Epilog
Aragorn stellte den Kelch ab und bemerkte, dass seine Hand leicht zitterte und wurde sich seiner Erschöpfung bewusst. Er wollte auf einmal nichts weiter, als sich in seine Gemächer zu begeben und Arwen und seinen Sohn in die Arme zu schließen, doch die Heiler hatten ihn regelrecht aus dem Zimmer geworfen, als die Wehen immer heftiger geworden waren. Wann, zum Kuckuck, war diese Warterei denn endlich vorbei? Warum dauerte es nur so lange? Es war doch hoffentlich allen in Ordnung?
Unruhig begann er, in langen Schritten den Raum auf und ab zu gehen, nahm hier und da einen Gegenstand in die Hand ohne ihn wirklich anzusehen und stellte ihn dann wieder an seinen Platz, um seine Wanderung fortzusetzen.
Schließlich blieb er stehen und rief sich Arwens Gesicht vor Augen und fragte sich, wie sie es in den letzten Monaten mit ihm zusammen ausgehalten hatte. Es waren für ihn, aber vor allem für sie harte Zeiten gewesen – Augenblicke, in denen er Arwen absichtlich verletzt hatte, in denen er versucht hatte, seine eigene Pein, sein eigenes schlechtes Gewissen zu lindern, in dem er ihren Schmerz noch vergrößerte, den sie über seinen Zustand empfand. Aber es hatte auch Zeiten gegeben, in denen sie ihn aus demselben Grund angegriffen hatte.
Die Dinge, die er getan hatte, ließen sich jetzt nicht mehr ungeschehen machen, das hatte er inzwischen akzeptiert, auch wenn er sich ihrer immer noch schämte. Er hatte im Kampf getötet – weil es von einem König erwartet wurde, der sein Volk beschützen sollte und die Ironie dabei war, das er sogar aus diesem Grund ein Recht dazu gehabt hatte, dass er immer dazu hatte einsetzen wollen, um Frieden zu schaffen. Das war eine gute Entschuldigung und rechtfertigte seine Handlungen – aber eben nicht die heiße Freude, die er empfunden hatte, als er seinen Dolch in Enarâtos Kehle gebohrt hatte.
In seiner Jugend hatte er sich bereits bemüht, alles zu lernen, was es in dieser Welt an gutem gab, alles was er einsetzen konnte, um ein Leben zu ermöglichen, das besser, friedlicher und zivilisierter war. Er hatte sich ein Leben für sein zukünftiges Volk gewünscht, das reich an Träumen war, reich an Versuchen, diese Träume zu verwirklichen – nicht angefüllt mit Tod, Verrat und Täuschung. Er hatte sich vom Bösen abgewandt, nicht nur vom Bösen auf der Welt, sondern auch von dem, das in ihm war. Er hatte sich gesagt, dass, wenn er erst einmal König war, seine Gesetze die Dinge aus der Vergangenheit auslösen würden, die sie dazu gebracht hatte, sich zu bekriegen.
Doch er hatte feststellen müssen, dass all diese Dinge auch in ihm waren und das der Impuls zu töten und zu wüten in ihm lebendig war. Sie waren in ihm, all die Taten, die ihn als Barbar kennzeichneten, all die Dinge, die getan und gesagt worden waren und deretwegen sich seine Seele immer noch vor Scham krümmte. Er wusste was er war – und gestand es sich ein.
Eilige, kurze Schritte auf dem Gang ließen ihn aus seinen düsteren Gedanken aufschrecken und im nächsten Moment steckte Bergil seinen Kopf durch die Türe. Das Gesicht des Jungen war gerötet und er atmete hastig, so, als wäre er ein Stück des Weges gerannt.
„Herr! Er ist da! Euer Sohn…!"
Aragorn wartete nicht weiter ab was Bergil noch zu sagen hatte, sondern war augenblicklich an ihm vorbeigestürmt und hastete wenig Königlich den langen Flur entlang und riss die Türe seines Gemaches schwungvoll auf.
Arwen stützte sich auf die weichen Kissen, die Spitzen ihres Nachthemdes und ihrer Schläfen waren feucht vom Schweiß der Anstrengungen, doch sie lächelte ihn zärtlich an und neigte dann den Kopf wieder auf das kleine Bündel herab, das in ihren Armen lag.
Unsicher machte Aragorn einen weiteren Schritt auf sie zu, wartete, bis alle Heiler und Bedienstete den Raum verlassen hatten und setzte sich vorsichtig auf den Rand des Lagers. Arwen lächelte ihn an.
„Möchtest du ihn einmal halten?"
„Ich… ich weiß nicht…", doch bevor er reagieren konnte, hatte Arwen ihm das strampelnde Bündel bereits in die Arme gelegt. Lange Zeit betrachtete er sich seinen Sohn stumm, bis er sich bei der Frage ertappte, wie es seinem Sohn nur so schnell gelingen konnte, ihn so schnell für sich zu gewinnen! Er starrte seinen Vater mit großen blaugrauen Augen an, als wolle er in seine Seele sehen und forderte ihn mit diesem Blick, der einzig und allein Liebe verlangte. Aragorn streichelte den flaumigen Kopf seines Sohnes, der daraufhin schläfrig mit den Augen blinzelte und einen wenig eleganten Rülpser ausstieß. Aragorn grinste.
„Er scheint jedenfalls die Manieren einer seiner Patenonkel geerbt zu haben!", stellte Aragorn nüchtern fest und freute sich schon jetzt darauf, Gimli von dieser Gemeinsamkeit zu berichten. Arwen lachte leise auf, doch dann legte sie Aragorn die Hand auf den Arm. „Er sieht aus wie du! Die Farbe der Haare, die Form des Mundes… selbst die Augen hat er von dir."
Aragorn zog die Brauen zusammen und wandte sich der genauen Betrachtung zu. „Die Ohren hat er aber nicht von mir!", stellte er schließlich fest, doch im nächsten Moment kräuselten sich belustigt seine Mundwinkel. Tatsächlich liefen die Ohrmuscheln leicht spitz zu – nicht so ausgeprägt wie die seiner Mutter, aber doch deutlich genug, um seine elbische Abstammung zu verraten.
„Arwen?" Aragorns Stimme klang rau.
„ja?"
„Ich liebe dich!" Er beugte sich zu ihr herunter, küsste sie zärtlich und zog sie dann in seine Arme.
Ja, dachte er, als er seine Frau und seinen Sohn fest an sich drückte. Frodo hatte Recht. Jetzt hatte auch er wieder tief in seinem Inneren eine kleine Hütte in der seine Seele geschützt war.
