Kapitel 1: Mondaufgang
„Memory
All alone in the moonlight
I can smile at the old days
Life was beautiful then
I remember the time I knew what happiness was
Let the memory live again"
Cats, Memory
17. Juli 1997, Lestrange Mansion
Der Tag neigt sich dem Ende entgegen. Die letzten Strahlen der Sonne tauchen das gewaltige Grundstück um das Anwesen von Lestrange Mansion in ein warmes rotes Licht. Eine Wärme, die die Bewohner des Anwesens kaum spüren. Nicht nach vierzehn Jahren in der Hölle auf Erden, nicht nach Stein, Eis und Felsen, nicht nach den Dementoren – nicht nach Askaban.
Ja, es stimmt, nach vierzehn Jahren Gefangenschaft und anderthalb Jahren erneuten Dienst für den Dunklen Lord waren Rodolphus, Rabastan und Bellatrix fast genauso kalt und hart wie die Mauern von Askaban, denke ich, während ich vom Gästezimmer aus den Sonnenuntergang beobachte.
Die Lestranges gewähren mir Asyl. Ob auf Befehl des Dunklen Lords oder aufgrund des Vertrauens, das Rodolphus – im Gegensatz zu Bellatrix – immer noch in mich setzt, weiß ich nicht.
Insgeheim denke ich, dass es wirklicher Hohn des Schicksals ist: Die drei werden von allen Auroren des Ministeriums gesucht – und keiner von diesen Deppen kommt auf die Idee, die Herrschaften in ihrem trauten Heim zu suchen.
Wobei es meinem körperlichen Wohlbefinden ebenfalls besser tut, nach dem Mord an Albus nicht in die Hände der Auroren zu fallen.
Anderthalb Jahre lang hat der Dunkle Lord den Lestranges verboten, in ihr Haus zurückzukehren, anderthalb Jahre haben sie auf geradezu spartanische Weise auf Feldbetten im Haus der Riddles in Little Hangleton gewohnt. Soviel zu der Ehre, die ihnen zuteil werden sollte, wenn sie aus Askaban heraus kamen.
Es ist mir schleierhaft, wie das Haus so gut erhalten sein kann. Grimmauldplace Nummer 12 war nach zwölf Jahren mit einem Hauself verdreckter als Lestrange Mansion nach fünfzehn Jahren, bis die Hausherren zurückkehrten. Keine Doxys, kaum Spinnweben und keine Hauselfen, die sich um die Sauberkeit gekümmert haben. Umso besser für Bellatrix, Rodolphus und Rabastan, die, auch wenn sie sich so ein menschliches Bedürfnis nicht anmerken lassen wollen, heilfroh sind, endlich wieder in ihren eigenen Betten schlafen zu können.
Ich höre Bella aus dem Badezimmer kommen. Noch eine angenehme Seite daran, wieder zu Hause zu wohnen: Die Möglichkeit, Dinge wie eine Dusche oder eine Zahnbürste wieder regelmäßig benutzen zu können. Und die drei genießen es, das sieht man ihnen an. Obwohl sie niemals darüber sprechen würden: Es ist offensichtlich, wie froh sie sind, zumindest körperlich wieder mit sich ins Reine zu kommen, wenn sie schon seelisch nicht mehr dazu fähig sind.
Aber was rede ich – ich, Severus Snape, bin wohl der Letzte, der, nach dem, was sich im Juni auf dem Astronomieturm von Hogwarts abgespielt hat, und nach dem, was ich in meinem gar nicht mal so langen Leben schon verbockt habe, von Seelenheil sprechen sollte.
Die Sonne ist nun hinter dem Horizont verschwunden. Ich beschließe, Bellatrix einen kleinen Besuch abzustatten. Sie misstraut mit immer noch, aber sie zweifelt nach Albus' Tod nicht mehr so sehr an meiner Treue zu ihrem Herrn und wir kommen und langsam wieder näher. Allerdings bezweifle ich, dass wir je wieder so eine Freundschaftliche Beziehung haben werden wie damals…
Sie hat sich verändert, seit ich sie das letzte Mal gesehen habe – damals, als sie mit ihrer Schwester zu mir kam. Ihr scheint langsam bewusst zu werden, wie tief es sie doch trifft, dass sie am Tod ihres Cousins Schuld ist. In letzter Zeit wirkte sie oft melancholisch und abwesend, als wäre sie mit ihren Gedanken in einer ganz anderen Welt.
