Achtes Kapitel
„Verlorenes Vertrauen"
Aragorn hatte geglaubt,
dass Tanfalas keine weiteren Grausamkeiten mehr einfallen würden,
doch sie hatte ihm das Gegenteil bewiesen. Nach ihrem letzten Besuch
bei ihm, hatte sie von ihren Wächtern die Fenster verriegeln
lassen, sodass nicht der geringste Lichtstrahl mehr hindurchdringen
konnte und selbst durch den Türspalt drang nur die Fackel des
Wächters, wenn der ihm in unregelmäßigen Abständen
das Essen brachte. Er saß in völliger Dunkelheit, hatte
jedes Zeitgefühl verloren und musste noch stärker gegen die
Müdigkeit ankämpfen. Immer wieder fielen ihm die Augen zu,
doch er schreckte jedes Mal angsterfüllt hoch, wenn er auch nur
das kleinste Geräusch vernahm.
Dass er vom Licht ausgesperrt
war, widersprach seiner Natur, da er sich immer mit seiner Umwelt
verbunden gefühlt hatte und ihr Licht und die Vielzahl von
Farben ihm immer Kraft verliehen hatten, doch die Panik hatte nicht
lange angehalten. Er hatte angefangen, sich alle Einzelheiten der
Landschaft, die er so sehr liebte, ins Gedächtnis zu rufen –
ihre Formen und Farben, die Menschen Gondors und seine Freunde und
versuchte, Halt in seinen Erinnerungen zu finden.
Das Schlimmste
des Entzugs hatte er hinter sich, bis auf leichte Kopfschmerzen dann
und wann, aber er wurde nicht mehr durch Visionen gequält, Hitze
und Kälte wechselten sich nicht mehr ab und das Zittern seiner
Hände hatte nachgelassen. Körperlich hatte er sein
Gleichgewicht wieder gefunden, doch in seiner Seele tobte noch immer
der Schmerz, den er am Liebsten herausgeschrieen hätte, bis
seine Stimme versagte, doch was würde das bringen? Die Wunde in
seinem Bein war völlig verheilt, doch seine Schulter schmerzte
noch immer und schränkte ihn in seinen Bewegungen ein.
Das
Quietschen von Angeln ein paar Augenblicke, ehe eine Fackel
rotgoldenes Licht in die Zelle warf, ließ ihn aufhorchen. Er
bedeckte sein Gesicht und wandte sich ab, um seine Augen zu schonen,
die angesichts des Lichts anfingen zu brennen und zu tränen.
"Die
Valar segnen euch, König!", grüßte eine
männliche Stimme spöttisch und Aragorn nahm die Hände
von seinen Wangen, öffnete die Augen einen Spalt breit und
wischte die Tränen fort, aber er konnte Enarâtos Blick
noch nicht erwidern.
"Ihr seht schrecklich aus, mein Lieber.
Habt ihr so viel Angst vor Alkiach, dass ihr das Essen immer noch
verweigert?"
Er lachte auf und Aragorn bemühte sich,
nicht zusammenzufahren. Er konnte die Augen jetzt ohne allzu große
Schmerzen öffnen und nachdem er die letzten Tränen
fortgewischt hatte, sah er den Fürsten an, der unbeirrt fortfuhr
zu sprechen.
"Du würdest mich und meine Tochter gerne
umbringen, nicht war? Aber dafür bist du zu feige und das
entspräche auch nicht deinen Überzeugungen! Erzähl
mir, König, ist dir dein Leben so teuer und dein Vertrauen in
deine Freunde so groß, dass du freiwillig all das hier
erträgst? Glaubst du wirklich daran, dass sie dich befreien
werden? Oder liebst du das Leben etwa noch mehr, als du uns hasst?"
Wieder lachte er. "Dir scheint da eine Kleinigkeit entgangen zu
sein! Hass geht über alles, Hass ist das Einzige von Bestand.
Der Hass hat dich bisher am Leben erhalten, nicht wahr?"
Er
machte einen weiteren Schritt auf Aragorn zu und das Licht flackerte
in Schattenmustern auf, was die scharfen Züge und die Magerkeit
von Aragorns Gesicht noch hervorhob.
"Ich werde jetzt nach
Minas Tirith reiten und endlich einnehmen, was meinem eigentlichen
Stand entspricht. Dank meiner kleinen Ablenkung ist die Stadt jetzt
völlig schutzlos und leer – bis auf eure Gemahlin! Und es wird
mir Freude bereiten ihr zu berichten, dass der Mann, so wie sie ihn
kennt und für den sie sogar ihre Unsterblichkeit geopfert hat,
nicht mehr existiert. Was würde ich doch darum geben, wenn sie
euch jetzt sehen könnte! Gebrochen und nur noch ein Schatten
seiner selbst!" Lachend wandte Enarâto sich ab und wollte
das Zimmer verlassen, doch als er die Türe erreicht hatte,
erklang Aragorns Stimme – ruhig und bestimmt.
"Genießt
euer Hass auf mich, solange ihr noch könnt, Enarâto, wenn
Hass für euch Leben bedeutet. Es wird enden, wenn ich euch meine
Klinge ins Herz stoßen werde."
Enarâto erstarrte
für einen Moment, dann war er fort und die Türe schloss
sich wieder. Aragorn lag ein Lächeln auf den Lippen, das ihn
selbst überraschte.
ooOOoo
Tanfalas erwartete
ihren Vater im Burghof, umringt von einer großen Gruppe ihrer
fähigsten Krieger, die bereits zu Pferde saßen. Wortlos,
aber mit versteinertem Gesicht drückte Enarâto seiner
Tochter die Fackel in die Hand, die er immer noch mit eisigem Griff
gehalten hatte und schwang sich ebenfalls in den Sattel.
"ich
hoffe du weißt, was du tust, Tochter! Ich behaupte immer noch,
dass es besser wäre, diesem Mann ein Messer in die Rippen zu
stoßen!"
Tanfalas wollte etwas erwidern, doch ihr Vater
hatte bereits an den Zügeln gezogen und sein Pferd setzte sich
in Bewegung.
Tanfalas sah ihm verunsichert nach. Hatte sie sich
getäuscht, oder war es Angst gewesen, die sie in den Augen ihres
Vaters gesehen hatte?
ooOOoo
Legolas erreichte die
Stelle, an dem der Überfall stattgefunden hatte und schwang sich
von Arods Rücken, überließ den Hengst sich selbst,
völlig sicher, dass es sich nicht zu weit von ihm entfernen
würde und ging im Sand in die Hocke.
