Zehntes Kapitel

„Unvorhergesehene Wendungen"

Tanfalas stand auf einem Hügel und blickte mürrisch auf die Sturmwolken im Westen, die zwar gegenwärtig nur eine ferne Bedrohung bedeuteten, aber auch dafür sorgen würden, dass sich bald die ersten Regenschauern ergießen würden und die Ebene aufweichen würden. Sie ließ ihren Blick nach Norden schweifen, jedoch nicht auf die andere Flussseite, sondern weiter westlich über die Mündungen des Anduin hinweg, um vielleicht endlich die Gruppe Reiter auszumachen, die etwas bei sich führen sollten, das dem Geschick ihres Vaters in diesem Krieg weiterhelfen sollte. Aber sie freute sich nicht minder auf ihren Gast! Ja, sie freute sich endlich der Frau gegenüber treten zu können, die sie am Meisten hasste! In Gedanken spielte sie bereits alle Grausamkeiten durch, die sie Arwen angedeihen lassen wollte, doch ihr Vater würde es erst gar nicht soweit kommen lassen, dass wusste sie. Er wollte sie gegen König Elessar einsetzen, deshalb blieb Tanfalas wohl nur die Befriedigung, die Königin mit Berichten über die Gefangenschaft ihres Gatten zu quälen und daran würde sie auch nicht ihr Vater hindern!
Trotz der Kälte erfüllte sie bei diesen Gedanken ein erregendes Hitzegefühl und mit einem überheblichen Lächeln wandte sie sich um und machte sich auf den Weg zu ihrem Vater.

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Nuinrûn traf am Abend im Lager des Fürsten und seiner Tochter ein, nachdem sie den beschwerlichen Umweg über die Flüsse und Lebennin hinter sich gebracht hatten, um Aragorns Truppen nicht in die Hände zu fallen, die Süd-Ithilien sicherten. Nuinrûn hatte mit Verachtung feststellen müssen, dass es dem König gelungen war, diesen Abschnitt des Landes zu sichern, denn als er mit seinen Männern aufgebrochen war, hatte sich noch die Flagge der Haradrim am Flussufer im Wind gebläht, doch an ihrer Stelle flatterte nun das Wappen Gondors in der sanften Brise, die vom Wasser herüberwehte.
Nuinrûn stieß ein verächtliches Schnauben aus und sah über seine Schulter zurück auf die beiden Gefangenen, die fest an den Satteln ihrer Pferde verschnürt waren und durch Knebel dazu gebracht worden waren, zu schweigen. Während die Königin fast trotzig ihren Rücken durchgedrückt und das Kinn vorgereckt hatte, während sie seinen Blick erwiderte, hing der Halbling mehr im Sattel, das Kinn auf dir Brust gesunken und schaukelte bei der schwankenden Bewegung seines Tieres hin und her. Er war wieder bei Bewusstsein, doch der kräftige Schlag von Nuinrûns Krieger, der einen Eber umgehauen hätte, erfüllte ihn wohl noch immer mit Benommenheit und einem brummenden Schädel.
Hinter dem nächsten Hügel erhoben sich die Zelte des Lagers und ihr Auftauchen sorgte sofort für die ersten Jubelrufe unter den Wachen, die sich mit der Ankunft dieser Gefangenen eine Wende in diesem Krieg versprachen. Begleitet von den Rufen setzte Nuinrûn unbeeindruckt seinen Weg quer durch das Lager fort und näherte sich dem größten Zelt, das sich geschützt an den Rand einiger Bäume schmiegte.

