Viertes Kapitel

„Vermutungen"

Trotz des herrlichen Wetters, das noch am Vortag geherrscht hatte, goss es bei Anbruch des Tages in Strömen, sodass fast jedermann bis zum Nachmittag in seinem Zelt blieb. Aragorn erwachte mit dem ersten Donnerschlag, hörte den Regen und rollte sich herum, um weiterzuschlafen, zuckte aber augenblicklich zusammen, als er sich gedankenverloren auf den Rücken legen wollte.
Umgehend erschien Arwens Gesicht über seinem und sah mit einem nicht zu deutendem Ausdruck auf ihn herab, vergewisserte sich stumm, dass es ihm doch gut ging und machte endlich ihrem Ärger Luft, der sich seid dem Rennen in ihr aufgestaut hatte.
"Selbst Schuld wenn du Schmerzen hast! Wie konntest du nur so leichtsinnig sein? Vor allem, nachdem du wusstest, dass dir irgendjemand auflauert und dich aus dem Weg haben will? Du hättest wenigstens mir von dem Angriff am Fluss berichten können!"
"Arwen!" Aragorn richtete sich nun ebenfalls auf und ergriff ihre Hände. "Ich wollte dich nicht beunruhigen – außerdem hast du schon geschlafen, als ich wieder zurückkam. Ich habe dich noch nie wecken können ...wo du doch so hübsch beim Schlafen aussiehst!"
"Deine Schmeicheleien kannst du dir sparen! Du kannst froh sein, dass du überhaupt noch Gelegenheit bekommst, sie hervorzubringen! Sieh dir an, was Legolas auf der Rennstrecke gefunden hat."
Damit reichte sie Aragorn einen Dolch, den er sofort als das Messer erkannte, dass der Variag nach ihm geworfen hatte. Die Klinge war spitz und mehr für einen Stoß oder Wurf geeignet, anstatt damit eine Schnittwunde zuzufügen, dazu waren die Seiten viel zu stumpf. Er mochte sich gar nicht vorstellen, welche Verletzungen ein gezielter Wurf verursacht hätte.
Entschlossen schlug er die Decke zurück und stand auf, packte ohne eine Erklärung seine Kleidung und zog diese im Gehen über.
"Was hast du nun schon wieder vor?", rief Arwen hinter ihm her.
"Ich werde nach Gandalf, Legolas, Faramir und Êomer schicken und mich mit ihnen beraten, was und wie wir in dieser Sache weiter vorgehen werden. Gimli hatte Recht, vielleicht sollte wirklich jemand mit Pertathra reden."
Seufzend ließ Arwen sich in die Kissen zurück sinken.
"Und du hältst dich für denjenigen, der das tun sollte.", schimpfte sie leise hinter ihm her.

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Weder Faramir und Êomer, noch Gandalf nahmen die Gestalt wahr, die sich hinter der Gruppe junger Bäume im Regen verbarg und sich, gehüllt in einen dunklen Umhang, perfekt der tristen Umgebung anpasste. Ein zufriedenes Lächeln trat auf ihr Gesicht, als sich auch einige Zeit später Pertathra mit einer Gruppe ihrer Männer dem Zelt des Königs näherte und nach der Ankündigung des Wachmannes, der seid dem gestrigen Tag vor dem Eingang Posten bezogen hatte, eingelassen wurde.
Die Gestalt wartete noch eine Weile, bis sie sich sicher war, dass auch niemand sich in der Nähe aufhielt, bevor sie aus ihrem Versteck löste und durch den Regen wieder zu den übrigen Zelten rannte.

Legolas war gerade auf dem Weg zu Aragorns Zelt, nachdem ihn die Nachricht seines Freundes erreicht hatte, als sein feines Gehör, trotz des prasselnden Regens, sich nähernde Schritte vernahm. Aus reinem Instinkt heraus verbarg er sich hinter einem der Zelte und drückte sich so dicht es ging an die Stoffbahnen. Er hörte die näher kommenden Schritte und schließlich geriet der Verursacher in sein Blickfeld. Die Gestalt hatte die Kapuze zum Schutz vor dem Regen tief ins Gesicht gezogen und machte es unmöglich, auch nur die groben Züge zu erkennen, aber Legolas erfasste sofort die schlanke und zierliche Statur, die es offensichtlich machte, dass es sich um eine Frau handeln musste.
Legolas zögerte einen Moment, hin und her gerissen zwischen dem Drang, der Person zu folgen, um herauszufinden, um wen es sich handelte und der Bitte von Aragorn, ihn beim Verhör von Pertathra zur Seite zu sein. Nach reiflicher Überlegung setzte er seinen Weg zu den Zelten fort, doch seine Gedanken kreisten immer noch um die Frau.
Was hatte sie hier an Aragorns Lager zu suchen gehabt – noch dazu bei diesem Wetter, bei dem alle anderen sich in ihren Zelten verkrochen?
Gerade nach den Ereignissen in den letzten Tagen beunruhigte ihn diese Tatsache nur noch mehr und er nahm sich vor, Aragorn von jetzt an nicht mehr aus den Augen zu lassen, ob es diesem nun gefiel oder nicht.

