Neuntes Kapitel
„Kriegsführung"
Aragorn
und Legolas ließen ihre Truppe kurz vor dem Ziel ihre Zelte
aufschlagen und ritten dann gemeinsam mit Bergil den Rest des Weges
bis in das riesige Lager, dass Faramir und Êomer vor den Furten
des Poros errichtet hatten. Es war fast Mittag und die Luft war
erfüllt vom Duft der Mahlzeiten, die auf den großen
Feuerstellen zubereitet wurden, die an die Stelle der Düfte von
Wasser und Bäumen getreten waren, die sonst die Landschaft
erfüllten.
Die Wachposten reagierten sofort auf das
Erscheinen der beiden Reiter, auch wenn man ihnen eine gewisse
Unachtsamkeit sicher verziehen hätte, denn seit ihrem Aufbruch
aus Minas Tirith hatte sich nichts ereignet. Sie waren zu einem Krieg
aufgebrochen, um ihren König zu retten, doch noch bevor sie
überhaupt das Land der Variags erreicht hatten, waren sie durch
eine Botschaft der Königin gestoppt worden und verweilten nun
schon die ganze Zeit in Untätigkeit, bis auf eine kleine
Schlacht vor wenigen Tagen.
Der Hauptmann der Wache hielt die
Reiter die ganze Zeit über im Auge und als er sie erkannte,
brach umgehend Hektik in seiner Truppe aus, als er ihnen Befehle
zuschrie. Eilig rannte einer der Krieger davon, um die Heermeister in
Kenntnis zu setzen, welch hoher und erfreulicher Besuch sich ihnen
näherte.
Aragorn und Legolas wurden mit einer Verbeugung
vom Hauptmann empfangen und konnten ungehindert in das Lager
einreiten und Aragorn hörte das Geräusch, ein Murmeln, das
zu Jubel anschwoll, als die Krieger ihn erblickten. Im Spalier
standen die Bogenschützen vor den Zelten der Heerführer,
Faramir und Êomer, die von den Freunden umringt bereits vor dem
Eingang standen. Aragorn ritt auf das Kriegszelt zu und der Jubel
verebbte in keiner Weise und das Wissen, dass diese Menschen ihm
zuriefen, ihrem König und Herrn, verursachte ihm etwas Übelkeit
und ihre Treue und das Vertrauen, dass diese Menschen ihm entgegen
brachten schnitt ihm ins Herz. Sie glaubten an ihn, oder besser an
den Mann, der er einst gewesen war.
Êomer trat Aragorn
entgegen und verbeugte sich vor ihm und er erwiderte diese mit einem
knappen Nicken, dankbar für die Rituale und Förmlichkeiten,
die selbst den Freunden in der Öffentlichkeit ihm gegenüber
vorgeschrieben waren und hinter denen er sich jetzt verstecken
konnte.
"Mein König.", begrüßte Êomer
ihn und hinter ihm gingen die Freunde in die Knie. "Ich freue
mich, dass ihr zu unserer Unterstützung gekommen seid. Wir
erwarten eure Befehle."
Aragorn hatte zwanzig Bogenschützen,
dreißig Pferde und seinen Knappen Bergil aus Minas Tirith für
die Verstärkung der Truppen mitgebracht, aber das Einzige, dass
ihm Freude bereitete, war der Gedanke, dass Bergil seinen Vater
wieder sehen würde, der in unmittelbarer Nähe der
Heerführer stand und schon jetzt seinen Sohn kaum aus den Augen
lassen konnte. In seinen Augen glänzte der Stolz und als er
Aragorns Blick bemerkte, warf er diesem ein leicht verlegendes
Lächeln zu.
Aragorn schwang sich vom Pferd und warf Bergil
die Zügel zu, zog sich die Reithandschuhe aus und zog Bergil
dann neben sich, der vor Aufregung und Freude fast tanzte.
"Hauptmann
Beregond, ich bin erfreut, euch wieder zu sehen. Aber ich denke, hier
ist jemand, der nun eure Aufmerksamkeit erwartet und euch sicher
einiges erzählen möchte."
Beregond verneigte sich.
"Hoheit, eure Nachsicht ehrt mich. Ich würde auch sehr
gerne mit meinem Sohn reden!"
Das Zucken in Aragorns
Mundwinkeln fühlte sich seltsam an, als er die stürmische
Begrüßung zwischen Vater und Sohn beobachtete; es war das
erste Lächeln seit langer Zeit für ihn.
Als Aragorn sich
umdrehte sah er, dass Êomer die Hauptleute und Krieger
entlassen hatte und nur noch die Freunde abwartend vor dem
Zelteingang standen. Als er der stummen Aufforderung nach kam und
Êomer in das Zelt folgte, rief einer der Krieger im Lager
seinen Namen und der Ruf wurde aufgenommen von der Vielzahl seiner
Kameraden, dass selbst Enarâto und Tanfalas auf der anderen
Seite des Flusses ihn hören mussten. Aragorn floh regelrecht in
das kühle, dämmrige Innere des Zeltes, wo bereits Stühle
und Weinkelche bereitstanden und Aragorn setzte sich und ließ
den Blick über seine Freunde schweifen.
Faramir und Êomer
zeigten nicht die Spur einer Regung, während Gimli fast beschämt
zu Boden sah, als sich ihre Blicke begegneten und Gandalf musterte
ihn aufmerksam und offen, ohne seine Sorge zu verbergen.
Die
Aussicht darauf, dass seine Freunde wissen wollten was geschehen war
und er ihnen eine Erklärung abgeben musste, was er erlebt hatte,
erfüllte ihn mit nichts anderem als Furcht und er verfluchte
seine Feigheit. Alleine der Gedanke an die Qualen ließen die
Gefühle in seinem Inneren über ihm zusammenschlagen, doch
er zeigte keines seiner Gefühle auf seinem Gesicht.
Um sich
selbst abzulenken und seine eigene Unsicherheit zu überspielen,
ergriff er seinen Weinkelch und ließ den Wein darin kreisen.
Faramir war derjenige, der die unangenehme Stille schließlich
brach.
"Wir waren sehr erleichtert, als wir Arwens Nachricht
erhielten und deinem Volk ging es ebenso. Die Krieger sagen, die
Valar würden dich beschützen und du hättest die Stärke
und List von Drachen in dir!"
"So, sagen sie das?"
Die Schärfe in Aragorns Stimme verdüsterte Gandalfs Augen
und der Zauberer räusperte sich.
"Ich denke es ist
besser, wenn ihr mich kurz mit Aragorn alleine lasst, Freunde. Wir
werden euch rufen, wenn wir euch brauchen."
Verwundert, aber
Widerstandslos erhoben sich alle und verließen das Zelt und
Gandalf wartete, bis sich die Klappen hinter ihnen geschlossen
hatten.
