Drittes Kapitel

„Das Rennen"

Frodo wurde von dem eifrigen hin und her Eilen seiner Freunde geweckt und richtete sich schlaftrunken und mürrisch über diese rüde Störung seiner Ruhe auf, blinzelte die letzte Müdigkeit aus seinen Augen und erblickte ein völliges Durcheinander vor sich.
Merry und Pippin hatten sämtliche Kleidungsstücke auf dem Boden des Zeltes verteilt und halfen sich gegenseitig in ihre Uniformen aus Rohan und Gondor, die sie zur Feier des Tages tragen wollten.
Frodo vernahm aus den Decken von Sams Lager ein ebenso unwilliges Murren, wie er es eben noch von sich gegeben hatte. Der Berg von Decken geriet ins Wanken und als erstes erschien der dunkelblonde Haarschopf seines Freundes, der im Moment eher dem Struppigen Fell eines Ponys glich, dann eine Hand, die schließlich die Decke zur Seite schob und Sams schlaftrunkenes Gesicht offenbarte.
"Was ist denn das für ein Lärm...?", knurrte er an Frodo gewandt und im gleichen Augenblick erklang das Scheppern von Pippins Schwert. Sam und Frodo zuckten gleichzeitig zusammen.
"Hat man mit euch denn nie seine Ruhe? Ihr wisst doch, dass wir gestern ewig bei der Versammlung gehockt haben und wir erst spät ins Bett gekommen sind!", schimpfte Sam.
Pippin versuchte ein entschuldigendes Lächeln.
"Es tut mir leid, aber wir wollen doch auf keinen Fall das Frühstück und den Beginn der Rennen verpassen! Êomer hat seine schnellsten Pferde mitgebracht, die ihm vielleicht einen guten Preis einbringen werden, wenn sie erst bei den Rennen bewiesen haben, was sie wert sind!"
Frodo zeigte für seine Vettern etwas mehr Verständnis. "Schon in Ordnung, Pippin. Ich hatte Gandalf ohnehin versprochen, ihn zu den Rennen zu begleiten!"
Er schwang seine Beine über den Rand des Bettes und reckte sich herzhaft, bevor er sich auch daran machte, sich zu waschen und anzukleiden.

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Zwischen dem Lagerplatz und der Unterbringung der Pferde standen dicht gedrängt eine Reihe von Bäumen, die den Tieren einerseits genügend Schatten spendeten, ihnen aber auch die nötige Ruhe vor den Rennen und dem täglichen Trubel im Lager schützten. Die Rennbahn an sich lag etwas abseits, oval und ihre Breite erlaubte es, dass etwa zwanzig Pferde pro Rennen teilnehmen konnten. Schon jetzt dröhnten die Hufschläge über den Platz herüber, hervorgerufen von einigen Reitern, die sich der Strecke schon vorab vertraut machen wollten. Es würde am heutigen Tag zwei Arten von Rennen stattfinden – die einen, die auf der offiziellen Strecke stattfanden und ausschließlich für das präsentieren der Tiere galt, die anschließend zum Verkauf standen; und jene, die für die Unterhaltung der Zuschauer veranstaltet wurden und an denen die besten Reiter mit ihren eigenen Pferden teilnehmen konnten. Für diese Rennen gab es kleine Preise und die Strecke wich von der Hauptstrecke ab, und forderte von den Reitern wirklich das höchste Maß an Geschick und Können.
Die Tribünen für die Zuschauer wiesen gen Süden und man konnte den größten Teil der beiden Rennstrecken von dort aus sehen. Stände waren überall aufgebaut, an denen man Speisen und Getränke erwerben konnte, überall wehten Fahnen im Wind und schon jetzt drängten sich eine Menge Menschen, Zwerge und Elben rund um den Rennplatz. Einige Kaufleute nahmen Wetten entgegen, um so noch den Nervenkitzel einiger Rennen zu erhöhen. Überall herrschte eine ausgelassene Stimmung und Aragorn sah darin die Bestätigung, dass die Völker gewillt waren, die Zeit des Helkaannon friedlich miteinander zu verbringen.
Aragorn schlenderte eine Zeitlang über die Sattelplätze, um die Konkurrenz für Êomers Pferde abzuschätzen, aber auch, um die Tiere und Reiter zu begutachten, die an den anderen Rennen teilnehmen würden. Schon bei der Planung des Helkaannon hatte er beschlossen, an einem der Rennen selber teilzunehmen, aus reinem Spaß und er freute sich schon jetzt darauf, Bregos Temperament freien Lauf lassen zu können.
Aragorn entdeckte schließlich Êomer, der gerade damit fertig war, eines seiner Tiere zu überprüfen und gesellte sich zu ihm.
"Dort hinten steht ein Pferd der Haradrim. Es ist das einzige, das es mit deinen Tieren aufnehmen könnte."
Êomer drehte sich zu Aragorn um und grinste ihn siegessicher an.
"Willst du etwa darauf wetten?", entgegnete er und tätschelte den Hals des Pferdes.
"So schnell sieht es nun auch wieder nicht aus!", lachte Aragorn und wandte dann den Kopf, als die Trompete zum ersten Rennen rief.
Êomer schwang sich in den Sattel und sah auf Aragorn herunter.
"Geh und stehe meiner Schwester bei! Sie hatte schon als Kind immer Angst, dass ich vom Pferd fallen könnte!"
Aragorn lachte noch lauter auf und nickte Êomer dann bestätigend zu, bevor er sich zu Eowyn und Arwen begab, die schon auf der Tribüne Platz genommen hatten.