Als Legolas in das dämmrige Licht des Zeltes trat, das nur durch den Schein der Fackeln erhellt wurde, spürte er gleich die angespannte Atmosphäre die zwischen seinen Freunden und der Gruppe der Variags herrschte.
Aragorn saß hinter seinem Arbeitstisch, ihm gegenüber Pertathra und um sie herum saßen die übrigen Anwesenden und alle starrten auf den Dolch, der vor Aragorn auf dem Pult lag. Er erhielt im Schein des Feuers fast ein Eigenleben, so glitzerte und funkelte er und Pertathra konnte nicht den Blick von ihm abwenden. Aragorn jedoch sah die Frau unverwandt an, so als ob er in ihrem Gesicht auch nur den leisesten Hinweis darauf finden konnte, der ihm weiterhelfen konnte.
Gandalf begann schließlich mit Ruhe und Bedacht zu sprechen.
"Ihr stimmt uns doch zu, dass diese Art der Klinge ausschließlich von eurem Volk benutzt wird und auch an der Zugehörigkeit des Toten zu eurem Gefolge besteht wohl nicht der geringste Zweifel, Herrin. Versteht uns nicht falsch, aber wir sind sicher, dass auch ihr ein großes Interesse daran hegt, Licht in diese Angelegenheit zu bringen. Niemand beschuldigt euch, die Schuld an diesem Vorfall zu tragen."
Pertathra straffte bei Gandalfs Worten den Rücken und ihre Männer traten bei dieser Geste einen Schritt näher an sie heran.
"König Elessar – ich habe meine Kriege und Schlachten immer ausschließlich offen und ehrlich geführt und niemals einen so feigen und hinterhältigen Anschlag ausgeübt, wie er euch nun getroffen hat. In den Zeiten des beginnenden Friedens habe ich bei den Versammlungen stets den wörtlichen Kampf gegen euch geführt. Wenn ich auch nicht immer zu Kompromissen bereit bin, so hege ich nicht den geringsten Groll gegen euch oder euer Volk, noch gegen eure Freunde. Ich bedaure, dass einer meiner Männer das anders gesehen hat, habe aber nicht die geringste Erklärung für sein Verhalten. Weiter habe ich dazu nichts mehr zu sagen – deshalb entschuldigt uns jetzt bitte."
Sie erhob sich, verneigte sich gerade so tief, dass es nicht unhöflich erschien und warf Aragorn noch einen kalten Blick zu, bevor sie sich mit ihren Männern in Bewegung setzte.

Aragorn stieß einen Seufzer aus, als die Stoffbahnen hinter dem Letzten der Variags wieder zusammentrafen und stützte seinen Kopf in die Hände.
"Das war wohl nicht sehr geschickt von uns! Sie wird jetzt noch offener ihre Unzufriedenheit gegen uns einsetzen und gebracht hat es uns auch nichts. Wir wissen immer noch nicht, wer den Variag auf dich gehetzt hat." Êomer sah auf Aragorn herunter, der sich nun mit beiden Händen durchs Haar fuhr.
"Uns bleiben nur drei Möglichkeiten!", entgegnete er dann. "Entweder, der Mann hat alleine gehandelt – wieso auch immer, oder Pertathra ist viel schlauer und gerissener, als wir vermuten, oder es steckt jemand dahinter, den wir bis jetzt noch nicht einmal in Erwägung gezogen haben."
Diese Möglichkeiten ließen sich einfach nicht mit Sicherheit klären und solange die Freunde auch darüber berieten, es fand sich nicht die geringste Möglichkeit, eine Lösung für dieses Problem zu finden. Nur in einer Sache waren sich alle einig. Aragorn befand sich nach wie vor in Gefahr, doch er sträubte sich dagegen, sich deshalb in seinem Zelt zu verkriechen und die Hände in den Schoß zu legen. Er wollte seine Pläne durchsetzen und sich auch nicht die Freude an diesem Helkaannon verderben lassen.

