Sechstes Kapitel
„Verzweiflung"
Nuinrûn
rieb sich das immer noch leicht blutige Kinn, wo die Klinge des
Königs ihm eine blutige Schramme zugeführt hatte. Er sah zu
der schmalen Mondsichel herüber, die zwischen den zerklüfteten
Bergen kaum sichtbar war und so nicht sonderlich viel Licht abgab.
Sie befanden sich ständig in Gefahr, über lose Steine und
Spalten zu stolpern oder die Wegweiser in der Landschaft zu
übersehen, die sie zurück zu der Hütte führen
würde. Der Zeitpunkt war völlig falsch gewählt
gewesen, aber eine bessere Gelegenheit, ihren Auftrag durchzuführen,
wäre wohl so rasch nicht wieder gekommen.
Nuinrûn
fluchte, als sein Pferd auf den Steinen rutschte und sich das Pferd
des Königs gleichzeitig sträubte, wobei es seinen Arm im
schmerzhaften Winkel nach hinten zog. Dafür müsste die
Fürstentochter noch tiefer in den väterlichen Geldbeutel
greifen!
Er sah über seine Schulter auf den König
herunter, der wie ein Getreidesack auf dem Sattel festgezurrt war.
Die Seile, mit denen seine Handgelenke und Knöchel gefesselt
waren, verliefen fest unter dem Bauch des Hengstes hindurch.
Neben
ihm lag einer von Nuinrûns toten Männern, fest
eingewickelt in ein Tuch, um keine verräterischen Blutspuren auf
dem Weg zu hinterlassen. Das königliche Schwert, das für
diesen, und einen weiteren Toten verantwortlich war, lag auf den
Schenkeln vor Nuinrûn und befand sich nun in dessen Besitz,
zusammen mit den Stiefelmessern des Königs.
Die Hufe seines
Pferdes rutschten wieder und Nuinrûn rief seinen Männern
einen geknurrten Befehl zur Warnung zu. Zwei von ihnen waren
verletzt, zwei tot und ein weiterer taumelte halb bewusstlos im
Sattel seines Tieres hin und her. Es hatte viel Zeit gekostet, die
Verletzten zu versorgen und sie kamen nur langsam voran, weil sie
drei Pferde führen mussten.
Doch er konnte zufrieden mit
seiner Arbeit sein. Die Leute des Königs würden glauben,
dass die Variags hinter dem neuen Angriff steckten, denn sie hatten
den blutigen Dolch so liegen lassen, dass sie ihn einfach finden
mussten!
Er lachte, als er sich vorstellte, wie Ithiliens und
Rohans Armeen denen von Gondor zur Seite stand, wenn diese gegen
Khand zogen, um ihren König zu befreien und somit in einen Krieg
geraten würden, dessen Ursache auf einer falscher Tatsache
beruhten.
Dabei würde sich ihr geliebter Elessar nicht unweit
von Ithilien befinden – in den Händen von Tanfalas, während
ihr Vater das schutzlose Gondor einnehmen würde.
Er blickte
wieder auf den König herab, als sich sein dunkler Haarschopf
bewegte und ein ersticktes Stöhnen über seine Lippen kam.
Nuinrûn zog den Fuß aus dem Steigbügel und versetzte
ihm einen Tritt, direkt über dem Ohr. Weiteren Schaden konnte er
aus Angst vor Tanfalas nicht wagen. Der König versank wieder in
Bewusstlosigkeit und schwaches Mondlicht glänzte auf den
Blutflecken seiner Tunika was Nuinrûn ein Lächeln auf das
Gesicht trieb. Er wusste nicht was Tanfalas mit ihm vorhatte, doch es
interessierte ihn auch nicht sonderlich. Er wollte nur seinen Preis
für diese Mühen – die Herrschaft über einen netten
kleinen Besitz am Rande von Gondor und in Frieden leben.
Er würde
Elessar abliefern, wie er versprochen hatte und im Winter würde
er schon in seinem Haus am Feuer sitzen, vielleicht sogar mit einem
netten Weib, dass ihm heiße Suppe kochte und seine alten
Knochen massierte.
Diese Zukunftsvisionen hielt ihn während
des langen Rittes in der Nacht etwas bei Laune und als die Sonne
aufging, hatten sie es nicht mehr weit bis zu ihrem Ziel. Nuinrûn
beschleunigte leicht ihr Tempo, sein ziel immer klar vor Augen und er
ignorierte verbissen die brennende Sonne und das murren seiner
Männer. Schließlich führte Nuinrûn die Gruppe
einen schmalen Weg entlang und schreckte eine kleinen Trupp Wachen
auf, die ihn anriefen stehen zu bleiben, doch nach einer kurzen
Erklärung und einen Blick auf den Gefangenen wurden sie
ungehindert durchgelassen.
Die Hütte, die schon eher einem
stattlichen Haus gleich kam, schmiegte sich an die steinigen, rauen
Felsen des Aschengebirges und wenn es auch in der Dunkelheit nicht
sonderlich groß gewirkt hatte, so musste Nuinrûn
feststellen, dass es sich drei Stockwerke hoch in den Berg
erstreckte. Aus diesem Grund war ihm die Größe in der
Nacht auch nicht aufgefallen, denn es war aus dem gleichen dunklen
Stein gemauert und war in der Finsternis beinahe unsichtbar.
