Achtes Kapitel

„Verlorenes Vertrauen"

Aragorn hatte geglaubt, dass Tanfalas keine weiteren Grausamkeiten mehr einfallen würden, doch sie hatte ihm das Gegenteil bewiesen. Nach ihrem letzten Besuch bei ihm, hatte sie von ihren Wächtern die Fenster verriegeln lassen, sodass nicht der geringste Lichtstrahl mehr hindurchdringen konnte und selbst durch den Türspalt drang nur die Fackel des Wächters, wenn der ihm in unregelmäßigen Abständen das Essen brachte. Er saß in völliger Dunkelheit, hatte jedes Zeitgefühl verloren und musste noch stärker gegen die Müdigkeit ankämpfen. Immer wieder fielen ihm die Augen zu, doch er schreckte jedes Mal angsterfüllt hoch, wenn er auch nur das kleinste Geräusch vernahm.
Dass er vom Licht ausgesperrt war, widersprach seiner Natur, da er sich immer mit seiner Umwelt verbunden gefühlt hatte und ihr Licht und die Vielzahl von Farben ihm immer Kraft verliehen hatten, doch die Panik hatte nicht lange angehalten. Er hatte angefangen, sich alle Einzelheiten der Landschaft, die er so sehr liebte, ins Gedächtnis zu rufen – ihre Formen und Farben, die Menschen Gondors und seine Freunde und versuchte, Halt in seinen Erinnerungen zu finden.
Das Schlimmste des Entzugs hatte er hinter sich, bis auf leichte Kopfschmerzen dann und wann, aber er wurde nicht mehr durch Visionen gequält, Hitze und Kälte wechselten sich nicht mehr ab und das Zittern seiner Hände hatte nachgelassen. Körperlich hatte er sein Gleichgewicht wieder gefunden, doch in seiner Seele tobte noch immer der Schmerz, den er am Liebsten herausgeschrieen hätte, bis seine Stimme versagte, doch was würde das bringen? Die Wunde in seinem Bein war völlig verheilt, doch seine Schulter schmerzte noch immer und schränkte ihn in seinen Bewegungen ein.

Das Quietschen von Angeln ein paar Augenblicke, ehe eine Fackel rotgoldenes Licht in die Zelle warf, ließ ihn aufhorchen. Er bedeckte sein Gesicht und wandte sich ab, um seine Augen zu schonen, die angesichts des Lichts anfingen zu brennen und zu tränen.
"Die Valar segnen euch, König!", grüßte eine männliche Stimme spöttisch und Aragorn nahm die Hände von seinen Wangen, öffnete die Augen einen Spalt breit und wischte die Tränen fort, aber er konnte Enarâtos Blick noch nicht erwidern.
"Ihr seht schrecklich aus, mein Lieber. Habt ihr so viel Angst vor Alkiach, dass ihr das Essen immer noch verweigert?"
Er lachte auf und Aragorn bemühte sich, nicht zusammenzufahren. Er konnte die Augen jetzt ohne allzu große Schmerzen öffnen und nachdem er die letzten Tränen fortgewischt hatte, sah er den Fürsten an, der unbeirrt fortfuhr zu sprechen.
"Du würdest mich und meine Tochter gerne umbringen, nicht war? Aber dafür bist du zu feige und das entspräche auch nicht deinen Überzeugungen! Erzähl mir, König, ist dir dein Leben so teuer und dein Vertrauen in deine Freunde so groß, dass du freiwillig all das hier erträgst? Glaubst du wirklich daran, dass sie dich befreien werden? Oder liebst du das Leben etwa noch mehr, als du uns hasst?" Wieder lachte er. "Dir scheint da eine Kleinigkeit entgangen zu sein! Hass geht über alles, Hass ist das Einzige von Bestand. Der Hass hat dich bisher am Leben erhalten, nicht wahr?"
Er machte einen weiteren Schritt auf Aragorn zu und das Licht flackerte in Schattenmustern auf, was die scharfen Züge und die Magerkeit von Aragorns Gesicht noch hervorhob.
"Ich werde jetzt nach Minas Tirith reiten und endlich einnehmen, was meinem eigentlichen Stand entspricht. Dank meiner kleinen Ablenkung ist die Stadt jetzt völlig schutzlos und leer – bis auf eure Gemahlin! Und es wird mir Freude bereiten ihr zu berichten, dass der Mann, so wie sie ihn kennt und für den sie sogar ihre Unsterblichkeit geopfert hat, nicht mehr existiert. Was würde ich doch darum geben, wenn sie euch jetzt sehen könnte! Gebrochen und nur noch ein Schatten seiner selbst!" Lachend wandte Enarâto sich ab und wollte das Zimmer verlassen, doch als er die Türe erreicht hatte, erklang Aragorns Stimme – ruhig und bestimmt.
"Genießt euer Hass auf mich, solange ihr noch könnt, Enarâto, wenn Hass für euch Leben bedeutet. Es wird enden, wenn ich euch meine Klinge ins Herz stoßen werde."
Enarâto erstarrte für einen Moment, dann war er fort und die Türe schloss sich wieder. Aragorn lag ein Lächeln auf den Lippen, das ihn selbst überraschte.

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Tanfalas erwartete ihren Vater im Burghof, umringt von einer großen Gruppe ihrer fähigsten Krieger, die bereits zu Pferde saßen. Wortlos, aber mit versteinertem Gesicht drückte Enarâto seiner Tochter die Fackel in die Hand, die er immer noch mit eisigem Griff gehalten hatte und schwang sich ebenfalls in den Sattel.
"ich hoffe du weißt, was du tust, Tochter! Ich behaupte immer noch, dass es besser wäre, diesem Mann ein Messer in die Rippen zu stoßen!"
Tanfalas wollte etwas erwidern, doch ihr Vater hatte bereits an den Zügeln gezogen und sein Pferd setzte sich in Bewegung.
Tanfalas sah ihm verunsichert nach. Hatte sie sich getäuscht, oder war es Angst gewesen, die sie in den Augen ihres Vaters gesehen hatte?