Tanfalas und Enarâto, die durch die Rufe auf die Ankömmlinge aufmerksam geworden waren, traten gerade durch die Klappe ins Freie, als Nuinrûn sich aus dem Sattel schwang und dann die Königin wenig sanft von ihrer Stute zerrte. Er verneigte sich dann vor seinem Herrn und dessen Tochter und zog Arwen in seine Reichweite, versetzte ihr einen Stoß und sie fiel vor Tanfalas auf die Knie, wobei sie sich gerade noch mit ihren gefesselten Händen abfangen konnte. Schmutz spritzte auf und dunkle Sprenkel bedeckten Gesicht, Oberkörper und Kleidung von Arwen, doch selbst das minderte nicht ihre Ausstrahlung und als sie den Kopf zu ihrer Feindin empor hob, lagen in ihren Augen nur Gleichgültigkeit und Belustigung, was Tanfalas die Zornesröte ins Gesicht trieb. Sie hatte erwartet, dass Arwen angsterfüllt und eingeschüchtert hier eintreffen würde, doch diesen Gefallen tat die Königin ihr nicht im Geringsten, denn nun lächelte sie Tanfalas auch noch freundlich an.
Tanfalas schnaubte und unterdrückte ihre aufsteigende Wut, erblickte jedoch dann Frodo, den ein Mann aus Nuinrûns Gefolge nun ebenfalls aus dem Sattel zog.
"Wer ist das?", fragte sie scharf.
Nuinrûn räusperte sich. "Ich vermute, einer von ihren Hobbit – Freunden. Er war bei der Königin, als wir bei ihr eintrafen und da ihr sagtet, ihr wünscht keine Zeugen, damit vorerst niemand weiß, wo sie abgeblieben ist, haben wir ihn mitgenommen. Vielleicht erweist er sich noch als nützlich." Er zuckte die Schultern.
"Wie interessant!", vermerkte Enarâto. "Nehmt ihnen die Knebel fort, ich will hören, was sie zu sagen haben!"
Trotz seines brummenden Schädels, steif von der langen Nacht im Sattel, erhitzte sich Frodos Blut dennoch sofort, als er Gelegenheit bekam, seinem Ärger Luft zu machen und funkelte Vater und Tochter wütend an.
"Wenn König Elessar das erfährt, wird er euch umbringen! Genießt eure Zeit noch, solange ihr könnt!"
Tanfalas lachte auf. "Aber, aber! Redet man so mit seinen Gastgebern? Außerdem wage ich zu bezweifeln, dass Elessar einen Angriff wagt, während seiner Gemahlin ein Messer an die Kehle gedrückt wird! Und wer soll ihm denn erzählen, dass ihr hier seid? Er glaubt euch sicher in Minas Tirith!"
Enarâto beobachtete den Halbling amüsiert, doch dann schaltete er sich in diesen kleinen Disput ein.
"Ihr habt Zeit, euch Gedanken darüber zu machen, was ihr tun werdet, wenn wir euren geliebten König erst besiegt haben! Was euch angeht, Lady Arwen, so hätte ich sicher Verwendung für euch!", er grinste lüstern und machte dann eine ausladende Handbewegung in Richtung der Wachen. "Bringt sie weg. Ich werde mich ihrer später annehmen."