"Und jetzt erzähl mir, was Legolas mir in seiner
Botschaft nicht mitgeteilt hat, die mich gestern erreicht
hat."
Aragorn lehnte sich müde zurück und zog
leicht verwundert die Augenbrauen hoch.
"Er hat dir also eine
Botschaft zukommen lassen? Nun, ich denke nicht, dass er irgendetwas
ausgelassen hat."
Gandalf schnaubte. "Du hast es jetzt
mit mir zu tun, mein Lieber. Ich kenne dich praktisch von klein auf!
Was ist passiert?"
Aragorn trank einen großen Schluck
Wein. "Schwöre mir, dass es niemand sonst erfährt.
Schwöre es mir auf deine Macht und das Leben unserer
Freunde!"
Der alte Mann erstarrte vorübergehend, dann
sagte er langsam: "Du kennst mich gut genug, also musst du wohl
versuchen, mich auf diese Art vom Ernst dieser Sache zu überzeugen.
Doch ich sehe selbst, wie ernst die Sache ist, denn so habe ich dich
noch nie erlebt! Aber schön – ich schwöre."
"Ich
wollte dich nicht beleidigen." Aragorn drehte seinen Kelch
zwischen seinen Händen und starrte auf den wirbelnden, dunklen
Wein. Seine Stimme stockte, als er schließlich zu sprechen
begann.
"Tanfalas - ... sie hat bekommen, was sie immer
wollte. Sie hat das geschafft, was selbst die Schrecken des
Ringkrieges nicht vermocht haben. Den Aragorn, den du einst kanntest
– gibt es nicht mehr – und wird es wohl auch nie mehr
geben.
Willst du wirklich wissen, wie sie das geschafft hat?
Zuerst hat sie mir eine Droge verabreicht, als ich verwundet und
bewusstlos in ihr Versteck gebracht wurde. Alkiach – das dir die
Sinne vernebelt und dich Dinge sehen lässt, die nicht existieren
und doch so real sind, dass du sie fühlen kannst –
schmerzvoll. Als ich die Wirklichkeit nicht mehr von der Vision
unterscheiden konnte, hat sie versucht...", seine Stimme brach
ab. „...Sie wollte mich besitzen. GANZ. Und ich dachte, sie sei
Arwen..."
"Das reicht jetzt.", flüsterte
Gandalf.
"Nein! Ich muss endlich mit jemandem reden und nun
hörst du dir auch die ganze Geschichte an! Ich habe sie gerade
noch rechtzeitig erkannt und alles verweigert, was eine Gefahr
darstellte, wieder diese Droge zu mir zu nehmen, aber sie hatte schon
so stark Besitz von mir ergriffen, dass mich der Entzug beinahe
umgebracht hat. Und in dieser Zeit habe ich die Wahrheit über
mich selber erfahren! Das ich mir und allen anderen immer etwas
vorgemacht habe – nie ehrlich zu mir selbst war! Ich bin nie der
gewesen, für den ihr mich gehalten habt! Ich..."
"Schweig!",
herrschte Gandalf ihn an und richtete sich hoch über ihm auf.
"Da draußen warten deine Freunde und eine ganze Armee auf
deine Befehle. Auf der anderen Seite des Flusses wartet ein Feind,
der deinen Tod und deinen Platz will. Wenn du so weitermachst, dann
erreicht er sein Ziel! Du kannst später Mitleid mit dir selber
haben – wenn du Zeit dafür hast!"
Aragorn wusste, dass
Gandalf ihn bewusst provozieren wollte und ein Teil von ihm, hasste
ihn dafür, aber dieser Mann, der in allem, außer dem Blut,
fast wie sein Vater war, hatte Recht – verdammt Recht!
Aragorn
sah, wie die kühlen Augen in seinem Gesicht nach einer
Veränderung suchten und wandte schließlich den Blick ab,
aber selbst diese Bewegung war für Gandalf genug.
"Schon
besser! Und jetzt werde ich die anderen holen. Nun, da du wieder
fähig bist zu denken, solltest du dir von Faramir und Êomer
die Situation schildern lassen. Wenn du irgendwelche Vorschläge
für die Lösung unserer Probleme hast, wären sie dir
dankbar! Und wenn ich schon einmal draußen bin, lasse ich dir
auch etwas zu Essen kommen. So wie du jetzt aussiehst, könntest
du dich hinter einer Schwertklinge verstecken!"
"Denkst
du das? Das ich mich verstecken will?", fragte Aragorn
unwirsch.
Ein schwaches Lächeln zuckte um Gandalfs
Mundwinkel. "Viel besser! Jetzt bist du wieder Aragorn!"
ooOOoo
Das
Rascheln der Blätter im Wind ließ Arwens Zuversicht
steigen und für einen Augenblick vergaß sie all ihre
Sorgen und Ängste und schöpfte neue Hoffnung. Ja, hier
fühlte sie die Ruhe und Kraft der Elben und die Macht, die
diesen Wald erfüllte. Die weit ausladenden Äste zwang die
Gruppe, sich tief über die Hälse ihrer Pferde zu beugen und
das Plätschern des Bachs begleitete jeden Hufschlag und strahlte
Ruhe und Frieden aus. Die Schatten des dichten Waldes kühlten
Pferde und Reiter und sie kamen nun viel schneller voran, sie
passierten Wasserfälle, die im Licht der Sonnenstrahlen, die
durch die Kronen der Bäume drangen, funkelten und fanden immer
mehr Anzeichen für die Anwesenheit der Elben in diesem
Wald.
Eowyn staunte über die Fülle und Schönheit
der Natur und ihren Anmut, die hier in Lôrien herrschte. Nie
zuvor hatte sie diesen Teil Mittelerdes betreten und war regelrecht
überwältigt, aber auch gespannt, endlich die hohe Frau
Galadriel kennen zu lernen, von der Arwen ihr bereits so viel erzählt
hatte.
Sie erreichten eine Brücke, überquerten sie und
durchritten die riesigen Tore, die in die Mauer eingelassen waren,
die Lôrien schützend umgab, folgten den Pfaden, die jedes
Geräusch der Hufschläge schluckten. Schließlich
mussten sie absteigen und Arwen bedeutete den Wachen, dass sie sich
der Pferde annehmen sollten und ergriff Eowyns Hand, um sie zu
führen. Viele Treppen gingen sie herauf und Arwen ging
zielsicher die verwundenen Pfade entlang, bis sich vor ihnen eine
Rasenfläche ausbreitete, auf dem der größte Baum
stand, den Eowyn je gesehen hatte. Seine Rinde schien aus purem
Silber zu bestehen und seine Äste waren beladen mit Blättern,
die riesige, grüne Wolken über ihren Köpfen bildeten.