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Frodo und Sam saßen auf ihren Betten, hatten die Beine gekreuzt und zogen genüsslich an ihren Pfeifen, während auch sie nur ein Thema hatten – Aragorns Rennen und der Angriff auf ihn.
"Wie ich Streicher kenne, wird er sich dadurch nicht im Geringsten einschüchtern lassen und so tun, als ob nichts gewesen wäre.", brummte Sam missmutig.
"Aber Sam, was soll er denn deiner Meinung nach tun? Sich nicht mehr an die frische Luft trauen und wenn, den Rest des Helkaannon mit einer Leibwache durch die Gegend marschieren? Es wird immer eine Gefahr für ihn geben, schließlich ist er der König von Gondor!"
"Du hast ja Recht, Herr Frodo, aber ..."
"Kein aber, Sam. Wie viele Opfer soll er denn noch bringen? Er hat schon einen großen Teil seiner Freiheit aufgeben müssen, raube ihm nicht auch noch die letzte Möglichkeit, sich wenigstens frei zu fühlen. Er würde verrückt werden, wenn er nicht mehr einen Schritt ohne einen Wachmann tun könnte."
"Du hast ja Recht.", wiederholte Sam. "Ich mache mir doch nur Sorgen um ihn!"
"Das tun wir alle, aber dabei unterschätzen wir auch, dass er sehr wohl gelernt hat, auf sich selber Acht zu geben. Je mehr wir ihn einengen, desto unvorsichtiger und unüberlegter wird er dem Drang nachgeben, auch Zeit für sich alleine zu erhalten.", warnte Frodo.
Sam nickte und bewunderte Frodo wieder einmal dafür, wie geschickt er es verstand, sich in ihre Freunde hinein zu versetzen. Er fragte sich immer, wieso und weshalb sie so handelten, wie sie es taten.
"Das heißt aber nicht...,", fuhr Frodo dann mit einem verschmitzten Lächeln fort. "...dass wir nicht ein Auge auf ihn haben werden!"