Als
sie in den Hof einritten, schwang er sich von seinem Pferd, wobei ihn
jeder Muskel schmerzte, entriss einem der Diener den Wasserschlauch
und trank gierig.
Tanfalas Stimme rief ihn von der Treppe her
zornig an, sodass er sich beinahe verschluckte.
"Warum seid
ihr so schnell wieder zurück?"
"Seid froh, dass wir
überhaupt wieder gekommen sind!", entgegnete er mürrisch
und deutete mit dem Kopf auf die Verwundeten und Toten.
Tanfalas
raffte ihre Röcke und kam weiter die Stufen herab und an dem
Leuchten, das ihre Augen erfasst hatte, schloss Nuinrûn, dass
sie Elessar entdeckt hatte.
Bei den Valar, war diese Frau schön,
schoss es Nuinrûn durch den Kopf, als sie seine Höhe
erreicht hatte. Sein Blick wanderte über ihren perfekten Körper,
ihr Haar war wirr, ihre Füße nackt, doch selbst so stellte
sie das dar, was sie war – die Tochter eines Fürsten!
"Er
ist doch nicht schwer verletzt, oder?", erkundigte sie sich so
besorgt wie eine Mutter, doch in ihren Augen lag keine Zärtlichkeit,
sondern Begierde und Berechnung.
"Nicht sehr! Nur an
Schulter, Bein und einen schmerzenden Schädel. Er gehört
ganz euch, macht mit ihm, was ihr wollt."
"Genau das ist
meine Absicht!", flüsterte Tanfalas und winkte ihre Diener
herbei, die Aragorn zu Boden gleiten ließen und ihn dann auf
eine Bahre luden und ihn ins Haus trugen.
ooOOoo
Als er
zum ersten Mal erwachte, glaubte er, von einer schweren Krankheit
befallen zu sein. Der bohrende Schmerz in seinem Kopf, das Fieber,
die geschwollenen Augen und ein bitterer Geschmack auf seiner Zunge –
alles Anzeichen, für eine Erkrankung. Aber als er sich aus dem
Nebel der Bewusstlosigkeit kämpfte, spürte er den
brennenden Schmerz in seiner Schulter und roch die Kräuter der
Verbände, was die Erinnerung jäh wieder in sein Gedächtnis
fahren ließ. Aragorn tastete nach seiner Schulter, um über
das Ausmaß seiner Verletzungen bescheid zu wissen, doch ein
fester Griff umschloss sein Handgelenk und eine Stimme, die er zu
kennen glaubte, hieß ihn an, ruhig liegen zu bleiben.
Panik
zuckte durch seinen geschwächten Körper, sein Verstand war
benommen und seine Muskeln reagierten nicht im Mindesten auf seine
Befehle.
"Arwen...", versuchte er zu sagen, doch es war
nicht mehr als ein Hauch, den er selbst nicht einmal hörte.
"Scht!
Schlaf jetzt, damit es dir bald besser geht." Die Stimme quälte
sein Gedächtnis und er wehrte sich gegen die Hände, die
seine umfangen hielten, doch ihm fehlte einfach die Kraft.
Er
fühlte, wie etwas Kaltes an seine Lippen gehalten wurden und
schwerer, bitter schmeckender Wein wurde ihm eingeflößt
und er würgte. Die Stimme neben ihm fluchte und noch ein paar
Hände umfassten sein Gesicht und noch mehr Wein rann seine Kehle
entlang. Ein Hustenanfall brachte fast seinen Kopf zum Zerspringen
und alles in ihm zog sich qualvoll zusammen.
"Leg dich hin!",
befahl die Stimme und im nächsten Moment tat der Wein seine
Wirkung und er hatte keine andere Wahl, sondern sank entkräftet
und wie betäubt in die Kissen zurück.
"Ich werde
dich pflegen und bald wird das Fieber gesunken sein!"
Aragorn
hatte es fast – er wusste fast, woher er die Stimme kannte, doch
während er noch nach der Erinnerung suchte, setzte die volle
Wirkung des Weins ein und er fiel in tiefen Schlaf.
ooOOoo
Die
Hobbits hatten noch vor Einbruch der Nacht die Burg von Ithilien
erreicht, wo sie mit Bestürzung Faramir und Eowyn den Vorfall
schilderten. Faramir trug Frodo, der immer noch nicht das Bewusstsein
erlangt hatte, in die kühle Festung, wo sich Eowyn seiner annahm
und ihn mit Hilfe von reichlich kaltem Wasser wieder zur Besinnung
brachte. Sein Schädel brummte, als folge einer
Gehirnerschütterung und eine tiefe Schramme zog sich über
seinen Oberarm und machte ihn bewegungsunfähig. Er wurde in
einer Schlaufe ruhig gestellt und erst dann durften die anderen
Hobbits und Faramir in sein Krankenzimmer, wo auch Frodo noch einmal
alle Ereignisse und Einzelheiten wiedergeben musste, an die er sich
erinnerte.