Das Plätschern eines Springquells zog Eowyns Aufmerksamkeit auf
sich und sie bestaunte auch ihn, der sein Wasser in ein natürliches
Becken aus Fels fließen ließ, das dann, in einem kleinen
Wasserfall, in den Bach stürzte. Die Schönheit und die
Ruhe, die an diesem Ort herrschte, erfasste Eowyns Herz und sie
wünschte, sie könnte ewig an diesem Ort des Friedens
verweilen.
Arwen drückte leicht Eowyns Hand und als sie zu
der Elbe sah, folgte sie deren Blick und zog tief die Luft ein.
Sie
hatte schon von Gimli gehört, dass Galadriel eine schöne,
anmutige Elbe war und laut dem Zwerg alle Schönheit auf Erden
übertraf, aber da sie die Herrin der Elben nun erblickte, wusste
sie, das der Zwerg nie übertrieben hatte. Ihr tiefgoldenes Haar
fiel ihr weich bis auf die Hüften und ihre Züge waren rein
und sanft, fast kindlich, aber ihre Augen! Eowyn glaubte, die Sterne
in ihren Tiefen funkeln zu sehen und sie waren von Erinnerungen
erfüllt, die ihr die Weisheit gaben. Als sie dann zu sprechen
begann, spürte Eowyn neuen Frieden in ihrem Herzen, denn ihre
Stimme klang tief und melodisch und kam einem Lied gleich, dass ihr
Innerstes ausfüllte und Sorge und Angst vertrieb.
"Du
bist weit geritten, Arwen und ich fühle, das dein Herz schwer
ist von Kummer und Gram! Du erbittest Hilfe von mir, die ich dir
gerne zuteil werden lasse, aber die wahre Hilfe trägst du in dir
– wenn das Schicksal es so will!" Bei ihren Worten lächelte
sie Arwen bedeutungsvoll zu, dann wandte sie sich an Eowyn.
"Ich
freue mich, euch endlich kennen zu lernen, Schildmaid Eowyn! Eure
Heldentaten sind bis in unsere Lande vorgedrungen und es erfüllt
mich mit Stolz, eine so tapfere Frau in meinem Reich begrüßen
zu dürfen!
Doch nun kommt! Ihr seit müde nach so langer
Reise und solltet euch stärken und dann ruhen."
Elben
betraten die Wiese und bereiteten Speisen und Lager für Arwen
und Eowyn, die sie nur zu gerne annahmen und nachdem sie sich
ausreichend gestärkt hatten, ließen sie sich auf die
weichen, moosgepolsterten Lager nieder.
"Was glaubst du, hat
Galadriel gemeint, als sie dir sagte, dass du die wahre Hilfe in dir
trägst?", fragte Eowyn ihre Freundin.
"Galadriel
glaubt an die Kraft und Stärke, die uns Elben inne wohnt und sie
weiß, dass ich, auch wenn ich meine Unsterblichkeit geopfert
habe, noch viel dieser Eigenschaften in mir trage. Sie weiß,
wie sehr ich Aragorn liebe und will mich an diese Stärke
erinnern – denke ich."
Arwen sah in das Blätterdach
hinauf, dass den Blick auf den Himmel verwehrte und spürte, wie
die Sorge um Aragorn sich wieder in ihrem Herzen regte. Sie schloss
die Augen und versuchte, sich sein Bild ins Gedächtnis zu rufen
und an den Abend zu erinnern, bevor er entführt worden war. An
diesem Abend hatten sie ihre Zweisamkeit genossen, sich einander
hingegeben und sich endlich wieder sicher gefühlt nach den
Schrecken des Helkaannon, doch wie trügerisch war diese
Sicherheit gewesen – von wie kurzer Dauer. Würden sie wieder
eine solche Nacht miteinander verbringen? Würde sie diesen Mann
wieder zurück bekommen, der sie behutsam in seinen Armen
gehalten hatte, mit seinen zärtlichen Händen liebkost hatte
und ihr seine unendliche Liebe bewiesen hatte, wie nur er es
vermochte, als sie sich vereint hatten? Sie schmeckte noch immer die
Süße seiner Küsse auf ihren Lippen, die sich mit der
Würze des Weins vermischten und den genießerischen
Ausdruck in seinen Augen, als er auf sie hinab sah, doch im nächsten
Moment sah sie nur noch den Schmerz, der bei seiner Abreise seinen
Blick verdunkelt hatte.
Arwen schreckte hoch und stellte fest,
dass ihr die Tränen die Wangen herunter liefen und es inzwischen
dunkel geworden war. Neben ihr lag Eowyn und schlief friedvoll, denn
kein Schrecken oder Geräusch störte ihre Träume und
ihre Ruhe.
Arwen wischte sich die Tränen von den Wangen und
sah auf, als sie eine Bewegung am Rand der Wiese bemerkte und dort
stand Galadriel und lächelte sie freundlich an, während sie
ihr auffordernd die Hand entgegen streckte.
"Komm! Ich möchte
dir nun deinen sehnlichsten Wunsch erfüllen und dich in meinen
Spiegel sehen lassen. Aber sei ebenso gewarnt, wie ich einst Frodo
warnte. Du wirst Dinge sehen, die du zu sehen wünscht, aber auch
jene, die dein Herz vielleicht zuerst noch mehr erschweren werden,
dir aber auch Gewissheit bringen mögen. Möchtest du den
Blick in den Spiegel trotzdem wagen?"
Arwen nickte. "Ich
wünsche mir, endlich eine Erklärung zu erhalten, seinen
Schmerz zu verstehen. Ich muss wissen, was ihn so sehr verändert
hat, dass er keine Ruhe mehr findet und all seine höchsten Werte
– Vertrauen, Freundschaft, Ehre und Frieden – nun verloren sind
und nur noch Hass und Rache ihn erfüllt."
Galadriel
nickte verstehend und Arwen legte ihre Hand in die ihre und sie
verließen die Lichtung, betraten durch die Hecke ihren Garten
und erreichten schließlich die Mulde in der sich der Sockel mit
der silbernen Schale befand. Galadriel schöpfte mit dem
bereitstehenden Krug Wasser aus dem kleinen Bach und goss es
bedächtig in die Schale, kleine Tropfen sprangen durch den
Schwall über den Rand der Schale und glitzerten im
Sternenlicht.
Galadriel hauchte auf die Wasseroberfläche,
trat dann zur Seite und wies Arwen ihren Platz zu.
"Ich
hoffe, du erblickst das, was du zu sehen erhoffst!"