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Aragorn stapelte die Unterlagen auf seinem Schreibtisch zu einem ordentlichen Haufen, lehnte sich zurück und streckte sich. Die letzten Tage des Zusammentreffens waren mehr als erfolgreich gewesen und eine Vielzahl der Gesetze, die er hatte erstellen wollen, waren tatsächlich zur Zufriedenheit aller Völker verfasst worden.
Er vernahm Schritte auf der anderen Seite der Trennwand, die seine Privatgemächer von den öffentlichen Teil seines Zeltes trennten - dies hatte Faramir nach dem Rennen veranlasst, weil es angeblich zu mehr Sicherheit verhalf.
"Bergil?", rief Aragorn und einen Augenblick später erschien der Knappe und Aragorn konnte ihn nur anstarren und stieß einen leisen Pfiff aus. "Bei den Valar! Was ist denn mit dir passiert?"
Die Wangen des Knappen liefen rot an, wodurch die schwarz-blaue Verfärbung seines Auges noch mehr betont wurde. "Nichts Herr!", murmelte er.
"Komm her und lass sehen.", forderte Aragorn und ließ keinen weiteren Protest zu. Er drehte den Knaben so, dass sein Gesicht dem Licht besser zugewandt war.
"Wenn das nichts ist, möchte ich nicht wissen, was bei dir etwas ist!", brummte er und ergriff dann Bergils Hände, um seine Knöchel zu untersuchen. "Wie ich sehe, hast du aber auch ganz schön ausgeteilt!"
"Das kann mal wohl sagen!", stieß Bergil grimmig hervor.
"Würdest du mir bitte erzählen, worum es dabei ging?"
Wieder lief der Knappe dunkelrot an. "Eine Ehrensache!"
"Deine oder meine Ehre?", traf Aragorn mitten ins Schwarze, denn Bergil riss erschrocken die Augen auf, bevor er wieder die Fassung gewann. "Sowohl als auch!"
Plötzlich nahm Bergils Gesicht den Ausdruck eines Mannes an, selbst mit den noch kindlichen Zügen. "Einer der anderen Knappen hat behauptet – nun er sagte..."
"Ja?", bohrte Aragorn und wusste, dass er unter keinen Umständen Lachen durfte.
"Ich will das nicht vor euch wiederholen.", unternahm Bergil einen letzten Versuch auszuweichen.
"Tu es trotzdem."
Bergil schluckte und reckte dann entschlossen das Kinn vor. "Er sagte, ihr wärt ein Feigling, der es nicht schaffen würde, die Macht, die ihr hättet, auch einzusetzen geschweige denn, genug Mut, um euch gegen eure Frau durchzusetzen..."
"Verstehe!" Aragorn musste sich mächtig anstrengen, um seine Gesichtsmuskeln unter Kontrolle zu halten und ernst zu bleiben.
"Ich habe ihm diese Beleidigung heimgezahlt, Herr!"
"Das sehe ich!"
Bergil betastete das blaue Auge und meinte dann Achselzuckend: "Vor einer Weile sah ich wirklich schlimm aus."
"Mmh." Aragorn wandte sich ab und beschäftigte sich solange mit den Papieren auf seinem Schreibtisch, bis er wieder ein ernstes Gesicht machen konnte, dann erklärte er: "Du kannst jetzt gehen und das Auge von Legolas versorgen lassen. Er weiß, was da zu tun ist!"
Bergil verneigte sich und hatte schon die Trennwand erreicht, als Aragorn leise rief: "Bergil?"
Der Knappe drehte sich um. "Ja Herr?"
"Ich wette der andere Knappe sieht schlimmer aus als du!"
Bergil grinste stolz. "Er wird ein paar Tage nichts Hartes beißen können und wohl kaum dabei sitzen!"
Jetzt konnte Aragorn sich sein Lachen nicht mehr verkneifen und als Bergil ihn verlassen hatte wurde seine Belustigung zu einem Seufzer. Ließen sich doch alle Dinge so leicht aus der Welt schaffen, wie unter kleinen Jungen!

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An diesem Abend versammelten sich alle Freunde in Êomers Zelt, um gemeinsam zu essen. Der König Rohans hatte es sich nicht nehmen lassen, nur die besten und erlesensten Speisen auftragen zu lassen – sehr zur Freude der Hobbits, die sich Berge der Köstlichkeiten auf ihre Teller häuften.
Aragorn war sehr dankbar dafür, dass keiner auch nur eine weitere Silbe über die Vorkommnisse der Anschläge verlor und mit jeder Stunde, und jedem Glas Wein, entspannte er sich mehr und genoss den gemütlichen Abend im Kreis seiner engsten Freunde. Arwen neigte sich zu ihm herüber und legte ihm die Hand auf den Oberschenkel.
"Sag mal, weißt du eigentlich, was mit Bergil geschehen ist? Er wollte mir einfach nicht verraten, wie er zu dem blauen Auge gekommen ist!"
Aragorn musste unwillkürlich lachen, als er an die Unterhaltung mit seinem Knappen am Nachmittag denken musste.
"Wenn er nicht bereit ist, es dir selber mitzuteilen, so werde ich es gewiss nicht tun!", neckte er sie dann. "Wir MÄNNER müssen schließlich zusammenhalten!"
Arwen zog bei der Betonung der Anrede die Augenbrauen hoch. "Ich wusste gar nicht, dass du Bergil schon für einen Mann hältst."
"Seid heute Nachmittag schon!", grinste er sie an, wohlwissend, dass er damit ihre Neugier nur noch mehr anstachelte.
"Oh, du...!", schimpfte Arwen und gab ihm einen spielerischen Schlag auf die Schulter, bereute dies aber sofort wieder, als Aragorn zusammenzuckte. "Entschuldigung, ich ..."
"Schon gut!", unterbrach er sie. Er wollte heute nun wirklich nicht im Geringsten auf diese Sache zu sprechen kommen! Sanft küsste er ihre Fingerspitzen und entlockte ihr damit ein bezauberndes Lächeln.

