Viertes Kapitel
„Vermutungen"
Trotz
des herrlichen Wetters, das noch am Vortag geherrscht hatte, goss es
bei Anbruch des Tages in Strömen, sodass fast jedermann bis zum
Nachmittag in seinem Zelt blieb. Aragorn erwachte mit dem ersten
Donnerschlag, hörte den Regen und rollte sich herum, um
weiterzuschlafen, zuckte aber augenblicklich zusammen, als er sich
gedankenverloren auf den Rücken legen wollte.
Umgehend
erschien Arwens Gesicht über seinem und sah mit einem nicht zu
deutendem Ausdruck auf ihn herab, vergewisserte sich stumm, dass es
ihm doch gut ging und machte endlich ihrem Ärger Luft, der sich
seid dem Rennen in ihr aufgestaut hatte.
"Selbst Schuld wenn
du Schmerzen hast! Wie konntest du nur so leichtsinnig sein? Vor
allem, nachdem du wusstest, dass dir irgendjemand auflauert und dich
aus dem Weg haben will? Du hättest wenigstens mir von dem
Angriff am Fluss berichten können!"
"Arwen!"
Aragorn richtete sich nun ebenfalls auf und ergriff ihre Hände.
"Ich wollte dich nicht beunruhigen – außerdem hast du
schon geschlafen, als ich wieder zurückkam. Ich habe dich noch
nie wecken können ...wo du doch so hübsch beim Schlafen
aussiehst!"
"Deine Schmeicheleien kannst du dir sparen!
Du kannst froh sein, dass du überhaupt noch Gelegenheit
bekommst, sie hervorzubringen! Sieh dir an, was Legolas auf der
Rennstrecke gefunden hat."
Damit reichte sie Aragorn einen
Dolch, den er sofort als das Messer erkannte, dass der Variag nach
ihm geworfen hatte. Die Klinge war spitz und mehr für einen Stoß
oder Wurf geeignet, anstatt damit eine Schnittwunde zuzufügen,
dazu waren die Seiten viel zu stumpf. Er mochte sich gar nicht
vorstellen, welche Verletzungen ein gezielter Wurf verursacht
hätte.
Entschlossen schlug er die Decke zurück und stand
auf, packte ohne eine Erklärung seine Kleidung und zog diese im
Gehen über.
"Was hast du nun schon wieder vor?",
rief Arwen hinter ihm her.
"Ich werde nach Gandalf, Legolas,
Faramir und Êomer schicken und mich mit ihnen beraten, was und
wie wir in dieser Sache weiter vorgehen werden. Gimli hatte Recht,
vielleicht sollte wirklich jemand mit Pertathra reden."
Seufzend
ließ Arwen sich in die Kissen zurück sinken.
"Und
du hältst dich für denjenigen, der das tun sollte.",
schimpfte sie leise hinter ihm her.
ooOOoo
Weder
Faramir und Êomer, noch Gandalf nahmen die Gestalt wahr, die
sich hinter der Gruppe junger Bäume im Regen verbarg und sich,
gehüllt in einen dunklen Umhang, perfekt der tristen Umgebung
anpasste. Ein zufriedenes Lächeln trat auf ihr Gesicht, als sich
auch einige Zeit später Pertathra mit einer Gruppe ihrer Männer
dem Zelt des Königs näherte und nach der Ankündigung
des Wachmannes, der seid dem gestrigen Tag vor dem Eingang Posten
bezogen hatte, eingelassen wurde.
Die Gestalt wartete noch eine
Weile, bis sie sich sicher war, dass auch niemand sich in der Nähe
aufhielt, bevor sie aus ihrem Versteck löste und durch den Regen
wieder zu den übrigen Zelten rannte.
