Zweites Kapitel

„Zwischenfälle"

Aragorn saß zwischen Faramir und Gandalf und verfluchte sich selbst, dass er auch nur in Erwägung gezogen hatte, die einzelnen Vertreter der Völker würden eine gemeinsame Einigung finden, dass war ein Fehler gewesen, der sich nicht einmal mit seiner Müdigkeit entschuldigen ließ. Lautstark focht gerade der Fürst der Dunländer seinen Disput mit dem der Forodwaith aus und Aragorn lauschte dem Streit, der um ihn herum tobte.
Alles hatte ganz gut angefangen. Er hatte sämtliche Karten zusammengetragen und sie den Anwesenden vorgelegt, damit alle die Grenzen ihrer Reiche kannten und diese sicher festgelegt wurden, um Streitigkeiten und Besitzansprüche über Länder auch in Zukunft zu vermeiden. Erstaunlich schnell waren sich alle einig gewesen und selbst Gandalf hatte seine Hoffnung bekundet, dass der erste Verhandlungstag sicher schnell einen Abschluss finden würde. Doch die Einigung für einige Handelsrechte hatte dann zu heftigen Auseinandersetzungen geführt, die immer noch andauerten. Schließlich konnte Aragorn seinen Unmut nicht länger zurück halten.
"Meine Herren!", fing er an und fuhr dann lauter fort. "Meine Herren! Ich bin sicher, dass die Waren ihrer Länder sich nicht in Qualität und Menge sehr ähneln werden und schlage daher vor, dass beide Länder das Recht zum Handel mit Rohan und Gondor erhalten werden. Und jetzt denke ich, haben wir uns alle eine Pause verdient haben – heute Nachmittag treffen wir uns dann wieder hier."

Aragorn entfloh der stickigen Atmosphäre des Zelts, gefolgt von seinen Freunden, die es ebenfalls freudig begrüßt hatten, endlich diesen Streithähnen zu entkommen. Gemeinsam schlenderten sie in Richtung ihres Zeltplatzes, wo Êomer seinen Dienern bereits den Auftrag erteilt hatte, Erfrischungen für alle bereit zu halten.
Während sich die Hobbits gleich auf die Schüsseln mit Obst stürzten und Gimli mit Legolas debattierte, goss Aragorn sich lediglich einen Kelch mit Wein ein und setzte sich etwas abseits der kleinen Gemeinschaft auf einen Stuhl und ließ seine Gedanken zu den Ereignissen des Vormittags zurückkehren. Er wusste, er konnte nur hoffen, dass alles gut ging, aber er war immer noch davon überzeugt, dass sein Vorschlag, legale Grenzen und Gesetze festzulegen, der einzig richtige war.

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Der Nachmittag verlief ähnlich wie auch der Vormittag. Mal fand man schnell und problemlos eine Einigung, doch in einigen Punkten musste Aragorn die Anwesenden immer wieder zur Ruhe rufen und einige Einigungen wurden auf einen späteren Tag verschoben, wenn alle ausreichend Zeit gehabt hatten, über diesen Punkt nachzudenken.
Bei all diesen Aufregungen entging es Aragorn, dass Enarâto, der Fürst der Haradrim, ihn unentwegt musterte und während des gesamten Tages nicht aus den Augen ließ. Er hielt sich in allen Diskussionen weitgehend zurück und verhielt sich möglichst unauffällig.

Enarâto wollte soviel über den König in Erfahrung bringen, wie er nur konnte und ihn nun inmitten seiner Freunde beim Helkaannon beobachten zu können, hatte sich als äußerst glücklicher Zufall erwiesen.
Dieser Narr, schoss es ihm nun durch den Kopf. Warum ersparte er sich und ihnen nicht diese albernen Diskussionen und wertvolle Zeit, indem er von seiner Macht gebrauch machte und die Gesetzte für alle vorschrieb? Dann bräuchte er nur noch dafür zu sorgen, dass sie von den Völkern eingehalten wurden – notfalls mit Waffengewalt. Aber dazu besaß dieser König wohl nicht genug Stärke! Was war er nur für ein Herrscher, der nicht einmal in der Lage war, ohne Skrupel sein Schwert zu erheben?
Er würde wissen, wie er eine solche Macht, die dem König gegeben war, einzusetzen und zu gebrauchen hätte, aber leider war ihm dieser Umstand ja vergönnt – noch!
Ein breites Lächeln verzog seine Mundwinkel, als er jetzt den Blick über die ganze Gesellschaft schweifen ließ und an Pertathra, der Vertreterin der Variags, inne hielt. Die Herrscherin war mit einem Grossteil ihrer Leibgarde in Isengard eingetroffen, alles finster aussehende Krieger, die Enarâto sicher noch von Nutzen sein würden. Außerdem schien Pertathra offen gegen den König zu sein, denn sie äußerte ständig ihren Unmut zu den einzelnen Entwürfen der Gesetze und sprach sich gegen jeden Kompromiss aus, der ihrem Volk abverlangt wurde.
Enarâto wünschte sich, dass die Variag-Anführerin ihre Konflikte offen mit dem König austrug, ihre Äußerungen trugen dazu bei, dass auch die anderen Vertreter über die Nachteile einzelner Punkte nachdachten und an den Vorschlägen des Königs zweifelten. Ihre Uneinigkeit war sein Ziel und Pertathra würde als die Verursacherin dastehen. Jeder würde sofort sie und ihr Volk verdächtigen, wenn er und seine Tochter Tanfalas ihren Plan in die Tat umsetzen würden. Heute Abend würde einer seiner Männer damit anfangen, diesen zu beginnen. König Elessar würde sich noch wundern!
Enarâtos Grinsen wurde noch breiter. Es wurde immer besser...