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Aragorn bekämpfte den Impuls, auf und ab zu gehen, während die Blicke seiner Freunde auf ihm ruhten, die sich niemals Illusionen über die Welt und die Menschen gemacht hatten die darin lebten. Sie hatten sich nichts vorgemacht, im Gegensatz zu ihm, der erst jetzt erkannte, dass all seine Pläne und Einsichten nutzlos waren und doch wandelten sich seine Gedanken wieder in diese Richtung, als er an die bevorstehende Schlacht dachte. Die kommenden Generationen sollten nicht dieselben Schlachten zu schlagen haben oder Bedrohungen durchstehen müssen. Die Kinder seiner Freunde sollten die Möglichkeit haben, ein friedliches Leben zu führen - ebenso wie seine eigenen.
Bei diesem Gedanken wäre er beinahe zusammengezuckt, denn er hatte sich schon damit abgefunden, dass er niemals eigene Kinder haben würde. Er würde in dieser Schlacht den Tod finden, dessen war er sich sicher, denn er würde jeden Preis zahlen, nur um sicher zu gehen, dass Enarâto und Tanfalas ihr Leben aushauchten und keinem mehr ihre Grausamkeiten antun konnten – und dann würde er in Frieden sterben können!
Er wandte sich Bergil und seinem Vater zu, die sich näherten und dabei seinen Namen riefen und machte einen Schritt auf sie zu.
"Gute Neuigkeiten, Herr. Die Schiffe treffen ein! Sie werden in weniger als einer Stunde an diesem Ufer anlegen."
Faramir zog fragend die Augenbrauen zusammen, doch Aragorn legte Bergil lächelnd die Hand auf die Schulter.
"Keine Schiffe, Bergil! Es sind Brücken! Kommt, wir werden die Truppen mobilisieren müssen, damit sie bereit sind, wenn wir übersetzen können."
Aragorn blickte dem Knappen hinterher, als er sofort losstürmte, um das Pferd seines Herrn bereit zu machen und Aragorn folgte ihm, begleitet durch seine Freunde.
Als er Brego schließlich zum Fluss herunter trieb, wurden bereits Pferde, Vorräte und Waffen an die Ufer gebracht, damit sie schnell auf die Schiffe geladen werden konnten und ein Übersetzen der Truppen nicht zu viel Zeit in Anspruch nahm. Aragorn hoffte auf einen Überraschungsmoment, der sie gegenüber Enarâtos Truppen zu einem Vorteil verhelfen würde, bis dessen Truppen kampfbereit sein würden, konnten sie längst das Lager erreicht haben. Faramir und Êomer brüteten über Karten und fassten endlos neue Pläne, spielten verschiedene Schlachten durch, um verschiedene Taktiken zu erforschen.
Aragorn war merkwürdig froh darüber, dass er nun endlich die letzte entscheidende Schlacht antreten würden, auch wenn ihm durchaus bewusst war, dass sie alle ein großes Risiko eingehen würden – alle wussten, dass mit den Schiffen auch jede Möglichkeit des Rückzugs verschwunden war und sie würden auf Gedeih und Verderb ihren Feinden ausgeliefert sein. Wie auch immer die Schlacht ausgehen würde, es würde viele Leben kosten.
Sie setzten bereits drei Stunden nach erscheinen der Schiffe über und die Späher ritten umgehend los, um Bericht über das Lager des Fürsten und dessen Truppen zu beschaffen.

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Enarâto wurde an diesem Mittag von einem seiner Späher, noch einen Pfeil in der Schulter und Blutflecken auf der Tunika, bei seinem Mahl gestört, dass er mit seiner Tochter in seinem Zelt einnahm. Der Mann fiel vor ihm auf die Füße und verschwendete keine Zeit mit Höflichkeiten.
"Herr, Gondor greift an! In diesem Moment!"
Enarâto sprang auf, ohne darauf zu achten, dass er dabei gegen den Tisch stieß und der Wein über den Rand der Kelche schwappte und begann sofort damit, wilde Befehle in seinem Zelt herum zu schreien, während er hastig seine Kriegsausrüstung überstreifte und Tanfalas die Schließen an der Seite schloss. Kaum war sie damit fertig, rannte ihr Vater auch schon auf das Feld hinaus, wo sein Knappe das gesattelte Pferd bereit hielt und die Truppen in überstürzter Eile Aufstellung bezogen.
Tanfalas nahm sich nicht die Zeit, ihrem Vater hinterher zu blicken, sondern schlug den Weg zu dem Zelt ein, indem die Gefangenen untergebracht waren...