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Legolas erreichte die Stelle, an dem der Überfall stattgefunden hatte und schwang sich von Arods Rücken, überließ den Hengst sich selbst, völlig sicher, dass es sich nicht zu weit von ihm entfernen würde und ging im Sand in die Hocke.
Viel war von den Spuren nicht mehr übrig geblieben, denn der Suchtrupp, Wind und Regen hatten in den vergangenen zehn Tagen die meisten verwischt. Dennoch suchte Legolas jede Stelle gründlich ab, fand einen kleinen Teil der getrockneten Blutspuren auf felsigerem Boden, die noch immer kürzeren Grasstellen, an denen die Pferde gefressen hatten und einen einzelnen Hufabdruck in einer ausgetrockneten Pfütze, die im schattigen Schutz eines Felsen lag. Immer wieder ging er zwischen den Fundorten auf und ab, beschwor vor seinem geistigen Auge die Geschehnisse, die Frodo und die anderen Hobbits ihm immer wieder geschildert hatten und verbesserte ihren Bericht in verschiedenen Punkten, aufgrund der Erkenntnisse, die ihm diese wenigen Spuren verrieten.
Doch die Hoffnung, vielleicht einen versteckten Hinweis auf das Versteck von Aragorn zu finden, blieb unerfüllt und so setzte er sich auf einen der Felsen, die im Schatten lagen und ließ seine Augen über das Gebirge schweifen. Seine elbischen Fähigkeiten ließen ihn viele Einzelheiten sehen, die dem menschlichen Auge verborgen geblieben wären – Höhlen, dichteres Gestrüpp oder kleine Wasserläufe und sein Blick schweifte weiter, bis er selbst die Spitze des Morannon .klar erkennen konnte und dann das Aschengebirge absuchte, dass sich Richtung Osten erstreckte – und plötzlich in seiner Beobachtung inne hielt.
Täuschte er sich, oder sah er eine schwache Staubwolke aufsteigen – hervorgerufen durch eine große Gruppe Reiter, die sich im schnellen Tempo nach Westen bewegte? Er versuchte, sich noch mehr auf diese Stelle zu konzentrieren und kniff die Augen zusammen, wobei er auch andere Erklärungen für die Ursache dieser Staubwolke in Erwägung zog, sich aber immer sicherer wurde, dass seine erste Erklärung die richtige war.
Hastig suchte er weiter Richtung Osten das Gebirge ab und fand, wonach er suchte und sein Herzschlag beschleunigte sich. So weit entfernt, dass selbst er Mühe hatte es richtig zu sehen, sah er dünne Rauchschwaden aufsteigen, dort musste ein Feuer brennen, doch kein freies, sondern durch einen Kamin vom Ruß befreit.
Zwei Tage und Nächte entfernt, überlegte er bei sich. Genau die richtige Entfernung um sicher zu gehen, dass der Vorsprung groß genug war, um nicht von Suchtruppen erblickt zu werden und wenn sie den beschwerlichen Weg durch die Hochebene genommen hatten, dann konnte man das Ziel auch in anderthalb Tagen erreichen! Und jetzt, überlegte er. Sollte er nach Minas Tirith reiten um die noch verbliebenen Truppen zusammen zu rufen und mit ihnen einen Befreiungsversuch wagen? Doch dann würden die Stadt, Arwen und die Freunde ungeschützt sein! Außerdem würde eine Gruppe von Reitern sicher schneller entdeckt werden, als ein einzelner Reiter!
Ohne weiter nachzudenken sprang Legolas vom Felsen, lief behände den Hügel herunter und fand Arod an der Stelle, wo er ihn zurück gelassen hatte. Im nächsten Moment war er im Sattel, fasste die Zügel und lenkte den Hengst auf die Hochebene zu – von neuer Hoffnung erfüllt.

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Arwen saß mit Eowyn zusammen in ihrem Gemach und versuchte sich abzulenken, als ganz plötzlich die Außentüre aufgerissen wurde und Bergil hereinstürmte. Er lief auf Arwen zu, schmiss sich in ihre Arme und verbarg sein Gesicht an ihrer Schulter. Sie zog ihn an sich und versuchte, seine gestammelten Worte zu verstehen, während sie ihn sacht hin und her wiegte und ihm das weiche Haar aus der Stirn strich.
"Aber, aber mein Junge. Was ist denn los?", versuchte sie ihn zu beruhigen.
"Ich..., ich... Warum bin ich nicht mit geritten? Ich...soll doch auf meinen Herrn aufpassen..."
Arwen schob Bergil ein Stückchen von sich fort, der sich augenblicklich bemühte, wieder die Fassung zu erlangen. Er sah erschöpft aus, so, als habe auch er in den letzten Nächten wenig geschlafen. Ein junger Mann blickte sie aus seinen Augen an, kein Knabe mehr, auch wenn das Gesicht noch das eines Kindes war und sie musste daran denken, wie Aragorn ihn beim Helkaannon schon scherzhaft als Mann bezeichnet hatte.
Sorgen zeichneten die Züge von Bergil, die viel zu groß waren für einen Jungen seines Alters.
Bergil",, begann sie mit sanfter Stimme. ", dich trifft nicht die geringste Schuld. Keiner von uns konnte ahnen, was passieren würde, noch dazu in unseren sicheren Grenzen. Mach dir keine Vorwürfe..., selbst er hat sich nicht schützen können – es waren einfach zu viele."
"Aber..." Rebellion flackerte in seinen Augen auf, angesichts des Angriffs auf seine Männlichkeit, die er hinter ihrer Äußerung vermutete, doch ein Lächeln von Arwen ließ seine Züge wieder milder werden.
"Legolas wird ihn finden, da bin ich mir sicher. Es geht Aragorn sicher gut und er wird bald wieder bei uns sein!", versuchte sie den Knappen zu beruhigen, doch sie zuckte zusammen, als ein Bild vor ihrem geistigen Auge auftauchte, dass sie seit Frodos Traum nicht mehr losließ.
Bergil sah den Ausdruck in ihrem Gesicht. "Ihr solltet schlafen, Herrin.", meinte er und stand auf, jeder Zoll der junge Knappe, der sich um die Gesundheit seiner Herrin sorgte, doch kaum einen Atemzug später legte er die Arme um sie – jetzt war er wieder der kleine Junge.