Noch in der Nacht sandte Faramir Boten nach Minas
Tirith, Düsterwald und Rohan aus und wartete angespannt den
Einbruch des Tages ab.
Es war gerade erst die Sonne
aufgegangen, da saß er auch schon mit einer Gruppe seiner
besten Männer, darunter ein erfahrener Spurensucher, im Sattel
und brach zu der Stelle auf, die ihnen die Hobbits beschrieben
hatten.
Als sie den Ort erreichten, sprang Faramir aus dem Sattel,
um den Boden zu untersuchen.
"Was glaubst du, was passiert
ist?", fragte er den Mann, der neben ihm kniete.
Ascalaith
hatte sich ein Stück von ihnen entfernt und wandte sich jetzt
um. Er hatte Erfolg gehabt.
"Da ist überall Blut! Der
Herr Aragorn hat gut gekämpft. Seht ihr die Spuren im Sand? Drei
Männer konnten nicht mehr gehen, als es vorbei war, sie sind
hinter her geschleift worden."
"Oder zwei von ihnen und
Aragorn!", bemerkte Faramir mit besorgter Mine.
"Hat er
jemals Sporen getragen? Diese drei hier ja!"
Faramir wurde
unsicher. "Ich weiß nicht."
"Von Elben
erzogen und ein Umgang mit Pferden, die nur seiner Stimme bedarf, um
sie zu bändigen? Brego hat niemals auch nur eine Peitsche zu
spüren bekommen – nur den freundlichen Schlag der flachen Hand
seines Herrn!"
Das überzeugte Faramir, doch das viele
Blut konnte unmöglich von nur drei Personen stammen und seine
Unruhe wuchs weiter an.
Ascalaith suchte weiter den Grund ab und
näherte sich dann dem felsigen Untergrund. Er stellte fest, dass
sechs Pferde in der Nähe gegrast hatten – den Kahlgefressenen
Stellen nach zu urteilen. Dann bückte er sich erneut, und hob
einen glänzenden Gegenstand auf. Als er sich umdrehte, hielt er
Faramir einen Dolch entgegen.
"Sie haben den felsigen Weg
genommen – nicht einmal ich könnte ihnen jetzt noch
folgen!"
Faramir nahm den Dolch entgegen und fuhr sich mit
den Fingern durchs Haar.
"Variags! Zum Teufel mit ihnen!"
Er
kehrte zu seinem Pferd zurück und saß auf. "Wir
reiten zurück! Jetzt müssen wir abwarten, ob sie
Bedingungen stellen oder warten, bis unsere Freunde und Königin
Arwen eintreffen!"
ooOOoo
ARAGORN! Der Schmerz,
der durch ihr Herz schnitt, löschte beinahe jede andere
Empfindung und ließ sie taumeln! Sie sank schwer auf einen der
Lehnstühle, die in ihren Privatgemächern standen und ließ
ungeachtet die Nachricht von Faramir zu Boden gleiten.
Das durfte
doch nicht wahr sein! Wie waren die Variags nur ungesehen nach
Ithilien gelangt? Und wie viele waren von Nöten gewesen, um ihn
zu überwältigen?
Die Vorstellung raubte ihr beinahe den
Atem und Tränen begannen in ihren Augen zu brennen.
Was
sollte sie nur tun? Was hätte Aragorn getan?
ooOOoo
Um
ihn herum herrschte Dunkelheit, abwechselnd heiß und kalt, so
wie der Schweiß, der seinen Körper bedeckte. Mit
aufgerissenen Augen schreckte er hoch, schüttelte den Kopf und
versuchte, den Schlag seines Herzen zu beruhigen und in sich selber
Halt zu finden. Doch der Versuch war vergebens – wieder spürte
er den heißen Luftstrom, sah die Orks, die sich in der
Dunkelheit näherten und mit ihren Klauen besetzten Händen
nach ihm schlugen um ihm die Haut von den Knochen zu reißen.
Er
kauerte sich an die Höhlenwand, spürte den harten,
scharfkantigen Fels in seinem Rücken und hoffte, sie würden
ihn vielleicht nicht entdecken. Er schrie auf, als sie dennoch auf
ihn zustürmten und der Schmerz durch seinen Körper fuhr,
ihn zu bezwingen drohte und all seiner Kraft zu berauben schien. Die
Fratzen der Orks starrten auf ihn herunter und grinsten gehässig,
während sie immer weiter ihre Krallen in sein Fleisch bohrten
und der Geruch von Blut – seinem Blut – stieg Aragorn in die
Nase.
Ein riesiger Höhlentroll ragte vor ihm auf,
herbeigebracht durch einen Windstoß und er schrie und
verschluckte sich an einem Schwall von Flüssigkeit, die bitter
schmeckte.
"Aragorn...!"
Blindlings griff er nach ihr
und klammerte sich zitternd an ihrem Körper fest.
"Arwen..."
"Ruhig, Liebster. Jetzt ist alles gut.