So auch, als ich ihr Schlafzimmer betrete. Ich habe Schwierigkeiten, sie überhaupt zu erkennen, die Flamme der einzigen Kerze, die im Raum brennt, ist sehr klein.
Bellatrix hockt auf ihrem Bett. Mit dem Rücken lehnt sie am Kopfende, sie starrt auf ihre Oberschenkel, auf denen ein Buch zu liegen scheint. Sie hebt den Kopf erst, als ich die Tür hinter mir schließe. Das kreidebleiche Gesicht scheint zwischen den Vorhängen aus langem rabenschwarzem Haar geradezu zu leuchten.
„Was willst du, Severus?", fragt sie mit monotoner Stimme.
„Ich wollte mal nach dir sehen. Darf ich ein wenig mehr Licht machen?"
Sie zuckt erst mit den Schultern, dann nickt sie kaum merklich. Ich vergrößere die Flamme der Kerze und zünde noch zwei weitere an.
Ich kann sie nun besser sehen; ihr Haar ist noch feucht und sie hat sich mit solcher Nachlässigkeit in den Bademantel gewickelt, dass er von der rechten Schulter gerutscht war und den Blick auf das dunkle Nachthemd, das sie darunter trägt, freigibt. Wahrscheinlich liegt es am Licht, aber die Schatten unter ihren Augen kommen mir noch dunkler als sonst vor. Neben ihr, auf der Bettdecke, liegen ein paar alte Fotos.
Sie starrt mich immer noch an, als ich mich zu ihr auf das Bett setze. „Was machst du?", frage ich sie und mein Blick streift die Fotos, bevor er ihre blaugrauen Augen trifft.
Sie schiebt die Fotos zu mir herüber, ohne den Blick von mir zu nehmen.
Ich schließe nach dem ersten Blick auf die Bilder die Augen, um ein paar Momente später einen zweiten hinterher zu werfen. Dass sie diese alten Erinnerungen ausgräbt… diese schmerzhaften Erinnerungen an eine bessere Zeit…
Lily Evans, Mimi Marcez und Bellatrix stehen Arm in Arm vor der kleinen Fassade einer Mühle. Alle drei sind in Korsagen geschnürt und stark geschminkt, alle drei lächeln und winken freudestrahlend dem Fotografen zu…
Narcissa und Sirius Black, Dorcas Meadowes, Gwendoline Rockhome, Peter Pettigrew, Bellatrix und meine Wenigkeit stehen vor dem Tor zur Eingangshalle, allesamt in schwarze Hosen und weiße Hemden gekleidet, ein paar von uns rauchen eine Zigarette…
Lucius Malfoy, der verzweifelt versucht, Lily und James wenigstens halbwegs vernünftige Tanzschritte beizubringen… bei den beiden natürlich völlig hoffnungslos…
Unser sechstes Schuljahr in Hogwarts. Tatsächlich sehr erinnerungswürdig und für Bellatrix sehr bedeutungsschwer.
Als ich wie wieder anschaue, lächelt sie leicht. „Die beiden konnten nie tanzen."
Ich muss grinsen. „Wie wahr…"
Das Lächeln auf ihrem Gesicht verschwimmt ein wenig, als sie über das Buch auf ihrem Schoß streicht. Jetzt erkenne ich auch, was es ist: Ihr Memoarien-Album. Adrienne Wilkes, ebenfalls in unserem Jahrgang, war am Ende unseres siebten Jahres auf die Idee gekommen, unsere gemeinsamen Erinnerungen alle in einem Album zu verewigen. Wir waren von der Idee begeistert, hatten zusammen ein Exemplar erstellt und es vervielfältigt, sodass jeder von uns auch persönliche Erinnerungen hinzufügen konnte.