Viel war von den Spuren
nicht mehr übrig geblieben, denn der Suchtrupp, Wind und Regen
hatten in den vergangenen zehn Tagen die meisten verwischt. Dennoch
suchte Legolas jede Stelle gründlich ab, fand einen kleinen Teil
der getrockneten Blutspuren auf felsigerem Boden, die noch immer
kürzeren Grasstellen, an denen die Pferde gefressen hatten und
einen einzelnen Hufabdruck in einer ausgetrockneten Pfütze, die
im schattigen Schutz eines Felsen lag. Immer wieder ging er zwischen
den Fundorten auf und ab, beschwor vor seinem geistigen Auge die
Geschehnisse, die Frodo und die anderen Hobbits ihm immer wieder
geschildert hatten und verbesserte ihren Bericht in verschiedenen
Punkten, aufgrund der Erkenntnisse, die ihm diese wenigen Spuren
verrieten.
Doch die Hoffnung, vielleicht einen versteckten Hinweis
auf das Versteck von Aragorn zu finden, blieb unerfüllt und so
setzte er sich auf einen der Felsen, die im Schatten lagen und ließ
seine Augen über das Gebirge schweifen. Seine elbischen
Fähigkeiten ließen ihn viele Einzelheiten sehen, die dem
menschlichen Auge verborgen geblieben wären – Höhlen,
dichteres Gestrüpp oder kleine Wasserläufe und sein Blick
schweifte weiter, bis er selbst die Spitze des Morannon .klar
erkennen konnte und dann das Aschengebirge absuchte, dass sich
Richtung Osten erstreckte – und plötzlich in seiner
Beobachtung inne hielt.
Täuschte er sich, oder sah er eine
schwache Staubwolke aufsteigen – hervorgerufen durch eine große
Gruppe Reiter, die sich im schnellen Tempo nach Westen bewegte? Er
versuchte, sich noch mehr auf diese Stelle zu konzentrieren und kniff
die Augen zusammen, wobei er auch andere Erklärungen für
die Ursache dieser Staubwolke in Erwägung zog, sich aber immer
sicherer wurde, dass seine erste Erklärung die richtige
war.
Hastig suchte er weiter Richtung Osten das Gebirge ab und
fand, wonach er suchte und sein Herzschlag beschleunigte sich. So
weit entfernt, dass selbst er Mühe hatte es richtig zu sehen,
sah er dünne Rauchschwaden aufsteigen, dort musste ein Feuer
brennen, doch kein freies, sondern durch einen Kamin vom Ruß
befreit.
Zwei Tage und Nächte entfernt, überlegte er bei
sich. Genau die richtige Entfernung um sicher zu gehen, dass der
Vorsprung groß genug war, um nicht von Suchtruppen erblickt zu
werden und wenn sie den beschwerlichen Weg durch die Hochebene
genommen hatten, dann konnte man das Ziel auch in anderthalb Tagen
erreichen! Und jetzt, überlegte er. Sollte er nach Minas Tirith
reiten um die noch verbliebenen Truppen zusammen zu rufen und mit
ihnen einen Befreiungsversuch wagen? Doch dann würden die Stadt,
Arwen und die Freunde ungeschützt sein! Außerdem würde
eine Gruppe von Reitern sicher schneller entdeckt werden, als ein
einzelner Reiter!
Ohne weiter nachzudenken sprang Legolas vom
Felsen, lief behände den Hügel herunter und fand Arod an
der Stelle, wo er ihn zurück gelassen hatte. Im nächsten
Moment war er im Sattel, fasste die Zügel und lenkte den Hengst
auf die Hochebene zu – von neuer Hoffnung erfüllt.
ooOOoo
Arwen
saß mit Eowyn zusammen in ihrem Gemach und versuchte sich
abzulenken, als ganz plötzlich die Außentüre
aufgerissen wurde und Bergil hereinstürmte. Er lief auf Arwen
zu, schmiss sich in ihre Arme und verbarg sein Gesicht an ihrer
Schulter. Sie zog ihn an sich und versuchte, seine gestammelten Worte
zu verstehen, während sie ihn sacht hin und her wiegte und ihm
das weiche Haar aus der Stirn strich.
"Aber, aber mein Junge.
Was ist denn los?", versuchte sie ihn zu beruhigen.
"Ich...,
ich... Warum bin ich nicht mit geritten? Ich...soll doch auf meinen
Herrn aufpassen..."
Arwen schob Bergil ein Stückchen von
sich fort, der sich augenblicklich bemühte, wieder die Fassung
zu erlangen. Er sah erschöpft aus, so, als habe auch er in den
letzten Nächten wenig geschlafen. Ein junger Mann blickte sie
aus seinen Augen an, kein Knabe mehr, auch wenn das Gesicht noch das
eines Kindes war und sie musste daran denken, wie Aragorn ihn beim
Helkaannon schon scherzhaft als Mann bezeichnet hatte.
Sorgen
zeichneten die Züge von Bergil, die viel zu groß waren für
einen Jungen seines Alters.
Bergil",, begann sie mit sanfter
Stimme. ", dich trifft nicht die geringste Schuld. Keiner von
uns konnte ahnen, was passieren würde, noch dazu in unseren
sicheren Grenzen. Mach dir keine Vorwürfe..., selbst er hat sich
nicht schützen können – es waren einfach zu
viele."
"Aber..." Rebellion flackerte in seinen
Augen auf, angesichts des Angriffs auf seine Männlichkeit, die
er hinter ihrer Äußerung vermutete, doch ein Lächeln
von Arwen ließ seine Züge wieder milder werden.
"Legolas
wird ihn finden, da bin ich mir sicher. Es geht Aragorn sicher gut
und er wird bald wieder bei uns sein!", versuchte sie den
Knappen zu beruhigen, doch sie zuckte zusammen, als ein Bild vor
ihrem geistigen Auge auftauchte, dass sie seit Frodos Traum nicht
mehr losließ.
Bergil sah den Ausdruck in ihrem Gesicht. "Ihr
solltet schlafen, Herrin.", meinte er und stand auf, jeder Zoll
der junge Knappe, der sich um die Gesundheit seiner Herrin sorgte,
doch kaum einen Atemzug später legte er die Arme um sie –
jetzt war er wieder der kleine Junge.
ooOOoo
Legolas
kauerte auf der Spitze eines Ausläufers direkt über dem Hof
des Hauses, das sich an die Felswand schmiegte und beobachtete die
wenigen Wachposten, die das Tor sicherten. Sie fühlten sich
anscheinend sehr sicher, denn sie hatten sich im Schatten
niedergelassen, ihre Speere an die Mauer gelegt und zogen an ihren
Pfeifen, ihre Rücken dem Hof zugewandt.
Legolas'
Aufmerksamkeit wandte sich dem Gebäude zu und sofort blieb sein
Blick an dem Fenster hängen, dass ganz oben lag und mit schweren
Brettern vernagelt war. Dort musste Aragorn gefangen gehalten werden,
überlegte er.
