A/N Liebe Leser/innen*: Das nächste Kapitel wird einige gesellschaftliche Themen aufgreifen, bevor wir großzügig in die Halloween-Feier eintauchen. Ich habe mir erlaubt einem der Slytherins in den Mund zu legen, dass er Muggelgeborene und Halbblüter gleichermaßen doof findet. Sonst wäre es nicht zu diesem wunderbaren Konflikt gekommen (unsere Hermine reist ja unter dem Deckmantel einer Halbblüterin).

Viel Spaß und liebe Grüße an all diejenigen, die hierüber stolpern.

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Someone taught you wrong, kid
Done it that way so long
Got this whole thing turned upside down on its head
Still listenin' to that thing under your bed
And it won't stop until it's fed

[MURDER BY DEATH &&. NEVER BE]

Seit Hermine William zu ihrem Begleiter für die Halloweenfeier auserkoren hat, umschwirrte er sie mit der Energie eines aufgeregten Schnatzes. Im Vergleich zu den vorherigen Tagen, wo sie unfreiwillig unter Riddles aufdringlicher Beobachtung stand, war Billys Stimmung geradezu ansteckend und um nicht zu sagen, regelrecht erquickend.

Das schlechte Gewissen gegenüber Ron, den sie über alle Maßen vermisste, konnte der Lockenschopf dabei allerdings nicht ganz wegrationalisieren, weshalb sie darauf bedacht war, William stets auf höflichen Abstand zu halten. Die schiere Unbekümmertheit, die der Quidditchkapitän am Freitag versprühte, war dennoch laut und deutlich und somit für ausnahmslos jeden im Schloss vernehmbar. Wenn Bill gute Laune hatte, durfte davon die ganze Welt erfahren!

So viel Glück, wie er mit Hermine für den baldigen Abend hatte, bestand inzwischen sogar eine reelle Chance, dass er irgendwann gewiss den Preis für das charmanteste Lächeln gewann.

Er war überzeugt!

"Sicher, Potter, die Hausfrauen werden sich um dich reißen", quittierte Araman Lestrange die kindisch in die Höhe gebauten Luftschlösser des Gryffindors mit einem enervierten Augenrollen, als die Siebtklässler das Klassenzimmer für Zauberkunst verließen und über die schmalen, alten Holztreppen den langen Weg nach unten zur Haupthalle des Astronomieflügels einschlugen.

"Na, wenigstens ist mein Stammbaum dann kein Kreis, Lestrange!"
Hermine war überrascht, dass sogar Abraxas Malfoy lachte, der sich von Araman im selben Atemzug einen heftigen Stoß in die Rippen einfing, bevor er sich merklich erzürnt mit der filigranen Grazie eines aufgebrachten Wiesels an ihrer Gruppe vorbei drängte, damit er William am Fußende der Treppe ohne Umschweife zur Rede stellen konnte.

"Verspottest du meine Familie, Potter?"
Bills Grinsen nahm einen Anflug von Entzücken an: "Wieso, hab ich da etwa einen Nerv getroffen, Lestrange?" Aramans Finger zuckten verdächtig und Hermine war sich sicher, er würde seinen Zauberstab ziehen, um den Schlagabtausch auf anderer Ebene zu fortzuführen: "Sieh dich nur an, Potter. Treibst dich mit Schlammblütern herum und feierst dich auch noch dafür. Wie tief deine Familie gesunken ist… sympathisierst mit dem Dreck unserer Gesellschaft. Du bist eine Schande."

Das strähnig schwarze Haar des Slytherins, das sein schmales Gesicht umrahmte, fiel ihm leicht in die hohe Stirn, indes er Hermine, die neben William stand, mit einem sehr hässlichen Blick bedachte.

Ihr Mund wurde trocken und sie spürte wie ringsum alle unweigerlich den Atem anhielten. Ein Paar Siebtklässler hatten sich unlängst entschieden, einen anderen Weg durch das Schloss einzuschlagen und dem drohenden Konflikt der beiden Jungen kommentarlos zu entgehen.

Schlammblut.

Zu oft hatte sie diese unliebsame Beleidigung in ihrer Schulzeit auf Hogwarts und danach ertragen müssen. Reinblütige Familien wie die Blacks, die Malfoys oder die Lestranges machten zwischen Muggelgeborenen und Halbblütern keinen großen Unterschied; niemand aus solchen Familien verdiente es in den Augen der sogenannten "altehrwürdigen Blutlinien", sich Hexe oder Zauberer zu schimpfen sobald ein Muggel beteiligt war, weshalb stets dafür gesorgt wurde, die Unterschicht über ihren Platz in der Gesellschaft in Kenntnis zu setzen. Toujours Pur.