Legolas war gerade
auf dem Weg zu Aragorns Zelt, nachdem ihn die Nachricht seines
Freundes erreicht hatte, als sein feines Gehör, trotz des
prasselnden Regens, sich nähernde Schritte vernahm. Aus reinem
Instinkt heraus verbarg er sich hinter einem der Zelte und drückte
sich so dicht es ging an die Stoffbahnen. Er hörte die näher
kommenden Schritte und schließlich geriet der Verursacher in
sein Blickfeld. Die Gestalt hatte die Kapuze zum Schutz vor dem Regen
tief ins Gesicht gezogen und machte es unmöglich, auch nur die
groben Züge zu erkennen, aber Legolas erfasste sofort die
schlanke und zierliche Statur, die es offensichtlich machte, dass es
sich um eine Frau handeln musste.
Legolas zögerte einen
Moment, hin und her gerissen zwischen dem Drang, der Person zu
folgen, um herauszufinden, um wen es sich handelte und der Bitte von
Aragorn, ihn beim Verhör von Pertathra zur Seite zu sein. Nach
reiflicher Überlegung setzte er seinen Weg zu den Zelten fort,
doch seine Gedanken kreisten immer noch um die Frau.
Was hatte sie
hier an Aragorns Lager zu suchen gehabt – noch dazu bei diesem
Wetter, bei dem alle anderen sich in ihren Zelten verkrochen?
Gerade
nach den Ereignissen in den letzten Tagen beunruhigte ihn diese
Tatsache nur noch mehr und er nahm sich vor, Aragorn von jetzt an
nicht mehr aus den Augen zu lassen, ob es diesem nun gefiel oder
nicht.
Als Legolas in das dämmrige Licht des Zeltes trat,
das nur durch den Schein der Fackeln erhellt wurde, spürte er
gleich die angespannte Atmosphäre die zwischen seinen Freunden
und der Gruppe der Variags herrschte.
Aragorn saß hinter
seinem Arbeitstisch, ihm gegenüber Pertathra und um sie herum
saßen die übrigen Anwesenden und alle starrten auf den
Dolch, der vor Aragorn auf dem Pult lag. Er erhielt im Schein des
Feuers fast ein Eigenleben, so glitzerte und funkelte er und
Pertathra konnte nicht den Blick von ihm abwenden. Aragorn jedoch sah
die Frau unverwandt an, so als ob er in ihrem Gesicht auch nur den
leisesten Hinweis darauf finden konnte, der ihm weiterhelfen
konnte.
Gandalf begann schließlich mit Ruhe und Bedacht zu
sprechen.
"Ihr stimmt uns doch zu, dass diese Art der Klinge
ausschließlich von eurem Volk benutzt wird und auch an der
Zugehörigkeit des Toten zu eurem Gefolge besteht wohl nicht der
geringste Zweifel, Herrin. Versteht uns nicht falsch, aber wir sind
sicher, dass auch ihr ein großes Interesse daran hegt, Licht in
diese Angelegenheit zu bringen. Niemand beschuldigt euch, die Schuld
an diesem Vorfall zu tragen."
Pertathra straffte bei Gandalfs
Worten den Rücken und ihre Männer traten bei dieser Geste
einen Schritt näher an sie heran.
"König Elessar –
ich habe meine Kriege und Schlachten immer ausschließlich offen
und ehrlich geführt und niemals einen so feigen und
hinterhältigen Anschlag ausgeübt, wie er euch nun getroffen
hat. In den Zeiten des beginnenden Friedens habe ich bei den
Versammlungen stets den wörtlichen Kampf gegen euch geführt.
Wenn ich auch nicht immer zu Kompromissen bereit bin, so hege ich
nicht den geringsten Groll gegen euch oder euer Volk, noch gegen eure
Freunde. Ich bedaure, dass einer meiner Männer das anders
gesehen hat, habe aber nicht die geringste Erklärung für
sein Verhalten. Weiter habe ich dazu nichts mehr zu sagen – deshalb
entschuldigt uns jetzt bitte."
Sie erhob sich, verneigte sich
gerade so tief, dass es nicht unhöflich erschien und warf
Aragorn noch einen kalten Blick zu, bevor sie sich mit ihren Männern
in Bewegung setzte.