Auf dem Weg hierher hatte er sich vor der
Truppe von Enarâto verstecken müssen, die seinen Verdacht
bestätigt hatte, dass er sich auf dem richtigen Weg befand und
er hatte Arod keine Rast mehr gegönnt, bis er sein Ziel erreicht
hatte. Jetzt stand der Hengst weiter unten versteckt, in der Nähe
einer kleinen Quelle, wo genug Gras wuchs.
Legolas wartete ab, bis
die Sonne vollends hinter den Bergen gesunken war und die Schatten
der hereinbrechenden Nacht ihn noch besser verbergen würden,
dann gab er seinen Posten auf und kletterte geschwind die Felsen
hinab in den Hof. Ungesehen schaffte er es bis in die Eingangshalle
und die Wärme eines Feuers schlug ihm entgegen. Legolas ließ
keine wichtige Zeit verstreichen, sondern strebte sofort auf die
Treppe zu, die sich zu seiner Linken erhob und in die oberen
Stockwerke führte und der Schein der Fackeln warf seinen
tanzenden Schatten an die Wände. Dies war aber auch der einzige
verräterische Beweis seines Eindringens, denn er verursachte
nicht das kleinste Geräusch, lauschte seinerseits auf jede noch
so kleine Andeutung eines Haradrim und gelangte schließlich in
das obere Stockwerk. Auf jeder Etage hatte ein Wachmann gestanden,
doch sie fühlten sich bereits siegessicher und waren in dem
Glauben, dass die Torwächter wohl Alarm schlagen würden,
wenn sich jemand der kleinen Festung näherte, deshalb waren sie
sehr nachlässig mit ihrer Bewachung und Legolas konnte
unentdeckt hinter ihren Rücken den nächsten Aufgang
erreichen. In der dritten Etage verhielt es sich nicht viel anders,
auch wenn immerhin vier Wachposten in einem Vorraum zusammen saßen
und sich die Zeit mit dem Erzählen ihrer Heldentaten vertrieben,
lauthals lachten und dabei mit den Fäusten auf den Tisch
schlugen.
Legolas fiel auf, dass dieser Gang in fast völliger
Dunkelheit gehalten wurde und nur durch wenige Fackeln beleuchtet
wurde, doch er dankte den Valar dafür, denn so würde er
sich noch besser in den Schatten verbergen können, für den
Fall, dass einer der vier Haradrim doch noch nach Hilfe schreien
konnte.
Legolas zog entschlossen seine Kurzschwerter hinter seinem
Rücken hervor, atmete noch einmal tief durch und stürzte so
schnell in den Raum, dass die Wächter ihn erst richtig
erfassten, als der Erste bereits mit durchgeschnittener Kehle am
Boden lag. Er sprang auf den Tisch, stieß gleichzeitig eines
der Schwerter seinem Gegenüber in die Brust und vollführte
dann eine geschickte Drehung, die den beiden Anderen die Köpfe
von den Schultern rissen. Der Angriff hatte nicht länger als
mehrere Wimpernschläge gedauert und Legolas wischte die Klingen
an der Kleidung seiner Opfer ab, bevor er die Schwerter wieder hinter
seinen Rücken schob und den Schlüssel ergriff, der noch
immer auf dem Tisch lag.
ooOOoo
Aragorn fuhr hoch, als
sich der Schlüssel im Schloss drehte und die Türe mit einem
Knarren aufsprang. Das Plötzliche Licht traf ihn hart in den
Augen und er riss den Arm empor, doch die Tränen rannen ihm von
diesem winzigen Moment schon die Wangen hinab.
"Aragorn!"
Die Stimme ließ ihn zusammenzucken und im nächsten
Augenblick verdunkelte Legolas' Schatten das grelle Licht und
Aragorn blinzelte seinen Freund ungläubig an. Er streckte die
Hand nach dem Elben aus, weil er sich vergewissern wollte, nicht
wieder von einer Vision heimgesucht worden zu sein und schon schob
sich ein helfender Arm unter seine Schulter und zog ihn
hoch.
"Legolas?"
"Komm. Für Erklärungen
ist später Zeit."
Aragorn sammelte Kraft und löste
sich dann von seinem Freund, um ihm zu folgen. Fackelschein erhellte
die Korridore und vielen Treppen und mehrmals mussten sie stehen
bleiben, weil Aragorn sich an die Wand lehnen musste, da der
Schwindel ihn schüttelte. Endlich gelangten sie in einen Raum,
der von einer Feuerstelle in der Ecke von Wärme und Licht
erfüllt wurde und Legolas strebte auf die schwere Eichentüre
zu, hielt sich immer an der Wand und sah sich immer wieder nach
Aragorn um, dessen Schritte zwar immer sicherer wurden, dessen Atem
aber von der ungewohnten Anstrengung rasch ging.
Unbehelligt
gelangten sie ins Freie. Legolas wollte sogleich wieder den Rückweg
antreten, doch Aragorn hielt inne, zog die kühle Abendluft tief
ein und glaubte, von der Vielzahl der Gerüche und Eindrücke
erschlagen zu werden. Wie sehr hatte er all das vermisst, schon fast
vergessen, wie das trockene Gras und der Sand rochen, doch Legolas
neben ihm strahlte eine solche Unruhe aus, dass Aragorn sich zwang,
sich von dem Bedürfnis, alles in sich aufzunehmen, abzuwenden.
Er folgte dem Freund bis zur Felswand, doch als der Elb begann, sich
an der rauen Kante emporzuziehen, wusste er, dass seine Schulter ihm
diesen Rückweg verweigern würde. Fast gleichzeitig erklang
aus den Ställen an der anderen Seite des Hofes ein schrilles
Wiehern und Aragorn fuhr herum. Er hätte Brego auch unter
hunderter anderer Pferde herausgehört und jetzt schien der
Hengst ihn eindringlich zu rufen. Auch Legolas sah zum Stall herüber,
wechselte einen Blick mit Aragorn und war genauso rasch wieder an
dessen Seite, wie er eben den Aufstieg begonnen hatte. Gemeinsam
schlichen sie zum Eingang der Stallungen und Aragorn öffnete die
Türe gerade soweit, dass er hineinschleichen konnte.
Im
dämmrigen Licht fand er Brego schnell und freudig warf dieser
den Kopf zurück und schnaubte, als er seinen Herrn erkannte.
Der
Hengst grub sein weiches Maul in Aragorns ausgestreckte Hand, machte
einen Schritt auf ihn zu und stupste ihm verspielt gegen die Brust,
ließ sich von Aragorn am Halfter packen und genoss die
Streicheleinheiten seines Herrn.
Aragorn umfasste Bregos Hals und
lehnte den Kopf dagegen, bemüht, mit jeder Berührung die
Wärme des Tieres in sich aufzunehmen, denn erst jetzt wurde ihm
wieder bewusst, dass er außer seinen Beinlingen und dem
notdürftigen Verband nichts trug, was ihn vor der Kälte
geschützt hatte.
