Neuntes Kapitel

„Kriegsführung"

Aragorn und Legolas ließen ihre Truppe kurz vor dem Ziel ihre Zelte aufschlagen und ritten dann gemeinsam mit Bergil den Rest des Weges bis in das riesige Lager, dass Faramir und Êomer vor den Furten des Poros errichtet hatten. Es war fast Mittag und die Luft war erfüllt vom Duft der Mahlzeiten, die auf den großen Feuerstellen zubereitet wurden, die an die Stelle der Düfte von Wasser und Bäumen getreten waren, die sonst die Landschaft erfüllten.
Die Wachposten reagierten sofort auf das Erscheinen der beiden Reiter, auch wenn man ihnen eine gewisse Unachtsamkeit sicher verziehen hätte, denn seit ihrem Aufbruch aus Minas Tirith hatte sich nichts ereignet. Sie waren zu einem Krieg aufgebrochen, um ihren König zu retten, doch noch bevor sie überhaupt das Land der Variags erreicht hatten, waren sie durch eine Botschaft der Königin gestoppt worden und verweilten nun schon die ganze Zeit in Untätigkeit, bis auf eine kleine Schlacht vor wenigen Tagen.
Der Hauptmann der Wache hielt die Reiter die ganze Zeit über im Auge und als er sie erkannte, brach umgehend Hektik in seiner Truppe aus, als er ihnen Befehle zuschrie. Eilig rannte einer der Krieger davon, um die Heermeister in Kenntnis zu setzen, welch hoher und erfreulicher Besuch sich ihnen näherte.

Aragorn und Legolas wurden mit einer Verbeugung vom Hauptmann empfangen und konnten ungehindert in das Lager einreiten und Aragorn hörte das Geräusch, ein Murmeln, das zu Jubel anschwoll, als die Krieger ihn erblickten. Im Spalier standen die Bogenschützen vor den Zelten der Heerführer, Faramir und Êomer, die von den Freunden umringt bereits vor dem Eingang standen. Aragorn ritt auf das Kriegszelt zu und der Jubel verebbte in keiner Weise und das Wissen, dass diese Menschen ihm zuriefen, ihrem König und Herrn, verursachte ihm etwas Übelkeit und ihre Treue und das Vertrauen, dass diese Menschen ihm entgegen brachten schnitt ihm ins Herz. Sie glaubten an ihn, oder besser an den Mann, der er einst gewesen war.
Êomer trat Aragorn entgegen und verbeugte sich vor ihm und er erwiderte diese mit einem knappen Nicken, dankbar für die Rituale und Förmlichkeiten, die selbst den Freunden in der Öffentlichkeit ihm gegenüber vorgeschrieben waren und hinter denen er sich jetzt verstecken konnte.
"Mein König.", begrüßte Êomer ihn und hinter ihm gingen die Freunde in die Knie. "Ich freue mich, dass ihr zu unserer Unterstützung gekommen seid. Wir erwarten eure Befehle."
Aragorn hatte zwanzig Bogenschützen, dreißig Pferde und seinen Knappen Bergil aus Minas Tirith für die Verstärkung der Truppen mitgebracht, aber das Einzige, dass ihm Freude bereitete, war der Gedanke, dass Bergil seinen Vater wieder sehen würde, der in unmittelbarer Nähe der Heerführer stand und schon jetzt seinen Sohn kaum aus den Augen lassen konnte. In seinen Augen glänzte der Stolz und als er Aragorns Blick bemerkte, warf er diesem ein leicht verlegendes Lächeln zu.
Aragorn schwang sich vom Pferd und warf Bergil die Zügel zu, zog sich die Reithandschuhe aus und zog Bergil dann neben sich, der vor Aufregung und Freude fast tanzte.
"Hauptmann Beregond, ich bin erfreut, euch wieder zu sehen. Aber ich denke, hier ist jemand, der nun eure Aufmerksamkeit erwartet und euch sicher einiges erzählen möchte."
Beregond verneigte sich. "Hoheit, eure Nachsicht ehrt mich. Ich würde auch sehr gerne mit meinem Sohn reden!"
Das Zucken in Aragorns Mundwinkeln fühlte sich seltsam an, als er die stürmische Begrüßung zwischen Vater und Sohn beobachtete; es war das erste Lächeln seit langer Zeit für ihn.
Als Aragorn sich umdrehte sah er, dass Êomer die Hauptleute und Krieger entlassen hatte und nur noch die Freunde abwartend vor dem Zelteingang standen. Als er der stummen Aufforderung nach kam und Êomer in das Zelt folgte, rief einer der Krieger im Lager seinen Namen und der Ruf wurde aufgenommen von der Vielzahl seiner Kameraden, dass selbst Enarâto und Tanfalas auf der anderen Seite des Flusses ihn hören mussten. Aragorn floh regelrecht in das kühle, dämmrige Innere des Zeltes, wo bereits Stühle und Weinkelche bereitstanden und Aragorn setzte sich und ließ den Blick über seine Freunde schweifen.
Faramir und Êomer zeigten nicht die Spur einer Regung, während Gimli fast beschämt zu Boden sah, als sich ihre Blicke begegneten und Gandalf musterte ihn aufmerksam und offen, ohne seine Sorge zu verbergen.
Die Aussicht darauf, dass seine Freunde wissen wollten was geschehen war und er ihnen eine Erklärung abgeben musste, was er erlebt hatte, erfüllte ihn mit nichts anderem als Furcht und er verfluchte seine Feigheit. Alleine der Gedanke an die Qualen ließen die Gefühle in seinem Inneren über ihm zusammenschlagen, doch er zeigte keines seiner Gefühle auf seinem Gesicht.
Um sich selbst abzulenken und seine eigene Unsicherheit zu überspielen, ergriff er seinen Weinkelch und ließ den Wein darin kreisen. Faramir war derjenige, der die unangenehme Stille schließlich brach.
"Wir waren sehr erleichtert, als wir Arwens Nachricht erhielten und deinem Volk ging es ebenso. Die Krieger sagen, die Valar würden dich beschützen und du hättest die Stärke und List von Drachen in dir!"
"So, sagen sie das?" Die Schärfe in Aragorns Stimme verdüsterte Gandalfs Augen und der Zauberer räusperte sich.
"Ich denke es ist besser, wenn ihr mich kurz mit Aragorn alleine lasst, Freunde. Wir werden euch rufen, wenn wir euch brauchen."
Verwundert, aber Widerstandslos erhoben sich alle und verließen das Zelt und Gandalf wartete, bis sich die Klappen hinter ihnen geschlossen hatten.
"Und jetzt erzähl mir, was Legolas mir in seiner Botschaft nicht mitgeteilt hat, die mich gestern erreicht hat."
Aragorn lehnte sich müde zurück und zog leicht verwundert die Augenbrauen hoch.
"Er hat dir also eine Botschaft zukommen lassen? Nun, ich denke nicht, dass er irgendetwas ausgelassen hat."
Gandalf schnaubte. "Du hast es jetzt mit mir zu tun, mein Lieber. Ich kenne dich praktisch von klein auf! Was ist passiert?"
Aragorn trank einen großen Schluck Wein. "Schwöre mir, dass es niemand sonst erfährt. Schwöre es mir auf deine Macht und das Leben unserer Freunde!"
Der alte Mann erstarrte vorübergehend, dann sagte er langsam: "Du kennst mich gut genug, also musst du wohl versuchen, mich auf diese Art vom Ernst dieser Sache zu überzeugen. Doch ich sehe selbst, wie ernst die Sache ist, denn so habe ich dich noch nie erlebt! Aber schön – ich schwöre."
"Ich wollte dich nicht beleidigen." Aragorn drehte seinen Kelch zwischen seinen Händen und starrte auf den wirbelnden, dunklen Wein. Seine Stimme stockte, als er schließlich zu sprechen begann.
"Tanfalas - ... sie hat bekommen, was sie immer wollte. Sie hat das geschafft, was selbst die Schrecken des Ringkrieges nicht vermocht haben. Den Aragorn, den du einst kanntest – gibt es nicht mehr – und wird es wohl auch nie mehr geben.
Willst du wirklich wissen, wie sie das geschafft hat? Zuerst hat sie mir eine Droge verabreicht, als ich verwundet und bewusstlos in ihr Versteck gebracht wurde. Alkiach – das dir die Sinne vernebelt und dich Dinge sehen lässt, die nicht existieren und doch so real sind, dass du sie fühlen kannst – schmerzvoll. Als ich die Wirklichkeit nicht mehr von der Vision unterscheiden konnte, hat sie versucht...", seine Stimme brach ab. „...Sie wollte mich besitzen. GANZ. Und ich dachte, sie sei Arwen..."
"Das reicht jetzt.", flüsterte Gandalf.
"Nein! Ich muss endlich mit jemandem reden und nun hörst du dir auch die ganze Geschichte an! Ich habe sie gerade noch rechtzeitig erkannt und alles verweigert, was eine Gefahr darstellte, wieder diese Droge zu mir zu nehmen, aber sie hatte schon so stark Besitz von mir ergriffen, dass mich der Entzug beinahe umgebracht hat. Und in dieser Zeit habe ich die Wahrheit über mich selber erfahren! Das ich mir und allen anderen immer etwas vorgemacht habe – nie ehrlich zu mir selbst war! Ich bin nie der gewesen, für den ihr mich gehalten habt! Ich..."
"Schweig!", herrschte Gandalf ihn an und richtete sich hoch über ihm auf. "Da draußen warten deine Freunde und eine ganze Armee auf deine Befehle. Auf der anderen Seite des Flusses wartet ein Feind, der deinen Tod und deinen Platz will. Wenn du so weitermachst, dann erreicht er sein Ziel! Du kannst später Mitleid mit dir selber haben – wenn du Zeit dafür hast!"
Aragorn wusste, dass Gandalf ihn bewusst provozieren wollte und ein Teil von ihm, hasste ihn dafür, aber dieser Mann, der in allem, außer dem Blut, fast wie sein Vater war, hatte Recht – verdammt Recht!
Aragorn sah, wie die kühlen Augen in seinem Gesicht nach einer Veränderung suchten und wandte schließlich den Blick ab, aber selbst diese Bewegung war für Gandalf genug.
"Schon besser! Und jetzt werde ich die anderen holen. Nun, da du wieder fähig bist zu denken, solltest du dir von Faramir und Êomer die Situation schildern lassen. Wenn du irgendwelche Vorschläge für die Lösung unserer Probleme hast, wären sie dir dankbar! Und wenn ich schon einmal draußen bin, lasse ich dir auch etwas zu Essen kommen. So wie du jetzt aussiehst, könntest du dich hinter einer Schwertklinge verstecken!"
"Denkst du das? Das ich mich verstecken will?", fragte Aragorn unwirsch.
Ein schwaches Lächeln zuckte um Gandalfs Mundwinkel. "Viel besser! Jetzt bist du wieder Aragorn!"