Aragorn stieß einen Seufzer aus, als
die Stoffbahnen hinter dem Letzten der Variags wieder zusammentrafen
und stützte seinen Kopf in die Hände.
"Das war wohl
nicht sehr geschickt von uns! Sie wird jetzt noch offener ihre
Unzufriedenheit gegen uns einsetzen und gebracht hat es uns auch
nichts. Wir wissen immer noch nicht, wer den Variag auf dich gehetzt
hat." Êomer sah auf Aragorn herunter, der sich nun mit
beiden Händen durchs Haar fuhr.
"Uns bleiben nur drei
Möglichkeiten!", entgegnete er dann. "Entweder, der
Mann hat alleine gehandelt – wieso auch immer, oder Pertathra ist
viel schlauer und gerissener, als wir vermuten, oder es steckt jemand
dahinter, den wir bis jetzt noch nicht einmal in Erwägung
gezogen haben."
Diese Möglichkeiten ließen sich
einfach nicht mit Sicherheit klären und solange die Freunde auch
darüber berieten, es fand sich nicht die geringste Möglichkeit,
eine Lösung für dieses Problem zu finden. Nur in einer
Sache waren sich alle einig. Aragorn befand sich nach wie vor in
Gefahr, doch er sträubte sich dagegen, sich deshalb in seinem
Zelt zu verkriechen und die Hände in den Schoß zu legen.
Er wollte seine Pläne durchsetzen und sich auch nicht die Freude
an diesem Helkaannon verderben lassen.
ooOOoo
Frodo und
Sam saßen auf ihren Betten, hatten die Beine gekreuzt und zogen
genüsslich an ihren Pfeifen, während auch sie nur ein Thema
hatten – Aragorns Rennen und der Angriff auf ihn.
"Wie ich
Streicher kenne, wird er sich dadurch nicht im Geringsten
einschüchtern lassen und so tun, als ob nichts gewesen wäre.",
brummte Sam missmutig.
"Aber Sam, was soll er denn deiner
Meinung nach tun? Sich nicht mehr an die frische Luft trauen und
wenn, den Rest des Helkaannon mit einer Leibwache durch die Gegend
marschieren? Es wird immer eine Gefahr für ihn geben,
schließlich ist er der König von Gondor!"
"Du
hast ja Recht, Herr Frodo, aber ..."
"Kein aber, Sam.
Wie viele Opfer soll er denn noch bringen? Er hat schon einen großen
Teil seiner Freiheit aufgeben müssen, raube ihm nicht auch noch
die letzte Möglichkeit, sich wenigstens frei zu fühlen. Er
würde verrückt werden, wenn er nicht mehr einen Schritt
ohne einen Wachmann tun könnte."
"Du hast ja
Recht.", wiederholte Sam. "Ich mache mir doch nur Sorgen um
ihn!"
"Das tun wir alle, aber dabei unterschätzen
wir auch, dass er sehr wohl gelernt hat, auf sich selber Acht zu
geben. Je mehr wir ihn einengen, desto unvorsichtiger und
unüberlegter wird er dem Drang nachgeben, auch Zeit für
sich alleine zu erhalten.", warnte Frodo.
Sam nickte und
bewunderte Frodo wieder einmal dafür, wie geschickt er es
verstand, sich in ihre Freunde hinein zu versetzen. Er fragte sich
immer, wieso und weshalb sie so handelten, wie sie es taten.
"Das
heißt aber nicht...,", fuhr Frodo dann mit einem
verschmitzten Lächeln fort. "...dass wir nicht ein Auge auf
ihn haben werden!"
ooOOoo
Aragorn stapelte die
Unterlagen auf seinem Schreibtisch zu einem ordentlichen Haufen,
lehnte sich zurück und streckte sich. Die letzten Tage des
Zusammentreffens waren mehr als erfolgreich gewesen und eine Vielzahl
der Gesetze, die er hatte erstellen wollen, waren tatsächlich
zur Zufriedenheit aller Völker verfasst worden.
