Kapitel 36: Schwestern

Als Tim und Andie schließlich beim Haus seiner Eltern ankamen, hatten sie die ganze Fahrt über geredet und Andie hatte Tim den Ablauf der Geiselnahme geschildert. Zögernd hatte sie ihm auch gestanden, dass der Geiselnehmer eigentlich Linda hatte vergewaltigen wollen und sie sich im Austausch sozusagen "angeboten" hatte. Sie hatte sich davor gefürchtet, dass Tim meinen würde, sie wäre selbst schuld an der Situation in die sie sich selbst und auch ihn hineinmanövriert hatte. Aber offensichtlich machte sich Andie diesbezüglich nur selbst Vorwürfe, denn Tim hatte gar nichts in diese Richtung gesagt und nur gemeint, er hätte in einer ähnlichen Situation höchstwahrscheinlich genauso reagiert und versucht, Ben zu beschützen.

Die beiden betraten das Haus und wurden von allen begrüßt. Nur Linda war zurückhaltend, was Andie auch auffiel.

Den Nachmittag verbrachte Andie mit einer Decke auf der Couch und spielte mit Maeve oder sah fern. Allison, James, Tim und Ben leisteten ihr abwechselnd Gesellschaft, nur Linda hielt sich von ihr fern und verkroch sich mit einem Buch in Bens Zimmer. Irgendwann reichte es Andie und sie ging zu Linda hoch.

Andie klopfte an und als sich Linda nicht meldete, steckte sie den Kopf zur Türe hinein: "Hey du! Können wir mal reden?" Andie schloss die Türe hinter sich und legte sich zu Linda ins Bett, die verbissen in ihr Buch starrte und so tat, als würde sie lesen. Sie nahm ihr das Buch aus der Hand und zog sie an sich: "Kann es sein, dass du mir aus dem Weg gehst?"

Lindas Kopf lag auf Andies Brust und sie antwortete nicht. Andie umarmte Linda ganz fest: "Linny, ich knutsche dich jetzt zu Tode…" Als Linda klein gewesen war, hatte Andie Linda immer Linny genannt. Und immer, wenn es Linda nicht gut gegangen war, sie krank gewesen war oder Liebeskummer gehabt hatte, hatte dieser Kosename Wunder gewirkt. So auch dieses Mal, denn Linda begann zu lächeln.

Andie strich ihr die kurzen Haare aus dem Gesicht: "Falls du dir noch immer Vorwürfe wegen gestern machst, dann lass es. Es war meine Entscheidung und daran hättest du absolut nichts ändern können."

Linda sah Andie an: "Aber wenn ich…"

Andie unterbrach sie und schüttelte den Kopf: "Nein, das hätte ich nicht zugelassen."

"Die Blutungen… hast du… ich meine, warst du…" Linda atmete tief durch: "Ich habe gestern zufällig Al und James gehört, hattest du eine Fehlgeburt?"

Sie seufzte: "Ja, ich war schwanger und habe das Baby verloren."

"Das tut mir so leid."

"Mir auch. Tim auch und allen anderen auch. Aber es ist leider, wie es ist… Und das ist einzig und alleine die Schuld von dem Typen und nicht deine."

Linda kuschelte sich an Andie und umarmte sie: "Hast du heute Nacht geschlafen?"

"Nein, nicht wirklich."

"Bleibst du ein bisschen hier bei mir liegen? Wir könnten fernsehen…"

Andie musste lachen, denn die Situation erinnerte sie an frühere Liebeskummer-Damen-Fernsehabende und sie nickte: "Es läuft nicht zufällig irgendwo "Coyote Ugly", oder?"

Linda schnappte sich die Fernbedienung vom Nachttisch und reichte sie Andie, bevor sie sich wieder an sie kuschelte. Andie zappte durch die Kanäle und kurze Zeit später waren beide eingeschlafen.

Gegen 19.00 Uhr klopfte es an der Türe und als keine Antwort kam, öffnete sich die Türe leise. Tim schob den Kopf durch den Spalt und sah sich um. Als er die beiden Schwestern engumschlungen im Bett liegen und schlafen sah, musste er lächeln. Leise schlich er sich ans Bett und hockte sich daneben, sodass er Andie einen Kuss geben konnte.

Als sie die Augen aufschlug lächelte Tim sie an: "Hey, Süße, gut geschlafen?" Er flüsterte, um Linda nicht zu wecken. Ben hatte ihm von letzter Nacht erzählt und er wusste, dass sie genauso wenig geschlafen hatte wie Andie. Er strich Andie über den Kopf: "Zeit für´s Abendessen."

"Ich habe keinen Hunger."

"Du musst aber etwas essen." Er spielte seinen Trumpf aus: "Außerdem gibt es Speed-Spaghetti." Tim hatte seine Spezialität gekocht, Spaghetti mit einer Schinken-Käse-Sahne-Sauce. Er wusste, dass sowohl Andie als auch Linda sich am liebsten darin eingraben würden und wollte ihnen eine Freude machen.

Andie begann zu grinsen: "Na das ist etwas anderes. Ich glaube, ich bin jetzt doch hungrig." Sie beugte sich zu Lindas Kopf, der noch immer auf ihrer Brust lag und gab ihr einen Kuss auf die Stirn: "Linny, aufwachen…"

Linda schlug die Augen auf und als sie den Kopf drehte, hatte sie Tims Gesicht vor sich. Sie erschrak kurz und starrte ihm dann in die Augen: "Hast DU gerade Linny zu mir gesagt?"