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Etwa zur selben Zeit schlenderten Eowyn und Arwen mit Merry und Pippin über den Marktplatz. Es gab eine Menge Dinge zu bewundern und zu begutachten und den beiden Frauen machte es Spaß, den Händlern beim Feilschen zuzusehen. Merry und Pippin interessierten sich mehr für die Stände mit den verschiedenen Köstlichkeiten aus der Küche des jeweiligen Landes und zogen genüsslich die Vielzahl der Gerüche ein und schwärmten so lange, bis Eowyn ein Einsehen hatte.
"Lauft ruhig! Ihr hattet uns zwar angeboten, uns beim Tragen unserer Einkäufe zu helfen, aber das werden wir wohl auch alleine schaffen!"
Lachend sahen sie und Arwen den beiden Hobbits hinterher, die sogleich losstürmten.
"Vergesst aber nicht, noch etwas für den Zwerg und Frodo und Sam übrig zu lassen!", rief Arwen hinter ihnen her, doch schon waren sie in der Menge verschwunden.
Eowyn hakte sich bei Arwen unter und strebte mit ihr auf einen Stand zu, der die verschiedensten Schmiedearbeiten und Schmuckstücke anbot, jedoch nicht nur Waffen und Ketten, sondern auch kunstvoll gefertigte Federhalter, Tintenfässchen oder Kerzenständer.
Während Eowyn sich für einige Dolche und Messer interessierte, um einen für Faramir zu erwerben, entdeckte Arwen einen besonders schönen Federhalter, der mit feinen Einlegearbeiten verziert war. Sie konnte förmlich sehen, wie Aragorn damit seine Briefe verfasste und die Spitze in die Tinte tauchte und begann sofort, mit dem Händler um den Preis zu feilschen. Sie hatte gerade einen annehmbaren Preis ausgehandelt, als sie von hinten angerempelt wurde und ihr der Federhalter aus der Hand fiel. Sie stieß einen überraschten Schrei aus und drehte sich dann zornig um, als die erwartete Entschuldigung des Verursachers ausblieb.

"Wie ungeschickt!", vernahm sie eine scharfe, weibliche Stimme und musterte das hübsche Gesicht ihr gegenüber, dass einen unschuldigen Blick aufgelegt hatte. "Da bin ich doch wirklich gegen die Königin Gondors geschubst worden!"
Jedes Wort klang aufgesetzt und zynisch und es war offensichtlich, dass keine weitere Person in ihrer Nähe war, der die Schuld an diesem Zusammenstoß tragen konnte, doch Arwen behielt ihre Fassung und als sie dann zu sprechen begann, klang ihre Stimme süß wie Honig.
"Es hat ja keinen Schaden gegeben. Entschuldigung, aber wir hatten noch nicht die Ehre, miteinander bekannt gemacht worden zu sein."
Als Arwen der Frau selbstsicher die Hand zur Verbeugung darbot und sie abwartend ansah, stieg dieser die Röte ins Gesicht, um sie herum waren viele Anwesende auf die Situation aufmerksam geworden und warteten ebenfalls auf die angemessenen Würdigung der Königin von Gondor, sodass die Frau schließlich mürrisch in die Knie ging.
"Mein Name ist Tanfalas, Tochter des Enarâto der Haradrim, Herrin." Das letzte Wort presste sie förmlich über ihre Lippen, doch Arwen ergriff freundlich die Hand von Tanfalas und half ihr wieder auf die Füße.
"Richtet einen Gruß an euren Vater und eure Gefolgsleute aus und sagt ihm, ich würde mich freuen, ihn und auch euch, morgen bei den Rennen begrüßen zu dürfen."
Mit einem Nicken verabschiedete Arwen sich und drehte sich einfach um und ließ Tanfalas stehen, um den Federhalter entgegen zu nehmen, den der Händler nun für sie bereithielt.
Eowyn warf ihrer Freundin einen vielsagenden Blick von der Seite zu und konnte über die Art und Weise, wie Arwen der Situation Herr geworden war, nur lächeln.
Die Frau verharrte noch einen Moment hinter Eowyn und Arwen, fast so, als sei sie viel zu überrascht, dass die Königin sie einfach hatte stehen lassen, oder als wolle sie noch etwas entgegnen, doch dann wandte sie sich mit einem letzten eisigen Blick ab.
Als sich eilige Schritte hinter ihnen entfernten, drehte Arwen sich noch einmal zu der Frau herum und sah der schlanken Gestalt nach, deren langes, schwarzes Haar ihr offen über den Rücken viel. Irgend etwas an dieser Frau bereitete ihr Unbehagen, doch sie konnte nicht sagen, ob es nun an diesen kalten, eisblauen Augen gelegen hatte, die in so starken Kontrast mit ihrem dunklen Haar und der gebräunten Haut gestanden hatten, oder der Klang ihrer Stimme, der selbst ein Feuer zum Erkalten gebracht hätte.