Er vernahm
Schritte auf der anderen Seite der Trennwand, die seine
Privatgemächer von den öffentlichen Teil seines Zeltes
trennten - dies hatte Faramir nach dem Rennen veranlasst, weil es
angeblich zu mehr Sicherheit verhalf.
"Bergil?", rief
Aragorn und einen Augenblick später erschien der Knappe und
Aragorn konnte ihn nur anstarren und stieß einen leisen Pfiff
aus. "Bei den Valar! Was ist denn mit dir passiert?"
Die
Wangen des Knappen liefen rot an, wodurch die schwarz-blaue
Verfärbung seines Auges noch mehr betont wurde. "Nichts
Herr!", murmelte er.
"Komm her und lass sehen.",
forderte Aragorn und ließ keinen weiteren Protest zu. Er drehte
den Knaben so, dass sein Gesicht dem Licht besser zugewandt
war.
"Wenn das nichts ist, möchte ich nicht
wissen, was bei dir etwas ist!", brummte er und ergriff
dann Bergils Hände, um seine Knöchel zu untersuchen. "Wie
ich sehe, hast du aber auch ganz schön ausgeteilt!"
"Das
kann mal wohl sagen!", stieß Bergil grimmig
hervor.
"Würdest du mir bitte erzählen, worum es
dabei ging?"
Wieder lief der Knappe dunkelrot an. "Eine
Ehrensache!"
"Deine oder meine Ehre?", traf Aragorn
mitten ins Schwarze, denn Bergil riss erschrocken die Augen auf,
bevor er wieder die Fassung gewann. "Sowohl als auch!"
Plötzlich
nahm Bergils Gesicht den Ausdruck eines Mannes an, selbst mit den
noch kindlichen Zügen. "Einer der anderen Knappen hat
behauptet – nun er sagte..."
"Ja?", bohrte
Aragorn und wusste, dass er unter keinen Umständen Lachen
durfte.
"Ich will das nicht vor euch wiederholen.",
unternahm Bergil einen letzten Versuch auszuweichen.
"Tu es
trotzdem."
Bergil schluckte und reckte dann entschlossen das
Kinn vor. "Er sagte, ihr wärt ein Feigling, der es nicht
schaffen würde, die Macht, die ihr hättet, auch einzusetzen
geschweige denn, genug Mut, um euch gegen eure Frau
durchzusetzen..."
"Verstehe!" Aragorn musste sich
mächtig anstrengen, um seine Gesichtsmuskeln unter Kontrolle zu
halten und ernst zu bleiben.
"Ich habe ihm diese Beleidigung
heimgezahlt, Herr!"
"Das sehe ich!"
Bergil
betastete das blaue Auge und meinte dann Achselzuckend: "Vor
einer Weile sah ich wirklich schlimm aus."
"Mmh."
Aragorn wandte sich ab und beschäftigte sich solange mit den
Papieren auf seinem Schreibtisch, bis er wieder ein ernstes Gesicht
machen konnte, dann erklärte er: "Du kannst jetzt gehen und
das Auge von Legolas versorgen lassen. Er weiß, was da zu tun
ist!"
Bergil verneigte sich und hatte schon die Trennwand
erreicht, als Aragorn leise rief: "Bergil?"
Der Knappe
drehte sich um. "Ja Herr?"
"Ich wette der andere
Knappe sieht schlimmer aus als du!"
Bergil grinste stolz. "Er
wird ein paar Tage nichts Hartes beißen können und wohl
kaum dabei sitzen!"
Jetzt konnte Aragorn sich sein Lachen
nicht mehr verkneifen und als Bergil ihn verlassen hatte wurde seine
Belustigung zu einem Seufzer. Ließen sich doch alle Dinge so
leicht aus der Welt schaffen, wie unter kleinen Jungen!
ooOOoo
An
diesem Abend versammelten sich alle Freunde in Êomers Zelt, um
gemeinsam zu essen. Der König Rohans hatte es sich nicht nehmen
lassen, nur die besten und erlesensten Speisen auftragen zu lassen –
sehr zur Freude der Hobbits, die sich Berge der Köstlichkeiten
auf ihre Teller häuften.