Arwen
atmete tief ein, so, als zöge sie aus der Luft die nötige
Kraft, um ihre Zweifel und Ängste zu besiegen und die Wahrheit
zu verkraften, doch dann machte sie den ersten unsicheren Schritt auf
den Sockel zu, bis sie ihn schließlich erreichte und sich über
die Oberfläche des Spiegels beugte. Zuerst sah sie nur ihr
eigenes Spiegelbild, doch dann verschwamm es und sie konnte die
Schattengebirge und die Landschaft davor sehen. Mit hoher
Geschwindigkeit flog ihr Blick auf einen Pfad zu und sie konnte die
Hobbits und Aragorn ausmachen, die ihn gemeinsam entlang ritten, bis
Aragorn plötzlich Bregos Zügel freigab und der Hengst mit
ihm davon stürmte. Sie folgte ihm wie im Flug, sah das Messer
einen Moment in der Sonne aufblitzen, bevor Aragorn sich unter dem
Schmerz des Treffers wand und sich seine Gegner auf ihn stürzten.
Sie sah den Kampf der folgte und obwohl sie nicht das Geringste hören
konnte, glaubte sie dennoch seine Schmerzschreie zu hören und
den dumpfen Aufprall, als der letzte Schlag ihn fällte. Dann sah
sie ihn in einem Bett liegen, während Tanfalas sich über
ihn beugte und ihm Wein einflößte, in den sie vorher ein
grünliches Pulver geschüttet hatte, während er sich in
Schmerz und Fieber hin und her warf. Ihr Herz begann schneller zu
schlagen, als sie sah, wie Tanfalas sich an ihn schmiegte, ihn küsste
und er sich hilfesuchend an sie klammerte.
Sie sah seine Kämpfe
gegen unsichtbare Gegner, die Augen seltsam verklärt und sein
Gesicht ein Spiegelbild seiner Qualen, sah wieder Tanfalas, wie sie
ihn versuchte, zu verführen – jedoch ohne Erfolg – und
atmete erleichtert auf. Die Bilder die nun folgten, ließ sie
beinahe taumeln, denn sie sah, wie Aragorn mit den Folgen des Entzugs
kämpfte, immer schwächer und magerer wurde, sein Atem
teilweise aussetzte und er mehr als einmal nur knapp dem Tod entging.
Dann kam die Finsternis, die eine ganz eigene Qual darstellte und
schließlich kam mit Legolas die Erlösung, nachdem Enarâto
ihn aufgesucht hatte.
Die Bilder verschwammen und die Gegenwart
zeigte Aragorn, wie er mit den Freunden in einem Zelt zusammensaß
und über Landkarten brütete, doch sein Gesicht war
emotionslos und dies bedeutete für Arwen schon, dass er eine
Maske trug, um seine wahren Gefühle zu verbergen.
Arwen
wollte schon wieder den Blick vom Spiegel wenden, als sich die
Oberfläche noch einmal veränderte und sie folgte den
Bildern der Zukunft gespannt und in einem Wechselspiel der Regungen –
Verzweiflung, Angst, Sorge, Trauer und plötzlich
unbeschreibliches Glück, als sie sich selbst sah und Galadriels
Worte endlich verstand.
ooOOoo
Die Landkarten lagen
ausgerollt vor den Freunden auf dem Tisch und Aragorn versuchte
Faramirs Worten zu folgen.
"Wir haben folgendes Problem. Wir
haben Enarâto eine Frist von zehn Tagen gegeben, seine halbe
Armee über die Brücke zu bringen und er hat nicht mehr als
fünfzig Mann in Bewegung gesetzt. Wir können noch zwei
weitere Kämpfe überstehen, wenn wir Glück haben –
aber das ist auch alles. Wir wollten die Hälfte seiner Truppe
auf dieser Seite haben, damit wir sie auslöschen können und
danach auf die andere Seite wechseln und uns um die andere Hälfte
kümmern, aber er tut uns diesen Gefallen nicht. Wenn du
irgendwelche Vorschläge hast, Aragorn, würden wir sie gerne
hören."
Aragorn hätte fast laut gelacht. Er war
gerade erst ein paar Stunden im Lager, war kaum in der körperlichen
Verfassung sich nach den letzten Wochen und dem langen Ritt auf den
Beinen zu halten und schon verlangten seine Freunde von ihm taktische
Entscheidungen, ein Gebiet, auf dem er sowieso nie gut gewesen war.
Er trank den Rest seines Weines aus, stand auf und sagte: "Ich
mache einen Spaziergang! Bevor ich eine Entscheidung treffen kann,
muss ich erst einmal alle Informationen überdenken und Klarheit
in meine Gedanken bringen. – Êomer! Bitte veranlasse, dass
ein zusätzliches Bett in euer Zelt gebracht wird. Ich will nicht
alleine in diesem Windtunnel übernachten, dass du Zelt
schimpfst."
Êomer wollte schon widersprechen, dass dies
nicht dem Stand entsprach, das ihm als König ein eigenes Zelt
gebührte und er nicht das Lager mit ihnen teilen musste, doch
Gandalfs Hand auf seinem Arm hielt ihn zurück und Êomer
sah Aragorn nach, der sich ohne ein weiteres Wort ins Freie
begab.
ooOOoo
Aragorn wusste sehr wohl, dass die Zeit
drängte, denn Enarâto konnte täglich eine neue Truppe
zu einem Gefecht über den Fluss schicken, doch es dauerte
dennoch, bis er am achten Tag seines Eintreffen im Lager erneut die
Freunde zusammenrufen ließ, um ihnen seine Entscheidung
mitzuteilen.
In diesen acht Tagen hatte er sich durch viele Dinge
abgelenkt, doch wenn die Nacht hereinbrach und keine Berichte mehr
anzuhören, oder Pläne durchzusprechen waren, war es am
Schlimmsten. Wenn er auf seinem Lager ruhte und wusste, dass ihm die
Kühle der Nacht nach dem heißen Tag den nötigen
Schlaf ermöglichen konnte, dann blieb er wach. Er wagte nicht,
sich zu erheben und durchs Lager zu wandern, denn wer wollte seine
Freunde nicht wecken. Er wollte aber auch nicht Schlafen, aus Angst,
vor den Alpträumen, die ihn immer wieder quälten und so
drehten sich seine Gedanken unaufhörlich im Kreis, während
sein Körper ruhig blieb. Noch immer schrak er zusammen, wenn er
doch einnickte und die Bilder der Vergangenheit ihn einholten und
nicht selten tauchte dann Gandalfs Gesicht über ihm auf, der ihm
beruhigend die Hand auf die Schulter legte und ihm einen Kelch Wein
reichte.