Aus manchen Köpfen würde das Motto der Reinblütigkeit auch nie verschwinden, denn selbst über 50 Jahre später war für manche die Herkunft wichtiger als die Hexe, oder der Zauberer. Dolores Umbridge war ein Paradebeispiel für dieses elitäre, zwischenmenschliche Verhalten weit abseits Voldemorts fanatischen Anhängern. Was sie manchmal noch unberechenbarer machte, wie den Schwarzmagier selbst.

Hermine traf die Beleidigung trotzdem nicht ganz so hart, wie Araman es wahrscheinlich vermutete, denn der Lockenschopf konnte nach allen vergangenen Abenteuern von sich behaupten, es mit Fassung zu ertragen, wenn Leute wie Lestrange sie in der Öffentlichkeit diskriminierten.

William war da anders.

Der Quidditchkapitän schnellte sofort voran und holte entschieden zum Faustschlag aus. Seine Stimmung kippte, wie ein Fähnchen im Wind, um Hermine mutig zu verteidigen.

Ohne den beherzten Körpereinsatz von Thoran und Lupin, welche sich gleichzeitig auf Potter warfen um ihn mit aller Kraft an den Armen zurück zu halten, wäre der Konflikt der Schüler bestimmt an Ort und Stelle eskaliert.

"Ah", bemerkte Araman triumphierend mit einem dünnlippigen Lächeln, "Du verhältst dich schon selbst wie einer dieser Affen. Würde- und talentlos. Passt zu dir, Potter."

"Lass dich nicht provozieren, Bill. Das ist doch genau das, was er erreichen will!"

Sogleich wandte sich Thoran mit mahnender Stimme direkt an den Slytherin: "Und du, reiß dich zusammen, Lestrange. Du weißt, dass solche Beleidigungen hier auf Hogwarts nicht geduldet werden. Für das Verhalten meines törichten Freundes entschuldige ich mich."
Aramans Geringschätzigkeit strahlte in hohen Wellen von seinem Körper aus und gerade, wo sich der Ausdruck in seinen Augen verhärtete und er einen abwertenden Kommentar nachsetzen wollte, schnitt eine weitere Stimme mit der Sanftheit einer frisch polierten Klinge durch die angespannte Situation: "Was ist hier los?"

Riddle stand am oberen Treppenabsatz; sein Buch aus Zauberkunst, das schon bessere Tage gesehen hat, klemmte geschäftig unter seinem Arm. Für einen Moment war sich Hermine nicht sicher, ob er schon die ganze Zeit dort gestanden, oder tatsächlich gerade erst zu ihnen aufgeschlossen hatte; die Dunkelheit des schmalen Aufgangs ummantelte ihn so stark, dass er praktisch mit seiner Umgebung verschmolz. Sie hatte Riddle, wie so oft, einfach nicht bemerkt.

"Ich bin mir sicher, dass er den Slytherins immer wieder einen Vorteil verschafft. Wegen ihm bekam ich eine Quidditchsperre, weil ich Ellen Cracknell helfen wollte. Sie wurde von Nott als Schlammblut bezeichnet und regelrecht von ihm bedroht. Ich schwöre bei Merlins Bart, der Kerl hat einfach weggesehen!", William hatte ihr gleich am Anfang seine Missgunst gegenüber Tom deutlich gemacht und jetzt, wo sie sich mittendrin befand, verstand sie auch warum. Kein Wunder also, dass Thoran und Lyail beherzt eingriffen, um Billy weitere Probleme mit den Slytherins zu ersparen; denn ganz offenbar saß Bill am kürzeren Hebel, wenn es um das Verteilen der Konsequenzen ging.

Araman und die Gryffindors lenkten ihre Aufmerksamkeit geschlossen auf den Schulsprecher, dessen unbewegte Mimik nicht verriet, wie er die Gesamtsituation bewertete. "Nichts, Tom", meldete Thoran mit der Ernsthaftigkeit eines Vertrauensschülers, der sich in der Pflicht sah, den Streit irgendwie aufzulösen und klopfte William dabei etwas härter wie notwendig gewesen wäre, auf den Rücken. "Nur eine lapidare Meinungsverschiedenheit… –"

" – Lestrange hat mich ein Schlammblut genannt."