Aragorn war sehr dankbar dafür,
dass keiner auch nur eine weitere Silbe über die Vorkommnisse
der Anschläge verlor und mit jeder Stunde, und jedem Glas Wein,
entspannte er sich mehr und genoss den gemütlichen Abend im
Kreis seiner engsten Freunde. Arwen neigte sich zu ihm herüber
und legte ihm die Hand auf den Oberschenkel.
"Sag mal, weißt
du eigentlich, was mit Bergil geschehen ist? Er wollte mir einfach
nicht verraten, wie er zu dem blauen Auge gekommen ist!"
Aragorn
musste unwillkürlich lachen, als er an die Unterhaltung mit
seinem Knappen am Nachmittag denken musste.
"Wenn er nicht
bereit ist, es dir selber mitzuteilen, so werde ich es gewiss nicht
tun!", neckte er sie dann. "Wir MÄNNER müssen
schließlich zusammenhalten!"
Arwen zog bei der Betonung
der Anrede die Augenbrauen hoch. "Ich wusste gar nicht, dass du
Bergil schon für einen Mann hältst."
"Seid
heute Nachmittag schon!", grinste er sie an, wohlwissend, dass
er damit ihre Neugier nur noch mehr anstachelte.
"Oh,
du...!", schimpfte Arwen und gab ihm einen spielerischen Schlag
auf die Schulter, bereute dies aber sofort wieder, als Aragorn
zusammenzuckte. "Entschuldigung, ich ..."
"Schon
gut!", unterbrach er sie. Er wollte heute nun wirklich nicht im
Geringsten auf diese Sache zu sprechen kommen! Sanft küsste er
ihre Fingerspitzen und entlockte ihr damit ein bezauberndes
Lächeln.
Gandalf lächelte zufrieden, als er Aragorn
und Arwen beobachtete, die sichtlich unbeschwert den Abend unter den
Freunden genossen und beglückwünschte im Stillen Frodo zu
dieser guten Idee. Der Hobbit hatte ihm und Êomer den Vorschlag
zu diesem Essen gegeben und sie waren sofort bereit gewesen, alles
dafür vorzubereiten, denn Gandalf hatte die Absicht, die
dahinter steckte, sehr wohl erkannt.
Als er jetzt zu Frodo herüber
sah, fanden sich ihre Blicke und der Zauberer erkannte, dass der
Hobbit eben die gleichen Beobachtungen ihres Freundes gemacht
hatte.
Frodo freute sich, dass sein Plan aufgegangen war und
wenigstens an diesem Abend etwas Unbeschwertheit unter den alten
Gefährten aufkam. Deshalb stieß er Merry nun auch von der
Seite an, um ihn dazu aufzufordern, endlich den Mund zu halten, als
er über die letzte Versammlung mehr von Sam erfahren
wollte.
ooOOoo
Es war schon spät, als die Freunde
sich schließlich trennten und sich jeder wieder zu den eigenen
Zelten begab. Es war eine sternenklare Nacht und nach diesem
ausgelassenen Abend verspürte Aragorn nicht im Mindesten die
Lust, sich sofort zur Ruhe zu begeben. Die Stille der Nacht lud
förmlich zu einem kleinen Spaziergang ein, friedlich lag die
Landschaft im schwachen Licht der Sterne und die Luft war mild.
Arwen
schmiegte sich jedoch schon müde an seine Schulter und so
begleitete er sie zu ihrem Zelt, wartete ab, bis sie sich auf das
Lager niedergelegt hatte und breitete die Decke sanft über ihr
aus. Als er sich leise entfernen wollte, vernahm er ihre schon
schlaftrunkene Stimme.
"Kommst du nicht auch endlich
schlafen?"
"Gleich! Ich will nur noch schnell die
Lichter im Zelt löschen.", beruhigte er sie und verließ
dann den Schlafbereich.
