Siebtes Kapitel

„Qual"

Weder Arwen noch Legolas hatten über die waren Beweggründe gesprochen, die den Elben dazu veranlasst hatten, nicht mit in die Schlacht zu ziehen. Gimli hatte zwar alles Zwergenmögliche getan, um seinen Freund umzustimmen, aber dieser ließ sich nicht überreden, worum Arwen mehr als dankbar war. Legolas und sie hatten Stunden in ihren Gemächern in Ithilien zusammen gesessen und sich immer wieder alle Ereignisse ins Gedächtnis gerufen, die seid dem Helkaannon vorgefallen waren und etwas bereitete ihnen Unbehagen. Ein Verdacht, der sich jedoch nicht greifen ließ und bei den ganzen Vorbereitungen für den Krieg gegen die Variags einen bitteren Beigeschmack verlieh.

Lange Gespräche mit Frodo brachten Legolas auch kein Stück weiter, doch der Hobbit genoss die Anwesenheit des Elben und fühlte sich von Tag zu Tag besser, sodass er darauf bestand, mit Merry, Pippin und Sam ebenfalls nach Minas Tirith zu reiten.
Erst, nachdem die Truppen schon längst Richtung Khand ausgerückt waren, machten sich die Freunde auf den Weg und trafen in der weißen Stadt und ihrer Feste ein, deren Leere ihnen noch deutlicher machte, was mit Aragorn in dieser Stadt fehlte.

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Wieder war es Nacht, heiß und stickig – die sechste, seit Aragorn Tanfalas erkannt hatte. Aragorn wandte sich von dem Abendessen ab, das man vor ihn gestellt hatte, denn alles war ihm verdächtig, selbst Wasser. Das Essen, der Wein, alles schmeckte für ihn nach Alkiach, er traute weder seiner Zunge, noch seiner Nase. Er aß nur Dinge, die er für wenig gefährlich hielt – Obst, dass er selbst schälte und Gemüse, von dem er die Soße abwusch. Noch immer quälte ihn der Entzug der Droge und seine Hände zitterten unaufhörlich, Krämpfe schüttelten seinen Körper und die Kopfschmerzen ließen ihn unscharf sehen. Er hatte seid sechs Nächten und Tagen nicht geschlafen, obwohl es ihm sicher etwas Linderung verschafft hätte, doch er traute sich nicht, aus Furcht vor Tanfalas und dass sie ihm wieder die Droge einflößen könnte.
Sein Magen knurrte immer wieder vor Leere, doch er hatte keine andere Möglichkeit sicher zu gehen, dass er nichts mehr von der Droge zu sich nahm. Und doch gab es Momente, in denen er sich wenigstens einen Schluck des drogenversetzten Weins wünschte, nur um vorübergehend den Schmerzen zu entkommen, die ihm der Entzug bereitete. Er fühlte, wie die Hitze alles in ihm ausfüllte, ihn fast von innen heraus verbrannte und im nächsten Augenblick wurde er von Kälte geschüttelt die sich eisig um sein Herz legte und jeder Schlag schien mit ungeheuerer Anstrengung zu geschehen – fast so, las würde es den nächsten nicht schaffen. Seine Muskeln verkrampften unter der Anstrengung, das Zittern zu unterdrücken und eigentlich war es auch nutzlos, es überhaupt zu versuchen, aber er spannte sich bei jedem Anfall fast wie von selbst an, als ob sein Verstand immer noch nicht wusste, dass es sinnlos war weiter zu kämpfen. Er konnte diese Dinge denken, fühlen, dass der Kampf aussichtslos war und tat es trotzdem, um zu überleben. Überleben! Welch ein Witz! Wofür sollte er überleben? Um dann all seine Ziele, Ideale und Wertvorstellungen zu vergessen und seinen Rachegefühlen nachzugeben? Um sich sein Schwert ohne zu zögern zu greifen und es Enarâto und seiner Tochter unbarmherzig in die Brust zu stoßen, immer und immer wieder, bis er den Schmerz in seinem Herzen betäubt hatte? Doch er war sich sicher, dass er diesen Schmerz niemals auslöschen konnte.
Übelkeit lenkte ihn von seinen trostlosen Gedanken ab und obwohl sein Magen immer noch vor Leere knurrte, hatte er das Gefühl, sich jeden Augenblick übergeben zu müssen und schluckte hart. Er krümmte sich zusammen, rollte sich zusammen und zog die Beine so nah an seinen Körper, wie es nur ging und wartete auf den erlösenden, letzten Atemzug. Doch auch dieser Anfall verging nach einer unendlichen Zeit und völlig entkräftet fiel er auf den Rücken und starrte in die Dunkelheit.