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Ein violetter Himmel türmte sich düster über Isengard auf und erinnerte Aragorn an das Unheil, dass einst von diesem Ort ausgegangen war. Sicher würde es nicht mehr lange dauern, und der erlösende Regen würde die Hitze des Tages vertreiben.
Aragorn versuchte das Gefühl der Freiheit wieder einzufangen, dass er auf dem Ritt hierher empfunden hatte und in den wenigen Tagen in dem großen Lager schon wieder verloren hatte, Er konnte sich nicht erinnern, wann er von so vielen kritischen Augen auf Schritt und Tritt beobachtet und ihm so viel Aufmerksamkeit entgegen gebracht worden war. Jeder wollte die Gunst des Königs erhalten und umschmeichelte ihn mit überspitzter Höflichkeit und Schmeicheleien. Er konnte nicht einmal dorthin gehen, wohin er wollte; immer wurde er von jemandem aufgehalten oder es schloss sich eine aufdringliche Person einfach an und hinderte ihn am Nachdenken. Aragorn fühlte sich bedrückt und eingeengt und machte sich auf den Weg zum Fluss hinab.
Am Ufer blieb er stehen und betrachtete das Wasser, das in der hereinbrechenden Dunkelheit fast schwarz wirkte. Noch war der Mond nicht aufgegangen und das Sternenlicht schimmerte nur schwach zwischen den dichten Wolken hervor. Alles lag in einem Spiel aus dem spärlichen Licht und Schatten, den die Bäume und Felsen verursachten und unter das Rauschen des Flusses mischte sich das Rascheln der Blätter. Aragorn schauderte, als eine frische Brise aufkam und das Unwetter nun mit aller Deutlichkeit ankündigte, rieb sich die Hände und ärgerte sich darüber, seinen Umhang nicht mitgenommen zu haben. Sein dünnes weißes Hemd würde ihm nicht länger die nötige Wärme bieten können, dabei hatte er noch lange keine Lust, die mühsam erlangte Ruhe hier am Fluss aufzugeben.
Wieder schauderte Aragorn, als erneut Wind aufkam und seufzend wandte er sich um, um doch den Rückweg anzutreten.
Diese leichte Bewegung rettete ihm das Leben, denn einen Fingerbreit von seinen Rippen entfernt, zischte plötzlich ein Dolch durch die Luft und landete mit einem dumpfen Geräusch in den Fluten des Isen. Augenblicklich ließ sich Aragorn auf die Knie fallen, zog gleichzeitig einen Dolch aus dem Schaft seines Stiefels und suchte die Dunkelheit um ihn herum ab. Eine zweite Klinge zischte an ihm vorbei und verfehlte nur knapp seine Leiste und er verfluchte die Wahl seiner Kleidung. Das helle Hemd leuchtete selbst in dieser mondlosen Nacht noch meterweit.
Die nächste Deckung befand sich gut zwanzig Schritte von ihm entfernt und bot ihm die einzige Hoffnung, mit den dunklen Schatten zu verschmelzen. Aragorn wartete angespannt und verharrte regungslos, dann wagte er einen riskanten Sprung, rollte sich über die Schulter ab und landete auf den Füßen. So schnell er es vermochte lief er zu dem kleinen Felsen und verbarg sich dahinter – immer noch angestrengt lauschend. Sein Atem hatte sich von der Anstrengung beschleunigt und er spürte nicht einmal eine Spur von Kälte, satt dessen stand ihm nun der Schweiß auf der Stirn. Er wartete einen Moment und richtete sich dann langsam auf, immer bereit, sich sofort wieder fallen zu lassen, doch obwohl er jetzt ein leichtes Ziel abgab, blieben weitere Messer aus.
Er eilte nach weiterer Zeit zum Flussufer herab und suchte den Schlamm ab, doch er musste feststellen, dass keines der Messer mehr aufzufinden war, sie waren vom Wasser verschluckt worden.
Fluchend steckte er seinen eigenen Dolch in den Stiefel und kehrte zu den Zelten zurück, wohlwissend, dass Arwen sicher misstrauisch werden würde, angesichts des Schlamm, der sein Hemd und seine Beinlinge über und über bedeckte.
Als er in das Zelt trat, fand er Arwen schlafend neben der brennenden Lampe, immer noch ein Buch in der Hand. Sicher hatte sie auf ihn gewartet, doch der Schlaf hatte sie völlig überrascht – zu Aragorns Erleichterung. Lächelnd zog er ihr das Buch aus den Fingern und breitete die Decke über ihr aus. Es war besser so! Sie würde sich nur noch mehr sorgen, wenn sie von dem Vorfall am Fluss erfahren hätte. Er strich ihr eine Strähne ihres Haares zurück, stand dann auf und entledigte sich der verschmutzten Kleidungsstücke. Als er sich neben seine Frau legte, trat ein hartes Lächeln auf sein Gesicht. So, irgendjemand wollte ihn also warnen, dachte er. Die Messer hatten ihm zeigen sollen, dass jeder seiner Schritte überwacht wurden und er längst nicht so sicher war, wie er gedacht hatte. Sie wollten ihn nervös und misstrauisch machen und seine Pläne so ins wanken bringen, damit er sich doch seiner Macht bediente und die Vertreter der Völker gegen sich aufbrachte. Doch diesen Gefallen würde er niemandem tun. Wer auch immer sich hinter diesem feigen Vorfall verbarg – er würde es herausfinden!