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Aragorn packte die ledernen Zügel noch fester und bewegte die Schultern unter seiner Kampfausrüstung, die so steif war, dass sie ihm Brust und Rücken einengte und auf der das Wappen Gondors in der Sonne glitzerte. In dieser Ausrüstung konnten seine Truppen ihn in einer Länge Entfernung ausmachen – und seine Feinde sicherlich auch, doch Aragorn tat diese Tatsache mit einem Schulterzucken ab. Dies war genau in seinem Sinne, denn er wollte, das Enarâto ihn sah.
Aragorn beruhigte Brego, denn er wusste, wie wild der Hengst auf einen Kampf war, an dem er nicht teilnehmen durfte – es sei denn, Êomer und Faramir irrten sich gewaltig und sie würden anfangen, zu verlieren. Selbst dann würden sich um das Pferd und Aragorn herum, eine Wand aus Schilden und Speeren bilden, um ihn zu schützen, doch nur so lange, bis Aragorn Enarâto in der Menge ausmachen würde.
Mit einer kleinen Armee hinter sich, ritt Aragorn neben Legolas, Gimli und Gandalf auf eine kleine Anhöhe, von wo aus sie Enarâtos Lager überblicken konnten. Überall auf der Ebene sah man dessen Krieger, die sich gegen den Angriff zur Wehr setzten, der von Êomer und Faramir geführt wurde. Die beiden Heere waren beinahe genau gleich groß und der erhoffte Vorteil war nicht so eingetreten, wie Aragorn es sich gewünscht hätte, denn Enarâto war ein erfahrener Krieger und Anführer, der das Ufer durch Späher beobachten hatte lassen.
Aragorn konnte den Blick nicht von den Kämpfen abwenden und es erschien ihm fast so, als wäre ein altes Schlachtengemälde vor ihm zum Leben erwacht. Rohans Reiter rauschten von rechts heran und hinter einem Hügel marschierte eine beachtliche Fußtruppe aus Gondor in das Lager ein, geschützt von den Bogenschützen.
Die restlichen Truppen formierten sich zu einem Halbkreis, ebenfalls Reiter, Fußsoldaten und Bogenschützen, um ihre Linien um das Lager ziehen zu können, ihre Schwerter und Speere leuchteten.
Ein wenig beneidete Aragorn die Krieger, die sich jetzt in Bewegung setzten, um den Kampf aufzunehmen, während er hier auf dem Hügel stand und zur Untätigkeit verdammt war. Seine Hand schloss sich um den Schwertknauf, der aus der Scheide ragte und noch immer fühlte er sich falsch an in seiner Handfläche und bemerkte wieder schmerzlich den Verlust von Anduril, dass seit seiner Entführung verschwunden war.

Eine Stunde später war der Moment auf den Hügel bereits vergessen. Enarâtos Truppen hatten es geschafft, die Angriffslinie von Gondor zu durchbrechen und hatten einen Ausfall gemacht, um dann ihrerseits den Kreis um ihre Feinde zu schließen und Aragorn hatte zu Gimlis Freude den Befehl zur Unterstützung gegeben.
Aragorn suchte immer wieder seine nähere Umgebung nach Enarâto ab, doch er hatte genug damit zu tun, sich vor den Schwertern und Speeren der Feinde zu schützen, die seinen Kopf wollten, doch noch während er sich mit gezielten Streichen verteidigte, erfasste er eine andere Bedrohung.
"Gimli! Hinter dir!" Aragorn riss Brego herum, um den Zwerg zu verteidigen und vergaß dabei seine eigene Rückendeckung. Er hackte ein Handgelenk ab und der Speer, den die Hand hielt, fiel herab, einen Bruchteil, bevor er sich in Gimlis Rücken gebohrt hätte. Ein flinker Soldat aus Enarâtos Truppe machte einen Satz, schlitzte Aragorns Ledertunika entzwei und riss die alte Wunde wieder auf. Er fluchte, trieb Brego die Absätze in die Flanke und lenkte Brego herum, die Hinterhufe schlugen aus und trafen den Krieger im Bauch.
Aragorn hörte Legolas rufen, als er schwankte, fand den Freund im nächsten Moment an seiner Seite, während sein Arm taub wurde und der Elb erfasste die Zügel, indem er sich gefährlich weit herüberlehnte, um Aragorn aus der Gefahrenzone zu bringen. Legolas trieb Arod zum Galopp und ignorierte Aragorn gemurmelte Ansicht über diesen Rückzug und brachte ihn auf einem Hügel in Sicherheit.

Legolas sprang vom Pferd und wollte Aragorn aus dem Sattel heben, doch Aragorn lehnte die dargebotene Hand ab und mühte sich alleine von Bregos Rücken, wobei er immer noch seinen Unmut über den erzwungenen Rückzug von Legolas bekundete.

„Halt den Mund!", erklang hinter ihnen plötzlich ein vertrautes Knurren und Êomer, dessen Arm in einer Schlinge aus weißem Tuch ruhte, trat zu ihnen und warf einen prüfenden Blick auf Aragorns Schulter. „Setz dich und lass die Wunde von Legolas versorgen, sonst übernehme ich das – und du weißt, dass ich weit weniger zimperlich bin als er!"