Er fragte sich, wann Tanfalas wieder zu ihm kommen würde – ob überhaupt. Er hatte niemanden gesehen, außer dem Wachposten, der ihm sein Essen brachte. Aragorn beschäftigte sich in den wenigen Stunden, in denen er sich besser fühlte, damit, zu beobachten, was draußen vor dem Fenster im Hof vor sich ging; wann die Wachen gewechselt wurden, sie ihre Mahlzeiten einnahmen, aber auch die Zahl der Krieger und der Bediensteten.
Zwei Tage lang hatte er versucht, das Schloss dieses Raumes aufzubrechen, doch Tanfalas war schlau und vorsichtig gewesen. In seinem Zimmer befand sich kein scharfer Gegenstand, nicht einmal Messer und Gabel zum Essen. Sein Wächter hatte selbst die schweren, bronzenen Vorhangsstangen und die Stoffbahnen entfernt, doch die waren auch nutzlos gewesen, wenn er an Flucht dachte. Sein Gemach befand sich im oberen Stockwerk des Hauses, hoch über dem Hof.
Es gab kein anderes Möbelstück, als das schwere Bett und alleine der Anblick auf die seidenen Laken bereitete ihm Übelkeit. Es erinnerte ihn einzig an Tanfalas. Er würde Arwen nie wieder berühren können, nicht, nachdem er sich mit Tanfalas beschmutzt hatte. Er fühlte sie noch immer auf seiner Haut und würde ihr nie verzeihen, wozu sie ihn gebracht hatte.
Er wagte gar nicht an Arwen zu denken, die seine Überzeugungen geteilt hatte, deren Intelligenz und Glauben ihn gestärkt hatte und die er so liebte. Er hatte sie verraten.

Allmählich machte sich bei ihm jedoch auch der Gedanke breit, dass seine Gefangennahme nur ein kleiner Teil eines weit umfassenden Planes war. Und er selbst war auf diesen geschickt gelegten Irrpfad hereingefallen! Er mochte sich nicht ausdenken, was seine Freunde dachten, nachdem die Hobbits ihnen von seiner Entführung berichtet hatte und er sah wieder klar und deutlich den Dolch vor sich, den er sich selbst aus der Schulter gezogen hatte und einen Augenblick betrachtet hatte – einen Dolch der Variag!
Sicher würden sie davon ausgehen, dass es ihr Volk gewesen war, die ihn in seiner Gewalt hatten - und dann?
Bilder von einer riesigen Schlacht tauchten vor seinem geistigen Auge auf, so real, wie es der Rest der Droge in seinem Körper und der Schlafmangel noch hervorrufen konnten. Er sah Êomer und Faramir an der Spitze seiner Armee, wie sie das Land verwüsteten und Rache nahmen.
Hübsche Vorstellung, sagte er sich verbittert. Seine Armee, die den Tod brachte, Land zerstörte und tausend von Toten und noch mehr, die heimatlos waren. So viel zu seinen Idealen und Vorstellungen von Frieden und Gesetzen, die diesen gewährleisteten. Dahin wie Sand im Wind und er sah sie verschwinden und empfand nichts weiter als Schuld. Schuld daran, dass er diesen Plan nicht durchschaut hatte, dass er seine Freunde und, vor allem, Arwen verraten hatte.
Wie hatte er auch erwarten können, dass Leben sein zivilisiert? Die Menschen waren nicht bereit, dass Gesetzt zu befolgen, sie waren Barbaren und hatten nur ein einziges Ziel, die anderen Völker zu unterdrücken und über sie zu herrschen, anstatt mit ihnen in Frieden zu leben.
Er hatte sich zum Narren gemacht, als er geglaubt hatte, dass er mit seinen edlen Zielen und seinem Ehrgeiz alles erreichen konnte. Er, der in den Verstand der Völker Ehrgefühl und in ihre Herzen Frieden bringen wollte, hatte genau das Gegenteil bewirkt – bald, oder sogar schon jetzt, herrschte Krieg, den Gondor begonnen hatte!