Als er die Beiden erreichte, saß auch schon der Rest ihrer Freunde bei ihnen, nur Legolas konnte er nirgends entdecken, doch er brauchte nicht lange auf eine Erklärung zu warten. Gimli tat das ganz von selbst.
"Aragorn! Kannst du diesen Elben nicht wieder zur Vernunft bringen? Er will doch tatsächlich auf Arod an einem der Rennen teilnehmen! Ich habe mir die andere Strecke angesehen und es gibt da einige ganz besonders gefährliche Stellen! Er wird noch vom Pferd stürzen und sich den Hals brechen!"
Faramir legte dem Zwerg die Hand auf die Schulter.
"Gimli! Ich bezweifele, dass Legolas in seinem ganzen Leben jemals vom Pferd gestürzt ist!"
"Ja, ja. Halte nur zu ihm! Du bist ja genauso verrückt wie er und hast dein Pferd schon satteln lassen! Fehlt nur noch, dass Aragorn auf die gleiche dumme Idee kommt!"
Gimli sah Aragorn bei seinen Worten vielsagend an, geriet dann jedoch in noch mehr Aufregung, als dieser seinen Blick ruhig und mit einem Schulterzucken erwiderte. Gimli schnaubte.
"Ich gebe es auf! Ihr habt alle den Verstand verloren! Was meint ihr eigentlich, wozu wir Beine haben? Wenn ihr schon rennen wollt, dann tut das gefälligst selber! Ihr..."
"Scht...!", unterbrach ihn Eowyn. "Die Pferde sind für das erste Rennen bereit! Wir müssen Êomer die Daumen halten!"

Die Fahne senkte sich und sofort setzte sich Êomer mit seinem Hengst von den Verfolgern ab und übernahm die Führung. In der Mitte der Strecke schloss das Tier der Haradrim jedoch mit ihm auf und hielt sich dicht neben ihm, bis Êomer die Zügel noch weiter lockerte und somit dem Hengst jede Führung übergab und dieser seine Freiheit ausnutze. Mit zwei Kopflängen Vorsprung gelangte er als Erster ins Ziel.
Eowyn jubelte begeistert auf und schob sich an Faramir vorbei, um zu ihrem Bruder zu eilen und ihm zu seinem Sieg zu gratulieren. Die Hobbits folgten ihr, jedoch nicht, um sich ihr anzuschließen, denn sie hatten es erneut auf einen Stand mit frischen Waffeln abgesehen. Nur Frodo blieb bei Gandalf und war mit ihm in ein Gespräch vertieft.