„Ich hab es letzte Woche gefunden", murmelt Bellatrix. „Ich wusste gar nicht, dass es noch hier ist…"
„Hast du es benutzt?"
„Ich… ja, einmal… allerdings nur Averys Erinnerung an die Nacht, wo wir es erstellt haben… Hast du deins noch?"
Ich muss seufzen. „Ja, aber… es ist in Spinner's End. Ich will gar nicht wissen, ob Wurmschwanz es gefunden hat…"
Bellatrix setzt ein spöttisches Grinsen auf. „Diese neugierige Ratte wird sich freuen, der - "
Sie bricht ab, da sich in diesem Moment die Tür erneut öffnet. Ihr Mann steckt den Kopf hinein.
„Bella, komm bitte mal kurz." Das war keine Bitte. Ich höre, wie sie tief durchatmet, bevor sie das Memoarien-Album vorsichtig neben die Fotos legt und aufsteht.
„Warte einen Moment", murmelt sie mir zu, bevor sie den Raum verlässt.
Ich schaue mich kurz im Raum um, bevor ich mich dem Album zuwende.
Soll ich es wagen, einfach mal reinzuschauen? Ich weiß nicht, ob Bellatrix selbst im Nachhinein noch Erinnerungen hinzugefügt hat, die nur sie etwas angehen… Allerdings würde ich die Erinnerungen selbst ja gar nicht zu Gesicht bekommen, nur ihre Abbilder… und verdammt, es ist ja nicht so, als hätte sie noch nie etwas von mir erfahren, was sie am allerwenigsten angeht!
Der Slytherinteil in mir gewinnt Überhand und schlage das Album auf. Mir bietet sich ein vertrauter Anblick. Adriennes Spruch über Erinnerungen und Zeit in ihrer sauberen Handschrift und das slytherin'sche Jahrgangsfoto aus unserem Abschlussjahr.
Da sind wir, alle sechs: Mein bester Freund Evan Rosier, groß und mit längerem hellbraunem Haar, das ihm in die sanften, honigfarbenen Augen fällt. Neben ihm stehen ich – der ich es nicht für nötig gehalten habe, mir die Haare vor dem Fototermin zu waschen - und Rodolphus, der sehr gut aussieht mit seinem dunkelbraunen, dichten Haar, dem kräftigen Kiefer und den blauen Augen. Vor uns sitzen Hieronymus Avery mit seiner Hakennase, die noch schlimmer ist als meine eigene, Adrienne, engelgleiches Gesicht, umrahmt von straßenköterblonden Haaren, und Bellatrix, die unter ihren schweren Augenlidern in die Kamera grinst.
Das letzte Foto, auf dem wir alle zusammen zu sehen sind.
Mit einem Seufzer blättere ich um und muss unwillkürlich grinsen: Auf der nächsten Seite sind die ersten Erinnerungen, über die Avery mit grüner Tinte „Erstes Schuljahr" gekrakelt hatte.
Die Erinnerungen sehen in dem Album aus wie normale Zaubererfotos. Sie zeigen nur viel längere Szenen. Um die Erinnerungen zu sehen, muss man sehr nahe mit dem Kopf an das entsprechende „Foto" herangehen, bis man sozusagen in das Buch hineinfällt. In diesem Sinne ist das Album eine Art Denkarium.
Auch im Nachhinein erfüllt mich unsere Arbeit mit Stolz. Es ist ein hartes Stück magische Arbeit, Erinnerungen zu Papier zu bringen. Aber was die ach sp begabten Rumtreiber mit ihrer Karte hinbekommen haben, ist für uns doch ein Kinderspiel! Ich erinnere mich noch, wie erschöpft wir waren, als wir das Album endlich fertig hatten.