Es sprudelte einfach aus Hermine heraus.

Vielleicht aus Selbstschutz, vielleicht, weil sie genug davon hatte.
Thoran entschied sich immerhin dazu, die Wahrheit herab zu spielen – "lapidare Meinungsverschiedenheit" nannte er das. Er wählte für sich den einfachen Weg, der zwar nicht verwerflich, jedoch moralisch irgendwie auch nicht in Ordnung war. Dennoch hat Araman gegen eine Regel verstoßen und sie dabei offen beleidigt; von der Provokation an William ganz zu schweigen. Mit einer einfachen Meinungsverschiedenheit hatte das nichts mehr zu tun.

Ihre braunen Augen huschten flüchtig von einem Gesicht zum nächsten. Thoran wirkte betroffen, William ausgesprochen wütend, Araman, Lupin, selbst Malfoy wichen ihrem forschenden Blick aus.

Tom sah sie hingegen an und zum ersten Mal, seit sie auf Hogwarts angekommen war, glaubte sie auf seinem im Halbdunkel versteckten Gesicht eine Regung unter der stoischen Gelassenheit wahrzunehmen. Sie konnte sich aber auch täuschen.
Noch bevor Araman, William oder ein anderer Schüler aus ihrem Perplex heraus etwas zu ihrer eigenen Verteidigung erwidern konnte, machte Hermine auf dem Absatz kehrt und eilte weiter in Richtung Foyer.

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"Hermine! Hermine, warte!", Diana klang sehr atemlos, wie sie laufend zu der Granger aufschloss und sie mit einer sanften Geste im Schritt stoppte. Hermine hatte gerade den Verwandlungshof überquert und sich wider ihrer strebsamen Natur dazu entschlossen den anstehenden Haushaltsunterricht durch weitaus sinnvollere Arbeit in der Bibliothek zu ersetzen; immerhin hatten die Siebtklässler etliche Hausaufgaben zu erledigen und Hermine wollte die Möglichkeit nutzen, in aller Ruhe über Ambrosios Karamanlis nachzulesen. Daher steuerte der Lockenschopf nun zielstrebig auf die Haupthalle zu, als Diana sie endlich einholte.

"Sport ist wirklich keine meiner Stärken", Morrison stützte sich flüchtig mit den Händen auf ihren Knien ab und rang sichtlich nach Fassung. Diana zugewandt bemerkte Hermine, dass ihre Klassenkameradin gemeinsam mit Lisa und Artemis gekommen war. Die Mädchen mussten ihr aus dem Astronomieflügel heraus gefolgt sein und bedachten Hermine nun mit einer herzlichen Fürsorglichkeit: "Geht es dir gut?", fragte Artemis.

Dem Lockenschopf fiel auf, dass die Gryffindors eine schützende Traube um sie bildeten.

"Ich fand das eben sehr mutig von dir; es war gut, dass du was gesagt hast. Besonders vor Riddle. Ich denke, dass er zu Dippet geht. Unser Schulleiter ist nämlich äußerst streng, was solches Verhalten angeht. Und der Dämpfer schadet Lestrange sicherlich nicht, er ist schon öfters mit seinen Ansichten unangenehm aufgefallen und gerade könnte so eine Meinung nicht unerwünschter auf den Gängen von Hogwarts sein."

Lisa und Diana nickten zustimmend, da fiel es der Brünetten wie Schuppen von den Augen, dass Artemis auf das grausame Geschehen mit der Kammer des Schreckens abzielte. Natürlich! Für diese Schüler war der Tod an Myrtle relativ frisch, eben so wie die Androhung die Schule für Hexerei und Zauberei schließen zu müssen.

Hagrid wurde seinerzeit erfolgreich von Riddle als Täter beschuldigt und Hogwarts somit angeblich gerettet. Für Diana und viele andere war Tom Riddle nicht einfach nur ein Held, er war schlicht und ergreifend der Beschützer der Muggelgeborenen und Halbblüter. Im Vergleich wirkte Williams Behauptung tatsächlich wie dummes Geschwätz; Hermine musste sich hart auf die Zunge beißen, um den Elefanten im Raum nicht auffliegen zu lassen.

