Hey!
Du fragst dich bestimmt, warum ich dir einen Brief schreibe, richtig?
Na ja, manchmal ist es leichter, etwas aufzuschreiben als es auszusprechen. Früher habe ich deshalb ein Tagebuch geführt, dem ich alles anvertrauen konnte; dieses rosa Herzchenheft war sozusagen mein bester Freund. Es gab natürlich andere, echte Freunde - einige von ihnen mochten mich wirklich gern -, aber ich habe ihnen selten gesagt, was in mir vorging. Eigentlich nie.
Woher hätte ich denn wissen sollen, ob sie mich wirklich verstehen oder sich am Ende über mich lustig machen? Also habe ich lieber den Mund gehalten und gelächelt. Mache ich heute immer noch, oder? Wahrscheinlich.
Deswegen also der Brief. Er ist eine Seite aus einem imaginären Tagebuch, die ich in einen Umschlag packe und dort liegen lasse, wo du sie findest.
Mir ist in letzter Zeit etwas aufgefallen, worüber ich unbedingt reden möchte. Ich möchte nicht mehr darüber nachdenken und es in mir verstecken. Ich möchte, dass du Bescheid weißt.
Ich bin sehr oft alleine. Egal, wie viel Mühe ich mir gebe, mich zu beschäftigen und abzulenken, es nutzt nichts und ich grübele und grübele. Und ich fühle Angst. Weißt du wovor? Vor dem was kommt. Vor der Zukunft. Nach allem, was wir erlebt haben und was uns an schrecklichen Dingen zugestoßen ist, glaube ich trotzdem, dass noch nicht alles ausgestanden sein könnte.
Früher war ich nicht ängstlich, was nicht bedeutet, dass ich mich nie gefürchtet habe. Manchmal war der Donner zu laut oder der Keller zu dunkel, der Ast zu hoch zum Runterspringen, und der Schnitt tief genug, dass ich garantiert am massiven Blutverlust sterben würde. Doch wenige Minuten später war der Schreck wieder vergangen. Das Gewitter weiter gezogen, das Licht angeknipst, die Augen zugekniffen und ich abgesprungen, der Finger in den Mund gesteckt.
Ich glaube, das erste Mal habe ich echte Angst gespürt, als Mama gestorben ist. Sie wurde krank und starb. Einfach so. Wie kann es sein, dass eine junge Frau - eine Mutter! -, die noch gebraucht und geliebt wird, von jetzt auf gleich verschwindet? Man kann doch nicht aufhören, da zu sein! Sofort nach ihrem Tod kamen die Sorgen. Papa weinte und wollte nicht mit mir reden, ich sah dieses riesige, leere Haus ohne meine Mutter, mein Leben ohne den allabendlichen Gutenachtkuss. Ich sorgte mich und fragte mich, wie wir das denn schaffen sollten, so allein zu zweit. Da schlug die Angst zu. Wenn die besten Mütter der Welt mit dem schönsten Lachen der Welt sterben können, können Kinder das auch, richtig? Ich bekam Panik. Ich wollte nicht verschwinden, Menschen durften nicht verschwinden, was geschähe denn dann?
Das war der wahre Grund, warum ich auf den Berg hinauf stieg. Wenn ich Mama dort finden könnte, wäre der Tod nichts Schlimmes. Ich bräuchte mich nicht zu fürchten und befände mich in Sicherheit. Behütet und glücklich wie vorher.
Du weißt, wie die Klettertour endete.
Die Angst blieb.
Ich denke, ich habe sie verloren, als das Dorf in Flammen stand. Überall Leichen: Kinder, Erwachsene, Freunde, mein Vater.
Wusstest du von meiner Angst, nicht gut genug zu sein?
Die meisten Nibelheimer stellten hohe Erwartungen an mich, ich war schließlich die überall beliebte und gern gesehene Tochter des Bürgermeisters. Hübsch und klug und schlagfertig musste ich sein, das Vorzeigepüppchen unter Nibelheims Jugend darstellen. Du dachtest immer, ich hätte es so leicht, nicht wahr? Nun, Überraschung, auch ich hatte meine Probleme! Sie waren vielleicht nicht so schwerwiegend wie deine, aber sie waren da und raubten mir gelegentlich den Schlaf.
Meister Zangan erschien zum richtigen Zeitpunkt als Retter in der Not.