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Tanfalas schritt wütend vor ihrem Vater auf und ab und schimpfte vor sich hin, während dieser die Wut seiner Tochter nur belächelte. Schließlich brachte er sie mit einer Handbewegung zum Schweigen.
"Reg dich nicht auf. Es wird noch alles zu deiner Zufriedenheit laufen. Ich habe dir König Elessar versprochen und du wirst ihn haben! Habe ich je ein Versprechen nicht gehalten? Aber wir müssen uns an unseren Plan halten, hast du verstanden? Es war äußerst dumm von dir, die Aufmerksamkeit dieser Elbe auf dich zu lenken – und somit auch auf mich!"
"Aber ..., ich kann es einfach nicht ertragen, wie sie herumstolziert und sich so selbstsicher gibt, als ob ihr niemand etwas anhaben könnte! Sie hat diesen Mann einfach nicht verdient, Vater!"
"Und er nicht diese Macht!", konterte Enarâto. "Aber wir müssen uns gedulden. Die Zeit wird für uns arbeiten – und die Variags ebenfalls! Pertathra kann ihren Unmut schon jetzt kaum zurück halten. Nur schade, dass es meinen Männern nicht gelungen ist, mit einem der Dolche ihr Ziel zu treffen! Elessar soll doch so bald wie möglich auf die Variags aufmerksam werden! Dann wird auch niemand Verdacht schöpfen, wenn..."
Ein Diener unterbrach Enarâto, der dem Mann einen erzürnten Blick zuwarf.
"Raus! Ich habe doch gesagt, dass wir nicht gestört werden wollen!"
Unter hastigen Entschuldigungen und tiefen Verbeugungen zog sich der Diener wieder zurück, wohlwissend, dass es besser war, seinem Herrn in dieser Verfassung nicht zu nahe zu kommen.
Tanfalas wartete, bis sich der Diener entfernt hatte und kniete sich dann mit einem gewinnenden Lächeln vor ihren Vater und stützte sich in seinen Schoß, wie sie es schon als kleines Kind immer getan hatte.
"Vater!", schmeichelte sie ihm mit zärtlicher Stimme. "Ich bin sicher, du hast schon eine andere Lösung für dieses Problem gefunden – oder etwa nicht?"
Enarâto sah seine Tochter mit einem zufriedenen Glitzern in den Augen an und musterte sie eine ganze Weile stumm.
Sie war wirklich eine Schönheit und vermochte es, diese auch so einzusetzen, dass sie bisher auch immer das erreicht hatte, was sie wollte, denn sie besaß auch die Listigkeit einer Schlange und einen scharfen Verstand. Wer, wenn nicht sie, hatte einen Mann mit des Königs Abstammung verdient? Außerdem hatte er ihr noch nie einen Wunsch abschlagen können.
"Gewiss mein Kind.", murmelte er Tanfalas zu. "Und die Königin hat uns sogar selber die besten Plätze verschafft, um uns das Schauspiel aus der Nähe ansehen zu können!"