Tim schüttelte grinsend den Kopf und deutete auf Andie: "Sie war das… Aber ich habe dafür Speed-Spaghetti gemacht…"

Linda sprang aus dem Bett und lief aus dem Zimmer. Andie und Tim sahen ihr nach, bevor sie sich gegenseitig ansahen. Andie grinste: "Also offensichtlich geht es ihr besser…"

"Sieht so aus. Dir auch?"

"Es geht so…" Andie gähnte: "Ich habe gut geschlafen. Dein Bruder hat ein bequemes Bett…"

"Du teilst das Bett aber bitte trotzdem weiterhin mit mir und nicht mit Ben…" Er half Andie aus dem Bett hoch: "Na dann komm mal, meine Schlafmütze… Deine Tochter hat Hunger." Er begann zu grinsen: "Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte ich ihr sämtliche Spaghetti, die ich gekocht habe, geben können und sie hätte sie allesamt weggelutscht…"

"Weiß sie jetzt endlich, wofür sie ihre vier Zähne hat?"

"Jep… So schnell werden wir gar nicht schauen können und sie futtert mir die Winner Snitzel weg…"

Andie bekam einen Lachkrampf, während sie Tim – der vor ihr die Augen verdrehte - ins Erdgeschoß folgte.

Am nächsten Tag war bei den Speedles allgemeines Faulenzen angesagt. Keiner der Sieben wollte sich wirklich viel bewegen und alle – offensichtlich sogar Maeve - genossen noch mal die Ruhe, bevor die Floridianer am nächsten Tag zurück nach Miami fliegen würden.

Als sie am Morgen des 30. Dezembers schließlich am Flughafen standen, merkte man Allison an, dass sie die Familie nicht wieder gehen lassen wollte.

Sie umarmte Andie und küsste sie: "Schätzchen, wenn irgendwas – egal was - ist, ruf mich an. Wenn du reden willst, ich bin immer für dich da. Wir sehen uns dann spätestens bei der Hochzeit wieder." Danach war Linda dran: "Für dich gilt dasselbe, Süße. Ihr könnt jederzeit anrufen. Pass mir gut auf mein Baby auf und lass ihm nicht zu viel durchgehen…" Linda und Allison grinsten sich an, während Ben die Augen verdrehte.

Tim stand neben Andie, die Maeve am Arm hatte, und hielt sie umarmt. Seine Mutter kam auf ihn zu und umarmte und küsste ihn: "Pass bitte gut auf deine beiden Frauen auf, Schatz. Und danke, dass du endlich ehrlich zu uns warst, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie viel mir das bedeutet… Ich habe dich lieb!"

"Ich dich auch Mom!" Tim hatte sich das Grinsen verkneifen müssen, da er merkte, dass seine Mutter sentimental wurde.

Zuletzt war Ben dran und Allison hatte mittlerweile Tränen in den Augen: "Tschüss mein Kleiner." Sie umarmte Ben, der einen Kopf größer als sie war und wollte ihn nicht wieder loslassen. "Brav bleiben, treu sein und sagt mir wegen der Hochzeitsplanungen Bescheid. Ich werde dich vermissen…"

Ben sah sie skeptisch an: "Mom? Hast du Drogen genommen? Du bist irgendwie ganz eigenartig."

Allison lies Ben los und schüttelte den Kopf: "Nein, habe ich nicht… alles in Ordnung…" Sie begann zu schniefen.

Tim stürmte auf sie zu: "Mom! Bitte nicht heulen, du hast es mir versprochen!"

Sie hatte bereits ein Taschentuch in der Hand, tupfte sich die Tränen weg und fiel Tim um nochmals um den Hals: "Ich weiß, aber ihr seid alle so weit weg und ich vermisse euch so…"

Tim sah seinen Vater hilfesuchend an, da er seine Mutter um den Hals hängen hatte, die offensichtlich nicht loslassen wollte. James versuchte so zärtlich wie möglich, Allison von Tim zu lösen. Nach einem kurzen Kampf hatte er schließlich Allison im Arm und musste lachen: "Also wenn das so weitergeht mit eurer Mutter, müssen wir über kurz oder lang wohl nach Florida ziehen."

Allison sah zu James auf und strahlte ihn an: "Wirklich?"

"Und was mache ich mit meinen Restaurants? Soll ich die in einen Container packen und nach Miami transportieren?" Als er Allisons enttäuschten Blick sah, lenkte er ein: "Al, wir werden sehen…"

Tim sah auf die Uhr: "Leute wir müssen, sonst ist der Flieger weg…"

Es gab nochmals eine kurze Verabschiedungsrunde und als sie sich schließlich bei der Sicherheitskontrolle noch mal umdrehten, sahen sie Allison, die immer abwechselnd stürmisch winkte und sich dann wieder schnäuzte. Daneben stand James und schüttelte nur lachend den Kopf.

Tim beugte sich zu Ben und flüsterte: "Warum bin ich bin mir nur so sicher, dass Dad spätestens, wenn wir ein zweites Baby bekommen, einen Nachfolger für seine Restaurants findet, in Pension geht und die beiden nach Miami ziehen?"

Ben grinste: "Keine Ahnung… Vielleicht weil du unsere Eltern und Moms Überzeugungskraft Dad gegenüber kennst?"

Tim seufzte nur.