Als sich die Freunde schließlich im Zelt
versammelten und auch die Hauptmänner der Truppen vollzählig
anwesend waren, verkündete er seine Entscheidung und lächelte
ein wenig, als er befahl, dass das Lager umgehend abgebrochen werden
sollte und sich alle Truppen vom Poros zurückziehen sollten. Im
Stillen freute es ihn, dass allen Anwesenden ein Rückzug zuwider
war, doch er wartete darauf, dass sie es endlich begriffen. Legolas
sah es zuerst.
"Du willst sie in die weite Ebene
locken!"
"Genau! Ich möchte, dass sich unsere
Truppen so weit verteilen, wie wir es wagen können, aber immer
in Sichtweite zueinander. Ihr brecht alle zu unterschiedlichen Zeiten
und Wegen auf, denn ich will Enarâto gründlich verwirren.
In drei Tagen wünsche ich das ganze Gebiet hier leer."
"Mir
gefällt das Ganze nicht!", wagte Faramir anzumerken. "Was
ist, wenn sie uns nicht folgen?"
"Was können wir
sonst tun? Selbst, wenn sie der Versuchung widerstehen können,
uns zu folgen, so werden sie doch gewiss nicht fähig sein, ein
offenliegendes Flussufer zu ignorieren. Enarâto ist gierig! Er
wird es als siegreiches Land ansehen, das sie ohne einen Kampf
errungen haben!"
Gimlis Augen tanzten vor Vorfreude auf eine
bevorstehende Schlacht, auch wenn bis dahin noch einige Zeit
verstreichen würde. "Sie werden den Köder schon
schlucken! Und wenn nicht, werden wir umkehren und ihnen zeigen, zu
was unsere Truppen fähig sind!"
In sorgfältig
geplantem Durcheinander räumten die Truppen von Bogenschützen,
Reitern und Fußsoldaten das Lager und verließen alle in
eine andere Richtung, die ihre Anführer vorgaben, das Gebiet am
Poros. So zogen sie in der Hitze des Hochsommers dahin, jeweils um
einige Längen, in gefährlich dünnen Reihen und zogen
sich an den Rand der Berge zurück, aber in Sichtweite
zueinander.
Enarâto hatte Êomers List damals
durchschaut, doch nun gab er sich eine Blöße und konnte
Aragorns Verlockung nicht widerstehen, den Fluss zu überqueren
und die grünen Hügel der Ebene einzunehmen, aber er ging
sehr vorsichtig dabei vor. Er und seine wichtigsten Kämpfer
blieben auf der anderen Seite und überließen es den
Fußsoldaten den Vorstoß zu wagen.
Als Aragorn von
Faramir die Nachricht erhielt, dass die Hälfte von Enarâtos
Truppen genau dort waren, wo Êomer sie haben wollte, zögerte
er. Er wusste, dass seine Freunde und seine Truppen angesichts seiner
Unentschlossenheit verwirrt waren, vor allem, nachdem sie erfahren
hatten, dass er bei der Schlacht in Minas Tirith ohne mit der Wimper
zu zucken die Feinde getötet hatte, und sie stellten sich die
Frage, warum er gerade jetzt zögerte. Und doch wartete Aragorn.
Er fürchtete nicht den Kampf noch seinen eigenen Tod; er
fürchtete den Verlust von Menschenleben, die in seiner Hand
lagen. Leben, für die er als ihr König verantwortlich
war.
Aragorn zog sich in das leerstehende Zelt zurück und als
er auch am Abend des dritten Tages für niemanden zu sprechen
war, hielt Legolas es nicht mehr länger aus. Er hatte Aragorn
die ganzen Tage seit seiner Ankunft im Lager nicht aus den Augen
gelassen und war sich sicher, unter der mühsam aufgesetzten
Fassade, die er vor den Freunden und den Truppen an den Tag legte,
seine wahren Gefühle miteinander kämpfen zu sehen. Nachdem
Enarâtos Truppen in die Falle getappt waren, hatte Legolas
jedoch einen Unterschied festgestellt, denn der Zorn, der Hass und
die Rache, die in seinem Inneren gebrannt hatten, waren von einem
müden, fast emotionslosem Grübeln abgelöst worden –
es schien fast, als habe Aragorn resigniert.
Legolas betrat das
Zelt in lebhafter Erwartung dessen, was er dort vorfinden würde.
Aragorn saß auf dem Lager und eine leere Flasche Wein lag auf
dem Teppich, eine halb leere stand zwischen seinen Füßen
auf dem Boden. In den Händen hielt er einen Kelch, den er vor
jedem Schluck den er trank, in einem geheimen Ritual fünf Mal in
seinen Händen kreisen ließ. Legolas fragte sich, ob der
Wein es wenigstens vermochte, Aragorns Wunde in seinem Inneren für
einige Zeit zu betäuben, doch als sich dessen Augen schließlich
zu ihm hoben, sah er den Schmerz darin brennen wie eh und je.
Aragorn
starrte den Elb so lange an wie er brauchte, um den Kelch erneut
kreisen zu lassen, bevor er wieder einen Schluck trank; seine Stimme
und seine Augen waren eiskalt und nüchtern.
"Ich habe
mir gesagt, ich sei klug und zivilisiert, habe erklärt, das es
mein Ziel wäre, mit dem Gesetz zu herrschen und nicht mit dem
Schwert und jetzt sieh, was ich getan habe! Ich habe eine ganze Armee
– Männer mit Familie – auf eine Schlachtbank
gelockt."
Aragorn trank wieder und seine sensiblen Finger
drehten den Kelch im Kreis. "Ich bin nicht besser, als irgendein
anderer Mann, der vor mir war. Ich habe mir gesagt, ich würde
nur tun, was ich tun muss, aber ich habe ein Talent dafür, für
all diese barbarischen Künste wie Krieg, Mord..."
Aragorn
leerte den Kelch und beugte sich vor, griff die Flasche und füllte
mit erschreckend ruhigen Händen den Kelch erneut.
"Weißt
du, was die Krieger im Lager sagen, Legolas? Sie meinen, Minas Tirith
bräuchte bald keine Mauern mehr, um die Stadt zu schützen –
sie glauben, die Mauern die ich baue, wären besser als die aus
Stein! Die Gesetze wären meine Mauern!
Ich bin dieses
Vertrauen nicht wert! Ich bin überhaupt nichts anderes mehr
wert, als zu sterben, Legolas! Mit einem Schwert in der Brust, so wie
ich andere getötet habe und noch töten werde.
Es hat mir
Spaß gemacht, die Haradrim in Minas Tirith abzuschlachten –
ich habe es genossen! Und ich werde es lieben, Enarâto zu töten
– und auch Tanfalas! Schau, was aus mir geworden ist!"
Legolas
blieb völlig ruhig. "Es macht dich zu einem Mann, wie wir
alle es sind!"
Ein winziges Lächeln zuckte um Aragorns
Mundwinkel. "Weißt du, was das für eine Qual für
mich bedeutet?"