Einen kleinen Augenblick plagte ihn sein
schlechtes Gewissen, doch dann siegte der Wunsch nach der frischen
Luft, die sicher auch dazu beitragen würde, wieder einen klaren
Kopf zu bekommen. Er hatte wohl doch etwas zu viel Wein getrunken und
fühlte, wie die Wirkung seine Glieder erfüllte.
Er
löschte alle Lichter, bis auf ein kleines direkt neben der
Trennwand und schlüpfte dann durch den Ausgang ins Freie, wo er
tief die Luft in seine Lungen zog. Er schloss genießerisch die
Augen und wollte gerade den Weg zum Fluss herunter einschlagen, als
eine Stimme hinter ihm erklang und ihn zusammenfahren ließ.
"Ich
dachte mir doch, dass du dieser Nacht nicht widerstehen könntest!"
Legolas trat aus den Schatten der Zeltwand und grinste Aragorn an,
als er dessen erschrecktes Gesicht sah.
"Komm, ich begleite
dich ein Stück.", fuhr er unbeirrt fort und legte Aragorn
kameradschaftlich den Arm um die Schulter.
Sie schlenderten den
Weg am Ufer entlang und genossen schweigsam den Anblick des Flusses,
den der Mond in silbriges Licht tauchte, bis Aragorn schließlich
sprach.
"Du bewachst mich doch, Legolas. Gib es zu! Es ist
wohl kaum Zufall, dass du neben meinem Zelt gestanden hast!"
Der
Elb zeigte nicht die kleinste Reaktion die ihn verraten hätte,
doch seine Worte bestätigten Aragorns Verdacht.
"Bist du
immer so klug, wenn du betrunken bist?", fragte er mit leichtem
Spott in der Stimme. "Aber bevor du mir jetzt einen Vortrag
darüber hältst, dass du auf dich selber aufpassen kannst,
möchte ich dir sagen, dass du doch sicher meine Gesellschaft der
einer Leibwache vorziehst, oder? Ich konnte Arwen gerade noch dazu
überreden, sie von diesem Vorhaben abzuhalten."
Abrupt
fuhr Aragorns Kopf zu Legolas herum. "Was? Sie...?!"
Aragorn konnte nicht glauben, dass sie so etwas hinter seinem Rücken
tun konnte.
Legolas lachte und klopfte Aragorn auf die Schulter.
"Sie macht sich doch nur deinetwegen Gedanken!",
beschwichtigte er ihn und fuhr dann etwas ernster fort. "Die
solltest du dir auch um sie machen!"
Aragorn seufzte. Als ob
er das nicht schon täte! Jeder wusste, wie viel ihm Arwen
bedeutete und dass er durch sie verletzlich war. Sie zu lieben,
bedeutete auch seine größte Schwäche.
"Wenn
du mir sagen willst, dass ich mir Sorgen um sie machen sollte, dann
spar dir die Mühe – das tue ich bereits und deshalb wird sie
bewacht."
Wieder musste Legolas lachen angesichts dieses
kleinen Katz und Maus-Spiels das die beiden spielten.
"Schön,
dass wenigstens du noch etwas zum Lachen hast!", brummte Aragorn
und Legolas verstummte. Wie gut er Aragorn doch verstehen konnte. Er
versuchte immer, einen Weg zu finden, allen gerecht zu werden und
stieß dabei immer wieder auf Widerstand. Das lag sicher daran,
dass seine Art, die Dinge zu regeln, für alle anderen
hochgestellten Personen so wenig verständlich waren. Sie
glaubten immer, er würde seine Macht nicht einsetzen, doch wenn
sie dann feststellten, wie er diese Macht einsetzte, wurde ihnen
bewusst, wie gefährlich er wirklich war. Seine Armeen kämpften
nicht auf den Feldern, sie waren unsichtbar. Seine Ideen waren seine
Armeen, die für ihn in die Schlacht zogen und niemand hatte das
erwartet, als er den Thron Gondors bestiegen hatte. Und doch strahlte
er die Macht aus die ihm auch seine Persönlichkeit verlieh –
sein Verstand!