Ich bin da!" Die Stimme klang so scharf in seinen Ohren, als ob
ein Schwert aus der Scheide gezogen wurde und er kniff die Augen
zusammen. Er konnte die Orks nicht mehr sehen, ebenso wie deren
Gestank und der Geruch nach Blut vergangen war. Der leise Hauch eines
Luftzugs kühlte seine heiße Haut und er schauderte,
während er sein Gesicht an ihrer Schulter barg.
Es hatte
keine Höhle gegeben, keine Orks, keine Klauen – nur das
Fieber... und Alkiach! Er wusste nicht, was die Droge dem Verstand
antun konnte. Er lehnte sich bereitwillig gegen sie und schämte
sich seiner Panik.
Tanfalas zog ihn noch fester in ihre Arme und
begann, ihn wie ein kleines Kind in den Schlaf zu wiegen, während
sie ihm zärtliche Worte ins Ohr flüsterte.
ooOOoo
Ein
harter Ritt brachte Arwen an einem einzigen Tag nach Ithilien,
getrieben, von der unsagbar großen Angst, die ihr Herz
zuschnürte.
Sie wäre beinahe zusammengebrochen, hielt
sich aber aufrecht, als sie den Haupthof überquerte, wo die
Hitze aus den Steinen aufstieg und ihr zusätzlich die Kraft
raubte. Faramir und Eowyn erwarteten sie bereits, umringt von den
drei Hobbits und ihr war, als ob sie ihre Begrüßung durch
einen dichten Nebel her hörte und nickte nur stumm mit dem
Kopf.
Sie blickte sich im Hof um, der von Kriegern nur so wimmelte
und das Gewirr von Menschen, Lärm und Licht war plötzlich
zuviel für sie.
"Faramir, bring mich herein, bevor ich
umfalle...", hauchte sie. Er stützte sacht ihren Ellenbogen
ab, was auch nur die Höflichkeit hätte sein können,
einer Dame behilflich zu sein, doch alleine seine Anwesenheit,
strahlte bereits etwas Ruhe und Zuversicht auf sie aus. Hier waren
Aragorns Freunde, die sich nicht minder um ihn sorgten wie sie und
sicher alles tun würden, ihn wieder zu ihr zurück zu
bringen.
Die Treppen schienen endlos, aber endlich gelangten sie
in die große Halle, wo sie in einem bequemen Sessel am Fenster
niedersank und dankbar den Kelch mit kaltem Wein entgegennahm.
Während sie trank, durchfuhr sie jedoch die Erinnerung, als sie
das letzte Mal mit Aragorn bei einem Glas Wein zusammengesessen hatte
und sie stellte den Kelch auf den kleinen Tisch. War das wirklich
erst zwei Tage her?
Faramir räusperte sich verlegen neben
ihr, als wolle er sie nicht erschrecken, doch sie fuhr trotzdem
zusammen und blickte in die abwartenden Gesichter ihrer
Freunde.
"Wurden auch die anderen informiert?", fragte
sie mit leiser Stimme.
"Ja. Ich habe Boten gleich nach dem
Eintreffen der Hobbits nach Edoras und Düsterwald geschickt. Ich
denke, sie werden in einigen Tagen dort sein und dann müssen wir
nur noch warten, bis Êomer, Legolas, Gimli und Gandalf hier
eintreffen."
Arwen stöhnte. "Das bedeutet, es
dauert noch mindestens neun Tage, bis sie frühestens hier sein
werden! Das ist zu lange...! Bis dahin könnte er..."
"Das
darfst du nicht einmal denken!", entfuhr es Eowyn und sie ließ
sich vor Arwen auf die Knie fallen. Die beiden Frauen wechselten
lange stumme Blicke, bis Arwen müde die Lider senkte.
"Wo
ist Frodo? Ich möchte sehen, wie es ihm geht."
Sam
führte Arwen bis an die Türe des Krankenzimmers, doch als
er hinter ihr eintreten wollte, hielt sie ihn sanft, aber bestimmt
zurück und schloss die Türe vor seiner Nase.
Das Zimmer
lag in nur dämmrigem Licht, doch sie erkannte deutlich die Liege
und die kleine, blasse Gestalt, die darauf ruhte. Lautlos durchquerte
sie den Raum und ließ sich an Frodos Seite nieder und
augenblicklich öffnete der Hobbit die Augen.
"Arwen!"
Er wollte sich zu ihr aufrichten, doch sogleich begann der pochende
Schmerz in seinem Kopf zu toben und er sank mit einem Stöhnen
wieder auf das Lager.
"Es tut mir leid, Arwen! Wir haben
nicht genug auf ihn acht gegeben! Ich hätte ihm schneller zur
Hilfe eilen sollen – wo er doch verletzt war! Wie sollte er sich
auch alleine gegen sechs Männer zur Wehr setzten."
Arwen
überkam bei Frodos Worten eine Welle des Entsetzens. Sechs
Männer! Und er wurde verletzt! Sie konnte ein kurzes Aufstöhnen
nicht unterdrücken.
"Verzeih, Arwen!", stieß
Frodo hervor, als er merkte, dass sie völlig ahnungslos gewesen
war. "Ich dachte, du hättest es bereits gewusst! Hat
Faramir denn nicht...!"
Sie schüttelte den Kopf und
kämpfte gegen die Tränen an, die jedoch schon längst
ihre Wangen entlang liefen.