Ein Pfiff erklang und riss Aragorn aus
seiner Starre. Er fasste Brego fester, beschleunigte seinen Schritt
zur Stalltüre und war gerade im Hof, als er schon die ersten
Rufe der Wachen vernahm. Die beiden Torwächter lagen regungslos
am Boden und ein Flügel war soweit aufgestoßen, dass
Aragorn Legolas sehen konnte, der wartend, mit seinem Bogen in der
Hand bereits den Hof verlassen hatte. Aragorn schwang sich auf Bregos
Rücken und unterdrückte ein Stöhnen, als der Schmerz
dabei durch seine Schulter fuhr, brauchte Brego jedoch nicht den
kleinsten Befehl zu erteilen, der sich sofort in Bewegung setzte.
Kaum hatten sie Legolas erreicht, als Arod aus der Dunkelheit
herangaloppierte, sein Reiter behände in den Sattel sprang und
Brego folgte.
Schreie wurde hinter ihnen laut und Aragorn war so
angespannt, als erwarte er jeden Augenblick einen Pfeil im Rücken,
doch die wenigen Wachleute, die noch in der kleinen Festung waren,
schafften es nicht rechtzeitig, die Zinnen der Mauer zu erreichen um
die Flüchtigen aufzuhalten – sie waren bereits außer
Reichweite.
ooOOoo
Die Mittagssonne brannte auf
Aragorns ungeschützten Rücken und er wusste, dass sie bald
anhalten mussten, um vor der größten Hitze des Tages
Schutz zu suchen, sonst würde er nicht bis Minas Tirith
durchhalten.
Die Nacht und der Morgen waren in absolutem Schweigen
vergangen und Aragorn war froh, dass er vorausritt und Legolas nicht
ansehen musste, denn er hatte den Blick des Elben gesehen, als sie
seine Zelle verlassen hatten und das Licht der Fackeln unbarmherzig
seinen Zustand enthüllt hatte. Legolas hatte kein Wort darüber
verloren, doch er hatte das Entsetzen in dessen Augen gesehen und
sein Schmerz rief auch wieder die Qual in seinem Herzen wach. Er
verdiente dieses Mitgefühl nicht, nicht, nachdem er seine
eigenen Ideale verraten hatte und somit auch die seiner Freunde, die
immer an ihn geglaubt hatten.
Sie hielten sich immer dicht an den
Hügeln, wo sie ein wenig Schatten finden konnten und Aragorn
suchte sie nach einem Schutz oder einer Höhle ab. Er hörte
das leise Schlurfen der Hufe hinter sich und das gedämpfte
klirren der Zügel, als Arod den Kopf warf, doch er sah sich
nicht nach Legolas um.
Plötzlich scheute Brego, bäumte
sich so heftig auf, dass Aragorn sich nicht mehr halten konnte.
Legolas packte zu, verfehlte ihn und wäre fast selbst gestürzt
und Aragorn fiel.
Brego, nun frei von jeder Last, galoppierte Hals
über Kopf davon. Legolas sprang ab, die Zügel um seine Hand
gewunden, weil Arod verzweifelt versuchte, sich seinem Artgenossen
anzuschließen.
"Aragorn.." Er bückte sich zu
seinem Freund herunter, der benommen im Sand liegen geblieben war und
sich nun schwerfällig auf die Seite rollte.
Als Legolas sah,
dass Aragorn noch bei Bewusstsein war, suchte er die Umgebung nach
der Ursache für die Panik der Pferde ab, während er immer
noch mit Arod kämpfte und versuchte, ihn zu beruhigen. Dann sah
er sie – die geflügelten Untiere, die nach der letzten
Schlacht im Ringkrieg lebend davon gekommen waren und sich in Mordor
verkrochen hatten. Sie zogen weite Kreise über der Ebene und
ihre Flügel zeichneten sich gegen den blauen Himmel ab, während
der erste Schrei der Bestien die Stille zerriss. Legolas begriff,
dass die Pferde instinktiv das Richtige verlangten – sie wollten
nichts anderes als Schutz zu suchen. Also gab er Arod frei, packte
Aragorn und zog ihn auf die Hügel zu, um sich im Schatten zu
verbergen.
Aragorn presste sich gegen die Felswand und stand da,
wie angewurzelt, als er zu den Untieren empor sah und fand sich in
einer seiner Visionen wieder, nur, dass die Bestien diesmal
leibhaftig über ihm kreisten. Seine Vision erwachte wieder zum
Leben, wie sich diese Ungeheuer auf ihn und seine Freunde stürzten,
wieder und wieder auf sie losgingen und immer mehr Blut floss, das
aus ihren Rachen tropfte, während sie ihre Zähne immer
wieder in ihre Opfer schlugen und ihre schlangenartigen Hälse in
den Himmel reckten und immer wieder ihre Schreie ausstießen.
Mit
einem Aufkeuchen schwankte er, die Schreie ließen ihn schaudern
und sein Blut rauschte in seinen Ohren, seine Augen waren wie
Schlitze und er konnte den Blick nicht vom Himmel wenden.
Eine
Berührung an seinem Arm durchfuhr ihn wie ein Schwertstreich und
er starrte in die blauen Augen von Legolas, die so ruhig und kühl
waren und ein Zittern durchlief ihn und er taumelte von Legolas fort,
hinaus in den Sand, wo er auf die Knie fiel.
In der Nähe
hörte er die riesigen Schwingen schlagen, die sich jedoch schon
wieder entfernten und dann umfing ihn Dunkelheit.
Die Schatten
der Hügel senkten sich allmählich auf ihn und kühlten
die sonnenverbrannte Haut auf seinem Rücken und seinen
Schultern. Er setzte sich auf und bemerkte benommen, dass die Pferde
neben dem kleinen Lager standen, dass Legolas errichtet hatte. Der
Elb saß neben ihm und sah ihn prüfend an, wie er dort saß,
den Kopf auf die Knie gestützt und Blut aus seiner Wunde an der
Schulter sickerte und über den Rücken rann. Endlich brach
Legolas das Schweigen.
"Ich weiß nicht, was Tanfalas
dir angetan hat, aber ich kann sehen, was es aus dir gemacht hat.
Aragorn. Was auch immer geschehen ist, es macht keinen schlechteren
Menschen aus dir, aber ich sehe, dass du genau das denkst. Quäle
dich nicht selbst – dich trifft nicht die Schuld daran, wie alles
gekommen ist."
Fast hätte Aragorn gelacht. Wenn es nicht
seine Schuld war, wessen dann, fragte er sich im Stillen? All die
gespielte Zivilisation, Vernunft, Ehre – sie alle waren nichts. Er
hatte all das vergessen, als er darum gekämpft hatte, am Leben
zu bleiben, hätte jedes Mittel eingesetzt, um seiner Lage zu
entkommen – selbst getötet. Er hatte den Hass gespürt,
spürte ihn noch immer und fühlte, dass er im Grunde nicht
besser war, als Enarâto oder Tanfalas, mit dem einzigen
Unterschied, dass diese sich oder anderen nie etwas vorgemacht
hatten.