Als sich die nächsten Reiter mit ihren Pferden zum Start begaben, kniff Gimli angestrengt die Brauen zusammen und entdeckte Legolas augenblicklich, der mit gestrafftem Rücken aufrecht im Sattel saß.
"Da ist ja dieser verrückte Elb!", schimpfte er wieder und begann dann, sich nervös auf der Unterlippe zu kauen. Aragorn und Arwen verkniffen sich ein Lachen, als sie die Anspannung des Zwergs bemerkten sobald sich die Fahne gesenkt hatte und die Pferde losstürmten.
Selbst auf diese Entfernung konnte Aragorn sehen, wie Legolas mit Arod förmlich zu verschmelzen schien und sich tief über den Hals seines Tieres beugte, gerade so weit, um nicht herunter zu fallen. Der Elb war so leicht, dass er kein Gewicht für den Hengst darstellte und schon nach der ersten Biegung hing er das Hauptfeld ab und flog über die Strecke. Mit ganzen Längen passierte er schließlich das Ziel und Gimli sprang jubelnd auf.
"Habt ihr das gesehen? Ich wusste ja gleich, dass niemand ihn schlagen würde, er ist ja auch der beste Reiter weit und breit und wehe, irgendjemand zweifelt daran!"
Jetzt konnte keiner der Freunde sein Lachen länger zurück halten, was Gimli sichtlich verwirrte.
"Was gibt es denn da zu lachen?", brummte er, doch er erhielt keine Erklärung und wandte sich wieder mürrisch ab.

Arwen nutzte die kurze Pause zwischen dem nächsten Rennen und legte Aragorn die Hand auf den Arm und erhielt sofort die gewünschte Aufmerksamkeit von ihm.
"Du bist gestern erst spät zurückgekommen, dabei wollte ich noch mit dir reden. Aragorn – musst du wirklich an diesem Rennen teilnehmen? Ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache!"
Aragorn umfasste zärtlich ihr Kinn.
"Ich dachte wenigstens du hättest Vertrauen in meine Reitkünste! Mach dir keine Gedanken, Arwen."
"Es ist ja nicht nur das Rennen, was mir Sorgen bereitet. Gestern habe ich die Bekanntschaft von Enarâtos Tochter gemacht und irgendetwas stimmt nicht mit dieser Frau! Ich traue ihr und ihrem Vater nicht! Die Beiden..."
Weiter kam sie nicht, denn genau in diesem Moment näherte sich der Herrscher der Haradrim mit seiner Tochter und Arwen unterdrückte einen Fluch. Sie war nicht einmal dazu gekommen, Aragorn von ihrer Einladung zu berichten!
Dieser zog nun auch überrascht die Augenbrauen in ihre Richtung hoch, wandte sich jedoch dann mit einem gewinnenden Lächeln den Gästen zu und begrüßte erst Enarâto und dann die Frau an seiner Seite.
"Ihr hättet mich vorwarnen sollen, Enarâto. Ich wusste nicht, dass ihr eine so hübsche Tochter habt. Ich freue mich, eure Bekanntschaft zu machen."
Er stand Tanfalas Auge in Auge gegenüber und ohne eine sichtbare Erklärung lief ihm ein kalter Schauer den Rücken herunter als er ihre Hand ergriff und sich höflich verneigte. Aragorn merkte, wie sich Arwen hinter ihm anspannte und konnte sich ein verschmitztes Lächeln nicht verkneifen, als er sich wieder zu ihr umwandte. Hätte er es nicht besser gewusst, so hätte er fast vermutet, dass er Eifersucht in ihren Augen lesen konnte. Er zog Arwen deshalb näher zu sich heran, drückte sie kurz an sich und erklärte dann:
"Meine Liebe, ich muss dich jetzt leider mit unseren Gästen alleine lassen. Das Rennen an dem ich teilnehme beginnt gleich und ich muss noch nach Brego sehen."
"Aber Herr!", vernahm er nun zu seiner Überraschung Tanfalas Stimme neben sich. "Ihr wollt doch nicht etwa an dem Rennen durch die Schlucht teilnehmen? Ist das nicht viel zu Gefährlich?", fragte sie mit gespielter Unschuld.
Arwen suchte nun ganz entschieden Aragorns Blick, als dieser sich sichtlich ertappt fühlte. Eigentlich hatte er Arwen nichts davon sagen wollen, dass er sich ausgerechnet für dieses Rennen entschieden hatte, doch nun sah er sich der Tatsache gegenüber ihr eine Erklärung abgeben zu müssen, doch er wurde von Gimli erlöst, der bei dieser Neuigkeit gleich explodierte.
"Bist du denn vollkommen verrückt?", entfuhr es ihm. "Es liegen ganze Längen auf der Strecke, auf denen niemand ein Auge auf dich haben kann! Wundervolle Aussichten!", seine Stimme war der reinste Hohn, doch Aragorn ließ sich nicht von seinem Entschluss abbringen.
"Ich reite – und damit Schluss! Ich bin kein kleines Kind mehr und weiß selber, was ich mir zutrauen kann und was nicht! Und jetzt entschuldigt mich!"
Mürrisch verabschiedete er sich noch einmal von den Gästen und drückte Arwen einen flüchtigen Kuss auf die Stirn, bevor er sich von der Tribüne entfernte, begleitet von Arwens sorgenvollen Blicken. Sie konnte ihn zwar auch ein wenig verstehen, aber dennoch machte sie sich ebenso ihre Gedanken, was die Sicherheit ihres Mannes betraf.
Hätte sie in diesem Augenblick Enarâtos Blick sehen können, den er Aragorn hinterher warf, so wäre sie sicher ohne zu zögern hinter ihm her gelaufen und hätte ihn, wenn nötig, mit Gewalt von seinem Vorhaben abgehalten...