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Legolas kauerte auf der Spitze eines Ausläufers direkt über dem Hof des Hauses, das sich an die Felswand schmiegte und beobachtete die wenigen Wachposten, die das Tor sicherten. Sie fühlten sich anscheinend sehr sicher, denn sie hatten sich im Schatten niedergelassen, ihre Speere an die Mauer gelegt und zogen an ihren Pfeifen, ihre Rücken dem Hof zugewandt.
Legolas' Aufmerksamkeit wandte sich dem Gebäude zu und sofort blieb sein Blick an dem Fenster hängen, dass ganz oben lag und mit schweren Brettern vernagelt war. Dort musste Aragorn gefangen gehalten werden, überlegte er.
Auf dem Weg hierher hatte er sich vor der Truppe von Enarâto verstecken müssen, die seinen Verdacht bestätigt hatte, dass er sich auf dem richtigen Weg befand und er hatte Arod keine Rast mehr gegönnt, bis er sein Ziel erreicht hatte. Jetzt stand der Hengst weiter unten versteckt, in der Nähe einer kleinen Quelle, wo genug Gras wuchs.
Legolas wartete ab, bis die Sonne vollends hinter den Bergen gesunken war und die Schatten der hereinbrechenden Nacht ihn noch besser verbergen würden, dann gab er seinen Posten auf und kletterte geschwind die Felsen hinab in den Hof. Ungesehen schaffte er es bis in die Eingangshalle und die Wärme eines Feuers schlug ihm entgegen. Legolas ließ keine wichtige Zeit verstreichen, sondern strebte sofort auf die Treppe zu, die sich zu seiner Linken erhob und in die oberen Stockwerke führte und der Schein der Fackeln warf seinen tanzenden Schatten an die Wände. Dies war aber auch der einzige verräterische Beweis seines Eindringens, denn er verursachte nicht das kleinste Geräusch, lauschte seinerseits auf jede noch so kleine Andeutung eines Haradrim und gelangte schließlich in das obere Stockwerk. Auf jeder Etage hatte ein Wachmann gestanden, doch sie fühlten sich bereits siegessicher und waren in dem Glauben, dass die Torwächter wohl Alarm schlagen würden, wenn sich jemand der kleinen Festung näherte, deshalb waren sie sehr nachlässig mit ihrer Bewachung und Legolas konnte unentdeckt hinter ihren Rücken den nächsten Aufgang erreichen. In der dritten Etage verhielt es sich nicht viel anders, auch wenn immerhin vier Wachposten in einem Vorraum zusammen saßen und sich die Zeit mit dem Erzählen ihrer Heldentaten vertrieben, lauthals lachten und dabei mit den Fäusten auf den Tisch schlugen.
Legolas fiel auf, dass dieser Gang in fast völliger Dunkelheit gehalten wurde und nur durch wenige Fackeln beleuchtet wurde, doch er dankte den Valar dafür, denn so würde er sich noch besser in den Schatten verbergen können, für den Fall, dass einer der vier Haradrim doch noch nach Hilfe schreien konnte.
Legolas zog entschlossen seine Kurzschwerter hinter seinem Rücken hervor, atmete noch einmal tief durch und stürzte so schnell in den Raum, dass die Wächter ihn erst richtig erfassten, als der Erste bereits mit durchgeschnittener Kehle am Boden lag. Er sprang auf den Tisch, stieß gleichzeitig eines der Schwerter seinem Gegenüber in die Brust und vollführte dann eine geschickte Drehung, die den beiden Anderen die Köpfe von den Schultern rissen. Der Angriff hatte nicht länger als mehrere Wimpernschläge gedauert und Legolas wischte die Klingen an der Kleidung seiner Opfer ab, bevor er die Schwerter wieder hinter seinen Rücken schob und den Schlüssel ergriff, der noch immer auf dem Tisch lag.

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Aragorn fuhr hoch, als sich der Schlüssel im Schloss drehte und die Türe mit einem Knarren aufsprang. Das Plötzliche Licht traf ihn hart in den Augen und er riss den Arm empor, doch die Tränen rannen ihm von diesem winzigen Moment schon die Wangen hinab.
"Aragorn!" Die Stimme ließ ihn zusammenzucken und im nächsten Augenblick verdunkelte Legolas' Schatten das grelle Licht und Aragorn blinzelte seinen Freund ungläubig an. Er streckte die Hand nach dem Elben aus, weil er sich vergewissern wollte, nicht wieder von einer Vision heimgesucht worden zu sein und schon schob sich ein helfender Arm unter seine Schulter und zog ihn hoch.
"Legolas?"
"Komm. Für Erklärungen ist später Zeit."
Aragorn sammelte Kraft und löste sich dann von seinem Freund, um ihm zu folgen. Fackelschein erhellte die Korridore und vielen Treppen und mehrmals mussten sie stehen bleiben, weil Aragorn sich an die Wand lehnen musste, da der Schwindel ihn schüttelte. Endlich gelangten sie in einen Raum, der von einer Feuerstelle in der Ecke von Wärme und Licht erfüllt wurde und Legolas strebte auf die schwere Eichentüre zu, hielt sich immer an der Wand und sah sich immer wieder nach Aragorn um, dessen Schritte zwar immer sicherer wurden, dessen Atem aber von der ungewohnten Anstrengung rasch ging.
Unbehelligt gelangten sie ins Freie. Legolas wollte sogleich wieder den Rückweg antreten, doch Aragorn hielt inne, zog die kühle Abendluft tief ein und glaubte, von der Vielzahl der Gerüche und Eindrücke erschlagen zu werden. Wie sehr hatte er all das vermisst, schon fast vergessen, wie das trockene Gras und der Sand rochen, doch Legolas neben ihm strahlte eine solche Unruhe aus, dass Aragorn sich zwang, sich von dem Bedürfnis, alles in sich aufzunehmen, abzuwenden. Er folgte dem Freund bis zur Felswand, doch als der Elb begann, sich an der rauen Kante emporzuziehen, wusste er, dass seine Schulter ihm diesen Rückweg verweigern würde. Fast gleichzeitig erklang aus den Ställen an der anderen Seite des Hofes ein schrilles Wiehern und Aragorn fuhr herum. Er hätte Brego auch unter hunderter anderer Pferde herausgehört und jetzt schien der Hengst ihn eindringlich zu rufen. Auch Legolas sah zum Stall herüber, wechselte einen Blick mit Aragorn und war genauso rasch wieder an dessen Seite, wie er eben den Aufstieg begonnen hatte. Gemeinsam schlichen sie zum Eingang der Stallungen und Aragorn öffnete die Türe gerade soweit, dass er hineinschleichen konnte.
Im dämmrigen Licht fand er Brego schnell und freudig warf dieser den Kopf zurück und schnaubte, als er seinen Herrn erkannte.
Der Hengst grub sein weiches Maul in Aragorns ausgestreckte Hand, machte einen Schritt auf ihn zu und stupste ihm verspielt gegen die Brust, ließ sich von Aragorn am Halfter packen und genoss die Streicheleinheiten seines Herrn.
Aragorn umfasste Bregos Hals und lehnte den Kopf dagegen, bemüht, mit jeder Berührung die Wärme des Tieres in sich aufzunehmen, denn erst jetzt wurde ihm wieder bewusst, dass er außer seinen Beinlingen und dem notdürftigen Verband nichts trug, was ihn vor der Kälte geschützt hatte.
Ein Pfiff erklang und riss Aragorn aus seiner Starre. Er fasste Brego fester, beschleunigte seinen Schritt zur Stalltüre und war gerade im Hof, als er schon die ersten Rufe der Wachen vernahm. Die beiden Torwächter lagen regungslos am Boden und ein Flügel war soweit aufgestoßen, dass Aragorn Legolas sehen konnte, der wartend, mit seinem Bogen in der Hand bereits den Hof verlassen hatte. Aragorn schwang sich auf Bregos Rücken und unterdrückte ein Stöhnen, als der Schmerz dabei durch seine Schulter fuhr, brauchte Brego jedoch nicht den kleinsten Befehl zu erteilen, der sich sofort in Bewegung setzte. Kaum hatten sie Legolas erreicht, als Arod aus der Dunkelheit herangaloppierte, sein Reiter behände in den Sattel sprang und Brego folgte.
Schreie wurde hinter ihnen laut und Aragorn war so angespannt, als erwarte er jeden Augenblick einen Pfeil im Rücken, doch die wenigen Wachleute, die noch in der kleinen Festung waren, schafften es nicht rechtzeitig, die Zinnen der Mauer zu erreichen um die Flüchtigen aufzuhalten – sie waren bereits außer Reichweite.