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Das Rascheln der Blätter im Wind ließ Arwens Zuversicht steigen und für einen Augenblick vergaß sie all ihre Sorgen und Ängste und schöpfte neue Hoffnung. Ja, hier fühlte sie die Ruhe und Kraft der Elben und die Macht, die diesen Wald erfüllte. Die weit ausladenden Äste zwang die Gruppe, sich tief über die Hälse ihrer Pferde zu beugen und das Plätschern des Bachs begleitete jeden Hufschlag und strahlte Ruhe und Frieden aus. Die Schatten des dichten Waldes kühlten Pferde und Reiter und sie kamen nun viel schneller voran, sie passierten Wasserfälle, die im Licht der Sonnenstrahlen, die durch die Kronen der Bäume drangen, funkelten und fanden immer mehr Anzeichen für die Anwesenheit der Elben in diesem Wald.
Eowyn staunte über die Fülle und Schönheit der Natur und ihren Anmut, die hier in Lôrien herrschte. Nie zuvor hatte sie diesen Teil Mittelerdes betreten und war regelrecht überwältigt, aber auch gespannt, endlich die hohe Frau Galadriel kennen zu lernen, von der Arwen ihr bereits so viel erzählt hatte.
Sie erreichten eine Brücke, überquerten sie und durchritten die riesigen Tore, die in die Mauer eingelassen waren, die Lôrien schützend umgab, folgten den Pfaden, die jedes Geräusch der Hufschläge schluckten. Schließlich mussten sie absteigen und Arwen bedeutete den Wachen, dass sie sich der Pferde annehmen sollten und ergriff Eowyns Hand, um sie zu führen. Viele Treppen gingen sie herauf und Arwen ging zielsicher die verwundenen Pfade entlang, bis sich vor ihnen eine Rasenfläche ausbreitete, auf dem der größte Baum stand, den Eowyn je gesehen hatte. Seine Rinde schien aus purem Silber zu bestehen und seine Äste waren beladen mit Blättern, die riesige, grüne Wolken über ihren Köpfen bildeten. Das Plätschern eines Springquells zog Eowyns Aufmerksamkeit auf sich und sie bestaunte auch ihn, der sein Wasser in ein natürliches Becken aus Fels fließen ließ, das dann, in einem kleinen Wasserfall, in den Bach stürzte. Die Schönheit und die Ruhe, die an diesem Ort herrschte, erfasste Eowyns Herz und sie wünschte, sie könnte ewig an diesem Ort des Friedens verweilen.
Arwen drückte leicht Eowyns Hand und als sie zu der Elbe sah, folgte sie deren Blick und zog tief die Luft ein.
Sie hatte schon von Gimli gehört, dass Galadriel eine schöne, anmutige Elbe war und laut dem Zwerg alle Schönheit auf Erden übertraf, aber da sie die Herrin der Elben nun erblickte, wusste sie, das der Zwerg nie übertrieben hatte. Ihr tiefgoldenes Haar fiel ihr weich bis auf die Hüften und ihre Züge waren rein und sanft, fast kindlich, aber ihre Augen! Eowyn glaubte, die Sterne in ihren Tiefen funkeln zu sehen und sie waren von Erinnerungen erfüllt, die ihr die Weisheit gaben. Als sie dann zu sprechen begann, spürte Eowyn neuen Frieden in ihrem Herzen, denn ihre Stimme klang tief und melodisch und kam einem Lied gleich, dass ihr Innerstes ausfüllte und Sorge und Angst vertrieb.
"Du bist weit geritten, Arwen und ich fühle, das dein Herz schwer ist von Kummer und Gram! Du erbittest Hilfe von mir, die ich dir gerne zuteil werden lasse, aber die wahre Hilfe trägst du in dir – wenn das Schicksal es so will!" Bei ihren Worten lächelte sie Arwen bedeutungsvoll zu, dann wandte sie sich an Eowyn.
"Ich freue mich, euch endlich kennen zu lernen, Schildmaid Eowyn! Eure Heldentaten sind bis in unsere Lande vorgedrungen und es erfüllt mich mit Stolz, eine so tapfere Frau in meinem Reich begrüßen zu dürfen!
Doch nun kommt! Ihr seit müde nach so langer Reise und solltet euch stärken und dann ruhen."