Gandalf lächelte zufrieden, als er Aragorn und Arwen beobachtete, die sichtlich unbeschwert den Abend unter den Freunden genossen und beglückwünschte im Stillen Frodo zu dieser guten Idee. Der Hobbit hatte ihm und Êomer den Vorschlag zu diesem Essen gegeben und sie waren sofort bereit gewesen, alles dafür vorzubereiten, denn Gandalf hatte die Absicht, die dahinter steckte, sehr wohl erkannt.
Als er jetzt zu Frodo herüber sah, fanden sich ihre Blicke und der Zauberer erkannte, dass der Hobbit eben die gleichen Beobachtungen ihres Freundes gemacht hatte.
Frodo freute sich, dass sein Plan aufgegangen war und wenigstens an diesem Abend etwas Unbeschwertheit unter den alten Gefährten aufkam. Deshalb stieß er Merry nun auch von der Seite an, um ihn dazu aufzufordern, endlich den Mund zu halten, als er über die letzte Versammlung mehr von Sam erfahren wollte.

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Es war schon spät, als die Freunde sich schließlich trennten und sich jeder wieder zu den eigenen Zelten begab. Es war eine sternenklare Nacht und nach diesem ausgelassenen Abend verspürte Aragorn nicht im Mindesten die Lust, sich sofort zur Ruhe zu begeben. Die Stille der Nacht lud förmlich zu einem kleinen Spaziergang ein, friedlich lag die Landschaft im schwachen Licht der Sterne und die Luft war mild.
Arwen schmiegte sich jedoch schon müde an seine Schulter und so begleitete er sie zu ihrem Zelt, wartete ab, bis sie sich auf das Lager niedergelegt hatte und breitete die Decke sanft über ihr aus. Als er sich leise entfernen wollte, vernahm er ihre schon schlaftrunkene Stimme.
"Kommst du nicht auch endlich schlafen?"
"Gleich! Ich will nur noch schnell die Lichter im Zelt löschen.", beruhigte er sie und verließ dann den Schlafbereich.
Einen kleinen Augenblick plagte ihn sein schlechtes Gewissen, doch dann siegte der Wunsch nach der frischen Luft, die sicher auch dazu beitragen würde, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Er hatte wohl doch etwas zu viel Wein getrunken und fühlte, wie die Wirkung seine Glieder erfüllte.
Er löschte alle Lichter, bis auf ein kleines direkt neben der Trennwand und schlüpfte dann durch den Ausgang ins Freie, wo er tief die Luft in seine Lungen zog. Er schloss genießerisch die Augen und wollte gerade den Weg zum Fluss herunter einschlagen, als eine Stimme hinter ihm erklang und ihn zusammenfahren ließ.
"Ich dachte mir doch, dass du dieser Nacht nicht widerstehen könntest!" Legolas trat aus den Schatten der Zeltwand und grinste Aragorn an, als er dessen erschrecktes Gesicht sah.
"Komm, ich begleite dich ein Stück.", fuhr er unbeirrt fort und legte Aragorn kameradschaftlich den Arm um die Schulter.
Sie schlenderten den Weg am Ufer entlang und genossen schweigsam den Anblick des Flusses, den der Mond in silbriges Licht tauchte, bis Aragorn schließlich sprach.
"Du bewachst mich doch, Legolas. Gib es zu! Es ist wohl kaum Zufall, dass du neben meinem Zelt gestanden hast!"
Der Elb zeigte nicht die kleinste Reaktion die ihn verraten hätte, doch seine Worte bestätigten Aragorns Verdacht.
"Bist du immer so klug, wenn du betrunken bist?", fragte er mit leichtem Spott in der Stimme. "Aber bevor du mir jetzt einen Vortrag darüber hältst, dass du auf dich selber aufpassen kannst, möchte ich dir sagen, dass du doch sicher meine Gesellschaft der einer Leibwache vorziehst, oder? Ich konnte Arwen gerade noch dazu überreden, sie von diesem Vorhaben abzuhalten."
Abrupt fuhr Aragorns Kopf zu Legolas herum. "Was? Sie...?!" Aragorn konnte nicht glauben, dass sie so etwas hinter seinem Rücken tun konnte.
Legolas lachte und klopfte Aragorn auf die Schulter. "Sie macht sich doch nur deinetwegen Gedanken!", beschwichtigte er ihn und fuhr dann etwas ernster fort. "Die solltest du dir auch um sie machen!"
Aragorn seufzte. Als ob er das nicht schon täte! Jeder wusste, wie viel ihm Arwen bedeutete und dass er durch sie verletzlich war. Sie zu lieben, bedeutete auch seine größte Schwäche.
"Wenn du mir sagen willst, dass ich mir Sorgen um sie machen sollte, dann spar dir die Mühe – das tue ich bereits und deshalb wird sie bewacht."
Wieder musste Legolas lachen angesichts dieses kleinen Katz und Maus-Spiels das die beiden spielten.
"Schön, dass wenigstens du noch etwas zum Lachen hast!", brummte Aragorn und Legolas verstummte. Wie gut er Aragorn doch verstehen konnte. Er versuchte immer, einen Weg zu finden, allen gerecht zu werden und stieß dabei immer wieder auf Widerstand. Das lag sicher daran, dass seine Art, die Dinge zu regeln, für alle anderen hochgestellten Personen so wenig verständlich waren. Sie glaubten immer, er würde seine Macht nicht einsetzen, doch wenn sie dann feststellten, wie er diese Macht einsetzte, wurde ihnen bewusst, wie gefährlich er wirklich war. Seine Armeen kämpften nicht auf den Feldern, sie waren unsichtbar. Seine Ideen waren seine Armeen, die für ihn in die Schlacht zogen und niemand hatte das erwartet, als er den Thron Gondors bestiegen hatte. Und doch strahlte er die Macht aus die ihm auch seine Persönlichkeit verlieh – sein Verstand!