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Die Mittagssonne brannte auf Aragorns ungeschützten Rücken und er wusste, dass sie bald anhalten mussten, um vor der größten Hitze des Tages Schutz zu suchen, sonst würde er nicht bis Minas Tirith durchhalten.
Die Nacht und der Morgen waren in absolutem Schweigen vergangen und Aragorn war froh, dass er vorausritt und Legolas nicht ansehen musste, denn er hatte den Blick des Elben gesehen, als sie seine Zelle verlassen hatten und das Licht der Fackeln unbarmherzig seinen Zustand enthüllt hatte. Legolas hatte kein Wort darüber verloren, doch er hatte das Entsetzen in dessen Augen gesehen und sein Schmerz rief auch wieder die Qual in seinem Herzen wach. Er verdiente dieses Mitgefühl nicht, nicht, nachdem er seine eigenen Ideale verraten hatte und somit auch die seiner Freunde, die immer an ihn geglaubt hatten.
Sie hielten sich immer dicht an den Hügeln, wo sie ein wenig Schatten finden konnten und Aragorn suchte sie nach einem Schutz oder einer Höhle ab. Er hörte das leise Schlurfen der Hufe hinter sich und das gedämpfte klirren der Zügel, als Arod den Kopf warf, doch er sah sich nicht nach Legolas um.
Plötzlich scheute Brego, bäumte sich so heftig auf, dass Aragorn sich nicht mehr halten konnte. Legolas packte zu, verfehlte ihn und wäre fast selbst gestürzt und Aragorn fiel.
Brego, nun frei von jeder Last, galoppierte Hals über Kopf davon. Legolas sprang ab, die Zügel um seine Hand gewunden, weil Arod verzweifelt versuchte, sich seinem Artgenossen anzuschließen.
"Aragorn.." Er bückte sich zu seinem Freund herunter, der benommen im Sand liegen geblieben war und sich nun schwerfällig auf die Seite rollte.
Als Legolas sah, dass Aragorn noch bei Bewusstsein war, suchte er die Umgebung nach der Ursache für die Panik der Pferde ab, während er immer noch mit Arod kämpfte und versuchte, ihn zu beruhigen. Dann sah er sie – die geflügelten Untiere, die nach der letzten Schlacht im Ringkrieg lebend davon gekommen waren und sich in Mordor verkrochen hatten. Sie zogen weite Kreise über der Ebene und ihre Flügel zeichneten sich gegen den blauen Himmel ab, während der erste Schrei der Bestien die Stille zerriss. Legolas begriff, dass die Pferde instinktiv das Richtige verlangten – sie wollten nichts anderes als Schutz zu suchen. Also gab er Arod frei, packte Aragorn und zog ihn auf die Hügel zu, um sich im Schatten zu verbergen.
Aragorn presste sich gegen die Felswand und stand da, wie angewurzelt, als er zu den Untieren empor sah und fand sich in einer seiner Visionen wieder, nur, dass die Bestien diesmal leibhaftig über ihm kreisten. Seine Vision erwachte wieder zum Leben, wie sich diese Ungeheuer auf ihn und seine Freunde stürzten, wieder und wieder auf sie losgingen und immer mehr Blut floss, das aus ihren Rachen tropfte, während sie ihre Zähne immer wieder in ihre Opfer schlugen und ihre schlangenartigen Hälse in den Himmel reckten und immer wieder ihre Schreie ausstießen.
Mit einem Aufkeuchen schwankte er, die Schreie ließen ihn schaudern und sein Blut rauschte in seinen Ohren, seine Augen waren wie Schlitze und er konnte den Blick nicht vom Himmel wenden.
Eine Berührung an seinem Arm durchfuhr ihn wie ein Schwertstreich und er starrte in die blauen Augen von Legolas, die so ruhig und kühl waren und ein Zittern durchlief ihn und er taumelte von Legolas fort, hinaus in den Sand, wo er auf die Knie fiel.
In der Nähe hörte er die riesigen Schwingen schlagen, die sich jedoch schon wieder entfernten und dann umfing ihn Dunkelheit.

Die Schatten der Hügel senkten sich allmählich auf ihn und kühlten die sonnenverbrannte Haut auf seinem Rücken und seinen Schultern. Er setzte sich auf und bemerkte benommen, dass die Pferde neben dem kleinen Lager standen, dass Legolas errichtet hatte. Der Elb saß neben ihm und sah ihn prüfend an, wie er dort saß, den Kopf auf die Knie gestützt und Blut aus seiner Wunde an der Schulter sickerte und über den Rücken rann. Endlich brach Legolas das Schweigen.
"Ich weiß nicht, was Tanfalas dir angetan hat, aber ich kann sehen, was es aus dir gemacht hat. Aragorn. Was auch immer geschehen ist, es macht keinen schlechteren Menschen aus dir, aber ich sehe, dass du genau das denkst. Quäle dich nicht selbst – dich trifft nicht die Schuld daran, wie alles gekommen ist."
Fast hätte Aragorn gelacht. Wenn es nicht seine Schuld war, wessen dann, fragte er sich im Stillen? All die gespielte Zivilisation, Vernunft, Ehre – sie alle waren nichts. Er hatte all das vergessen, als er darum gekämpft hatte, am Leben zu bleiben, hätte jedes Mittel eingesetzt, um seiner Lage zu entkommen – selbst getötet. Er hatte den Hass gespürt, spürte ihn noch immer und fühlte, dass er im Grunde nicht besser war, als Enarâto oder Tanfalas, mit dem einzigen Unterschied, dass diese sich oder anderen nie etwas vorgemacht hatten.
"Sprich endlich mit mir, Aragorn!", forderte Legolas, doch Aragorn sah ihn nur lange und schweigsam an, bis ein langer Atemstoß schaudernd über seine Lippen kam und er den Blick senkte.
"Ich muss leben, damit ich töten kann – welche Ironie!", brachte er kaum hörbar hervor, kam auf die Füße und ging zu Brego herüber, was eindeutig als Aufforderung galt, ihren Weg fortzusetzen.