Elben betraten die Wiese und bereiteten Speisen und Lager für Arwen und Eowyn, die sie nur zu gerne annahmen und nachdem sie sich ausreichend gestärkt hatten, ließen sie sich auf die weichen, moosgepolsterten Lager nieder.
"Was glaubst du, hat Galadriel gemeint, als sie dir sagte, dass du die wahre Hilfe in dir trägst?", fragte Eowyn ihre Freundin.
"Galadriel glaubt an die Kraft und Stärke, die uns Elben inne wohnt und sie weiß, dass ich, auch wenn ich meine Unsterblichkeit geopfert habe, noch viel dieser Eigenschaften in mir trage. Sie weiß, wie sehr ich Aragorn liebe und will mich an diese Stärke erinnern – denke ich."
Arwen sah in das Blätterdach hinauf, dass den Blick auf den Himmel verwehrte und spürte, wie die Sorge um Aragorn sich wieder in ihrem Herzen regte. Sie schloss die Augen und versuchte, sich sein Bild ins Gedächtnis zu rufen und an den Abend zu erinnern, bevor er entführt worden war. An diesem Abend hatten sie ihre Zweisamkeit genossen, sich einander hingegeben und sich endlich wieder sicher gefühlt nach den Schrecken des Helkaannon, doch wie trügerisch war diese Sicherheit gewesen – von wie kurzer Dauer. Würden sie wieder eine solche Nacht miteinander verbringen? Würde sie diesen Mann wieder zurück bekommen, der sie behutsam in seinen Armen gehalten hatte, mit seinen zärtlichen Händen liebkost hatte und ihr seine unendliche Liebe bewiesen hatte, wie nur er es vermochte, als sie sich vereint hatten? Sie schmeckte noch immer die Süße seiner Küsse auf ihren Lippen, die sich mit der Würze des Weins vermischten und den genießerischen Ausdruck in seinen Augen, als er auf sie hinab sah, doch im nächsten Moment sah sie nur noch den Schmerz, der bei seiner Abreise seinen Blick verdunkelt hatte.