"Danke, mir geht es gut", entgegnete sie stattdessen etwas matt. "Dort, wo ich herkomme, hatte ich öfters mit Menschen wie Lestrange zu tun, wisst ihr? Solche Ansichten kann man nicht ändern. Man kann nur versuchen, für sich selbst einzustehen und das Beste daraus zu machen. Das hat in meinen Augen aber nichts mit Mut zu tun."

"Trotzdem, Hermine. Du hast ja keine Ahnung –"

"Ihr Lieben, ich unterbreche unseren Plausch nur ungern", unterbrach Lisa mit einem drängenden Blick auf ihre Uhr, "aber wir sind inbegriffen zu spät zum Unterricht zu kommen."

Das scheuchte die Mädchen abrupt auf. Als sich Hermine ihren Mitschülerinnen in der Hektik nicht anschloss, brachte das die Mädchentraube für einen Moment sichtbar durcheinander. "Kommst du denn nicht mit?" – "Nein", entschied Hermine mit dem Anflug eines kühnen Lächelns. "Aus mir wird sowieso nie eine ehrerbietende Hausfrau. Wir sehen uns später!"

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Die Bibliothek von Hogwarts war ein gewaltiger Raum. Verzierungen aus Eibenholz täfelten ringsum die Wände in aufwendig gotischem Stil. Tische, Stühle, kleine Lesebühnen, ein Paar Wendeltreppen zu den Emporen hinauf in den nächsten Stock, ja sogar die Leitern an den Bücherregalen und wahrscheinlich die Regale selbst waren alle kunstvoll aus dem im schottischen Hochland beheimateten Holz gefertigt. Teppiche und Feuerstellen, also Kamine mit kuscheligen Sesseln, rundeten das Gesamtbild des Lesesaals ab, der in seiner Pracht beinahe an einen heiligen Ort aus längst vergangener Zeit erinnerte.

Vereinzelt fand man an den vielen Fenstern im oberen Stockwerk kunstvolles Buntglas, deren Farben sich unaufhaltsam wild wie durch ein Kaleidoskop an den spitz zulaufenden Säulen des Raumes brachen, sobald die Sonne schien.

Hermine liebte diesen Ort. Nicht nur, da er unglaubliches Wissen beherbergte und sie bei Fragen immer fündig geworden war. Sondern auch aufgrund seiner Gemütlichkeit, der Wärme und der Ruhe.

Aus diesem Grund hatte die Gryffindor ihr Lager in einem sehr versteckten Winkel im oberen Stockwerk aufgeschlagen, wo sie an einem der langen Tische auf dem letzten Platz saß und bereits eine geraume Weile konzentriert in einen Wälzer vertieft war, der ihr hoffentlich weitere Informationen über die Altgriechischen Zeitreise-Thesen lieferte.

Neben ihr lag ein kleiner Stapel aus Pergament, das die Gryffindor für ihre Notizen benutzte und eifrig vollgeschrieben hatte. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, glaubte sie nicht daran ein de facto Nobelpreis würdiges Thema wie das Reisen durch Zeit und Raum auch nur ansatzweise selbst lösen zu können.

Der einzige Strohhalm, an den sich die Brünette deshalb klammerte, war das bevor stehende Treffen mit Nicholas Flamel. Wenn ein geistreicher Mann wie der Alchemist keinen Anhaltspunkt würde liefern können, wusste Hermine nicht, was sie sonst tun sollte. Diesem Anflug von Panik wollte sie so lange wie möglich auf jeden Fall widerstehen. Nicht den Kopf verlieren war ihre Devise.

Eine Standuhr unweit ihrer Sitznische schlug halb sechs; vor den Fenstern war es herbstlich windig, düster und, wie für die Jahreszeit üblich, recht neblig. Die Hauselfen waren eifrig dabei das Schloss für Halloween zu schmücken und haben sich sogar die Mühe gemacht, kleine Ensemble aus schwebenden Kerzen und geschnitzten Kürbissen vereinzelt in der Bibliothek aufzustellen.

Wenn Halloween in den 1940er-Jahren nur annähernd so gefeiert wurde, wie zu ihrer Schulzeit, erwartete die Schüler ein üppiges Bankett mit Kürbissuppe, Kuchen, Pasteten, Butterbier und Süßigkeiten aus dem Honigtopf in Hogsmeade. Hermine war außerdem gespannt darauf, was Slughorn in den Kerkern plante und hoffte gleichwohl, dass die Zusammenkunft seines Clubs nicht allzu lange dauerte. Denn, war sie ehrlich zu sich selbst, hatte sie überhaupt keine Lust darauf – einmal abgesehen davon, dass es ihre Chance war den Alchemisten kennen zu lernen und ihre eigenen Pläne voran zu treiben.