Er sah etwas anderes in mir und machte mir Mut. Er sagte, ich könne viel erreichen. Besser werden als seine bisherigen Schüler. Papa war anfangs überhaupt nicht begeistert, wenn ich in zerrissener Kleidung humpelnd nach Hause kam, aber mit der Zeit verstand er, was das Training für mich bedeutete. Es verdrängte meine Angst, unzulänglich zu sein, denn jeden noch so kleinen Erfolg hatte ich mir selbst hart erarbeitet. Ich lernte, stark zu sein, schnell, hochkonzentriert, gefährlich. Lebewohl, Püppchen!
Als Sephiroth zuschlug, wusste ich um meine Stärke. Ich fühlte Hass bis in die kleinsten Fasern meines Körpers und war bereit, ihn gegen Sephiroth einzusetzen. Die Angst vor dem Tod hatte vor dem Zorn und dem Hass die Flucht ergriffen; ich wollte den Mistkerl nur noch fertig machen.
Findest du es seltsam, dass ich eher wütend als traurig war? Ich hatte niemals Zeit, um die Toten zu trauern, genau wie du. Wir sollten das zusammen nachholen, meinst du nicht?
Erst Monate später schlug ich in Midgar wieder die Augen auf. Als ich durch diese unbekannten Straßen schlich, packte mich eine neue Angst. Oder vielmehr eine Erkenntnis, gefolgt von Angst. Alles, was ich bisher gekannt hatte, war vernichtet. Zerstört und tot. Was würde denn nun aus mir werden? Ich war ganz allein, hatte kein Dach über dem Kopf. Zangan hatte mir zwar etwas Geld da gelassen, doch wo sollte ich hin? In den Slums über hilfsbereite Menschen zu stolpern war der wahrscheinlich glücklichste Zufall meines Lebens. Sie verschafften mir in den wenigen Wochen, in denen ich bei ihnen lebte, genügend Raum, um mich zu sammeln und meine Angst erneut niederzukämpfen. Sephiroth hatte mich zwar besiegt, aber er hatte mich trotzdem stärker gemacht. Was könnte mir denn nach dem Massaker in Nibelheim noch zustoßen? Oder ... was immer die Zukunft für mich bereit hielt, ich würde ihm heftigst die Fresse polieren. Entschuldige die Wortwahl, in Midgar herrschte ein rauerer Umgangston als zu Hause.
Damals fasste ich den Entschluss, nicht immer nur zu reagieren, sondern der Auslöser für etwas zu sein. Etwas Gutes für mich oder etwas Schlechtes für die anderen - Shin-Ra -, die Hauptsache war, die Zügel selbst in die Hand zu nehmen.
Im Nachhinein betrachtet habe ich das bis heute nicht bewerkstelligt. Ist eben nicht so leicht.
Der Rest ist Geschichte.
Nein, nicht ganz. Die Kneipe war mein Ding. Ich habe es durchgezogen, Tag und Nacht gearbeitet, mich nicht ein einziges Mal beschwert und zwischendurch sogar Zeit gefunden, mit Biggs, Wedge, Jesse und Marlene zu träumen und zu lachen. Die Angst hatte sich in Unruhe verwandelt.
Dann kamst du. Du hast alles zurückgebracht. Verdammt noch mal alles!
Die schlimmen Erinnerungen und mein Gefühl, immer irgendwas falsch zu machen, nicht gut genug zu sein. Ich war nicht einmal böse auf dich. Deine Verwirrung hatte mich angesteckt und erneut völlig verloren zurück gelassen. Was sollte ich denn mit dir anstellen? Ich war froh, dass du wieder da warst, gleichzeitig wütend, weil mir deinetwegen wieder all das Grauen eingefallen war, und zusätzlich ängstlich, weil du dich so seltsam benahmst und ich mich um dich sorgen musste.
Dass ich unbeschadet aus den geplanten Anschlägen herauskommen würde, schien mir absolut klar, aber was war mit dir?
Das habe ich dir nie gesagt. Hast du bemerkt, wie sehr ich mich um dich gesorgt habe?
Damals hatte ich den Eindruck, dass alles von dir abprallt. So wie ich eigentlich sein wollte.
Dann hast du Aerith mitgebracht.
Mann, Cloud.
Sie war wie ich früher. Zart und hübsch, stets lächelnd und klug und schlagfertig.
Hast du eine Ahnung, wie das für mich war? Ich war so weit gekommen, hatte an Stärke und Entschlossenheit gewonnen, konnte für mich selbst einstehen und verflucht noch mal ich selbst sein.
Und du wählst sie.
Nennst du das Eifersucht oder Angst davor, dass alles, was ich in den vergangenen Jahren erreicht hatte, auf einer einzigen falschen Entscheidung beruhte? Ich weiß es nicht. Ich habe sie nie gehasst - nein, ich habe sie sogar gemocht. Es war unmöglich, sie nicht zu mögen. Aber ich fühlte mich neben ihr unzureichend und farblos.