Arwen schreckte hoch und stellte fest, dass ihr die Tränen die Wangen herunter liefen und es inzwischen dunkel geworden war. Neben ihr lag Eowyn und schlief friedvoll, denn kein Schrecken oder Geräusch störte ihre Träume und ihre Ruhe.
Arwen wischte sich die Tränen von den Wangen und sah auf, als sie eine Bewegung am Rand der Wiese bemerkte und dort stand Galadriel und lächelte sie freundlich an, während sie ihr auffordernd die Hand entgegen streckte.
"Komm! Ich möchte dir nun deinen sehnlichsten Wunsch erfüllen und dich in meinen Spiegel sehen lassen. Aber sei ebenso gewarnt, wie ich einst Frodo warnte. Du wirst Dinge sehen, die du zu sehen wünscht, aber auch jene, die dein Herz vielleicht zuerst noch mehr erschweren werden, dir aber auch Gewissheit bringen mögen. Möchtest du den Blick in den Spiegel trotzdem wagen?"
Arwen nickte. "Ich wünsche mir, endlich eine Erklärung zu erhalten, seinen Schmerz zu verstehen. Ich muss wissen, was ihn so sehr verändert hat, dass er keine Ruhe mehr findet und all seine höchsten Werte – Vertrauen, Freundschaft, Ehre und Frieden – nun verloren sind und nur noch Hass und Rache ihn erfüllt."
Galadriel nickte verstehend und Arwen legte ihre Hand in die ihre und sie verließen die Lichtung, betraten durch die Hecke ihren Garten und erreichten schließlich die Mulde in der sich der Sockel mit der silbernen Schale befand. Galadriel schöpfte mit dem bereitstehenden Krug Wasser aus dem kleinen Bach und goss es bedächtig in die Schale, kleine Tropfen sprangen durch den Schwall über den Rand der Schale und glitzerten im Sternenlicht.
Galadriel hauchte auf die Wasseroberfläche, trat dann zur Seite und wies Arwen ihren Platz zu.
"Ich hoffe, du erblickst das, was du zu sehen erhoffst!"
Arwen atmete tief ein, so, als zöge sie aus der Luft die nötige Kraft, um ihre Zweifel und Ängste zu besiegen und die Wahrheit zu verkraften, doch dann machte sie den ersten unsicheren Schritt auf den Sockel zu, bis sie ihn schließlich erreichte und sich über die Oberfläche des Spiegels beugte. Zuerst sah sie nur ihr eigenes Spiegelbild, doch dann verschwamm es und sie konnte die Schattengebirge und die Landschaft davor sehen. Mit hoher Geschwindigkeit flog ihr Blick auf einen Pfad zu und sie konnte die Hobbits und Aragorn ausmachen, die ihn gemeinsam entlang ritten, bis Aragorn plötzlich Bregos Zügel freigab und der Hengst mit ihm davon stürmte. Sie folgte ihm wie im Flug, sah das Messer einen Moment in der Sonne aufblitzen, bevor Aragorn sich unter dem Schmerz des Treffers wand und sich seine Gegner auf ihn stürzten. Sie sah den Kampf der folgte und obwohl sie nicht das Geringste hören konnte, glaubte sie dennoch seine Schmerzschreie zu hören und den dumpfen Aufprall, als der letzte Schlag ihn fällte. Dann sah sie ihn in einem Bett liegen, während Tanfalas sich über ihn beugte und ihm Wein einflößte, in den sie vorher ein grünliches Pulver geschüttet hatte, während er sich in Schmerz und Fieber hin und her warf. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, als sie sah, wie Tanfalas sich an ihn schmiegte, ihn küsste und er sich hilfesuchend an sie klammerte.
Sie sah seine Kämpfe gegen unsichtbare Gegner, die Augen seltsam verklärt und sein Gesicht ein Spiegelbild seiner Qualen, sah wieder Tanfalas, wie sie ihn versuchte, zu verführen – jedoch ohne Erfolg – und atmete erleichtert auf. Die Bilder die nun folgten, ließ sie beinahe taumeln, denn sie sah, wie Aragorn mit den Folgen des Entzugs kämpfte, immer schwächer und magerer wurde, sein Atem teilweise aussetzte und er mehr als einmal nur knapp dem Tod entging. Dann kam die Finsternis, die eine ganz eigene Qual darstellte und schließlich kam mit Legolas die Erlösung, nachdem Enarâto ihn aufgesucht hatte.
Die Bilder verschwammen und die Gegenwart zeigte Aragorn, wie er mit den Freunden in einem Zelt zusammensaß und über Landkarten brütete, doch sein Gesicht war emotionslos und dies bedeutete für Arwen schon, dass er eine Maske trug, um seine wahren Gefühle zu verbergen.
Arwen wollte schon wieder den Blick vom Spiegel wenden, als sich die Oberfläche noch einmal veränderte und sie folgte den Bildern der Zukunft gespannt und in einem Wechselspiel der Regungen – Verzweiflung, Angst, Sorge, Trauer und plötzlich unbeschreibliches Glück, als sie sich selbst sah und Galadriels Worte endlich verstand.

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Die Landkarten lagen ausgerollt vor den Freunden auf dem Tisch und Aragorn versuchte Faramirs Worten zu folgen.
"Wir haben folgendes Problem. Wir haben Enarâto eine Frist von zehn Tagen gegeben, seine halbe Armee über die Brücke zu bringen und er hat nicht mehr als fünfzig Mann in Bewegung gesetzt. Wir können noch zwei weitere Kämpfe überstehen, wenn wir Glück haben – aber das ist auch alles. Wir wollten die Hälfte seiner Truppe auf dieser Seite haben, damit wir sie auslöschen können und danach auf die andere Seite wechseln und uns um die andere Hälfte kümmern, aber er tut uns diesen Gefallen nicht. Wenn du irgendwelche Vorschläge hast, Aragorn, würden wir sie gerne hören."
Aragorn hätte fast laut gelacht. Er war gerade erst ein paar Stunden im Lager, war kaum in der körperlichen Verfassung sich nach den letzten Wochen und dem langen Ritt auf den Beinen zu halten und schon verlangten seine Freunde von ihm taktische Entscheidungen, ein Gebiet, auf dem er sowieso nie gut gewesen war. Er trank den Rest seines Weines aus, stand auf und sagte: "Ich mache einen Spaziergang! Bevor ich eine Entscheidung treffen kann, muss ich erst einmal alle Informationen überdenken und Klarheit in meine Gedanken bringen. – Êomer! Bitte veranlasse, dass ein zusätzliches Bett in euer Zelt gebracht wird. Ich will nicht alleine in diesem Windtunnel übernachten, dass du Zelt schimpfst."
Êomer wollte schon widersprechen, dass dies nicht dem Stand entsprach, das ihm als König ein eigenes Zelt gebührte und er nicht das Lager mit ihnen teilen musste, doch Gandalfs Hand auf seinem Arm hielt ihn zurück und Êomer sah Aragorn nach, der sich ohne ein weiteres Wort ins Freie begab.

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Aragorn wusste sehr wohl, dass die Zeit drängte, denn Enarâto konnte täglich eine neue Truppe zu einem Gefecht über den Fluss schicken, doch es dauerte dennoch, bis er am achten Tag seines Eintreffen im Lager erneut die Freunde zusammenrufen ließ, um ihnen seine Entscheidung mitzuteilen.
In diesen acht Tagen hatte er sich durch viele Dinge abgelenkt, doch wenn die Nacht hereinbrach und keine Berichte mehr anzuhören, oder Pläne durchzusprechen waren, war es am Schlimmsten. Wenn er auf seinem Lager ruhte und wusste, dass ihm die Kühle der Nacht nach dem heißen Tag den nötigen Schlaf ermöglichen konnte, dann blieb er wach. Er wagte nicht, sich zu erheben und durchs Lager zu wandern, denn wer wollte seine Freunde nicht wecken. Er wollte aber auch nicht Schlafen, aus Angst, vor den Alpträumen, die ihn immer wieder quälten und so drehten sich seine Gedanken unaufhörlich im Kreis, während sein Körper ruhig blieb. Noch immer schrak er zusammen, wenn er doch einnickte und die Bilder der Vergangenheit ihn einholten und nicht selten tauchte dann Gandalfs Gesicht über ihm auf, der ihm beruhigend die Hand auf die Schulter legte und ihm einen Kelch Wein reichte.
Als sich die Freunde schließlich im Zelt versammelten und auch die Hauptmänner der Truppen vollzählig anwesend waren, verkündete er seine Entscheidung und lächelte ein wenig, als er befahl, dass das Lager umgehend abgebrochen werden sollte und sich alle Truppen vom Poros zurückziehen sollten. Im Stillen freute es ihn, dass allen Anwesenden ein Rückzug zuwider war, doch er wartete darauf, dass sie es endlich begriffen. Legolas sah es zuerst.
"Du willst sie in die weite Ebene locken!"
"Genau! Ich möchte, dass sich unsere Truppen so weit verteilen, wie wir es wagen können, aber immer in Sichtweite zueinander. Ihr brecht alle zu unterschiedlichen Zeiten und Wegen auf, denn ich will Enarâto gründlich verwirren. In drei Tagen wünsche ich das ganze Gebiet hier leer."
"Mir gefällt das Ganze nicht!", wagte Faramir anzumerken. "Was ist, wenn sie uns nicht folgen?"
"Was können wir sonst tun? Selbst, wenn sie der Versuchung widerstehen können, uns zu folgen, so werden sie doch gewiss nicht fähig sein, ein offenliegendes Flussufer zu ignorieren. Enarâto ist gierig! Er wird es als siegreiches Land ansehen, das sie ohne einen Kampf errungen haben!"
Gimlis Augen tanzten vor Vorfreude auf eine bevorstehende Schlacht, auch wenn bis dahin noch einige Zeit verstreichen würde. "Sie werden den Köder schon schlucken! Und wenn nicht, werden wir umkehren und ihnen zeigen, zu was unsere Truppen fähig sind!"