Aragorn schloss die Augen und presste die Stirn an die raue Mauer, niedergeschlagen und hoffnungslos.

Ein Geräusch ließ ihn herumfahren und die abrupte Bewegung sorgte dafür, dass die Umgebung und ihre Umrisse vor seinem Auge verschwammen. Er sah das Bett unscharf, mal ganz nah und dann wieder in weite Ferne gerückt und rieb sich die Augen, um so über den Schwindel Herr zu werden.
Als er die Hand wieder sinken ließ, war einen Augenblick alles in Dunkelheit getaucht und als diese durch helle Nebelschwaden vertrieben wurde, erstarrte er vor Entsetzen. Wie war das möglich?
Neun dunkle Schatten traten aus den Ecken des Zimmers hervor, nahmen langsam immer mehr Gestalt an, bis er ihre weiten, schwarzen Mäntel und die Schwerter in ihren behandschuhten Händen sehen konnte. Er vernahm das Knirschen ihrer spitz zulaufenden Eisenstiefel auf dem Steinfußboden und das schnüffelnde Riechen, während sie ihre schrillen Schreie ausstießen die schmerzhaft in seinem Kopf widerhallten. Schritt für Schritt kamen die Ringgeister näher auf ihn zu und unwillkürlich presste Aragorn sich an die Mauer – schutzlos, ohne Schwert, Dolch oder Fackel, um sich gegen sie zur Wehr zu setzen. Kälte ergriff Besitz von ihm und sein Atem bildete kleine, weiße Wölkchen. Aragorn war nicht einmal bewusst, dass er die Valar um Hilfe anflehte, wirre, elbische Sätze hervorstieß und schützend die Arme empor riss, als einer der Ringgeister sein Schwert zum Schlag erhob. Aus einem Instinkt heraus warf er sich zur Seite, hörte, wie die Klinge die Luft zerteilte und wartete auf die Berührung und den Schmerz, bis der Tot ihn erlösen würde. Der Schmerz kam tatsächlich – hervorgerufen durch die Wucht des Aufpralls, als er auf der Schulter aufkam und die Trugbilder verschwanden im gleichen Augenblick. Schwer atmend blieb er liegen, wartete, bis der Schmerz verging und schaffte es nicht, einen Moment länger die Augen geöffnet zu halten. Völlig entkräftet schlief er ein.