Alles wegen eines Mannes. Dummes Klischee, doch genau so war es.
Nach ihrem Tod fühlte ich mich schuldig für meine Gedanken, als hätte ich ihr eine bessere Freundin sein müssen. Dann bist auch du verschwunden.
Als ich dich in Mideel im Rollstuhl sah … wie soll ich das sagen? Es war nicht meine Schuld - das wusste ich -, aber ich hätte es doch verhindern müssen. Irgendwie.
Ich hätte alles kommen sehen müssen. Hätte ich einmal nur den Mund aufgemacht und mich an meinen Vorsatz gehalten, nicht nur zu reagieren ... hätte ich einmal den Mut gefunden zu sagen "Ich habe Recht und du nicht!", wäre all das nicht passiert. Oder vielleicht wäre es passiert, aber ich hätte deswegen kein so schlechtes Gewissen.
Wer weiß das schon?
Tja, wir haben uns wieder zusammengerauft. Keine Lügen mehr, richtig?
Wer's glaubt. Du lügst mich ständig an.
Weißt du, woher ich das weiß? Früher hattest du diesen furchtbaren Blick drauf, der Yuffie immer in den Wahnsinn getrieben hat: das berühmte Strife'sche Augenverdrehen. Seit Jahren schon tust du das nicht mehr, du hast dir stattdessen etwas Neues angewöhnt. Du blickst nach links unten. Dann lügst du.
Ja, ich kenne dich ziemlich gut.
Wir besiegten Sephiroth.
Kurz vorher hast du noch einige aufmunternde Dinge zu mir gesagt, wenn auch ohne Worte.
Ich habe dir damals geglaubt.
Und jetzt?
Nach dem Meteorfall wussten wir nicht, wohin wir gehen sollten. Wir irrten gemeinsam durch die Welt, gaben uns gegenseitig Halt. Als wir nach Midgar zurückkehrten, fürchtete ich mich vor den Menschen dort. Wir hatten vielen das Leben gerettet, aber wir hatten auch viel zu viele umgebracht. Ich hatte Angst, dass sie mit dem Finger auf mich zeigen und mich des Mordes beschuldigen würden. Ja, dass Avalanche nie mehr zum Thema wurde, überraschte mich.
Einige Leute nennen uns Helden, aber wir sind keine guten Menschen.
Ich glaube, meine Angst damals war, dass ich mich selbst verlieren könnte. Dass ich erschlagen werde von meinen Erinnerungen und meinen Verbrechen. Schuld wiegt schwer. Ich brauchte einige Zeit, um zu erkennen, dass ich stark genug bin, sie zu tragen. Bis ans Ende meines Daseins.
Seitdem sind Jahre vergangen, und siehe da, es geht uns wieder gut. Ich schätze, wir führen ein ganz gewöhnliches Leben.
Und das Wichtigste:
Ich habe keine Angst mehr vor dem Tod.
Ich habe keine Angst mehr, nicht gut genug zu sein, denn ich bin genau richtig und wie ich sein will.
Ich habe keine Angst mehr, verloren zu gehen, denn ich kann mir überall ein Zuhause einrichten.
Ich habe keine Angst mehr, einen großen Fehler zu begehen, denn ich kann wieder bei Null anfangen.
Ich kann mit allem umgehen, dem Schlimmsten etwas Gutes abgewinnen, ja, ich bin vielleicht nicht glücklich, aber zufrieden.
Bis auf eine Sache. Eine letzte Angst bleibt mir, nämlich du.
Ich hasse deinen Linksuntenblick, dein Schweigen und deine Lügen. Ich versuche, dir zu helfen und dich zu verstehen, aber du lässt mich nicht.
Ich habe jeden Abend Angst, dass du nicht heim kommst, jeden Morgen fürchte ich, dass ich dich zum letzten Mal sehe. Mit dieser Angst kann ich nicht umgehen, denn was soll ich gegen sie unternehmen? Es liegt ja nicht an mir. Ich kann dich nicht ändern. Und ich will auch nicht, dass du dich komplett änderst. Ich brauche keine Blumen und keine romantischen Abendessen bei Kerzenlicht, du brauchst keine Witze zu reißen, um mich zum Lachen zu bringen.
Sag mir einfach, dass ich deinetwegen keine Angst mehr haben muss.
Und sieh mir dabei in die Augen.
Ich liebe dich.
Tifa
