbank saß und ins Dunkel starrte.

Ben ging rasch in den Vorraum, stieg in seine Boots, schnappte sich seine Jacke und öffnete leise die Terrassentüre. Linda erschrak und im Mondlicht sah er auf ihren Wangen Tränen glitzern. Er setzte sich neben sie und zog sie an sich, indem er seinen Arm um sie legte: "Bist du wahnsinnig oder willst du dich umbringen?"

Ihm war schon auf den paar Metern, die er auf der Terrasse hinter sich gebracht hatte, eiskalt geworden und als er Linda festhielt, fühlte er, dass sie vor Kälte zitterte.

Sie kuschelte sich an Ben und schniefte, bevor sie zu reden begann: "Ich finde es schön hier. Es ist ruhig und ich kann hier nachdenken."

"Im Haus ist es auch ruhig. Worüber denkst du nach?"

Als Linda ihm nicht antwortete, sah er sie fragend von der Seite an: "Honey?"

"Über Andie…"

Ben gab ihr einen Kuss auf die Stirn: "Willst du mir erzählen, was heute passiert ist?"

"Ich habe vorhin zufällig deine Eltern gehört, als sie sich in der Küche unterhalten haben. Deine Mom hat gemeint, die starken Blutungen und die Krämpfe, die Andie hatte, deuten auf eine Fehlgeburt hin…" Linda schniefte wieder: "Und ich…"

Ben seufzte und wollte sich gar nicht vorstellen, wie es Andie und Tim gerade ging, wenn sich die Vermutung seiner Mutter bewahrheitet hatte. Er wusste, dass Tim ganz wild darauf war, nochmals Vater zu werden und dieses Baby im Gegensatz zu Maeve, die Tim zwar über alles liebte, aber laut Andie eigentlich ein Rechen- bzw. Temperaturmessfehler war, ein Wunschkind sein würde. Nachdem Linda nicht weiter sprach, sah er sie fragend an: "Was du, Honey?"

"Ich bin schuld daran, wenn Andie ihr Baby verloren hat." Sie begann wieder zu weinen.

"Du bist doch nicht schuld daran. Andie wurde vergewaltigt, warum solltest du bitte daran schuld sein?"

Linda atmete tief durch: "Weil der Typ eigentlich mich vergewaltigen wollte und nicht Andie."

Ben sah sie schockiert an: "Was?!"

Sie nickte: "Andie hat gesagt, sie geht freiwillig mit ihm mit, wenn er mich in Ruhe lässt. Wenn ich doch einfach mitgegangen wäre, dann hätte Andie das nicht durchmachen müssen und das Baby würde noch leben."

"Puh…" Ben wusste nicht, was er dazu sagen sollte.

"Außerdem hätte mich dann sowieso noch der andere vergewaltigt, wenn diese Frau nicht gewesen wäre. Ein- oder zweimal wäre dann schon egal gewesen."

Ben drückte Linda fester an sich und schlang einen Teil seiner Jacke um sie: "Welche Frau?"

"Keine Ahnung. Ich glaube eine Polizistin, aber sie trug eine Maske und ich kann mich nur an ihre türkisen Augen erinnern… Sie hat den zweiten Kerl, der mich vergewaltigen wollte, überwältigt."

"Honey, glaubst du wirklich, dass du Andie zurückhalten hättest können? Du weißt genau, dass sie fürchterlich stur ist." Lächelnd fügte er hinzu: "Genauso stur wie du."

Linda musste lächeln: "Ich weiß es nicht… Ich überlege immer wieder, was gewesen wäre, wenn…"

Ben unterbrach sie: "Was wäre, wenn… Was glaubst du, wie oft ich darüber schon nachgedacht habe." Er seufzte und sah in den Sternenhimmel: "Wenn ich damals nicht drogensüchtig geworden wäre, hätte mich nie die Polizei erwischt, ich hätte nicht gegen Pogo ausgesagt, er wäre nicht entkommen und hätte mich nicht gesucht. Ich wäre nie nach Miami gekommen und mein Bruder wüsste noch immer nicht, wer ich eigentlich bin. Wenn Horatio damals nicht Tim sondern Eric oder Calleigh nach Wien geschickt hätte, wären Andie und Tim jetzt nicht verheiratet, es gäbe Maeve nicht, wir beide hätten uns nie kennen gelernt und würden jetzt hier nicht zusammen sitzen."

Er nahm Linda an den Schultern, drehte sie zu sich und küsste sie, bevor er weiter sprach: "Ich denke, dass alles, was passiert, einen Sinn hat. Immer wenn irgendwas anders gelaufen wäre, hätte es eine Auswirkung auf die Zukunft gehabt." Er seufzte abermals: "Andie hat diese Entscheidung alleine getroffen. Du solltest ihr dafür dankbar sein und dir keine Vorwürfe machen." Auch Ben hatte mittlerweile zu zittern begonnen: "Können wir bitte im Bett weiterreden? Es ist schweinekalt und ich glaube, meine Kronjuwelen haben sich schon im Körper verkrochen…"

Linda musste lachen, was Ben bezweckt hatte. Er war mittlerweile aufgestanden und zog Linda von der Bank hoch und zurück ins Haus.