"Du verstehst mich nicht, Aragorn!",
versuchte Legolas es noch einmal und er spürte, wie wichtig es
jetzt war, die richtigen Worte zu finden. "Du bist wie wir, aber
doch anders! Aragorn, du hast es versucht. Du hast den Mut zu deinen
Träumen – die meisten von uns wissen noch nicht einmal, wie
man träumt! Du weißt, dass dies nicht die richtige Art zu
leben ist – immer seine Gegner zu bekämpfen und zu töten!
Dein Volk vertraut dir, weil es weiß, dass das Schwert nicht
deiner Natur entspricht. Es erfordert mehr Mut zu ..."
"Danach
zu leben, wenn ich es mir nicht selbst ausgesucht habe? Wenn ich dazu
gezwungen werde, oder dazu getrieben? – Aber ich habe es mir doch
ausgesucht! Ich lebe hervorragend mit dem Schwert in der Hand!",
entgegnete Aragorn zynisch.
Legolas seufzte. "Aber wenn das
hier vorüber ist, gibt es etwas anders für dich – und für
alle anderen!"
"Ja, ich kann jeden zwingen, alles so zu
tun, wie ich es gerne hätte und das macht mich nicht besser, als
jeden meiner Feinde. Ich habe nur andere Mittel und Wege, dieses Ziel
zu erreichen! Ich bin keinen Deut besser – trotz meiner
Versprechungen. Ich würde alles tun, um Enarâto und seine
Armeen auszulöschen." Er hob den Kelch, doch diesmal trank
er nicht. "Was gibt mir das Recht dazu?"
Legolas atmete
auf, denn er hörte Gefühle aus Aragorns Worten heraus, die
darum kämpften, die Oberfläche zu durchdringen und sandte
ein Stoßgebet an die Valar. Ein Aragorn, der vorgab, sich
verloren zu haben, war ein verlorener Aragorn.
"Macht
schreckt dich ab.", murmelte Legolas. "Du benutzt sie, aber
du freust dich nicht an ihr, so wie Enarâto oder unsere alten
Gegner im Ringkrieg es getan haben!"
Aragorn lachte bitter.
"Und das gibt mir das Recht? Die Tatsache, dass ich ein Feigling
bin?"
"Du hörst mir nicht zu!" Legolas wurde
wütend, beugte sich vor und sprach schnell, damit Aragorn sich
nicht wieder in diese gefühllose Hülle zurückziehen
konnte, die er sich in den letzten Wochen selber auferlegt hatte.
"Mit dir haben wir eine Chance, zu leben! Du bist unsere einzige
Hoffnung! Was dich besser macht, ist die Tatsache, dass du all das
hier hasst! Du fürchtest die Macht und hast Angst, sie nicht
richtig zu nutzen. Das macht dich zu dem König, den wir
brauchen!"
Aragorn zuckte zusammen. "Ich wollte diese
Macht nicht!" Er sprang auf, Zorn blitzte in seinen Augen und er
schleuderte den Kelch durch das Zelt, wo der Wein einen dunkelroten
Fleck auf dem Stoff hinterließ. "Ich habe sie nie
gewollt!"
Plötzlich verblasste das wütende Funkeln
und er fuhr sich mit der Hand durch das Haar, wandte sich von Legolas
ab, legte sich auf das Lager und starrte zum Zeltdach herauf.
"Du
hast Recht, Legolas.", flüsterte er schließlich. "Die
Macht erschreckt mich. Nicht die alltägliche Macht, die mich
dazu berechtigt, Weideland zu verteilen, oder einen Streit zu
schlichten. Es ist diese Armee um mich herum, diese Macht, die mir
zur Verfügung steht, einfach, weil ich ein König bin und
das ich entscheide, wer sterben soll und wer nicht. Ich werde niemals
glauben, dass mir irgendetwas das Recht dazu gibt! Ich bin nicht
weise oder schlau." Er legte sich eine Hand über die Augen.
"Ich bin bloß verängstigt!"
Legolas lächelte.
Dieser Mann vor ihm, war wieder der Aragorn den er kannte, der alles
was er tat, auf seine Richtigkeit hin untersuchte, der nach
verborgenen Wahrheiten und Motiven suchte, um eine richtige
Entscheidung zu treffen. Aragorn würde niemals seinen Weg der
Macht arrogant beschreiten, nie blind sein für alles andere. Er
würde immer das Recht in Frage stellen, zu tun, was er wollte,
er würde immer fragen – und das machte ihn weise. Legolas
wusste, er würde Aragorn immer folgen, weil er sicher war, dass
Aragorn immer den richtigen Weg wählen würde – selbst,
nachdem er diese Qualen der letzten Wochen hinter sich hatte und der
Hass ihn fast zerstört hatte.
Legolas schaute auf seinen
Freund herab und Erleichterung durchflutete ihn. Er wollte Aragorn
noch etwas sagen, ihm Mut machen, dass er auf dem richtigen Weg war
seinen Seelenfrieden wieder zu finden, doch plötzlich bemerkte
er, dass Aragorns Atem ruhig geworden war, seine Züge ganz
entspannt waren und dann sank dessen Hand langsam von seinen Augen
und zeigten Legolas, dass er tatsächlich eingeschlafen war.
Lautlos schlich er sich aus dem Zelt.
ooOOoo
Lange
hielt der erholsame und ruhige Schlaf von Aragorn nicht an, den er
doch so dringend benötigte, um endlich wieder Kraft zu schöpfen.
Es war nach Mitternacht, als ihn der Alptraum erfasste, ihn mit sich
zog, um ihn an einen wohl vertrauten Ort zu führen, den er nie
hatte wieder sehen wollen und ihn deshalb mit noch mehr Grauen
erfüllte. Ihm kamen Zweifel auf, ob er nicht doch wieder von der
Droge befallen worden war, denn so sehr er sich auch darum bemühte,
der Vision zu entkommen, blieben alle Versuche erfolglos.
Er
konnte selbst die Kälte der Fliesen in seinem Rücken
spüren, die im Gegensatz zu der Hitze stand, die seinen ganzen
Körper aufgrund des Entzuges von Alkiach erfüllte, schrie
auf, als das Feuer um ihn herum zu lodern begann und seine Haut
ansengte, während die Flammen immer höher schlugen und die
Hitze ins unerträgliche steigerte. Plötzlich teilten sich
die Flammen und Tanfalas schritt durch sie hindurch, hob den Kelch in
seine Richtung, während sie ihn mit sanfter Stimme lockte. "Ein
Schluck, Aragorn! Nur ein Schluck wird das Feuer löschen! Du
braucht nur zuzugreifen!" Ihr Lachen übertönte das
Knisternd des Feuers, wurde lauter und lauter und dröhnte in
seinen Ohren, sodass er seine eigenen Schmerzensschreie nicht hören
konnte, während die Flammen ihn bei lebendigem Leibe
verbrannten...