Hermine streckte sich, unterdrückte ein Gähnen und stand von ihrem Lernfeld auf, das für Außenstehende eher einem Schlachtfeld aus Dutzend aufgeschlagenen Büchern glich.

Mit gezücktem Zauberstab klappte sie die Folianten zu und dirigierte die schweren Bände ohne allzu große Hast einen nach dem anderen mit einem geschickten Wingardium Leviosa zurück an ihre Plätze.

Sie befand sich mit dem letzten Buch gerade auf halber Höhe zwischen den Regalen, als sie die hoch gewachsene Statur Tom Riddles bemerkte, der inbegriffen war eine der Wendeltreppen am Ende der Empore hinauf zu schreiten.

Abgelenkt, mit einem Teil ihres Körpers unweigerlich im Fluchtmodus, begann der Foliant über ihrem Kopf zu zappeln und, ehe sie sich wieder darauf konzentrieren konnte, geräuschvoll auf die Tischplatte unterhalb des Bücherregals zu knallen.

"Pscht!", beschwerte sich links von ihr das Portrait eines alten Zauberers. Doch Hermine hörte es nicht; sie platzierte die Fibel mit einem neuerlichen, sehr fahrigen Wink ihres Zauberstabs an die zugehörige Stelle und eilte zwischen den Bücherregalen hindurch an ihren Platz zurück. Noch bevor sie dort ankam, war ihr klar, dass Riddle sie unlängst entdeckt und eingeholt hatte.

Bis die Gryffindor zu ihrem Studienplatz aufschloss, lehnte der Schulsprecher gelassen an dem langen Studientisch, ihre Notizen in seinen Händen. Hermine presste die Lippen zu einem festen Strich zusammen. Prinzipiell hatte sie nur haltlose Thesen notiert, auf die sie sich Antworten von Flamel erhoffte. Jeder Dummkopf, nicht zuletzt Tom selbst, hätte das herausfinden können. Trotzdem war ihr nicht wohl bei dem Gedanken, dass er diese Informationen interessiert studierte. Ein Voldemort, der durch die Zeit reisen konnte, glich ihrem persönlichen Alptraum. Die Katastrophe dahinter war schier unvorstellbar.

"Zugegeben, ein durchaus spannendes Thema", eröffnete Tom, indes er das Pergament säuberlich zusammen rollte und ihr überreichte. Hermine zögerte, bevor sie langsam danach griff, gerade so als erwartete sie krampfhaft eine unmittelbar kampfeslustige Bewegung des Slytherins. Dieser faltete allerdings nur seine filigranen Finger ineinander und schenkte ihr einen sehr langen, nachdenklichen Blick.

"Wir müssen reden, Hermine" Tom sah sich zu allen Seiten prüfend um, in der Bibliothek war es mittlerweile leer und bis auf das massive Ticken der Standuhr nahezu totenstill. Wahrscheinlich waren die meisten Schüler beim Abendessen, oder auf dem Weg dorthin. Den anderen Leuten aus ihrem Haus würde sicher auffallen, wenn der Lockenschopf nicht rechtzeitig käme, erneut – nicht wahr?

Riddle schob die Hände jetzt in die Taschen und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Er war für sein Alter wirklich ausgesprochen hoch gewachsen, ohne dabei schlaksig zu wirken.

"Ich zerbreche mir seit Tagen den Kopf darüber, wie wir am besten miteinander auskommen. Du hast meine Geduld sehr auf die Probe gestellt. Und nicht nur das, hast du mich vor einigen Mitschülern ziemlich blamiert… – " Hermines Augenbrauen schossen unweigerlich überrascht über ihre Stirn empor zum Haaransatz – "… – das zu billigen, fällt mir schwer."

Der Slytherin holte Luft und kam einen halben Schritt näher. Hermine rechnete sich derweil die Wahrscheinlichkeit aus, das Treppengeländer auf der anderen Seite des Stockwerks zu erreichen, wenn sie nur schnell genug sprintete. Sie war eine schlechte Läuferin.

"Das Problem ist, dass ich dich sehr außergewöhnlich finde. Mir ist in meiner Zeit hier auf Hogwarts keine Schülerin mit deinem Intellekt begegnet; mit dir im Unterricht zu debattieren ist erfrischend. Von deinem Wissen, das du praktisch mit dir herum trägst, einmal abgesehen, kann ich mir vorstellen, dass du sehr talentiert bist.