Sie gingen wieder schweigsam nebeneinander her,
jeder in seine eigenen Gedanken vertieft, als Legolas Aragorn
plötzlich einen kräftigen Stoß versetzte. Aragorn
taumelte auf Hände und Knie und stieß einen elbischen
Fluch aus, doch als er den Kopf hob, stürmte Legolas schon auf
ein kleines Gebüsch in der Nähe zu. Aragorn stand mürrisch
auf und unternahm einen vergeblichen Versuch, sich den Schmutz von
der Kleidung zu wischen, als Legolas schon wieder zu ihm zurück
kam und eine Gestalt über der Schulter trug.
"Ist alles
in Ordnung mit dir?", fragte er Aragorn. "Ich hoffe, du
hast dich nicht verletzt."
"Überhaupt nicht, aber
wer zum..."
Legolas setzte die Gestalt vor Aragorn auf dem
Boden ab, der überrascht die Augenbrauen hochzog.
"Sam?",
fragte er ungläubig. "Was tust du hier zu dieser
Stunde?"
"Ich... äh...Frodo und ich dachten, es
wäre besser ...nun ja, wo doch die Variags versucht
haben..."
Legolas und Aragorn sahen sich verwirrt an, doch
schließlich begriff Aragorn, was Sam ihm mit diesem Gestammel
zu sagen versuchte. Streng sah er auf den völlig verunsicherten
Hobbit herunter.
"Und da dachtet ihr, es wäre sicherer,
wenn ihr auf mich acht geben würdet, was? Das ihr euch dabei
selber in Gefahr begeben könntet, daran habt ihr wohl nicht
gedacht! Legolas oder ich hätten dich auch genauso gut mit Pfeil
und Bogen durchbohren können! Wo steckt denn Frodo – heraus
mit der Sprache, Samweis!"
Kleinlaut deutete Sam nun in die
Richtung zum Fluss herunter und Aragorn suchte das Ufer ab, bis er
die geduckte Gestalt erkannte, die sich im Schilf versteckt
hielt.
"Frodo!", donnerte er mit zorniger Stimme. "Komm
her – wir haben dich längst gesehen!"
Es dauerte eine
Weile, doch dann raschelte das Schilf und ein ziemlich kleinlauter
Hobbit kroch die Böschung herauf und stellte sich neben Sam,
wobei er ihm einen leicht vorwurfsvollen Blick zuwarf.
"Ich
brauche euch wohl nicht zu sagen, wie leichtsinnig das war, oder? In
Zukunft möchte ich solche Dinge nicht noch einmal erleben, habt
ihr verstanden?"
"Aber...", setzte Frodo an, doch
ein scharfer Blick aus Aragorns Augen brachte ihm zum Schweigen.
"Und
jetzt kommt. Es ist Zeit, dass sich jeder dorthin begibt, wo er schon
längst sein sollte – ins Bett!"
Aragorn und Legolas
gingen hinter den Hobbits wieder zum Lager zurück und warfen
sich einen bemüht ernsten Blick zu. Diese Hobbits waren aber
auch immer für eine Überraschung gut!
ooOOoo
Der
letzte Tag des Helkaannon brach an und war erfüllt von seinem
ganz eigenen Charme. In den letzten Wochen hatten sich, zur
Überraschung vieler Anwesender, eine Vielzahl von Liebespaaren
gebildet und diese schlenderten nun mit reichlich Wehmut über
eine, wenn auch kurze, Trennung, über den Markt und durch das
Lager. Viele zogen sich auch in versteckte Ecken am Flussufer zurück,
um dort noch einige unbeschwerte Stunden miteinander zu verbringen,
bevor das große Abschlussfest beginnen sollte.