"Sprich endlich mit mir, Aragorn!", forderte
Legolas, doch Aragorn sah ihn nur lange und schweigsam an, bis ein
langer Atemstoß schaudernd über seine Lippen kam und er
den Blick senkte.
"Ich muss leben, damit ich töten kann
– welche Ironie!", brachte er kaum hörbar hervor, kam auf
die Füße und ging zu Brego herüber, was eindeutig als
Aufforderung galt, ihren Weg fortzusetzen.
ooOOoo
Enarâto
hatte seine Truppen nahe an Minas Tirith herangeführt und gut
sichtbar für die verbliebenen Bewohner sein Lager aufgeschlagen.
Seine Truppen übertrafen die Wachleute aus Gondor bei weitem,
eine Schwäche, die er jederzeit ausnutzen konnte – und doch
griff er nicht an. Noch nicht!
Er saß in seinem kühlen
Zelt an einem kleinen Tisch, auf dem sein Essen hergerichtet worden
war, nahm seinen silbernen Kelch und sah in sein Spiegelbild auf der
polierten Oberfläche. Voll Genugtuung und Zufriedenheit über
das, was er sah, trank er den Becher in einem Zug leer, verschluckte
sich aber fast, als ein Aufruhr vor dem Eingang seines Zeltes
losbrach. Ein Knappe trat ein, verneigte sich kurz und begann zu
sprechen.
"Verzeiht mir, euer Gnaden, aber...!"
Die
Zeltklappen zerteilten sich, noch bevor der Knabe weitere Erklärungen
abgeben konnte und zeigte ihm eine Frau, die er nicht zu sehen
erwartet hatte.
"Tanfalas!"
Sie machte eine knappe
Verbeugung und ihre Augen blickten mürrisch und kühl.
"Heraus!",
brüllte er seinen Bediensteten zu. "Glaubt ihr etwa, meine
Tochter wäre gekommen um mich zu töten? Raus mit euch!
Alle! Ich will mit ihr alleine reden!"
Tanfalas befreite sich
von dem staubbedeckten Umhang, der sie gegen die Sonne geschützt
hatte, ließ ihn unbeachtet auf dem Boden liegen, setzte sich,
ohne eine Aufforderung abzuwarten und goss sich selbst Wein in den
Kelch ihres Vaters. Als sie ihren Durst gestillt hatte, begann sie
sofort ihre Erklärung für ihr unerwartetes kommen.
"Er
ist entkommen! Einer seiner Freunde hat das Versteck entdeckt und ihn
befreien können! Diese Trottel von Wachleuten! Ich werde ihnen
noch die nötige Strafe zukommen lassen! Ich habe mich umgehend
auf den Weg zu dir gemacht – ohne jede Rast. Dabei dürfte ich
den König eingeholt haben, aber es wird nicht lange dauern, bis
auch er in Minas Tirith eintrifft."
Mit dem Handrücken
wischte sie sich den Schweiß von der Stirn, was schmutzige
Striemen auf ihren Wangen hinterließ und Enarâto an das
kleine, dreckige Mädchen erinnerte, dass nach dem Spielen in
seine Gemächer gestürzt war, um sich an ihn zu werfen und
ihm alles zu berichten, was sie getan hatte.
Doch diesmal blieb
sein Lächeln nach dem Bericht seiner Tochter aus, die Erinnerung
verblasste und Wut stieg in ihm hoch – Wut über sich selbst,
dass er noch nicht die Stadt eingenommen hatte.
"Rasch. Bevor
der König eintrifft will ich, dass alle Truppen sich formiert
haben und angriffsbereit sind. Außerdem soll ein Bote umgehend
die Truppen hinter unseren Grenzen informieren. Es ist Zeit, dass
Elessar weiß, dass er nicht gegen eine Horde planloser Orks
kämpft."
Tanfalas rauschte aus dem Zelt und er hörte,
wie sie die Befehle den Wachleuten zurief und umgehend Hektik im
Lager ausbrach.
"So, Elessar! Jetzt werden wir also sehen, ob
ihr nur reden oder auch kämpfen könnt!"
ooOOoo
Aragorn
und Legolas wurden von Bergil sofort entdeckt, der einen
ausgezeichneten Aussichtspunkt vom weißen Turm aus hatte. Immer
zwei Stufen auf einmal nehmend rannte er los, konnte immer wieder nur
knapp einen Sturz abfangen, wenn er stolperte, verringerte aber sein
Tempo nicht im geringsten, bis er endlich die Halle
erreichte.
"Herrin! Herrin! Er ist da! Legolas hat ihn
zurückgebracht!"
Arwen sprang von ihrem Stuhl auf und
Eowyn und die Hobbits taten es ihr gleich und liefen hinter ihr aus
der Halle in den Hof hinaus, wo sie gerade eintrafen, als die beiden
Reiter von ihren Pferden abstiegen.
Abrupt blieben die Freunde
hinter Arwen stehen, die ebenfalls mitten im Lauf stehen geblieben
war und fassungslos auf Aragorn starrte, der langsam die Stufen empor
kam.
Er wusste, was sie sehen musste und ihr Schmerz tat mehr
weh, als sein eigener, doch er war nicht in der Lage, ihr ein
tröstendes Wort zu sagen, oder sie zu berühren. Niemand
wagte es, sich ihm zu nähern, das spürte er deutlich, denn
die Luft war erfüllt von ihrem Entsetzen und von der Erkenntnis,
dass er nicht mehr der Mann war, den sie kannten. Sie fürchteten
seine Reaktion, denn in seinem Blick, das wusste er, lagen all die
Gefühle, die an seiner Seele zerrten und die er nur mit Mühe
beherrschen konnte.
Als er langsam an seinen Freunden vorbei ging,
ohne einem von ihnen in die Augen zu sehen, war es Eowyn, die als
einzige den Mut aufbrachte, ihn aufzuhalten.
"Aragorn!"
Sie packte seinen nackten Arm und ihre kühlen Finger berührten
ausgesprochen schmerzhaft seine sonnenverbrannte, blasige
Haut.
"Nicht jetzt, Eowyn." Die gefährliche Ruhe in
seiner Stimme ließ sie zurückschrecken und sie zog so
rasch die Hand zurück, als habe sie sich verbrannt.
Erst, als
er durch das große Tor in die Halle getreten war, lösten
sich die Freunde aus ihrer Starre und wandten ihre Aufmerksamkeit
Legolas zu, der bei ihnen stehen geblieben war.