Gleichwohl gefällt es mir nicht, dass du Dinge über mich in Umlauf bringen könntest, die mein Ansehen gefährden; für mich steht hier viel auf dem Spiel. Also ja, dass ich mich im Zwiespalt mit dir befinde, ist noch höflich formuliert."

Die Granger biss sich auf die Unterlippe, aber Riddle ließ sie gar nicht zu Wort kommen, sondern fuhr unbeirrt fort: "Dennoch denke ich, dass wir nebeneinander existieren und um nicht zusagen voneinander profitieren können, wenn du mir wenigstens erklären würdest, weshalb du mich meidest wie der Teufel die Fliegen?"

Dass er den Nerv hatte zu fragen, war anmaßend. War das ein Test, um herauszufinden, wie gut sie über ihn Bescheid wusste?

"Myrtle Warren, Rubeus Hagrid, dein Vater… – such es dir aus", bot Hermine herausfordernd einige Opfer an, deren Leben von dem Waisenjungen konsequent zerstört worden waren. Er wollte darüber diskutieren? Bitte. Eine passendere Gegnerin würde der Schulsprecher nicht finden.

Wenn sie sich allerdings eine großartig emotionale Reaktion von Tom erwartete, wurde sie sogleich enttäuscht. Riddle knitterte nur verwundert die Augenbrauen, bis sie auf der Nasenwurzel miteinander kollidierten.

"… Du kennst Hagrid?", hakte der Slytherin verwundert nach.

"Rubeus Hagrid ist mein Freund… –"

"– Ha. Ausgerechnet. Ein ganz schöner Dummkopf, dieser Halbriese –"

"Du hast ihn missbraucht… –"

"Er versteckte eine Acromantula im Schloss! Was hätte ich denn tun sollen?"

"Das meine ich nicht. Und das weißt du genau, Riddle. Du hast Hagrids Leben für deine Zwecke zerstört. Dass er eine seltsame Faszination für gefährliche Kreaturen hat, ist mir klar. Und nein, glaube nicht, ich hätte es an deiner Stelle und als Vertrauensschülerin durchgehen lassen." Hermine sprach schnell, ihre Worte überschlugen sich fast. "Aber Hagrids Liebe für Tierwesen war für dich einfach nur ein Mittel zum Zweck, um deine eigene Haut zu retten, Riddle. Daran ist nichts heroisch, das ist einfach nur beschissen. Hagrid ist ein sehr gutherziger Mann!"

Tom starrte Hermine aus grauen Augen kalt an.

"Frage damit beantwortet?" Die Brünette verlagerte ihr Gewicht von einem Bein aufs nächste, bevor sie sich dazu entschloss, wagemutig fortzufahren: "Weißt du, Riddle… Du bist brillant. 12-Jährige Mädchen stehen daher total auf dich und mit deinem Talent könntest du es wahrscheinlich bis zum Zaubereiminister schaffen. Aber all deine Brillanz hilft dir nichts, wenn du sie für die falschen Ziele einsetzt. Du wunderst dich wirklich, warum ich nichts mit dir zu tun haben will? Dann wirf einen Blick in den Spiegel und hinterfrage deine Moral und was dir das Leben anderer Menschen wert ist!"

Der Schulsprecher senkte den Kopf und sagte eine geraume Weile nichts, so dass sich Hermine kurz wunderte, ob das Gespräch beendet war und ihm die Argumente ausgegangen waren. Wenn er zornig war, verbarg er es. Seine Stimme senkte er jeden Falls zu einem unglaublich rauen Flüstern, das es schwer machte ihn zu verstehen: "Du kennst nur einen Teil der Geschichte, Hermine."

Tom überbrückte die Distanz zwischen ihnen um zwei weitere Schritte und prüfte intensiv die verlassene Ecke der kleinen Bibliotheksnische, ehe er fortfuhr:

"An dem Tag, wo Hagrid von der Schule flog, hatte er ein zu Hause in das er zurückkehren konnte. Wäre ich… mutig genug… gewesen, einen sehr törichten Fehler zu gestehen", aus Toms Mund klang dieses Eingeständnis fürchterlich befremdlich, "hätte man mich postwendend nach London zurück geschickt… –"

"Ins Waisenhaus. Und in den Krieg", schloss Hermine schnell. Tom nickte stoisch.