"Schlafe jetzt, Frodo! Und sei
dir gewiss, dass es nicht deine Schuld war! Du warst sehr
tapfer!"
Sie drückte ihm noch einen Kuss auf die Stirn
und verließ das Zimmer.
ooOOoo
Ein Zucken
durchlief seinen Körper, wie ein warnendes Prickeln, dass Gefahr
sich in unmittelbarer Nähe befand. Er versuchte, die Augen zu
öffnen, doch seine Lider schienen einfach zu schwer zu sein und
er gab die Versuche schließlich auf.
"Arwen...",
murmelte er und im nächsten Moment fühlte er ihren weichen,
vertrauten Körper in seinen Armen und ihre süßen
Lippen auf seiner Stirn. Ihre Berührungen waren zärtlich
und liebevoll und entlockten ihm einen beruhigten Seufzer mit der
Gewissheit, nicht alleine zu sein – dass sie da war und sich seiner
annahm.
Eine Welle von Fieber durchfuhr ihn und der Seufzer ging
in ein Stöhnen über, doch im gleichen Augenblick fühlte
er auch ein kühles Tuch, dass ihm gegen die Stirn gepresst
wurde. Wieder versuchte er, die Augen zu öffnen und schaffte es,
einen nur winzigen Spalt. Er konnte sie kaum sehen, weil sie das
Mondlicht im Rücken hatte, aber die Erleichterung durchlief ihn
erneut und er schloss die Augen wieder.
"FRODO!" Er
schrie auf und fuhr in die Höhe, die Augen nun weit aufgerissen,
doch von einer tiefen Leere erfüllt, die Tanfalas erschrecken
ließ. Einen Moment zuvor war er noch bei klarem Verstand
gewesen, aber jetzt nicht mehr. Er zitterte wieder an allen Gliedern,
sein Atem ging rasch, so, als ob ihn irgendetwas große
Anstrengung kostete, sodass Tanfalas sich unwillkürlich fragte,
was für eine Vision ihn gerade in seiner Gewalt haben
mochte.
"LAUF!", stöhnte er und begann, heftig um
sich zu schlagen, als ob er sein Schwert in der Hand hielt und es
kostete sie alle Mühe, ihn auf das Lager zu drücken, wo sie
ihre Hand auf seiner Brust ruhen ließ und sein Gesicht
musterte. Wangenknochen und Kinn zeichneten sich scharf im Mondlicht
ab und er hatte die Brauen und den Mund angespannt verzogen, während
sein Haar ihm schweißnass in Strähnen um und in das
Gesicht fiel. Er warf sich unruhig auf die Seite, rollte sich aber
wieder mit einem Keuchen zurück, als sein Gewicht auf der
verletzten Schulter ruhte.
… Aragorns Blick fiel auf Frodos Klinge, die blau in der Scheide schimmerte und als der Hobbit sie ein kleines Stückchen herauszog, fand er seinen Verdacht bestätigt. Er zog noch im gleichen Moment sein eigenes Schwert und schrie Frodo zu, er solle laufen – dann trat er aus der Deckung und sah sich einer Armee von Uruk-hai gegenüber...
Das
klappern von Hufen im Hof rief sie zum Fenster und dann vernahm sie
die Rufe, die zu ihr empor drangen. Die schweren Torflügel
schwangen mit schrecklichem Stöhnen in ihren Steinangeln auf und
sie konnte den Grund für die überraschten Rufe
erkennen.
Legolas! Aber wie...! Dicht gefolgt von Gandalf und
Gimli ritt er durch das Tor und als er absaß, war Arwen schon
aus ihrem Gemach gestürmt und eilte die unzähligen Stufen
zum Hof herunter.
Auf der Treppe wäre sie fast mit Faramir
zusammengestoßen, der ihr verwundert hinterher sah.
"Was
ist? Arwen! Warte!", und schon drehte er sich um und lief ihr
nach.
Im Hof beschleunigte Arwen noch einmal ihr Tempo und
Legolas konnte gerade noch die Arme ausbreiten, ehe sie sich so
heftig an seine Brust warf, dass sie ihn fast umriss. Sie konnte die
Tränen der Erleichterung über seine Anwesenheit und der
Sorgen nicht mehr zurückhalten und schluchzte heftig in seiner
Umarmung auf.
Legolas umfing ihre Schultern mit seinen Armen und
begann, ihr sacht über das Haar zu streichen und murmelte ihr in
Elbisch zu.
"Alles wird wieder gut! Wir werden ihn
finden!"
Arwen hob den Kopf, als ihr plötzlich wieder
bewusst wurde, dass die kleine Gruppe viel zu früh hier
erschienen war, als sie mit ihrer Ankunft gerechnet
hatten.
"Warum...! Wie kommt es, dass...!"
Legolas
umfing ihr Gesicht mit seinen sanften Händen und sah sie mit
einem beruhigenden Lächeln an. Die Erklärung erhielt Arwen
allerdings von Gimli, der mit mürrischem Gesicht neben den Elben
trat.