"Was ist
geschehen? Hat er dir etwas gesagt?" In Arwens Frage lag die
ganze Sehnsucht nach einer Erklärung, die ihr Aragorns Verhalten
verständlicher machen würde, die Züge gewappnet gegen
die Schreie, die sie nicht hatte ausstoßen wollen oder konnte,
so sehr litt sie mit ihm.
Legolas schüttelte traurig den
Kopf, denn er hätte ihr gerne geholfen, leichter mit seiner
Reaktion umgehen zu können und ihr die Qual zu ersparen, die nun
über sie herrschte.
Doch Arwen straffte zu seiner
Verwunderung die Schultern, drehte sich um und rannte hinter Aragorn
her.
Kurz vor ihrem Gemach holte sie ihn ein und er blieb abrupt
stehen, als sie sich ihm in den Weg stellte. Das erste Mal trafen
sich ihre Blicke und wieder jagte ein Schauer über ihren Rücken,
als sie in seinen Augen sah was er fühlte. Sie überlegte
fieberhaft, wie sie ihn endlich zum Reden bewegen konnte und wählte
in ihrer Verzweiflung Worte, die ein großes Risiko bedeuteten,
aber sie kannte ihn – diesen Mann - schwer geprüft und seines
Stolzes beraubt. Es würde ihn entweder brechen, oder ihn ihr
zurückgeben.
"Aragorn, du gehörst mir. Sie könnte
dich mir niemals fortnehmen. Der Einzige, der das könnte, bist
du selbst und ich würde dich niemals aufgeben oder gehen lassen
– denn das war ihr Ziel und ich lasse es nicht zu, dass sie es
erreicht!"
""Ich will nicht, dass du jemanden
bekommst, der so beschmutzt ist.", stieß er mit rauer
Stimme hervor und trat von ihr fort auf die Türe ihres Gemach
zu.
"Ist das der Grund dafür, dass du mich nicht
anfasst?", fragte sie mit Tränen in den Augen, die langsam
über ihre Wangen rollten.
Er wirbelte herum, frischer Schmerz
wie ein Aufschrei in seinem Blick, doch er streckte nur wortlos die
Hand nach ihr aus und fing eine ihrer Tränen mit seiner
Fingerspitze auf, sorgsam darauf bedacht, sie nicht zu berühren.
Als er ihrem Blick begegnete, stand Resignation in seinen Augen.
"Ich
bin das nicht wert.", flüsterte er.
Er schloss die
Türe hinter sich und lehnte sich von innen dagegen, den Blick
starr auf ihr Bett gerichtet und rief sich jede Einzelheit von Arwens
Gesicht vor Augen. Er folgte jeder ihrer hageren Linien, die von der
langen Sorge um ihn gezeichnet waren und doch erfüllt waren, von
ihrer elbischen Reinheit und die Erleichterung ausdrückte, dass
er noch am Leben war.
Langsam durchquerte er den Raum, legte sich
auf das Bett und starrte an die Decke. Überrascht stellte er
fest, dass ihm die Tränen ebenfalls über die Wangen liefen
- und so fanden Eowyn und Arwen ihn, als die Dämmerung herein
brach. Schlafend, mit den blassen Spuren der Tränen auf seinem
beschmutzten Gesicht. Sie waren gekommen, um seine Verletzungen zu
versorgen und ihm zu Essen zu bringen und wechselten einen Blick
miteinander, als sie auf sein mitgenommenes Gesicht sahen.
Arwen
beugte sich über ihn und wollte ihm eine Strähne seines
Haares aus der Stirn streichen, doch die Reaktion auf die sachte
Berührung ließ beide Frauen erschreckt
aufschreien.
Aragorn fuhr aus dem Schlaf hoch, packte blindlings
Arwens Hand und warf sie mit seinem Gewicht zu Boden, schnappte
gleichzeitig sein Messer, dass auf dem kleinen Tisch neben seinem
Bett gelegen hatte und drückte es ihr an die Kehle, die Augen
seltsam verklärt auf sie gerichtet.
"Aragorn! Nein!"
Eowyns Stimme riss ihn in die Wirklichkeit zurück und mit einem
Aufstöhnen ließ er den Dolch fallen und starrte auf Arwen,
die zitternd unter ihm lag und hart schluckte. Er erhob sich
schwankend, ließ sich dann neben dem Bett nieder und vergrub
sein Gesicht in den Händen, während seine Muskeln
unkontrolliert unter seiner Haut zuckten.
Arwen kam wieder auf die
Füße, nachdem der erste Schrecken vergangen war und rieb
sich flüchtig die Stelle an ihrem Hals, wo der Dolch eine
schwache, rote Schramme hinterlassen hatte. Eowyn stand immer noch
wie festgewachsen an der gleichen Stelle und beobachtete, wie Arwen
langsam vor ihrem Gemahl in die Hocke ging und zögerlich die
Hand auf seinen Arm legte. Fast gleichzeitig erklang ein
Trompetensignal und Aragorns Kopf fuhr hoch, während Arwen und
Eowyn in die Richtung sahen, aus der sie das Signal vernommen
hatten.
Aragorn erhob sich und war mir wenigen Schritten am
Fenster und erblickte Enarâtos Truppen, die vor der Stadt
Stellung bezogen hatten. Hier und da gab es bereits kleine Kämpfe
und ein Rammbock donnerte unaufhörlich gegen das erste Stadttor
und noch ehe Arwen oder Eowyn reagieren konnten, war Aragorn schon
durch die Türe verschwunden, froh darüber, keine Erklärung
für sein Verhalten abgeben zu müssen.
ooOOoo
Aragorn
hastete hinter Legolas die Gassen der Stadt entlang und ehe er sich
versah, standen die Freunde vor dem unteren Stadttor, das in den
letzten der Ringe führte und neben dem zwei Wachposten Stellung
bezogen hatten.
"Komm weiter.", brachte er mühsam
hervor, als er wieder genug Luft bekam. "Bei den Valar, ich
hoffe, wir kommen nicht zu spät!"
Die
unmissverständlichen Geräusche der Schlacht drangen an ihre
Ohren – das Klirren von Stahl gegen Stahl, das schrille Wiehern von
Pferden, die Schreie der Verwundeten und Sterbenden.
Aragorn
kletterte neben Legolas auf die Festungsmauer, wobei er die helfende
Hand des Freundes ergriff, die dieser ihm anbot und starrte herunter
auf das Chaos, sprang dann hinab und rannte zum nächstbesten
Schwert, das zu Boden gefallen war.