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Frodo wusste, dass es ein Traum sein musste. Er sah Aragorn - sein schlafendes Gesicht, dass von Schmerz und Fieber gezeichnet war, sah den Verband an seiner Schulter, der sich weiter um seinen Brustkorb schlang und das bleiche Licht, das ihn umgab, konnte weder die Vertiefungen an seinen Rippen, noch die Magerkeit in seinem Gesicht verbergen.
Jemand bewegte sich neben ihm im Licht – ein kurvenreicher Umriss, um den bis zu den Hüften eine Welle dunkler Haare fiel. Die Frau beugte sich immer weiter zu ihm herunter, legte die Hand auf seine Schulter, schüttelte ihr Haar, bis es seine bloße Brust und seinen Bauch bedeckte und neigte dann langsam den Kopf zu seinem – einen Kelch in der noch freien Hand.
"NEIN!"
Der Aufschrei ließ Frodo zu abrupt aus dem Schlaf hochfahren und alles um ihn herum begann sich zu drehen und der klopfende Schmerz erwachte in seinen Schläfen, der ihm seit dem Sturz immer noch hin und wieder zu schaffen machte. Er schloss die Augen und atmete tief die frische Luft ein, die durch das Fenster in sein Schlafgemach strömte. Er sah in der Dunkelheit zu Sam herüber, der immer noch friedlich schlief und nichts von seinem Aufschrei gehört zu haben schien – sehr zu Frodos Erleichterung, denn sein Freund hatte seinetwegen schon viele Nächte nicht mehr lange und richtig geschlafen.
Frodo stützte den Kopf in die Hände und beschwor die Bilder des Traumes wieder herauf, doch auch jetzt konnte er sich keinen Reim auf ihre Bedeutung machen, doch er fühlte in seinem Inneren, dass dies nicht einfach ein Traum gewesen war, den er sich aus Sorge um Aragorn machte. Dazu war er ihm viel zu real vorgekommen und hinterließ ein Gefühl der Angst.
Er verspürte den Drang, umgehend mit Legolas und Arwen darüber zu sprechen und schwang langsam die Beine aus dem Bett, wartete auf einen Protest seines Körpers und kam dann erst vollends auf die Füße. Das schwache Licht der Morgenröte schien durch die Fenster im Flur und die Bewegung wärmte allmählich Frodos Muskeln und vertrieben die frische und Feuchtigkeit der Nacht, die noch über die Gänge kroch. Er erreichte die Gemächer von Arwen, zögerte einen Moment, weil er fürchtete, sie könnte vielleicht noch schlafen, doch klopfte schließlich leise an die Türe.

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"Nein!"
Der Schrei war so real, dass Aragorn sofort hochfuhr und diese Bewegung schlug Tanfalas den Kelch aus der Hand, der scheppernd auf die Fliesen fiel, wo sich der rote Wein in einem Schwall ergoss.
Aragorn schüttelte die Benommenheit ab, erblickte Tanfalas und spürte, wie etwas Hässliches in ihm erwachte, genährt von seinem Hass und er fühlte sich fähig zu morden, ohne eine Waffe gegen sich gerichtet zu finden und sich verteidigen zu müssen. Jede Bewegung rief Qualen in seinem Körper hervor, doch er warf sich auf Tanfalas, drückte ihren Körper zu Boden und seine Finger schlossen sich um ihre Kehle.
Selbst jetzt lachte sie noch, lachte, als sich seine Finger in ihren Hals bohrten und umschlang seinen Körper mit ihren Beinen, presste sich an ihn – verführerisch und gierig. Ein Schrei verließ ihre Lippen, doch er war nicht von Angst, sondern von Lust erfüllt, die ihn wieder zur Besinnung brachte.
Er löste sich abrupt von ihr, stieß sich zur Seite und sah auf sie herab, völlig Fassungslos, über ihre Reaktion auf seinen Angriff. Übelkeit ergriff Besitz von ihm und er wandte sich von ihr ab, weil er ihren Anblick nicht mehr ertragen konnte. Wozu brachte ihn diese Frau nur?
Lange Zeit verging, ehe sie sich erhob und wieder lachte und genoss es, dass er zusammenfuhr.
"Wehre dich nur, Aragorn! Aber lange wirst du nicht mehr die Kraft dazu haben, dich wach zu halten - verletzt, müde und hungrig. Und hoffe nicht darauf, dass deine Freunde dich befreien werden. Diesmal nicht! Sie haben wichtigere Dinge zu tun. Ich werde dich besitzen – früher oder später, dass spielt keine Rolle!"
Die Tür fiel schwer hinter ihr ins Schloss, doch Aragorn blickte immer noch nicht auf. Sie hatte gewonnen.