Aragorn schnaubte noch immer, als er sich den Sattelplätzen näherte, doch ihm gingen auch die Ereignisse des letzten Abends durch den Kopf. Sicherlich war es auch etwas leichtsinnig an dem Rennen teilzunehmen, doch er wollte sich auf keinen Fall einschüchtern lassen – wer auch immer hinter dem versteckten Angriff am Fluss steckte! Niemand würde es wagen, ihn offen anzugreifen, nicht bei dieser Vielzahl von Zeugen, die sich auf dem Rennplatz, den Tribünen und auf der Rennstrecke befanden.
Als sich Aragorn seinen Stallungen näherte, eilten auch schon Bergil und der Knecht auf ihn zu und versorgten ihn mit einer Fülle von Informationen. Die Bahn war leicht, bis der Anstieg auf die Klippen begann, denn dort wurde sie felsig und gefährlich, sowohl auf dem Weg nach oben und besonders wieder hinab.
"Achtet auf die Hengste der Ostlinge, Herr!" belehrte ihn sein Knecht. "Sie sind für Schlachten ausgebildet und dazu ausgebildet, ihre Zähne in alles zu schlagen, was in ihre Reichweite gelangt! Außerdem solltet ihr Brego vor den Hindernissen ein wenig zügeln. Ihr wisst, er gibt alles für euch und würde von den Sprüngen nicht mehr viel Kraft zurückbehalten – schont ihn!"
"Ich werde daran denken.", nickte Aragorn ihm dankbar zu und betrat den Sattelplatz, wo Brego bereits fertig stand und auf ihn wartete. Spielerisch stieß er Aragorn mit der Nase an, als dieser die Zügel ergriff und seinen Hals tätschelte und der König lachte.
"Wir werden gewinnen, was mein Alter?", flüsterte er und rieb die Blässe des Hengstes. "Wir werden sie alle schlagen!"
Bregos große, dunkle Augen schlossen sich langsam, fast so, als würden sie zwinkern und wieder lachte Aragorn, stieg auf und ergriff die Zügel fester.

Das erste Signal erklang und Aragorn gab dem Knecht noch ein Zeichen und lenkte Brego dann zum Start. Sein Hemd klebte in der Hitze des Nachmittags an seinem Rückrat und er sagte sich, dass er nicht doch nervös wäre. Nie zuvor war er ein solches Rennen geritten und nun bereiteten ihm die Ereignisse vom Vorabend doch etwas Sorge, doch zum Narren würde er sich jetzt nicht machen und im letzten Augenblick seine Teilnahme zurückziehen.
Er blickte auf die Tribüne hinauf, konnte Arwen aber nicht unter der Menge ausmachen. Vielleicht war das auch besser so.