In sorgfältig geplantem Durcheinander räumten die Truppen von Bogenschützen, Reitern und Fußsoldaten das Lager und verließen alle in eine andere Richtung, die ihre Anführer vorgaben, das Gebiet am Poros. So zogen sie in der Hitze des Hochsommers dahin, jeweils um einige Längen, in gefährlich dünnen Reihen und zogen sich an den Rand der Berge zurück, aber in Sichtweite zueinander.
Enarâto hatte Êomers List damals durchschaut, doch nun gab er sich eine Blöße und konnte Aragorns Verlockung nicht widerstehen, den Fluss zu überqueren und die grünen Hügel der Ebene einzunehmen, aber er ging sehr vorsichtig dabei vor. Er und seine wichtigsten Kämpfer blieben auf der anderen Seite und überließen es den Fußsoldaten den Vorstoß zu wagen.
Als Aragorn von Faramir die Nachricht erhielt, dass die Hälfte von Enarâtos Truppen genau dort waren, wo Êomer sie haben wollte, zögerte er. Er wusste, dass seine Freunde und seine Truppen angesichts seiner Unentschlossenheit verwirrt waren, vor allem, nachdem sie erfahren hatten, dass er bei der Schlacht in Minas Tirith ohne mit der Wimper zu zucken die Feinde getötet hatte, und sie stellten sich die Frage, warum er gerade jetzt zögerte. Und doch wartete Aragorn. Er fürchtete nicht den Kampf noch seinen eigenen Tod; er fürchtete den Verlust von Menschenleben, die in seiner Hand lagen. Leben, für die er als ihr König verantwortlich war.
Aragorn zog sich in das leerstehende Zelt zurück und als er auch am Abend des dritten Tages für niemanden zu sprechen war, hielt Legolas es nicht mehr länger aus. Er hatte Aragorn die ganzen Tage seit seiner Ankunft im Lager nicht aus den Augen gelassen und war sich sicher, unter der mühsam aufgesetzten Fassade, die er vor den Freunden und den Truppen an den Tag legte, seine wahren Gefühle miteinander kämpfen zu sehen. Nachdem Enarâtos Truppen in die Falle getappt waren, hatte Legolas jedoch einen Unterschied festgestellt, denn der Zorn, der Hass und die Rache, die in seinem Inneren gebrannt hatten, waren von einem müden, fast emotionslosem Grübeln abgelöst worden – es schien fast, als habe Aragorn resigniert.
Legolas betrat das Zelt in lebhafter Erwartung dessen, was er dort vorfinden würde. Aragorn saß auf dem Lager und eine leere Flasche Wein lag auf dem Teppich, eine halb leere stand zwischen seinen Füßen auf dem Boden. In den Händen hielt er einen Kelch, den er vor jedem Schluck den er trank, in einem geheimen Ritual fünf Mal in seinen Händen kreisen ließ. Legolas fragte sich, ob der Wein es wenigstens vermochte, Aragorns Wunde in seinem Inneren für einige Zeit zu betäuben, doch als sich dessen Augen schließlich zu ihm hoben, sah er den Schmerz darin brennen wie eh und je.
Aragorn starrte den Elb so lange an wie er brauchte, um den Kelch erneut kreisen zu lassen, bevor er wieder einen Schluck trank; seine Stimme und seine Augen waren eiskalt und nüchtern.
"Ich habe mir gesagt, ich sei klug und zivilisiert, habe erklärt, das es mein Ziel wäre, mit dem Gesetz zu herrschen und nicht mit dem Schwert und jetzt sieh, was ich getan habe! Ich habe eine ganze Armee – Männer mit Familie – auf eine Schlachtbank gelockt."
Aragorn trank wieder und seine sensiblen Finger drehten den Kelch im Kreis. "Ich bin nicht besser, als irgendein anderer Mann, der vor mir war. Ich habe mir gesagt, ich würde nur tun, was ich tun muss, aber ich habe ein Talent dafür, für all diese barbarischen Künste wie Krieg, Mord..."
Aragorn leerte den Kelch und beugte sich vor, griff die Flasche und füllte mit erschreckend ruhigen Händen den Kelch erneut.
"Weißt du, was die Krieger im Lager sagen, Legolas? Sie meinen, Minas Tirith bräuchte bald keine Mauern mehr, um die Stadt zu schützen – sie glauben, die Mauern die ich baue, wären besser als die aus Stein! Die Gesetze wären meine Mauern!
Ich bin dieses Vertrauen nicht wert! Ich bin überhaupt nichts anderes mehr wert, als zu sterben, Legolas! Mit einem Schwert in der Brust, so wie ich andere getötet habe und noch töten werde.
Es hat mir Spaß gemacht, die Haradrim in Minas Tirith abzuschlachten – ich habe es genossen! Und ich werde es lieben, Enarâto zu töten – und auch Tanfalas! Schau, was aus mir geworden ist!"
Legolas blieb völlig ruhig. "Es macht dich zu einem Mann, wie wir alle es sind!"
Ein winziges Lächeln zuckte um Aragorns Mundwinkel. "Weißt du, was das für eine Qual für mich bedeutet?"
"Du verstehst mich nicht, Aragorn!", versuchte Legolas es noch einmal und er spürte, wie wichtig es jetzt war, die richtigen Worte zu finden. "Du bist wie wir, aber doch anders! Aragorn, du hast es versucht. Du hast den Mut zu deinen Träumen – die meisten von uns wissen noch nicht einmal, wie man träumt! Du weißt, dass dies nicht die richtige Art zu leben ist – immer seine Gegner zu bekämpfen und zu töten! Dein Volk vertraut dir, weil es weiß, dass das Schwert nicht deiner Natur entspricht. Es erfordert mehr Mut zu ..."
"Danach zu leben, wenn ich es mir nicht selbst ausgesucht habe? Wenn ich dazu gezwungen werde, oder dazu getrieben? – Aber ich habe es mir doch ausgesucht! Ich lebe hervorragend mit dem Schwert in der Hand!", entgegnete Aragorn zynisch.
Legolas seufzte. "Aber wenn das hier vorüber ist, gibt es etwas anders für dich – und für alle anderen!"
"Ja, ich kann jeden zwingen, alles so zu tun, wie ich es gerne hätte und das macht mich nicht besser, als jeden meiner Feinde. Ich habe nur andere Mittel und Wege, dieses Ziel zu erreichen! Ich bin keinen Deut besser – trotz meiner Versprechungen. Ich würde alles tun, um Enarâto und seine Armeen auszulöschen." Er hob den Kelch, doch diesmal trank er nicht. "Was gibt mir das Recht dazu?"
Legolas atmete auf, denn er hörte Gefühle aus Aragorns Worten heraus, die darum kämpften, die Oberfläche zu durchdringen und sandte ein Stoßgebet an die Valar. Ein Aragorn, der vorgab, sich verloren zu haben, war ein verlorener Aragorn.
"Macht schreckt dich ab.", murmelte Legolas. "Du benutzt sie, aber du freust dich nicht an ihr, so wie Enarâto oder unsere alten Gegner im Ringkrieg es getan haben!"
Aragorn lachte bitter. "Und das gibt mir das Recht? Die Tatsache, dass ich ein Feigling bin?"
"Du hörst mir nicht zu!" Legolas wurde wütend, beugte sich vor und sprach schnell, damit Aragorn sich nicht wieder in diese gefühllose Hülle zurückziehen konnte, die er sich in den letzten Wochen selber auferlegt hatte. "Mit dir haben wir eine Chance, zu leben! Du bist unsere einzige Hoffnung! Was dich besser macht, ist die Tatsache, dass du all das hier hasst! Du fürchtest die Macht und hast Angst, sie nicht richtig zu nutzen. Das macht dich zu dem König, den wir brauchen!"
Aragorn zuckte zusammen. "Ich wollte diese Macht nicht!" Er sprang auf, Zorn blitzte in seinen Augen und er schleuderte den Kelch durch das Zelt, wo der Wein einen dunkelroten Fleck auf dem Stoff hinterließ. "Ich habe sie nie gewollt!"
Plötzlich verblasste das wütende Funkeln und er fuhr sich mit der Hand durch das Haar, wandte sich von Legolas ab, legte sich auf das Lager und starrte zum Zeltdach herauf.
"Du hast Recht, Legolas.", flüsterte er schließlich. "Die Macht erschreckt mich. Nicht die alltägliche Macht, die mich dazu berechtigt, Weideland zu verteilen, oder einen Streit zu schlichten. Es ist diese Armee um mich herum, diese Macht, die mir zur Verfügung steht, einfach, weil ich ein König bin und das ich entscheide, wer sterben soll und wer nicht. Ich werde niemals glauben, dass mir irgendetwas das Recht dazu gibt! Ich bin nicht weise oder schlau." Er legte sich eine Hand über die Augen. "Ich bin bloß verängstigt!"
Legolas lächelte. Dieser Mann vor ihm, war wieder der Aragorn den er kannte, der alles was er tat, auf seine Richtigkeit hin untersuchte, der nach verborgenen Wahrheiten und Motiven suchte, um eine richtige Entscheidung zu treffen. Aragorn würde niemals seinen Weg der Macht arrogant beschreiten, nie blind sein für alles andere. Er würde immer das Recht in Frage stellen, zu tun, was er wollte, er würde immer fragen – und das machte ihn weise. Legolas wusste, er würde Aragorn immer folgen, weil er sicher war, dass Aragorn immer den richtigen Weg wählen würde – selbst, nachdem er diese Qualen der letzten Wochen hinter sich hatte und der Hass ihn fast zerstört hatte.
Legolas schaute auf seinen Freund herab und Erleichterung durchflutete ihn. Er wollte Aragorn noch etwas sagen, ihm Mut machen, dass er auf dem richtigen Weg war seinen Seelenfrieden wieder zu finden, doch plötzlich bemerkte er, dass Aragorns Atem ruhig geworden war, seine Züge ganz entspannt waren und dann sank dessen Hand langsam von seinen Augen und zeigten Legolas, dass er tatsächlich eingeschlafen war. Lautlos schlich er sich aus dem Zelt.