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Arwens vertraute Stimme ließ Frodo eintreten und es überraschte ihn nicht im geringsten, Legolas an ihrer Seite zu finden. Beide Elben lächelten ihm freundlich zu, doch das Lächeln verbarg nicht annähernd ihre waren Gefühle, die von Sorge und Hilflosigkeit gezeichnet waren.
"Frodo! So früh schon auf den Beinen? Du solltest dir noch immer etwas Ruhe gönnen!" Arwen sah den Hobbit eindringlich an.
"Was ich euch mitzuteilen habe konnte keinen Aufschub dulden! Ich weiß zwar nicht, was es zu bedeuten hat und ob es wichtig ist, aber ich denke, ihr solltet es wissen! Es geht um Aragorn!"
Ihre Aufmerksamkeit und Neugier war sofort geweckt und Legolas zog einen Stuhl neben sie, damit Frodo Platz nehmen konnte. Keiner der Beiden unterbrach den Hobbit bis er geendet hatte, doch Legolas wartete gerade lange genug, bis Frodo einen Schluck Wasser getrunken hatte, um ihn mit Fragen zu bestürzen.
"Wie genau sah die Frau aus? Konntest du die Umgebung erkennen? Hast du sonst irgendetwas gesehen, das dir bekannt vorkam?"
Frodo versuchte, eine möglichst genaue Beschreibung der Frau abzugeben, schilderte jede Einzelheit der Umgebung, an die er sich noch erinnern konnte und sank schließlich mit einem Schulterzucken in den Stuhl zurück.
"Mehr weiß ich nun wirklich nicht mehr. Aber glaubt ihr, dass der Traum etwas zu bedeuten hat?"
Arwen und Legolas wechselten einen langen, stummen Blick miteinander und Frodo glaubte schon, sie hätten seine Frage gar nicht gehört, als Legolas sich zu ihm wandte und mehr zu sich selbst sprach, als mit dem Hobbit.
"Sie konnte nicht riskieren, von einem Suchtrupp eingeholt oder überrascht zu werden. Diese Gefahr bestand jedoch bei der Nähe zu Ithiliens Festung, in der sie den Überfall durchgeführt haben. Sie sind irgendwo in der Nähe, da bin ich mir sicher. Der Dolch sollte uns auf eine falsche Fährte locken – auf die wir auch prompt hereingefallen sind! Aber wozu hat sie sich einen solch raffinierten Plan ausgedacht? Was hat sie davon, wenn alle Truppen das Land verlassen und einen Krieg mit den Variags beginnen? Was will sie von Aragorn – oder war er nur ein Köder?"
Frodo sah abwechselnd zu Legolas und Arwen, völlig verwirrt, über was und wen der Elb da sprach, doch Arwen schien ihn genau zu verstehen.
"Von was zum Kuckuck redest du da?", forderte Frodo schließlich aufgebracht. "Und wer ist sie?"
"Tanfalas, Tochter von Enarâto, Fürst der Haradrim. Du hast sie beim Helkaannon kennen gelernt, Frodo."
Frodos Augen weiteten sich, als das Erkennen in seinem Kopf Gestalt annahm. Ja! Es war Tanfalas gewesen, die er in seinem Traum gesehen hatte. Ganz deutlich sah er sie jetzt vor sich, wie sie sich über Aragorn gebeugt hatte, ihr Haar sich um ihrer Schulter löste und auf ihn herabfiel, während sie sich zu ihm neigte – und ihn küsste!
Diese Erinnerung schien er bis jetzt verdrängt zu haben, doch sie kehrte so heftig zurück, dass er geräuschvoll die Luft einzog. Er hatte sich nur noch an den Kelch mit Wein erinnern können, doch sie hatte zuvor ihre Lippen auf seine gepresst und selbst in seiner Bewusstlosigkeit, hatte Aragorns Gesicht und Körper sich bei dieser Berührung angespannt.