Diese vermochte sehr wohl ihn zu sehen und es kostete sie all ihre Kraft, die mühsam bewarte Haltung nicht zu verlieren, vor allem in Anwesenheit des Herrn der Haradrim und seiner Tochter. Was glaubte dieser Verrückte eigentlich, was er da tat, schoss es ihr durch den Kopf und sie wechselte einen besorgten Blick mit Gandalf.
Aufgeregte Zuschauer drängten sich an den Zäunen, als die gelbe Flagge gesenkt wurde und Arwen hielt den Atem an, als die Pferde vorüberdonnerten und sie kniff die Augen zusammen, um in der Staubwolke einen letzten Blick auf Aragorn zu erhaschen, eher die Reiter hinter einem Hügel verschwanden.

Aragorn schmiegte sich ganz eng an Bregos Nacken, als sie dem Wald näher kamen und er spürte den schnellen Atem des Hengstes, ebenso wie seinen eigenen. Sie ritten in den Wald und Aragorn fluchte, als die ersten tief hängenden Äste sie streiften und ein scharfer Zweig seine Schulter ritzte. Um ihn herum erklangen Warnschreie und Rufe und er konnte Brego gerade noch um einen kleinen Felsen herum lenken und dankte den Valar, für die gute Ausbildung, die sein Tier in Rohan erhalten hatte und ihm flinke Hufe und einen schnelleren Geist verliehen hatten als den meisten anderen Pferden.
Sie ließen den Wald hinter sich und wandten sich den steilen Hang zu, der in der Nähe der Klippen gipfelte und er richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf den Weg und auf das Pferd neben sich, dass ihm kaum genug Platz ließ, um die nächste Kurve zu nehmen. Brego legte die Ohren an, dass andere Pferd stolperte leicht und Aragorn nutzte die Gelegenheit und trieb Brego an ihrem Gegner vorbei. Noch einige Reiter waren vor ihnen und jeder einzelne war zuviel, fand Aragorn, und Brego teilte diese Auffassung scheinbar. Der Hengst, der niemals einem anderen den Vortritt lassen wollte, jagte hinter den anderen her und Aragorn presste seine Wange an Bregos Hals. Wieder zerfetzten Zweige sein Hemd und er klammerte sich noch fester an den Hals seines Tieres.