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Enarâto hatte seine Truppen nahe an Minas Tirith herangeführt und gut sichtbar für die verbliebenen Bewohner sein Lager aufgeschlagen. Seine Truppen übertrafen die Wachleute aus Gondor bei weitem, eine Schwäche, die er jederzeit ausnutzen konnte – und doch griff er nicht an. Noch nicht!
Er saß in seinem kühlen Zelt an einem kleinen Tisch, auf dem sein Essen hergerichtet worden war, nahm seinen silbernen Kelch und sah in sein Spiegelbild auf der polierten Oberfläche. Voll Genugtuung und Zufriedenheit über das, was er sah, trank er den Becher in einem Zug leer, verschluckte sich aber fast, als ein Aufruhr vor dem Eingang seines Zeltes losbrach. Ein Knappe trat ein, verneigte sich kurz und begann zu sprechen.
"Verzeiht mir, euer Gnaden, aber...!"
Die Zeltklappen zerteilten sich, noch bevor der Knabe weitere Erklärungen abgeben konnte und zeigte ihm eine Frau, die er nicht zu sehen erwartet hatte.
"Tanfalas!"
Sie machte eine knappe Verbeugung und ihre Augen blickten mürrisch und kühl.
"Heraus!", brüllte er seinen Bediensteten zu. "Glaubt ihr etwa, meine Tochter wäre gekommen um mich zu töten? Raus mit euch! Alle! Ich will mit ihr alleine reden!"
Tanfalas befreite sich von dem staubbedeckten Umhang, der sie gegen die Sonne geschützt hatte, ließ ihn unbeachtet auf dem Boden liegen, setzte sich, ohne eine Aufforderung abzuwarten und goss sich selbst Wein in den Kelch ihres Vaters. Als sie ihren Durst gestillt hatte, begann sie sofort ihre Erklärung für ihr unerwartetes kommen.
"Er ist entkommen! Einer seiner Freunde hat das Versteck entdeckt und ihn befreien können! Diese Trottel von Wachleuten! Ich werde ihnen noch die nötige Strafe zukommen lassen! Ich habe mich umgehend auf den Weg zu dir gemacht – ohne jede Rast. Dabei dürfte ich den König eingeholt haben, aber es wird nicht lange dauern, bis auch er in Minas Tirith eintrifft."
Mit dem Handrücken wischte sie sich den Schweiß von der Stirn, was schmutzige Striemen auf ihren Wangen hinterließ und Enarâto an das kleine, dreckige Mädchen erinnerte, dass nach dem Spielen in seine Gemächer gestürzt war, um sich an ihn zu werfen und ihm alles zu berichten, was sie getan hatte.
Doch diesmal blieb sein Lächeln nach dem Bericht seiner Tochter aus, die Erinnerung verblasste und Wut stieg in ihm hoch – Wut über sich selbst, dass er noch nicht die Stadt eingenommen hatte.
"Rasch. Bevor der König eintrifft will ich, dass alle Truppen sich formiert haben und angriffsbereit sind. Außerdem soll ein Bote umgehend die Truppen hinter unseren Grenzen informieren. Es ist Zeit, dass Elessar weiß, dass er nicht gegen eine Horde planloser Orks kämpft."
Tanfalas rauschte aus dem Zelt und er hörte, wie sie die Befehle den Wachleuten zurief und umgehend Hektik im Lager ausbrach.
"So, Elessar! Jetzt werden wir also sehen, ob ihr nur reden oder auch kämpfen könnt!"

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Aragorn und Legolas wurden von Bergil sofort entdeckt, der einen ausgezeichneten Aussichtspunkt vom weißen Turm aus hatte. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend rannte er los, konnte immer wieder nur knapp einen Sturz abfangen, wenn er stolperte, verringerte aber sein Tempo nicht im geringsten, bis er endlich die Halle erreichte.
"Herrin! Herrin! Er ist da! Legolas hat ihn zurückgebracht!"
Arwen sprang von ihrem Stuhl auf und Eowyn und die Hobbits taten es ihr gleich und liefen hinter ihr aus der Halle in den Hof hinaus, wo sie gerade eintrafen, als die beiden Reiter von ihren Pferden abstiegen.
Abrupt blieben die Freunde hinter Arwen stehen, die ebenfalls mitten im Lauf stehen geblieben war und fassungslos auf Aragorn starrte, der langsam die Stufen empor kam.