"Vor fünf Tagen kam er wie ein durchgedrehter,
aufgebrachter Ork zu Gandalf und mir gestürmt und faselte etwas
von einen unguten Gefühl! Er würde spüren, dass
Aragorn in Gefahr sei! Er ließ uns gerade noch genug Zeit,
unsere Sachen zu schnappen, eher er auch schon auf seinem Pferd saß!
Vor zwei Tagen trafen wir dann euren Boten, der sein Gefühl
bestätigte."
"Er hat uns nur das nötigste an
Rast gewährt!", brummte Gandalf und Arwen sah erst jetzt,
wie schmutzig und müde die drei tatsächlich waren.
Faramir
war beim Anblick der Freunde verdutzt am Anfang der Treppe stehen
geblieben, jetzt kam auch er langsam auf sie zu und hörte gerade
noch Gimlis Erklärung für ihr rasches Erscheinen.
Sofort
gab er die nötigen Anweisungen und die Knechte nahmen die
erschöpften Pferde entgegen, während die Freunde sich in
die Halle begaben, wo in Minuten Getränke und Speisen
aufgetischt wurden.
"Was gedenkt ihr zu unternehmen!",
fragte Legolas, noch bevor er sich gesetzt hatte.
Faramir zuckte
hilflos mit den Schultern. "Ich fürchte, wir müssen
uns zu einem Krieg gegen die Variags rüsten! Sie haben sich noch
nicht mit Forderungen an uns gewandt und wenn wir noch länger
warten, werden wir uns sicher bald einer großen Armee von
feindlichen Kriegern gegenüber sehen! Wir müssen meiner
Meinung nach, alle uns zur Verfügung stehender Streitmächte
zusammenrufen und die Grenzen zu Khand sichern."
Gandalf
nickte und Gimli zeigte seine Freude, seine Axt endlich wieder
hervorholen zu können, mit einem zufriedenen Brummen. Sofort
begannen die Freunde, die Landkarten hervor zu holen und spielten
jede Möglichkeit für einen Angriff durch, den die Variags
ausüben konnten. Dabei merkten sie nicht einmal, dass Arwen und
Legolas sich nicht an ihren Überlegungen beteiligten und sich
hin und wieder einen stummen Blick zuwarfen.
"Gut.",
schloss Faramir schließlich. "Dann werden wir also alle
Krieger sofort zusammenrufen! Wir werden nach Minas Tirith ziehen, wo
ich dort alle Truppen antreten lasse, damit wir so schnell wie
möglich Stellung beziehen können. Êomer wird dann mit
seinen Armeen nachrücken und uns zur Verstärkung zu Hilfe
eilen."
ooOOoo
Faramir stand neben dem Bett und
sah auf seine noch schlafende Frau herunter, deren Atem ruhig und
friedlich ging. Sie wurde von Tag zu Tag schöner und er dankte
den Valar, dass sie ihm diese Frau an die Seite gestellt hatten, die
ihm mit ihrem Temperament und ihrer Klugheit beistand. Sie war etwas
ruhiger geworden, doch das löste nicht gerade Zuversicht in ihm
aus, wenn er daran dachte, was ihm noch bevorstehen würde,
sobald sie erwacht war und er es ihr gesagt hatte. Mit einem Seufzen
strich er ihr das goldene Haar von der Schulter und küsste sie
auf die Stirn.
Als sie erwachte saß Faramir gewaschen und
angekleidet an einem kleinen Tisch beim Essen.
"Komm und
iss.", lud er sie ein.
Eowyn reckte sich, gähnte und
gesellte sich zu ihm, nur in ihr dünnes Schlafgewand
gehüllt.
"Wer außer dir kann mich schon sehen?",
entgegnete sie, als er die Augenbraue hochzog. "Und du bist
daran gewöhnt. Es ist zu heiß, um sich anzukleiden,
Faramir!"
"Mein Schatz, wenn ich einmal an deinen
reizvollen Anblick gewöhnt sein sollte, dann nur, falls ich
blind geworden bin! Hier, iss ein Stück Käse."
Sie
nahm das Stück Käse, dass er ihr auf seinem Messer
aufgespießt hin hielt. "Sind die Truppen schon
abmarschbereit?", wollte sie wissen.
"Der Wein ist auch
nicht schlecht, probiere doch einen Schluck." Unaufgefordert
füllte er ihren Kelch.
"Sind noch weitere Truppen im
Anmarsch? Wie viele haben wir bereits versammeln können?"
"Schone
deine Zunge lieber und leck damit den Löffel ab."
Sie
schnitt ihm eine Grimasse, aber der Hunger war jetzt stärker als
ihre Neugier. Nachdem sie sich gründlich gestärkt hatte,
teilte er ihr alle Neuigkeiten und Beobachtungen mit und wollte ihre
Meinung dazu hören.
Er würde sie vermissen, überlegte
er, aber ihre Sicherheit war wichtiger. Sie würde nicht mit nach
Khand reiten, sondern mit Arwen und den Hobbits nach Minas Tirith
gehen – auch wenn Eowyn das noch nicht wusste. Er sah den Moment
gekommen und erwähnte diesen Umstand wie beiläufig, aber
ihre Reaktion erinnerte ihn daran, warum er Messer in ihrem
Schlafgemach verboten hatte.