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Lange hielt der erholsame und ruhige Schlaf von Aragorn nicht an, den er doch so dringend benötigte, um endlich wieder Kraft zu schöpfen. Es war nach Mitternacht, als ihn der Alptraum erfasste, ihn mit sich zog, um ihn an einen wohl vertrauten Ort zu führen, den er nie hatte wieder sehen wollen und ihn deshalb mit noch mehr Grauen erfüllte. Ihm kamen Zweifel auf, ob er nicht doch wieder von der Droge befallen worden war, denn so sehr er sich auch darum bemühte, der Vision zu entkommen, blieben alle Versuche erfolglos.
Er konnte selbst die Kälte der Fliesen in seinem Rücken spüren, die im Gegensatz zu der Hitze stand, die seinen ganzen Körper aufgrund des Entzuges von Alkiach erfüllte, schrie auf, als das Feuer um ihn herum zu lodern begann und seine Haut ansengte, während die Flammen immer höher schlugen und die Hitze ins unerträgliche steigerte. Plötzlich teilten sich die Flammen und Tanfalas schritt durch sie hindurch, hob den Kelch in seine Richtung, während sie ihn mit sanfter Stimme lockte. "Ein Schluck, Aragorn! Nur ein Schluck wird das Feuer löschen! Du braucht nur zuzugreifen!" Ihr Lachen übertönte das Knisternd des Feuers, wurde lauter und lauter und dröhnte in seinen Ohren, sodass er seine eigenen Schmerzensschreie nicht hören konnte, während die Flammen ihn bei lebendigem Leibe verbrannten...