Sie gingen wieder schweigsam nebeneinander her, jeder in seine eigenen Gedanken vertieft, als Legolas Aragorn plötzlich einen kräftigen Stoß versetzte. Aragorn taumelte auf Hände und Knie und stieß einen elbischen Fluch aus, doch als er den Kopf hob, stürmte Legolas schon auf ein kleines Gebüsch in der Nähe zu. Aragorn stand mürrisch auf und unternahm einen vergeblichen Versuch, sich den Schmutz von der Kleidung zu wischen, als Legolas schon wieder zu ihm zurück kam und eine Gestalt über der Schulter trug.
"Ist alles in Ordnung mit dir?", fragte er Aragorn. "Ich hoffe, du hast dich nicht verletzt."
"Überhaupt nicht, aber wer zum..."
Legolas setzte die Gestalt vor Aragorn auf dem Boden ab, der überrascht die Augenbrauen hochzog.
"Sam?", fragte er ungläubig. "Was tust du hier zu dieser Stunde?"
"Ich... äh...Frodo und ich dachten, es wäre besser ...nun ja, wo doch die Variags versucht haben..."
Legolas und Aragorn sahen sich verwirrt an, doch schließlich begriff Aragorn, was Sam ihm mit diesem Gestammel zu sagen versuchte. Streng sah er auf den völlig verunsicherten Hobbit herunter.
"Und da dachtet ihr, es wäre sicherer, wenn ihr auf mich acht geben würdet, was? Das ihr euch dabei selber in Gefahr begeben könntet, daran habt ihr wohl nicht gedacht! Legolas oder ich hätten dich auch genauso gut mit Pfeil und Bogen durchbohren können! Wo steckt denn Frodo – heraus mit der Sprache, Samweis!"
Kleinlaut deutete Sam nun in die Richtung zum Fluss herunter und Aragorn suchte das Ufer ab, bis er die geduckte Gestalt erkannte, die sich im Schilf versteckt hielt.
"Frodo!", donnerte er mit zorniger Stimme. "Komm her – wir haben dich längst gesehen!"
Es dauerte eine Weile, doch dann raschelte das Schilf und ein ziemlich kleinlauter Hobbit kroch die Böschung herauf und stellte sich neben Sam, wobei er ihm einen leicht vorwurfsvollen Blick zuwarf.
"Ich brauche euch wohl nicht zu sagen, wie leichtsinnig das war, oder? In Zukunft möchte ich solche Dinge nicht noch einmal erleben, habt ihr verstanden?"
"Aber...", setzte Frodo an, doch ein scharfer Blick aus Aragorns Augen brachte ihm zum Schweigen.
"Und jetzt kommt. Es ist Zeit, dass sich jeder dorthin begibt, wo er schon längst sein sollte – ins Bett!"
Aragorn und Legolas gingen hinter den Hobbits wieder zum Lager zurück und warfen sich einen bemüht ernsten Blick zu. Diese Hobbits waren aber auch immer für eine Überraschung gut!