"Hattest du Angst?"

"Hast du schon einmal erlebt wie es ist, nachts von Sirenen geweckt zu werden und um dein Leben bangen zu müssen? Damit zu rechnen, dass man dich zur Dienstpflicht einzieht und von dir verlangt einen Muggelkrieg zu kämpfen, mit dem du nichts zu tun haben willst?

Hattest du schon mal tagelang nichts zu essen, weil Versorgungsketten einbrachen? Mrs. Cole hätte mich sofort auf die Straße gesetzt. Viele Kinder, die jünger waren und weniger gut zurecht kamen, hatten zu dieser Zeit ihre Eltern verloren. Die Betten waren voll, die Mäuler leer. Die Kinder bei Alarm in den Keller zu evakuieren war eine Mammutaufgabe. Ganz abgesehen davon, dass der Keller niemals mit einem soliden Bunker mithalten kann, war es jedes Mal verdammtes Glück, wieder lebend heraus zu kommen. Kein sauberes Wasser, hungrige, schreiende Kinder…"

"Ich hatte immer das Gefühl, dass Dippet und die anderen Lehrer sich aus dem Krieg der Muggel heraus halten wollten; Dumbledore verstrickte sich ohnehin in einen bis heute anhaltenden Konflikt mit Gellert Grindelwald – du kannst dir vorstellen, dass hier niemand darauf Wert legte, ob der arme kleine Tom Angst vor Bomben hat."

Riddle hielt kurz inne, ehe er hinzufügte: "Die Vorfälle und der Tod von Miss Warren machten Hogwarts so unsicher, dass mein Antrag damals, im Sommer auf der Schule bleiben zu dürfen, von Dippet abgelehnt wurde… "

Tom erklärte sich nicht weiter, das musste er auch nicht. Hermine kannte den Rest: Dippet hatte aufgrund von Myrtles Tod erhebliche Probleme mit den Eltern und dem Zaubereiministerium.

Das machte Hogwarts zu einem absolut unsicheren Ort. Seltsam, fand der Lockenschopf, dass Riddle in seinem Tatendrang die Kammer des Schreckens zu öffnen nicht so weit vorausgedacht hat. Ihn in den Sommerferien nach London und somit in den Krieg zurück zu schicken, war für den Slytherin nicht nur eine Lehre, sondern vermutlich Bestrafung genug – das hatte fast etwas von brutaler, ausgleichender Gerechtigkeit.

Es war ebenso nachvollziehbar, dass er sich vor seinen Klassenkameraden nicht die Blöße geben und um Hilfe bitten wollte. Wer aus Slytherin würde einem Waisenjungen aus der Muggelwelt schon helfen wollen? Dass Tom versuchte sich auf Hogwarts eine neue Identität aufzubauen, konnte man verstehen, doch Hagrid ausbaden zu lassen, was Riddle angerichtet hatte, war schlicht nicht fair. Und auch Myrtles Tod, oder irgendein Tod, damit in keiner Weise entschuldigt.

"Bereust du es? – "

"Hermine? Hermine, bist du hier?", unterbrach sie plötzlich die offene Besorgnis von William Potter. Seine einsame Stimme untermauerte, wie leergefegt die Bibliothek mittlerweile war. Dass die Standuhr längst zur vollen Stunde geschlagen hatte, war der Zeitreisenden komplett entgangen.

Die beiden Schüler fuhren beim Klang von Williams Stimme wie vom Donner gerührt zusammen; Tom räusperte sich steif und legte an Hermine gewandt bittend einen langen Zeigefinger auf seine Lippen, ehe er recht elegant auf den Schuhen herum fuhr und zum Ende des Bücherregals schritt, um auf sich aufmerksam zu machen: "Miss Hawking ist hier, Potter."

William musste gerannt sein, denn er hatte alle Mühe vor der letzten Bücherwand abzubremsen. Die Fackeln über ihren Köpfen, die inzwischen loderten und die Bibliothek in unheimlich mystisches Licht tauchten, tanzten vor Aufregung.

Ein Mischung aus Verwirrung und Erleichterung standen Bill offen ins Gesicht geschrieben: "Oh, gut. Versuchst du sie wieder zu irgendetwas zu zwingen, oder warum bist du hier?", giftete der Gryffindor prompt zurück.