Am Vormittag
versammelten sich noch einmal alle Vertreter der Völker im
Beratungszelt, um eine letzte Zusammenkunft abzuhalten, auf der noch
einmal alle Gesetzte kurz durchgesprochen und beglaubigt wurden, die
in den Tagen des Helkaannon ihren Abschluss gefunden hatten.
Frodo,
Sam und Gandalf ließen dabei Pertathra nicht aus den Augen,
doch seit der Unterredung mit Aragorn vermied sie es, sich ihm zu
nähern oder auch nur eines Blickes zu würdigen. Sie nahm
die versteckte Beschuldigung, dass ihr Volk hinter dem Angriff auf
den König steckte, durchaus übel und war auch die Erste,
die nach Abschluss der Versammlung das Zelt mit ihren Leibwachen
verließ.
Als der Abend hereinbrach, wurden überall
im Lager die Wachfeuer entzündet, doch am Hellsten brannte eine
Doppelreihe Fackeln, die den Weg, einen kleinen Hügel herauf,
zum Festzelt erleuchteten. Allen, die das Zelt betraten, stockte der
Atem, denn Êomer und Eowyn waren für das Herrichten
verantwortlich gewesen und so war alles viel Prunkvoller ausgestattet
worden, als Aragorn es veranlasst hätte.
Weiche Teppiche
lagen auf dem Boden, Blumen umschlangen das Gerüst des Zeltes
und aus einem kleinen Springbrunnen in der Mitte des Raumes sprudelte
eine Wasserfontäne, die gleichzeitig zur Schönheit, als
auch zur Kühlung des Raumes beitrug. Weiße Stoffe waren
über die Tische gebreitet, sodass diese völlig unter ihnen
verschwanden und die gleichen Blumen, wie auch an den Gerüsten,
rankten sich in einer Reihe über die gesamte Länge der
Tafel.
Aragorn hatte mit Arwen am Kopf der Tafel platz genommen
und begrüßte höflich jeden der eintreffenden
Personen, wenn auch seine Freunde deutlich sahen, dass er sich in der
Rolle des Königs noch immer nicht recht wohl fühlte. So
übergab er die Rolle des Redners auch nur zu gerne an Gandalf,
der alle offiziell begrüßte und schließlich das Fest
eröffnete.
Enarâto und Tanfalas hatten einen Platz
direkt gegenüber des Königs zugewiesen bekommen und während
alle in ausgelassener Stimmung das Fest genossen, saß Enarâto
mit versteinerter Mine neben seiner Tochter, die deutlich sein
missfallen an den gescheiterten Anschlägen verriet.
"Reiß
dich zusammen, Vater!", zischte Tanfalas neben ihm. "Oder
willst du ihnen gleich selber mitteilen, dass nicht die Variags
sondern du der Auftraggeber der beiden Versuche war, König
Elessar zu verwunden?"
Enarâto warf ihr einen
mürrischen Blick zu, doch dann sah er das Aufleuchten in den
Augen seiner Tochter und der Zorn wurde von Neugier abgelöst.
"Du
hast doch bestimmt eine gute Nachricht für mich, wenn du so
ruhig bleiben kannst, solange diese Elbe vor deiner Nase in den Armen
dieses Mannes liegt."
Ein flüchtiger Schatten huschte
bei der Erwähnung von Arwen über ihr Gesicht, doch ebenso
schnell gewann Tanfalas wieder die Kontrolle über ihre Züge.
"In
der Tat, Vater, habe ich gute Nachrichten. Eine Gruppe Männer
machen sich in eben diesen Minuten dazu bereit, unseren Plan in die
Tat umzusetzen. Sie sind auf dem Weg in die Hütte, um dort alles
vorzubereiten und wenn Aragorn erst einmal wieder in Minas Tirith
ist, werden seine Freunde schnell wieder unvorsichtiger werden. Dann
wird sich sicher bald die Gelegenheit bieten, auf die wir schon so
lange gewartet haben!"
Vater und Tochter hoben ihre
Weinkelche und prosteten sich zu, dabei ein gefährliches Lächeln
auf ihren Lippen.