Die Pferde der Haradrim hatten
sich in drei Gruppen aufgeteilt, die geschickt die Truppen Gondors
abdrängten und umkreisten, damit sie leichteres Spiel hatten und
sie regelrecht abschlachten konnten. Aragorn stürzte sich auf
den erstbesten Reiter, bohrte sein geliehenes Schwert in dessen Brust
und zog den noch zuckenden Körper herunter, um sich selbst in
den Sattel zu schwingen. Legolas Pfeile schwirrten an ihm vorbei und
schlugen so eine Schneise um ihn herum, die es ihm ermöglichte,
seinen Männern zu Hilfe zu eilen. Als sie ihren König
erblickten, wurden freudige Rufe breit und neuer Mut ergriff Besitz
von den Kriegern, die nun wieder verbissen kämpften. Bald war
die erste Truppe der Feinde geschlagen und unter Aragorns und Legolas
Führung eilten sie auf die nächsten Feinde zu, um dort
ihren Kameraden beizustehen. Auch hier hatten sie bald einen Sieg
errungen, sodass die letzte Truppe der Haradrim die Flucht
ergriff.
Die Haradrim galoppierten jedoch geradewegs in eine
weitere Schlacht hinein, denn selbst zu Aragorns Verwunderung waren
Streitmächte aus Rohan gekommen. Sie waren ganze Tage Nächte
von ihrem Lager aus marschiert, nachdem Reiter, die in den Hügeln
rund um Minas Tirith versteckt gewesen waren, ihnen von der
Anwesenheit der Haradrim berichtet hatten. Êomer hatte
wohlweislich mit einem Hinterhalt gerechnet und diese beachtliche
Truppe an den Grenzen zu Rohan zurückgelassen und die Späher
um die weiße Stadt postiert, bevor er Faramir und den anderen
gefolgt war.
Êomers Truppen schwärmten im Halbkreis aus
und war gerade dabei, ihre Reihen zusammenzuziehen, als Aragorn,
Legolas und ein paar andere, die auf Haradrim – Pferde gesprungen
waren, in Sichtweite kamen. Die Truppen schlossen sich von beiden
Seiten zusammen und schlossen die flüchtenden Haradrim ein und
bei Einbruch des Morgens war alles vorüber.
Aragorn saß
auf seinem Pferd, hielt noch immer das Schwert umfangen und sah zu,
wie die letzten Haradrim sich ergaben. Ihm war übel vor
Erschöpfung nach dem Kampf und er wusste nicht, was ihn
überhaupt noch aufrecht hielt, aber dennoch blieb er dort an
Legolas Seite und rührte sich nicht von der Stelle.
Die
Gefangenen wurden vor sie geführt und Aragorn deutete mit dem
Schwert auf den Mann in den besten Kleidern.
"Seid ihr ein
Hauptmann? Dann könnt ihr mir doch sicher sagen, wohin sich euer
Fürst Enarâto verkrochen hat."
Bereitwillig
erteilte der Hauptmann ihm die Auskunft, aber erst, nachdem ein
Gondorianer ihm sein Schwert auf die Brust gesetzt hatte.
Enarâto
war noch vor Einbruch des Mittags aufgebrochen, um sich seinen
Streitmächten aus Haradwaith anzuschließen, die sich
bereits über Süd-Gondor dem Fluss Poros näherten und
von dort aus die Truppen Rohans und Gondors aus angreifen wollten. Es
überraschte Aragorn vor allem zu erfahren, dass dessen Tochter
Tanfalas ebenfalls in dem kleinen Gefolge des Fürsten
aufgebrochen war.
"Was willst du nun tun, Aragorn?",
fragte Legolas, als dieser sein Pferd wendete und nach Minas Tirith
zurück ritt.
"Morgen werden wir mit den Männern die
sich noch kräftig fühlen unseren Legionen zur Hilfe eilen.
Ich will Enarâto persönlich mein Schwert spüren
lassen – selbst, wenn es mich selbst das Leben kostet."
Legolas
hielt den Atem an, aber Aragorn ritt einfach weiter und war froh,
dass der Elb nichts darauf erwiderte oder gar versuchte, ihn von
seinem Vorhaben abzuhalten.
ooOOoo
Aragorn hüllte
sich den Rest des Weges wieder in Schweigen und änderte dieses
Verhalten auch nicht, als sie die Stadt und schließlich auch
die Feste erreicht hatten, sprang vom Pferd und ging auf den Brunnen
zu, wo er sich das Blut seiner Feinde abwusch und dann regungslos
verharrte, die Hände auf den Brunnenrand gestützt. Das
klare Wasser hatten seinen erhitzten und geschwächten Körper
wieder etwas belebt, aber das Spiegelbild, dass ihm aus den seichten
Wellen entgegensah, trog nicht über seinen wahren Zustand hinweg
und er erkannte sich selbst nicht darin wieder. Lange musterte er das
fremde Gesicht, versuchte, einen vertrauten Zug darin zu entdecken,
der ihm die Hoffnung zurückgab, dass der Mann, dem dieses
Gesicht einmal gehört hatte, nicht völlig verloren war,
aber er konnte nichts finden. Noch einmal schöpfte er sich mit
vollen Händen Wasser in das Gesicht, dass nun seines war und
drehte sich der Feste zu, doch seine Füße bewegten sich
nicht auf den Eingang zu, schafften es nicht, die geringe Entfernung
zu überwinden und sein Heim zu betreten.
Sein Heim! Wohin
sollte er gehen? In sein Arbeitszimmer, wo die Regale mit Büchern
wie zum Hohn aufgestellte Mahnmahle standen und in denen kluge
Ratschläge standen, die einen im wirklichen Leben nichts
einbrachten, als Spott oder Unverständnis?
Oder sollte er gar
in seine privaten Gemächer gehen, in denen die Frau auf ihn
wartete, der er nicht mehr in die Augen sehen konnte, weil er darin
seinen eigenen Schmerz wieder fand? Für die er eine Gefahr
darstellte und der er noch vor wenigen Stunden ein Messer an die
Kehle gedrückt hatte, weil er glaubte, dass SIE wieder
zurückgekehrt war um ihm erneute Qualen zu bereiten?
Wohin
sollte er gehen, um endlich Ruhe zu finden? Doch er kannte die
Antwort bereits. Er würde nirgends Ruhe finden, egal welchen Ort
er aufsuchen würde, immer würde es etwas geben, dass ihn an
die letzten Wochen erinnern würde, also konnte er sich auch
gleich hier an Ort und Stelle hinsetzen und auf den Morgen warten,
der auch den Aufbruch bedeutete.
Legolas näherte sich
Aragorn erst, nachdem auch die letzten Wachmänner den Hof
verlassen hatten und niemand mehr anwesend war, der sie hätte
stören können. Vorsichtig, um ihn nicht zu erschrecken, da
er tief in Gedanken versunken schien, begann er zu
sprechen.
"Aragorn? Komm, du solltest dich endlich ausruhen
und schlafen. Du siehst aus, als könntest du keine Minute länger
aufrecht stehen."
Aragorns Blick schien durch Legolas
hindurch zu sehen, doch nach einer kurzen Zeit, in der Legolas
bereits geglaubt hatte, sein Freund hätte ihn nicht gehört,
nickte dieser kaum merklich und folgte dem Elben.