Aber zu Hermines Verwunderung lachte der Slytherin: "Mit Nichten, Potter. Ich habe Hermine lediglich darüber in Kenntnis gesetzt, dass Araman Lestrange für seine Aussage heute Nachmittag eine entsprechende Strafe ereilte.", entgegnete Tom aalglatt sein gut zurecht gelegtes Alibi, mit dem Hermine bis zuletzt bestimmt nicht gerechnet hatte. Sie hoffte, dass sie Bill gegenüber nicht allzu überrascht drein blickte.

"Sie soll sich hier auf Hogwarts immerhin sicher fühlen und Aramans Verhalten war absolut unangebracht; Schulleiter Dippet pflichtete dem anstandslos bei. Mir war es ein Anliegen, Hermine das persönlich auszurichten und mich für das Verhalten meines Hauskameraden zu entschuldigen. Ebenso wie für mein eigenes." Riddles Mundwinkel krümmten sich in ein Lächeln in Hermines Richtung, das seine Augen nicht erreichte.

Dann verringerte er mit weiten Schritten die Distanz zu seinem selbst ernannten Rivalen und klopfte Potter in einer freundschaftlichen Geste auf die Schulter: "Allerdings, Potter, habe ich Lestranges Einwand nicht überhört, dass du ihn zu dieser Aussage provoziert hast. Insofern sieht sich Schulleiter Dippet gezwungen, dir dafür eine Strafarbeit aufzugeben. Ich werde das also Professor Dumbledore melden müssen."

Riddle zog ein gefaltetes Pergament aus der Tasche und überreichte es dem Quidditchkapitän, der keine Ahnung hatte wohin mit seinen Emotionen. Auf der einen Seite schien er wirklich froh um die Strafe für Lestrange zu sein, auf der anderen Seite versuchte er zu verarbeiten, dass der Schulsprecher ihn dennoch nicht ungeschoren davon kommen ließ.

"Melde dich bitte bei deinem Hauslehrer, sobald er wieder an der Schule ist." An dem Gryffindor vorüberziehend, hielt Tom noch einmal inne: "Ach, und übrigens, Potter… Ich habe Hermine nie damit bedrängt, mich zu irgendetwas zu begleiten. Das würde mir nie einfallen… Unser Disput war anderer Natur und kann hoffentlich in Zukunft als geklärt betrachtet werden. Guten Abend."

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Später an dem Abend lag Hermine in ihrem Bett und starrte nachdenklich an die Decke. Sie versuchte sich in Riddle hinein zu versetzen, aber es gelang ihr nicht. Nicht wirklich jeden Falls; denn der Lockenschopf war sich nicht sicher ob es in Ordnung war ihre Erfahrungen aus dem Krieg ihrer Gegenwart – der ironischer Weise von Voldemort geführt wurde – mit dem Zweiten Weltkrieg gleichzusetzen und Tom somit seine Erfahrungen abzusprechen.

Der Zweite Weltkrieg war ein so furchtbares Ereignis der Geschichte, dass es für sich alleine stand. Außerdem war es nie fair ein Leid mit einem anderen Leid zu vergleichen.

Aber sorgte das Klima dieser Zeit dafür, dass er emotional so abgestumpft handelte? Dass es ihn nicht kümmerte, ob Menschen wegen ihm zu Schaden kamen? Sie hätte es interessiert, ob Riddle den Tod an Myrtle bereute und wenn ja, ob er es ihretwegen tat oder dabei nur an sich selbst dachte. Sie fragte sich, was er gefühlt haben mochte, als Myrtle starb und inwieweit er damit gerechnet hatte, dass das passierte.

Hermine seufzte lautlos und drehte sich auf die Seite. William wurde heute ebenfalls eines Besseren belehrt, seine Anschuldigung gegenüber Riddle war demnach hinfällig. Ob das schon ausreichte, um Bills Vertrauen zu gewinnen? Sie hoffte nicht; immerhin war William Potter ihr einziger Verbündeter, wenn es um Riddle ging. Nicht zuletzt musste der Quidditchkapitän trotzdem nachsitzen, was zugegeben keine falsche Entscheidung war.

Als ihre Lider schwer wurden, dröhnten in ihren Ohren die Sirenen aus London. Hermine dachte an den alten Obdachlosen mit den hellblauen Augen, der zwischen den Trümmern ihre Hand ergriff. Im nächsten Augenblick sah er aus wie Albus Dumbledore.

Er versicherte ihr, dass alles gut werden würde.

Dann war sie eingeschlafen.