Er wusste, was sie sehen musste und ihr Schmerz tat mehr weh, als sein eigener, doch er war nicht in der Lage, ihr ein tröstendes Wort zu sagen, oder sie zu berühren. Niemand wagte es, sich ihm zu nähern, das spürte er deutlich, denn die Luft war erfüllt von ihrem Entsetzen und von der Erkenntnis, dass er nicht mehr der Mann war, den sie kannten. Sie fürchteten seine Reaktion, denn in seinem Blick, das wusste er, lagen all die Gefühle, die an seiner Seele zerrten und die er nur mit Mühe beherrschen konnte.
Als er langsam an seinen Freunden vorbei ging, ohne einem von ihnen in die Augen zu sehen, war es Eowyn, die als einzige den Mut aufbrachte, ihn aufzuhalten.
"Aragorn!" Sie packte seinen nackten Arm und ihre kühlen Finger berührten ausgesprochen schmerzhaft seine sonnenverbrannte, blasige Haut.
"Nicht jetzt, Eowyn." Die gefährliche Ruhe in seiner Stimme ließ sie zurückschrecken und sie zog so rasch die Hand zurück, als habe sie sich verbrannt.
Erst, als er durch das große Tor in die Halle getreten war, lösten sich die Freunde aus ihrer Starre und wandten ihre Aufmerksamkeit Legolas zu, der bei ihnen stehen geblieben war.
"Was ist geschehen? Hat er dir etwas gesagt?" In Arwens Frage lag die ganze Sehnsucht nach einer Erklärung, die ihr Aragorns Verhalten verständlicher machen würde, die Züge gewappnet gegen die Schreie, die sie nicht hatte ausstoßen wollen oder konnte, so sehr litt sie mit ihm.
Legolas schüttelte traurig den Kopf, denn er hätte ihr gerne geholfen, leichter mit seiner Reaktion umgehen zu können und ihr die Qual zu ersparen, die nun über sie herrschte.
Doch Arwen straffte zu seiner Verwunderung die Schultern, drehte sich um und rannte hinter Aragorn her.
Kurz vor ihrem Gemach holte sie ihn ein und er blieb abrupt stehen, als sie sich ihm in den Weg stellte. Das erste Mal trafen sich ihre Blicke und wieder jagte ein Schauer über ihren Rücken, als sie in seinen Augen sah was er fühlte. Sie überlegte fieberhaft, wie sie ihn endlich zum Reden bewegen konnte und wählte in ihrer Verzweiflung Worte, die ein großes Risiko bedeuteten, aber sie kannte ihn – diesen Mann - schwer geprüft und seines Stolzes beraubt. Es würde ihn entweder brechen, oder ihn ihr zurückgeben.
"Aragorn, du gehörst mir. Sie könnte dich mir niemals fortnehmen. Der Einzige, der das könnte, bist du selbst und ich würde dich niemals aufgeben oder gehen lassen – denn das war ihr Ziel und ich lasse es nicht zu, dass sie es erreicht!"
""Ich will nicht, dass du jemanden bekommst, der so beschmutzt ist.", stieß er mit rauer Stimme hervor und trat von ihr fort auf die Türe ihres Gemach zu.
"Ist das der Grund dafür, dass du mich nicht anfasst?", fragte sie mit Tränen in den Augen, die langsam über ihre Wangen rollten.
Er wirbelte herum, frischer Schmerz wie ein Aufschrei in seinem Blick, doch er streckte nur wortlos die Hand nach ihr aus und fing eine ihrer Tränen mit seiner Fingerspitze auf, sorgsam darauf bedacht, sie nicht zu berühren. Als er ihrem Blick begegnete, stand Resignation in seinen Augen.
"Ich bin das nicht wert.", flüsterte er.

Er schloss die Türe hinter sich und lehnte sich von innen dagegen, den Blick starr auf ihr Bett gerichtet und rief sich jede Einzelheit von Arwens Gesicht vor Augen. Er folgte jeder ihrer hageren Linien, die von der langen Sorge um ihn gezeichnet waren und doch erfüllt waren, von ihrer elbischen Reinheit und die Erleichterung ausdrückte, dass er noch am Leben war.
Langsam durchquerte er den Raum, legte sich auf das Bett und starrte an die Decke. Überrascht stellte er fest, dass ihm die Tränen ebenfalls über die Wangen liefen - und so fanden Eowyn und Arwen ihn, als die Dämmerung herein brach. Schlafend, mit den blassen Spuren der Tränen auf seinem beschmutzten Gesicht. Sie waren gekommen, um seine Verletzungen zu versorgen und ihm zu Essen zu bringen und wechselten einen Blick miteinander, als sie auf sein mitgenommenes Gesicht sahen.
Arwen beugte sich über ihn und wollte ihm eine Strähne seines Haares aus der Stirn streichen, doch die Reaktion auf die sachte Berührung ließ beide Frauen erschreckt aufschreien.
Aragorn fuhr aus dem Schlaf hoch, packte blindlings Arwens Hand und warf sie mit seinem Gewicht zu Boden, schnappte gleichzeitig sein Messer, dass auf dem kleinen Tisch neben seinem Bett gelegen hatte und drückte es ihr an die Kehle, die Augen seltsam verklärt auf sie gerichtet.
"Aragorn! Nein!" Eowyns Stimme riss ihn in die Wirklichkeit zurück und mit einem Aufstöhnen ließ er den Dolch fallen und starrte auf Arwen, die zitternd unter ihm lag und hart schluckte. Er erhob sich schwankend, ließ sich dann neben dem Bett nieder und vergrub sein Gesicht in den Händen, während seine Muskeln unkontrolliert unter seiner Haut zuckten.
Arwen kam wieder auf die Füße, nachdem der erste Schrecken vergangen war und rieb sich flüchtig die Stelle an ihrem Hals, wo der Dolch eine schwache, rote Schramme hinterlassen hatte. Eowyn stand immer noch wie festgewachsen an der gleichen Stelle und beobachtete, wie Arwen langsam vor ihrem Gemahl in die Hocke ging und zögerlich die Hand auf seinen Arm legte. Fast gleichzeitig erklang ein Trompetensignal und Aragorns Kopf fuhr hoch, während Arwen und Eowyn in die Richtung sahen, aus der sie das Signal vernommen hatten.
Aragorn erhob sich und war mir wenigen Schritten am Fenster und erblickte Enarâtos Truppen, die vor der Stadt Stellung bezogen hatten. Hier und da gab es bereits kleine Kämpfe und ein Rammbock donnerte unaufhörlich gegen das erste Stadttor und noch ehe Arwen oder Eowyn reagieren konnten, war Aragorn schon durch die Türe verschwunden, froh darüber, keine Erklärung für sein Verhalten abgeben zu müssen.

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Aragorn hastete hinter Legolas die Gassen der Stadt entlang und ehe er sich versah, standen die Freunde vor dem unteren Stadttor, das in den letzten der Ringe führte und neben dem zwei Wachposten Stellung bezogen hatten.
"Komm weiter.", brachte er mühsam hervor, als er wieder genug Luft bekam. "Bei den Valar, ich hoffe, wir kommen nicht zu spät!"
Die unmissverständlichen Geräusche der Schlacht drangen an ihre Ohren – das Klirren von Stahl gegen Stahl, das schrille Wiehern von Pferden, die Schreie der Verwundeten und Sterbenden.
Aragorn kletterte neben Legolas auf die Festungsmauer, wobei er die helfende Hand des Freundes ergriff, die dieser ihm anbot und starrte herunter auf das Chaos, sprang dann hinab und rannte zum nächstbesten Schwert, das zu Boden gefallen war.
Die Pferde der Haradrim hatten sich in drei Gruppen aufgeteilt, die geschickt die Truppen Gondors abdrängten und umkreisten, damit sie leichteres Spiel hatten und sie regelrecht abschlachten konnten. Aragorn stürzte sich auf den erstbesten Reiter, bohrte sein geliehenes Schwert in dessen Brust und zog den noch zuckenden Körper herunter, um sich selbst in den Sattel zu schwingen. Legolas Pfeile schwirrten an ihm vorbei und schlugen so eine Schneise um ihn herum, die es ihm ermöglichte, seinen Männern zu Hilfe zu eilen. Als sie ihren König erblickten, wurden freudige Rufe breit und neuer Mut ergriff Besitz von den Kriegern, die nun wieder verbissen kämpften. Bald war die erste Truppe der Feinde geschlagen und unter Aragorns und Legolas Führung eilten sie auf die nächsten Feinde zu, um dort ihren Kameraden beizustehen. Auch hier hatten sie bald einen Sieg errungen, sodass die letzte Truppe der Haradrim die Flucht ergriff.