Erschöpft sehen wir auf dem ersten Bild jedoch kein bisschen aus. Es ist Adriennes Erinnerung an den ersten Abend, den wir in Hogwarts verbracht haben, welcher in einer nicht gerade kleinen Kissenschlacht geendet hatte. Mich überkommt der plötzliche Wunsch, noch einmal in diesen Abend einzutauchen. Ein paar Minuten dieser noch halbwegs heilen Kinderwelt zu sehen…
Ich schaue zur Tür. Bellatrix weiß selbst gut genug, wie es ist, bestimmte Ereignisse noch einmal erleben zu wollen. Und sollte sie bemerkten, dass ich das Album benutzt habe, kann sie mir keinen Vorwurf machen: Diese Erinnerung ist in jeder der sechs Vervielfältigungen enthalten, die wir damals gemacht haben.
Durch diesen Gedanken versichert, beuge ich den Kopf dicht über das Bild. Ich stoße mit dem Kopf gegen das Papier. Scheint wohl ein wenig eingerostet zu sein… Gerade will ich den Kopf wieder hochnehmen, als ich durch die Seiten in die Erinnerung falle…
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Adriennes Erinnerung
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Lucius Malfoy, Sechstklässler und Vertrauensschüler, brachte uns in den Gemeinschaftsraum der Slytherins. Uns schickte er nur zur linken der zwei Türen am Ende des Raumes, wo sich die Mädchenschlafsäle befanden, während er den Jungs persönlich den Weg zu ihren Gemächern zeigte.
Wir waren nur zu zweit, mehr Mädchen als Bellatrix Black und mich gab es dieses Jahr in Slytherin nicht. Das sollte spätestens in fünf Minuten zu einem Problem werden.
Wir gingen die Wendeltreppe hoch, zu der die linke Tür führte, und kamen in einen Korridor mit gut zwölf Türen – sieben Schlafsäle, für jeden Jahrgang einen, und ein paar Badezimmer und Toiletten.
Wir waren etwas ratlos, in welches Zimmer wir gehörten. Eine Tür stand offen, aus dem Zimmer drang schrilles, lautes Gekicher.
„Sollen wir einfach mal nachfragen?", schlug Bellatrix vor, der die Ratlosigkeit ebenfalls ins Gesicht geschrieben stand. Ich nickte und wir steckten den Kopf in das Zimmer.
Zwei Zweitklässlerinnen, eine mit langen blonden Haaren und eine mit harten grünen Augen, wurden auf uns aufmerksam. Ich kannte beide nicht, Bellatrix dafür wandte sich an die Blonde.
„Narcissa, kannst du uns sagen, in welchen Schlafsaal wir müssen?"
Narcissa konnte. Sie führte uns zu einem Zimmer am Anfang des Flurs, während Bellatrix mir erklärte, dass das Mädchen ihre Schwester war.
Narcissa schaute in den Raum hinein und begann zu reden.
Bellatrix und ich tauschten verwirrte Blicke aus – müsste das Zimmer nicht eigentlich leer sein? Wir waren wohl kaum so ignorant, dass wir andere Mädchen, die dieses Jahr nach Slytherin gekommen waren, einfach übersehen hätten…
„… aber Professor Slughorn meinte doch, ihr sollt zusammenrücken", sagte Narcissa gerade.
„Wohin bitte sollen wir zusammenrücken?", antwortete eine Stimme aus dem Zimmer. „Hier ist einfach kein Platz. Wenn es nur zwei sind, können sie doch auch woanders unterkommen."
Mit diesen Worten wurde Narcissa die Tür vor der Nase zugeknallt.
Bellatrix' Schwester kniff ärgerlich die Lippen zusammen.
„Was ist denn los?", fragte ich besorgt
„So wie's aussieht, ist hier überhaupt kein Platz für euch", lautete die erschreckende Antwort.
Ein anderes Mädchen war auf uns aufmerksam geworden, eine Siebtklässlerin mit braunem lockigem Haar. „Was ist denn los?", wollte auch sie wissen.
„Zu wenig Erstklässler, zu viele von uns." Mit diesen Worten verschwand Narcissa wieder in ihrem Zimmer.
Die Siebtklässlerin schaute ihr verärgert hinterher und fluchte leise. Dann wandte sie sich uns zu.