Aragorn fuhr aus dem Schlaf hoch, sein Körper heiß und von Schweiß bedeckt, sein Herzschlag so schnell, als wolle er zu einem verschmelzen und er bildete sich ein, noch immer den Gestank nach verkohltem Fleisch riechen zu können. Erst als er begriff, dass es nur ein Traum gewesen war, beruhigte er sich, setzte sich auf und vergrub sein Gesicht in den Händen. Würde das jemals enden?
ooOOoo
Arwen und Eowyn gelangten, mehr als eine
Woche nach ihrem Aufbruch, wieder in die weiße Stadt, wo die
Hobbits sie bereits sehnsüchtig erwarteten. Eowyn hatte
vergeblich versucht, etwas aus ihrer Freundin heraus zu locken, dass
deren Gefühlsschwankungen erklären hätte können,
denn nach ihrer ersten Nacht in Lôrien ertappte sie Arwen immer
häufiger dabei, dass sie lächelnd vor sich hin sah und die
Schrecken und Sorgen aus ihren Zügen wischen, wenn auch nur für
wenige Augenblicke und in den Nächten weinte Arwen bittere
Tränen, warf sich im Schlaf unruhig hin und her, rief Aragorns
Namen und schien völlig verzweifelt. Doch Arwen schwieg. Sie
hatte nur Eowyns Vermutung bestätigt, dass sie in den Spiegel
gesehen hatte, doch sprach nicht über das, was sie erblickt
hatte und Eowyn fand sie ebenso damit ab, wie Sam, Merry und
Pippin.
Es war Frodo, der die Ungewissheit schließlich nicht
mehr ertragen konnte. Er hoffte, dass Arwen auch in die Zukunft
gesehen hatte und ihm die Angst und Sorge vielleicht abnehmen konnte,
die er um die Freunde hatte, denn eine Schlacht stand sicher kurz
bevor, jedenfalls nach den Berichten der Boten zu urteilen und so
suchte Frodo eines Abends Arwen in ihren Gemächern auf.
Auf
ein Klopfen hin, wandte Arwen den Kopf und nach einer kurzen
Aufforderung betrat, zu ihrer Verwunderung, Frodo das Zimmer und
senkte verlegen sein Haupt.
"Frodo! Was ist? Kannst du nicht
schlafen?"
Frodo trat unruhig von einem Fuß auf den
anderen, denn er wusste nicht so recht, wie er den Anfang machen
sollte, aber schließlich platzte es aus ihm heraus.
"Ich
will endlich wissen, was du gesehen hast! Wird Aragorn es schaffen?
Ich..., ich meine, wird er...! Weißt du, ich könnte es
nicht ertragen, wenn er..."
"Frodo." Arwens Stimme
nahm einen tiefen, melodischen Klang an. "Selbst wenn ich dir
diese Frage beantworten könnte, würde ich es nicht tun.
Aber auch ich weiß nicht, ob ich ihn lebend wieder sehen werde
– ich kann nur hoffen! Der Spiegel zeigt Dinge, die geschehen
können, aber sie müssen nicht so kommen! Du weißt das
am Besten! Du hast abgewendet, was der Spiegel dir gezeigt hat."
Sie versuchte ein Lächeln. "Deine Bürde war es, den
Ring zu zerstören und du hast sie bestanden. Jetzt ist es an
Aragorn, seine Bürde zu tragen und die Prüfung zu bestehen.
Nur er kann den Lauf der Dinge lenken und verändern und wir
müssen auf seine Kraft hoffen."
"Welche Kraft?",
forderte Frodo zu wissen. "Die Kraft, die er einst besessen hat,
wurde ihm genommen! Wie soll er alleine eine solche Prüfung
bestehen? Ich war schließlich nie alleine – ich hatte immer
Sam an meiner Seite!"
"Das ist nun einmal Teil seiner
Prüfung, Frodo! Er musste all das erleiden, dass war Teil seiner
Prüfung...", ihre Stimme brach ab. "Verstehe mich
nicht falsch, Frodo! Ich wünsche mir auch, dass er all das nicht
hätte erleben müssen, dass er endlich seine Träume
verwirklichen und in Frieden leben könnte, aber wir haben nicht
die Macht, das zu ändern oder zu bestimmen."
Sie sahen
einander fest in die Augen, hielten ihre Blicke fest aufeinander
gerichtet, bis Frodo schließlich den Bann brach und sie mit
Gewissheit ansah.
"Du hast ihn sterben sehen, nicht war? Ich
habe es in deinen Augen gesehen!", er schluckte und versuchte
so, seine Tränen zurück zu drängen.
"Ich habe
viele Dinge gesehen, Frodo, auch, dass er mit Enarâto kämpfen
wird – auf Leben und Tod - aber sie alle müssen nicht so
kommen... Ich wünsche mir mehr als du, dass er auch das sehen
und erleben wird, was ich danach im Siegel gesehen habe." Sie
legte Frodo die Hand auf die Schulter. "Ich wollte es niemandem
sagen, aber ich denke, du solltest es wissen, damit du weißt,
was mir die Kraft gibt, dass hier durchzustehen – was mir Hoffnung
gibt!" Arwen machte eine Pause und lächelte dann. "Wir
werden einen Sohn bekommen. Ich habe gesehen, wie ich ihn in meinen
Armen gehalten habe."
Frodo konnte erst nicht glauben, was er
da eben gehört hatte und in seinem Gesicht kämpfte Freude,
über diese Nachricht, und Sorge, dass Aragorn es vielleicht
niemals erfahren würde, miteinander. Schließlich gewann
die Freude die Oberhand und er schlang die Arme um Arwen und drückte
sie an sich.
"Und Aragorn? Hast du ihn auch gesehen? War er
bei euch?"
Sie schüttelte den Kopf, was Frodo mehr
fühlen als sehen konnte und diese Tatsache schmälerte seine
Freude sofort wieder.
Plötzliche Geräusche im Flur
ließen die Beiden aufhorchen und Frodo löste sich aus der
Umarmung.
"Was ist denn da draußen los? Alle anderen
werden doch längst schlafen, sie..."
Weiter kam er
nicht, denn mit einem lauten Krachen wurde die Türe aufgestoßen
und eine Gruppe Männer stürzte ins Innere des Zimmers.
Arwen schrie auf, als einer der Männer sich sofort auf Frodo
stürzte und diesen mit einem gezielten Schlag ins Genick
betäubte. Dann trat ein anderer auf Arwen zu und sah ihr mit
völliger Ruhe in die Augen, als er zu sprechen
begann.