"Ich werde nicht gehen! Ich kann
kämpfen und das besser, als mancher Krieger in deiner Truppe!"
Ihre Augen funkelten ihn zornig an.
"Ich brauche die
Gewissheit, dass du in Sicherheit bist."
"Verdammt,
Faramir – ich werde nicht gehen!"
Faramir wurde jetzt
seinerseits etwas unwirsch. "Du wirst gehen und wenn ich dich
fesseln und bewusstlos schlagen lassen muss!"
"Das
würdest du nicht wagen!"
Es war erstaunlich, wie sehr
sie Êomer ähnelte, wenn sie wütend war. "Hör
zu! Ich will meine Zeit nicht damit vergeuden, mir Sorgen um deine
Sicherheit machen zu müssen, wenn es zu einer Schlacht kommt!
Wir machen uns alle schon genug Sorgen um Aragorn! Außerdem
kannst du in Minas Tirith Arwen helfen. Muss ich etwa all die Gründe
aufführen, die du doch bereits kennst, Eowyn?"
"Du
bist schrecklich, wenn du vernünftig bist!", war das
Einzige, was sie ihm entgegen brachte und Faramir lächelte über
das Temperament seiner Frau. Er streckte die Hand nach ihr aus, doch
als sie jetzt ihre Finger zurückzog, verbreiterte sich sein
Lächeln. Ihr Stolz verbot ihr, jetzt nett zu sein, also lehnte
Faramir sich in seinem Stuhl zurück und musterte sie
wohlwollend, wie sie ihm gegenüber saß, ein Bein
untergeschlagen und nur von ihrem Schlafgewand
verhüllt.
ooOOoo
All seine Schmerzen waren wie
betäubt, doch Aragorn schaffte es immer noch nicht, seine Augen
zu öffnen. Er fühlte sich benommen und kraftlos, fast so,
als würde er nicht Herr über seinen eigenen Körper
sein.
Der Gedanke an Arwen, war das einzige, was ihm klar und real
vorkam und so überraschte es ihn auch nicht, dass er sich
plötzlich ihrer gewahr wurde, wie sie in seinen Armen lag, ihre
sanften Lippen seinen Hals streiften und ihre schlanken Finger über
seine Wange strichen.
Er lächelte und streckte die Hände
nach ihren Schultern aus, um sie noch tiefer zu sich heran zu ziehen
und ihre Liebkosungen zu erwidern, seine Finger über ihre
seidenweiche Haut gleiten zu lassen und alle Ängste und
Schmerzen zu vergessen.
"Arwen...", flüsterte er,
doch ein Finger legte sich auf seine Lippen. Aragorn ließ seine
Hände immer wieder an ihren Armen entlang wandern, umfasste
schließlich ihre Handgelenke und zog sie näher an sich
heran – und erstarrte.
Schlank ja, aber nicht so fest, wie er es
in seiner schwachen Erinnerung hatte. Geschmeidig, mit einer dünnen
Schicht Seide zwischen sich, aber er wusste, dass Arwen muskulös
war, nicht so weich und wohlgerundet wie dieser Körper hier. Ein
Duft von starkem Parfüm ging von ihr aus, nicht der saubere
Geruch nach Wind und wilden Blüten, die er mit Arwen in
Verbindung brachte.
Das hier war nicht Arwen!
Die plötzliche
Erkenntnis ließ ihn zusammenfahren und im nächsten Moment
spürte er seinen eigenen Körper wieder, mit all seinen
Schmerzen und Qualen, die ihn erfüllten. Dennoch kämpfte er
sich aus der letzten Benommenheit, zwang sich die Augen zu öffnen
und stieß Tanfalas so heftig von sich, dass sie auf dem weichen
Teppich landete.
"Tanfalas.", flüsterte er im
selben Augenblick und mühte sich auf die Beine, die jedoch nicht
fähig waren, ihn auch nur ein Stück weit zu tragen und er
fiel auf Hände und Knie. Ihm war übel und alles um ihn
herum begann sich zu drehen. Mit einem Stöhnen lehnte er sich
gegen die Mauer, die seinem heißen Körper etwas Linderung
verschaffte.
Tanfalas hatte sich inzwischen aufgerappelt und kam
nun mit langsamen Schritten auf ihn zu.
"Wehre dich nicht
dagegen, Aragorn! Komm zu mir und vergiss diese Elbe in meinen
Armen!"
"Law!", murmelte er, sich nicht einmal
bewusst, dass er nicht in der gemeinsamen Sprache antwortete. "Was
hast du mir gegeben? Was war in dem Wein?"
Aragorn versuchte
erneut, wieder auf die Füße zu kommen, während
Tanfalas in einigem Abstand stehen bleib, um abzuwarten, zu was seine
Kräfte wieder Imstande waren. Aragorn taumelte, klammerte sich
an einem Bettpfosten fest und bemühte sich, seinen Blick fest
auf sie zu richten, damit der Schwindel verging.
Er hörte sie
Lachen und das Geräusch war unnatürlich laut in seinen
Ohren und bereitete ihm augenblicklich Kopfschmerzen.