Die Haradrim galoppierten jedoch geradewegs in eine weitere Schlacht hinein, denn selbst zu Aragorns Verwunderung waren Streitmächte aus Rohan gekommen. Sie waren ganze Tage Nächte von ihrem Lager aus marschiert, nachdem Reiter, die in den Hügeln rund um Minas Tirith versteckt gewesen waren, ihnen von der Anwesenheit der Haradrim berichtet hatten. Êomer hatte wohlweislich mit einem Hinterhalt gerechnet und diese beachtliche Truppe an den Grenzen zu Rohan zurückgelassen und die Späher um die weiße Stadt postiert, bevor er Faramir und den anderen gefolgt war.
Êomers Truppen schwärmten im Halbkreis aus und war gerade dabei, ihre Reihen zusammenzuziehen, als Aragorn, Legolas und ein paar andere, die auf Haradrim – Pferde gesprungen waren, in Sichtweite kamen. Die Truppen schlossen sich von beiden Seiten zusammen und schlossen die flüchtenden Haradrim ein und bei Einbruch des Morgens war alles vorüber.

Aragorn saß auf seinem Pferd, hielt noch immer das Schwert umfangen und sah zu, wie die letzten Haradrim sich ergaben. Ihm war übel vor Erschöpfung nach dem Kampf und er wusste nicht, was ihn überhaupt noch aufrecht hielt, aber dennoch blieb er dort an Legolas Seite und rührte sich nicht von der Stelle.
Die Gefangenen wurden vor sie geführt und Aragorn deutete mit dem Schwert auf den Mann in den besten Kleidern.
"Seid ihr ein Hauptmann? Dann könnt ihr mir doch sicher sagen, wohin sich euer Fürst Enarâto verkrochen hat."
Bereitwillig erteilte der Hauptmann ihm die Auskunft, aber erst, nachdem ein Gondorianer ihm sein Schwert auf die Brust gesetzt hatte.
Enarâto war noch vor Einbruch des Mittags aufgebrochen, um sich seinen Streitmächten aus Haradwaith anzuschließen, die sich bereits über Süd-Gondor dem Fluss Poros näherten und von dort aus die Truppen Rohans und Gondors aus angreifen wollten. Es überraschte Aragorn vor allem zu erfahren, dass dessen Tochter Tanfalas ebenfalls in dem kleinen Gefolge des Fürsten aufgebrochen war.
"Was willst du nun tun, Aragorn?", fragte Legolas, als dieser sein Pferd wendete und nach Minas Tirith zurück ritt.
"Morgen werden wir mit den Männern die sich noch kräftig fühlen unseren Legionen zur Hilfe eilen. Ich will Enarâto persönlich mein Schwert spüren lassen – selbst, wenn es mich selbst das Leben kostet."
Legolas hielt den Atem an, aber Aragorn ritt einfach weiter und war froh, dass der Elb nichts darauf erwiderte oder gar versuchte, ihn von seinem Vorhaben abzuhalten.

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Aragorn hüllte sich den Rest des Weges wieder in Schweigen und änderte dieses Verhalten auch nicht, als sie die Stadt und schließlich auch die Feste erreicht hatten, sprang vom Pferd und ging auf den Brunnen zu, wo er sich das Blut seiner Feinde abwusch und dann regungslos verharrte, die Hände auf den Brunnenrand gestützt. Das klare Wasser hatten seinen erhitzten und geschwächten Körper wieder etwas belebt, aber das Spiegelbild, dass ihm aus den seichten Wellen entgegensah, trog nicht über seinen wahren Zustand hinweg und er erkannte sich selbst nicht darin wieder. Lange musterte er das fremde Gesicht, versuchte, einen vertrauten Zug darin zu entdecken, der ihm die Hoffnung zurückgab, dass der Mann, dem dieses Gesicht einmal gehört hatte, nicht völlig verloren war, aber er konnte nichts finden. Noch einmal schöpfte er sich mit vollen Händen Wasser in das Gesicht, dass nun seines war und drehte sich der Feste zu, doch seine Füße bewegten sich nicht auf den Eingang zu, schafften es nicht, die geringe Entfernung zu überwinden und sein Heim zu betreten.
Sein Heim! Wohin sollte er gehen? In sein Arbeitszimmer, wo die Regale mit Büchern wie zum Hohn aufgestellte Mahnmahle standen und in denen kluge Ratschläge standen, die einen im wirklichen Leben nichts einbrachten, als Spott oder Unverständnis?
Oder sollte er gar in seine privaten Gemächer gehen, in denen die Frau auf ihn wartete, der er nicht mehr in die Augen sehen konnte, weil er darin seinen eigenen Schmerz wieder fand? Für die er eine Gefahr darstellte und der er noch vor wenigen Stunden ein Messer an die Kehle gedrückt hatte, weil er glaubte, dass SIE wieder zurückgekehrt war um ihm erneute Qualen zu bereiten?
Wohin sollte er gehen, um endlich Ruhe zu finden? Doch er kannte die Antwort bereits. Er würde nirgends Ruhe finden, egal welchen Ort er aufsuchen würde, immer würde es etwas geben, dass ihn an die letzten Wochen erinnern würde, also konnte er sich auch gleich hier an Ort und Stelle hinsetzen und auf den Morgen warten, der auch den Aufbruch bedeutete.