„Also, erstmal: Ich bin Andromeda", sagte sie zu mir, „ich bin Schulsprecherin-" Die letzten Worte betonte sie besonders in Bellatrix' Richtung. „- und ich werde mich um euch kümmern."
„Danke Schwesterherz", meinte Bellatrix und lächelte leicht.
Andromeda brachte uns erst mal wieder in den Gemeinschaftsraum. Dann trieb sie von irgendwo Lucius auf, der für unseren Jahrgang verantwortlich war, und wies uns an, im Gemeinschaftsraum zu warten, bevor sie verschwanden.
Wir mussten wohl eingeschlafen sein, das nächste, was ich merkte, war jedenfalls, dass Professor Dumbledore und ein ziemlich dicker Lehrer mit Walrossbart – Professor Slughorn, wenn ich mich richtig erinnerte - vor uns standen. Die beiden sprachen mit Andromeda und Lucius.
„… da ist auf jeden Fall noch Platz, und das ist besser, als im Gemeinschaftsraum zu schlafen, da kommen sie gar nicht zur Ruhe", sagte Lucius gerade.
„Fragen wir die beiden doch einfach mal, was sie dazu sagen", meinte Professor Dumbledore, drehte sich zu uns um und bemerkte, dass wir wach waren.
Im Nachhinein fragte ich mich, wer auf diese blöde Idee gekommen war, aber in unserem derzeitigen Müdigkeitszustand stimmten Bellatrix und ich zu, dass wir in den Schlafsaal unserer männlichen Jahrgangskollegen ziehen würden.
Die vier staunten nicht schlecht, als wir auf einmal bei ihnen im Zimmer standen und Lucius knapp erklärte, dass wir bis auf weiteres hier nächtigen würden, bevor Professor Slughorn persönlich aus dem Nichts zwei zusätzliche Himmelbetten erschuf und die beiden mit einem „Gute Nacht" verschwanden.
„Ähm, also nochmal: Ihr schlaft ab jetzt hier?", fragte ein Junge mit Hakennase und blondem Haar, seine Miene spiegelte pures Entsetzen wieder.
„So wie's aussieht… ja." Ich beschlagnahmte eines der Betten.
„Wir haben's nicht drauf angelegt, das könnt ihr uns glauben", sagte Bellatrix, während die Jungs ratlose Blicke austauschen.
„Na dann", meinte einer von ihnen schließlich, wild entschlossen, höflich zu sein, „herzlich Willkommen. Ich bin Rodolphus Lestrange. Das da…" Er deutete auf einen Jungen mit kurzem braunen Haar, „ist Evan Rosier, der da drüben…", er deutete auf den Blonden, „… ist Hieronymus Avery... aber ich glaub, er hat ein Problem mit seinem Vornamen", fügte er hinzu, als der Blonde zusammenzuckte. „Nennt mich einfach Avery." Evan kicherte, Rodolphus verdrehte die Augen, bevor er fortfuhr: „Und das da ist… wie heißt du nochmal?"
„Severus Snape. Hi", antwortete ein Junge mit schwarzem, kinnlangen Haar und schwarzen Augen.
„Ich bin Adrienne Wilkes. Und ich hab auch… ähm… ein Problem mit meinem Vornamen, also nennt mich einfach Wilkes", stellte ich mich nun meinerseits vor.
„Bellatrix Black", sagte die Schwarzhaarige und warf mir einen Blick zu, als sei ich wahnsinnig.
„Ah, noch eine… wie viele Blacks sind denn jetzt in Hogwarts?", fragte Rodolphus.
„Vier, nächstes Jahr werden's fünf", grinste Bella.
„Na hoffentlich wird das nicht auch ein Schandfleck", feixte Avery. „Dein Cousin hat es ja ganz schön verbockt."
„Hey!" Bellatrix warf ein Kissen nach ihm. „Das dürfen nur Familienmitglieder sagen!"
„Aber klar." Avery warf das Kissen zurück und wandte sich an Severus. „Woher kommst du eigentlich? Ich hab deinen Nachnamen noch nie gehört… bist du überhaupt Reinblüter?"