Aragorn fuhr aus dem Schlaf hoch, sein Körper heiß und von Schweiß bedeckt, sein Herzschlag so schnell, als wolle er zu einem verschmelzen und er bildete sich ein, noch immer den Gestank nach verkohltem Fleisch riechen zu können. Erst als er begriff, dass es nur ein Traum gewesen war, beruhigte er sich, setzte sich auf und vergrub sein Gesicht in den Händen. Würde das jemals enden?

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Arwen und Eowyn gelangten, mehr als eine Woche nach ihrem Aufbruch, wieder in die weiße Stadt, wo die Hobbits sie bereits sehnsüchtig erwarteten. Eowyn hatte vergeblich versucht, etwas aus ihrer Freundin heraus zu locken, dass deren Gefühlsschwankungen erklären hätte können, denn nach ihrer ersten Nacht in Lôrien ertappte sie Arwen immer häufiger dabei, dass sie lächelnd vor sich hin sah und die Schrecken und Sorgen aus ihren Zügen wischen, wenn auch nur für wenige Augenblicke und in den Nächten weinte Arwen bittere Tränen, warf sich im Schlaf unruhig hin und her, rief Aragorns Namen und schien völlig verzweifelt. Doch Arwen schwieg. Sie hatte nur Eowyns Vermutung bestätigt, dass sie in den Spiegel gesehen hatte, doch sprach nicht über das, was sie erblickt hatte und Eowyn fand sie ebenso damit ab, wie Sam, Merry und Pippin.
Es war Frodo, der die Ungewissheit schließlich nicht mehr ertragen konnte. Er hoffte, dass Arwen auch in die Zukunft gesehen hatte und ihm die Angst und Sorge vielleicht abnehmen konnte, die er um die Freunde hatte, denn eine Schlacht stand sicher kurz bevor, jedenfalls nach den Berichten der Boten zu urteilen und so suchte Frodo eines Abends Arwen in ihren Gemächern auf.

Auf ein Klopfen hin, wandte Arwen den Kopf und nach einer kurzen Aufforderung betrat, zu ihrer Verwunderung, Frodo das Zimmer und senkte verlegen sein Haupt.
"Frodo! Was ist? Kannst du nicht schlafen?"
Frodo trat unruhig von einem Fuß auf den anderen, denn er wusste nicht so recht, wie er den Anfang machen sollte, aber schließlich platzte es aus ihm heraus.
"Ich will endlich wissen, was du gesehen hast! Wird Aragorn es schaffen? Ich..., ich meine, wird er...! Weißt du, ich könnte es nicht ertragen, wenn er..."
"Frodo." Arwens Stimme nahm einen tiefen, melodischen Klang an. "Selbst wenn ich dir diese Frage beantworten könnte, würde ich es nicht tun. Aber auch ich weiß nicht, ob ich ihn lebend wieder sehen werde – ich kann nur hoffen! Der Spiegel zeigt Dinge, die geschehen können, aber sie müssen nicht so kommen! Du weißt das am Besten! Du hast abgewendet, was der Spiegel dir gezeigt hat." Sie versuchte ein Lächeln. "Deine Bürde war es, den Ring zu zerstören und du hast sie bestanden. Jetzt ist es an Aragorn, seine Bürde zu tragen und die Prüfung zu bestehen. Nur er kann den Lauf der Dinge lenken und verändern und wir müssen auf seine Kraft hoffen."
"Welche Kraft?", forderte Frodo zu wissen. "Die Kraft, die er einst besessen hat, wurde ihm genommen! Wie soll er alleine eine solche Prüfung bestehen? Ich war schließlich nie alleine – ich hatte immer Sam an meiner Seite!"
"Das ist nun einmal Teil seiner Prüfung, Frodo! Er musste all das erleiden, dass war Teil seiner Prüfung...", ihre Stimme brach ab. "Verstehe mich nicht falsch, Frodo! Ich wünsche mir auch, dass er all das nicht hätte erleben müssen, dass er endlich seine Träume verwirklichen und in Frieden leben könnte, aber wir haben nicht die Macht, das zu ändern oder zu bestimmen."
Sie sahen einander fest in die Augen, hielten ihre Blicke fest aufeinander gerichtet, bis Frodo schließlich den Bann brach und sie mit Gewissheit ansah.
"Du hast ihn sterben sehen, nicht war? Ich habe es in deinen Augen gesehen!", er schluckte und versuchte so, seine Tränen zurück zu drängen.
"Ich habe viele Dinge gesehen, Frodo, auch, dass er mit Enarâto kämpfen wird – auf Leben und Tod - aber sie alle müssen nicht so kommen... Ich wünsche mir mehr als du, dass er auch das sehen und erleben wird, was ich danach im Siegel gesehen habe." Sie legte Frodo die Hand auf die Schulter. "Ich wollte es niemandem sagen, aber ich denke, du solltest es wissen, damit du weißt, was mir die Kraft gibt, dass hier durchzustehen – was mir Hoffnung gibt!" Arwen machte eine Pause und lächelte dann. "Wir werden einen Sohn bekommen. Ich habe gesehen, wie ich ihn in meinen Armen gehalten habe."
Frodo konnte erst nicht glauben, was er da eben gehört hatte und in seinem Gesicht kämpfte Freude, über diese Nachricht, und Sorge, dass Aragorn es vielleicht niemals erfahren würde, miteinander. Schließlich gewann die Freude die Oberhand und er schlang die Arme um Arwen und drückte sie an sich.
"Und Aragorn? Hast du ihn auch gesehen? War er bei euch?"
Sie schüttelte den Kopf, was Frodo mehr fühlen als sehen konnte und diese Tatsache schmälerte seine Freude sofort wieder.

Plötzliche Geräusche im Flur ließen die Beiden aufhorchen und Frodo löste sich aus der Umarmung.
"Was ist denn da draußen los? Alle anderen werden doch längst schlafen, sie..."
Weiter kam er nicht, denn mit einem lauten Krachen wurde die Türe aufgestoßen und eine Gruppe Männer stürzte ins Innere des Zimmers. Arwen schrie auf, als einer der Männer sich sofort auf Frodo stürzte und diesen mit einem gezielten Schlag ins Genick betäubte. Dann trat ein anderer auf Arwen zu und sah ihr mit völliger Ruhe in die Augen, als er zu sprechen begann.
"Gestatten, eure Hoheit! Mein Name ist Nuinrûn und ich habe die Ehre, euch zu meinem Herrn und seiner Tochter zu begleiten!", dabei verbeugte er sich und hielt ihr herausfordernd die Hand entgegen.