Aragorn fügte sich dieser Androhung und musste mürrisch zugeben, dass seine Freunde Recht gehabt hatten, denn so vorsichtig Legolas auch zu Werke ging, zuckte Aragorn jedes Mal zusammen, wenn er die Wunde mit einem Tuch und Wasser auswusch. Schließlich beendete Legolas die Versorgung und betrachtete zufrieden den Salbenverband, der sich um Schulter und Brust von Aragorn wand und einen scharfen Kräutergeruch verbreitete.

Êomer reichte Aragorn einen Kelch Wein, den sein Knappe auf den Hügel gebracht hatte und musterte dabei den Freund.

„Ist es schlimm?", fragte er an Legolas gewandt, ließ Aragorn dabei jedoch nicht aus den Augen.

„Ich kann für mich selber reden!" Aragorn wusste nicht, was ihn mehr ärgerte – der erzwungene Rückzug, oder die Tatsache, dass die Freunde über ihn sprachen und ihn wie ein kleines Kind behandelten. „Es schmerzt nicht einmal mehr!", versuchte er zu behaupten.

„Nun, meines schon!" Êomer rieb sich über seinen gestützten Arm. „Geschieht mir aber auch ganz recht. Warum habe ich nicht vorausgeahnt, dass Enarâtos Truppen einen Ausfall machen würden! Ich werde wohl langsam zu alt für diese Sachen! Trotzdem, unsere Truppen leisten sich einen guten Kampf, Schade, dass du nicht mehr daran teilnehmen kannst, Aragorn."

„Den Teufel werde ich!" Aragorn bewegte die Schulter und unterdrückte ein Zucken. „Ich lasse meine Krieger nicht im Stich – und schon gar nicht werde ich Enarâto einem anderen überlassen! Sobald die Salbe wirkt und ich mein Schwert wieder halten kann...!"

„Ach ja? Dann fang!" Êomer warf Aragorn seinen leeren Kelch zu und zog verwundert die Augenbrauen hoch, als dieser ihn geschickt auffing. „Also gut – du hast gewonnen.", seufzte Êomer.

Aragorn ließ sich seinen Schmerz nicht anmerken, den ihm diese Bewegung bereitet hatte und erhob sich. „Kommt. Es ist bereits ein ganzer Tag vergangen und ich habe Enarâto noch immer nicht zu Gesicht bekommen. Gebt mir Bescheid, wenn ihr ihn seht!" Er wandte sich ohne einen weitern Blick von den Freunden ab und schwang sich auf Bregos Rücken, wobei seine Bewegungen etwas steif wirkten, weil er versuchte, die Schulter dabei zu schonen. Legolas und Êomer wechselten einen vielsagenden Blick, schlossen sich dann aber stumm ihrem Freund an.