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Der letzte Tag des Helkaannon brach an und war erfüllt von seinem ganz eigenen Charme. In den letzten Wochen hatten sich, zur Überraschung vieler Anwesender, eine Vielzahl von Liebespaaren gebildet und diese schlenderten nun mit reichlich Wehmut über eine, wenn auch kurze, Trennung, über den Markt und durch das Lager. Viele zogen sich auch in versteckte Ecken am Flussufer zurück, um dort noch einige unbeschwerte Stunden miteinander zu verbringen, bevor das große Abschlussfest beginnen sollte.
Am Vormittag versammelten sich noch einmal alle Vertreter der Völker im Beratungszelt, um eine letzte Zusammenkunft abzuhalten, auf der noch einmal alle Gesetzte kurz durchgesprochen und beglaubigt wurden, die in den Tagen des Helkaannon ihren Abschluss gefunden hatten.
Frodo, Sam und Gandalf ließen dabei Pertathra nicht aus den Augen, doch seit der Unterredung mit Aragorn vermied sie es, sich ihm zu nähern oder auch nur eines Blickes zu würdigen. Sie nahm die versteckte Beschuldigung, dass ihr Volk hinter dem Angriff auf den König steckte, durchaus übel und war auch die Erste, die nach Abschluss der Versammlung das Zelt mit ihren Leibwachen verließ.

Als der Abend hereinbrach, wurden überall im Lager die Wachfeuer entzündet, doch am Hellsten brannte eine Doppelreihe Fackeln, die den Weg, einen kleinen Hügel herauf, zum Festzelt erleuchteten. Allen, die das Zelt betraten, stockte der Atem, denn Êomer und Eowyn waren für das Herrichten verantwortlich gewesen und so war alles viel Prunkvoller ausgestattet worden, als Aragorn es veranlasst hätte.
Weiche Teppiche lagen auf dem Boden, Blumen umschlangen das Gerüst des Zeltes und aus einem kleinen Springbrunnen in der Mitte des Raumes sprudelte eine Wasserfontäne, die gleichzeitig zur Schönheit, als auch zur Kühlung des Raumes beitrug. Weiße Stoffe waren über die Tische gebreitet, sodass diese völlig unter ihnen verschwanden und die gleichen Blumen, wie auch an den Gerüsten, rankten sich in einer Reihe über die gesamte Länge der Tafel.
Aragorn hatte mit Arwen am Kopf der Tafel platz genommen und begrüßte höflich jeden der eintreffenden Personen, wenn auch seine Freunde deutlich sahen, dass er sich in der Rolle des Königs noch immer nicht recht wohl fühlte. So übergab er die Rolle des Redners auch nur zu gerne an Gandalf, der alle offiziell begrüßte und schließlich das Fest eröffnete.

Enarâto und Tanfalas hatten einen Platz direkt gegenüber des Königs zugewiesen bekommen und während alle in ausgelassener Stimmung das Fest genossen, saß Enarâto mit versteinerter Mine neben seiner Tochter, die deutlich sein missfallen an den gescheiterten Anschlägen verriet.
"Reiß dich zusammen, Vater!", zischte Tanfalas neben ihm. "Oder willst du ihnen gleich selber mitteilen, dass nicht die Variags sondern du der Auftraggeber der beiden Versuche war, König Elessar zu verwunden?"
Enarâto warf ihr einen mürrischen Blick zu, doch dann sah er das Aufleuchten in den Augen seiner Tochter und der Zorn wurde von Neugier abgelöst.
"Du hast doch bestimmt eine gute Nachricht für mich, wenn du so ruhig bleiben kannst, solange diese Elbe vor deiner Nase in den Armen dieses Mannes liegt."
Ein flüchtiger Schatten huschte bei der Erwähnung von Arwen über ihr Gesicht, doch ebenso schnell gewann Tanfalas wieder die Kontrolle über ihre Züge.
"In der Tat, Vater, habe ich gute Nachrichten. Eine Gruppe Männer machen sich in eben diesen Minuten dazu bereit, unseren Plan in die Tat umzusetzen. Sie sind auf dem Weg in die Hütte, um dort alles vorzubereiten und wenn Aragorn erst einmal wieder in Minas Tirith ist, werden seine Freunde schnell wieder unvorsichtiger werden. Dann wird sich sicher bald die Gelegenheit bieten, auf die wir schon so lange gewartet haben!"
Vater und Tochter hoben ihre Weinkelche und prosteten sich zu, dabei ein gefährliches Lächeln auf ihren Lippen.