Trotz seiner
enormen Müdigkeit, die plötzlich von ihm Besitz ergriffen
hatte, schaffte Aragorn es die Stufen herauf, bis sie in Legolas'
Zimmer ankamen, wo der Elb ihn entschieden auf das Lager drückte
und ihm ein Glas Wein in die Finger drückte.
"Trink
das.", forderte Legolas bestimmt, aber Aragorn konnte nicht
anders, als auf die dunkelrote Flüssigkeit zu starren und sich
die Frage zu stellen, ob er diesen Kelch auch bedenkenlos leeren
konnte. Er schwenkte das Gefäß in seinen Händen, zog
den Duft des Weins in seine Nase, suchte nach verräterischen
Anzeichen und konnte sich einfach nicht überwinden, den ersten
Schluck zu trinken. Würde es ihm jetzt immer so ergehen? Würde
er selbst das Vertrauen in seine besten Freunde verlieren und jeden
ihrer Schritte auf ihre Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit hin
überprüfen? Oder würde er irgendwann wieder jemandem
trauen können? Plötzlich fühlte er sich noch einsamer,
als in seiner Zelle und er stellte den Kelch unberührt ab.
"Lass
mich allein.", gab er müde von sich. "Bitte!"
Legolas
drehte sich ohne zu zögern um und verließ das
Zimmer.
ooOOoo
Aragorn warf sich unruhig auf dem Bett
hin und her und krallte seine Hände in die Laken, so als ob er
einen Halt suchte. Schweiß stand ihm auf der Stirn und entweder
stöhnte er gequält auf oder murmelte unverständliche
Sätze, die Legolas nicht darauf schließen ließen,
was Aragorn gerade träumte.
Legolas war wieder in das Zimmer
zurückgekehrt, als er sicher gewesen war, dass Aragorn
eingeschlafen war und wachte nun schon geraume Zeit über seinen
unruhigen Schlaf. Von Eowyn hatte er erfahren, was vor der Schlacht
vorgefallen war und hatte in ihm noch die Gewissheit verstärkt,
dass es besser war, Aragorn nicht alleine zu lassen.
Was auch
immer geschehen war in der Zeit seiner Gefangennahme, es hatte
Aragorn mehr als körperliche Schmerzen gekostet und der Mann,
der nun auf seinem Lager lag, war nicht mehr wieder zu erkennen.
Legolas konnte sich noch gut an den ruhigen, schweigsamen und
nachdenklichen Mann erinnern, den er kennen gelernt hatte, doch es
war eine Schweigsamkeit gewesen, die auf seinen scharfen Verstand
hingedeutet hatte, denn wenn Aragorn das Wort ergriffen hatte, waren
es stets weise und kluge Worte gewesen und er hatte als ihr Führer
im Ringkrieg immer die richtigen Entscheidungen getroffen und sie nie
fehlgeleitet. Schnell war klar, dass sie sich auf ihn verlassen
konnten, dass er immer zur Stelle war, wenn seine Hilfe erforderlich
war und es war dem Elben fast schon so vorgekommen, als könne
nichts diesen Mann und seinen Glauben erschüttern.
Nachdem
der Ringkrieg beendet war, hatte Legolas geglaubt, dass sie alle
keine Ereignisse mehr erleben würden, die diesen noch an
Grausamkeit, Schrecken und Hoffnungslosigkeit überbieten
könnten, doch Tanfalas und ihr Vater hatten es vermocht. Was der
Ringkrieg nicht geschafft hatte, hatten sie erreicht – sie hatten
Aragorn gebrochen. Ihn soweit getrieben, dass er sogar seine eigene
Frau angriff, in einer Schlacht selbst dann noch tötete, wenn
sein Gegenüber längst geschlagen war und die Mordlust hatte
in seinen Augen geglänzt. Doch was am Schlimmsten für
Legolas war – Aragorn hatte das Vertrauen in ihn verloren! Er hatte
die Angst und die Zweifel in den Augen des Freundes gesehen, als er
ihm das Weinglas gereicht hatte und dieser Ausdruck hatte Legolas
mehr geschmerzt, als der tiefste Dolchstoß.
Legolas warf
wieder einen Blick auf das Lager, beobachtete, wie Aragorn immer
unruhiger wurde und sich selbst immer wieder auf seine verletzte
Schulter warf, auch, als diese wieder begann zu bluten und die Laken
beschmutzte und begann daraufhin, einen leisen, elbischen Gesang
anzustimmen, von dem sein Volk glaubte, dass er die Seele heilen
konnte.
ooOOoo
Spät am nächsten Morgen brach die Truppe Reiter auf, nachdem sich ihr König endlich an ihre Spitze begeben hatte. Bergil hielt, als Knappe des Königs, dessen Schwert und den ledernen Harnisch für ihn bereit, als er die Stufen in den Hof herunterschritt und wartete geduldig, bis sich Aragorn von der Herrin verabschiedet hatte. Der Abschied verlief in ebenso eisigem Schweigen, wie es seit seiner Ankunft der Fall gewesen war. Arwens Brust hatte sich unter der Last des Abschieds schwer gehoben und gesenkt, während sie die Tränen tapfer zurückhielt und nur Eowyn wusste, wie viel Kraft sie dieser Moment kostete. Es konnte ein Abschied für immer sein, denn sie wussten alle, dass Aragorn keiner Gefahr aus dem Weg gehen würde, bis er Enarâto und seine Tochter gefunden hatte, er würde bis zum letzten Atemzug kämpfen, bis er diejenigen vor sich hatte, die seine Träume, sein Leben und ihn selbst zerstört hatten. Diese Gewissheit stand in Arwens Augen, als sie Aragorn hinterher blickte und er ihr einen letzten Blick zuwarf und dann den Kopf senkte, bevor er Brego vorantrieb. Ihr einziger Trost bestand in den Worten, die Legolas ihr noch ins Ohr geflüstert hatte, bevor auch er sich für den Aufbruch gerüstet hatte. Er würde nicht von Aragorns Seite weichen und ihm bei allen Gefahren beistehen und doch vermochte dieses Versprechen nicht ihre unsagbare Furcht zu mindern.
Als der Abend hereinbrach, verließ eine weitere Gruppe Reiter die weiße Stadt. Es war Arwen, die mit Eowyn und einigen Kriegern, die zu ihrem Schutz Mitritten, den Weg nach Lôrien antraten. Schon in der Nacht hatte Eowyn auf Arwens Wunsch hin alles für ihre Abreise vorbereiten lassen, denn sie wollte die hohe Frau Galadriel aufsuchen. Über ihre genauen Beweggründe schwieg sie, doch Eowyn hatte eine Vermutung, die sie jedoch ebenso verschwieg. Sie konnte Arwen verstehen und war sich sicher, dass sie genauso gehandelt hätte, wenn sie an ihrer Stelle gestanden hätte.