Aus dem Nichts tauchte plötzlich ein Reiter auf und näherte sich Aragorn von rechts und Aragorn fand kaum die Zeit, darüber nachzudenken, woher dieser so plötzlich aufgetaucht war. Er erkannte die Farben der Variags und das Gesicht, das ihn böse angrinste, wies die braune Haut und die dunklen Augen dieses Volkes auf. Einen Augenblick erstarrte Aragorn vor Schreck, aber dann fing er sich und trieb Brego noch einmal an, als sie auf die freie Ebene galoppierten. Der Variag ließ sich jedoch nicht so leicht abhängen und im nächsten Moment prallten die beiden Tiere leicht zusammen.
Aragorn hatte sich jedoch auf einen Angriff vorbereitet und obwohl es riskant war, löste er seinen Griff um die Zügel und versuchte einen Schlag gegen seinen Angreifer und dieser schwankte. Doch dieser fing sich wieder und hielt zu Aragorns Überraschung plötzlich eine Peitsche in der Hand und hieb damit auf seinen ohnehin schon zerkratzten Rücken ein.
Aragorns Rücken brannte vor Schmerz und er wandte den Kopf gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie ein Messer in der Hand des Variags aufblitzte. Aragorn konnte nicht glauben, dass der Mann einen Wurf vom Pferd aus auf ein sich bewegendes Ziel wagen würde – wurde aber eines Besseren belehrt, als die Klinge nur um Haaresbreite an ihm vorbeizischte.
Brego wurde noch schneller und Aragorn schickte ein Dankgebet an die Valar, dass Brego vor der blitzenden Klinge nicht scheute, die von den Steinen vor ihm abprallte.
Aragorn sah seine einzige Chance darin, den Variag so schnell wie möglich hinter sich zu lassen bevor das nächste Messer sein Ziel treffen würde und überließ Brego seinen freien Willen, indem er die Zügel nun vollends lockerte und sich nur noch an dem Hengst fest klammerte.
Brego wollte lediglich die letzten vier Pferde vor sich hinter sich lassen und nahm Aragorns Aufforderung sofort an und beschleunigte seinen Galopp. Erst im letzten Moment fiel Aragorn die Warnung seines Knechtes wieder ein und er zügelte den Hengst leicht, als das erste Hindernis in ihr Blickfeld geriet. Brego reagierte auf den leichten Druck mit Händen und Knien und nahm das Hindernis mit präziser Eleganz – ganz im Gegensatz zu seinem Verfolger und Aragorn wagte während des zweiten Sprungs einen Blick zurück, als er einen entsetzen Schrei vernahm und gerade noch sah, wie das Tier hinter ihm stürzte.
Als Bregos Hufe jedoch im Staub aufkamen, wurde Aragorn schwindelig und er schüttelte den Kopf, seine Kehle war voller Staub und er zog verzweifelt die Luft ein. Einen Augenblick sah er nichts, doch dann legte sich der Staub um ihn herum und gab auch seinen Atem wieder frei.
Aragorn kam an einem schon müden Pferd der Ostlinge vorbei und auf einmal fuhr der Kopf des Tieres herum und versuchte, in Aragorns Schenkel zu beißen. Brego legte erneut die Ohren an und Aragorn musste seine ganze Geschicklichkeit aufbieten, um die beiden Pferde daran zu hindern, auf der Stelle zu kämpfen. Brego unterwarf sich Aragorns Befehl und rannte und zeigte seine Abstammung und Herkunft, als er auch das letzte Tier vor sich überholte und um eine halbe Länge Vorsprung ins Ziel ging.

Arwen hatte mit bangem Herzen immer wieder versucht, einen Blick auf Aragorn zu erhaschen, sobald die Reiter in Abständen in das Blickfeld der Zuschauer gerieten und ihr Elbenblick hatte ihr keinesfalls diesen Wunsch verwährt. Als der Variag ebenfalls in ihr Blickfeld geraten war, war sie bei seinem Peitschenhieb ebenfalls zusammengezuckt und hatte sich an Eowyn geklammert, die an ihre Seite zurückgekehrt war. Eowyn hörte Arwen aufschreien, als der Verfolger über das Hindernis stürzte und der Staub den Blick auf Aragorn verwährte und war umgehend ebenso angespannt und alarmiert wie ihre Freundin. Hier stimmte etwas ganz und gar nicht und sofort, als sich die Zielflagge gesenkt hatte, fasste sie Arwen an der Hand und zog sie hinter sich her zu den Sattelplätzen.

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Enarâto hätte vor Wut fluchen können, als er Aragorn erblickte, wie er sein Pferd durch das Ziel lenkte und dann sofort zu den Stallungen ritt. Wieder war es dem König gelungen, dem Anschlag zu entgehen – ganz im Gegensatz zu diesem Variag, den Enarâto zu diesem Zweck gekauft hatte. Tanfalas beugte sich zu ihrem Vater herüber und flüsterte ihm leise ins Ohr.
"Wenigstens vermutet er jetzt, dass die Variags hinter dem Anschlägen stecken – scheinbar!"
Ihr Lächeln war so ansteckend, dass Enarâto es nur erwidern konnte.
Da hatte sie auch wieder Recht!