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Frodo saß gefesselt auf einem Stuhl und versuchte vergeblich, die strammen Seile um seine Handgelenke zu lockern. Seine aufgeschürften Gelenke brannten dabei zwar unerträglich, doch er wollte einfach nicht aufgeben und behielt bei seiner Tätigkeit immer Tanfalas im Auge, die zwischen ihm und Arwen, die ebenfalls gefesselt auf einer Pritsche saß, auf und ab ging. Eine Lampe brannte und warf ihre Schatten an die Zeltwand, die riesenhaft aufragten. Jetzt blieb Tanfalas vor Arwen stehen und baute sich drohend vor ihr auf, packte sie an den Haaren und zog ihren Kopf schmerzhaft in den Nacken.
„Wagt es nicht sie anzufassen!", schrie Frodo ängstlich auf, als Arwen leise aufstöhnte und wand sich wieder verzweifelt auf seinem Stuhl. Tanfalas lachte.
„Schrei nur, soviel du willst! Es wird dir nichts nutzen. Hier kommt dir niemand zu Hilfe."
„Was wollt ihr von uns?", fragte Arwen und hielt ihren Blick auf Tanfalas gerichtet. Diese fing wieder an zu lachen.
„Oh, wisst ihr das denn noch nicht? Ihr werdet und helfen, diese Schlacht zu unseren Gunsten zu wenden! Elessar wird doch wohl kaum euer Leben aufs Spiel setzen. Und wenn er Gondor erst an meinen Vater übertragen hat, dürft ihr zusehen, wie er durch die Hand meines Vaters den Tod findet." Sie machte eine Pause und fuhr dann lächelnd fort. „Er hatte die Wahl, Elbe! Er hätte am Leben bleiben können, wenn er sich für mich entschieden hätte, aber er hat den Tod gewählt und wisst ihr warum? Wegen euch! Die Liebe für euch hat ihn zu dieser Entscheidung getrieben – also seit ihr auch dafür verantwortlich, dass er stirbt!"
Arwen schluckte und kämpfte um ihre Fassung, denn sie wusste, dass Tanfalas Recht hatte. Sie hatte Aragorns Worte nicht hören können, als sie in den Spiegel geblickt hatte, aber seine blassen Lippen hatten immer wieder ihren Namen geformt, während er versuchte, Tanfalas und den Schmerzen stand zu halten.
Frodo schaltete sich erneut ein, als er Arwens Verzweiflung gewahr wurde. „Aragorn wird nicht viel von eurem Vater übrig lassen! Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass Enarâto ihn besiegen könnte!"
Tanfalas ließ von Arwen ab und ging mit langsamen Schritten auf Frodo zu und hielt ihm ein Messer an die Wange, das sie plötzlich in der Hand hielt.
„Du wirst mir allmählich lästig, Halbling! Vielleicht sollte ich dir die Kehle durchschneiden, damit ich endlich Ruhe vor dir habe!" Sie drückte ein wenig fester zu und beobachtete mit Genugtuung, wie ein kleines Blutrinnsal seinen Hals hinunter lief.
„Aber halt – ich habe eine bessere Idee, Bürschchen! Du wirst mein Bote sein! Weißt du, was du Aragorn erzählen wirst?"