"Es
wird Alkiach genannt, Elessar! Es beherrscht deinen Geist und dein
Fleisch und wird dich nicht mehr loslassen! Du bist mein, Aragorn,
und nichts auf dieser Welt kann daran mehr etwas ändern!"
Aragorn
durchlief eine Welle der Panik, die ihm all seine mühsam
aufgebrachte Kraft raubte. Seine Knie gaben unter ihm nach und er
schlug hart auf dem Steinboden auf, wo der Schmerz ihn lähmte
und er nicht einmal mehr die Hand abwehren konnte, als Tanfalas über
seine Wange strich.
Er hörte, wie sie sich schließlich
entfernte, die Türe ins Schloss fiel und sich ihre Schritte
entfernten.
Aragorn blieb regungslos liegen wo er war und
wartete darauf, dass die Schmerzen langsam abklangen und schaffte es,
sich wieder auf das Lager zu ziehen. Ihre Worte hatten seinen
Verstand geklärt und er konnte sich wieder klar und deutlich an
die Ereignisse auf dem Weg nach Ithilien erinnern und auch an das
erste Mal, als er wieder zu Bewusstsein gekommen war. Erschöpft
ließ er sich nach hinten sinken und versuchte, seine Lage zu
überdenken, doch die Erschöpfung wollte ihn immer wieder in
den erlösenden Schlaf locken. Mit einem Mal fuhr er erschrocken
hoch und er sah sich gehetzt im Zimmer um.
Ich darf nicht
einschlafen, schoss es ihm durch den Kopf. Sonst konnte Tanfalas ihm
wieder den drogenversetzten Wein einflößen und er würde
ihr hilflos ausgeliefert sein. Beweg dich, befahl er sich selbst und
versuchte, wieder auf die Füße zu kommen. Mit der linken
Hand stützte er sich an der Wand ab, als er merkte, dass seine
Knie zitterten, doch diesmal gaben sie nicht wieder unter ihm nach.
Langsam, immer einen Fuß vor den anderen setzend, tastete er
sich voran und ignorierte die Schmerzen in seinem Bein und in seiner
Schulter. Den rechten Arm konnte er nicht einmal bewegen – er
fühlte sich noch immer taub und gefühllos an und hing
schlaff an seiner Seite.
In der Zimmerecke ließ er sich
schließlich zu Boden gleiten und streckte die Beine
aus.
"Arwen." Für sie musste er
kämpfen...
ooOOoo
Enarâto sah auf, als
seine Tochter das Zimmer betrat und ihr Anblick ließ ihn
überrascht die Augenbrauen hochziehen. Das dünne, seidene
Gewand verhüllte gerade genug von ihrer schlanken Gestalt, dass
sie nicht nackt war, das Haar fiel ihr zerzaust und wirr auf die
Schulter und in ihren Augen funkelte der Zorn, der ihn dazu
veranlasste, den Mund wieder zu schließen, bevor er den
zynischen Kommentar über die Lippen brachte.
Sie goss sich
einen Kelch Wein ein, der auf einem Tisch vor ihrem Vater stand und
strich sich das Haar glatt, während sie an sich hinab sah und
leise über die Blutflecken fluchte, die wohl von der verletzten
Schulter ihres Gefangenen stammten. Sie begann daran zu reiben, doch
als sich diese Bemühungen als Erfolglos erwiesen, stürzte
sie sich den Wein in einem Schluck in die Kehle und ließ sich
auf einen Sessel fallen.
"Es scheint so, als habe er wieder
seinen Verstand beisammen.", begann Tanfalas ohne Aufforderung.
"Ich werde ihm nachher wieder etwas von der Droge einflößen
müssen, wenn er wieder eingeschlafen ist."
Enarâto
entgegnete nichts auf ihre Worte – sie wusste, was er von ihrem
Vorhaben hielt, aber er hatte ihr nun einmal versprochen, dass sie
den König für sich haben konnte, auch wenn er ihm liebend
gerne ein Messer in die Brust gestoßen hätte, damit er
seine Wege nicht wieder kreuzen konnte.
"Lies das!",
brummte er dennoch zufrieden und reichte ihr das Schriftstück,
dass sein Späher ihm eben überbracht hatte.
Herr,
die Truppen von Minas Tirith sammeln sich in Ithilien und formieren
sich gemeinsam vor den Stadttoren. In den nächsten Tagen werden
sie abmarschbereit sein und gegen Khand ziehen.
Rohans Truppen
sind ebenfalls auf dem Vormarsch. In acht Tagen werden sie bei diesem
Tempo aufschließen und Gondor wird völlig Schutzlos zurück
bleiben, nur mit dem nötigsten an Wachposten.
Königin
Arwen befindet sich in Begleitung des Elben und der Fürstin
Ithiliens auf dem Weg zurück in die weiße Stadt und die
Halblinge sind ebenfalls bei ihnen.
Erwarten eure Anweisungen für
die nächsten Schritte,
Nuinrûn
Tanfalas konnte nicht umhin, laut aufzulachen! "Sieh mal einer an – sie haben unseren Köder doch tatsächlich geschluckt! Minas Tirith ist uns so gut wie sicher!"