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Am nächsten Morgen war das Warten für Aragorn zu ende, als ein Späher in vollem Galopp die Nachricht überbrachte, dass sich die feindlichen Fußtruppen in Bewegung gesetzt hatten und noch vor der nächsten Morgendämmerung angreifen würden.
"Die Truppen sind auf dem Weg nach Süden, begleitet von sechzig Pferden und siebzig Bogenschützen."
Aragorn nickte, eilte in das Zelt, indem sich seine Freunde bereits versammelt hatten und langte nach einer Karte. "Jetzt wollen wir mal sehen, ob wir gute Strategen sind! Wir müssen alle Möglichkeiten ihres Angriffs in Betracht ziehen.
Bergil? Geh zu deinem Vater und lass dir von ihm helfen. Teilt den Truppen mit, dass wir morgen endlich kämpfen werden."
Die feindlichen Truppen trafen unbehelligt von den berittenen Soldaten ein, die Êomer dorthin gesandt hatte. Er hatte ihnen befohlen, sich so leise wie möglich bereit zu machen und den Angriff zu erwarten, auch wenn seine Hauptmänner am liebsten vorgestürmt wären, um sich in den Kampf zu stürzen, aber sie gehorchten und bewachten die Angreifer nur, ohne sich sehen zu lassen. Als ihre Gegner sich nach Osten wandten, um dort anzugreifen, wo Aragorns schwächste Stelle war – so hatten es zumindest die Kundschafter berichtet – sahen sie sich dreihundert Soldaten gegenüber, mit dem König selbst an der Spitze.
Enarâtos Truppe zeigte sich dem Hagel aus Pfeilen und Speeren nicht gewachsen, der sie eine volle Länge früher empfing, als sie erwartet hatten und wurden entsetzt zu einem Rückzug gezwungen, doch ein Rückzug über den Fluss wurde verhindert, denn zwischen den Kriegern und der Brücke befanden sich weitere einhundert Soldaten von Rohan, geführt durch König Êomer.
Aragorn erreichte gerade noch rechtzeitig die Kuppe eines kleinen Hügels, um Êomers Flagge zwischen den Kriegern aufblitzen zu sehen - die Feinde saßen in der Falle. Müde und erschöpft sank er im Sattel zurück, wischte sein Schwert an der Decke seines Pferdes ab, bevor er es zurück in die Scheide schob und betrachtete schweigsam die Schlacht, die unter ihm tobte, hörte die Schreie der Verwundeten und Sterbenden und kämpfte einen Augenblick gegen die aufsteigende Übelkeit an, als ihm wieder bewusst wurde, dass er für diese Toten verantwortlich war.
Die feindliche Truppe zerbrach, einige Soldaten legten die Waffen nieder, um ihr Leben zu retten und andere dachten nicht daran, sondern hielten den aussichtslosen Kampf aufrecht, bis sie den Tod fanden.
Die Ufer des Poros wurden durch Êomers Krieger bereits wieder gesichert und so führte Aragorn nach der gewonnenen Schlacht seine Truppen dorthin zurück. Brego schnaubte angesichts des Todesgeruchs, während er sich vorsichtig seinen Weg um die Gefallenen herum suchte. Aragorns Blick blieb an der leeren Brücke hängen, die das eine Ufer mit den anderen verband, doch Enarâto war zu schlau, um sich eine Blöße zu geben; wahrscheinlich hatte er die anderen Truppen bereits am morgen angewiesen, sich weiter zurückzuziehen und auch sein eigenes Leben hatte er nicht aufs Spiel gesetzt.
Ein Jammer, dachte Aragorn verbittert, denn er hätte ihm gern hier und jetzt ein Ende bereitet.
Legolas kam an seine Seite geritten, den Pfeil, dessen Spitze brannte, und Bogen schussbereit in den Händen.
"Was hast du vor?", fragte Aragorn, doch er wusste es bereits, noch bevor Legolas antwortete.
"Wenn wir die Brücke jetzt überqueren, werden wir niedergemetzelt. Enarâtos Truppen sind frisch und ausgeruht und wir erschöpft. Wenn wir die Brücke in Ruhe lassen, wird er sie entweder benutzen oder selbst verbrennen, damit wir sie nicht überqueren können. Mir ist lieber, sie geht in unseren Flammen auf – nicht in ihren."
Aragorns Hände krampften sich um die Zügel, als sich der Pfeil auf die Brücke senkte und diese kurze Zeit später in Flammen stand. Stumm saß er auf seinem Pferd, während die Hitze des Kampfes aus seinem Körper wich und sich die verletzte Schulter und seine müden Muskeln wieder bemerkbar machten. Es gab noch andere, kleine Wunden, Schwert- und Messerschnitte, die an und für sich unbedeutend waren, aber sie verschmolzen zu einem Ganzen und wurden durch seinen Kummer nur noch verstärkt. Er zuckte erneut zusammen, als die Flammen plötzlich hoch aufloderten; rotgolden glühte der Fluss, in das Licht des Feuers getaucht.
Ein plötzlicher Instinkt ließ Aragorn erstarren und ein sonderbar vertrautes Gefühl fuhr durch seine Brust, der Atem stockte ihm und er blickte auf das andere Ufer. Es fiel ihm leicht, die Gestalten auszumachen, die nun zu seiner Verwunderung aus dem Schutz der Bäume traten – Enarâto und Tanfalas! Enarâto in eine dunkelviolette Robe gekleidet, dessen schwarzes Haar von der frischen Brise zerzauste und Tanfalas, deren Augen dunklen Löchern ähnelten.
Seine Kehle zog sich zusammen, doch er wandte sich bewusst von diesem Anblick ab und lenkte Brego zurück ins Lager und ließ sich einen Bericht erstatten, über die eigenen Verluste, die sie erlitten hatten. Mehr als ein Viertel seiner Streitkraft hatte ihn dieser Sieg gekostet, diese Männer waren dafür geopfert worden, um wieder einzunehmen, was ihnen anfangs gehört hatte. Dabei hatten sie Enarâtos Truppen zwar um die Hälfte vermindert, aber sie waren im Wesentlichen wieder da, wo sie angefangen hatten.
Êomer hatte von zwei Schlachten gesprochen – und die erste war vorüber...