Legolas näherte sich Aragorn erst, nachdem auch die letzten Wachmänner den Hof verlassen hatten und niemand mehr anwesend war, der sie hätte stören können. Vorsichtig, um ihn nicht zu erschrecken, da er tief in Gedanken versunken schien, begann er zu sprechen.
"Aragorn? Komm, du solltest dich endlich ausruhen und schlafen. Du siehst aus, als könntest du keine Minute länger aufrecht stehen."
Aragorns Blick schien durch Legolas hindurch zu sehen, doch nach einer kurzen Zeit, in der Legolas bereits geglaubt hatte, sein Freund hätte ihn nicht gehört, nickte dieser kaum merklich und folgte dem Elben.
Trotz seiner enormen Müdigkeit, die plötzlich von ihm Besitz ergriffen hatte, schaffte Aragorn es die Stufen herauf, bis sie in Legolas' Zimmer ankamen, wo der Elb ihn entschieden auf das Lager drückte und ihm ein Glas Wein in die Finger drückte.
"Trink das.", forderte Legolas bestimmt, aber Aragorn konnte nicht anders, als auf die dunkelrote Flüssigkeit zu starren und sich die Frage zu stellen, ob er diesen Kelch auch bedenkenlos leeren konnte. Er schwenkte das Gefäß in seinen Händen, zog den Duft des Weins in seine Nase, suchte nach verräterischen Anzeichen und konnte sich einfach nicht überwinden, den ersten Schluck zu trinken. Würde es ihm jetzt immer so ergehen? Würde er selbst das Vertrauen in seine besten Freunde verlieren und jeden ihrer Schritte auf ihre Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit hin überprüfen? Oder würde er irgendwann wieder jemandem trauen können? Plötzlich fühlte er sich noch einsamer, als in seiner Zelle und er stellte den Kelch unberührt ab.
"Lass mich allein.", gab er müde von sich. "Bitte!"
Legolas drehte sich ohne zu zögern um und verließ das Zimmer.

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Aragorn warf sich unruhig auf dem Bett hin und her und krallte seine Hände in die Laken, so als ob er einen Halt suchte. Schweiß stand ihm auf der Stirn und entweder stöhnte er gequält auf oder murmelte unverständliche Sätze, die Legolas nicht darauf schließen ließen, was Aragorn gerade träumte.
Legolas war wieder in das Zimmer zurückgekehrt, als er sicher gewesen war, dass Aragorn eingeschlafen war und wachte nun schon geraume Zeit über seinen unruhigen Schlaf. Von Eowyn hatte er erfahren, was vor der Schlacht vorgefallen war und hatte in ihm noch die Gewissheit verstärkt, dass es besser war, Aragorn nicht alleine zu lassen.
Was auch immer geschehen war in der Zeit seiner Gefangennahme, es hatte Aragorn mehr als körperliche Schmerzen gekostet und der Mann, der nun auf seinem Lager lag, war nicht mehr wieder zu erkennen. Legolas konnte sich noch gut an den ruhigen, schweigsamen und nachdenklichen Mann erinnern, den er kennen gelernt hatte, doch es war eine Schweigsamkeit gewesen, die auf seinen scharfen Verstand hingedeutet hatte, denn wenn Aragorn das Wort ergriffen hatte, waren es stets weise und kluge Worte gewesen und er hatte als ihr Führer im Ringkrieg immer die richtigen Entscheidungen getroffen und sie nie fehlgeleitet. Schnell war klar, dass sie sich auf ihn verlassen konnten, dass er immer zur Stelle war, wenn seine Hilfe erforderlich war und es war dem Elben fast schon so vorgekommen, als könne nichts diesen Mann und seinen Glauben erschüttern.
Nachdem der Ringkrieg beendet war, hatte Legolas geglaubt, dass sie alle keine Ereignisse mehr erleben würden, die diesen noch an Grausamkeit, Schrecken und Hoffnungslosigkeit überbieten könnten, doch Tanfalas und ihr Vater hatten es vermocht. Was der Ringkrieg nicht geschafft hatte, hatten sie erreicht – sie hatten Aragorn gebrochen. Ihn soweit getrieben, dass er sogar seine eigene Frau angriff, in einer Schlacht selbst dann noch tötete, wenn sein Gegenüber längst geschlagen war und die Mordlust hatte in seinen Augen geglänzt. Doch was am Schlimmsten für Legolas war – Aragorn hatte das Vertrauen in ihn verloren! Er hatte die Angst und die Zweifel in den Augen des Freundes gesehen, als er ihm das Weinglas gereicht hatte und dieser Ausdruck hatte Legolas mehr geschmerzt, als der tiefste Dolchstoß.
Legolas warf wieder einen Blick auf das Lager, beobachtete, wie Aragorn immer unruhiger wurde und sich selbst immer wieder auf seine verletzte Schulter warf, auch, als diese wieder begann zu bluten und die Laken beschmutzte und begann daraufhin, einen leisen, elbischen Gesang anzustimmen, von dem sein Volk glaubte, dass er die Seele heilen konnte.

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Spät am nächsten Morgen brach die Truppe Reiter auf, nachdem sich ihr König endlich an ihre Spitze begeben hatte. Bergil hielt, als Knappe des Königs, dessen Schwert und den ledernen Harnisch für ihn bereit, als er die Stufen in den Hof herunterschritt und wartete geduldig, bis sich Aragorn von der Herrin verabschiedet hatte. Der Abschied verlief in ebenso eisigem Schweigen, wie es seit seiner Ankunft der Fall gewesen war. Arwens Brust hatte sich unter der Last des Abschieds schwer gehoben und gesenkt, während sie die Tränen tapfer zurückhielt und nur Eowyn wusste, wie viel Kraft sie dieser Moment kostete. Es konnte ein Abschied für immer sein, denn sie wussten alle, dass Aragorn keiner Gefahr aus dem Weg gehen würde, bis er Enarâto und seine Tochter gefunden hatte, er würde bis zum letzten Atemzug kämpfen, bis er diejenigen vor sich hatte, die seine Träume, sein Leben und ihn selbst zerstört hatten. Diese Gewissheit stand in Arwens Augen, als sie Aragorn hinterher blickte und er ihr einen letzten Blick zuwarf und dann den Kopf senkte, bevor er Brego vorantrieb. Ihr einziger Trost bestand in den Worten, die Legolas ihr noch ins Ohr geflüstert hatte, bevor auch er sich für den Aufbruch gerüstet hatte. Er würde nicht von Aragorns Seite weichen und ihm bei allen Gefahren beistehen und doch vermochte dieses Versprechen nicht ihre unsagbare Furcht zu mindern.

Als der Abend hereinbrach, verließ eine weitere Gruppe Reiter die weiße Stadt. Es war Arwen, die mit Eowyn und einigen Kriegern, die zu ihrem Schutz Mitritten, den Weg nach Lôrien antraten. Schon in der Nacht hatte Eowyn auf Arwens Wunsch hin alles für ihre Abreise vorbereiten lassen, denn sie wollte die hohe Frau Galadriel aufsuchen. Über ihre genauen Beweggründe schwieg sie, doch Eowyn hatte eine Vermutung, die sie jedoch ebenso verschwieg. Sie konnte Arwen verstehen und war sich sicher, dass sie genauso gehandelt hätte, wenn sie an ihrer Stelle gestanden hätte.