"Gestatten, eure Hoheit! Mein Name ist Nuinrûn
und ich habe die Ehre, euch zu meinem Herrn und seiner Tochter zu
begleiten!", dabei verbeugte er sich und hielt ihr
herausfordernd die Hand entgegen.
ooOOoo
Am nächsten
Morgen war das Warten für Aragorn zu ende, als ein Späher
in vollem Galopp die Nachricht überbrachte, dass sich die
feindlichen Fußtruppen in Bewegung gesetzt hatten und noch vor
der nächsten Morgendämmerung angreifen würden.
"Die
Truppen sind auf dem Weg nach Süden, begleitet von sechzig
Pferden und siebzig Bogenschützen."
Aragorn nickte,
eilte in das Zelt, indem sich seine Freunde bereits versammelt hatten
und langte nach einer Karte. "Jetzt wollen wir mal sehen, ob wir
gute Strategen sind! Wir müssen alle Möglichkeiten ihres
Angriffs in Betracht ziehen.
Bergil? Geh zu deinem Vater und lass
dir von ihm helfen. Teilt den Truppen mit, dass wir morgen endlich
kämpfen werden."
Die feindlichen Truppen trafen
unbehelligt von den berittenen Soldaten ein, die Êomer dorthin
gesandt hatte. Er hatte ihnen befohlen, sich so leise wie möglich
bereit zu machen und den Angriff zu erwarten, auch wenn seine
Hauptmänner am liebsten vorgestürmt wären, um sich in
den Kampf zu stürzen, aber sie gehorchten und bewachten die
Angreifer nur, ohne sich sehen zu lassen. Als ihre Gegner sich nach
Osten wandten, um dort anzugreifen, wo Aragorns schwächste
Stelle war – so hatten es zumindest die Kundschafter berichtet –
sahen sie sich dreihundert Soldaten gegenüber, mit dem König
selbst an der Spitze.
Enarâtos Truppe zeigte sich dem Hagel
aus Pfeilen und Speeren nicht gewachsen, der sie eine volle Länge
früher empfing, als sie erwartet hatten und wurden entsetzt zu
einem Rückzug gezwungen, doch ein Rückzug über den
Fluss wurde verhindert, denn zwischen den Kriegern und der Brücke
befanden sich weitere einhundert Soldaten von Rohan, geführt
durch König Êomer.
Aragorn erreichte gerade noch
rechtzeitig die Kuppe eines kleinen Hügels, um Êomers
Flagge zwischen den Kriegern aufblitzen zu sehen - die Feinde saßen
in der Falle. Müde und erschöpft sank er im Sattel zurück,
wischte sein Schwert an der Decke seines Pferdes ab, bevor er es
zurück in die Scheide schob und betrachtete schweigsam die
Schlacht, die unter ihm tobte, hörte die Schreie der Verwundeten
und Sterbenden und kämpfte einen Augenblick gegen die
aufsteigende Übelkeit an, als ihm wieder bewusst wurde, dass er
für diese Toten verantwortlich war.
Die feindliche Truppe
zerbrach, einige Soldaten legten die Waffen nieder, um ihr Leben zu
retten und andere dachten nicht daran, sondern hielten den
aussichtslosen Kampf aufrecht, bis sie den Tod fanden.
Die Ufer
des Poros wurden durch Êomers Krieger bereits wieder gesichert
und so führte Aragorn nach der gewonnenen Schlacht seine Truppen
dorthin zurück. Brego schnaubte angesichts des Todesgeruchs,
während er sich vorsichtig seinen Weg um die Gefallenen herum
suchte. Aragorns Blick blieb an der leeren Brücke hängen,
die das eine Ufer mit den anderen verband, doch Enarâto war zu
schlau, um sich eine Blöße zu geben; wahrscheinlich hatte
er die anderen Truppen bereits am morgen angewiesen, sich weiter
zurückzuziehen und auch sein eigenes Leben hatte er nicht aufs
Spiel gesetzt.
Ein Jammer, dachte Aragorn verbittert, denn er
hätte ihm gern hier und jetzt ein Ende bereitet.
Legolas kam
an seine Seite geritten, den Pfeil, dessen Spitze brannte, und Bogen
schussbereit in den Händen.
"Was hast du vor?",
fragte Aragorn, doch er wusste es bereits, noch bevor Legolas
antwortete.
"Wenn wir die Brücke jetzt überqueren,
werden wir niedergemetzelt. Enarâtos Truppen sind frisch und
ausgeruht und wir erschöpft. Wenn wir die Brücke in Ruhe
lassen, wird er sie entweder benutzen oder selbst verbrennen, damit
wir sie nicht überqueren können. Mir ist lieber, sie geht
in unseren Flammen auf – nicht in ihren."
Aragorns Hände
krampften sich um die Zügel, als sich der Pfeil auf die Brücke
senkte und diese kurze Zeit später in Flammen stand. Stumm saß
er auf seinem Pferd, während die Hitze des Kampfes aus seinem
Körper wich und sich die verletzte Schulter und seine müden
Muskeln wieder bemerkbar machten. Es gab noch andere, kleine Wunden,
Schwert- und Messerschnitte, die an und für sich unbedeutend
waren, aber sie verschmolzen zu einem Ganzen und wurden durch seinen
Kummer nur noch verstärkt. Er zuckte erneut zusammen, als die
Flammen plötzlich hoch aufloderten; rotgolden glühte der
Fluss, in das Licht des Feuers getaucht.
Ein plötzlicher
Instinkt ließ Aragorn erstarren und ein sonderbar vertrautes
Gefühl fuhr durch seine Brust, der Atem stockte ihm und er
blickte auf das andere Ufer. Es fiel ihm leicht, die Gestalten
auszumachen, die nun zu seiner Verwunderung aus dem Schutz der Bäume
traten – Enarâto und Tanfalas! Enarâto in eine
dunkelviolette Robe gekleidet, dessen schwarzes Haar von der frischen
Brise zerzauste und Tanfalas, deren Augen dunklen Löchern
ähnelten.
Seine Kehle zog sich zusammen, doch er wandte sich
bewusst von diesem Anblick ab und lenkte Brego zurück ins Lager
und ließ sich einen Bericht erstatten, über die eigenen
Verluste, die sie erlitten hatten. Mehr als ein Viertel seiner
Streitkraft hatte ihn dieser Sieg gekostet, diese Männer waren
dafür geopfert worden, um wieder einzunehmen, was ihnen anfangs
gehört hatte. Dabei hatten sie Enarâtos Truppen zwar um
die Hälfte vermindert, aber sie waren im Wesentlichen wieder da,
wo sie angefangen hatten.
Êomer hatte von zwei Schlachten
gesprochen – und die erste war vorüber...