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Im Norden sah es gut für sie aus, trotz des anfänglichen Vorteils von Enarâto. Êomer hatte eine Neugruppierung in die Hand genommen und befehligt – zu mehr war er durch seine Verletzung nicht mehr fähig. Sie konnten die feindlichen Truppen umzingeln und hatten nun den Vorteil auf ihrer Seite. Faramir führte die Südflanke an, zog sich etwas zurück und griff dann von hinten an.
Feuer brannten auf dem Schlachtfeld, um den Kämpfenden das nötige Licht zu verschaffen, denn das Licht hatte rasch nachgelassen und die Nacht brach langsam herein. Aragorn war froh, dass er in den Kampf wieder hatte eingreifen können, denn er wäre verrückt geworden, wenn er dazu gezwungen gewesen wäre, untätig zuzusehen. Dies war sein Kampf und er wollte seine Männer nicht alleine für sich kämpfen lassen – er musste ihnen beistehen. Sein Kampffieber nutzte nun seinen Soldaten und in seinen Ohren hallten immer noch ihre Jubelrufe, als er auf das Schlachtfeld zurückgekehrt war.
Wenn dies schon das letzte Mal sein sollte, dass er kämpfen musste, dann sollte sein Schwert auch genügend Blut schmecken, dachte er verbittert.
Wo immer er auch in den Kampf eingriff, suchte er wütend nach Enarâto, doch niemand hatte ihn bisher gesichtet. Hatte der Feigling sich etwa schon früh zurückgezogen? Hatte er sich versteckt? Und Tanfalas? Beobachtete sie die Schlacht?
Er würde sie beide finden! Und wenn es die ganze Nacht und den kommenden Tag dauern würde!
Plötzlich sah Aragorn eine kleine Gruppe Reiter aus dem Norden heranreiten, die den Soldaten und Kämpfern auswischen. Sie waren zu weit entfernt, als das er sie in der Dämmerung hätte erkennen können, doch die Hoffnung keimte in ihm auf, dass es Enarâto sein könnte, der versuchte, ihn von hinten anzugreifen.
Er hieb sich durch die feindlichen Truppen, die ihn umgaben, einen Weg frei und fluchte, als ein neuerlicher Schmerz durch seinen Arm fuhr. Die Salbe betäubte seine Wunde schon lange nicht mehr, seine Schulter schmerzte unerträglich und er spürte klebrige Wärme seinen Rücken herunterrinnen, doch trotzdem kämpfte Aragorn weiter, die sich nähernden Reiter immer im Blickfeld. Er fürchtete, jemand anderer könnte Enarâto töten, bevor er die Gelegenheit dazu bekam.
Dann war er frei von feindlichen Schwertern und Speeren und Legolas war an seiner Seite, der ihn und die Reiter ausgemacht hatte und wohl den gleichen Gedanken hatte wie er, doch dann fing der Elb an, den Reitern zuzuwinken.
Als sie näher aufschlossen, erkannte auch Aragorn die Reiter und ihm stockte vor Wut einen Augenblick der Atem. Eowyns Pferd stoppte kurz bevor sie ihn erreichten und dir drei Hobbits zügelten ebenfalls ihre Ponys.
„Was im Namen der Valar sucht ihr denn hier?", donnerte Aragorn sofort los, als er in ihre Hörweite geriet, doch er stutzte, als er in ihre Gesichter sah und sofort überkam ihn ein ungutes Gefühl.
„Was ist geschehen?"
Eowyn rang nach dem schnellen Ritt nach Luft, doch dann fasste sie sich.
„Frodo und Arwen sind spurlos verschwunden! Wir haben sie überall gesucht, aber konnten sie nirgends finden. Wir dachten, vielleicht seinen sie zu euch geritten? Habt ihr sie gesehen?"
Aragorns Kehle zog sich alleine bei der Erwähnung von Arwens Namen zusammen und seine Brust schmerzte, als er an die Frau dachte, die er so sehr liebte und doch so sehr verletzt und betrogen hatte. Er konnte Eowyns Blick nicht standhalten und senkte den Kopf.
In diesem Moment schrie Sam entsetzt auf und abrupt fuhren alle Köpfe in die Richtung hoch, in die er wies.
„Seht da! Das ist doch Frodo!"
Legolas reagierte als erster und gab Arod einen Befehl, der daraufhin sofort losstürmte, während die anderen die Szene gespannt und voller Sorge beobachteten, die sich zwischen dem Schlachtgetümmel abspielte.
Das Pferd, auf dem Frodo sich verzweifelt an der Mähne festklammerte, rannte völlig verschreckt und ohne auf irgendetwas zu achten, mitten durch die Kämpfe, die Augen entsetzt aufgerissen, sodass man das Weiße darin sehen konnte. Dabei schlug es hin und wieder wild mit den Hinterläufen aus, zerschmetterte dabei den ein oder anderen Kopf eines Kriegers, der ihm dabei unter die Hufe geriet, oder bäumte sich in panischer Angst auf, wenn vor ihm ein unüberwindliches Hindernis auftauchte. Es preschte schließlich über einen kleinen Teil der freien Ebene auf den Fluss zu und wäre sicher blindlings in die Fluten gestürmt, wenn Legolas es nicht endlich eingeholt hätte und sich mit einen mutigen Satz an dessen Hals geworfen hätte und seine Arme um den Kopf des Tieres geschlungen hätte. Mit einem Druck in die Flanken von Arod zügelte er dessen Tempo und bremste somit auch den Irrlauf des anderen Tieres, das er immer noch an Hals und Kopf umklammerte, so fest, dass seine Armmuskeln schmerzten. Keuchend und schnaubend kamen die beiden Pferde schließlich zum Stehen und kleine Dampfschwaden stiegen von ihren verschwitzten Flanken auf. Legolas sprang ab und eilte zu Frodo, der sich wie ein Mehlsack in seine Arme plumpsen ließ, immer noch am ganzen Körper zitternd.
„Wo ist Aragorn?", brachte er mühsam hervor, als er sich einigermaßen beruhigt hatte. „Ich habe eine wichtige Nachricht für ihn!"