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Als die Frauen, gefolgt von Gandalf und den übrigen Freunden den Sattelplatz erreichten, stieg Aragorn gerade von Brego ab und ignorierte alle, während er den Staubbedeckten Hengst herumführte, sanft mit ihm sprach und ihm liebevoll Nacken und Flanken abrieb. Sein Knecht eilte herbei, tätschelte Brego ebenfalls stolz und führte ihn dann für die dringend benötigte Rast davon.
Arwens Gesicht lag im Widerstreit mit Wut und Sorge, als Aragorn nun auf sie zu kam, leicht schwankte, sich aber dann mit einem erschöpften Lächeln an die Planken des Gatters lehnte. Sein Hemd war ganz und gar zerfetzt und entblößten so die blutigen Kratzer auf seinem Rücken, im Gesicht und an den Armen, weit schlimmer, als sie es vermutet hatte. Sie wollte ihn am Liebsten wegen seiner Dummheit schelten und ihn dann so fest in die Arme nehmen, dass es ihm den Atem verschlug, doch Eowyn kam ihr zuvor.
"Hast du eigentlich völlig den Verstand verloren? Wenn du dich sehen könntest! Deine Kleidung ist hin und du bist so zerkratzt, dass man dein rohes Fleisch sieht! Außerdem bin ich sicher, dass du hinkst – du Idiot! Geh' und lass dir von Faramir die Wunden auswaschen, sonst weiß ich nicht, wie viele sich davon entzünden werden!", schimpfte sie im scharfen Ton.
Aragorn jedoch hatte nur Augen für Arwen, die ihn nun stumm in die Arme schloss und kurz an sich drückte, so fest, dass Aragorn das Gesicht verzog, so schmerzten ihn seine Schnitte und Prellungen.
"Ich habe gesehen, dass der Reiter dich angegriffen hat.", flüsterte sie dann.
"Es war einer vom Volk der Variag.", entgegnete Aragorn, was Arwens Wangen weiß färbte.
"Er hat während des Rennens versucht, mich aus dem Sattel zu stoßen."
"Was?", entfuhr es Legolas und selbst Gandalf zog geräuschvoll die Luft ein.
Aragorn zögerte einen Moment, doch dann entschied er, dass es besser war, nun auch die ganze Gesichte zu erzählen, angefangen mit dem Angriff am Fluss.
"Warum hast du niemandem davon erzählt?", fragte Gandalf ruhig, sichtlich darum bemüht, die Fassung zu waren.
"Was hätte ich denn deiner Meinung nach tun sollen? Alle in helle Aufregung versetzen solange ich nicht wusste, wer überhaupt dahinter steckte? Ich wollte nicht, dass Arwen sich noch mehr sorgt – oder ihr!", erklärte er in Richtung seiner Freunde. "Und jetzt will ich mit dem Mann reden!"
"Das ist leider nicht möglich, Aragorn! Er ist tot! Er hat sich bei dem Sturz das Genick gebrochen."
Nach Faramirs Worten schwieg Aragorn, doch Gimli machte seinem Ärger Luft.
"Worauf warten wir dann noch? Legolas, lass uns diese Pertathra schnappen! Bin gespannt, wie sie sich da wieder herausreden will!"
"Ich bezweifele, dass sie hinter dem Angriff steckt, Gimli!", versuchte Aragorn den Zwerg zu beruhigen. "Sie ist viel zu klug, um einen solch plumpen Versuch zu unternehmen. Sie wäre mit mehr Verstand an die Sache herangegangen."
Gimli wollte schon etwas auf Aragorns Äußerung entgegnen, als dieser erneut schwankte und sich gegen Arwen lehnte. Sofort stützten Faramir und Legolas ihn und griffen ihm unter die Arme.
"Heute unternimmt niemand mehr irgendetwas! Komm Legolas, hilf mir, seine Wunden zu versorgen und dann sollte er sich hinlegen."
Aragorn unternahm nicht einmal einen Versuch zu protestieren und ließ sich bereitwillig von den Beiden in Richtung der Zelte führen. Die Versorgung der Schnitte ließ er tapfer über sich ergehen, begleitet von Arwens vorwurfsvollen Blicken und er schlief schon fast, als er zwischen die Laken seines Bettes glitt, nach einer Position suchte, die ihm trotz der Wunden an Schulter und Rücken keine Schmerzen bereitete und erschöpft die Augen schloss.
Faramir und Legolas zogen sich zurück und ließen Arwen mit Aragorn alleine – vorerst wurden sie hier nicht mehr gebraucht.