„Halbblüter", murmelte Severus und errötete leicht. „Vater Muggel, Mutter Hexe."
„Wer ist deine Mutter?"
„Eileen Prince."
„Na das klingt doch schon besser. Prince… hoch geachtete Leute…"
„Mein Beileid", sagte Evan leise. Severus hob den Kopf, das Gesicht angespannt. „Warum?"
„Ich hab gehört, dein Vater ist gestorben."
„Oh!" Severus Gesicht erhellte sich ein wenig. „Danke, aber das ist schon lange her."
Avery zuckte mit den Schultern. „Ein Muggel weniger, der die Luft verpestet."
Wir waren alle aufgrund unserer Erziehung gegen die Muggel voreingenommen, aber ich war nicht die Einzige, die Avery einen vorwurfsvollen Blick zuwarf. In Rodolphus Fall bekam Avery keinen bösen Blick, sondern mal wieder ein Kissen ab. „Schandmaul!"
Avery grinste und warf zurück, bekam aber sofort ein Kissen von Severus an den Kopf. Zu meiner Überraschung grinste der Schwarzhaarige. „Dass jemand mit so einem Vornamen sich traut, blöde Bemerkungen über anderer Leute Väter zu machen!"
„Aber echt!" Bellatrix und Evan stürzten sich gleichzeitig und mit Kissen bewaffnet auf Avery, und es dauerte nicht lange, bis Rodolphus, Severus und ich uns anschlossen. Bald darauf flogen die ersten Federn und auf dem Flur war wildes Gekicher aus unserem Zimmer zu hören…
°°°°°
Einen Moment später sitze ich wieder auf Bellatrix' Bett in Lestrange Mansion. Das Zimmer ist immer noch leer. So also waren die Mädchen zu uns gestoßen… Ich erinnere mich, dass sowohl Adrienne und Bella als auch Narcissa uns später etwas detaillierter von dieser Nacht berichtet haben. Zu viele Zweitklässlerinnen, so viele, dass sie in zwei Schlafsäle verteilt werden mussten, und zu wenig Erstklässlerinnen… Ein seltsames Gefühl, das alles so direkt mitzubekommen, stelle ich verwundert fest, und muss gleichzeitig an die vielen Streite denken, die aufgrund dieser Zimmerverteilung in den darauf folgenden Jahren entstanden waren… Meiner Meinung nach war es unsinnig, diese sechs frühreifen, pubertierenden und streitlustigen Teenager, die wir ab unserem vierten Jahr waren, tatsächlich fast sieben Jahre lang in einen Schlafsaal zu sperren. Die Kompetenz in dieser Schule ist eben nicht zu überschätzen…
Die Tür geht auf und Bellatrix kommt zurück, sie murmelt etwas von wegen „Männer und Haushalt".
Dann fällt ihr Blick auf das Album neben mir.
„Und? Irgendetwas Interessantes?" Sie setzt sich mit ernster Miene wieder auf das Bett.
„Eigentlich ist das doch alles interessant." Ich lächle.
„Stimmt…" Sie scheint nachzudenken. „Sag mal…hast du heute Nacht irgendwas Bestimmtes vor? … was denkst du denn jetzt schon wieder!" Sie muss lachen und wirkt für einen Moment wieder wie die Frau aus meinen Erinnerungen – wie die Bellatrix vor Askaban.
„Na ja, woran denkst du denn?"
„Ich denke an eine Flasche Wein und dieses Album hier…" Sie tippt auf das Buch. „Interesse?"
Ich überlege einen Moment. Das klingt doch wie ein Friedensangebot, sie scheint zumindest nicht mehr so abweisend wie in den letzten Wochen. Auch wenn ich mir sicher bin, dass unsere Beziehung niemals wieder so werden kann wie damals, bin ich nicht abgeneigt, die Trümmer unserer Freundschaft zumindest ansatzweise wieder zusammenzufügen.
Ich brauche gar nicht zu sagen, Bellatrix genüg mein Lächeln als Antwort.