"Was ist? Was hast du Frodo?" Arwen legte ihm besorgt die Hand auf die Schulter und Frodo kehrte wieder in das Zimmer zu seinen Freunden zurück.
"Es...es ist nichts. Ich... ach, ich weiß auch nicht... Ich mache mir Sorgen um Aragorn!", versuchte er, sich herauszureden. Arwen ließ sich schnell mit dieser fadenscheinigen Ausrede ablenken, doch Legolas warf dem Hobbit einen fragenden Blick zu, ließ es jedoch für den Augenblick dabei bewenden und umfasste Arwens Hand.
"Ich werde noch einmal zu der Stelle reiten, wo der Überfall stattgefunden hat. Vielleicht finde ich ja einen Hinweis, der den anderen entgangen ist. Ich rate dir aber, eine Botschaft zu Êomer und Faramir zu senden, damit sie sich mit einem Angriff auf Khand zurück halten. Es ist zwar durchaus möglich, dass die Haradrim sich mit den Variags verbündet haben, aber solange dieser Umstand nicht geklärt ist, sollten wir eine Schlacht vermeiden."
Arwen nickte kaum merklich und richtete dann ihren Blick aus dem Fenster, wo die Sonne inzwischen ihre wärmenden Strahlen über die Ebene sandte und den Morgentau vertrieb.
Legolas und Frodo standen auf und verließen das Zimmer, ohne das sie es überhaupt zur Kenntnis nahm, denn ihre Gedanken waren wieder bei Aragorn. Wie mochte es ihm wohl gerade ergehen?

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Tanfalas schlug wütend die Türe ihres Gemachs hinter sich zu und stellte den Weinkelch so heftig auf den Tisch, dass der Inhalt überschwappte und dunkle Flecken auf dem weißen Tuch verursachte. Sie schäumte vor Wut angesichts der Tatsache, dass Aragorn es jetzt schon neun Tage und Nächte ohne Schlaf ausgehalten hatte und sich den Qualen des Entzugs von Alkiach widersetzte, ohne das die Kräfte ihn verließen und er das Bewusstsein verlor. Immer wieder suchte sie das obere Stockwerk auf und spähte durch das geheime Sichtloch neben der Türe, durch das man den gesamten Raum überblicken konnte, aber jedes Mal fand sie ihren Gefangenen schwach, aber wach in der Ecke hocken oder wie ein eingesperrtes Tier durch das Zimmer wandern, immer hin und her, von einer inneren Unruhe getrieben.
Einen Moment spielte Tanfalas mit dem Gedanken, einfach drei ihrer Wachen auf ihn zu hetzen, die ihn packen konnten, während sie ihm den Wein mit Gewalt einflößte, doch dann lächelte sie gefährlich ruhig ihrem eigenen Spiegelbild zu. Nein! Sie wollte ihn völlig zur Verzweiflung treiben! Sollte er doch diesen Entzug hinter sich bringen, dann würde er es ein zweites Mal sicher nicht wieder versuchen all diese Qualen durchstehen und nach Alkiach betteln! Irgendwann würde er schlafen müssen und sie wusste auch schon, wie sie ihm das Wachbleiben erschweren würde! Sie würde jedes Licht völlig aus seiner Zelle verbannen und die Dunkelheit würde ihm seinen Kampf noch erschweren. Schon jetzt konnte sie sehen, dass es ihm unendlich schwer viel, die Augen geöffnet zu halten, wenn erst die Dunkelheit ihn einhüllte, ihn mit ihrer Erlösung locken würde und er sich nicht mehr anders ablenken konnte, dann würde er sich seiner Müdigkeit nicht mehr erwehren können. Der Schlaf würde kommen, mit seinen süßen Verführungen locken, in denen sich sein Geist und sein Körper erholen konnten, dass, wonach jede Faser seines Wesens schrie! Erholung! Doch Erholung würde er nur für kurze Zeit verspüren, denn sie würde ihre Chance bekommen und den Weg zu ihrem Ziel erneut einschlagen.
Sie hatte etwas, was Aragorn sicher nicht hatte – Zeit! Niemand wusste, wo sie sich aufhielten, oder das sie und ihr Vater überhaupt hinter der Entführung steckten. Ja, sie hatte alle Zeit, die sie brauchte um ihre Ziele zu erreichen und wenn sie Aragorn zudem noch in der ständigen Angst ließ, jederzeit einzuschlafen und die Droge verabreicht zu bekommen, würde sie seinen Willen noch zusätzlich zermürben!
Ihr Lächeln wurde zu einem heiseren Lachen, bis sie schließlich den Kopf in den Nacken warf und ihre Belustigung regelrecht hinausschrie, sodass der Klang ihrer Freude durch die Flure hallte.